Kapitel 36

Das Verlorene

Robin lehnte sich mit seinem Rücken gegen gegen die Schlafzimmertür. In seinen Händen hielt er ein Tablett gefüllt mit unangerührter Suppe und Tee. Er schloss seine Augen und stieß einen tiefen Seufzer aus, um das schäbige Gefühl in seinem Magen zu vertreiben, doch nichts vermochte das Elend in seinen Eingeweiden zu verbannen. Seine Hände begannen zu zittern und brachten das Geschirr zum klirren, doch in Robins Verstand tobte ein Krieg, so dass er Taub für diese Geräusche war. Er war in seinem eigenem Alptraum gefangen und erlaubte es sich erst jetzt, außerhalb des Schlafzimmers, die Schultern hängen zu lassen. Stunden hatte er an Reginas Bett gesessen und versucht sie aus dem Labyrinth ihrer dunklen Erinnerungen zu lotsen, doch der Nachhall ihrer Erlebnisse war zu stark. Er hatte versucht ihr gut zuzureden, hatte versucht sie aus ihren wirren Träumen und Gedanken zu führen und war gescheitert. Regina schenkte ihm keinerlei Reaktion, außer ihr Schweigen und den leisen Lauten der Schmerzen, welche Robins Herz zum Krampfen brachten. Gern hätte er sich zu ihr ins Bett gelegt, sie gehalten und beruhigend gestreichelt, jedoch hatte die Erfahrung ihn gelehrt, dass sie in diesem Zustand kaum Nähe ertragen konnte und so hielt er sich zurück, ungeachtet dessen, dass ein kleiner Teil in ihm darunter verendete. Er ließ ihr die Kontrolle, die sie so dringend benötigte und die Sicherheit, dass sie hier nichts mehr zu befürchten hatte.

Das Bild ihres Elends hatte sich auf die Innenseite seiner Lider gezeichnet und erstrahlte im vollen Glanz, als er mit geschlossenen Augen unverändert an der Tür lehnte. Er war außerstande sich zu bewegen und so verharrte er weiterhin vor ihrer Tür. Seine Gedanken waren ein Trümmerhaufen kaputter Sehnsüchte, die vor über vierundzwanzig Stunden noch in voller Blühte gestanden hatten. Er kannte ihr Verhalten, die Lähmung ihres Verstandes. Hatte es in der Vergangenheit erlebt, wenn die Erinnerungen an Palästen und schwarze Festungen, ihre Klauen in ihren Kopf gekrallt hatten und sie gefangen hielten. Robin entsann sich an das letzte Mal, als sie von der Vergangenheit gefesselt wurde, damals als Tinkerbell ihr den falschen Tee gebracht und Regina glaubte angegriffen zu werden, doch genau wie dort und die Male zuvor, waren es immer nur wenige Momente, in denen sie gefangen war. Nun war sie in diesem Zustand, seit sie im Morgengrauen zu Hause angekommen waren und das beunruhigte ihn.

Robin öffnete seine Augen, um das Bildnis seiner gebrochenen Frau zu vertreiben. Er brauchte alles an Kraft, das er noch mobilisieren konnte, um diesen Kampf zu gewinnen. Er würde ihr gegen die Dämonen ihrer Vergangenheit beistehen, auch wenn es bedeutete, dass er gegen Schatten kämpfen musste.

Durch Robins Körper fuhr ein Ruck und er löste sich von dem kühlen Holz. Sein Blick richtete sich auf den langen Flur, der zu den Treppen führte und als er endlich den ersten Schritt tat, öffnete sich Rolands Tür und Emma trat aus dieser heraus. Augenblicklich, stieg eine weitere Sorge in seiner Brust auf; Sein Sohn.

„Wie geht es Roland?", fragte er mit müder Stimme. Emma versuchte sich an einem Lächeln, doch ihre Mundwinkel wollte sich nicht heben. Sie nickte leicht und antwortete.
„Er schläft, John ist neben ihm eingeschlafen." Ein kleiner Felsbrocken fiel von Robins Herz, als eine Sorge für den Moment halbwegs gebannt war.
„Danke, Emma."

