„Ried?! Hast du irgendwo diese blöden Tomaten gesehen?", schallte eine Stimme durch das großzügiges Cottage und ging draußen im tosenden Spiel des Meeres unter.
„Was?"
Rieds Stimme klang von oben dumpf zu Eric hinab, und der Freund verdrehte die Augen. Und schwieg. So konnten sie auch stille Post spielen. Es würde aufs Gleiche hinaus laufen.
Eric schnappte sich stattdessen die Gurken und schnippelte sie klein.
„Was war los?", fragte Ried noch einmal. Seine Stimme klang deutlicher. Ein untrügliches Zeichen, dass sie sich auf demselben Stockwerk befanden.
Eric hob den Kopf und grinste.
„Ich wollt dich fragen, wo die Tomaten sich schon wieder versteckt haben"
„Feiglinge", brummte Ried.
„Aber jetzt kannst du sie gleich selbst suchen gehen. Ich bin beschäftigt" Eric widmete sich voller Enthusiasmus den Fetawürfeln.
Ried schnaubte, hob den Zauberstab.
„Accio Tomaten!" Für einen Augenblick sah er sich suchend, stirnrunzelnd um. Er war sich sicher sie auf dem Küchentresen abgelegt zu haben. Im nächsten Moment wurde ihm wieder bewusst, wo er sie abgelegt hatte, da ihm schmerzhaft ein eingeschweißtes Päckchen Tomaten direkt gegen den Hinterkopf schlug.
Ried erschrak, wirbelte herum und die Tomaten fielen in seine Hände.
„Pha, das war ein gemeiner Angriff!" murrte er.
„Darauf steht Tod durch das Messer", grinste Eric und streckte die Hand aus, um Ried die hinterhältigen Angreifer abnehmen zu können.
„Brutaler Tod durch das Messer", ergänzte der Freund.
„Weißt du eigentlich, wann die Anderen kommen wollten?", fragte Eric und schnitt die Tomaten in kleine Stückchen.
„Die Anderen! Pha", ertönte eine weibliche Stimme hinter ihm.
„Uns einfach so zu verallgemeinern!" Im nächsten Moment spürte Eric Tinys Umarmung von hinten. Sie drückte ihn ungestüm an sich, sodass sie beide aus dem Gleichgewicht gerieten und sich Eric gerade noch so am Barhocker abfangen konnte.
„Dafür müsst ich dich eigentlich verklagen", grinste sie.
„Kann ich dich mit einem Stück Tomate milde stimmen?", fragte Eric gespielt ehrfürchtig und angelte nach einem Stückchen aus der großen Salatschüssel.
„Mh..." Tiny überlegte gespielt lange.
Dann schnappte sie sich die Scheibe und ließ Eric endlich aus ihrem Griff.
„Wie geht's euch?", fragte sie strahlend.
„Nicht anders als gestern, Tiny", grinste Ried und umarmte sie, hob sie kurz hoch. Doch da ertönte die protestierende Stimme von Tommy aus dem Flur.
„Hey! Das darf nur ich!"
„Wer sagt das?", lachte Ried und wirbelte Tiny herum, worauf diese Anfing zu Kichern wie ein wildgewordener Teenager.
Endlich schaffte sie es, sich aus Rieds Armen zu befreien.
„Wie die Kinder", schnaufte sie und drehte sich zu Eric um.
„Soll ich dir helfen?"
„Gerne", grinste er und schob ihr ein Messer hinüber.
Währenddessen umarmte Tommy Ried.
„Dir komm ich lieber nicht zu nahe. Du hast ein Messer!", stöhnte er gespielt ängstlich auf. „Wer weiß, zu was du damit noch alles fähig bist. Zuerst fallen dir arme Gürkchen und gequälte Tomaten zum Opfer und schließlich und endlich ich." Er seufzte theatralisch.
„Ich geb dir gleich gequälte Tomaten", prustete Eric und drohte ihm mit dem Messer. Tommy flüchtete sich kreischend ins Wohnzimmer und ließ sich dort auf die große Couch fallen, auf der er sich genüsslich räkelte.
