Einen Tag zuvor
Gar Saxon schreckte mitten in der Nacht hoch, als er sein Komlink summen hörte. Es war wieder einmal eine lange Nacht gewesen – Kri'gee-Krüge waren gekreist, man hatte die Demütigung des rothaarigen, blasierten Jedi gefeiert – den Tod seiner Metze - der verhassten, wankelmütigen Herzogin Satine. Mit einem herzhaften Gähnen rieb sich Gar Saxon die Augen, dann griff er ohne zu zögern nach dem Kommunikationsgerät. Auch ohne, dass er die Macht beherrschte, wusste Mauls Stellvertreter in der Death Watch, dass sich etwas Dramatisches ereignet hatte.
Es war eine bloße Kombination von einigen Aurebesh-Zeichen. Diese Zusammenstellung bedeutete höchste Alarmstufe – und sie kam aus dem Thronsaal des herzoglichen Palastes. Ein Klick genügte und die wichtigsten Männer und Frauen der maultreuen Death Watch waren über Konferenzschaltung miteinander verbunden.
Rook Kast fuhr sich mit der Hand durch ihr verstrubbeltes braunes Haar. „Was macht Lord Maul nur um diese Zeit im Thronsaal?"
„Das wird er uns schon selbst sagen, wenn es vorbei ist. Jetzt hat er angeordnet, die Umgebung des Palastes zu sichern und alle verdächtigen Bewegungen zu registrieren, darauf zu reagieren."
„Ich hätte da schon eine verdächtige Bewegung", sagte ein anderer Mandalorianer. „Auf dem Raumhafen von Sundari wurde der Tod von zwei Raumhafenbeamten vermeldet, die ein unautorisiert einreisendes republikanisches Shuttle der Lambda-Klasse mit Senatskennzeichen kontrollieren wollten. Die Männer wurden erwürgt, aber man konnte keinerlei sichtbare Würgemale an ihren Hälsen nachweisen. Einer der Swoop-Cars vom Raumhafen fehlt seitdem auch."
„Hmmm, keine Würgemale? Das sieht ganz danach aus, als hätte Kenobi Hilfe bekommen. Wahrscheinlich ist es sein ehemaliger Padawan Skywalker. Solche unjedihaften Methoden würden zu dem passen", vermutete Gar Saxon.
Saxon erinnerte sich noch gut an eine ähnliche Szene. Damals waren Maul und sein Bruder aus dem Gefängnis ausgebrochen und Savage Opress hatte einen der diensthabenden Gefängniswärter genauso mit einem Machtgriff vor sich herschweben lassen, um ihn dann im Thronsaal Pre Vizsla vor die Füße segeln zu lassen, bevor Darth Maul diesen zum Duell herausforderte, um die Herrschaft über die Death Watch und damit über den Planeten Mandalore ein und für allemal zu seinen Gunsten zu entscheiden.
„Markiert das Shuttle mit einem Peilsender. Der Jedi wird unter Garantie wieder dorthin zurückfliehen wollen, möglicherweise zusammen mit Kenobi. Und stellt Beobachter und Schützen auf dem Weg dorthin auf!"
„Habe verstanden. Rook Kast Ende und Aus!", kam es von der zierlichen Mandalorianerin zurück.
Gar Saxon ließ den Palast sichern. Der Mandalorianer, der das fremde Shuttle gemeldet hatte, brachte an jenem einen Peilsender an. Zunächst einmal geschah nichts. Bis in einem anderen Bereich des Raumhafens Kämpfe gemeldet worden. Sofort informierte der Mandalorianer seine Kollegen von der Death Watch, um dem nachzugehen.
Aus dem Thronsaal kam immer noch kein Lebenszeichen von Darth Maul, dafür erhielt Gar Saxon vom Raumhafen die Mitteilung, dass dort an Deck Vier Obi-Wan Kenobi gesichtet wurde – in Begleitung von Bo Katan, der abtrünnigen Nachteulen-Kommandantin.
„Das hätte ich nicht von Bo gedacht, dass sie sich sogar mit den Jedi einlässt, um Lord Maul zu schaden", sagte Gar Saxon zu Rook Kast. „Ich hätte wissen müssen; die erwürgten Männer und das Senatsshuttle waren ein Ablenkungsmanöver. Alle Mann zu Deck Vier! Wir dürfen den Jedi nicht entkommen lassen!"
„Aber was ist mit Lord Maul?", fragte Kast zurück.
Gar Saxon verzog höhnisch seinen Mund. „Was soll mit Lord Maul sein? Sicherlich ist er bereits auf dem Weg, um den Jedi zurückzuholen! Er würde uns nie verzeihen, wenn wir Kenobi entwischen lassen!"
Ganze vier Leute waren beim herzoglichen Palast zurückgeblieben, während der übergroße Rest der Death Watch zum Raumhafen gehastet war, um den Jedi-Ausbrecher wieder zurück in seine Zelle zu bringen. Die vier Männer schauten hin und wieder zum Toreingang, aber ihre Gedanken waren bei ihren Kameraden, die mit ihren Jetpacks in Richtung des Raumhafens von Sundari flogen. So war es bereits zu spät, als sie aus den Augenwinkeln heraus eine in einen schwarzen Umhang gehüllte Gestalt aus dem Palast kommen sahen, deren Gesicht fast vollständig von einer Kapuze verhüllt wurde. Diese Gestalt dirigierte mit ihren beiden Händen eine weitere Gestalt, die vor ihr herschwebte und in eine Decke eingewickelt war. Hätten die Vier mehr Zeit gehabt, dann hätten sie am Kopf des Schwebenden die Abdrücke des Hörnerkranzes von Darth Maul erkannt, welcher sich von unten durch die Decke zu bohren schien.
