Jaspers POV:

„So will ich jedes Mal geweckt werden" , lächelte ich Alice an, nachdem die mich so stürmisch begrüßt hatte. Meine kleine Elfe saß auf der Decke auf der Höhe meines Bauchs und strahlte mich regelrecht an, während ihre kleinen Hände unsichtbare Muster auf den Stoff meines Hemds zeichneten.

„Das kann eingerichtet werden" , zwitscherte sie mit ihrer süßen Stimme und beugte sich wieder zu mir. Ihre warmen Lippen berührten meine und ich vergaß alles um mich herum.

Bella, meldete sich eine kleine, leise Stimme in mir zu Wort, denk an Bella!

Schwer atmend löste ich mich von Alice und sah noch rechts. Der Platz, wo Bella in den letzten paar Stunden oder Minuten-das wusste ich nicht genau-gelegen hatte, war leer, das Laken zerknittert und die Decke zurückgeschlagen. Ein unwohles Gefühl breitete sich in meinem Magen aus, als ich die kalte und verlassene Fläche ansah. Wo war meine süße Bella?

„Wo ist Bella?" , fragte ich Alice, während ich meinen Blick mühsam abwendete.

„Unwichtig" , flüsterte meine Kleine. Ich wollte gerade protestieren, dass es sehr wohl wichtig war, als sie mich wieder über mich herfiel. Was soll ich sagen? Alice schaffte es jedes Mal, mich meine Probleme vergessen zu lassen.

Ich vergaß sogar, dass wir uns immer noch in Bellas Zimmer befanden, als unsere Berührungen immer wilder wurden. Wir wären bestimmt noch einen Schritt weiter gegangen, wäre nicht die Tür zum anliegenden Badezimmer aufgegangen. Schüchtern lugte Bella hinter der Tür hervor, ihre dunkelbraunen Haare fielen sanft an den Seiten ihres Gesichts herab und verbargen ihre knallroten Wangen fast vollständig.

Sofort löste ich mich von Alice und schob sie einige Zentimeter von mir weg. Ich wollte etwas sagen wie: Da bist du also! oder Hast du auch gut geschlafen?, doch mein Atem ging immer noch unregelmäßig und ich hatte Angst, keine ordentlichen Wörter rauszubekommen. Also lächelte ich sie nur an und hoffte, dass sie meine Nachricht verstehen würde, während ich immer noch schwer durch die Nase ein- und ausatmete.

Bella verstand es anscheinend nicht. Sie sah mich einfach nur an, ohne Gefühle. Kein Lächeln, kein Glitzern in den Augen, nichts. Kalt und emotionslos, bevor sie zur Tür herausstürmte und die Treppe herunterpolterte.

Ich musste schwer schlucken und ließ mich nach hinten in die Kissen fallen. „Wir sollten aufhören", murmelte ich Alice zu, während ich mir nervös die Haare aus den Augen strich.

„Aber Jazzy! Warum-" „Kannst du rausgehen?" , fuhr ich sie grober an, als es eigentlich nötig war.

Verletzt starrte sie mich einige Sekunden lang an, bevor sie von mir herunterkletterte und aus dem Zimmer stolzierte.

Wie hatte ich es nur hingekriegt, dass beide meiner Mädels sauer auf mich waren? Ich bedeckte meine Augen mit meinen Handflächen, um das alles nicht mehr sehen zu müssen, während ich dalag und versuchte, herauszufinden, was schiefgegangen war.

Bella war von Anfang an anders gewesen als früher. Klar, sie war älter, aber da war noch etwas...

„Beziehungsprobleme?" , fragte eine tiefe Stimme rechts von mir und ich fuhr erschrocken auf. Emmett saß in dem Stuhl rechts vom Bett und spielte mit den Knöpfen der Strickjacke, die Bella liegengelassen hatte.

„Emmett! Mach das nie wieder!" Ich versuchte, meinen gefährlichen Blick aufzusetzen, aber es klappte nicht. Ich musste eher grinsen.

Wie hatte er es geschafft, hier hinein zu schleichen? Mir entging doch sonst nichts...

„Ich kann nichts garantieren", warnte er mich ebenfalls grinsend und ließ sich neben mich fallen.

„Ähm... du weißt aber, das das im Moment Bellas Bett ist, oder?"

„Ja, weiß ich. Denkst du, ich bin blöd?" , schnauzte er mich an, während er mit seiner riesigen Pranke meine Haare zerzauste. Ich kam mir vor wie ein Kleinkind.

„Du hast meine Frage nicht beantwortet. Ich wiederhole: Beziehungsprobleme?" Er sprach es ganz langsam und deutlich aus, als wäre ich geistig minderbemittelt.

„Ich bin auch nicht blöd. Ich hab deine Frage schon verstanden" , schnauzte ich zurück, doch zögerte trotzdem. Sollte ich ihm etwas erzählen?

„Reiß dich zusammen, Mann. Wir sind doch beide Kerle. Ich versteh´deine Probleme bestimmt nur zu gut." Emmett sah mich ernst an. Wirklich ernst. Es war schon leicht unheimlich, ihn so bei der Sache zu sehen.