„Wo habt ihr Sophie gelassen?", fragte Eric interessiert.
„Ich dachte sie wollte auch mit kommen? Oder hat sie in ihrer Kanzlei viel zu tun?"
„Das auch, ja", lächelte Tiny. „Aber sie kommt schon noch. Keine Sorge." Eric runzelte die Stirn und wollte gerade nachhaken, auf welchem Weg jemand vollkommen ohne magische Kräfte den Weg von London nach Cornwall in wenigen Sekunden bewältigen sollte. Doch Tinys Blick besagte, dass sie Schweigen würde, wie die tiefste Gruft von Merlin.
„Na gut, lass ich mich halt überraschen" Er zuckte mit den Schultern und nahm sich die Möhren vor.
„Das will ich dir geraten haben."
„Will jemand außer mir noch Wein?", fragte Ried in die Runde.
„Elfenwein?", ertönte es aus dem Wohnzimmer und Tommys Kopf erschien auf der Lehne.
„Ja", rief Ried zurück.
„Und wenn du dich hochbequemen würdest, würdest du auch was davon abkriegen" Er entkorkte den Wein mit einem flinken Tipp seines Haselstabes und schenkte etwas in die vier Gläser.
„Das ist gemein. Immer muss ich aufstehen", nörgelte Tommy, und schwang die Beine von der Couch. Er schlurfte in die Küche.
„Dabei war's gerade so gemütlich" Schnaubend griff er nach dem Weinglas. Doch man sah den Schalk in seinen Augen blitzen. Alle wussten, dass seine schlechte Laune nur gespielt war. Er setzte sich auf den Barhocker in der großzügigen Küche und blickte sich um, während er sein Glas erhob.
„Auf diesen Abend", grinste er.
„Auf die Freundschaft", stieß Eric dazu und nippte an seinem Wein. Kühl und klar, süßlich und frisch rann er seine Kehle hinab.
„Auf uns", lachte Ried.
Seine Augen strahlten, als er Erics Blick mit seinem kreuzte. Und dieses Strahlen allein, befand Tiny, war die ganze Plackerei um Weihnachten herum wert gewesen! Ihr schönstes Weihnachtsgeschenk thronte gerade auf einem Stuhl und blickte die Anderen von oben herab an.
Sie musste über sich selbst lachen und schob die Gedanken an Tommy, mit einer Königskrone und einem Zepter anstatt eines Weinglases in der Hand, vehement von sich. Bei Merlins Barte, sie war in den letzten Monaten albern geworden! Fehlte nur noch, dass der Freund wirklich zu delegieren begann.
„Du schaust mich an, als wolltest du was ganz Bestimmtes von mit", sagte Tommy und grinste seine Freundin frech an.
„In deinen Träumen", antwortete diese lachend und rückte den Tomaten zu Leibe.
In ihrem Rücken rutschte Tommy leise von seinem Thron, doch bevor er einen Schritt tun konnte, sagte Tiny, ohne sich umzudrehen: „Ich warne dich, auch ich habe ein Messer."
„Solange du mich nicht in einen Frosch verwandelst", entgegnete Tommy.
„Das mache ich, wenn du mir nicht hilfst, diese ganzen Sachen raus zu tragen", urteilte Ried und deutete auf die Berge an Geschirr, die für das kleine Grillfest bereit standen.
„Als Frosch wird er dir aber noch weniger helfen können", kommentierte Eric.
„Der Mann ist ein Genie!", rief Tommy, schnappte sich aber einen Stapel Teller und folgte Ried in den Garten.
„Schaut mal, was wir draußen gefunden haben", schallte Sekunden später Tommys Stimme schon wieder in die Küche.
„Was denn?", rief Eric heraus
„Meine Lieblingsschwester!"
„Dann immer rein mit ihr", lachte er.
Und tatsächlich betrat kurz darauf Sophie die Küche.
„Hast du denn etwa noch eine andere Schwester, von der ich nichts weiß?", fragte Sophie keck und knuffte ihren Bruder in die Seite.
