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Die Nacht war schön und sternenklar. Frischer Moosgeruch und der Geruch des Holzes durchströmte die Wälder. Der Regen der letzten Nacht hatte die Luft gereinigt. Ich lief lautlos durch das Unterholz, immer leicht geduckt und auf meine Schritte achtend. Ich wollte nicht von Sebastian entdeckt werden, er wäre sicher sehr wütend. Ich hatte ihm mein Versprechen gegeben. Bewusst ließ ich mich noch weiter zurück fallen. Er war wie ein Schatten in der Nacht, schwer auszumachen, und mir fiel es noch schwer mich so leise zu bewegen. Sebastian blieb plötzlich stehen und lauschte in die Dunkelheit. Er schien etwas zu hören oder zu sehen, doch da war nichts. Irritiert schüttelte er den Kopf und ging weiter. Die Bäume vor mir wurden immer dichter, dieser Teil des Waldes wirkte alt und von Menschen unberührt. Etwas Düsteres und bedrohliches ging von diesem Ort aus. Einige abgestorbene Bäume lagen auf dem Boden, dem Fäulnisprozess der Natur ausgeliefert, ragten sie wie urzeitliches Gerippe hervor und mahnten jeden Eindringling zur Umkehr.
Zu gerne wäre ich geflohen, selbst ich als Untote spürte die Gefahr die von hier ausging. Es herrschte hier eine Totenstille, kein Windhauch regte sich, kein anders Geschöpf der Nacht ließ sich hier blicken. Es war ein böser Ort. Eine Unendlichkeit schien ich durch das dichte Unterholz zu wandern, mein Gesicht und meine Arme waren von den Ästen zerkratzt, selbst die Bäume hier waren böse. Immer wieder umschlangen sie meine Handgelenke und zogen und zerrten an mir, so als wollten sie mich für immer an diesen Ort bannen. In der Ferne sah ich durch die Äste einen flackernden Lichtschein und mühsam kämpfte ich mich darauf zu. Ich wusste was mich vor mir erwartete – die Sinti. Kein anderer würde sich hierher wagen und ich wusste sie waren anders. Langsam kam ich näher und ich konnte mehrere Gestalten ausmachen. Sie schienen alle im Kreis um eine in Ketten gelegte Figur zu stehen. Jeder von ihnen hielt eine Fackel in den Händen und damit beschienen sie das Szenario in der Mitte. Ich erkannte, dass es sich um einen Mann handelte, der mit ausgestreckten Armen an zwei Bäumen gekettet war. Ich musste das Gesicht des Mannes nicht sehen um zu wissen wer es war. Sebastian!
Sie hatten ihn gefangen und in Ketten gelegt. Warum er sie nicht einfach zerriss verstand ich nicht. Stark genug dafür wäre er. Ich wollte mich noch näher heranpirschen, als mich ein eigenartiges Gefühl beschlich. Ich spürte eine Präsenz in meiner Nähe, die ich nicht zuordnen konnte. Hier draußen war etwas sehr altes, lebendiges. Plötzlich schloss sich eine klauenartige Hand fest um mein Handgelenk. „Wer bist du und was machst du hier? Kehr um, ehe es zu spät ist!" Eine krächzende Stimme, kaum menschlich, flüsterte mir diese Worte aus der Dunkelheit zu. Erschrocken wich ich zurück, versuchte mich mit aller Gewalt aus dem Griff dieses….dieses Dinges zu befreien. Doch eisern hielt es mich fest. Dann trat es ins Licht. Meine Augen weiteten sich. Ich hätte nicht gedacht, dass ich kaltes Grauen noch empfinden könnte, doch diese Kreatur belehrte mich eines besseren. „Was bist du?" flüsterte ich, sobald ich meine Stimme wieder fand. Kehlig lachte dieses Wesen auf und kurz konnte ich die gelblichen, spitzten Zähne sehen. „Ich bin Judas! Ich bin ein Verräter!" höhnisch spie dieses Geschöpf die Worte auf den Boden.
Dieses Wesen hat zwei klauenartige, scharfkrallige Hände, zwei Beine und einen kahlen Kopf, die Augen lagen tief in den Höhlen und die Stirn war von Furchen übersäht. Es wirkte skelettartig, so als wäre es sehr lange ohne Nahrung gewesen. Das einzige an ihm das selbst in diesem spärlichen Licht funkelte war ein breiter, metallener Reifen um seinen Hals und daran war eine dünne Kette befestig. Die Haut hatte einen gelblichen Schimmer und spannte sich fest um diesen spinnenartigen Körper. In mir schrie ein Gedanke – dieses Wesen sollte es nicht geben, das ist unmöglich! Doch es stand vor mir und hielt mich immer noch fest. „Für Vampire ist das kein guter Ort. Kehr um oder du findest deinen Tod hier, so wie er da." Das Wesen zeigte mit seinem dürren Finger auf Sebastian. „Er lebt!" widersprach ich heftig. Ein Krächzen war zu hören und es dauerte einen Moment, bis ich es als ein Lachen erkannte. „Noch, doch kein Vampir verlässt lebend den Kreis!" klärte mich das Wesen auf. „Was bist du?" flüsterte ich erneut. „Ich bin wie du. Vor langer, langer Zeit war so schön wie du und dann schloss ich einen Pakt mit diesen Teufeln." Wütend zerrte es an seiner Kette. Von der Lichtung wurden Stimmen laut. Ich konnte Nikolais Stimme hören. „Seht ihn euch an! Urgroßmutter hat ihn unter ihren Schutz genommen, weil sie dachte er wäre anders, doch in Wahrheit ist in ihm die gleiche Gier nach Blut, wie in jedem anderen seiner Art!" Nikolai schritt vor Sebastian auf und ab und hielt seine Hetzrede gegen ihn. Zustimmendes Gemurmel war zu hören. Sie glaubten ihm!