„Du siehst schrecklich aus, Robin. Du solltest dich auch endlich Schlafen legen.", machte Emma ganz unverfroren und betrachtete sein Gesicht, das in verschiedenen Lila und Blautönen verfärbt war.

„Verarzte dich und Schlaf ein bisschen, bevor du mir hier noch ganz zusammenbrichst."

Robin schüttelte seinen Kopf, ehe er mit eben diesem auf das Tablett deutete.

„Ich will die Suppe wieder warm machen und einen neuen Tee kochen."

Mitleid füllte Emmas Augen, wie schwerer Wein ein leere Glas.

„Sie hat nichts gegessen.", es war keine Frage , sondern eine Feststellung und sie beschwor ein Gefühl der Niederlage in Robin herauf. Abermals schüttelte er seinen Kopf und begann zu zittern. Emmas warme Hände gingen an die seinen, die das Tablett hielten.
„Sie hat schmerzen." Jedes Wort klang, als würde es ihm eine Qual bereiten es auszusprechen.

„Okay, Robin. Wie schlimm ist es? Wie geht es ihr?"

Robins Mundwinkel verzogen sich zu einem Ausdruck des Jammers. Ein Kloß bildete sich in seiner Kehle, während sein Mund einer Wüste glich.

„Sie reagiert auf nichts. Nicht mal auf Daniels Weinen." Schlagartig war Robin mit seinen Gedanken wieder in dem Zimmer. Für den Bruchteil weniger Sekunden war die Hoffnung in ihm aufgeflammt, dass sie auf das Schreien des Baby, welches sich noch immer in Snows Obhut im Gästezimmer befand, reagierte, doch als sie sich weder bewegte noch darauf antwortete, zerschmetterte ein Gefühl der Hilflosigkeit alle Hoffnung. Robin schüttelte seinen Kopf, um die unliebsame Erinnerung zu verscheuchen.

„Sie hat sich selbst geheilt, äußerlich. Man sieht nicht mehr viel, aber sie hat Verletzungen am Kopf und Magen und ihre Rippen sind gebrochen."

Emma schloss die Augen und machte einen tiefen Atemzug.
„Warum hat sie sich nicht ganz geheilt?"

„Ich weiß es nicht, ich vermute aber, dass sie sich nicht genügend konzentrieren konnte -"

Und jetzt wird sie sich wahrscheinlich einreden, dass sie die Schmerzen verdient

Schoss ein Gedanke in seinen Verstand, der ihm Übelkeit entlockte.

„- Sie hat es nicht mal geschafft uns richtig nach Hause zu hexen."
Emma öffnete ihre Augen wieder und löste ihre Hände von Robins.
„Ich werd-", noch während sie sprach legte sie ihre Hand an die Klinke.

„Nicht, Emma.", bat Robin in Gewissheit, wie sehr Regina es verabscheute, wenn man sie so schwach zu sehen bekam.

„Sie ist total apathisch und ich -", erklärte er sich, bevor Emma ihm ins Wort fiel.

„Ach was. Ich nehme ihr die Schmerzen und verschwinde sofort. Eine Baustelle nach der Anderen. Du wirst sehen, wenn die Schmerzen erst mal weg sind, wird sie sich auch wieder beruhigen."

Robin blickte sie schweigend an und bevor er etwas darauf erwidern konnte, sprach Emma weiter.

„Und du gehst jetzt ins Bett oder ich hole wirklich John und soviel ich weiß, hat er ein Talent dich zu etwas zu bewegen" Sie machte einen Kopfdeut in Richtung seines blauen Auges.

„Geh schon, Robin. Ich hab ganz andere Launen von ihr ausgehalten, da wird es eine Wohltat sein, wenn sie mal schweigt."

Robin schaffte den Ansatz eines Schmunzeln, obwohl er sich nicht danach fühlte, doch er musste ihr Recht geben. Er wusste, wie sehr sie sich in der Vergangenheit bekämpft hatten und durfte selbst miterleben, wie sie alle zu einer Familie zusammengewachsen waren und so ließ er sie guten Gewissens gewähren.


