Drabble 35

Ehrfurcht.

Eines der Gefühle, die sie weniger im Schulalltag begleitete, als jeden anderen ihrer Mitschüler. Es war allerdings auch die letzte Mathematikarbeit im zehnten Schuljahr weshalb es ihr verziehen sein sollte, dass sie mit einem mulmigeren Gefühl als sonst den Klassenraum an einem Donnerstagmorgen um Punkt acht Uhr betrat.

Ihr Mathelehrer selbst war krank – wie immer eigentlich – und hatte die Arbeiten von einem Vertretungslehrer verteilen lassen, der gemächlich durch die Reihen ging und hintereinander weg die Zettel mit den Aufgaben verteilte.

Und gerade als er an Gretchen vorbei geschlendert war tauschten neben ihr, ihre sonstige Sitznachbarin und Marc die Plätze, weshalb sie sich mit seinem zwinkernden Grinsen konfrontiert sah dass es sie schauderte. Warum wollte er auf einmal neben ihr sitzen?

„Ihr dürft die Hefte aufschlagen ab -", der Lehrer schaute blinzelnd auf seine Armbanduhr: „Jetzt!"

Das Rascheln von Blättern erfüllte für einen Bruchteil einer Minute den Raum bevor sich alle heranwachsenden Schüler auf die Aufgaben stürzten.

Nur war es merkwürdig, dass Marc, genau wie Gretchen selbst das Aufgabenblatt B hatten. Es dauerte länger als das Verstehen von der Monotonie, bis die blonde Musterschülerin verstand, warum der Platzwechsel vollzogen worden war: Marc würde mit einer vermeintlichen Sechs in Mathe das Schuljahr nicht schaffen und die Klasse wiederholen müssen. Er würde also bei ihr abschreiben wollen.

Was Gretchen selbstverständlich nicht zulassen würde.

Das war schummeln. Das war betrügen. Das war verboten.

Also machte sie das einzig vernünftige: sie schob ihren Aufgabenzettel nach links und beugte sich so weit über ihr Heft, dass er ihre Antworten nicht sah.

Ein gequältes Seufzen hörte sie darauf, als dann auch Marc sich bewegte und versuchte die gestellten Aufgaben zu lösen.

Bereits nach der Hälfte der Zeit war Gretchen mit der Anforderung fertig und überlegte nicht lange, bevor sie das Heft zuklappte. Sie würde nicht auf dumme Ideen kommen und der trügerischen Vorstellung erliegen, dass Marc nett zu ihr sein würde, wenn sie ihn abschreiben ließ. Hausaufgaben waren eine Sache – ein Dokument über die Wichtigkeit des weiteren Schuljahres zu kopieren jedoch noch eine ganz andere.

„Ich brauche Hilfe. Kann ich abschreiben?", schrieb Marc unauffällig mit Bleistift auf den Tisch und schaute erwartungsvoll Gretchen an, die weiterhin stur gerade aus schaute.

„Ich werde sitzenbleiben, wenn ich diese Arbeit nicht mindestens mit einer 1- bestehe", kritzelte er weiter.

Aber auch diesmal schaute Gretchen ihn nicht an und guckte demonstrativ aus dem Fenster.

Er bohrte das Ende des Bleistifts in ihren Unterarm, worauf sie sich endlich zu ihm umdrehte und genau das sah – wovon sie wusste, dass es sie schwach machte: Marc Meier, wie er sie offen und ehrlich ansah und nur mit einer Bewegung seines Kopfes um ihr Heft bat.

Gretchen schaute auf den Tisch, auf sein Geschreibsel, und musste erstaunt feststellen, dass er „Bitte", geschrieben hatte und dieses Wort, als er sah, dass sie es gelesen hatte, noch einmal unterstrich.

Wer hätte da denn nicht ja sagen können?

Sie schluckte den dicken Kloß, der sich in ihrem Hals breit gemacht hatte, mit einem tiefen Seufzer hinunter, klappte ihr Heft wieder auf und blätterte fast lautlos bis zu ihren Lösungen der einzelnen Fragen, die Marc eifrig abschrieb, ohne dass es dem Lehrer am Pult auffiel.