„Du vergisst ihnen zu erzählen, warum ich es getan habe. Nicht aus Blutgier, sondern um ihr Leben zu retten. Ich liebe sie! Das Leben das du ihr genommen hast!" Sebastian versuchte sich zu verteidigen, doch niemand wollte auf ihn hören. „Lüge! Das ist eine Lüge! Kein Vampir ist zur Liebe fähig. Ich sah wie du sie eiskalt gebissen hast und dein Wächter hat es bestätigt!" Triumphierend hob er seine Fackel. „Wir sollten ihn für seine Taten bestrafen. So hätte es schon vor hundert Jahren geschehen sollen. Tod allen Vampiren!" Alle riefen im Chor dieselben Worte. Sebastian versuchte sich verzweifelt Gehör zu verschaffen, doch keiner beachtete ihn. Nikolai holte aus und schlug ihm schwer in den Magen. Ein Knurren drang aus meiner Kehle und ich wollte losstürzen. Doch wieder packte mich das Geschöpf am Arm und hielt mich fest. „Albernes Ding, wo willst du hin? Denkst du, du kannst es mit ihnen aufnehmen?" Ich versuchte meine Hand frei zu bekommen und schlug mit der anderen nach diesem Wesen, doch unerbittlich hielt es mich fest. „Hör mir zu. Du kannst nichts tun. Er hat sein Schicksal selbst besiegelt. Freiwillig stellte er sich ihnen und nun wird er dafür sterben."
„Las mich los! Las mich gehen! Ich werde sie alle vernichten!" fauchte ich zurück. Einige Gesichter aus dem Kreis drehten sich in meine Richtung. Das Geschöpf zog mich mit sich in die Dunkelheit. „Sie töten schon so lange Vampire, du hast keine Chance gegen sie." In der Stimme lag beinahe Traurigkeit. „Ich hab so viele von deiner Sorte kommen sehen und sie alle fanden hier ihren Tod." Abgelenkt durch diese Worte, stutze ich. „Warum kamen sie?" Nun senkte das Wesen sein Haupt. „Meinetwegen!" Mit diesem Wort ging das Wesen in die Hocke und hielt den Kopf weiterhin gesenkt. „Vampire fühlen die Nähe der anderen. Ich weiß immer wenn einer in der Nähe ist." Ich ging ebenfalls in die Hocke, das Wesen sprach sehr leise, kaum hörbar. „Ich verrate meine eigene Art an sie!" Es ließ seinen Blick hinüber zum Kreis schweifen. Sie – die Sinti! „Warum?" Ich verstand nicht. „Sie halten mein Leben in ihren Händen. Um am Leben zu bleiben, verrate ich ihnen wenn Vampire in der Nähe sind." Dieses Wesen stieß mich ab. „Einen Pflock! Jagd ihm einen Pflock durchs Herz und trennt ihm den Kopf ab! Sterben soll die Bestie!" Diese Hetzrufe drangen durch die Nacht. „Fliehe! Rette dich selbst! Überlass ihn seinem Schicksal!" Ich erhob mich und betrachtete das Geschehen auf der Lichtung.
Ich konnte förmlich den Hass und das Verlangen Sebastian tod zu sehen am eigenen Leibe spüren. Nichts konnte sie mehr aufhalten. Sebastian legte sich schwer in die Ketten, versuchte Nikolai zu erreichen. „Sag ihnen die Wahrheit! Du bist der Mörder! Du hast sie getötet! Frag meinen Wächter. Er war dabei, er kennt die Wahrheit!" schrie er ihn an. Die Menge griff nach ihm, zog ihn zurück, umringte ihn immer dichter. Nikolai trat dicht an ihn heran. „Dein Wächter ist tot!" Verächtlich spuckte er ihm die Worte ins Gesicht.
„Flieh!" flüsterte das Wesen neben mir. Ich musste mich entscheiden. Sie würden ihn töten und nichts was er zu ihnen sagte würde sie aufhalten. Was sollte ich tun? Konnte ich gehen und alles hinter mich lassen? Sebastian brauchte meine Hilfe. Doch wie leicht konnte ich dabei den Tod finden. Eiskalte Furcht breitete sich in meinem inneren aus. Furcht? Ich fühlte Furcht. Ein Fackelschein erleuchtete sein Gesicht, er hatte es zu mir gewandt. Seine Augen leuchteten und durchdringend blickte er in meine Richtung. Es war als könnte er mich sehen. Sebastian!