Das Gegenwärtige

Regina und Emma erschienen direkt am Eingang des Krankenhauses. Die Ältere der beiden Frauen verlor keine Zeit. Sie stemmte die Glastür auf und stürmte durch den Eingangsbereich hin zur Information. Noch während sie den Weg zurücklegte, schien die Luft um sie herum zu knistern. Der Drang etwas zu zerstören, diesem explodierenden Schmerz in ihrem Innern, Ausdruck zu verleihen, stieg in einer solch enormen Höhe, dass sie alle Mühe hatte, diesem Drang nicht nachzugeben. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Tränen schimmerten auf Reginas Wangen, hinterließen salzige kleine Rinnsale auf ihrer Haut. Das Gefühl von Verlust schnitt tief in ihr Herz und beschwor die Vergangenheit mit solcher Wucht herauf, dass sie kurzzeitig glaubte den Verstand zu verlieren. Ihr war, als würde ihr schlimmster Alptraum aus den Nebelschwaden ihres Kopfes, in die Realität kriechen. Henry, abermals zu verlieren.

„Wo steckt mein Sohn?", fuhr sie die Schwester an der Information an, doch bevor diese etwas darauf erwidern konnte, erschien Mary Margarets Gestalt.

„Er ist noch im Behandlungsraum. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Wir waren im Grannys und haben Davids Genesung gefeiert. Henry wollte auf die Toilette und dann kam er nicht wieder. David ist nachschauen gegangen und dann... er ist noch raus gerannt und hat versucht, das Ding zu finden, aber nichts, als wenn -" Tränen quollen aus ihren Augen und nahmen ihr die Luft zum sprechen. Regina schaute ihre einstige Stieftochter mit loderndem Hass im Blick an. Plötzlich war sie wieder ein Mädchen, sah Snow vor sich und wünschte sich nichts sehnlicher, als ihr die Kehle zuzudrücken, bis alles Leben aus ihrem Körper gewichen war. Der Hass in ihrem Blick, schwang in ihrer Stimme mit
„Du hattest eine Aufgabe, Snow, eine beschissene Aufgabe! Und du hast versagt. Wieder einmal."
„Regina es reicht!", Emmas Stimme dröhnte durch den Raum, doch Regina schenkte weder Emma noch Mary Margaret weiter ihre Aufmerksamkeit. Stattdessen lief sie in Richtung der Behandlungszimmer. Gebrochenen Herzens verteufelte sie den Umstand, dass sie den Weg mittlerweile schon auswendig kannte. Hinter sich hörte sie Emmas Schritte und Stimme. Ein paar Worte, um Mary Margaret zu beruhigen, doch dann war Emma auch schon auf ihrer Höhe.

Regina öffnete die Tür des ersten Behandlungszimmers und rauschte in dieses hinein. Ihre Augen bewegten sich unruhig in ihren Höhlen, während sie den Raum absuchte und dabei fragte:
„Wo ist mein Sohn?"
Sie konnte Henry auf einer Pritsche ausmachen und augenblicklich erlosch das Feuer in ihr. Mit hängenden Schultern schritt zu dem Jungen und schaute ihn mit tränennassem Gesicht an. Ihre Hand glitt in die ihres Sohnes, während sich der Schmerz dieses Anblicks, durch Hass und Wut kämpfte und ihr Herz zum krampfen brachte. Regina schluchzte leise auf, als sie die schwarzen Augen ausmachen konnte, den starren, leblosen Blick ihres seelenlosen Jungen.

Henry

Sie schaffte es nicht Worte zu formulieren, sondern streichelte mit ihrer freien Hand seine Stirn; seine Wange. Einen Zauber musste sie nicht mehr tätigen. Die Symptome des Seelenraubs waren ihr mittlerweile so sehr bekannt, dass sie ein Opfer des Seelenräubers auf den ersten Blick erkannte. Ihre Atmung schwoll an und zeugte von dem innerlichen Druck, den Henrys Zustand in ihr auslöste. Für einen Moment glaubte sie zu zerbersten, als ihre Welt abermals in tausend Scherben zersprang.

Nicht mein Sohn...mein kleiner Liebling...