„Jedes Mal, wenn ich dich sehe, bist du am Kochen", sagte sie, als sie Tiny umarmte.
„Und du hast nie besser ausgesehen", fügte Sophie ehrlich hinzu, als sie auf Eric zutrat und auch ihn herzlich in die Arme schloss.
„Danke!", erwiderte Eric glücklich und erwiderte die Umarmung fest. Er war so froh, dass sie sich noch immer gut verstanden, trotz ihrer Scheidung.
„Wie bist du denn her gekommen?", fragte Eric.
Doch bevor Sophie auch nur Luft holen konnte, um zu antworten, erschien Ried in der Küche, den Arm hatte er freundschaftlich um einen Mann gelegt.
„Du erinnerst dich an David?", fragte Sophie an Eric gewandt und ergriff bedeutungsschwer die Hand des Medimagiers, der Sophie so oft an Erics Krankenbett den Mut zugesprochen hatte, den sie benötigte.
Für eine Sekunde schien die ausgelassene Stimmung eingefroren, während alle Anwesenden auf Erics Reaktion warteten.
„Aber natürlich", sagte er schließlich, „Schön, dich wieder zu sehen, David."
Und Eric umarmte den Neuankömmling kurzerhand.
„Und du hast dir Sorgen gemacht", flüsterte Tommy seiner Schwester, für alle gut vernehmbar ins Ohr.
„Sei still!", zischte sie in einem Ton zurück, den nur eine Schwester gegenüber ihrem Bruder anschlagen konnte.
„Ehm, Leute, die Küche ist zwar wunderschön und auch groß, aber für sechs Personen wurde sie offensichtlich nicht ausgelegt", machte sich Tiny bemerkbar, die von den Größeren in eine Ecke gedrängt worden war.
„Lasst uns das hier nach draußen verlagern", schlug Ried gütig vor, „Bevor unsere Kleine noch zerquetscht wird."
„Ich geb dir gleich Kleine", entgegnet sie und fuchtelte mit ihrem Zauberstab, was zu allgemeinem Lachen führte, da die Rothaarige Ried durch die gedrängt stehenden Freunde kaum sehen konnte.
David schnappte sich die große Salatschüssel und trat die Flucht Richtung Garten an.
„Das ist wirklich ein wunderbares Häuschen", bemerkte Sophie, als sie alle im Garten standen und dort schnippelten und Tommy den Grillmeister mimte.
„Woher hattet ihr das Geld dafür?", fragte Tommy gerade heraus, das lecker duftende Grillgut fachmännisch überwachend und testend.
„Sagen wir, eine kleine Elfe hat mir dazu verholfen", antwortete Ried grinsend.
Tiny schaute von ihrem Schneidbrett auf und deutete drohend das Messer auf den Blondschopf. „Das ist jetzt schon das zweite Mal, dass du mich klein nennst. Beim dritten Mal landest du im Wasser."
„Wie meinst du das?", fragte David an Ried gewandt, bevor Tiny versuchen konnte, den gefühlt doppelt so großen Mann ins Wasser zu zerren.
„An Weihnachten wurde ich doch zu Unrecht inhaftiert", rief Ried unnötigerweise ins Gedächtnis, „Und diese kl…asse Anwaltshexe hat darauf bestanden, dafür Schadenersatz einzufordern. Et voilà."
„Da ich nicht wusste, was ich mit der Hand voller Galleonen anfangen sollte... tja." Er zuckte mit den Schultern.
„Das Cottage war verfallen. Deshalb hab ich's günstig bekommen..." Und außerdem steckte in jedem Stein des Hauses eine gemeinsame Erinnerung von ihm und Eric.
„...Und ich bin beinahe aus allen Wolken gefallen", prustete Eric. „Denn die Dachziegel haben sich grade fein säuberlich in Reih und Glied aufs Dach gelegt, während er mir versucht hat zu erklären, dass das unser Haus ist."
Alles brach in schallendes Gelächter aus, während Tommy die Grillzange schwang.