Und während sie noch den Rest der verfügbaren Zeit darüber nachdachte, wie Marc ihr wohl danken könnte (vielleicht mit einer Einladung zum gemeinsamen Eisessen, oder ein tiefer, ehrlich gemeinter Blick, eine Berührung ihrer Hände ein Kuss vielleicht? - sie errötete) radierte er gen Ende der abzulaufenden Zeit seine Bleistiftfragen vom Tisch, stand auf und gab sein Heft ab. Danach verschwand er ohne ein weiteres Wort aus dem Klassenraum.

So viel dazu, dass er es schätzte, dass sie ihn hatte abschreiben lassen.


Seufzend lehnte sie den Kopf auf die Tischplatte und schloss die Augen. Sie war so doof!

Nach sechs Tagen gab es die Arbeiten zurück, diesmal von ihrem richtigen Mathelehrer und viel Lob, dass man sich doch ein Beispiel an Marc nehmen könnte und er durch viel Lernen seine drohende sechs in Mathe mit einer glatten Eins (-Plus! Zusatzaufgabe war ebenfalls richtig beantwortet) zumindest in eine akzeptable 4- umwandeln konnte.

Seine Versetzung war gesichert und er konnte es sich nicht nehmen lassen, einen Glücksausruf loszulassen.

Für Gretchen gab es von diesem alten Mathe-Kauz nur ein: „Haase – wie immer eine Eins."

Die Blonde wollte schon wieder ihren Kopf auf den Tisch knallen lassen. Diesmal aber bitte so heftig, dass sie in Ohnmacht viel.

Kein Danke von Marc. Ein zynischer Kommentar von ihrem Mathematiklehrer, der es gewohnt war, dass seine Schüler besser waren als seine Schülerinnen – und diese auch weniger mochte.

Das hatte sie davon, wenn sie dachte, sie wäre hilfsbereit!

Als sie das genauso ihrer besten Freundin aus der Parallelklasse in der Fünfminuten-Pause verklickerte, rügte diese sie – nicht das erste Mal, seit Gretchen ihr davon erzählt hatte, dass sie Marc hatte abschreiben lassen.

„Das geht so nicht, Gretchen! Du musst es dem alten Euler sagen, dass du Marc hast abschreiben lassen. Schon allein um deine Ehre wiederherzustellen!"

Die Blonde nagte an einem Schokoriegel und schaute sich suchend nach irgendwelchen Anderen um, die gerade auf der Toilette waren. Zum Glück waren es hauptsächlich nur jüngere Mädchen aus den siebten und achten Klassen.

„Ich kann ihn doch nicht verpfeifen! Dann wird er nicht versetzt. Und-"

„Und es wäre gar nicht so schlimm, wenn der Herr endlich mal einen Dämpfer aufgedrückt bekommt. Außerdem müsstest du dich dann nicht mehr mit seinen Sticheleien rumplagen, weil er dich spätestens dann ernst nehmen würde! Er in der Zehnten und Du in der Elften"

„Ach"... Es war gar nicht wirklich das beschämende Gefühl, noch nicht mal ein Danke von Marc erhalten zu haben, und ihm deswegen eines auswischen zu wollen, sondern vielmehr der Drang, ihm das zu erklären, was er nicht verstand. Aber das konnte sie weder ihrer besten Freundin, noch Marc selbst verklickern, oder?

„Wie „ach"? Was meinst du denn sonst?"

„Uhm... das ist,... kompliziert", schweifte Gretchen ab und war froh, als es klingelte und sie wieder zurück in den Unterricht musste.

Den ganzen Erdkundeunterricht grübelte sie, wie sie sich selbst nur jemals wieder im Spiegel betrachten konnte. Sie mochte es nicht, zu lügen und noch weniger mochte sie daran denken, dass sie ausgenutzt wurde, obwohl sie eigentlich nur helfen wollte.

