– KAPITEL SECHSUNDDREISSIG –
Draco Dormiens Nunquam Titillandus
Harry wirbelte umher in einem Strudel von rotem, orangem, gelbem Licht. Es erinnerte ihn stak an das Reisen mit Flohpulver, wenn man einmal davon absah, dass es im Kaminnetzwerk sehr eng war – hier hingegen schien nämlich unendlich Platz zu sein. Und das Schlimme war, dass Harry niemanden außer sich sah, obwohl der Kobold direkt hinter ihm, Ron und Hermine neben ihm gewesen waren. So musste er allein die Minuten ausstehen, in denen er von diesem farbenfrohen Fluss getragen wurde, hoffend, dass es ein Ziel gab. Und dass er dieses erreichen würde …
Als Harry glaubte, zu verzweifeln, war es auch schon vorbei. So, wie er aufgesaugt worden war, wurde er nun ausgespuckt auf einen steinharten, kalten Boden. Er wusste nicht sofort, wo er war – für einen Moment hoffte er, dass es nicht wirklich Hogwarts war – doch dann hörte er das triumphierende Lachen des Kobolds.
„Wir haben es geschafft!", rief er.
Harry mühte sich auf seine Beine. Ron und Hermine waren ebenfalls bereits hier. Die drei sahen einander an und blickten dann hinter sich. Ein kreisförmiges Tor, genau so eines wie in Gringotts, war an der Wand zu sehen, zwischen zwei Besen auf der einen und einigen Eimern auf der anderen Seite. Sie befanden sich in einer Besenkammer.
„Wir haben es geschafft!", wiederholte der Kobold; er drehte sich um, das Schwert, das aussah wie Gryffindors - es kann nicht Gryffindors sein!, dachte Harry – bereit, seine Koboldfreunde in den Kampf zu rufen – und erstarrte, als er stattdessen drei Zauberstabspitzen vor sich hatte.
„Sei dir da mal nicht so sicher", sagte Ron. Und als sie dann ihre Flüche anwenden wollten – vermutlich jeder von ihnen einen anderen, wobei sich Harry sicher war, dass ein Lähm- oder Schockfluch vorübergehend das Beste wäre – grinste der Kobold nur.
„Oh doch, das bin ich mir", sagte er.
Genau in dem Moment hörte Harry ein Geräusch hinter sich. Ein merkwürdiges Geräusch; und er befürchtete, zu wissen, was es war. Und noch bevor er sich umdrehen konnte, wurde er schon wider zu Boden geschleudert, als ihm unzählige lachende und schreiende Kobolde in den Rücken fielen. Gerade noch rechtzeitig steckte er seinen Zauberstab zurück in seine Umhangtasche, wo er sicher war vor den langfingrigen Händen der kleinen Kreaturen. Dann aber lag er nur da, unfähig, aufzustehen, weil ununterbrochen Kobolde auf ihn sprangen, über ihn hinweg liefen und auf ihm umhertrampelten, und er fühlte, wie sie ihm auf den Kopf traten, nur eben so schwach, dass er nicht das Bewusstsein verlor. Einige rissen ihn an den Haaren, andere rammten ihm ihre Klauen in den Rücken. Einer kam sogar auf die Idee, ihn anzuspucken, aber glücklicherweise traf er nicht.
Schließlich schien der letzte Kobold durch das Tor gekommen zu sein: Gackernd benützte er Harry mit einem besonders festen Tritt als Sprungbrett, dann hörte Harry ihn davonlaufen – und schon war es ruhig in der Kammer.
Harry stand langsam auf; sein Rücken knackste, als würden alle Knochen splittern, alle Nervenfasern reißen. Er schluckte den Schmerz hinunter, stützte sich an der Wand ab und richtete sich vorsichtig auf. Ron und Hermine taten neben ihm das gleiche. Aber abgesehen von ihnen drein war niemand hier.
„Oh nein!", zischte Hermine, als sie auf ihren (sehr wackeligen) Beinen stand. „Oh nein, oh nein, oh nein!"
„Sind die Leute hier überhaupt auf so einen Angriff vorbereitet?", fragte Ron, seine Stimme so zittrig wie Hermines Körper. Keiner antwortete.
„Habt ihr daran gedacht, eure Zauberstäbe wegzustecken?", sagte Hermine dann, während sie ihren eigenen aus ihrer Tasche zog.
Ron runzelte die Stirn. „Denkst du etwa, du bist die einzige, die klug genug ist, ihren Zauberstab vor den Kobolden zu beschützen?"
Hermine gab ein leises, belustigtes Geräusch von sich; daraufhin machte Ron ein nur noch erstaunteres Gesicht – Hermine blinzelte überrascht. Und auch Harry verstand jetzt erst, dass Ron es mit seiner Frage ernst gemeint hatte.
„Das wollte ich damit nicht sagen!", rief Hermine sofort. „Ich –"
„Ist ja gut!", warf Harry ein. „Kommt jetzt, wir müssen den Kobolden folgen!"
Ohne auf die anderen beiden zu warten, verließ er die Besenkammer. Er stand in einem Korridor, konnte aber nicht sagen, in welchem. Er wandte sich nach beiden Seiten, sah aber nichts – wohin sollte er laufen?
„Die Kobolde sind da lang."
Er drehte sich um; Hermine stand hinter ihm, die Hand gehoben und nach rechts ausgestreckt. Harry nickte – und schon rannte er. Wahrscheinlich waren die Kobolde schon ihrem Ziel nahe – wohin sie auch gehen wollten. Ins Schulleiterbüro? In die große Halle? Ganz egal – Hauptsache, er erwischte sie, bevor sie ihr Ziel erreichten.
Als er am Ende des Korridors nach links in einen anderen Flur einbog, erkannte er, wo er war: Die Statue vom Boris dem Bekloppten, die dort stand, war im fünften Stock. Nun war die Frage, wohin er überhaupt gehen sollte …
„Da bist du ja!"
Harrys Körper riss es vor Schreck. Schnell drehte er sich um, den Zauberstab schon in der Hand; aber er ließ ihn sinken, als er sah, wer da auf ihn zugerannt kam.
„Ich hab dich gesucht", rief Neville ihm entgegen. Schließlich erreichte er ihn, mit leicht rotem Kopf und ein bisschen außer Atem. Neville sah nicht gut aus; er wirkte kränklich, blass und mager. Verständlich, aber deswegen nicht weniger ungewohnt – und erschreckend.
