Liebe Leserschaft,

ich weiß, es ist gefühlte Ewigkeiten her, seitdem ich was gepostet hab und das, obwohl zumindest der erste Teil dieser Geschichte schon fix und fertig ist. Ich bin im Sommer ins nähere Ausland gezogen und da hatte ich natürlich erstmal andere Prioritäten. ;) Anyway, jetzt werd ich versuchen möglichst regelmäßig wieder ans Posten zu denken.

Muschen: Schön, dass freut mich, wenn Du Dir alles vorstellen kannst. So soll es sein. Und was machen männliche Männer, wenn es ihnen schlecht geht? Stark tun und saufen. ;)

Nuit: Ja, wie gesagt. Umzug und so, dass hat mich etwas nachlässig werden lassen. Du kannst natürlich auch auf der anderen Seite lesen, das tut sich ja nichts, wo man das liest. Und wie gesagt, zumindest der erste Teil ist fertig und wird beendet. Über den zweiten will ich eigentlich gar nicht nachdenken.

Scarvy: Vielen Dank, das freut mich zu hören. Ab jetzt wird's mit dem Posten hoffentlich wieder regelmäßiger.

LG
Tami

Das Gespräch mit Arwen hatte mir einigen Stoff zum Nachdenken gegeben. Genauso wie die Tatsache, dass Glorfindel auf meine nicht vorhandenen Kampfkünste immer noch schimpfte wie ein Rohrspatz, Mich dann allerdings eines Morgens anstatt zum Training zu Celairon dem Schmied, der diese furchtbaren Liebesgeschichten schrieb, schleppte. Ein seltsamer Kerl übrigens. Er hatte für einen Elben unpassend wirkende kupferrote Haare und in seiner Schmiede stapelten sich sowohl Waffen, als in Glasvitrinen auch einige fertige und unfertige Schmuckstücke. Natürlich interessierten mich die Juwelen bei Weitem mehr als die Waffen und als ich diese einer näheren Betrachtung unterzog, sah ich deutlich, dass sie von der gleichen Hand gefertigt worden waren wie meine Sternenkämme. Die übrigens wohl verschlossen in einer Schublade meiner Frisierkommode ruhten.

Ich war noch ganz in die Betrachtung des Schmuckes versunken und hatte nichts von dem Gespräch zwischen Glorfindel und Celairon mitbekommen, als Letzterer plötzlich begann mit einer Art Zollstock an mir herumzumessen.

„Was soll denn das?" fragte ich ungehalten, während der Schmied meine Arme vermaß.

Der blonde Krieger grinste mich nur an. Er schien sich in letzter Zeit etwas zu erholen. „Ihr habt anscheinend nicht im Geringsten zugehört. Böse Firiel! Celairon wird Euch ein Schwert schmieden, aber da Ihr ja eher von zwergischer Größe seid, wird es eine Sonderanfertigung sein müssen. Eines aus unseren Lagern wäre definitiv zu groß für Euch."

Ich war ehrlich gesagt etwas verblüfft, denn gerade vor zwei Tagen hatte der Balrogtöter noch genörgelt, dass ich es nie zu etwas bringen würde in der Kampfkunst. So ungeschickt wie ich mich anstellte, würde er glatt an seinen Fähigkeiten als Lehrer zweifeln.

„Seid Ihr Euch sicher, dass Ihr mir ein richtiges Schwert in die Hand geben wollt?" vergewisserte ich mich. Eigentlich hätte ich nichts dagegen gehabt weiter mit dem Holzschwert herumzufuchteln. Damit konnte ich wenigstens niemanden verletzten.

„Ja, doch. Ihr werdet wahrscheinlich nie eine große Kämpferin, aber immerhin seid Ihr inzwischen keine Gefahr mehr für Leib und Leben."

Damit war es beschlossene Sache und wenige Tage später tauchte bei unseren morgendlichen Übungen Celairon höchstpersönlich auf, um mir mein eigenes Schwert zu überreichen. Eigentlich hatte ich es ja nicht mit Waffen, aber das Ding sah wirklich wunderschön aus. Die blanke Klinge war mit diversen Tengwar-Runen versehen und die Parierstange schwang sich in einem eleganten s-förmigen Bogen vom Heft zur Klinge. Celairon entschuldigte sich für die Schmucklosigkeit der Waffe, begründete es aber damit, dass zum einen bei dieser kurzen Zeit, die Glorfindel ihm gelassen hatte nicht mehr drin war. Zum anderen schien ihm, dass die Schlichtheit mir besser zu Gesicht stehen würde als viele Verzierungen. Da konnte ich ihm nur zustimmen und ehrfürchtig nahm ich das Mordwerkzeug unter vielen Dankesworten entgegen.