Aber Abschreiben war keine Hilfestellung.

Das hatte sie Marc schon so oft versucht zu erklären, dass er sich keinen Gefallen damit tat, wenn er Mathehausaufgaben nur bei ihr abschrieb.

Vielleicht war sie aber auch selbst schuld, dass sie Marc hatte nie einen Wunsch abschlagen können. Letztendlich änderte es aber nichts an der Gesamtsituation, dass sie sich schlecht fühlte, weil sie Recht und Unrecht zu unterscheiden wusste.


Was würde sie nur machen können...

„Das ist glatter Status-Selbstmord, Gretchen", quietschte ihre Freundin und zog die Blonde am Arm, damit sie ihren waghalsigen Plan nicht umsetzte.

„Ich hab keinen Status. Also kann ich ihn auch nicht umbringen", erklärte Gretchen seufzend, löste die verkrampften Finger der Freundin aus ihrem T-Shirt und marschierte hocherhobenen Hauptes zu der Wiese auf dem Marc und die „Coolen Kids" liegend rum lümmelten und ihren Sommerurlaub planten.

Sie selbst war nie in die Nähe dieses Platzes gekommen, weil sie – wie der Name schon sagte – kein cooles Mädchen war.

„Viel Glück. Und komm mir bloß nicht gebrochen zurück", rief ihre Freundin und drückte ganz fest die Daumen, dass Gretchen in den letzten drei Tagen die richtige Entscheidung getroffen hatte!

Sie müsste dieses ganze Gespräch kausal angehen, sie dürfte nicht zurückweichen und sich in ihrem Vorhaben beirren lassen. Sie wusste, sie hatte die besseren Argumente und das Recht auf ihrer Seite!

Wenn sie seine Clique nur nicht schon von weitem hatte lachen hören – vermutlich (absolut und garantiert!) über sie.

Und viele dieser im Gras liegenden Schüler staunten nicht schlecht, als sie sich ganz gerade vor Marc aufbaute, sich räusperte und sein Gespräch mit einer ihrer Klassenkameradinnen unterbrach:
„Marc – wir müssen reden", sie war so stolz, dass sie nicht gesagt hatte: „Marc, ich denke, wir müssen reden!"

„Hasenzahn, du stehst mir im Weg und blockierst die Sonne", polterte er, ohne den Blick von seiner hübschen, langbeinigen im MiniRock so unglaublich attraktiven Gesprächspartnerin zu nehmen. Im Gegenteil, während er für sie nur diesen genervten Ton übrig hatte, flüsterte und lachte er mit diesem Mädchen um die Wette.

Mariella „Mozzarella" di Santo. Den Namen „Mozzarella" hatte sich Gretchens Freundin einfallen lassen – denn obwohl sie halbitalienischer Herkunft war, war ihre Haut so weiß wie die Farbe eines Mozzarellas.

„Wir müssen über Mathe reden!", beharrte die Blonde standhaft, wofür sie sich schonmal ein parodiertes „Wohooo" einfing.

„Zisch ab, Hasenzahn", mischte sich nun auch Marcs bester Freund und Sitznachbar ein: „Mathe ist vorbei, und Marc hat bestanden!"

Gretchen schluckte schwer. Dieses Gespräch war so viel erniedrigender als in ihrer Vorstellung. Sie musste sich verdammt noch mal irgendwie Gehör verschaffen.
„Ich...", sie räusperte sich, schob sich die Brille höher auf die Nase atmete tief ein und begann dann noch mal von neuem: „Ich werde dir Nachhilfe in Mathe geben!"

So. Das schlimmste war geschafft.

„Bitte", machte er belustigt, hatte sie jedoch seine vollste Aufmerksamkeit, da er sich hinsetzte und sie gegen die Sonne blinzelnd musterte. Es war ihr in diesem Moment sogar egal, was er in ihr sah, oder dass viele ihrer Mitschüler in peinliches Gelächter ausgebrochen waren.

