Kapitel 38

Mit zitternden Knien setzte Elizabeth sich auf das Bett und schluckte hart. Dann lachte sie nervös auf. Sicherlich hatte sie sich verhört, ihre überspannten Nerven hatten ihr einen Streich gespielt. Sie lauschte angestrengt in die Nacht und hörte ein leise klopfendes Geräusch am Fenster: Regen. Starker, immer lauter prasselnder Regen, so wie es sich anhörte. Elizabeth stand wieder auf und trat ans Fenster. Rolläden gab es nicht, aber die dicken Vorhänge waren fest zugezogen. Elizabeth schob eine Seite vorsichtig auf und spähte hinaus in die Dunkelheit. Und fuhr zu Tode erschrocken zurück, als plötzlich ein lauter Donnerschlag die Stille erschütterte, gefolgt von einem großzackigen, gleißenden Blitz, der irgendwo in der Nähe einschlug, dem lauten Knall nach zu urteilen, der daraufhin folgte.

Elizabeth schrie auf und ließ den Vorhang in seine ursprüngliche Position zurückfallen, als ob sie sich die Finger verbrannt hatte. Sie hatte sich nicht getäuscht, sie hatte Donnerschläge gehört. Gewitter. Ein mächtiges Gewitter, das gerade über Pemberley niederging, denn nun kam das bedrohliche Grollen immer näher und draußen erhellte sich die Nacht durch die gewaltigen Blitze, die Elizabeth eine Heidenangst einjagten.

Gewitter. Elizabeth hasste, nein, fürchtete Gewitter. Sie war so froh gewesen, dass sie heute nachmittag auf dem Weg von Manchester zurück nach Pemberley davon verschont worden waren, doch das war offenbar nur die Ruhe vor dem Sturm gewesen. Gehetzt sah sie sich um. Sie wollte unter keinen Umständen alleine im Zimmer bleiben. Pemberley war – mit Verlaub – ein alter Kasten, wer wusste schon, was geschehen würde, wenn hier ein Blitz einschlug! Unters Bett kriechen war keine Option, auch nicht sich die Decke über den Kopf ziehen. Nein, so wie es schien, blieb ihr nur ein Ausweg: Sie musste nachsehen, ob William mittlerweile auf sein Zimmer gegangen war. Keine Sekunde würde sie bei einem Gewitter alleine hier bleiben!

William hatte sichergestellt, dass Elizabeths Gästezimmer nicht allzu weit von seinen eigenen Räumen entfernt lag und auch wenn sie im Augenblick eher panisch war, konnte sie sich noch halbwegs daran erinnern, wo sich sein Schlafzimmer befand. Ohne darüber nachzudenken, dass sie nicht mehr als ein knappes T-Shirt trug, verließ Elizabeth eilig ihr Zimmer und hastete auf bloßen Füßen über den nur spärlich beleuchteten Gang.

Drei Zimmertüren weiter blieb sie stehen und holte tief Luft. Sie war sicher, es war Williams Apartment und erleichtert stellte sie fest, dass ein schwacher Lichtschein unter der Tür hindurch schimmerte. Er war da und er war wach, Gott sei Dank.

Die Tür öffnete sich kurz nach ihrem leisen Klopfen und ein sehr überraschter William starrte sie fragend an. Er trug nur Boxershorts und ein T-Shirt, seine Haare waren noch feucht vom Duschen, auf der Nase saß eine Lesebrille, er war barfuß und in der Hand hielt er ein Buch – ein Anblick, den Elizabeth wahrscheinlich im Normalzustand sehr appetitanregend gefunden hätte, jetzt aber überhaupt nicht wahrnahm. Als es draußen wieder laut donnerte und Elizabeth vor Schreck heftig zusammenfuhr, lächelte er verstehend.

„Das Gewitter lässt dich nicht schlafen, hm?" fragte er mitfühlend und ließ sie ein. Elizabeth antwortete nicht. Sie ging schnurstracks auf Williams aufgeschlagenes, aber offenbar noch nicht benutztes Bett zu, kletterte ohne zu zögern hinein und zog sich die Decke über den Kopf. William beobachtete sie sprachlos, aber nicht ohne einen gewissen Grad an Belustigung und folgte ihr langsam. Auf dem Bettrand ließ er sich nieder. Bei jedem Donnergrollen zuckte Elizabeth zusammen und vergrub sich ein Stückchen tiefer in die weichen Kissen.