„Wo sind alle, Neville?", fragte Harry hastig; er hörte sich selbst die Aufregung an, die er am liebsten ignorieren würde.
„Wir – oh, da sind auch Ron und Hermine, gut!"
Die zwei sahen Harry indigniert an, als sie bei ihnen ankamen, und Hermine machte sogar den Mund auf, aber Harry deutete ihr mit der Hand, sie solle leise sein. Er konnte sich später noch anhören, wie unerhört es war, dass er sie einfach hatte stehen lassen.
„Wo sind alle?", wiederholte Harry an Neville gewandt.
„Alle sind im momentanen Fall relativ wenige", antwortete Neville. „McGonagall hat die Schüler nach Hause geschickt. Die Volljährigen durften bleiben – dazu konnten wir McGonagall überreden – aber auch von denen sind einige abgereist. Die Lehrer und die Schüler, die geblieben sind, sind unten in der großen Halle und bereiten sich vor auf – auf das, was immer kommen mag. Harry, was ist dieses riesige Ding über der Winkel-"
„Wie viele Schüler sind geblieben?", sagte Harry, ohne auf Nevilles Frage einzugehen.
Neville machte ein grimmiges Gesicht. „Obwohl es wenige sind, sind es ein bisschen zu viele. Ein paar Minderjährige haben sich geweigert, zu gehen."
Harrys Herz hörte kurz auf zu schlagen. Oder zumindest fühlte es sich so an.
„Welche?", fragte er, obwohl er sicher war, die Antwort bereits zu kennen.
„Die DA-Leute. Colin, Dennis, Ginny, Luna. Die sind nicht mit dem Hogwarts-Express abgereist."
Neben Harry verkrampfte Rons Körper so sehr, dass sogar Harry es zu spüren glaubte. Oder war es sein eigener Körper, der verkrampfte?
„Sind – sind sie bei den anderen?" Harry wurde fast schlecht, als er sah, dass Nevilles Gesicht sich noch mehr verdunkelte.
„Drei von ihnen schon." Neville seufzte. „Wir wissen nicht, wo Luna ist. Sie ist gar nicht aufgetaucht, als die Schüler zum Hogwarts-Express gebracht wurden."
„Wann war das?", fragte Hermine; für einen kurzen Moment war Harry schockiert, dass Hermine nun eine so unwichtige Frage stellen konnte – aber dann verstand er ihre Logik.
„Um etwa elf Uhr. Also vor –" Neville sah auf seine Armbanduhr. „– knapp zwei Stunden."
Erleichterung strömte durch Harry; keine überwältigend große, aber doch eine gewisse Erleichterung. Zwei Stunden – wenn Luna erst zwei Stunden verschwunden war, dann verfolgte sie vermutlich nur irgendeine von ihren seltsamen Vorstellungen. Vielleicht führte sie ein Ritual durch, dass man nur allein und nur an diesem Tag machen konnte. Oder sie suchte nach Nargeln. Oder beides. Jedenfalls war es unwahrscheinlich, dass schon vor zwei Stunden jemand in Hogwarts eingedrungen war und sie entführt hatte oder etwas Derartiges. Nein, ihr ging es sicher gut … ihr musste es gut gehen.
„Ginny, Colin und Dennis sind aber unten", sagte Neville, womit er Harry aus seinen Gedanken holte. „Mit den anderen in der großen Halle. McGonagall verlangt nach euch, sie möchte mit euch reden und –"
„Zum Reden ist keine Zeit!", warf Harry ein. „Kobolde sind in der Schule! Sie wollen das Schloss übernehmen!"
„Was? Aber – wie sind sie –"
„Das ist jetzt egal", sagte Hermine, „wir müssen –"
Aber sie sprach nicht weiter. Denn in dem Moment geschah etwas, das ihr das Wort abschnitt, das Ron einen leisen Aufschrei entlockte und das Harrys Nackenhaare zu Berge stehen ließ.
Ein lauter Knall wie von einer Explosion – der Boden unter ihren Füßen wackelte wie bei einem Erdbeben – Staub rieselte von der Decke. Wer oder was das auch verursacht hatte, was es bedeutete, war Harry klar.
Die Todesser waren angekommen.
„Kommt!", rief er, und dann rannte er los. Er hörte, dass die anderen ihm folgten, aber er wäre auch weitergelaufen, wenn sie es nicht getan hätten. Der Kampf brach unten vermutlich bereits aus. Es ging los, der Krieg war in vollem Gange. Wenn er sich jetzt nicht beeilte – wenn er jetzt nicht etwas tat, egal was …
So stürmte er einen Korridor nach dem anderen entlang, stürzte Treppen hinunter und warf Wandteppiche zur Seite, um die geheimen Gänge dahinter zu nutzen. Die ganze Zeit über waren Ron, Hermine und Neville dicht hinter ihm. Er hörte, dass Neville Fragen stellte, dass alle drei seinen Namen riefen, aber er ging nicht darauf ein.
Harry stieß gerade eine Tür im zweiten Stock auf – als zum zweiten Mal ein lautes Knallen die Wände und den Boden erschütterte. Harry griff nach einer Säule, um nicht umzufallen, klammerte sich so fest an sie wie er konnte – da war es schon wieder vorbei.
Die anderen erreichten Harry, bevor er weiterlaufen konnte.
„Wer macht das?", fragte Hermine. „Diese Explosionen oder was das ist – ja, was ist das?"
Harry wollte antworten, dass er das doch genauso wenig wusste wie sie, dass nun nicht die Zeit war, über solche Dinge zu diskutieren. Dass sie es eilig hatten, dass der Krieg begonnen hatte, dass sie kämpfen mussten.
Dass wir versagt haben, nur einen Horkrux gefunden, den nicht einmal zerstört haben, dass wir verlieren werden und ich schuld daran bin!
Aber glücklicherweise blieb es Harry erspart, all das zu sagen. Denn er hatte noch nicht einmal den Mund aufgemacht, da erklang von fern etwas, das Harry nur allzu gut kannte. Etwas, das er hasste; etwas, dass er am liebsten noch nie gehört hätte …
Das hysterische, doch eiskalte Lachen von Bellatrix Lestrange hallte durch den Korridor, in dem sie standen. Harry hatte das Gefühl, in seinem Kopf würde alles im Rhythmus zu diesem schrecklichen Gelächter zappeln; ein Schauer jagte seinen Rücken hinunter, der Harry glauben ließ, dass Erfrieren auch nicht viel kälter sein konnte.