Die vermummte Gestalt ließ die Hände sinken und ihr Opfer plumpste mit einem metallischen Geräusch auf den Boden. Der Unbekannte ging in die Hocke und vollführte mit angewinkelten Armen eine schnelle Drehung. Die vier Wächter griffen nach ihren Blastern, aber die Waffen wurden ihnen durch eine unsichtbare Macht aus den geübten Händen gerissen. Die Drehung war viel zu schnell, als dass die Vier hätten sehen können, wie die Arme mit den Fäusten ausgestreckt wurden, um mithilfe eines Rundumschlages in der Macht alle vier Palastbewacher samt einigen Bänken im Kreis von dem Unbekannten fortsausen zu lassen. Als sich die Männer wieder erhoben und um sich schauten, waren sowohl der Vermummte als auch sein in die Decke gehülltes Opfer verschwunden.
Darth Sidious lenkte sein Shuttle zum schneebedeckten Planeten Stygeon Prime, wo es ein Hochsicherheitsgefängnis gab, von dessen Existenz nur wenige Leute wussten. Bevor er den Landeanflug einleitete, ging der Dunkle Lord der Sith in den hinteren Teil des Shuttles, um dort zu seinem ehemaligen Schüler zu sprechen.
„Wir werden gleich landen. Ich muß dir ja nicht sagen, dass du dich anschnallen musst", sagte Sidious schnippisch zu Maul, der eng an Armen und Beinen gefesselt am Boden kauerte.
Sidious ließ eine Pause, um Mauls Reaktion abzuwarten, aber Maul blieb stumm, geradeso, als wäre Sidious' Ankündigung lediglich die Durchsage irgendeines republikanischen Raumflugbegleiters von Touristenschiffen. Also redete sein Meister weiter.
„Ich werde auch nicht dort bleiben, wo ich dich jetzt absetzen werde. Wie du vielleicht noch weißt, habe ich ein Abonnement der Oper von Coruscant und in drei Stunden gibt es dort eine Vorstellung, die ich mir zusammen mit Jediritter Anakin Skywalker ansehen werde. Es handelt sich immerhin um die Premiere von ‚Der Geist von Naboo'. Ich möchte Skywalker nicht allzu lange warten lassen. Das verstehst du doch sicher, mein ehemaliger Schüler", sagte Sidious mit einem sardonischen Lächeln.
Er sah, wie sich Mauls Hände zu Fäusten ballten und er sein Gesicht vor seinem ehemaligen Meister zu verbergen suchte. Aber Sidious kannte Maul viel zu gut, als dass er nicht gewusst hätte, dass gerade ein unbändiger Hass in seinem Schüler hochkochte. Jetzt endlich hatte Maul wohl begriffen, was seine Worte auf Mandalore „… und du … wurdest ersetzt!", wirklich bedeuteten. Dass Sidious damit nicht auf den alten Dooku angespielt hatte.
„Ja … lass deinen Hass noch größer werden", deklamierte Sidious, so ähnlich, wie Maul es noch am Morgen dieses Tages zu Obi-Wan Kenobi gesagt hatte. „Lass zu, dass dein Hass und dein Zorn Deine Kraft verstärken!".
Palpatine lachte diabolisch. Er hatte Maul noch nie in die Oper von Coruscant mitgenommen. Und er war zu Maul auch noch lange nicht so freundlich gewesen, wie er es jetzt noch gegenüber Skywalker war. Das war der Preis, den er dafür zahlen musste, dass er es zugelassen hatte, dass der Auserwählte im Jedi-Tempel aufwuchs. Damit sich der oberste Sith-Lord dringenderen Aufgaben widmen konnte. Zum Beispiel der Aufgabe, sich persönlich um lästige Konkurrenten wie Maul zu kümmern, die das Erbe der Sith beanspruchten.
Kaum dass er sein Shuttle auf der Landeplattform des Gefängnisses abgestellt hatte, kamen schon die Gefängniswachen, um den bewegungsunfähigen Maul in die Ebene Sieben des Gefängnisses zu transportieren, nicht ahnend, dass sie dabei beobachtet wurden.
Darth Sidious begutachtete Maul, wie er in den Energiefesseln hing, die den Zabrak an den Wänden und dem Boden der Gefängniszelle gefangen hielten.
„Es wäre weise, mich zu töten", spottete Maul.
„Du solltest die Tatsache, dass du noch am Leben bist, nicht mit Mitleid verwechseln, mein früherer Schüler."
„Es gibt für alle in der Galaxis einen Sinn … und einen Weg, es zu zerstören."
Sidious offenbarte ein schales Grinsen. „Ich sehe, du erinnerst dich an deine Lektionen."
Mit diesen Worten verließ Darth Sidious die Zelle. Er war sehr zufrieden mit sich. Wenn Count Dooku es schon nicht geschafft hatte, ihm stichhaltige Beweise zu liefern, die einen Angriff der Republik auf Mandalore und ein Eingreifen der Jedi hätten rechtfertigen können, dann musste er eben wieder einmal die Dinge selbst in die Hand nehmen. Und er bezweifelte stark, dass sein alter Schüler es gleichzeitig mit Darth Maul und Savage Opress hätte aufnehmen können.
Er hatte den Kampf mit seinem ehemaligen Schüler und dessen Schüler genossen. Den ersten wirklich wichtigen Lichtschwertkampf für Darth Sidious seit vielen Jahren. Er war noch nicht einmal Kanzler gewesen, da hatte er Maul nach den vielen Strapazen der Prüfungen auf Hypori in einer Höhle zum Lichtschwertkampf herausgefordert. Der von den vorherigen Prüfungen völlig erschöpfte und bereits verletzte Maul hatte zwar auch damals bereits verloren, aber er hatte sich in die Hände seines Meisters ergeben und den Tod erwartet. Mehr Loyalität konnte man als Sith-Meister von seinem Schüler nicht erwarten. Damit hatte sich Maul den Titel „Darth" verdient. Sidious musste innerlich schmunzeln, als er daran dachte, dass sein früherer Meister bezüglich dieser Auszeichnung Mauls schon damals anderer Meinung gewesen war. Und jetzt hatte Maul diesen Titel nach einem zweiten Kampf mit seinem Meister wieder verloren.