Von diesem Tag an musste ich mich bei den Übungen doppelt zusammenreißen und mehr Mühe geben, denn wenn ich jetzt einmal unaufmerksam war, dann konnte es gut und gerne passieren, dass ich entweder Glorfindel oder mich verletzten würde. Und beides waren keine berauschenden Aussichten. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der blonde Krieger genau das beabsichtigt hatte, indem er mir ein richtiges Schwert aufzwang.

Es mussten drei oder mehr Wochen seit Nims Abreise vergangen sein, als ich mich eines Morgens wieder auf dem Übungsplatz einfand. Seltsamerweise war mein Lehrer allerdings noch nicht da, was mich wunderte. Glorfindel turnte hier meistens schon vor Tau und Tag herum, um seine überschüssigen Energien irgendwie loszuwerden. Und wenn es sein musste und er sonst niemanden fand, kämpfte er auch schon mal gegen seinen eigenen Schatten. An diesem Morgen wartete ich allerdings vergeblich. Ich war schon drauf und dran wieder zu verschwinden, als ich in einiger Entfernung eine dunkle Gestalt auf mich zukommen sah. Ich konnte zwar nicht erkennen, wer es war, aber die Wärme und Ruhe, die mich beim Anblick der Gestalt durchströmte, gab mir in etwa eine Ahnung.

Bald darauf hatte Erestor mich erreicht und begrüßte mich mit einer leichten Verbeugung. „Guten Morgen, Firiel. Ich habe Euch lange nicht gesehen."

Ich blinzelte überrascht zu ihm hoch, denn ich glaubte eine Spur von Enttäuschung in seiner Stimme gehört zu haben. „Guten Morgen. Nun, Ihr habt Euch auch nirgendwo blicken lassen. Und Ellonur hat mehr als einmal deutlich gemacht, wie beschäftigt Ihr seid." Meine Verwirrung war mir wohl deutlich anzuhören, denn auf Erestors Lippen spielte wieder ein leicht spöttisches Lächeln. „Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet Ihr Euch von jemanden wie Ellonur beeindrucken lasst."

„Und ich wundere mich, dass Ihr einen Mann zu Eurem Gehilfen bestimmt, von dem Ihr anscheinend so wenig haltet. Oder ist er Euch nur so lieb, weil er Euch im Schwertkampf nicht das Wasser reichen kann und Ihr so immer einen Prügelknaben parat habt, wenn Euch danach ist?" schoss ich sofort zurück, um meine Unsicherheit zu verbergen. Ich konnte mir so schnell keinen Reim darauf machen, wieso Erestor anscheinend bedauerte, dass ich mich nicht bei ihm hatte blicken lassen. Aber wieso war er nicht einfach zu mir gekommen, wenn er etwas wollte?

„Und ich hatte nach meinem kleinen Schaukampf mit Glorfindel wirklich den Eindruck, dass es gerade Euch lieber wäre, wenn ich meine Übungsstunden mit jemandem bestreite, der mir nicht gefährlich werden kann."

So, damit hatte ich mich selbst ins Aus manövriert. Ich lief dunkelrot an und schnappte nach Luft. Was sollte ich denn darauf sagen? Schließlich hatte er Recht. Selbst kurz nachdem er mir mit dem sicheren Tod gedroht hatte, hatte ich meine Sorgen um sein Wohlergehen ja nicht verbergen können.

„Ich kann kein Blut sehen!" platzte ich schließlich heraus, was glatt gelogen war. Und Erestor wusste das auch, da ich ja auch nicht in Ohnmacht gefallen war, nachdem ich ihm die Schere zwischen die Rippen gestoßen hatte. Toll, das war jetzt mindestens so geistreich gewesen wie Baby Housemans Erklärung in Dirty Dancing, dass sie eine Wassermelone getragen hatte.

„Ihr lügt, Firiel." sagte er mit einem äußerst charmanten Lächeln, das mich vollends aus der Fassung brachte.

„Und Ihr seid unverschämt!" konterte ich in meiner Verzweiflung zurück.

„Vielleicht ein klein wenig, aber Ihr habt keine Vorstellung davon, wie entzückend Ihr ausseht, wenn man Euch in Verlegenheit bringt. Das rechtfertigt ein bisschen Unverschämtheit allemal." Es war ganz offensichtlich, dass der Herr Berater großen Spaß dabei hatte mich in Verlegenheit zu bringen. Aber dass er mich dabei auch noch entzückend fand, das war doch verdächtig.