Als dieses Geräusch – und etwas anderes war es nicht – vorbei war, fasste sich Harry langsam wieder. Und langsam wurde ihm auch klar, was wohl gleich passieren würde. Und er reagierte nicht schnell genug.
„Neville – nein!"
Aber Neville war schon nicht mehr bei ihm. Harry drehte seinen Kopf gerade noch rechtzeitig
zur Seite, um zu sehen, wie er am Ende des Korridors durch eine Tür verschwand – an dem Ende des Korridors, das nicht zur Eingangshalle führte. An dem Ende des Korridors, aus dessen Richtung Bellatrix' Lachen gekommen war.
„Wir müssen ihm hinterher!", sprach Ron aus, was Harry dachte; aber fast gleichzeitig – als hätte sie gewusst, was Ron sagen wollte – erwiderte Hermine, was in dem Augenblick auch durch Harrys Kopf schoss.
„Das geht nicht, wir müssen in die Eingangshalle! Es sind nicht viele Schüler hier – was, wenn die Todesser schon da sind, aber der Orden noch nicht?"
„Aber Neville ist ganz allein!", sagte Ron; er sah so bestürzt drein, als hätte Hermine ihn selbst und nicht Neville seinem Schicksal überlassen, und Harry konnte es ihm kaum verübeln.
„Der holt Lestrange sowieso nicht mehr ein", sagte Hermine; ein flehentlicher Unterton hatte sich in ihre Stimme gemischt. „Und sie ist bestimmt auf dem Weg zur Eingangshalle, um mitzukämpfen. Bitte, Ron! Bitte, wir müssen in die Eingangshalle – Colin und Ginny –"
Rons Gesicht veränderte sich von einer Sekunde zur anderen. Eben noch entrüstet – jetzt eine Mischung aus Entschlossenheit und purer Angst, die ihn so viel älter aussehen ließ, als er war …
Ohne ein weiteres Wort liefen die drei weiter in Richtung Eingangshalle. Harry zögerte nicht, aber es war ihm doch unangenehm, wie sie Neville einfach zurückgelassen hatten. Mühevoll versuchte er, das Bild, das in seinem Kopf auftauchte, zu verdrängen – ein blutüberströmter Neville, über den die lachende Bellatrix Lestrange gebeugt war, den Zauberstab in der Hand …
Und wieder war es seine Schuld.
Nein, das wird nicht passieren./
Harry konzentrierte sich wieder auf den Weg – als er mit voller Wucht vornüber auf den Boden fiel. Zum dritten Mal wackelte der Boden nach einem Knall – diesmal viel lauter, viel näher, viel ohrenbetäubender als die beiden zuvor. Harry schlitterte auf dem Bauch den Steinboden entlang, prallte gegen die Wand. Stechender Schmerz brach in seinen Gliedern aus.
„Harry!", schrie Hermine, noch bevor das Erdbeben zu Ende war. Als das Rütteln endlich nachließ, fühlte Harry schon Hermines und Rons Hände, die nach seinen Schultern griffen, ihm hochhelfen wollten. Harry hob seine eigene Hand und schlug sie weg.
„Schon gut, ich kann allein aufstehen", murrte er, während er sich langsam aufsetzte. Er massierte seinen vor Schmerz pulsierenden Arm, öffnete seine Augen – und blickte hoch in das wutverzerrte Gesicht von Hermine. Er begriff sofort, was sie so verärgerte.
„Nein, so hab ich das nicht –!"
„Na gut, IHarry Potter." Hermine rümpfte ihre Nase in einer Art und Weise, die an McGonagall erinnerte. „Wenn du keine Hilfe brauchst – wir sehen uns später. Vielleicht."
Dann drehte sie sich um und lief mit großen Schritten, fast stolzierend, die Arme in ihren Seiten, davon. Harry wollte ihr etwas hinterherrufen, aber in dem Moment schritt Ron an ihm vorbei, warf ihm einen düsteren Blick zu und sagte: „Lass es." Dann wandte er sich ab und eilte Hermine hinterher.
Harry, immer noch am Boden, sah zu, wie Ron und Hermine ihn zurückließen. Das war es jetzt. Sie waren schon zerstritten gewesen, aber nun war es ganz vorbei: Sie hatten ihn verlassen, waren allein in den Krieg gezogen. Egal, ob sie zurzeit Schwierigkeiten hatten, Harry war sicher gewesen, dass sie den Kampf gemeinsam bestreiten würden, und dass ihre Auseinandersetzung danach vergessen wäre. Bis zu diesem Augenblick war ihm gar nicht bewusst gewesen, wie stark er von dieser Annahme ausgegangen war. Es war selbstverständlich für ihn gewesen.
Aber nun? Offenbar hatte er es vergeigt. Dabei hatte er Ron und Hermine nicht anfauchen wollen, nicht, weil er nicht für ihre Hilfe dankbar war. Er war nur wütend gewesen, weil ihm
alles wehtat; und, wenn er ehrlich war, war es ihm peinlich gewesen, dass er gestürzt war und die anderen beiden nicht …
Kurz dachte Harry darüber nach, einfach sitzen zu bleiben. Sollte in dieser Nacht auch noch Voldemort auftauchen, wäre ohnehin alles verloren. Die Horkruxe waren noch nicht zerstört. Er konnte Voldemort noch nicht vernichten, wozu also überhaupt kämpfen?
Natürlich wusste Harry, wie schwachsinnig diese Gedanken waren. Er stützte sich an der Wand ab, während er sich aufrichtete, da ihm die Beine immer noch ein wenig wehtaten von dem Sturz. Aber kaum war er aufgestanden, spürte er nichts mehr davon (zumindest schaffte er es, sich das einzureden). Und als er Ron und Hermine, die bereits den Korridor verlassen hatten, hinterher laufen wollte –
blieb er sofort wieder stehen.
Horkruxe, schoss es ihm durch den Kopf, die Rüstung! Das Portal, durch das die Kobolde nach Hogwarts gekommen waren, führte sicher auch wieder nach Gringotts zurück. Und in dem Verlies, zu welchem das Portal führte, war Godric Gryffindors Rüstung! Mit Sicherheit einer der
Horkruxe!
Da war sie: die Chance, einen zweiten Horkrux zu finden. Sollte er sie ergreifen? Sollte er umkehren, zurück in die Besenkammer und nach Gringotts, um die Rüstung zu holen? Sie war doch bestimmt ein Horkrux – die Rüstung war immerhin den Fortescues von Voldemort gestohlen worden. Aber … die Kobolde hatten auch ein Schwert, das Gryffindors sein sollte aber definitiv eine Fälschung war. Das echte hatten sie im Raum der Wünsche. War also vielleicht auch die Rüstung eine Fälschung?