William schüttelte amüsiert den Kopf. Die Ärmste, dachte er mitleidig. Fürchtet sich vor Gewittern! Wer hätte das gedacht! Vorsichtig lupfte er die Bettdecke und sah zu seiner Überraschung ein zusammengerolltes, regelrecht zitterndes Häufchen Elend mit fest zugekniffenen Augen.

„Hey, Lizzy", sagte er leise und schob sich neben sie. „Ist es so schlimm?" Unter der Decke konnte man bloß ein undefinierbares Wimmern hören. William überkam ein großes Gefühl der Zärtlichkeit gefolgt von dem Bedürfnis, seine ihm unfreiwillig angetraute Ehefrau zu trösten und zu beschützen – und wenn es vor einem banalen Gewitter war.

Kurzentschlossen nahm er Elizabeth in die Arme und zog die Decke über sie beide. Minutenlang lagen sie still engumschlungen, bis Elizabeth spürbar ruhiger wurde. William, dem unter der dicken Bettdecke langsam die Luft ausging, schob diese schließlich zentimeterweise nach unten, bis zumindest ihre Köpfe wieder rausguckten, doch Elizabeth schien es seltsamerweise nichts mehr auszumachen, trotz des nicht nachlassenden Donnergrollens. William grinste. Sie war tatsächlich in seinen Armen eingeschlafen.

Er betrachtete seine nun friedlich schlummernde Ehefrau aufmerksam und erst jetzt bemerkte er ihre Aufmachung. Sie trug nichts weiter als ein kurzes T-Shirt, das noch nicht einmal über ihren Po reichte. Beine und Füße waren nackt. Sie sah sehr sexy und sehr verlockend aus, wie sie so in seinen Armen lag, aber auch irgendwie hilflos wie ein kleines Kind. William wunderte sich, dass sie in sein Zimmer geflüchtet war, aber offenbar war ihre Panik vor dem Gewittersturm so groß gewesen, dass sie es alleine in ihrem eigenen Zimmer nicht länger ausgehalten hatte.

William war Gentleman genug, die Situation nicht auszunutzen, so verlockend ihre Nähe, ihr weicher, warmer Körper auch war. Aber er war irgendwie auch gerührt, dass sie ihm so sehr vertraute, dass sie praktisch halbnackt in seinem Bett, in seinen Armen einschlief. Schmunzelnd löschte er das Licht und kuschelte sich an Elizabeth – es würde zumindest eine angenehme Nacht werden – vielleicht sogar mehr als das. Wer wusste das schon.

Elizabeth hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie war, als sie am nächsten Morgen in einem fremden Bett, in den Armen eines Mannes, aufwachte. Dass es sich hierbei um William handelte, merkte sie schnell und sie fand es irgendwie überhaupt nicht abwegig. Warum sie hier war – das herauszufinden dauerte schon ein wenig länger. Langsam setzte die Erinnerung ein und am Ende war sich Elizabeth ziemlich sicher, dass nichts „intimeres" zwischen ihnen gelaufen war. Beide waren mehr oder weniger bekleidet und sie konnte darüberhinaus keinerlei verdächtige Spuren entdecken. Sie war erleichtert.

Beschämt dachte sie an ihren Auftritt hier in Williams Zimmer gestern nacht. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte sie kein Wort gesagt und sich sofort in sein Bett verkrochen. William hatte sie getröstet, sie in die Arme genommen und beruhigt, er war sehr liebevoll gewesen. Was musste er bloß von ihr denken! Elizabeth betrachtete ihren friedlich schlummernden Ehemann, der sie immer noch in den Armen hielt, nachdenklich. Sein Haar war verwuschelt, die unvermeidliche, widerspenstige Locke fiel ihm in die Stirn, sein Mund war leicht geöffnet und ein paar vorwitzige Bartstoppeln hatten es sich auf Kinn und Wangen bequem gemacht. Er schien einer der wenigen Menschen zu sein, die zu jeder Tages- und Nachtzeit einfach gut aussahen, egal ob sie gerade erst aus dem Bett gekrochen oder eine lange Nacht hinter sich gehabt hatten. Es war so unfair! Elizabeth hoffte bloß, dass sie heute früh keine allzu schlimme Vogelscheuche abgab.