„Wenn Ihr so weitermacht, dann fange ich irgendwann noch an zu glauben, dass Ihr mich mögt." stammelte ich und wusste kaum, wo ich hinsehen sollte. Ich war inzwischen völlig durch den Wind und das merkte man mir an. So langsam bekam ich eine Idee davon, wie sich Nim immer in Glorfindels Gegenwart gefühlt haben musste. Und was das bedeutete, darüber wollte ich lieber erst gar nicht nachdenken. Erestor dagegen wirkte immer noch wie die Selbstsicherheit in Person.

„Na endlich." meinte er dazu mit einem Hauch Sarkasmus in der Stimme. „Da ich Euch das ja nun wenigstens ansatzweise begreiflich gemacht habe, kommen wir zu dem eigentlichen Grund meines Hierseins. Glorfindel bittet Euch um Entschuldigung, aber Eure Übungsstunden müssen für die nächste Zeit ausfallen. Elrond hat heute in der Nacht Nachricht erhalten, dass Gefahr droht. Glorfindel, Faelon und Fandis werden für einige Tage ausreiten, um die Gegend um Bruchtal zu sichern."

Bei dieser Erklärung schoss mein Kopf wieder nach oben und ich wurde leichenblass. Inzwischen musste Nim mit ihren Reisegefährten Frodo im Auenland begegnet sein und wenn Glorfindel und die anderen ausritten, weil Gefahr drohte, konnte das nur eins heißen.

„Die Ringgeister sind auf der Suche nach ihm..." stammelte ich und erntete dafür einen scharfen Blick von Erestor. „Ihr scheint viel über diese Geschicke zu wissen, aber vielleicht frage ich besser nicht, woher."

Ich schüttelte den Kopf, denn auch ich war mir sicher, dass es nicht gut wäre, hier mehr über ein gewisses Buch herauszuposaunen, als ich es schon bei meinem Eintreffen getan hatte.

„Tut mir leid, ich weiß nicht ob es ratsam wäre..." Und irgendwie hatte ich trotzdem ein schlechtes Gewissen, dass ich Erestor etwas verheimlichte. Mein schuldbewusster Blick sagte wahrscheinlich alles.

„Ihr müsst Euch nicht entschuldigen. Es wäre ganz sicher nicht ratsam uns in Dinge einzuweihen, von denen wir nichts wissen dürfen."

Erleichtert nickte ich und zu meiner Überraschung bot mir Erestor seinen Arm an. „Wollt Ihr mich begleiten und Glorfindel verabschieden? Vielleicht hebt es Eure Laune etwas, dabei zuzusehen, wie er seinen Wetteinsatz bezahlen muss." Mit einem sadistischen Grinsen hielt er eine kleine Samtschachtel zwischen zwei Fingern hoch.

Im ersten Moment wusste ich gar nicht, worum es ging, aber dann fiel mir diese unselige Wette über meine Reaktion auf Erestors Geschenk wieder ein und ich musste grinsen. „Mit Vergnügen." sagte ich und hakte mich bei ihm ein. Augenblicklich schien die Welt etwas ruhiger zu werden und meine Sorgen in den Hintergrund zu rücken.

Als wir so ungewohnt einträchtig bei den Stallungen ankamen, war Glorfindel gerade dabei ein letztes Mal seine Ausrüstung zu überprüfen. Als er mich an Erestors Seite sah, fing er augenblicklich an zu grinsen wie ein Honigkuchenpferd.

„Welch seltener, aber dafür umso schönerer Anblick! Ich wünsche Euch einen guten Morgen, liebe Firiel und hoffe, dass Ihr es mir nicht allzu übel nehmt, dass unsere Übungen erst einmal ausfallen müssen."

Mit einer Grimasse und viel Sarkasmus in der Stimme sagte ich ihm, dass ich untröstlich über diesen Umstand wäre. Aber während ich redete, konnte ich meinen Blick nicht von Asfaloths Zaumzeug losreißen. Als ich diesen riesenhaften Gaul das letzte Mal gesehen hatte, war es ganz normales Lederzeugs gewesen, das der blonde Krieger benutzt hatte. Das, was das Pferd jetzt trug, war anscheinend die öffentlichkeitswirksame Version, denn es glitzerte und funkelte nur so vor Edelsteinen und Flitter. Und auch Glorfindel selbst schien irgendwie verändert. Ok, das hört sich jetzt vermutlich echt blöde an, aber er schien irgendwie von innen heraus zu leuchten, als hätte jemand einen Schleier weggezogen und ich würde seine Kraft und Würde erst jetzt richtig sehen.