Nein, das glaubte Harry nicht. Ein Horkrux war in greifbarer Nähe. Alle Kobolde hatten das Verlies verlassen. Eine hervorragende Möglichkeit, einen Horkrux zu finden.
Was sollte Harry tun?
Er musste eine Entscheidung fällen, und das ganz schnell. Sollte er in die große Halle rennen, wo sich die Lehrer und Schüler versammelten, wo mittlerweile vermutlich schon die Kobolde eingefallen waren? Oder sollte er umdrehen und das Portal nach Gringotts nehmen? Was sollte er tun? Was nur?
Die Entscheidung blieb ihm erspart, denn in der nächsten Sekunde wurde sie ihm abgenommen.
„Lass sie los, du Vieh!"
Das war Rons Stimme. Und wenn Ron derartig laut schrie – dann konnte es sich bei ihr nur um zwei Personen handeln. Und ganz egal, ob Hermine oder Ginny attackiert worden war, Harry brauchte nun nicht mehr lange darüber nachzudenken, wohin er laufen wollte.
Mit noch größeren Schritten und noch schneller als zuvor setzte er seinen Weg Richtung Eingangshalle fort.
Dort, wo Luna war, war von den Unruhen im Schloss nichts zu sehen, nichts zu spüren. Im Gegenteil: Diese Nacht war ausgesprochen ruhig, ruhiger als die meisten anderen, die Luna hier erlebt hatte. Und sie war schon oft nachts hier gewesen: Wöchentlich verließ sie mindestens einmal ihr Bett, um einen Spaziergang durch den verbotenen Wald zu unternehmen. Für sie hatte es schon im ersten Schuljahr nichts Schöneres gegeben. Erst mit der DA hatte sie gelernt, dass es noch besser war, mit Freunden zusammen zu sein – aber in ihrem vierten Jahr wollte sie mit der Tradition ihrer nächtlichen Spaziergänge nicht brechen.
Sie schlenderte durch den Wald, übte sich in ihren metamorphmagischen Fähigkeiten, versuchte, Kontakt zu Baumnymphen aufzunehmen (und sie könnte schwören, schon einige Male erfolgreich gewesen zu sein). Sie betrachtete den Mond, zählte die Sterne, begrub tote Tiere, die sie am Wegesrand fand. Sie las die Zukunft aus Blättern, hörte dem Wind zu und kostete von den Beeren, die hier wuchsen. Natürlich lief sie nie so weit hinein, dass es gefährlich wurde. Luna war nicht dumm. Aber sie bewegte sich tief genug im Wald, um die
Rechte der Schüler zu überschreiten. Es hatte sie aber nie gestört. Sie wusste, dass es die Regelung mit dem verbotenen Wald nur gab, weil die Zauberer und Hexen von heute alle so verblendet waren: Angst vor dem Unbekannten, vor dem, was sie nicht verstanden. Glücklicherweise hatte ihr Muggelvater ihr beigebracht, wie das Leben wirklich zu führen war. Wie das Unverständliche verstanden werden konnte …
Und doch vermisste sie ihre Mutter. Sie war so klug gewesen, und so schön … Sie hatte immer dieses großartige Gutenachtlied gesungen. Ihr Vater sang es noch heute manchmal für sie, aber es klang aus seinem Mund einfach nicht so, wie es klingen sollte.
Diese Nacht war wirklich eine besonders ruhige, denn ansonsten würde Luna nicht an all diese Dinge denken. Sie vermied es für gewöhnlich. Sie wusste zwar, dass sie ihre Mutter wiedersehen würde – dass sie eigentlich nur den Todesschleier zur Seite ziehen müsste. Aber dennoch gefiel es ihr nicht, über ihre Mutter nachzudenken. Sie war tot. Und Luna lebte. Ein Kreis und trotzdem zwei Parallelen. Der Anfang und das Ende und gleichzeitig die Geschichte an sich.
Luna hielt an, als sie das Licht des Mondes besonders deutlich spürte. Sie liebte dieses Gefühl; und heute war Vollmond, ihr Lieblingsmond. Natürlich, ihr Name und ihr Geburtstag hatten sie dazu bestimmt, ein Mondkind zu sein. Auch ihre Mutter war gerne nachts spazieren gegangen, hatte ihr Vater ihr erzählt. Ob ihre Haut auch gekribbelt hatte, als würden die Härchen darauf zu tanzen beginnen, so wie bei Luna? Ob sie auch mit geschlossenen Augen einen Weg entlang laufen und trotzdem genau sagen hatte können, wann ein Mondstrahl sie genau auf den Kopf traf? Ob dieses geheimnisvollste aller Lichter auch die Augen ihrer Mutter in ein tiefes magisches Silber getaucht hatte?
So stand Luna auf einer Lichtung inmitten des verbotenen Waldes, ohne zu wissen, dass ihre Haut nur kribbelte, weil sie selbst das wollte. Ohne zu wissen, dass ihr Vater ihr immer nur weisgemacht hatte, sie könne das Mondlicht mit geschlossenen Augen erfühlten. Ohne zu wissen, dass ihre Augen die gleiche Farbe wie immer hatten. Sie hatte von all diesen Dingen nicht die geringste Ahnung.
Aber eines wusste sie noch viel weniger: dass sie genau in diesem Moment beobachtet wurde.
Harrys Füße trugen ihn, obwohl der Schmerz, der nach dem Sturz entstanden war, langsam wieder spürbar wurde. Sie trugen ihn dorthin, wo er selbst hinwollte: die Treppen hinunter ins Erdgeschoss. Bestimmt war der Kampf zwischen den Kobolden und Todessern und den Lehrern und Schülern schon in vollem Gange. Und Hermine oder Ginny – eine von den beiden war in Gefahr …
Harry bewegte sich so schnell fort, dass er beinahe erneut umgefallen wäre, als er plötzlich anhielt. Und das tat er, weil er etwas Interessantes sah: Zwei Kobolde kamen gackernd am Ende des Korridors, in dem er stand, aus einem Raum hervor. Sie hielten Messer in den Händen und betraten mit diesen den nächsten Gang – den, der, wie Harry wusste, zur Marmortreppe der Eingangshalle führte.