Alle anderen Wesen der Galaxis außer Maul, Count Dooku oder Anakin Skywalker wären für ihn als Gegner im Kampf unter seiner Würde gewesen. Obwohl es ihn gelegentlich gelangweilt hatte, wie wenig doch die Macht in seinem ehemaligen Schüler während des Kampfes zum Einsatz kam. Nicht, dass er Maul dazu nennenswert Gelegenheit gegeben hätte. Während Sidious im Thronsaal von Mandalore seit langer Zeit wieder ungehemmten Gebrauch von seinen Machtkünsten machen konnte. Wie schön das doch gewesen war, erst die Raumhafenbeamten zur Seite zu erwürgen, ohne sie anfassen zu müssen, danach Maul und dessen Schüler gegen die große Duraglaswand zu schleudern, sie bei Bedarf durch die Gegend fliegen zu lassen, und zum Schluss dann den übriggebliebenen Maul immer wieder hoch und runtersegeln zu lassen - immer wieder, bevor es dann zum Finale kam, seinen ehemaligen Schüler mit Machtblitzen zu grillen, als dieser bereits gebrochen am Boden lag.
Um wie vieles abwechslungsreicher dieser Ausflug nach Mandalore für ihn als Sith-Lord doch gewesen war, als bei seinen Kontroll-Gesprächen mit Darth Tyranus diesen bei Versagen höchstens sporadisch in den Würgegriff der Macht zu nehmen dann abrupt von oben fallen zu lassen. Maul hatte sich schon während ihrer gemeinsamen Zeit auf Coruscant dafür interessiert, wie das mit den Machtblitzen funktionierte. Jetzt hatte er es wieder einmal am eigenen Leib erlebt. Darth Sidious freute sich schon auf die Verhöre, die vielen unangenehmen Fragen, die er Maul stellen würde, die Folter und das Hinhalten seines ehemaligen Schülers, an dessen Schmerz, Winseln und Flehen um Gnade er sich wieder würde weiden können nach so langer Zeit. Aber vor jedem Konzert eines galaktischen Superstars gab es eine Vorgruppe und diese Vorgruppe würden sein alter Schüler Count Dooku und noch jemand anderes sein, mit dem Maul bestimmt nicht rechnete. Und wie bei jedem großen Konzert einer galaktischen Berühmtheit würde es auch hier eine gewisse Zeitverzögerung geben, um die Spannung zu steigern.
Durch seine Isolation im Gefängnis hatte Maul genug Zeit zum Meditieren und Gedankentraining und, obgleich durch die Winzigkeit und Einfachheit des Raumes und seine Fesseln etwas eingeschränkt, auch für Sport, um in Form zu bleiben, sobald sich eine Gelegenheit bieten würde, wieder in Freiheit zu kommen. Die Niederlage, die Maul vor drei Tagen erlitten hatte, brannte tief. Maul wusste, dass er seinem Meister im Kampf unterlegen gewesen war. Noch viel schlimmer, er hatte mit einem Mal gespürt, was ihm sein Meister während seiner Ausbildung auf Mustafar und später auf anderen Planeten alles vorenthalten hatte. Oder hatte Sidious bis zu seinem Fall auf Naboo einfach nicht genügend Zeit für diese höheren Macht-Lektionen für ihn gehabt? Aber Maul hatte jetzt hier im Gefängnis keine Lust mehr, seinen Meister irgendwie zu verteidigen oder sich seine Handlungen schönzureden.
Er hatte gespürt, dass sein Meister während des finalen Kampfes im Thronsaal sein Potential noch nicht einmal voll ausgeschöpft hatte. Sidious hatte mit ihnen beiden gespielt wie mit Figuren in einem Dejarik-Spiel, um sie auszutesten, auszureizen, zu sehen, wie lange sie eine bestimmte Position einnehmen, eine bestimmte Technik anwenden würden, wie lange sie durchhalten, wann Schwäche zeigen würden. Er hatte genau das getan, was er Maul immer verboten hatte, nämlich, den Kampf um des reinen Vergnügens willens hinauszuzögern. Und Maul ärgerte sich, dass sein alter Meister sich das auch ihm gegenüber ganz offensichtlich leisten konnte, von seinem armen Bruder, der sein Leben für ihn, Maul, gegeben hatte, ganz zu schweigen.
Savage! Er hatte gesehen, wie sein Bruder kleiner und dünner geworden war, als der grüne Hexennebel Mutter Talzins seinem Körper entwich, obgleich er selbst in diesem verkleinerten Zustand immer noch größer als Maul mit seinen 1,75 Metern war. Und er hatte sich gefragt, was wohl mit seinem Bruder geschehen war, bevor er ihn das erste Mal gesehen hatte. Hatte etwa diese unselige Asajj Ventress damit etwas zu tun, die für seinen Bruder offensichtlich die Liebe seines Lebens gewesen war und ihn womöglich schon von Dathomir kannte, bevor sich die Brüder das erste Mal begegnet waren? Er würde später darauf eine Antwort finden.
Er hatte jetzt erst recht das Gefühl, nie wirklich zum wahren Erben der Sith auserkoren worden zu sein, sondern nur ein besserer temporärer Handlanger gewesen zu sein, der im Geheimen die Schmutzarbeit zu erledigen hatte, bis ein würdigerer, in den Augen seines Meisters präsentablerer Kandidat bereitstand, um die Nachfolge von Darth Sidious anzutreten. So einer wie Anakin Skywalker zum Beispiel. Und wenn Maul es recht bedachte, dann war auch Dooku, sein Schüler-Nachfolger, ein Mensch wie Skywalker. Skywalker, mit dem Palpatine in der Oper gewesen war. Skywalker, dem er im Augenblick noch nicht einmal böse sein konnte, hatte er doch Kilindis Aussagen zufolge sie damals im Gang des Senats durch seine schiere Präsenz vor einem Übergriff des Kanzlers beschützt. Und er hatte Ahsoka davor bewahrt, wegen falscher Anschuldigungen hingerichtet zu werden. Dafür war ihm Maul dankbar. Abrupt beendete er seine Gedanken an Ahsoka, als er eine Präsenz spürte, deren Eignerin in der Lage war, die Macht zu nutzen.
„Lasst mich wissen, wenn etwas Interessantes passiert", hatte Sidious Dooku eingeschärft, bevor dessen Attentäterin Mauls Zelle betrat.