Sie fühlte sich seltsamerweise sehr wohl hier an seiner Seite und hatte nicht das geringste Bedürfnis aufzustehen. Seine starken, gebräunten Arme hielten sie locker umschlungen, er duftete schwach nach Vanille und es war einfach so herrlich gemütlich hier unter der wärmenden Decke. Sie hätte den Rest des Tages problemlos hier liegenbleiben können. Zum Aufstehen war es ohnehin noch viel zu früh.

Also vertrieb Elizabeth sich die Zeit damit, William beim Schlafen zuzuschauen. Sie war so in ihre Gedanken versunken, dass sie fast einen Satz aus dem Bett machte, als eine tiefe, schläfrige Stimme sie ansprach.

„Ich hoffe, ich habe keinen dicken Pickel auf der Nase", murmelte ihr Bettgefährte. Ein verschlafenes Auge öffnete sich zögernd, dann ein weiteres, und sofort wurde Elizabeth mit einem äußerst liebevollen, wenn auch immer noch etwas verpennten Blick konfrontiert. Ihr blieb fast die Luft weg. William musste als ursprüngliches Modell für das Wort „Schlafzimmerblick" hergehalten haben!

„Äh...nein, natürlich nicht," brummte sie verlegen und fühlte sich plötzlich vollkommen fehl am Platz. William hingegen schien das gar nicht zu finden. Er grinste und zog sie näher an sich. Ehe Elizabeth es sich versah, küsste er sie.

„Guten Morgen, Mrs. Darcy", sagte er leise und Elizabeth wurde es plötzlich sehr, sehr warm ums Herz. Und nicht nur dort.

„Guten Morgen", antwortete sie mit etwas kratziger Stimme und genoss seine Nähe. Aber nicht für lange. William, der sich keinerlei Gedanken darüber zu machen schien, warum sie hier in seinem Bett lag, fing an, langsam über ihren Rücken zu streichen. Elizabeth wehrte sich zunächst nicht dagegen, doch als seine warmen Finger die nackte Haut ihres Oberschenkels berührten und in intimere Gegenden vorzudringen drohten, wurde sie auf einmal lebendig und löste sich hastig aus seiner Umarmung.

William sah sie verständnislos an. Es hatte sich doch alles so gut angelassen! Elizabeth lag in seinem Bett, in seinen Armen, ließ sich streicheln, küssen und höchstwahrscheinlich wäre er sogar „richtig" bei ihr zum Zuge gekommen, so wie man sich das unter Ehepaaren nun mal so vorstellt! Er hatte sie schließlich nicht in sein Bett gezwungen – sie war freiwillig gekommen. Na gut, nicht unbedingt als seine Ehefrau sondern auf der Suche nach Schutz wegen dieses dämlichen Gewitters, aber das war gestern abend gewesen. Heute sah die Sache doch schon wieder ganz anders aus, oder etwa nicht? Und jetzt saß sie auf der anderen Seite seines Bettes in ihre Decke gewickelt und starrte ihn nahezu feindselig an – so als ob er ihr hätte Gewalt antun wollen!

William richtete sich langsam auf.

„Was ist los, Elizabeth?" sagte er ruhig und wandte den Blick nicht von ihr. Elizabeth schwieg, aber sie wusste, sie mussten miteinander reden. Alles andere würde nur weitere Missverständnisse hervorrufen.

„William, ich denke, ich fahre heute morgen nach London zurück", begann sie und starrte dabei angestrengt auf die Bettdecke, vermied seinen Blick. „Der gestrige Abend hat mir deutlich gezeigt, wie fehl am Platz ich in deiner Welt bin und..."

„Das kommt überhaupt nicht in Frage."

Elizabeths Augenbrauen schossen in die Höhe. Das war allerdings der denkbar ungeschickteste Weg, Elizabeth zum Bleiben zu bewegen. Entsprechend frostig war ihre Reaktion.

„Ach ja? Und du willst mir das vorschreiben?" Sie lachte bitter auf und schüttelte ungläubig den Kopf. „Sag mir einen Grund, warum ich bleiben soll nach gestern Abend? Weil du dich die ganze Zeit so wunderbar um mich gekümmert hast? Weil ich mich nicht die ganze Zeit über den Belästigungen eines windigen Fernsehheinis erwehren musste? Weil..."

