Das kleine Festbankett verlief in angenehmer Atmosphäre. Die Sitzordnung am langen Tisch war streng nach Etikette. Fürst Valerius sass ganz rechts an der Längsseite, ihm gegenüber Botschafter Mizra. Links neben Valerius hatte Brendan Ulysses Platz genommen und unterhielt sich mit Silâhdar, dem Leibgardisten des Botschafters. Silâhdar war nicht nur Leibwächter, sondern auch Vertrauensperson von Mizra und begleitete ihn auf allen Auslandreisen.
Mallory MacFingal hatte seinen Platz neben Brendan und freute sich, dass heute Jocelyn Ulysses zu seiner anderen Seite weilte. So konnte er sich unbefangen mir ihr und dem Grafen auf der anderen Tischseite unterhalten. Graf William Banks und seine Schwester Maureen sassen neben Silâhdar und schlossen die offizielle Tischrunde ab. Denn der private Schreiber und Übersetzer des Botschafters sass zusammen mit Page Padraig am Tisch des höhergestellten Personals, welches bei solchen Anlässen auch nicht arbeiten musste. Padraig hatte diese Ehre durch langjährige Treue und persönliche Betreuung des Fürsten, welche über die reine Pflicht hinausging, mehr als verdient.
Der Graf, William, befragte Brendan Ulysses eingehend über die Begebenheiten in England, während Fürst Valerius sich mit Fürstensohn Mizra über den Flug über das Mittelmeer unterhielt. Bei anregenden Gesprächen während der Mahlzeit und kleinen Pausen mit Musikeinlagen verging die Zeit wie im Flug. Bald schon wurden die Gäste zu den Kutschen vor dem Tor geleitet, damit sie bequem und sicher zum Gästehaus im Park fahren konnten. Valerius stand mit Brendan noch einige Augenblicke am Tor und sah den davonrollenden Equipagen hinterher, dann kehrten alle ins Schloss zurück, da in etwa einer Stunde mit der Morgendämmerung ein neuer Tag beginnen würde.
Grifford Ollerton, der junge Richter aus dem Ministerium, hatte den aktuellen Pächter der Corfe-Ländereien ausfindig machen können. Ein Termin, um die heikle Angelegenheit von Straftaten zu besprechen, war glücklicherweise schon auf den frühen Morgen vereinbart, so verzögerte sich die Bearbeitung des Falles nicht noch länger. Die nötigen Papiere hatte der Richter in der Innentasche seiner Weste verstaut und machte sich ohne weitere Vorkehrungen auf den Weg an die Küste zu dem Standort des Castles.
Nur einer der Anwesenden im Atrium registrierte den etwas überstürzt geplanten Arbeitstermin des Richters ausserhalb des Ministeriums. Jene Person war aber dafür bekannt, dass sie alles sah und ihr nur wenig entging. Stirnrunzelnd blickte der stille Beobachter dem braunhaarigen Mann mit schwarzrotem Umhang und Dienstabzeichen nach.
Wenige Augenblicke später war der Mann in dem verschlafenen Fischerdorf angekommen und lief durch die Gassen der Ortschaft, um so rasch wie möglich zu dem alten Castle an der Küste zu kommen. Ihm war gar nicht wohl, denn das Dorf wirkte auf ihn eher verlassen und leer, als denn verschlafen. Warum genau konnte er allerdings nicht sagen. Das ungute Gefühl hatte ihn nicht getrogen, nur gelang es ihm nicht, schnell genug aus dem düsteren Viertel der Ansiedlung wegzukommen.
In Sekundenschnelle stieg aus den Strassenschächten und den Kellergewölben der umliegenden Häuser schwarzer Nebel. Mit einer Refelexbewegung hatte der Richter seinen Zauberstab aus der Tasche gerissen und ein Protego-Schutzschild vor sich aufgebaut.
Wie wenig ihm das half, zeigte ein Blick zurück über die Schulter. Auch hinter ihm war nun eine pechschwarze Wand aus dichtem Rauch. Die Stimme des Richters, welche die Angreifer aufforderte sich zu zeigen, widerhallte an der blockierenden Schwärze, als befinde er sich in einem tiefen Kellergewölbe.