„Wie zur Hölle?" Emma fand sich neben Regina wieder und sah auf Henry mit offenem Mund und hängenden Mundwinkeln. In ihren Augen spiegelte sich Reginas Entsetzen. Die Bürgermeisterin antwortete nicht, stattdessen streichelte sie weiter die blasse kühle Haut Henrys und hoffte allem Wissen zum Trotz, dass er auf sie reagieren würde. Dass er blinzelte, seine Augen sich wieder in das vertraute Grün verwandelten und er sie ansprach, doch diese Hoffnung war nur ein weiteres Hohnlachen einer höheren Macht, die ihr Leben bestimmte. Regina spürte eine Hand auf ihrer Schulter und zuckte zusammen. Mit aller Macht musste sie sich von dem Bild ihres Sohnes losreißen und sich der Stimme zuwenden, die sie ansprach.
„Regina, genau wie die anderen. Wir werden ihn in ein Zimmer verlegen und ihn an den Tropf hängen, damit er versorgt bleibt."

Regina nickte und wandte sich wieder Henry zu, der unverändert dort lag mit leerem Blick die Decke anstarrte. Als sie endlich zum Sprechen ansetzte, klang ihre Stimme, wie Jahre nicht gebraucht.

„Hin und wieder, versuchen sie ihre Grundbedürfnisse zu stillen."

Doktor Whale tätschelte ihre Schulter und schenkte Emma einen mitfühlenden Blick, als er seufzte.
„Ich weiß, wir haben es bei einigen der Schülern erlebt, sie waren bereits älter. Sie -"

Reginas Stimme war nur noch ein Krächzen, als würden die nächsten Worte ihr Schmerzen bereiten.
„Er ist zwölf, vielleicht ist nichts, aber vielleicht..."

„Keine Angst, wir haben Pfleger, die Schwestern kümmern sich um die Mädchen."

Eine weitere Träne löste sich aus ihren dunklen Augen, als sie sich wie verloren fühlte. Das waren nicht die Themen, mit denen sie in seiner Erziehung jetzt schon gerechnet hatte. Ihr Junge war für sein Alter oft sehr erwachsen, aber gleichzeitig immer noch ein Kind, das diese Themen noch weit von sich geschoben hatte.
„Was ist so interessant daran, dass er zwölf ist?" , fragte Emma. Bevor sie jedoch eine Antwort bekam, verzog sich ihr Gesicht zu einem Ausdruck der Erkenntnis. Sie schluckte schwer und schüttelte ihren Kopf.

„Ich, ich werde seinen Vater informieren", sie zog ihr Handy aus der Jackentasche und deutete kurz zum Ausgang, dass sie den Raum verlassen würde, doch Regina achtete ohnehin nicht auf sie.

Die Tür öffnete sich und der großgewachsene Pfleger, den sie schon bei Mary Margaret und David gesehen hatte, betrat mit einem weiteren Kollegen das Zimmer. Regina drehte ihren Kopf zu den Neuankömmlingen, als Doktor Whale ihr auftrug, einen Moment von Henry zu lassen, damit die beiden Männer ihn in ein richtiges Bett verfrachten und auf sein Zimmer bringen konnten. Ihr Blick blieb an dem Pfleger mit den Pockennarben hängen. Etwas begann an ihrer Erinnerung zu zerren, ein klammes Gefühl, als ob ihre Seele in ihrem Innern rebellierte. Bilder von einer Fahrt in einem Aufzug und einem frivolen Grinsen, schossen in ihren Verstand und als sie die Stimme des Mannes vernahm, lief es ihr eiskalt den Rücken runter.
„Ma'am, sie müssen den Jungen loslassen."

Regina starrte den Mann an. Ihr Blick war weit entfernt, als würde ein Teil von ihr versuchen, sich an den Klang dieser Stimme und den stechenden, sturmgrauen Augen zu erinnern, doch in ihrem Kopf war nur ein weißes Rauschen. Nebel, der sie von einer Insel der Erinnerung trennte und ihr die Sicht versperrte.

„Komm Regina, lass die beiden ihre Arbeit machen. Du kannst danach zu ihm."