„Wie kommst du bitte darauf, dass du das wirst? Ich müsste dafür erstmal einwilligen!", er schüttelte abweisend den Kopf und blitzte sie so höhnisch an, dass sie ihm am liebsten eine Backpfeife verpasst hätte – wenn sie sich getraut und gewaltbereit gewesen wäre.

„Du hast die Wahl. Entweder ich erkläre dir die Aufgaben der letzten Mathearbeit, bis du verstehst, oder ich werde zum Euler gehen und ihm sagen, dass ich dich habe abschreiben lassen!"

Während Marc der Mund offenstand hatten seine Freunde und dessen Freundinnen nur lautes Gelächter übrig.

„Moment... Du versuchst mich damit zu erpressen, mich zur Nachhilfe zu zwingen oder dass du petzen gehst? Hasenzahn, du bist noch mehr Freak, als alle denken!", Marc winkte ab.

„Außerdem pinkelst du dir damit ans eigene Bein. Denkst du, der alte Euler wird dir nicht gleich auch eine sechs geben, weil du einem Täuschungsversuch zugestimmt hast?"

Noch mehr Gelächter seiner Freunde.

Gretchen atmete ruhig ein und aus: „Dieses Risiko gehe ich ein!"

Ruhe.

Keiner lachte mehr, keiner gab zynische oder herablassende Kommentare ab und niemand wagte es die Entschlossenheit in Frage zu stellen, mit der Gretchen dieses Gespräch begonnen hatte – denn alle wussten, dass gute Noten für den Streber vor ihnen das Wichtigste war. Vor Jungs und Musik. Vor Hobbies. Vor Status. Wenn sie also entschlossen war, ihren Mathedurchschnitt hinabstufen zu lassen, dann war es ihr sehr Ernst.

„Du willst allen Ernstes eine Sechs riskieren? Hält das dein kleines rosarotes Streberherzchen aus, dass in Mathe auf dem Zeugnis dann nur noch eine zwei oder gar drei stehen wird?", piesackte Marc, nachdem er einmal kräftig geschluckt hatte. Für einen Moment hatte er ihr die Entschlossenheit sogar abgenommen, bis er daran dachte, wie sehr sie die Zahl Eins liebte. Nie im Leben würde sie ihre Drohung wahrmachen.

„Wird das dein 1,0 Durchschnitt auch vertragen", spottet Marc in einer feinen, piepsigen Stimme und verzog seine Mundwinkel zu einem kleinen Schmollmund.

Gretchen starrte betreten auf den Boden, als es schon wieder fiese Lacher hagelte. Warum war sie noch mal hier hergekommen? Weil sie es mochte, gemobbt zu werden? Weil sie masochistische Neigungen hatte?... Sie schaute auf Marc, der ebenfalls herzlich lachte. Mit glänzenden Augen und tollen Grübchen.

Sie stellte sich doch hier nur so bloß, weil ihr Marc – trotzdem er alles andere als freundlich zu ihr war – nicht egal war. Und weil sie wusste, dass er nicht zu doof war, das bisschen Polynomdivision und Strahlensätze zu verstehen:

„Die Frage ist nicht, ob mein Durchschnitt diesen Rückschlag hinnimmt, sondern ob du in die elfte Klasse mit einer Sechs auf dem Zeugnis versetzt wirst, mein lieber Marc!"

Diese Antwort hatte gesessen und sie befand, dass er seinen Mund auf und zu klappte, nach den richtigen Worten suchend, und seine Freunde um ihn herum hilflos anschaute, für ein eindeutiges Ergebnis, dass sie Ausnahmsweise einmal ein Wortgefecht mit Marc gewonnen hatte.

Sie drehte sich lässig auf den Sohlen ihrer platten Turnschuhe um und ging schnellen Schrittes wieder zurück zu ihrer Freundin, die jubelnd Pirouetten drehte.
„Gretchen 1. Marc 0", drückte das Mädchen ihre blonde Freundin.

A/N:

heute begann in Niedersachsen das neue Schuljahr. Wie, wenn nicht mit einem neuen Drabble das neue Pauker-Jahr einleiten?

lg

manney