Die Gefahr war förmlich mit den Händen greifbar und Ollerton versuchte, sich mit apparieren zu retten. Etliche Blitze, die aus dem Nebel zuckten, hinderten ihn aber daran. Einige Flüche wurden zwar von seinem Schutzschild zurückgeworfen, doch zumindest einer fand sein Ziel und schleuderte den Zauberer zu Boden. Ollerton, der unsanft zwischen alten Holzfässern landete, verlor dabei seinen rot gemusterten Dienstumhang. Trotz der Schmerzen im Rücken versuchte er, sich sofort wieder aufzurappeln. Noch ein letztes Mal erhob er seinen Zauberstab und schoss Abwehrzauber gegen die Gestalten, welche nun aus dem Nebel traten und auf ihn zukamen.
„Petrificus Totalus", zischte eine Stimme hinter dem sich tapfer wehrenden Richter. Diesem war es gelungen ein paar der Angreifer zurückzuschlagen, wurde aber von dem Fesselfluch überrascht und bewegungsunfähig gemacht. Jetzt, da er wehrlos am Boden lag, löste sich der schwarze Nebel auf und es wurde eine Handvoll Todesser sichtbar, welche Ollerton umringten. Seltsamerweise blieben sie abwartend stehen und griffen ihn nicht mehr an. Erst als ein Schatten über ihn fiel, gewahrte er den Besitzer der zischenden Stimme.
„Die Frucht des Lebensbaumes fast unerreichbar, Vampirzahnlieferung vereitelt und gleichwohl werde ich alles noch bekommen", raunte die Kreatur unter dem Kapuzenumhang und kniete sich neben dem Richter auf den Boden. Ollerton hatte keine Chance wegzukriechen. Er sah mit Entsetzen, wie ein langes Messer gezückt und zuerst seine Weste und dann sein Hemd aufgeschlitzt wurde.
„Ein Mann der Tugend und des Gesetzes", zischelte die Stimme, während ihr Besitzer das richterliche Dienstabzeichen musterte. Eine Hand tauchte aus dem weiten Ärmel auf und Finger, so dünn wie Spinnenbeine, strichen über die entblösste Brust des braunhaarigen Richters. Grifford Ollerton zuckte trotz Fesselfluch zusammen, als er die eiskalten Finger über seine Haut gleiten fühlte.
„Dein Herz jungfräulich zart, noch mit keinem Mord belastet, eine vorzügliche Zutat, die ich zu schätzen weiss."
Noch während diese Worte gesprochen wurden, hob die skelettartige Hand das Messer über die ungeschützte Brust des wehrlosen Mannes. Ollerton, zum Schweigen verdammt, starrte panisch auf das tödliche Mordinstrument.
Sekundenbruchteile, bevor die Klinge niederfuhr und sich in seinen Leib bohrte, zerfetzten ohrenbetäubende Sprengflüche die Stille, durchbrachen die Barrieren der Todesser und alle Anwesenden wurden von der Wucht der Explosionen durch die Gasse geschleudert. Das Messer fiel in den Staub und sämtliche Angreifer flohen vor den anrückenden Auroren. Unter der Führung von Moody stürmten ein Dutzend magische Polizisten zwischen die Häuser, jagten die Todesser davon und schützten den gefesselten Richter vor herabfallenden Ziegeln oder herumfliegenden Trümmern.
„Das war knapp mein Junge, warum laufen Sie auch alleine ohne Begleitschutz durch ungesichertes Territorium?", schalt der einbeinige Auror milde. Rasch löste er den Fluch von dem Opfer und nahm den zitternden Mann in die Arme.
Grifford hielt sich den Kopf und jammerte: „Ahh! Mein Rücken, mir ist kalt, mir ist so fürchterlich kalt."
„Ist ja gut Mister Ollerton, Ihnen ist nichts passiert", beschwichtigte der Auror. „Ach je, jetzt spielen durch den Schock die Sinne verrückt."