Sie hörte nicht auf die Worte des Arztes, sondern klammerte sich fester an die Hand ihres Sohnes. Sie konnte sich nicht von ihm lösen, konnte ihn nicht wieder verloren wissen, ohne daran zu zerbrechen. Es war ihr egal, dass die Tränen aus ihren Augen quollen und ihre Wangen in reißende Bäche verwandelte. Der Schmerz musste raus, auch wenn sie wusste, dass sie ihn nie wieder zu stillen vermochte,

„Bitte Regina, sei vernünftig, du kannst sofort wieder zu ihm."

Sie spürte Whales linkte Hand an ihrer Schulter, während die Rechte ihre Hand von Henry löste. Ihr Körper begann zu zittern, als der Kontakt abbrach. Schlagartig gefror es in ihrem Innern und auch, wenn sie sich alles andere als hoffnungsvoll fühlte, sprach sie an ihren Sohn gewandt
„Alles wird wieder gut, mein kleiner Liebling."


Das Verlorene

Emma betrat das Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich. Sie blieb im Türrahmen stehen und inspizierte das Zimmer, das in tiefen Schatten lag. Ihr Blick wanderte zum Fenster. Wolken waren aufgezogen; schwarze Ungetüme gefüllt mit Regen. Mit Macht riss sie sich von dem Anblick los und schaute zum Bett indem sie nur mit Mühe Regina unter den Decken ausmachte. Sie konnte ihren schwarzen Schopf erkennen, der sich über die hellen Kissen ergoss; das Heben und Senken ihres Oberkörpers, das die Decke bewegte und die schwere Atmung, die den Raum mit leisen Keuchen füllte. Für einen Moment fühlte Emma sich unfähig das Zimmer gänzlich zu betreten, als hätte sich vor ihr eine Mauer aufgebaut. Sie wich Reginas Anblick aus, unfähig diesem Stand zu halten. Emma schluckte schwer, als ihr Verstand begann Bilder zu formen, welche von den Erzählungen Robins, ihres Gatten und ihres Vaters gespeist wurde. Bilder von Reginas blutigen Lippen und blauen geschwollenen Augen. Mit einem Kopfschütteln versuchte sie diese zu verscheuchen, doch ihre Fantasie hatte den Anker ausgeworfen und hielt diese Bilder. Mit einem tiefen Atemzug setzte sie sich endlich in Bewegung und ging an den Nachttisch auf Robins Schlafseite. Ohne zu wissen, was sie eigentlich tat, da Nervosität sich ihrer bemächtigte, griff sie nach den Streichhölzern und entzündete die Kerze. Dabei plapperte sie vor sich hin, als wäre es ein normaler Tag, ohne besondere Vorkommnisse.

„Ich mach ein bisschen Licht. Das Wetter ist grässlich, nachher glaubst du, wir hätten schon Nacht."

Sie löschte das Streichholz, platzierte es auf den Tisch und schob sie es hin und her, als versuchte sie Zeit zu schinden. Dabei lauschte sie angespannt, ob ihre Worte, Regina eine Reaktion entlockten, doch alles was sie vernehmen konnte, war das Geräusch von Stoff, der über die Matratze gezogen wurde. Emma schaute auf Regina und beobachtete, wie sie sich unter der Decke noch weiter zusammenkauerte, als versuchte sie sich so klein wie möglich zu machen. Nie zuvor hatte Emma zu glauben gewagt, einen solchen Anblick zu bekommen und unwillkürlich musste sie schwer schlucken. Langsam trat sie näher an das Bett und setzte sich auf die Bettkante und starrte auf Reginas Hinterkopf. Sie ließ ihre Mundwinkel hängen, als sie das Zittern Reginas nicht nur sah, sondern als feine Bewegung der Matratze spürte. Ihr Verstand leerte sich, Angesicht der Situation. Sie fühlte sich hilflos und angespannt, außer Stande irgendetwas zu tun. Emma hob ihre Hand und streckte sie nach Regina aus, um sie zu berühren, doch bevor sie ihr Ziel erreicht, zog sie die Hand wieder weg. Mitleid schwamm in dem Grün ihrer Augen, als sie das Häufchen Elend in dem Bett betrachtete. Nichts erinnerte sie mehr an die arrogante Frau, der sie vor einigen Jahren das erste Mal begegnet war. Die Kämpfe und Streitereien verblassten in dem Anblick, der sich ihr bot und unwillkürlich hatte Emma das Bedürfnis zu weinen. Die letzten Monate spulten sich wie ein Film vor ihrem inneren Auge ab. Sie waren zusammengewachsen zu einer Familie, von der sie in ihren Kinder- und Jugendjahren kaum zu träumen gewagt hatte. Das Leben im Sherwood Forest war ihr gut gesinnt und hatte sie erfüllt. Zu wissen nach Hause kommen zu können, mit ihrer Familie beisammen zu Tisch zu sitzen und gemeinsam zu Abend zu essen, hatte ihrer Seele einen Frieden geschenkt, nach dem sie sich stets gesehnt hatte. Ein kleiner Fels in den Wogen ihres Leben.