Sofort lief Harry weiter, den Kobolden hinterher. Er war also auf dem richtigen Weg, denn ansonsten würden diese Kreaturen nicht auch in diese Richtung gehen. Harry erreichte den nächsten Flur, wandte sich nach links und blickte über das Treppengelände hinweg hinunter in die Eingangshalle, wobei er eigentlich im Sinn hatte, sofort hinunterzulaufen – aber das tat er nicht. Was er sah, machte es ihm unmöglich, etwas Derartiges zu tun.
Denn für einen Moment war Harry erstarrt, bewegungsunfähig. Fast schon tot, könnte man sagen. Denn was er sah, beraubte ihn jeder Kontrolle über seinen Körper, seine Gedanken – löschte diese fast vollständig aus. Panik ergriff ihn, blinde, erschreckende, betäubende Panik.
Das war nicht wegen des Spektakels an sich, das sich da vor ihm abspielte. Nicht die Lehrer von Hogwarts (von denen nur wenige fehlten, Hagrid zum Beispiel; Harry war nicht imstande, festzustellen, wer sonst noch fehlte – schon allein deshalb, weil ihn etwas ablenkte – aber irgendetwas sagte ihm, während er die Halle mit den Augen überflog, dass mehrere
Lehrer fehlten) oder die wenigen Schüler, die in einer beinahe lautlosen Schlacht die Todesser bekämpften (von denen einige maskiert waren, aber ein paar demaskiert – so etwa Amycus Carrow, der mit einem breiten Grinsen auf seinem hässlichen, runzligen Gesicht Flitwicks Zaubern auswich, oder auch Augustus Rookwood, der mit ängstlicher und besorgter Miene versuchte, Viridians schnelle Flüche abzuwehren), oder die Kobolde, die sich zwischen den Beinen der duellierenden Magier hindurch schlängelten, hier und da zubissen oder mit Messern zustachen; auch, dass Neville oder Bellatrix Lestrange nirgends zu sehen waren, beunruhigte ihn nicht derartig; nicht einmal Ron und Hermine waren der Grund für seine Panik, obwohl zwei Kobolde sich an Hermines Körper festgeklammert hatten und sie vor Schmerz schrie, als die Biester sie bissen und kratzen, und Ron, mit verschwitztem Gesicht und gefletschten Zähnen, versuchte, die Kobolde von ihr zu reißen (sein Zauberstab lag zerbrochen und vergessen ein paar Meter neben ihm). Nein – seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Kampf, der sich am anderen Ende der Eingangshalle zutrug, direkt neben dem offen stehenden Portal. Denn dort rangen zwei miteinander, die Harry nie, nie, nie hätte zusammen sehen wollen. Er hatte sich nie vorgestellt, dass die beiden aufeinander treffen würden – aber es war, als wäre einer seiner schlimmsten Albträume wahr geworden.
Ungeachtet von den kämpfenden Lehrern um sie herum, lag Ginny am Boden, ihr Zauberstab außer Reichweite. Und auf ihr lag eine Kreatur, die schrecklicher aussah als Voldemort selbst. Schon in gewöhnlichen Nächten wollte man diesem Mann nicht begegnen, aber in dieser Vollmondnacht war Fenrir Greyback das Angsteinflößendste, was Harry sich vorstellen konnte.
Sein ganzer Körper voller dichtem, schwarzem Fell, an dem stellenweiße etwas klebte, das stark an Blut erinnerte; seine Krallen, die Ginnys Arme zu Boden drückten, länger als viele Zauberstäbe, die Harry gesehen hatte; und seine Augen glitzerten gelblich hinter einer Maske hervor, die eindeutig extra für Greybacks Werwolfsgestalt angefertigt worden war. Obwohl Greyback eine Schnauze hatte, konnte man sein Grinsen deutlich erkennen. Seine gefletschten Zähne waren rot, rot, nichts als rot. Er hatte heute Nacht bereits Beute gerissen.
Die Schreckenssekunde war glücklicherweise auch nicht mehr als eine Sekunde. Kaum hatte Harry das Bild, das er vor sich hatte, vollkommen realisiert, erhob er auch schon seinen Zauberstab, bereit, drei Flüche gleichzeitig auf diese Kreatur am anderen Ende der Halle zu jagen, egal, wie weit es weg war. Aber noch bevor er auch nur den Mund öffnen konnte, strahlte ein rotes Licht hinter dem Biest auf. Der Werwolf heulte plötzlich auf – es war ein schreckenerregendes, schmerzerfülltes Heulen – und er wurde von Ginny gerissen und gegen die Wand der Halle geschleudert. Bewusstlos sackte er dort am Boden zusammen.
Harry wandte sein Gesicht wieder zum offenen Eichenportal. Von draußen war ein Fluch gekommen, hatte Greyback nach hinten geschleudert. Hieß das, dass …
Ja, da waren sie. Harry konnte nicht anders, er musste lächeln, so erleichtert und glücklich war er in diesem Augenblick, so seltsam das auch sein mochte. Denn Umrisse von Personen zeichneten sich auf den monderhellten Stufen ab, die zum Eingang führten. Und als diese Menschen die Halle betraten, bestätigte sich Harrys Vermutung: Der Orden war da. Aber nicht nur der Orden.
Angeführt von zwei volljährigen Schülern – Ernie McMillan und, zu Harrys großer Überraschung, ein Mädchen, das er vom Sehen als Slytherin erkannte – schritten Mad-Eye Moody und Rufus Scrimgeour nebeneinander in die Eingangshalle ein. Ihre Gesichter war von der gleichen wilden Entschlossenheit, der gleichen Kampfbereitschaft, dem gleichen Willen erfüllt. Unter hinter ihnen kam eine Menge an Menschen, die so groß war, dass Harry nicht einmal ihr Ende ausmachen konnte, obwohl das Mondlicht so stark war. Harry erkannte ein paar Gesichter – Mr Weasley, Tonks, und natürlich die riesenhafte Gestalt Hagrids – aber auch die schwarzgekleideten Auroren warteten darauf, an dem Kampf in der Halle teilnehmen zu können. Harry ließ seinen Blick noch einmal über die Todesser schweifen – es waren so lächerlich wenige … gegen die vielen Kämpfer, die nun erschienen waren, hatten sie keine
Chance.
Harry wollte schon die Marmortreppe hinunterlaufen, um gleichzeitig mit den neu Angerückten in die Schlacht einzusteigen – da wurden die Ländereien von einem anderen Licht als dem des Mondes, von einem giftgrünen, blitzenden Licht erhellt; draußen rief jemand „Nein!" und andere schrien „Sie kommen von hinten!" Harry wusste, was all das bedeutete.