Darth Maul saß auf dem Boden, seine Beine und Arme gerade so eng gefesselt, dass er sich zumindest im Umkreis von einem Meter bewegen und Nahrung zu sich nehmen konnte. Als sich die Tür zu seiner Zelle öffnete, hob er den Blick, um eine gelbe Mirialanerin zu sehen, deren Wangen und Kinn braune Rautentätowierungen zierten. Er kannte diese Frau bereits aus seinen Nachforschungen.
„Darth Maul, ich bin Barriss Offee. Ich bin als Heilerin beauftragt, alle neu angekommenen Gefangenen medizinisch zu untersuchen."
Maul sah die ehemalige Jedi mit Abscheu an. Er wusste sofort, wieso sein Meister gerade sie zu ihm geschickt hatte. Er versuchte, seine Gedanken so gut es ging, zu kontrollieren und unerwünschte Lecks abzuschotten, um nicht an das Mädchen zu denken, welches in den letzten Tagen so viel Wirbel im Jedi-Tempel und in seinen beiden Herzen verursacht hatte.
„Ich werde Euch jetzt abtasten", sagte Barriss Offee.
Maul entschied sich, keinen Widerstand zu leisten. Vielleicht würde ja etwas Interessantes passieren. Barriss schaute mit einem Medi-Scanner in seine Augen, seine Ohren, dann tastete sie seinen Körper vom Hals bis zu seiner Taille ab. Dabei fuhr sie mit ihren schmalen feingliedrigen Fingern die schwarzen Linien von Mauls Tätowierungen vom Oberkörper entlang hinunter, wo sein Stahlgürtel begann. Dabei verengten sich ihre großen blauen Augen zu schmalen Schlitzen.
„Ist mit meinen Tätowierungen irgendetwas nicht in Ordnung?", fragte Maul mit einem schiefen Grinsen.
„Ich muß das Hautbild untersuchen", meinte Barriss, „Wie mir zu Ohren gekommen ist, hattet Ihr in letzter Zeit einige schwere Stürze gehabt."
„Was ihr nicht sagt", erwiderte Maul spöttisch, „als wenn das so etwas besonderes wäre bei einem Leben, wie ich es führe. Ich hatte eigentlich gedacht, die Ausbildung und das Leben als Jedi seien härter, als dass diese paar Prellungen dort als etwas besonderes gelten würden. Aber wahrscheinlich ist das auch der Grund, weshalb Ihr Euch im Jedi-Tempel derart gelangweilt habt, dass ihr dort die Bomben gelegt und diese arme Frau getötet habt", Maul tat, als würde er überlegen, „... wie war doch gleich ihr Name?"
„Letta Turmond", sagte Barriss wahrheitsbeflissen.
„Schon komisch", meinte Maul. „Eigentlich müsstet Ihr für diese Verbrechen noch eine Weile im Gefängnis schmoren. Stattdessen lauft oder fliegt Ihr fröhlich in der Galaxis herum, um fremde Sith-Lords zu befummeln. Wirklich seltsam."
Maul dehnte seinen letzten Satz und fasste Barriss unter das Kinn, um ihren Kopf langsam nur ein Stück weit zu dem seinen hinzuziehen und sie dabei herausfordernd mit seinen golden, lodernden Augen anzusehen. Der rot-geflammte Kranz um die goldene Iris zuckte dabei. Er merkte, dass Barriss Kopf heiß wurde und sie tief errötete.
„Seltsam?", äffte Barriss Maul nach. „Ihr dürftet doch mittlerweile solcherart Besuche aus dem Jedi-Tempel gewöhnt sein, oder?"
Sie lächelte Maul unsicher an, die Augen immer noch halb geschlossen.
„Ich vielleicht", versetzte Maul plötzlich kalt und hart, „aber du ganz bestimmt nicht, das merke ich sogar, wenn ich keine Sinne der Macht nach dir aussende."
Mauls Hände waren gefesselt, also stieß er Barriss' Kopf mit seinem eigenen gehörnten Haupt von sich fort und schaute sie verächtlich an.
„Nun, die Tage der moralischen Sittsamkeit im Jedi-Tempel scheinen auch vorbei zu sein, wie ich an deinem Benehmen sehe. Ich würde vorschlagen, du begibst dich auf Ebene Eins, dort gibt es ein paar riesige dickfellige Togorianer, die hier wegen schwerer Piraterie einsitzen. Vielleicht knöpft dich von denen einer auf. Ich denke, die Untersuchung ist hiermit beendet".
Immer noch auf dem Boden sitzend, lehnte sich Maul weit zurück, spreizte seine mechanischen Beine etwas auseinander, soweit es seine Beinfesseln zuließen und verschränkte dabei seine gefesselten Arme im Nacken. Barriss stutzte. Obwohl Maul ihr in seinen Fesseln nichts tun konnte, fühlte sie, wie in ihr die Angst nach oben kroch. Maul grinste sie nun ganz offen und verächtlich an. Dann spuckte er vor ihr aus. Barriss senkte beschämt ihren Blick, errötete noch mehr, dann packte sie ihren Medizinkoffer und verließ eilig Mauls Zelle.
Bevor die Zellentür von außen geschlossen wurde, rief Maul Barriss noch hinterher: „Schick jemanden her, der die Spuren deines Hierseins beseitigt!"
Die zwei Sith-Lords in der Kommandozentrale des Gefängnisses mussten beide unaufhörlich kichern, während sie die Übertragung des Gesprächs zwischen Barriss Offee und Darth Maul mit den dazugehörigen Bildern verfolgten - alles von einer versteckten Kamera aufgezeichnet, die Barriss Offee unter ihrer Kleidung trug.
„Das ist genau mein ehemaliger Schüler", kicherte Sidious, als die Übertragung beendet wurde.
„Ich kann aus diesem Gespräch keinerlei Aufschlüsse ziehen, was die Ex-Padawan Tano anbelangt", sagte Dooku schließlich.
„Das habe ich auch gar nicht erwartet", sagte Darth Sidious mit einem leicht mokanten Grinsen zu Dooku und tätschelte jovial dessen Schulter. „Aber lustig war es allemal."