„Wir hatten ganz schön Angst um dich.", gestand sie ehrlich und nestelte an dem Zipfel der Decke herum. „Ich hab es erst erfahren, als ich im Morgengrauen nach Hause kam."

Emma spürte, wie das Zittern zunahm, je mehr sie sprach und presste ihre Lippen zusammen, doch dann konnte sie nicht anders, als weiter zu reden.

„Henry wollte zu dir, aber Robin hat ihn gehindert. Ich bin froh, dass er es getan hat, ich glaub nicht, dass ich Henrys Blick und Drängen lange widerstanden hätte."

Die Erinnerung an den kleinen Zwischenfall auf dem Flur, wurde in Emmas Kopf lebendig. Der Augenblick, als Henry sich auf seinen Vater stürzte, als dieser ihn hinderte das Schlafzimmer zu betreten, bis er weinend in den Armen seines Vaters alles Kämpfen aufgab.

„Ich bin immer wieder erstaunt, wie er ihn beruhigen kann. Und das nur, weil er ehrlich zu ihm ist."

Während Emma sprach, ließ sie ihre Fingerspitzen ganz vorsichtig durch die Decke, Reginas Rücken berühren. Sofort zuckte Regina zusammen. Erschrocken zog Emma ihre Hand weg und starrte voller Trauer auf die Frau, deren Stimme dünn und zerbrechlich, wie die eines Mädchens klang.

„Nicht. Bitte."

Emma erhob sich, als sich das Ausmaß dieser Tragödie vor ihr ausbreitete. Regina klammerte sich an die Decke und zog sie fest um ihren Körper, als wäre sie ein schützendes Schild, während sie schmerzvoll aufächzte.

Scheiße Scheiße Scheiße Scheiße Scheiße Scheiße Scheiße Scheiße

Fluchte Emma innerlich und schaute sich hilfesuchend im Raum um, ehe sie sich plappernd entschuldige.
„Schon gut ich fass dich nicht an. Alles ist gut."

Ist es das? Hölle, ich kling schon wie meine Mutter

Emma blieb vor dem Bett stehen und überlegte was sie tun sollte. Am liebsten hätte sie das Zimmer verlassen und wäre dieser Szenerie entflohen, aber sie konnte nicht. Sie waren jetzt nun mal eine Familie und das bedeutete, dass man füreinander da sein würde, egal wie schmerzlich und schwierig es war.

„Ich weiß es ist scheiße im Moment, aber lass mich dir helfen. Ich will nur deine Brüche heilen, dann bin ich wieder weg, okay?" Sie wartete darauf, dass Regina protestierte, dass sie ihre Zweifel an Emmas magischen Künsten bekunden würde, doch sie tat es nicht. Betroffen schüttelte Emma ihren Kopf und beschloss nun einfach schnell ihre Arbeit zu tun, damit Regina endlich wieder zur Ruhe kommen konnte. Sie straffte ihre Schultern, blieb hinter Regina stehen und streckte ihre Hände aus. Ein weißes Licht erstrahlte aus ihren Handinnenflächen. Bedächtig und voller Konzentration, bewegte sie ihre Hände über Reginas Gestalt. Sie hatte noch nie zuvor jemanden auf diese Weise geheilt und so betete sie zu sämtlichen höheren Mächten dieses und jenseitiger Reiche, dass sie nicht noch mehr Schaden anrichtete.