Die Schlacht hatte seine ersten Opfer gefordert.
Und die Todesser hier in der Eingangshalle hatten Verstärkung bekommen.
„Harry!"
Harry fuhr hoch; er hatte nicht bemerkt, dass jemand an seine Seite gekommen war. Und doch stand sie da – Ginny. Sie sah unversehrt aus.
„Gut, dass du da bist!" Ginny packte ihn am Handgelenk. „Du musst mitkommen! Bellatrix Lestrange war vorhin hier, und Neville ist ihr gefolgt! Als sie ihn gesehen hat, ist sie mit ihm sofort wieder davon gerannt! Wir müssen Neville helfen!"
„Ich werde hier gebraucht!", erwiderte Harry. Er deutete auf das, was sich unter ihnen in der Eingangshalle abspielte. Alle, die gerade erst hinzugekommen waren, waren nun ebenfalls in die Halle gekommen, und es schien schon richtig eng zu werden. Bestimmt würde sich die Schlacht bald nach oben hin ausweiten.
Ginny schüttelte den Kopf. „Hier sind genug Leute am Kämpfen. Du siehst doch, wie viele gerade nachgekommen sind – die Todesser haben keine Chance. Aber Neville und Lestrange sind allein!"
Harry wollte wieder entgegnen, er müsse kämpfen – sicher würde Ginny verstehen, warum er es tun musste – aber ihr Griff um sein Handgelenk wurde noch fester, und sie zog kaum merklich daran.
„Bitte", sagte sie. „Neville braucht uns!"
Harry zögerte. Aber nur für eine einzige weitere Sekunde. Denn als er in Ginnys Augen blickte, wusste er, dass er ohnehin keine Wahl hatte. Harry hatte nie zuvor diesen gelben Schimmer in den braunen Augen gesehen, aber der war es nicht, der ihn im Griff hatte. Es war die Verzweiflung, die er darin las, die ihm zeigte, dass es ihr wirklich ein Anliegen war, dass er mit ihr nach Neville suchte.
(Und selbst wenn Harry in ihren Augen völlige Langeweile und Teilnahmslosigkeit gelesen hätte, er musste sich selbst eingestehen, dass er ihrer Bitte wohl trotzdem gefolgt wäre, einfach, weil er ihr nicht widerstehen konnte; aber die Augen, sagte er sich, sind ein viel romantischerer Grund. Bestimmt würde er sich später wundern, dass er sich ausgerechnet dort und zu dieser Zeit solche Gedanken gemacht hatte, aber in dem Moment erschien es ganz natürlich.)
„In Ordnung", sagte er. „Gehen wir."
Luna öffnete ihre Augen. Sie war länger auf diesem Fleck im Mondlicht gestanden, als sie geplant hatte. Es war zwar noch nicht wirklich spät – für gewöhnlich würde ihr Spaziergang noch mindestens eine Stunde andauern – aber sie war ein bisschen müde. Außerdem, was war, wenn die minderjährigen Schüler schon bald das Schloss verlassen mussten? Nicht, dass sie mitgehen würde – aber sie wollte sich noch bei Ginny verabschieden, falls die ging. Wollen würde sie bestimmt nicht, aber Luna kannte ihre Mutter, und die war doch recht streng, was solche Dinge betraf.
Also wandte sie sich um und lief den Weg entlang, den sie gekommen war. In ihren Jahren an Hogwarts hatte sie schnell gelernt, welche Teile des Waldes gefährlich waren und welche nicht. Sie war schon in ein paar riskante Situationen verwickelt gewesen, ja – aber Luna war keine schlechte Kämpferin. Und etwas Größerem als einem merkwürdigen Auto vor ein paar Jahren war sie noch nie begegnet, geschweige denn etwas Angsteinflößenderem als einer recht riesenhaften Spinne, und mit beidem war sie leicht fertiggeworden.
Durch die Kronen der hohen Bäume fiel das Mondlicht auf den Boden, und in den Strahlen konnte man deutlich kleine Pünktchen sehen. Viele waren der Meinung, das wäre der Staub, der vom Boden aufgewirbelt wurde, aber Luna wusste es besser: Das waren die kleinsten Feen der Welt, die bekannt für ihre engen Verwandten waren, die in Häusern lebten und manchmal die Form von Hasen annahmen. Ein solcher Hase war Lunas erster richtiger Freund nach dem Tod ihrer Mutter gewesen.
Nach einiger Zeit gelangte Luna zu den Bäumen, die den Rand des Waldes ausmachten. Ein paar Schritte noch – und schon stand sie neben Hagrids Hütte. Luna blieb dort für einen Moment, um die Länderein zu bewundern. Sie sahen so schön aus in hellen Nächten, traumhaft schön … verlassen und einsam, und gleichzeitig voller Leben: Der See rauschte leise, während der Wind kleine Wellen auf der Oberfläche schlug; Doxys schwirrten vereinzelt durch die Luft, suchten sich gute Plätze in den saftigen Wiesen. Am Himmel über dem Schloss stand der Vollmond, umgeben von weißen Schäfchenwolken, die die Form von Frauengesichtern und Kessen annahmen. Und im Schloss herrschte völlige Dunkelheit, denn die anderen Bewohner schliefen bereits tief und –
Halt – was war das? Es war nicht finster in Hogwarts. Aus jedem Fenster drang Licht, durchbrach das silbrige Scheinen des Mondes und fiel in unangenehmen Gelbtönen auf das Gras der Ländereien. Was war da los? Wieso waren alle in Hogwarts wach? Machte McGonagall noch eine Nachbesprechung, oder bereitete sie die Schüler gerade auf die Abreise vor?
Luna wollte losgehen, um es selbst herauszufinden – da trat jemand hinter Hagrids Hütte hervor, genau in ihren Weg.
Luna blickte hoch in das Gesicht der Person. Zuerst verstand sie überhaupt nicht, was los war; noch nie hatte sie nachts jemand anderen hier draußen getroffen. Und dann erkannte sie, wer da vor ihr stand.
Sie wollte ihren Zauberstab ziehen, wollte schreien. Aber ihr Gegenüber hob beschwichtigend die Hände, rief „Ruhig!" – und sagte dann vier Worte, die Luna nicht nur zum Stillstand brachten, sondern die sie auch nie wieder vergessen würde …
„Harry, schnell, sieh mal!"