„Währest du auch her gezogen, wenn du keinen Direktexpress nach London gehabt hättest?", rief er.
„Und wehe du sagst ja! Dann lass ich dein Steak anbrennen!"
„Nein, Tommy. Auf keinen Fall", lachte er.
So konnte er London und das ruhige Leben hier gut verbinden. In der Auffahrt parkte sein Wagen, der zwar schon bessere Tage gesehen hatte, mit dem er aber in ein paar Minuten im nächsten Dorf war. Andererseits benötigte er nur Sekunden um zusammen mit Ried London unsicher zu machen.
Andersrum genossen es Tommy und Tiny gern gesehene Gäste in dem Cottage zu sein und die Annehmlichkeiten von Strand und Meer zu genießen.
Zudem hatte der Wechsel des Wohnorts auch Eric gut getan. Nur noch selten erwachte er in der Nacht mit dem schalen Geschmack des grauen Nebels auf der Zunge. Und wenn zog ihn Ried wieder hinab ins Bett und schloss ihn wortlos in die Arme. Das stille Verständnis des Freundes bedeutete ihm mehr, als er mit Worten ausdrücken konnte.
„Ist das Wasser eigentlich schon warm genug zum Baden?", fragte Tommy neugierig und warf einen Blick auf das ruhige Meer, welches in der untergehenden Sonne in allen erdenklichen Orangetönen glitzerte.
„Wenn du dir die Zehen im Atlantik unterkühlen willst, tu dir keinen Zwang an", lachte Eric. „Ich für meinen Teil warte noch ein paar Wochen."
„Läufst du eigentlich inzwischen wieder?", wollte Sophie wissen. Der Angesprochene zuckte mit der Schulter und sah Sophie an, die neben David saß und ein wenig verschämt seine Hand hielt. David lauschte ihm mit wirklichem Interesse. Die beiden gaben wirklich ein schönes Paar ab, stellte Eric überrascht fest. Und Sophies Augen leuchteten auf einmal. In ihnen spielte nicht mehr die Vorsicht, die er seit ihrer Trennung im Februar in ihnen gesehen hatte.
„Ein bisschen, aber zu wirklichen Strecken fehlt mir noch die Kondition. Aber das kommt schon wieder. Hoffe ich zumindest", gab er zur Antwort
„Bestimmt", warf David ein. „Du musst dir nur Zeit lassen. Wenn du mal bedenkst, dein Körper war über einen Monat vollständig lahmgelegt."
Eric nickte und warf die Maiskörner noch in den Salat.
„Das sagt er mir auch immer wieder. Aber..."
„Du willst mit deinem Dickschädel durch die Wand", vollendete Tommy den Satz, der eine große Platte voll mit leckerem Grillgut an den Tisch brachte.
„So dick ist mein Schädel gar nicht!", murrte Eric und knuffte Tommy gleichzeitig.
Dann angelte er sich eine dampfende Scheibe Fleisch von der Platte.
„Hast du Ried eigentlich vom Fernseher überzeugt?", fragte ihn Tommy und gestikulierte zum Wohnzimmer. „Oder was macht die neue Errungenschaft da drin?"
„Da ich sowas wie Internet und einen Laptop zum Arbeiten brauche, war der Fernseher auch nicht mehr weit. Ich hab mir einfach einen besorgt." Er warf einen amüsierten Blick auf den Freund.
„Und wenn er glaubt ich würde es nicht bemerken, dann fiebert er bei manchen Filmen richtig mit. Hollywood eben. Das kann jeden begeistern", erklärte er. Tommy nickte nur heftig und grinste seine magische Freundin an.
„Oh ja!"
„Das ist doch gar nicht wahr! Ich komm auch gut ohne das Ding aus", protestierte Ried empört.
„Ich komm auch gut ohne einen Besen aus. Trotzdem macht's Spaß", grinste Eric, und Tommy klappte den Mund auf.
„Du fliegst? Echt jetzt?!" Voller Anschuldigung in den Augen blickte er zu Tiny. „Warum darf ich nicht?"