„Fernsehheini?" unterbrach William erstaunt. „Wer hat dich belästigt, Liz?" Sein Blick umwölkte sich sichtlich. Elizabeth schnaubte.

„Wie bezeichnend, dass du nichts davon mitbekommen hast", sagte sie ätzend. „Ein gewisser Peter Webber hat mich den ganzen Abend über zugequatscht, hat mir erzählt, dass ich zu schade dafür bin, als deine Bettgespielin zu enden und dass er mich ganz groß beim Fernsehen rausbringen will."

Williams Blick war mittlerweile unheilverkündend.

„Was ist das für ein Kerl? Welcher Sender?" fragte er sichtlich beherrscht.

„Irgendso ein Privatsender, keine Ahnung. Er produziert „Traust Du Dich", so eine bescheuerte Sendung, bei der bescheuerte Leute für Geld die bescheuertsten Dinge tun." William runzelte unwillig die Stirn.

„Webber... kenne ich nicht. Vermutlich hat ihn Christy MacDonald angeschleppt." Er seufzte tief. „Es tut mir leid, dass ich das nicht gesehen habe, Elizabeth. Ich habe dich irgendwann aus den Augen verloren, fürchte ich, und nicht mehr daran gedacht, dass du kaum jemanden dort kennst. Das war überaus gedankenlos von mir und ich entschuldige mich dafür. Ich bin noch nicht daran gewöhnt, dass das für dich alles noch Neuland ist und habe fälschlicherweise vorausgesetzt, dass du damit keine Schwierigkeiten hast."

Elizabeth war jedoch nicht vollkommen besänftigt.

„Und außerdem bin ich offiziell keine Darcy, also hätte ich vermutlich sowieso bloß in den illustren Gesprächsrunden gestört." William runzelte die Stirn.

„Du weißt, dass das nicht stimmt. Und du hast zugestimmt, dass wir noch niemandem etwas sagen. Bitte entschuldige, es war ganz klar mein Fehler, dass ich so gedankenlos war – wahrscheinlich bin ich das einfach von den weiblichen Familienmitgliedern so gewohnt, dass sie selbst die Runde machen, Smalltalk halten und sich einfach unter die Gäste mischen. Ich verspreche, das nächste Mal mache ich es wieder gut. Und das nächste Mal werde ich dich hoffentlich ganz offiziell als meine Frau präsentieren können."

Elizabeth schüttelte frustriert den Kopf. Irgendwie schien es ihr viel zu anstrengend, ein zukünftiges Leben mit William. Wenn solche lächerlichen Dinge wie ein „intimes" Dinner schon nicht funktionierten – was sollte sie dann erst tun, wenn sie an einem Ball oder ähnlichem teilnehmen sollte? Und William hatte das ganze Jahr über eine ganze Menge an gesellschaftlichen Verpflichtungen wahrzunehmen. Nein. Es war einfach nicht ihre Welt. Sie konnte sich ein Leben an Williams Seite wohl durchaus vorstellen, aber sie wollte ihr eigenes nicht dafür aufgeben. Und beides zusammen funktionierte nun einmal nicht.

„Bitte, Elizabeth. Gib uns eine Chance, okay?" William schaute sie so flehentlich an, dass sie gar keine andere Wahl hatte und nickte zögernd. William lächelte erleichtert. „Danke, Liebes. Wir machen uns heute einen schönen Tag, einverstanden? Und ich beantworte dir alle Fragen, die du vielleicht noch hast." Er beugte sich zu ihr hinüber und küsste sie auf die Stirn. „Und jetzt sollten wir frühstücken gehen, was meinst du?"

„Okay", sagte Elizabeth ergeben. „Ich springe schnell unter die Dusche und zieh mich an. Soll ich dich abholen?"

William stimmte zu und eine halbe Stunde später betraten sie gemeinsam den Frühstückssalon, wo Sean Darcy, Christy MacDonald und Mutter und Tochter de Bourgh schon einträchtig versammelt waren. Neben dem großen Tisch war ein Frühstücksbuffet aufgebaut, doch jeder bediente sich offenbar selbst, denn Personal war nirgends zu sehen. Elizabeth hatte halb erwartet, dass ein livrierter Diener ihr Rührei mit Schinken auf einem silbernen Teller vorlegte und unterdrückte ein Grinsen. Aber das Lachen sollte ihr schon bald vergehen.