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„Und los, lass sie fliegen", sagte Glenn zu Enid, die gerade den letzten Luftballon an eine Schnur knotete. „Dann sehen sie, dass wir hier sind. Wir werden in die Stadt kommen, das schaffen wir, Enid!"

Er war motiviert. Fast zu Hause. Fast bei seiner Frau. Es dauerte hoffentlich nicht mehr lange und sie wären in Alexandria. Es fühlte sich an, als wäre es Jahre her, dass er von der Stadt aufgebrochen war, um mit den anderen die Herde wegzulocken.

Von seiner erhöhten Position konnte Glenn erkennen, dass sich ein paar Menschen in der Nähe des Tores versammelten und gerade in seine Richtung blickten. Sie hatten also das Zeichen bemerkt, Schritt eins ihres Plans war erfüllt.

Dann ein seltsames Krachen. Es hörte sich an wie zersplitterndes Holz... Glenn traute seinen Augen nicht. Der Aussichtsturm neben der Mauer sackte bedrohlich langsam in sich zusammen.

Enid stellte sich neben ihn und sie blickten für einige Sekunden starr auf das Geschehen.

Die Mauer wurde an der Stelle, an der der Turm aufkam, mehrere Meter aufgerissen. Der Weg für die Beißer war frei.

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Ins Unheimliche verwandelt erscheint das Menschliche im Wahnsinnigen; wieder ist es, als ob ein 'Es', ein fremder, unmenschlicher Geist in die Seele gefahren sei."

- aus 'Das Groteske', Wolfgang Kayser

„Was zur Hölle...?" begann er, doch sprach er nicht weiter, weil die Szenerie einfach zu seltsam war. Es fiel ihm nichts dazu ein. Was machte diese Person da?

Er bremste den Wagen und betrachtete einen Moment lang das, was gerade geschah. Anscheinend verlor die Person auf der Straße just in diesem Moment den Verstand. Beunruhigend.

„Ein Gewehr, eine Tasche und ein Messer. Mehr hat sie nicht dabei, glaube ich."

„M-hm. Sieht so aus. Los, sie kriegt eh nichts mit, wie es aussieht."

Sein Beifahrer und einer vom Rücksitz stiegen aus, um die zierliche, blutbeschmierte Frau auf der Straße mitzunehmen. Gerade stach sie auf einen abgetrennten Kopf ein, den sie die ganze Zeit in der Hand getragen hatte. Sie waren ihr bestimmt schon fünfzig Meter langsam gefolgt, doch hatte sie sich nicht ein Mal umgedreht oder sie bemerkt.

Irgendwann waren drei Beißer auf sie zugegangen und neben ihr hergelaufen, der Geruch ihrer Haut ließ sie wohl in dem Glauben, dass sie zu ihnen gehörte. Dann war sie ausgerastet. Hatte wild um sich geschlagen und innerhalb kürzester Zeit die drei Beißer niedergestreckt.

Jetzt kniete sie auf dem Boden und nahm nichts in ihrer direkten Umgebung wahr. Einer der zwei Männer stand hinter ihr, der andere hockte gerade vor ihr und sagte etwas. Allerdings regte sie sich nicht, schien ihn nur anzustarren. Er runzelte die Stirn, während er weiterhin das Lenkrad umklammert hielt.

Er rechnete fest damit, dass sie ihr Gegenüber einfach angriff, doch geschah nichts dergleichen. Nach etwa einer halben Minute kippte sie einfach zur Seite und blieb auf der Straße liegen.

Der Hockende sah zu ihm und zuckte die Achseln. Er kurbelte das Fenster runter und beugte sich etwas aus dem Auto heraus.

„Mitnehmen!" rief er bloß und die beiden Männer schleppten sie zum Wagen.

Sie hatten endlich wieder etwas, das sie als Tribut zahlen konnten, mit den Vorräten sah es nämlich nicht so gut aus.

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Sie fuhren jetzt seit Stunden über die Straße zurück nach Alexandria. Durch das WalkieTalkie hatte er Eugenes Stimme gehört, die Stadt war also in Schwierigkeiten. Die Suche nach Judith würde weiterhin warten müssen.

Daryl kaute gedankenverloren auf seiner Unterlippe herum und blickte stur geradeaus auf die Straße. Der Weg zog sich wie ein Nachmittag in einer Polizei-Wache, in der man darauf wartete, dass man seinen Bruder endlich aus der Ausnüchterungszelle mit nach Hause nehmen konnte...

Alte Zeiten, ein Segen, dass sie vorbei waren. Auch wenn er manchmal darüber nachdachte, ob Merle sich noch weiter hätte ändern können, ein Teil der Gruppe hätte werden können.

Er würde es niemals erfahren.