Geschützt durch seinen Kollegen, wickelte Moody den Richter sorgsam in seinen Umhang und belegte ihn mit einem Wärmezauber. „Kommen Sie Mister Ollerton, wir gehen ein paar Schritte aus der Gasse hinaus in die Sonne."
Von den Auroren gestützt, schritt der Richter aus der Hinterhofgasse und setzte sich auf eine Bank beim Dorfbrunnen.
„Zum Glück habe ich Sie beobachtet und bin Ihnen gefolgt", erklärte Moody sein plötzliches Auftauchen. „So konnte ich noch rechtzeitig Hilfe anfordern. Aber hier, trinken Sie erst einmal etwas Wasser, Sie sehen immer noch sehr blass aus."
Unter der Fürsorge der Auroren, welche die Quetschungen am Rücken mit lindernder Salbe behandelten, erholte sich Richter Ollerton langsam von dem Überfall. So konnte er auch berichten, wie die Kreatur mit den lidlosen Augen und den eisigen Spinnenfingern ihm bei lebendigem Leibe das Herz aus der Brust schneiden wollte.
„Ich bin mir sicher, diese Stimme schon einmal gehört zu haben", berichtete Ollerton weiter. „Es war die gleiche Stimme, wie die des Kaufinteressenten in der Aufzeichnung des Speculors. Der Käufer, welcher den Vampir zu jung für seinen Bedarf befand. Er hat den dunkelblonden Vampirmann in der Aufzeichnung zurückgewiesen."
Moody sah ihn skeptisch an. „Sind Sie sicher? Der Angriff hat Sie ziemlich mitgenommen und nach so einem Schock kann vieles oft anders empfunden werden als sonst."
Grifford liess sich zwar immer noch von einem Auror etwas stützen, entgegnete aber standhaft: „Ja, wenn ich auch nicht sagen kann, ob die Kreatur überhaupt ein Mensch war, der Klang der Stimme und die Sprechweise waren identisch."
Diese Aussage und auch, dass die Kreatur das Herz des Richters als begehrenswerte Zutat bezeichnete, wurde in das Protokoll aufgenommen. Die Aufzählung von verschiedenen Zutaten liess den Schluss zu, dass ein Zaubertrank gebraut werden sollte. Die Erwähnung des Lebensbaumes war ein Indiz, dass es einen Zusammenhang mit der Entführung des Gärtners Angelus Palmer geben könnte.
„Der Mann liegt immer noch im St. Mungos, was durch die Meldung im Tagespropheten auch offiziell bekannt ist. Was sagte der Kerl, der Sie aufschlitzen wollte?"
Grifford zuckte beim Wort „Aufschlitzen" zusammen. „Verdammt, das war nicht lustig. Ich dachte, ich hätte meinen letzten Atemzug getan!", fauchte er aufgebracht. Dann wiederholte er aber die Worte seines Beinahe-Mörders: „Die Frucht des Lebensbaumes fast unerreichbar, Vampirzahnlieferung vereitelt und gleichwohl werde ich alles noch bekommen."
Die Auroren sahen sich an, dann erhoben sich gleich zwei. „Er will alles noch bekommen, also auch den Lebensbaum, von dem nur Mister Palmer weiss, wo er angepflanzt ist. In diesem Fall ist eine sofortige Schutzmassnahme für den ohnehin schon gequälten Angelus Palmer sicher angezeigt."
Mit einem kurzen Nicken verabschiedeten sie sich und apparierten direkt ins St. Mungos.
„Wir machen uns auf zum Castle Corfe, sobald Sie sich kräftig genug dazu fühlen. Dahin wollten Sie doch?", wandte sich Alastor Moody an Ollerton.
Dieser nickte, nahm noch einen Schluck Wasser aus dem Becher, flickte mit einem Zauberspruch seine Kleider zusammen und erhob sich dann von der Bank. Der Weg zur Burg war nicht allzu weit und daher auch zu Fuss zu schaffen.