Mit diesen Worten entließ er, immer noch vor sich hinkichernd, seinen alten Schüler, der im Stillen beschloß, seiner neuen Attentäterin niemals wieder Missionen dieser Art anzuvertrauen. Sicher, Barriss Offee konnte hervorragend mit ihren beiden neuen Lichtschwertern umgehen und deren Rot stand ihr wirklich gut. Es gefiel ihm auch, wie ehrgeizig sie auf Serenno versuchte, ihre Kampfkunst oder ihre Kenntnisse der Macht zu perfektionieren. Ihre Konversation dagegen war ernst, trocken, sachlich und faktenorientiert, um nicht zu sagen, langweilig.
Wie schön das doch damals mit Asajj Ventress gewesen war, die, obwohl sie ebenfalls gewissenhaft ihre Aufträge erledigt hatte, immer einen passenden Witz gemacht hatte und damit die düstere und strenge Atmosphäre, die sich vor allem während der Holo-Kommunikation mit Darth Sidious über das Haus Serenno legte, etwas auflockern konnte. Dooku hätte sich sicherlich darüber amüsiert, hätte er gewusst, dass seine frühere Attentäterin Darth Sidious, den sie nur als Hologramm sehen durfte, anfangs für eine Erfindung Dookus gehalten hatte, mit der er einen zweiten Sith-Lord vortäuschte, um ihr, der besten Attentäterin aller Zeiten, den Titel Darth als vollwertige Sith-Lady vorzuenthalten und dabei die Regel der Zwei nicht zu brechen.
Dabei hätte Dooku damals nur all zu gerne Ventress' Angebot angenommen, mit ihr gemeinsam Sidious zu stürzen, wenn diese lähmende Angst vor seinem Meister nicht gewesen wäre. Beide waren damals wie zwei Verschworene gewesen, auf die richtige Gelegenheit wartend, den alten Holo-Sidious abzuschütteln. Nun war es zu spät. Barriss war sehr unterwürfig und zu unerfahren in den Dunklen Wegen der Macht. Und sie verstand noch nicht einmal, die feinen eleganten Witze, die Dooku gelegentlich machte, in angemessener Weise zu parieren, ganz zu schweigen davon, dass sie selbst welche machen würde. Stattdessen nervte sie Dooku mit ihren Komplexen, dass ihre Kompetenz und ihre Leistungen im Jedi-Tempel nicht so viel gezählt hatten wie das Lächeln oder das Outfit ihrer ehemaligen Freundin Ahsoka Tano. Auch dies ein Zeichen der Dekadenz der Jedi, die es zu beenden galt.
Da war ihm sogar ihr Vorgänger, der schweigsame Savage Opress, noch lieber gewesen. Der hatte wenigstens nicht ständig versucht, Dooku mit irgendwelchen weit ausholenden, langweiligen Geschichten aus der Siedlung der Nachtbrüder zu beeindrucken, sondern hatte schnell und schweigend seine riesigen Essensportionen hinuntergeschlungen und ansonsten den Mund gehalten, solange ihn Dooku nichts fragte. Auch wenn seine Tischmanieren doch sehr zu wünschen übrig ließen. Aber so viele Anwärter als Sith-Attentäter gab es denn doch nicht, dass Dooku derart hohe Maßstäbe bei der Auswahl seiner Handlanger hätte anlegen können. Dooku musste allerdings zugeben, dass die Tischmanieren von Barriss Offee perfekt waren.
Als Barriss Offee schließlich das Gefängnis verließ, um in der kalten Schneeluft des Planeten Stygeon Prime etwas Abkühlung und Ruhe zu finden, rannen ihr Tränen über ihre gelben mit braunen Rauten tätowierten Wangen. Sie zog ihren Kapuzenumhang enger um ihren Kopf und ihren schlanken Körper. So hatte sie sich ihr neues Leben als Dienerin der Dunklen Seite der Macht nicht vorgestellt. Sie hatte früher im Jedi-Tempel oft dagegen angekämpft, neidisch auf ihre beste Freundin zu sein, die stets als Erste bemerkt und angesprochen wurde, wenn beide zusammen unterwegs waren. Und das, obwohl die eher stille und ernsthafte Barriss zwölf Jahre älter und viel erfahrener in der Jedi-Ausbildung war als die quirlige und temperamentvolle Ahsoka, welche stets alle Blicke auf sich zog wie ein Magnet.
Darüber hatte sich Barriss von Tag zu Tag mehr geärgert, auch wenn sie nicht vorhatte, ihre Freundin mit ihren Gefühlen zu behelligen. Aber diese schien von alldem nichts zu bemerken. Niemand wusste, wie es um Barriss' Seele damals bestellt gewesen war. Bis zu dem Zeitpunkt, als sie ihrem Ärger Luft machte, freilich aus aktuellem politischem Anlass. Aber machten das nicht alle frustrierten Attentäter so? Auf Schloss Serenno hatte sie wenigstens etwas Ruhe gefunden, waren doch die anderen Attentäter stets woanders. Aber Dooku war so gut wie nie mit ihr zufrieden und überhaupt ziemlich mürrisch und übel gelaunt. So hatte er auf den Holovids, die sie noch aus ihrer Zeit im Jedi-Tempel kannte, gar nicht gewirkt. Es war kalt geworden in Barriss Offees Leben. Und die Mirialanerin sah keinen Weg, wie sich das jemals wieder ändern würde.
Darth Maul hoffte, mit diesem Hass und der Verachtung, die er der Ex-Jedi und intriganten Ex-Freundin Ahsokas entgegengeschleudert hatte, keinerlei Verdacht auf seine junge Geliebte gelenkt zu haben. Er war der Meinung, dass das schlechte Benehmen dieser Person für Außenstehende bereits Grund genug wäre, seine Antipathie dieser Frau gegenüber zu erklären. Das sah sein alter Meister allerdings anders. Maul dachte, nachdem er sich versichert hatte, dass keinerlei Machtpräsenz um seine Zelle herum zu spüren war, an Kilindi.
