»Da seid ihr ja endlich! Dominique ist... Wow was ist denn mit dir passiert?« Max bleibt vor Schreck mitten auf den Gang zu den Schlafräumen stehen, als er seinen besten Freund sieht. Was kann man einem Menschen innerhalb weniger Stunden antun?
»War das Montinguez?« Tibor nickt, mehr braucht Max nicht zu wissen.
»Was ist nun mit Dominique? Ich kann sie nirgends sehen.« Irgendetwas sagt Tibor, dass etwas nicht stimmt. Das Mädchen riecht sonst aus zehn Kilometern Entfernung, wenn die Agenten zurückkommen.
»Man hat sie mitgenommen. Nein, sie wurde nicht entführt, aber so ähnlich. Sie hat jetzt neue Aufpasser, sie sind vor zwei Stunden abgefahren.«
»Das kann doch gar nicht sein! Wen kann Al Dominique schon anvertrauen außer uns?« Bei Julius Bemerkung kommt Tibor ein schrecklicher Gedanke.
»SIE!« Max weiß, an wen der Freund denkt. »Ja genau, SIE. Dominique weiß noch nicht, wer sie sind. Sie wollen morgen früh einen Flieger nehmen, wohin weiß niemand. Über Nacht bleiben sie in einem Hotel ganz in der Nähe.«
»Sie hatten es ja ziemlich eilig, von hier wegzukommen. Und du hast nichts dagegen unternommen?« Max zuckt mit den Schultern. »Ich habe es versucht, aber Robinson war wohl festentschlossen, das Mädchen loszuwerden.«
Tibor lässt sich einfach nicht beruhigen, er ist sichtlich wütend. »Wir können sie damit nicht durchkommen lassen! Wir müssen ihnen folgen, und zwar sofort!« Er stürmt in sein Zimmer, die drei anderen Agenten folgen ihn. Julius war bisher nur einmal in Tibors Zimmer, aber es ist genau so, wie er es in Erinnerung hat: top aufgeräumt und schlicht.
»Könnt ihr uns bitte erklären was hier los ist? Wer hat Dominique mitgenommen und was habt ihr jetzt vor?«
Tibor schreit ihnen ein »Gleich« aus dem Badezimmer zu, während er sich eine heile Hose anzieht. Als er zurückkommt, hat er sich das Blut und die überschüssige Säure bereits abgewaschen, aber auf seinen nackten Oberkörper sehen die anderen zum ersten Mal den vollen Ausmaß der Verletzungen: Mehrere Blutergüsse und Verätzungen auf Armen, Brust und Rücken, Montinguez letzte Attacke hat eine riesige Wunde hinterlassen, die sich vom Hals hinunter zur linken Schulter erstreckt.
Drei Narben kennzeichnen die Stellen, an denen ihn in den letzten Jahren eine Kugel gestreift hat. »Das sollte sich definitiv gleich Scarlett anschauen, das sieht verdammt übel aus.«
Max meint es ernst: Ohne medizinische Behandlung würden sich die Wunden entzünden, und das könnte noch schmerzhafter werden als Montinguez Folter.
»Das hat Zeit. Wir müssen zu Erst zu Dominique, sonst bekommen wir sie nie eingeholt.«
Die anderen nicken zur Zustimmung. »Willst du nicht lieber hier bleiben? Jemand muss Al benachrichtigen und du bist nicht in der Verfassung, um heute noch zu kämpfen.«
»Ich weiß deine Sorge zu schätzen, Julius, aber ein Kampf wird heute nicht nötig sein. Und ich komme mit, koste es was es wolle.« Tibor ist fest entschlossen, niemand würde ihn jetzt noch aufhalten können.
Max und Delilah sehen sich vielsagend an, beide haben die gleiche Idee.
»Dann bleiben wir hier.« Dieser Vorschlag kommt zur Überraschung aller ausgerechnet von Delilah. »Max wird mir alles erklären und ich werde Al benachrichtigen. Sobald wir können werden wir euch folgen, aber ihr müsst jetzt unbedingt los und Dominique zurückholen!«
Falls es Julius beunruhigt, seine Partnerin nicht dabei zu haben, so sagt er es nicht. Tibor bedankt sich bei ihr, dann stürmen die Brüder schon zum Wagen.
Ohne auf die anderen Verkehrsteilnehmer zu achten, rast Tibor die Straßen entlang. Er ist Agent, er darf das. Er hört zwar, wie Julius neben ihn laut flucht, aber er ignoriert es einfach. Er ist Agent, er darf das.
»Könntest du mir wenigstens erklären, warum du uns hier anscheinend umbringen möchtest? Was sind das für zwei Agenten, die Dominique mitgenommen haben? Gehören sie auch zum Projekt?« Tibor fährt eine scharfe Rechtskurve, dann antwortet er.
»Ich kann dir nur so viel sagen: Al würde Dominique niemals Agenten überlassen, bei denen nur ansatzweise die Möglichkeit besteht, dass sie zum Projekt gehören. Trotzdem: Wenn wir uns nicht beeilen sehen wir das Mädchen nie wieder, und du weißt was das bedeutet. Warum muss sie sich eigentlich immer in Schwierigkeiten bringen?«
Darauf weiß selbst Julius keine Antwort. Er weiß auch nicht, was ihn mehr Sorgen bereitet: Der Fahrstil seines Bruders oder die Möglichkeit, das Mädchen nie wieder zu sehen. »Ich hätte nie gedacht, dass du für ein kleines Mädchen mal einen solchen Zirkus veranstaltest.«
»Du weißt noch einiges nicht über mich, kleiner Bruder. Aber um dich zu beruhigen: Das Wichtigste weißt du.«
»Davon bin ich noch nicht überzeugt. Wieso erzählst du nie freiwillig etwas über dich?«
Tibor überlegt eine Weile. »Ich beantworte grundsätzlich keine Fragen, vor allem wenn man auf die Antwort selber kommen könnte. Du hast keine Ahnung, was in den letzten Jahren alles passiert ist. Wenn du das erlebt hättest, würdest du nie wieder jemanden trauen. Aber das kann ich dir später erklären, wir sind da.«
Mit einer saftigen Vollbremsung hält er direkt vor einem kleinen Hotel. Sie rennen geradewegs zu den Treppen als der Portier versucht, sie aufzuhalten. Doch ein Blick von Tibor genügt, um den Mann eingeschüchtert zu vertreiben.
»Woher weißt du eigentlich, welches Zimmer sie haben?« Mit großen Schritten rennt Julius dicht hinter Tibor die Treppen hoch.
»Wenn es die sind von denen ich denke dass es sie sind dann nehmen sie jedes Mal das gleiche Zimmer, wenn sie hier sind.«
Im dritten Stock verlassen sie das Treppenhaus. Erinnerungen kommen in Tibor hoch, alles ist noch genauso wie damals, als er das letzte Mal hier war. Vor dem Zimmer mit der Nummer 173 bleibt er stehen und klopft. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis tatsächlich Dominique die Tür öffnet.
»Tibor! Julius! Na endlich!« Ohne es zu wollen umarmt sie die beiden Agenten, einfach nur glücklich, sie zu sehen. Eine Frau und ein Mann treten hinter das Mädchen. »Es ist ziemlich lange her, dass wir uns gesehen haben, Tibor.«
»Nicht solange, wie ihr Julius nicht gesehen habt. Darf ich vorstellen: Aiden und Isabelle Chevalier, unsere Eltern.«