„Oh Eric, musste das sein? Ich will keinen Freund, der platt ist wie eine Flunder", stöhnte Tiny auf.
„Ich hab's ein, zweimal probiert. Es war echt nicht spektakulär", meinte er leicht hin, und verdrehte innerlich die Augen. Verdammt! Er und sein loses Mundwerk!
„Dann ist es nur fair, wenn ich es auch mal probieren darf", wandte Tommy sich an Tiny, „Bitte!"
„Ich will auch keinen Freund, der mich anbettelt, wie ein kleines Kind", neckte Tiny und hoffte wieder aller Vernunft, so das Thema wechseln zu können.
„Für eines von beiden wirst du dich entscheiden müssen", gab Tommy schlicht zurück.
„Ich würde die Flunder nehmen", riet Sophie lachend, „Er hört sonst nie auf zu betteln."
„Hör auf meine Schwester, sie ist eine weise Frau", meinte Tommy und deutete mit einem Stückchen Tomate auf Sophie.
Tiny seufzte ergeben.
„Na gut", gab sie klein bei, „Aber wenn ich auch nur die kleinsten Anzeichen sehe, dass du die Kontrolle verlierst, über dich oder den Besen, hex ich dir das Ding unterm Hintern weg!"
„Ist sie nicht süß, wenn sie sich Sorgen macht", lachte Tommy glücklich.
„Sie macht sich doch immer Sorgen", entgegnete Ried grinsend.
„Sie ist ja auch immer süß", kommentierte Tommy und schenkte seiner Freundin einen langen Kuss.
Bevor Tommy seine Hände auf Wanderschaft schicken konnte, räusperte sich Eric. „Ich weiß, es ist etwas abgegriffen, aber: Nehmt euch ein Zimmer!"
Tommy drehte sich zu dem Freund um. „Gerne! Könnt ihr uns mal eben euer Schlafzimmer leihen?"
„Tommy", schalt Tiny laut lachend und schlug ihrem Freund sanft vor die Brust.
„Apropos Zimmer", mischte sich David ein, „Wie läuft denn die Wohnungssuche?"
„Es geht", antwortete Tiny, „Es ist nicht einfach, eine Wohnung zu finden, die Platz genug bietet für an die tausend Bücher und ebenso viele Filme."
„Und dann soll die Wohnung auch noch in der Nähe vom Tropfenden Kessel liegen", erklärte Tommy, „Stellt euch vor, unsere brave Tiny will in die Nähe eines Pubs ziehen!"
„Du gehst doch genau so gerne in den Kessel, wie ich", widersprach Tiny.
„Da ist es ja auch abgefahren!", bestätigte Tommy, „Da findest du die schrägsten Gestalten."
„Dann passt du ja ausgezeichnet hinein", kommentierte Ried mit breitem Grinsen.
„Stimmt auffallend", antwortete Tommy lachend, warf aber mit einem Stück Gurke nach dem frechen Blonden.
Doch dieser wich ihm gekonnt aus. Stattdessen traf das feuchte Stück Sophie, die es mit einem gewissen Ekel im Gesicht von ihrer Wange zog.
„Tommy! Wenn du das noch mal machst, setzt es was! Wir sind doch nicht mehr im Kindergarten!", schnauzte sie ihren Bruder an. „Dann nehmen wir dich das nächste Mal nicht wieder mit!"
Allein der entsetzte Ausdruck, der sich auf Tommys Gesicht spiegelte, ließ die Runde in fröhliches Gelächter ausbrechen.
„Das ist gemein!", beschwerte sich Tommy. „Alle auf die armen Muggel!"
David nahm sich einen der gegrillten Maiskoben und biss herzhaft hinein. Er mochte die fröhliche Runde sehr. Die Gefühle, die er für die Frau neben sich empfand, konnte er nicht in Worte fassen, doch das war gar nicht nötig, denn sie standen für alle gut sichtbar auf sein überglückliches Gesicht geschrieben.
Und während sie weiter aßen, versank die Sonne tiefrot im Meer. Eric sah sich um. Die Farbe des Ozeans hatte sich in ein tiefes gräuliches Blau verwandelt und die Wellen schlugen sacht gegen den friedlichen Strand.