Harry blieb sofort stehen. Er und Ginny waren nun schon einige Minuten unterwegs gewesen. Die Geräusche, die von der Eingangshalle und den Ländereien zu ihnen hochdrangen, wurden immer lauter, und immer mehr Schreie mischten sich unter den Lärm. Sie waren fest entschlossen gewesen, sich nicht davon ablenken zu lassen, weiter nach Neville zu suchen; und doch waren sie mehrmals kurz stehen geblieben. Jedesmal hatten sie sich dann gesagt, sie würden gleich einem der volljährigen Schüler begegnen, die im Schloss postiert waren, und könnten ihn in die Eingangshalle schicken, damit er beim Kampf half; aber dem war nicht so. Keinem einzigen Schüler waren sie begegnet. Und doch waren sie immer weiter gegangen.
Nun waren sie in einem Korridor im vierten Stock. Harry drehte sich zur Seite, wo er Ginny vermutete, aber sie stand nicht neben ihm. Er blickte hinter sich und sah, dass sie angehalten hatte, ohne dass er es bemerkt hatte. Ihre Augen waren geweitet und auf etwas gerichtet, das sie durch das Fenster, bei dem sie stand, draußen am Gelände sah.
„Was ist denn?", fragte er, als er zu ihr ging. Er blickte ebenfalls aus dem Fenster – und machte vor Schreck einen Schritt zurück.
Nicht die Todesser, die in Scharen zu dem Eingang des Schlosses strömten, wo der Kampf in vollem Gange war, schockierten Harry so sehr. Sondern das, was einige von ihnen an Ketten führten. Zu dritt hielten sie jeder das eine Ende einer Leine in der Hand, und die Leine führte hoch zu dem Hals eines Biestes, das noch gewaltiger war, noch hässlicher als Grawp. Schon einmal hatte Harry ein solches Wesen gesehen, es sogar bekämpft, aber das war um einiges kleiner gewesen, etwa vier Meter – die hier waren keinen Kopf kleiner als sieben Meter.
Insgesamt vier riesenhafte Trolle sahen sich mit strohdummen Mienen um, während die
Todesser sie in die Schlacht führten; und jeder von ihnen zog eine Keule hinter sich her, die länger war als Harry und Ginny zusammen, würde einer auf den Schultern des anderen stehen.
„Die – die werden damit schon klar kommen." Ginnys Stimme war viel zu hoch, um ihr die Sicherheit, die sie vortäuschen wollte, abzukaufen. „Komm – wir müssen weiter."
Harry riss sich von dem Fenster los. Sie mussten Neville finden.
Kann das – kann das wahr sein? Ist das wirklich – wirklich meine –
Luna stand da, ihr Mund weit offen, ihr Blick abgeschweift in Dimensionen, an die nicht einmal sie selbst glaubte. Als sie die Frau erkannt hatte, war ihr in erster Linie danach gewesen, den Zauberstab zu ziehen und sie zu verhexen. Oder die anderen von der DA herbeizurufen. Aber sie war in ihrer Bewegung erstarrt. Mehr noch, sie hatte für einen Augenblick völlig ausgesetzt, hatte aufgehört, zu existieren. Solche Erfahrungen hatte sie bisher nur selten gehabt. Aber in dem Moment, als die Frau ihren Mund geöffnet und gesagt hatte, was sie gesagt hatte, war es mehr als angebracht gewesen, auszusetzen. Sie hatte schon vor einigen Minuten aufgehört, der Frau, die da vor ihr stand, richtig zuzuhören. Denn was sie gehört hatte, als sie noch aufmerksam gewesen war, war zu unglaublich – zu unmöglich – um auch nur in irgendeiner Weise wahr zu sein.
Und doch …
Luna hatte dieses seltsame Gefühl. Dieses Gefühl, dass die Frau nicht log. Dass sie die Wahrheit sagte. Dass die Geschichte, die sie erzählte, tatsächlich so passiert war. Natürlich war es möglich, dass dieses Gefühl nur daher kam, dass Luna sich wünschte, es wäre die Wahrheit. Aber das glaubte Luna nicht.
„Luna, ich bin deine Mutter!", hatte die Frau gesagt, „Vor sieben Jahren musste ich dich und deinen Vater verlassen. Ich musste es tun, weil – und du wirst das sicher verstehen, Schatz – weil die Schrumphörnigen Schnarchkackler mich auserwählt hatte, ihnen bei der Suche nach ihrem Stein zu helfen! Mich! Verstehst du, welche Ehre das ist?"
Natürlich verstand Luna.
„Die Schnarchkackler haben mir bestimmte Regeln auferlegt – ich musste meine Familie verlassen und mich allein auf die Suche begeben. Ich sollte meinen Tod vortäuschen, damit ihr nicht nach mir seht, und ihr musstet meinen vermeintlichen Tod mit ansehen. Und ich musste meine Metamorph-Fähigkeiten nutzen, um mir eine neue Gestalt anzulegen. Ich habe all ihre Regeln befolgt – und vor drei Jahren tatsächlich den Stein gefunden! Die Schnarchkackler wollten mich zu ihrer Königin machen!"
Das klang alles so plausibel! Luna wusste, dass die Kackler den Finder des Steines zum König machten. Das war so. Und so viele andere Menschen wussten das nicht …
„Aber ich konnte nicht mehr ohne dich, Schatz!" Die Frau lächelte breit. Früher hatte Luna dieses Grinsen grässlich gefunden, angsteinflößend und widerlich – jetzt, wo sie wusste (tat sie das?), wen sie da wirklich vor sich hatte … war es ein so freundliches Lächeln. „Ich habe die Kackler gebeten, mich für ein Jahr zu dir zurückkehren zu lassen – und das haben sie mir erlaubt. Aber ich musste diese Gestalt behalten – die, die ich nun immer noch habe, weil ich Probleme damit habe, meine wahre Form wieder zu finden – und ich durfte dich nicht wie eine Tochter behandeln, sondern musste streng zu dir sein. Das waren die Regeln der Kackler, wenn ich ihre Königin werden wollte – und bitte verstehe, dass ich das werden wollte!"
Luna verstand auch das. Wer wollte nicht König oder Königin der Kackler sein?
„Also habe ich dich das ganze Jahr, in dem ich dich sehen durfte, schlecht behandelt. Verzeih mir, Luna, bitte verzeih mir!"
Luna hatte überhaupt nicht reagiert. Und auch jetzt sagte sie immer noch nichts, während die Frau unentwegt auf sie einredete. Sie schien so viel zu erzählen zu haben, aber Luna war mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. War es wirklich möglich, dass das ihre Mutter war? Sie war doch tot! Aber diese Geschichte mit den Schnarchkacklern, dem Stein – es klang so wahr,
so richtig, entsprach alldem, was sie von ihrem Vater gelernt hatte …
„Luna, verzeihst du mir?" Diese Worte brachten Luna zurück in die Gegenwart, zurück zu diesem breiten, freundlichen Lächeln. „Glaubst du mir?"