„Sagt mal Glorfindel, wollt Ihr diese düsteren Typen bis zur Blindheit blenden oder habt Ihr sonst eine Erklärung für das Zaumzeug?" fragte ich grinsend.

„Ihr müsst noch viel lernen, Firiel. Ich reite hinaus in die feindliche Welt und dort habe ich als Elb einen gewissen Ruf zu wahren. Wie würde es denn wirken, wenn ich in meiner ganz alltäglichen Erscheinung und ohne beeindruckende elbische Spielereien dort auftauchen würde?" erklärte er.

„Das ist nicht Euer Ernst? Dieser ganze Aufzug nur um irgendwen zu beeindrucken? Habt Ihr das nötig?" fragte ich erstaunt. Elben legten anscheinend großen Wert darauf, ihre Überlegenheit zur Schau zu stellen, wenn sie nicht unter sich waren.

„Nein, nötig habe ich es nicht, aber habt Ihr nie versucht, einem Bild gerecht zu werden, das man von Euch hatte?" war die Gegenfrage und ich biss mir auf die Lippen. Hatte das nicht schon jeder einmal versucht? Doch bevor ich mir eine Antwort zurechtlegen konnte, drehte sich Glorfindel zu Erestor um, der sich inzwischen von mir losgemacht hatte und an Asfaloths Zaumzeug herumhantierte.

„Und was glaubst Du, was Du da tust?" fragte er seinen Freund halb streng, halb interessiert.

„Ich fordere Deinen Wetteinsatz ein. Du erinnerst Dich? Ein schmückendes Beiwerk, wann immer ich es von Dir verlange?" Erestor hantierte noch etwas weiter und Glorfindels Gesicht wurde lang. Ungeduldig stieß er den schwarzhaarigen Berater beiseite, um in Augenschein nehmen zu können, was dieser da mit Asfaloth trieb.

Für einen Augenblick sah es so aus, als wolle er Erestor ein paar über den Kopf ziehen. „Hast Du den Verstand verloren? Ich reite gegen die Neun aus und Du machst mir silberne Glöckchen ans Zaumzeug? Damit sie auch ja schon von Weitem hören, wenn ich komme, oder was?" Der blonde Krieger war mehr als ungehalten und neugierig versuchte ich einen Blick auf Asfaloth und sein gepimptes Zaumzeug zu erhaschen. Tatsächlich! Erestor hatte dem armen Gaul mehrere silberne Glöckchen am Zaumzeug befestigt, die bei der kleinsten Bewegung fröhlich klingelten.

„Außerdem hast Du gesagt, dass ich dieses Beiwerk tragen soll und nicht mein armes, treues Ross!" nörgelte der Balrogtöter wie ein kleiner unzufriedener Junge. Erestor hatte für all diese Einwände nur ein Grinsen übrig.

„Wenn es Dir lieber ist, kannst Du Dir die Glöckchen auch selbst an die Ohren hängen." war die gnadenlose Antwort und Glorfindel rollte mit den Augen. Es war klar, dass er das ganz sicher nicht tun würde. „Außerdem sind sie Dir vielleicht nützlich. Wenn Du auf der Suche nach den Halblingen bist, werden sie Dich so eher von den Neun unterscheiden können, als wenn Du einfach daher geritten kommst als wärst Du einer von Ihnen."

Ich beobachtete diesen kleinen Disput zwischen den beiden mächtigen Elbenherren mit dem größten Vergnügen. Bis mir plötzlich etwas klar wurde.

„Ich hätte es wissen müssen, dass Du diese unsinnige Wette noch so drehst, dass sie mir im Hals stecken bleibt und das hier wie ein Akt der Vernunft aussieht!" zischte Glorfindel und schwang sich schließlich auf Asfaloth.

„Deswegen bin ich auch der oberste Berater und Du nur Elronds Schläger!" Erestor klang bitterernst und nur das Funkeln in seinen Augen nahm der Bemerkung die Schärfe. „Ich wünsche Dir eine gefahrlose Reise."

Glorfindels Kommentar bekam ich nicht mehr mit, denn plötzlich hatte die Welt begonnen sich um mich zu drehen. Während Asfaloth in gestrecktem Galopp verschwand, streckte ich die Hand aus, um mich an der Wand des Stalles abzustützen. Doch Erestor musste für mich ebenso einen siebten Sinn haben, wie ich für ihn. Noch bevor meine Hand die Wand erreichte, war er herumgewirbelt und hatte mich vorsichtig an den Armen gepackt, um mich gleich darauf auf einem Strohballen zu platzieren. Erst nach und nach drang seine dunkle Stimme zu mir durch. „Firiel? Was ist los? Ist Euch nicht wohl?"