„Kommt Freunde! Stellungswechsel!", meinte er und stand auf.
„Stellungswechsel?", grinste Tommy fröhlich. Und ergriff Tinys Hand.
„Na das Angebot nehmen wir doch gerne an!"
Eric prustete leise und nahm sein Glas und eine bisher noch abgedeckte Schüssel. Dann steuerte er den schmalen Weg an, der durch die Farne zum Meer hinunter führte.
Sophie tauschte einen Blick mit David, während ihre Finger nach seiner Hand tasteten. Ihre Sorge, dass der Abend verkrampft werden oder in einem vollkommenen Desaster enden könnte, hatte sich spätestens mit Tommys Scherzen in Rauch aufgelöst. David schenkte ihr ein sanftes Lächeln. Als er ihre Hand drückte, prickelte Sophie ein sanfter Schauer durch den Körper.
„Ich benehm mich wie ein verliebter Teenager", dachte sie bei sich. Soweit war sie gar nicht von diesem Zustand des völligen Glücks entfernt.
Mit David an ihrer Seite schlüpfte sie aus ihren Pumps. Der feine Sand grub sich zwischen ihre Zehen, was sie unwillkürlich dazu veranlasste zu Lächeln.
Das hatte sie wirklich zuletzt als Kind gespürt.
Dann blickte sie auf. Ried hatte mit einigen gezielten Feuerbällen, direkt aus seinem Haselstab, ein großes Lagerfeuer entzündet.
Sophies Augen leuchteten auf.
„Wann habt ihr euch denn das überlegt?", fragte Tiny lachend und ließ sich als erstes vor dem Feuer im Sand nieder.
„Das meine Liebe" Ried trat zu ihr und legte ihr eine kuschlige Decke, die in Reih und Glied aus dem Wohnzimmer geschwebt kamen, um die Schultern, „Ist ganz allein auf Erics Mist gewachsen."
„Danke Eric", flötete Tommy, lüpfte dann Tinys Decke und kuschelte sich grinsend zu seiner Freundin unter das wärmende Stück Stoff. Er schob seinen Arm um den Rücken der kleinen Hexe und zog sie zu sich. Tinys Augen, in denen sich die Flammen des Feuers spiegelten, leuchteten zärtlich auf. Lächelnd schmiegte sie sich an Tommy, welcher seine noch freie Hand in ihren roten Locken vergrub und diese gedankenverloren um seine Finger kringelte. Tiny genoss die Geborgenheit des Freundes. Sie ließ den Blick über die Leute wandern, die in so kurzer Zeit von Fremden über Mandanten zu Freunden geworden waren und jetzt nichts anderes als Familie für sie darstellten.
Sophie und David küssten sich. Während David mit den Fingern über Sophies Wange strich, erkannte Tiny selbst im flackernden Licht des Feuers, dass ihre Wangen erröteten. Tiny musste lächeln, da sie genau wusste, wie die Freundin sich fühlte. Ein jeder Schritt war wundervoll neu und ihm wohnte eine Schönheit inne, die sie immer wieder in Erstaunen versetzt hatte.
Ihr Blick glitt zu Eric und Ried. Eric hatte den rechten Arm locker und den Freund geschlungen. Sein gedämpftes Lachen klang in ihren Ohren wie Musik. Er hob seine schmale Hand und brachte Rieds Haare in ein vollkommenes Durcheinander. Dann deutete er grinsend auf Sophie und David, lehnte sich selbst jedoch an Rieds Schulter.
Das Knacken des Feuers übertönte ihr Flüstern und Wispern, doch Tiny konnte sich nur allzu gut vorstellen, um wen es in ihrem Gespräch gerade ging.
Die Äste, die das Feuer in porös glühende Kohle verwandelte, fielen in sich zusammen. Ein Funkenschwarm schoss in die kühler werdende Luft empor, wie Glühwürmchen in einer dunklen Nacht, und leuchteten mit den Sternen am Himmel um die Wette.