Er war sich sicher, dass sie gut in Mon Cala angekommen war und sich dort mindestens so gut verstecken würde, wie sie es damals auf Coruscant und später auf Mandalore getan hatte. Es bestand keine Gefahr, dass Kanzler Palpatine, der einzige, der außer ihm von ihrem Überleben auf Orsis wusste, sich in diese Unterwasserwelt weit weg von Coruscant verirren würde. Es gab dort eine Basis der Schwarzen Sonne, die Maul vor seinem Fall auf Naboo schon einmal in einer Geheimmission besucht hatte. Diese Leute würden Kilindi bei Bedarf unterstützen; so hatte er es ihnen aufgetragen. Kilindi würde keinerlei Berührungsängste mit diesen Leuten haben, ganz im Gegensatz zu Ahsoka. Kilindi würde standhaft sein und auf ihn warten, so wie immer. Er vermisste die gemeinsamen Nachmittage mit Orvix, mit dem er gelegentlich auf die Jagd oder zum Training in den Kampfdroidenraum gegangen war.
Dann dachte er an Ahsoka, die jetzt, wo sie ganz sicher von seinem Mord an Herzogin Satine erfahren hatte, ziemlich wütend auf ihn und verunsichert sein würde. Zumindest in dieser Hinsicht fühlte sich Maul im Gefängnis sicher. Er würde, wenn er vor einem Monat freikommen und unbehelligt nach Mandalore zurückkehren könnte, noch etwas warten, bis er sie wieder kontaktieren würde. Um sicherzugehen, dass ihre Sehnsucht nach ihm ihre Wut und Trauer wegen Satine bis dahin überlagert haben würde. Bis dahin war Ahsoka ein Unsicherheitsfaktor, um den er sich von Stygeon Prime aus nicht kümmern konnte. Sie war einfach viel zu prominent, als dass er ihr einfach so eine Zweitidentität hätte basteln können wie einst Kilindi. Kilindis wahre Identität kannten in der Galaxis nur sein getöteter Bruder und sein Meister. Alle anderen, die sie unter ihrer wahren Identität gekannt hatten, waren entweder von Kilindi selbst oder später von Maul getötet worden.
Das war bei Ahsoka nicht so. Es blieb ihm nur, auf ihre Angst vor Verfolgern und ihre Zuneigung zu ihm zu hoffen, dass sie sich verstecken und den Mund halten würde über die Geheimnisse, die er mit ihr geteilt hatte. „Angst ist mein Verbündeter", pflegte er früher oft stolz zu sagen. Er war sich allerdings nicht sicher, ob Ahsokas Angst ausreichen würde, sie und ihn zu schützen. Ob die Liebe der Angst jetzt würde helfen können? Er hatte auf Tatooine eine Weile mit sich gerungen, ob er ihr die doppelte Identität seines Meisters enthüllen sollte oder nicht. Hätte er mit ihr allerdings damals nicht über seinen Meister gesprochen, dann hätte sie mit ihrer Neugier und ihren Vermutungen über Kanzler Palpatine wahrscheinlich noch andere Leute als ihren Meister behelligt und dann wäre die Situation noch schlimmer geworden, als sie ohnehin schon war. Als er merkte, dass sich eine Präsenz vor seiner Zelle abzeichnete, die wesentlich mächtiger war als die der Verräterin von vor zwei Tagen, brach er diese Überlegungen abrupt ab.
Darth Sidious fand es an der Zeit, dass Dooku seinen Schüler-Vorgänger aufsuchte. Zuvor jedoch wollte er sicherstellen, dass sein alter Schüler auch die richtigen Fragen stellte und keine Fehler machte, bevor er wieder nach Coruscant zurückfliegen würde, um dort seine Rolle als Oberster Galaktischer Kanzler auszufüllen.
„Es sind viele Kräfte gegen uns. Wir müssen all unsere Feinde vernichten", sagte Sidious zu Tyranus, während die beiden Sithlords durch den langen Gang des Gefängnisses schritten, hin zum großen Tor des Hochsicherheitsgefängnisses von Stygeon Prime.
„Ihr sprecht von anderen Feinde als den Jedi?", fragte Dooku verwundert.
„Ich spreche von dieser Hexe Talzin", erklärte Sidious.
„Aber Grievous hat gesagt, sie wäre bei seinem Einmarsch auf Dathomir getötet worden", versetzte Dooku.
„Dass Maul noch lebt, ist Beweis genug, dass Grievous versagt hat, sie zu vernichten!", erklärte Sidious, während sie durch das große Tor nach draußen in die Schneewelt von Stygeon Prime schritten. „Meine Geschichte mit Talzin geht weiter zurück als Ihr wisst. Maul kam zu mir, als er ein Kind war - ein nicht sonderlich geschätztes Geschenk von Mutter Talzin. Ihr Abscheu vor mir sitzt tief. Schlussendlich werden wir Maul benutzen, damit er uns zu Talzin führt."
Dooku ließ sich das durch den Kopf gehen, während er auf den Weg vor sich schaute, welcher vom Gefängnis zu jenem Senats-Shuttle führte, welches sein Meister alsbald wieder besteigen würde.
„Was soll ich für Euch tun, mein Lord?"
„Maul hat die Unterwelt dazu benutzt, um seine Machtbasis zu erschaffen. Verhört ihn und findet darüber heraus, was Ihr könnt."
Dooku sah dabei zu, wie sein Meister die Macht nutzte, um die Einstiegsluke des Shuttles zu öffnen. Er hatte keine rechte Lust, Maul gegenüberzutreten. Zumindest nicht jetzt, wo der Gefangene noch frisch eingeliefert war. An Sidious' Stelle würde er ihn noch etwas schmoren lassen, bevor er ihn aufsuchte. „Warum schicken wir nicht einfach eine Armee nach Dathomir?", lenkte er von diesen seinen Zweifeln ab, als sie die vollends ausgefahrene Einstiegsrampe des Shuttles erreicht hatten.
Sidious sah seinen Schüler nicht mehr an, als er ihm antwortete. Unbeirrt lief der erste Sithlord die Rampe hinauf, während Dooku unten zurückblieb. „Weil man eine machtvolle Hexe wie Talzin so nicht besiegen kann. Sie muss ans Licht gelockt werden, bevor sie endgültig ausgelöscht wird!"