Neben ihm räusperte sich Sasha und er sah aus dem Augenwinkel, dass sie ihre Hände ineinander verkrampfte. Sie war angespannt, denn auch sie war besorgt wegen Alexandria. Abraham schien das alles nicht besonders zu interessieren, oder er versteckte es nur sehr gut. Daryl tippte auf letzteres, aber beschwören wollte er es nicht.

Dann sah er etwas auf der Straße. Es war etwa ein Dutzend Motorradfahrer, die den Weg blockierten. Und schon wieder ein neues Problem auf seiner endlosen Liste. Es war einfach unfassbar, kein Mensch würde ihm jemals glauben, dass ihn das Pech tatsächlich auf diese hartnäckige Art verfolgte. Dabei war die Tatsache, dass sie alle in einer von Untoten verseuchten Welt lebten, anscheinend eine unwichtige Randinformation.

Darf ich vorstellen, Daryl Dixon und sein verdammt nochmal beschissenes Leben. Fast hätte er gelacht.

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Maggie spürte wie ihr eine Menge Splitter in den Fingern steckenblieben. Sie musste endlich auf den Aussichtspunkt und die Kraft drohte sie zu verlassen. Weiter, hoch, weiter. Für Glenn, der vor den Mauern Alexandrias stand, für ihr ungeborenes Kind.

Mit letzter Kraft zog sie sich auf die Plattform und ließ sich auf den Rücken sinken. Die Anstrengung war vorüber und das Adrenalin flaute langsam ab. Sie spürte ihre Knie, die sie sich aufgescheuert haben musste, ihre Hände, die brannten und ihre Lunge, die bei jedem Atemzug schmerzte.

Dennoch erlaubte sie sich ein wenig Zuversicht. Immerhin lebten sie und Glenn noch, die meisten der anderen hatten sich in ihre Häuser retten können und die Beißer strömten langsam in die Stadt, anstatt alles unkontrolliert zu überrennen. Es könnte definitiv schlimmer sein, aber das war in diesen Zeiten keine Kunst und nicht sonderlich beeindruckend.

Jetzt bräuchte sie nur noch einen Plan, um die Beißer am Boden um die hölzerne Konstruktion, auf der sie sich gerade befand, in Schach zu halten. Fieberhaft dachte sie nach, während sie sich aufsetzte und ihre Umgebung genau untersuchte. War noch etwas hier oben? Nein, das entdeckte sie sofort. Und selbst wenn etwas hier gelegen hätte, sei es eine Waffe oder Wasser gewesen, spätestens bei ihrer gewagten Aktion wäre es heruntergefallen.

Denk nach, Maggie, denk nach... summte es durch ihren Schädel, der zum Bersten mit Wünschen, Ängsten, Ideen und Szenarien gefüllt war.

Zum Glück hatte sie ihr Gewehr dabei, damit könnte sie zumindest anfänglich etwas bewirken und sonst wäre sie wahrscheinlich schon tot. Vielleicht war ihr doch etwas Hoffnung vergönnt und die Aussicht auf eine Zukunft mit diesen Menschen in genau dieser Stadt. Aber wer wagte schon zu hoffen...?

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Schaukeln, leichtes Wiegen, wie auf einem Schiff... Ein kontinuierliches Rauschen des Windes. Ihre Augen ließen sich nur einen Spalt weit öffnen. Die Gegend zog an ihr vorüber.

War sie etwa in einem Wagen? Langsam kam sie zu Bewusstsein, doch konnte sie nicht viel erkennen. Nur einen Mann neben sich, der sie die ganze Zeit ansah.

„Ich glaube sie wird wach", hörte sie ihn noch dumpf sagen, dann wanderten ihre Gedanken und ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Fenster neben ihr und den Wald, der eilig an ihr vorbeiraste. Warum war sie nicht tot? Was war überhaupt passiert? Es fiel ihr nicht ein. Sie konnte sich an nichts erinnern. Nur an den Hass, den sie ununterbrochen in sich spürte.

Sie versuchte ihre Augen wieder zu öffnen, doch geschah nichts. Ihr Bewusstsein verschwamm und irgendwann versank sie wieder in der Stille, aus der sie sich so mühselig befreit hatte...

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Es widerstrebte ihm zwar, doch waren er, Sasha und Abraham aus dem Fahrzeug ausgestiegen. Jetzt standen sie diesen Männern gegenüber und warteten auf eine dieser feierlichen Reden, die die Schergen eines Widersachers immer zu halten pflegten. Es ging ihm auf die Nerven.

Warum war es so schwierig sich nicht mit Gewalt gegen andere Menschen durchzusetzen? Wieso musste immer irgendjemand da sein, der alle Güter dieser Erde unter seinem selbst gezimmerten Thron bunkern wollte?

Daryl fiel der Gedankengang ein, den er gehabt hatte, als sie von diesen Fremden gezwungen wurden, endlich den Wagen zu stoppen und auf die Straße zu kommen.