Das Licht in ihren Händen erlosch und ohne es beeinflussen zu können, stieg eine freudige Erwartung in Emma auf, von der sie wusste, dass sie unangebracht war, (die) sie jedoch nicht zurückhalten konnte. Und so fragte sie freudiger, als es sich gehörte:
„Und? Hat es geklappt? Hab ich dich geheilt?"

Regina antwortete nicht, doch ein langgezogener Seufzer entfleuchte ihren vollen Lippen und verriet Emma, dass ihr Zauber gelungen war. Von einem Gefühl des Triumphs beseelt, erklang ihre Stimme in einem bestimmten Ton.

„Versuch zu schlafen!" Sie wandte sich der Tür zu und verließ das Zimmer, ohne auf eine weitere Reaktion von Regina zu hoffen. Draußen auf dem Flur hielt sie einen Moment inne und versuchte zu verarbeiten, was in dem Zimmer geschehen war. Um die Bilder zu vertreiben, atmete sie tief durch. Mitleid durchdrang ihre Eingeweide, setzte sich in Magen und Verstand fest und beschwor ein Gefühl des Unwohlseins herauf. Zielsicher lief sie den Gang entlang, bis zu Henrys Zimmer. Dort angekommen öffnete sie die Tür, ohne anzuklopfen und trat in den Raum. Henry lag mit geschlossenen Augen im Bett. Auf dem kleinen Sofa, das unter dem Fenster stand, lag Robin. Auch er hatte seine Augen geschlossen, doch Emma wusste nur zu gut, dass beide nicht schliefen. Sie schloss die Tür und lockte Robins Aufmerksamkeit auf sich.
„Die Brüche sind geheilt." Emma konnte nicht nur Robins erleichtertes Aufatmen hören, sondern auch Henrys. Ohne zu zögern schritt sie zum Bett, kletterte in dieses hinein und rutschte an den Jungen heran, bis sie seinen Rücken an ihrer Brust spüren konnte. Sie umarmte ihn und wünschte sich ihre Mutter herbei, damit sie den beiden Hoffnung spenden konnte. Doch Mary Margaret war nicht hier und so blieb ihr nichts anderes übrig, als sich daran zu entsinnen, was Ihre Mutter sagen würde.

„Alles wird wieder gut.", sprach sie in die Stille des Raumes an die Beiden gewandt. Sie wusste nicht, ob sie log, aber was sie wusste war, dass Henry und Robin genau diese Worte gebraucht hatten. Ein leises Seufzen erklang aus ihrer beider Münder und zufrieden mit sich, dass sie helfen konnte, schloss Emma ihre Augen.


Das Gegenwärtige

Neals Atem glich beinahe einem Keuchen, als er Emmas Stimme am anderem Ende der Leitung lauschte. Seine Hand begann seinen Nacken zu kneten, als die Erkenntnis ihrer Worte, langsam in seinen Verstand tropfte. Wut breitete sich in seinem Magen aus, durchzog seine Adern wie heiße Lava, während er kaum wusste, was er Emma antworten sollte.

Ich bringe ihn um... Ich bringe ihn um... Ich bringe ihn um...

„Ich bin sofort da." Er schaltete das Handy aus und steckte es in seiner Hosentasche, während er bereits den Laden verließ. Die Türglocke läutete hektisch und trieb ihren Klang über die Straße, doch Neals Gedanken kreisten nur um zwei Dinge. Henry, der seine Seele verloren hatte und Randall, den er nach allen Regeln der Kunst, dafür bezahlen lassen wollte. Er stieg in seinen Wagen, zündete das Schloss und düste mit quietschenden Reifen durch die Straßen. Vor dem Krankenhaus kam er zum stehen und stieg aus dem Auto. Den Weg zum Eingang legte er rennend zurück und als er das Krankenhaus betrat, schlug er den Weg zu den Fahrstühlen ein. Noch immer wutentbrannt drückte er brutal auf den Knopf, der in das Untergeschoss führte. Randall hatte ihn davon abgehalten seinen Vater aufzusuchen; hatte ihm immer wieder vor Augen gehalten, wie schwach er war und dass er sich von ihm wieder hinters Licht führen und somit enttäuschen lassen würde, doch die Spielregeln hatten sich abermals geändert. Verzweiflung bemächtigte sich Neals, während er den Gang entlang stürmte und ohne die Krankenschwester eines Blickes zu würdigen in einem Befehlston ausstieß:
„Gold?"