Dooku wartete nicht, bis sich die Einstiegsluke wieder hinter seinem Meister schloss. Noch bevor das Shuttle in den späten Abendhimmel von Stygeon Prime abgehoben hatte, war der ältere Sithlord bereits wieder auf dem Weg zurück ins Gefängnis. Mit steinerner Miene betrat er Mauls Zelle und nahm seinen Schüler-Vorgänger in Augenschein. Maul hing erneut mit ausgestreckten Armen in der Luft seiner Zelle, während ihn die vier Energiefesseln an Handgelenken und Knöcheln in Position hielten. Dooku kannte diese Fesseln aus eigenem Erleben. Damals, als ihn Hondo Ohnaka auf Florrum festgehalten hatte. Er schmunzelte bei dem Gedanken, wie sich wohl Maul, Kenobi und Skywalker aneinander gekettet in solche einer Zelle miteinander vertragen würden.
„Die Hutts haben Euch verlassen. Aber die Schwarze Sonne und die Pykes sind Euch gegenüber noch loyal. Ich möchte diese Ressourcen and Euren Zugriff auf den Schwarzmarkt!"
Mauls Blick oszillierte zwischen Grimm und Ekel, als Dooku seine Zelle betrat. Trotzdem Dooku mindestens einen Kopf größer war als er, schwebte Maul jetzt dank seiner Fesseln höhenmäßig über ihm – es bereitete ihm Vergnügen, auf seinen Schüler-Nachfolger herabzublicken. „Oh, Ihr seid Dooku, der Jedi-Verräter. Ich habe viel von Euch gehört seit meiner Wiedergeburt. Und … ich hatte mehr erwartet", sagte Maul mit einem abfälligen Lächeln auf den Lippen.
Dooku zog verärgert die silbrigen Brauen zusammen. „Ich sage das jetzt nur einmal: Gebt mir die Namen Eurer Unterwelt-Führer und die Lage der Basen Eures Schattenkollektivs!"
Dooku sah wie sich Mauls Gesicht in Wut zusammenballte. Auch wenn er die Macht nicht hätte, wüsste er die Antwort des Gefangenen. „Niemals!"
Dooku sammelte sich. Ein Schauer blauer Machtblitze überzog Maul. Die gelben Augen trafen die braunen durch den blauen Blitzregen hindurch, ohne sich zu ergeben. Verärgert musste Dooku nach zwei Minuten Elektrofolter zur Kenntnis nehmen, dass Maul wohl zuckte, aber keinen Laut des Schmerzes von sich gab.
„Ihr solltet wissen, dass Ihr nichts besitzt, was ich Euch nicht nehmen kann", sagte Dooku durch sein Machtblitzgewitter hindurch.
„Und Ihr, Count, habt sehr viel, was ich Euch nehmen kann. Das macht Euch angreifbar", versetzte Maul.
Dooku erhielt die Machtblitze noch eine Weile aufrecht, dann erkannte er, dass es zwecklos war. Aber es gab noch andere Mittel, die genau jetzt in Position gebracht wurden, während er Maul grillte. Er ließ die Machtblitze verebben und fixierte Maul.
„Ich hoffe, unsere nächste Unterhaltung wird fruchtbringender sein", sagte ein sichtlich hilfloser Dooku.
„Das will ich hoffen, für Euch", gab Maul mit einem höhnischen Blick zurück, bevor der ältere Sithlord Mauls Zelle verließ.
Dooku fühlte sich gedemütigt von seinem um vieles jüngeren Schüler-Vorgänger. Während der Elektrofolter hatte Maul gewirkt, als hätten seine Machtblitze ihn lediglich gekitzelt. Als Dooku Sidious über die mageren Ergebnisse seines Verhörs von Maul informierte, zeigte sich dieser keineswegs überrascht. Einmal mehr fühlte sich Dooku von seinem Meister veralbert. Er hätte die Zeit auch gut und gerne anders verbringen können. Wollte sein Meister ihn damit demütigen? Um seinen Spaß zu haben wie damals während des Besuches von Barriss Offee in Mauls Zelle?
Während Dooku diesen in seinem Kopf schwelenden Gedanken nachhing, summte sein Komlink. Ein Wärterdroide informierte ihn darüber, dass es auf Ebene Drei des Gefängnisses eine Explosion gegeben hatte.
„Ebene Drei?", wunderte sich Dooku. „Schickt auch Sicherheitsleute zur Ebene Sieben! Wenn jemand das Gefängnis infiltrieren will, dann habe ich so ein Gefühl, wo das wahre Ziel liegt."
Maul wunderte sich, wie plump und direkt Dooku ihn ausgefragt hatte. Ob er das wohl bei den Jedi so gelernt hatte? Oder ihn für dumm oder weich hielt? Auf jeden Fall hatte er eingangs Schlimmeres erwartet als solche Fragen und die paar Machtblitze.
Kommandeurin Rook Kast hatte dafür gesorgt, dass alle Sprengsätze an den dafür vorgesehenen Stellen platziert worden waren. Es waren mehr als genug, um den Feind auf Ebene Drei in verschiedene Richtungen zu locken und damit dessen Kräfte zu zersplittern. Jetzt mussten die beiden Mandalorianer nur noch dafür sorgen, dass nach den Explosionen auf Ebene Drei genügend Chaos und Wirbel entstand, so dass sie nicht nur in das Gefängnis eindringen, sondern auch einigermaßen unbehelligt von Ebene Drei in Ebene Sieben vorrücken konnten. Aufgrund dieser Strategie brauchten sie von den insgesamt zwanzig BX-Kommandodroiden auf Ebene Drei nur vier Stück zu zerstören, während die übrigen im Rauch der anderen Explosionsstellen vergeblich nach den Urhebern suchten.
Schlagartig wurde es dunkel im Gefängnis. In diesem Moment wusste Gar Saxon, dass es seine Leute geschafft hatten, die Energiezufuhr zum Gefängnis zu kappen. Das würde ihre Mission ungemein erleichtern und beschleunigen. Maul fühlte, wie ihn die unverhoffte Dunkelheit einhüllte wie ein schützender Mantel. Mit dem Licht waren auch seine Fesseln verschwunden. Er war frei, bislang nur in der Zelle, doch er wusste, dass jemand von außen genau das beabsichtigt hatte.