„Es geht um Bella. Und Alice" , platzte ich schließlich heraus.

„Das hab ich mir schon gedacht", sagte Emmett augenverdrehend, „Und weiter?"

„Bella ist irgendwie komisch, anders als früher. Ich hab das Gefühl, sie meidet mich. Und Alice ist in letzter Zeit sehr...stürmisch. Nicht, dass es mich stören würde, wirklich überhaupt nicht, aber sie hat ja erst damit angefangen, als Bella zu uns gekommen ist. Ich versteh das einfach nicht."

Emmett machte ein nachdenkliches Gesicht. „Mh...ein typischer Fall von Reviermarkierung", schloss er nach einigen Sekunden. Ich denke, er sah die riesigen Fragezeichen in meinen Augen, also weitete er seine Aussage etwas aus:

„Alice markiert ihr Revier, also dich, indem sie allen zeigt, dass du ihr gehörst. Du mit deinen verrückten Teenager-Hormonen machst natürlich mit. Bella sieht das und hält sich von dir fern. Würdest du etwa gerne sehen, wie Bella mit Edward rummacht?" Ein scheußliches Bild entstand vor meinen Augen und ich schüttelte den Kopf.

„Das versteh ich. Aber warum macht Alice das in erster Linie? Bella ist doch meine Schwester, da muss sie doch nichts behaupten."

Emmett zuckte mit den breitet Schultern. „Sie hat wahrscheinlich nur Schiss, dass sie nicht mehr deine gesamte Aufmerksamkeit bekommt. Ist dir schon mal aufgefallen, dass du in den letzten Stunden doppelt so viel Zeit mit Alice verbracht hast als mit Bella, deiner leiblichen Schwester, der du eigentlich so viel zu erzählen hättest? So, wenn du noch mehr Hinweise willst, musst du mich bezahlen."

Ich nickte langsam, während ich mir das nochmal durch den Kopf gehen ließ.

Ich hatte den Umstand, dass Bella hier war, als völlig selbstverständlich hingenommen. Fast den ganzen Vormittag hatte ich mit Alice verbracht, die Nacht auch. Dabei war sie erst so kurz hier! Sollte ich nicht eigentlich jede mögliche Sekunde bei ihr sein?

Und Bella würde auch nie etwas sagen. Sie war einfach zu nett und auch zu schüchtern, als dass sie ihr Recht auf Zeit mit ihrem Bruder einfordern würde. Die letzten hundert Jahre lang hatte ich sie vermisst, und jetzt, da sie da war, ignorierte ich sie fast vollständig!

„Und? Hattest du deine Erleuchtung?" , fragte Emmett neugierig und sah mich an.

Ich nickte. „Danke Em. Seit wann bist du eigentlich so...aufmerksam?"

Ein breites Grinsen breitete sich langsam auf seinem Gesicht aus und er stand schwerfällig auf. Mit trampelnden Schritten, die man bestimmt noch einen Stock tiefer hören konnte, ging er zur Tür. Im Türrahmen drehte er sich noch einmal um und sah mich wissend an.

„Es gibt vieles über mich, was du nicht weißt, Bruderherz. Ich sollte dich eigentlich nur runterholen, es gibt Mittagessen."

Bellas POV:

Alle hatten sich schon am Tisch eingefunden, nur Emmett und Jasper fehlten noch. Wollte ich wissen, was die da oben so lange trieben? Nein.

Ich war gerade dabei, mit Edward über Musik zu sprechen. Anscheinend war er ein echter Sammler und spielte auch Klavier, ich hatte mir schon von ihm versprechen lassen, dass er mir seine ganzen CDs zeigen würde.

„Und was ist mit dir?" , fragte Edward mich schließlich, „ welche Musik hörst du?"

„Ich? Ich höre eigentlich so ziemlich alles querbeet. Ich kenn´mich da aber auch nicht so aus."

Ich beobachtete Emmett, der die Treppe hinuntergesprungen kam. Wo blieb Jasper?

„Ich kann dir ein bisschen was beibringen, wenn du willst" , bot mir Edward lächelnd an.

Ich wusste, was es bedeuten würde, wenn ich „ja" sagte. Dass ich einverstanden war, ihn besser kennenzulernen, dass ich bereit wäre, was mit ihm anzufangen.

Spätestens als ich Jasper sah, der eilig die Treppe herunterstieg und dann die Küche betrat, war ich mir sicher.

„Ja, du kannst mir gerne mal was zeigen", versprach ich ihm zuckersüß lächelnd. Warum ich mich so entschied?

Teils, weil ich wollte, dass Jasper mich bemerkte. Es klappte auch, er ließ sich in den Stuhl neben mir fallen und drehte uns sofort den Kopf zu. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie seine Augen sich weiteten und er dann unerklärlicherweise zu Emmett sah.

Aber das war nicht der einzige Grund.