Ich schüttelte den Kopf und schaute ihn schließlich an. Erestor kniete vor mir auf dem Boden und hielt meine Hände in den seinen. Wahrscheinlich war es diese Berührung, die mich in das Hier und Jetzt zurückgeholt hatte.

„Die Glöckchen!" flüsterte ich. „Glorfindel hat diese albernen Dinger nur am Zaumzeug, weil er eine Wette gegen Euch verloren hat. Und diese Wette hätte es nie gegeben, wenn ich nicht hier wäre." Meine Stimme klang ungewohnt heiser. An Erestors Blick konnte ich deutlich erkennen, dass er versuchte meinen Ausführungen zu folgen, aber nicht ganz erfolgreich war.

„Ja, davon ist auszugehen." meinte er schließlich. „Was ist mit Euch, Firiel?"

Wäre ich nicht so mit mir selbst und der Erkenntnis beschäftigt gewesen, dass ich in Tolkiens großem Buch zwar nicht erwähnt wurde, aber anscheinend im Hintergrund doch eine Rolle gespielt hatte, dann wäre ich vielleicht gerührt gewesen über die Besorgnis, die so überdeutlich in der Stimme des sonst so kalten Beraters durchklang.

Jeder, der dieses Buch gelesen hatte, fragte sich wahrscheinlich, warum ein gestandener Mann wie Glorfindel mit silbernen Glöckchen durch die Gegend ritt, als wäre er eine Drag-Queen. Jetzt hatte ich die Erklärung: Wegen einer Wette, die er wegen mir verloren hatte. Ob ich es wahr haben wollte oder nicht, ich hatte anscheinend eine Rolle in Mittelerde gespielt auch ohne dass Tolkien davon wusste. Als Frodo auf Glorfindel traf, war ich in Bruchtal gewesen. Aragorn und die Hobbits hatten Glorfindel dann tatsächlich nur wegen der Glöckchen von den schwarzen Reitern unterscheiden können und sich ihm zu erkennen gegeben.

Ich schloss die Augen und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Es war also nicht unmöglich, dass ich in den Geschicken von Mittelerde tatsächlich noch eine Rolle zu spielen hatte. Auch wenn sie noch so klein war, auch wenn sie nicht in den Büchern stand. Unwillkürlich musste ich an Gandalfs Worte denken, dass viele Mächte für das Gelingen von Frodos Mission arbeiten würden. Was, wenn ich eine von ihnen gewesen war und irgendwas schief ging, wenn ich mich weigerte Kanonenfutter zu spielen?

„Firiel?"

Langsam ließ ich meine Hände sinken. „Mir ist gerade etwas klar geworden. Es... Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll..." Hilflos zuckte ich mit den Schultern.

Erestor schaute mich weiterhin forschend an, doch schließlich ergriff er wieder vorsichtig meine Hände und zog mich auf die Beine. „Ihr solltet Euch besser etwas ausruhen. Ich bringe Euch in Euer Zimmer." Und damit legte er mir sanft einen Arm um die Taille, während er mit seiner linken Hand weiterhin meine festhielt.

Ich muss zugeben, dass mir Erestors Fürsorge alles andere als unrecht war. Im Moment schien seine Gegenwart das Einzige zu sein, was meine wirbelnden Gedanken halbwegs in Zaum hielt. Ohne großartig darüber nachzudenken, lehnte ich meinen Kopf gegen seine Schulter, während wir gingen. Nachdem Erestor mich mit einer Decke auf eine der Gartenliegen auf meinem Balkon verfrachtet und Eryndis herbeigerufen hatte, die sich um mich kümmern sollte, verabschiedete er sich mit den Worten: „Wenn Ihr über irgendetwas sprechen möchtet, meine Tür steht Euch offen." Mit einem letzten ernsten Blick auf mich verschwand er.

Als ich mich nach Stunden endlich wieder halbwegs beruhigt hatte, regte ich mich allerdings gleich über den nächsten ungebetenen Zwischenfall auf. Ich musste feststellen, dass ich prinzipiell nichts dagegen gehabt hätte, wenn Erestor immer so fürsorglich mit mir umgehen würde. Mit einfacher Sympathie oder dem Wunsch mit ihm befreundet zu sein, hatte das nun langsam nichts mehr zu tun!