Und seine Vermutungen wurden kurz darauf bestätigt – der vorderste dieser Männer wollte den Wagen und alles, was sich in ihm befand. Dass er sie nicht dazu zwingen wollte, noch auf der Straße ihre Kleidung abzulegen, damit er sie mitnehmen könnte, war alles.

Allerdings wollte Daryl es auch nicht herausfordern... Geduldig hörten sie seinen Forderungen zu. Er wollte alles. Er sprach sogar von Taschentüchern im Handschuhfach oder Flusen in der Ablage. Er schien es ernst zu meinen.

Kurz dachte Daryl darüber nach, sich bis zum bitteren Ende zu wehren, doch wusste er nicht, mit welcher Art von Männern sie es hier zu tun hatten. Wenn sie für jemanden arbeiteten, dann war es wahrscheinlich sogar noch schlimmer, als es gerade aussah.

Denn Menschen, die willenlos Fremde für jemand anderen ausraubten, waren meistens die Sorte von Mensch, denen man besser nicht widersprach. Dumme Leute waren eben immer die Zielgruppe eines Irren, der zugleich auch noch charismatisch war.

Ähnlich hatte es sich wohl mit Judiths Vater verhalten, er war so ein Mensch gewesen. Deshalb hatte ihn auch niemals jemand angezeigt. Und wer hatte das Nachsehen? Genau, sein eigen Fleisch und Blut. Sein eigener Vater war auch so ein Mensch gewesen...

Der Fremde verkündete gerade: „Euer Eigentum gehört jetzt Negan."

Daryl kam zurück in die Wirklichkeit. Die Liste der Probleme wurde erneut länger. Hervorragend.

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„Holt mir Bettlaken her, so viele, dass sie für uns alle reichen", rief Rick gerade, doch schien niemand direkt zu verstehen, was er vorhatte.

Es war höchste Zeit endlich dieses Haus zu verlassen, denn lange würden sie hier drin nicht mehr sicher sein.

„Was? Wofür?"

„Holt sie einfach her, wir müssen improvisieren", sagte er an den stirnrunzelnden Gabriel gerichtet. „Na los", fügte er noch hinzu, um seiner Forderung an Nachdruck zu verleihen.

Entschlossen blickte er Michonne an, die bloß nickte. Ihr war die Notwendigkeit dieses Vorgehens bewusst.

An den Rest gerichtet, sagte er: „Wir werden die Beißer ausweiden, das Zeug auf die Bettlaken schmieren und sie uns dann wie Mäntel überwerfen. Wir müssen so riechen wie sie, dann können wir durch die Stadt gehen, ohne dass sie uns bemerken. Es funktioniert, das habe ich selbst schon einmal gemacht, damals in Atlanta." Er machte eine kurze Pause und wischte sich angestrengt über die Stirn. „Erinnert ihr euch an das, was Morgan erzählt hat? Judith hat es auch gemacht, als die Wölfe uns angegriffen haben, sie hat deswegen überlebt. Wenn diese kleine Frau es schafft, dann schaffen wir das auch, ok? Wir sind stark, versteht ihr?"

Michonne versenkte die Spitze ihres Katanas im Oberkörper einer der Beißer, die sie zu diesem Zweck in die obere Etage geholt hatten. Es konnte losgehen.

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Carol war sich ziemlich sicher gewesen, dass Morgan etwas im Untergeschoss versteckte. Es war beinahe offensichtlich, ein öffentliches Geheimnis. Und nun sah sie, dass sie leider wieder Recht behalten hatte: Einer der Wölfe war in diesem Raum eingeschlossen, zusammen mit Denise, der Ärztin.

Verärgert, nein unglaublich wütend war sie. Sie kannte gar keinen Ausdruck für das, was sie in genau diesem Moment in dieser konkreten Situation fühlte.

Er hatte doch tatsächlich das Leben der einzigen Ärztin hier aufs Spiel gesetzt, um einem verrückten Mörder das Leben zu retten. Sie würde ihn töten, so viel stand fest. Sie musste es.

„Morgan, ich werde ihn töten. Und ich werde Sie töten, wenn Sie mir nicht aus dem Weg gehen", raunte sie gerade und versuchte die Situation in den Griff zu bekommen. Es war einfach unbegreiflich, die ganze Zeit war dieses Monster hier unten gewesen und sie war unbedacht mit der kleinen Judith im Arm durch Alexandria spaziert. Was, wenn er sich hätte befreien können? Was, wenn er jetzt die Chance dazu bekam? Dann war es definitiv Morgans Schuld was danach passierte, so viel stand fest.

Mit seiner verweichlichten Weltansicht käme er nicht weit. Nicht in der Welt, in der sie nun waren. So lief es eben nicht mehr.

Schon lange nicht mehr.