Edward war der einzige, der mir und meinem Geheimnis wirklich gefährlich werden konnte. Seine Gabe war wirklich außergewöhnlich, und er war auch sonst sehr aufmerksam. Zu aufmerksam.

Alice ahnte bestimmt auch etwas, sonst würde sie nicht so verzweifelt versuchen, ihr Territorium zu markieren, aber da war es schon zu spät, um irgendetwas zu ändern.

Außerdem hatte ich einfach keine Lust, mein ganzes Leben allein zu verbringen. Ich war mir nicht sicher, wie weit ich gehen konnte, bis mein unbegründetes schlechtes Gewissen Jasper gegenüber sich einschalten würde. Ich wusste auch noch überhaupt nicht, ob ich hier bei den Cullens bleiben würde. Dauerhaft, meinte ich natürlich.

„Jasper, warum hast du so lange gebraucht?" , fragte Esme, als sie aufstand, um das Essen zu verteilen.

„Äh..." Jaspers Blick huschte zu Alice, die ihn aber völlig zu ignorieren schien.

Erst jetzt bemerkte ich die Spannung, die zwischen Jasper und Alice herrschte. Alice war mit ihrem Stuhl näher zu Emmett gerutscht und würdigte Jasper keines Blickes, während er ihr immer wieder verstohlene Blicke zuwarf. Was war denn da passiert? Probleme im Paradies?

„Tut mir Leid, Mom", entschuldigte er sich schließlich mit hängendem Kopf.

„Schon gut, Schatz."

Nachdem alle fertig waren und ich Esme geholfen hatte, die Teller vom Tisch zu räumen, erhob Carlisle das Wort.

„Kinder, bleibt bitte noch kurz da. Ich muss etwas mit euch besprechen." Sein Blick huschte kurz zu mir und eine dunkle Vorahnung beschlich mich.

Murrend ließ sich Emmett wieder in seinen Stuhl fallen, woraufhin er einen warnenden Blick von Esme kassierte.

Alle sahen zu Carlisle, welcher seine gefalteten Hände auf dem Tisch ablegte und sich dann etwas vorbeugte. „Es geht um dich, Bella", erklärte er schließlich und alle Blicke wanderten zu mir. Die Aufmerksamkeit war mir unangenehm und Blut schoss in meine Wangen.

„Die Frage ist, ob du dich uns anschließen möchtest." Als er meinen erschrockenen Blick sah, fügte er hastig hinzu: „Du kannst natürlich auch erst noch ein paar Tage so hierbleiben, bevor du eine Entscheidung fällst. Keiner zwingt dich zu irgendwas."

„Ich möchte bitte, dass wir zuvor noch abstimmen" , richtete er sich nun an alle. „Wer ist dafür, dass Bella die Möglichkeit erhält, bei uns zu bleiben?" Das würde mich auch interessieren.

Carlisle und Esme hoben ihre Hände beide sofort, ebenso Emmett und Edward. Jasper warf mir einen kurzen, prüfenden Blick zu, bevor er sich ebenfalls meldete, Rosalie folgte kurz danach.

Alice zögerte immer noch. Konnte ich irgendwie verstehen, immerhin gefährdete ich die Beziehung zu ihrem Mann. Alle Augen richteten sich auf sie und sie hob ihre Hand ebenfalls, ganz langsam, und lächelte Jasper dabei an, als würde sie ihm damit ein riesiges Geschenk machen.

Mir war klar, dass sie nur zustimmte, weil sie musste. Sie war sowieso überstimmt worden, also machte es im Endeffekt keinen Sinn, ihre Meinung durchzusetzen, es würde ihrem Ansehen als kleine, liebe Fee höchstens noch schaden.

„Schön, dass wir uns einig sind," fuhr Carlisle fort und lächelte jeden kurz an, bevor er sich wieder an mich wendete, „Bella, es liegt ganz bei dir."

Schon wieder wurde ich begafft wie ein Tier im Zoo. Mein Herz raste, während mein Gehirn versuchte, so schnell wie möglich die beste Entscheidung zu treffen. Bleiben oder nicht bleiben? Sofort ablehnen oder noch ein paar Tage Bedenkzeit verlangen?

Ich entschied mich für letzteres.

„Ich würde gern noch ein paar Tage darüber nachdenken. Trotzdem danke für das Angebot. Ich fühle mich geehrt" , lächelte ich Carlisle an. Etwas warmes berührte meine Hand unter dem Tisch und ich zuckte erschrocken zusammen, was teils an der unerwarteten Berührung und teils an dem Kribbeln lag, das meinen Körper durchfuhr.

Eine sehnige, raue Hand schob sich in meine und drückte sie ganz leicht. Ich schielte nach links und erblickte Jasper, der mich fragend ansah. Schnell sah ich in die andere Richtung und grinste Edward an, während ich zurückdrückte und dann losließ.

Ruhig stand ich auf und schob den Stuhl wieder an den Tisch, bevor ich aufsah und erwartungsvoll in die Runde sah.

„Wer fährt mich zu meinem Haus? Ich muss ein paar Sachen holen."