Luna zögerte einen Augenblick. Sie wusste die Antworten auf diese Fragen selbst noch nicht genau. Wie sehr sie sich wünschte, eine Mutter zu haben …
„Ja", hörte sie sich schließlich sagen, bevor sie wirklich entschieden hatte, dass sie ihr glaubte.
Die Frau strahlte. „Das ist ja wunderbar! Nun – möchtest du mir dann vielleicht einen Gefallen tun, meine Tochter?"
Luna nickte. Und dann lauschte sie, während Dolores Umbridge – Lyra Lovegood? – ihr erzählte, was sie von ihr wollte.
Harry und Ginny waren immer noch auf der Suche nach Neville – aber mittlerweile wussten sie, wo er war.
Nachdem sie auf ihrer Suche lange niemandem begegnet waren und die Geräusche, die von unten hoch drangen, immer lauter geworden waren (und die Stimmen immer entsetzter), war Harry auf die Idee gekommen, einfach in den Korridor zurückzugehen, in dem er und die anderen Bellatrix' Lachen gehört hatten und in dem Neville davongelaufen war. Aber auch das hatte sie nicht weitergebracht. Als sie aber den Flur entlanggegangen waren, in den Neville auf seiner Verfolgung von Bellatrix Harry, Ron und Hermine verlassen hatte, waren sie an einer Statue vorbeigekommen, die Harry den nächsten, viel besseren Einfall brachte.
„Die bucklige Hexe!", hatte Harry plötzlich gerufen, als er die Statue gesehen hatte. „Der geheime Weg nach Hogsmeade – die Karte des Rumtreibers!"
Also waren sie hoch in den siebten Stock gerannt, um die Karte des Rumtreibers aus dem Raum der Wünsche zu holen. Harry war noch sicher gegangen, dass der Raum durch seine Aufforderung unaufspürbar geworden war, damit das Medaillon, das Schwert und der Kessel sicher waren vor den Todessern und den Kobolden – und schon ging es weiter.
Im siebten Stock hörte man nichts von dem Kampf, der unten tobte. Nachdem sie so lange den Lärm in den Ohren gehabt hatten, wirkte es hier so verlassen und leer, dass es schon fast wieder unheimlich war, während sie die mondbeschienen Gänge entlang liefen.
„Hast du ihn schon gefunden?", drängte Ginny nach einer Weile.
„Nein, da sind so viele Namen … Moment mal … hier ist er! Zusammen mit – oh nein …"
Harrys Herz sank in seine Hose. Sein Finger war immer noch auf die Stelle gerichtet, an der er Neville entdeckt hatte, und als Ginny die anderen Namen las, stieß sie einen leisen Fluch aus.
Neville und Bellatrix Lestrange waren in einem der Kerker, aber sie waren nicht allein. Lucius Malfoy, las Harry erneut, und auch noch Peter Pettigrew – ebenso wie –
„Sybill Trelawney und Cornelius Fudge?", fragte Ginny ungläubig. „Was soll das denn?"
„Vielleicht werden die wie Neville gefangen gehalten …", murmelte Harry. „Neville – Neville wird doch gefangen gehalten, oder?"
Ginny runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?"
Harry schluckte. „Die – die Karte zeigt keine toten Menschen an, oder? Was denkst du?"
„Nein", sagte Ginny sofort, wie aus dem Zauberstab geschossen. Harry hatte keine so schnelle Antwort erwartet – aber er wusste, dass Ginny sich nur selbst weismachen wollte, dass sie sich so sicher war; dass sie in Wirklichkeit die gleichen Ängste durchlebte wie er. „Nein, Neville ist noch nicht tot. Du hast Recht, die Karte würde sicher keine Toten – warte, das haben wir gleich."
Ginny faltete eine Ecke der Karte um, sah auf eine Stelle und sagte: „Da, siehst du? Kein Albus Dumbledore, kein Dobby. Neville lebt noch – also komm jetzt!"
Harry bewunderte Ginny dafür, dass sie in dieser Situation noch logisch denken konnte – aber andererseits konnte er kaum glauben, was Ginny da gerade getan hatte. War ihr nicht klar,
was sie damit angerichtet hatte, jetzt Dumbledore und Dobby vor ihm zu erwähnen? …
„Komm!", wiederholte Ginny. Und Harry folgte ihr natürlich.
Während Ginny die beiden anführte und den Weg zu dem nächstgelegenen Geheimgang einschlug, starrte Harry weiterhin auf die Karte, auf die Stelle, wo Neville Bellatrix, Malfoy, Wurmschwanz, Trelawney und Fudge gegenüberstand. So schien es tatsächlich zu sein: Neville stand auf der einen Seite, auf der anderen die Todesser und die beiden Lehrer von Hogwarts. Was mochte das bedeuten? Wieso standen Trelawney und Fudge bei den Todessern?
Harry wollte nicht das glauben, was ihm in den Sinn kam; aber als er an Tonks dachte, konnte er es einfach nicht mehr leugnen. Verräter gab es bestimmt auch innerhalb der Wände von Hogwarts … Schließlich war da auch Snape gewesen. Aber Trelawney? Fudge? Harry hätte das nie gedacht.
Slughorn, erinnerte er sich, Tonks. Als ob er das hätte erwarten können …
„Wir sind –", begann Ginny zu sprechen. Aber nicht wegen ihrer Worte riss Harry seine Augen von der Karte, nicht, weil sie die Kerker erreicht hatten, sondern weil etwa an seine Ohren drang, das auf seinen Körper dieselbe Auswirkung hatte wie schon Minuten zuvor, als er es zum ersten Mal in dieser Nacht gehört hatte. Als Bellatrix' Gelächter Ginny unterbrach, hörte Harry sofort auf, über Tonks und Slughorn und Trelawney und Fudge nachzudenken. Seine Hand schloss sich noch fester um seinen Zauberstab. Das Lachen endete abrupt, aber nun waren leise Stimmen zu hören. Harrys Augen fielen auf eine große Tür, die an der Steinmauer ihnen gegenüber in einen weiteren Kerkerraum führte.
„Steck die Karte weg", sagte Ginny zu ihm; Harry fragte sich, ob sie absichtlich flüsterte. „Wir gehen rein."