Schnell hasteten Kast und Saxon die enge Treppe zu Ebene Sieben hinauf. Den Turbolift zu nehmen hätte zu verdächtig gewirkt. Es war ihnen ein Leichtes, die Zellentür zu finden und zu öffnen, wohinter sich ihr festgesetzter Anführer befand. Maul wirkte erschöpft, aber kein Stück gebrochen.
„Lord Maul, wir werden Euch hier rausholen. Könnt Ihr laufen?", fragte Commander Saxon.
„Ich bin unempfindlich gegenüber Schmerz geworden", erwiderte Maul ausweichend.
Die Drei hasteten den Korridor entlang.
„Die Droiden sind immer noch unten im Korridor von Ebene Drei. Wir haben also noch etwas Zeit", sagte Saxon zufrieden.
„War das euer Plan?", fragte Maul irritiert.
„Ihr solltet einen Schritt zurücktreten, Lord Maul", sagte Saxon statt einer Antwort.
Nur einen Augenblick später explodierte der dafür vorgesehene Sprengsatz auf Ebene Sieben und es erschien ein riesiges Loch in der Gefängnismauer. Mit einer Harpunenvorrichtung schoss Rook Kast einen Seilwerfer zum wartenden mandalorianischen Gauntlet-Fighter hin, an dessen Ende eine Haltevorrichtung befestigt war. Der Schuss saß. Das Seil war verankert. Maul ergriff dessen anderes Ende und der Gauntlet-Fighter drehte ab, Darth Maul zurück in die Freiheit bringend, zurück zu seinen Death-Watch-Brüdern und –Schwestern, von denen zwei bereits mit ihren Jet-Packs neben ihm herflogen, um seine Flucht zu sichern.
Mittlerweile hatten auch die zur Bekämpfung der Infiltration ausgesandten Droiden die Ebene Sieben erreicht. Durch das in die Gefängniswand gesprengte Loch sahen ihre Fotorezeptoren den abziehenden Gauntlet-Fighter.
„Sollen wir ihnen folgen?", fragte einer der Kampfdroiden.
„Negativ", antworteten alle vier Superkampfdroiden hinter ihnen einstimmig, bevor sie von Raketensalven zerfetzt wurden - abgeschossen vom davonziehenden Gauntlet-Fighter, um die Flucht mit der wertvollen Fracht zu sichern.
Der Hyperraum riss auf und die Militärbasis Zanbar kam in Sicht. Nachdem Maul ausgestiegen war, überreichte ihm Gar Saxon sein schwarzes Lichtschwert, welches die Mandalorianer aus dem Thronsaal geborgen hatten, um es für ihren verschollenen Anführer aufzubewahren. Saxons Komlink summte. Almec erschien darüber, um Darth Maul zu seiner Freilassung zu beglückwünschen.
„Ihr habt mich damals aus dem Gefängnis befreit und diesen Gefallen möchte ich jetzt gerne erwidern", sagte Almec feierlich.
Maul war gerührt. Er erinnerte sich noch an die empörte Herzogin Satine, die damals in ihrer Gefängniszelle laut lamentiert und Almec denunziert hatte, dass er rückgrat- und gewissenlos sei, als Maul und Savage diesen vor acht Monaten befreit hatten, um ihm sein früheres Amt zurückzugeben. Aber offenbar war Herzogin Satine wohl einfach nicht die Regentin, die nach Almecs Geschmack gewesen war und seine Loyalität verdient hatte, dachte Maul innerlich feixend.
„Die schwarze Sonne und die Pykes sind Euch gegenüber noch genauso loyal genau wie wir. Wie lautet Euer Befehl?", fragte Saxon.
„Der Krieg, auf den ihr so lange gewartet habt, ist nun über uns gekommen, Brüder! Sieg oder Tod!", beschwor Maul seine Truppen.
Kanzler Palpatine saß allein in seinem Senatsbüro am Schreibtisch. Er schaltete das Holo-Net ein, um zu hören, wie sich die Ereignisse auf Mandalore nach seinem Besuch dort überschlugen. Aha, Jedi-Meister Obi-Wan Kenobi war also genau am gleichen Tag wie er, nur einige Stunden früher, mit seinem ehemaligen Schüler und dessen Schüler im Thronsaal von Sundari gewesen. Der Jedi hatte sich dort die ganze Zeit über seelenruhig mit Darth Maul über dessen Herkunft aus der Siedlung der Nachtbrüder und die Macht der Dunklen Seite unterhalten. Und während des Gesprächs hatte sein ehemaliger Schüler die Herzogin Satine im Würgegriff der Macht gefangengehalten, um sie wenig später vor den Augen ihres Jedi-Freundes mit seinem schwarzen Lichtschwert zu durchbohren. So jedenfalls übermittelten es die Bilder einer versteckten Holo-Cam, die ein bekannter Paparazzo während jener „Audienz" Mauls hatte mitlaufen lassen.
Und die legendäre Twilight hatte Kenobi auf Mandalore auch verschrottet. Palpatine feixte hinter seinem Schreibtisch. Was für eine grandiose Mission in eigener Sache! Kein Wunder, dass es den Jedi so schwer fiel, diesem Darth Maul das Handwerk zu legen. Und dann war Kenobi auch noch auf diese Bo Katan angewiesen gewesen, um sein Lichtschwert aus dem Besitz Darth Mauls zurückzuerlangen und wieder nach Coruscant zurückzukehren. Das hatte ihm später in der Oper Skywalker erzählt, der es von seinem Meister persönlich gehört hatte. Da fiel Sidious plötzlich ein, dass er völlig vergessen hatte, die beiden noch funktionierenden Lichtschwerter seiner beiden Kontrahenten aus dem Thronsaal mitzunehmen. Was, wenn sie in falsche Hände gerieten?
Dieses Kapitel enthält u.a. Ereignisse aus #1 des Comics "Sohn Dathomirs", der Juni/Juli 2015 endlich auch auf Deutsch erschien (mit teilweise falscher Übersetzung aus dem Englischen).