Die Schwester nannte die Zimmernummer und Neal öffnete die Tür. Kaum betrat er das Zimmer bremste er ab und starrte mit geöffnetem Mund auf seinen Vater, der an einem Tropf, wie ein Häufchen Elend im Bett lag und vor sich hinstarrte. Für seine Zimmernachbarin, die ebenfalls am Tropf hing und schlief, hatte Neal keinen Blick.

Sein Verstand leerte sich schlagartig, als er die Hilflosigkeit des Dunklen mit eigenen Augen sehen konnte. Die Erinnerung an seine Kindheit stieg in ihm auf. Der Mann in dem Bett erinnerte ihn nicht mehr, an den schwarzen Magier, der sein Leben ruinierte und ihn immer wieder enttäuscht hatte, sondern an seinen Papa, den schmächtigen, feigen Mann. Unsicher trat er einen Schritt auf das Bett zu.

„Hey?"

In Golds Augen kehrte ein Funken Leben zurück. Schwerfällig drehte er seinen Kopf in die Richtung seines Sohnes.

„Was zur Hölle hat er mit dir gemacht?", brach es aus Neal heraus. Einem Impuls folgend griff er nach der dürren Hand seines Vaters und streichelte sie. Für einen Augenblick starrte er auf ihrer beider Hände und konnte die Tränen nicht länger zurückdrängen, die sich ihm aufdrängten. Rotz schlug Blasen an seiner Nase und Speichel benetze seinen Mund, als er zu schluchzen begann. Er beugte seinen Oberkörper vor und legte seine Stirn an ihrer beider Hände.
„Papa.", weinte er und ergab sich dem Selbstmitleid, welches ihn seit geraumer Zeit, wie ein treuer Freund, begleitete.
„Sie bringen mich um. Jetzt erst Recht. Du musst mir da raus helfen. Er hat Henrys Seele. Er hat mich angelogen, hat mir versprochen, dass ich meinen Sohn und Emma bekomme." Während er sich mitteilte, konnte er spüren, wie sein Vater seine Hand drückte, als wollte er ihn auf etwas aufmerksam machen. Neal löste seinen Kopf von ihm und hob seinen Blick. Fragend schaute er seinen Vater an, als er versuchte etwas zu sagen.
„Was ist, Papa?" Leise, doch dringliche Laute kamen aus Mr. Golds Mund, ohne dass er Worte bilden konnte. Seine Hand zitterte, während er seine Augen aufriss und bewegte. Sein Kopf nickte heftig, doch Neal verstand die Gebärden seines Vaters nicht. Konfus und mit zusammengezogenen Brauen, hakte er nach, was er ihm sagen wollte, doch da spürte er etwas Spitzes in seinem Nacken. Im nächsten Moment empfing ihn gnädige Schwärze.

„Ich hab dich nicht angelogen.", kam es angewidert aus Randalls Mund. Er ging in die Hocke und befühlte den Puls.

„Ich habe mein Versprechen gehalten." Er erhob sich wieder und winkten den Pfleger mit einem neuen Bett herein. Danach hob er ihn auf die Arme, als wenn er nichts wiegen würde.

„Ich habe dir Emma und Henry gegeben, doch du -" Lieblos verfrachtete er Neal in das Bett und begann die Gurte um seinen Körper zuzuziehen. „hast es ruiniert. Du hast es dir selbst ruiniert und dann bist du mir in die Parade gefahren, doch das werde ich nicht weiter zulassen." Randall wandte sich an den Pfleger und bedankte sich bei ihm für seine Hilfe, danach präparierte er einen weiteren Tropf und verband ihn mit Neals Venen. Im Hintergrund nahm er die missmutigen Laute des Dunklen wahr, doch er ignorierte sie, indem er ein Lied pfiff. Nachdem er alles erledigt hatte, trat er vom Bett weg und grinse breit.

„Ein weiteres Hindernis ist aus dem Weg geräumt, bleibt noch eins."