38. Erfolgreiche Arbeit

„Nicht so viel, Severus, gaaanz sachte!" Gina Nicemeadows rührte mit ihrem Zauberstab abwechselnd rechts und links herum. Eine perlmuttfarbene Flüssigkeit kochte in einem Glaskolben unter kleiner Flamme.

Severus Snape hatte hauchzarte Schweißperlen auf der Stirn, doch seine Hände gaben ohne zu Zittern und mit stoischer Ruhe, Tropfen um Tropfen einer gelblichen Substanz hinzu.

Sein Mund war vor Anspannung verkniffen, seine Lippen trocken. Kaum erlaubte er seinen Augen einen erholsamen Lidschlag. Kontrolliert und in regelmäßigem Rhythmus, vollführten seine schlanken Finger ein stetes Ritual, ließen Winzigkeit für Winzigkeit des Liquides mittels einer filigranen Glaspipette in eine Probe der Ronkowa Essenz perlen.

Ginas Augen fixierten die digitale Temperaturanzeige. Eine Muggelerfindung, aber aufs Tausendstel Grad genau. Ihre Hand legte den Zauberstab beiseite, verharrte abwartend über dem Glasgefäß. Exakt bei Erreichen der gewünschten Temperatur zog sie die Probe vom Feuer, und ließ die Flüssigkeit durch gewandtes Schwenken die Seiten des Kolbens benetzen.

Jäh und ohne Vorwarnung schlug die Farbe der Substanz in ein dunkles Rubinrot um.

Gina sah Severus triumphierend an. „Bin ich genial, Severus, oder bin ich nur genial?"

Ihr Lachen war stolz.

„Ich denke Du bist beides!"

Snape hatte die Pipette ebenfalls beiseite gelegt und betrachtete die Flüssigkeit im Licht der vielen Fackeln, die sein Labor in ein heimeliges aber unstetes Licht tauchten. Manchmal wünschte er sich die Leuchtkraft der kalten Neonröhren von Ginas Laboratorien herbei. Doch auch hier in seinem privaten Hogwartslabor, im Flackerlicht der lodernden Flammen seines Heiligtums, sah er mit Hingabe auf das Resultat ihrer nächtlichen Arbeit.

Wie immer war es Gina gewesen, die abrupt das Essbesteck im Eberkopf hingeworfen und ihn genötigt hatte, sofort ins Labor zu gehen. Sie waren so unterschiedlich wie man nur sein konnte und sich doch so ähnlich. Gina voll von impulsiver Energie, die sich zu zündenden Ideen manifestieren konnte, er hingegen von überlegener und kraftvoller Ruhe, die in stillen Stunden hervorragende Ergebnisse gebar. Und so gleich, so übereinstimmend war ihre Leidenschaft, was das Brauen anging, dass sie in stiller Übereinkunft wortlos Stunde um Stunde, Seite an Seite arbeiten konnten, immer wissend und fühlend was der andere gerade tat. Verbunden durch ein unheimliches Band, verbunden durch eine tief verwurzelte Leidenschaft für die Geheimnisse der Toxine, die ihnen in ausgewogenen Intensitäten Macht über die Welt geben konnten.

Heute war ihnen etwas gelungen, was er noch vor einer Woche für unmöglich gehalten hatte.

Sie hatten die tödliche Wirkung der Ronkowa Essenz eliminieren können und durch Zugabe genetisch modifizierter Aminosäuren ein Heilmittel gegen Vampirismus geschaffen.

Es war alles so einfach, so plausibel. Ginas Forschungen hatten den Schlüssel geliefert.

Es war wie ein Kochrezept, das in leicht abgewandelter Form für viele Gerichte anwendbar war.

„Hast du schon jemandem die Probe zugesagt?" Snape reinigte sorgsam die benutzten Instrumente und Gefäße.

Gina nickte. „Ja ich habe Pascal versprochen dem russischen Institut zur Erforschung magischer Krankheiten das Mittel gegen Vampirismus zukommen zu lassen. Leider haben sie einige Kinder auf ihrer Krankenstation, die infiziert sind und immer schwächer werden. Zu verlieren haben sie nichts, sie können mit dem Mittel nur gewinnen."

Snape starrte sie entsetzt an. „Du meinst, sie setzten es dort direkt bei Menschen ein, bei Kindern? Ohne es zuvor zu testen?"

„Woran willst Du es testen, Severus, an vampirischen Mäusen? Mach dich nicht lächerlich! Die Kinder sterben sonst. Außerdem ist das Mittel perfekt! Wir sollten unseren Freund Remus Lupin fragen, ob er nicht das Mittel gegen die Werwolfkrankheit testen will!"

Snape lachte trocken.

„Wenn ich ihn das frage, dann denkt er ich wolle ihn umbringen!"

„Was Du natürlich nicht willst!", sagte Gina ironisch.

„Er steht erst als Zweites auf der Liste.", grollte Snape.

„Und wer ist deine Nummer Eins? Lucius etwa?"

Snape warf ihr nur einen langen Blick zu und reinigte weiter einige Reagenzgläser.

„Severus?"

Er knüllte wütend das Tuch in seinen Händen zusammen und feuerte es ins Waschbecken.

Dann stützte er sich mit beiden Händen auf der Arbeitsplatte ab, als würde ihn gerade alle Kraft verlassen.

„Severus?" Gina stellte sich neben ihn und legte ihre Hand auf seine Rechte.

„Lass das doch nicht so nah an dich heran!"

Snape zog abrupt seine Hand unter der ihrigen weg und begann die nicht mehr benötigten Zutaten in seinen Vorratsschrank zu räumen. Das tat er mit mehr Elan als notwendig und als er das Calidokraut ins Regal schleuderte, da öffnete sich das Leinensäckchen und die Krautstengel purzelten heraus. Fluchend stopfte Snape sie zurück.

„Die armen Stengelchen können doch nichts dafür, Sev!"

„Halt den Mund!"

„Und ICH kann auch nichts dafür, Sev!"

Ginas Stimme hatte an Schärfe gewonnen.

„Da bin ich mir nicht sicher!"

„BITTE?"

Gina hatte sich vor ihm aufgebaut. „Was willst Du damit andeuten? Mache mich nicht für die Fehltritte der kleinen Schlampe verantwortlich!"

„GINA!", donnerte Snape.

"Ich dulde nicht, dass Du Hermine so nennst!"

„Ach was, und was willst Du dagegen machen? Mir ein Pflaster auf den Mund kleben, Severus?"

Gina wirbelte ärgerlich herum. „Nennen wir das Kind doch beim Namen, mein Lieber! Oder würdest Du dich noch mal mit ihr einlassen?"

Snape antwortete nicht, räumte stattdessen weiter verbissen seinen Vorratsschrank auf.

„Sev?" Gina zupfte an seinem Ärmel was eine halbherzige Abwehrreaktion auslöste.

„Sev, DAS ist jetzt nicht dein Ernst. Du glaubst nicht wirklich, dass sich das noch mal kitten lässt, oder?"

Sie wartete vergeblich auf Antwort. Nach einer Weile fügte sie hinzu: „Also Lu kann bleiben wo der Pfeffer wächst!"

Snape drehte sich zu ihr um.

„In diesem Punkt findest Du meine Zustimmung!"

„Ach und Hermine würdest Du mit offenen Armen wieder aufnehmen, wenn sie reumütig vor deiner Türe stünde?"

Gina funkelte ihn an. „Überlege mal wie Du mich früher für weniger bestraft hast. Und ich war nicht deine Frau." Ihre Stimme bebte vor Zorn.

„Das war etwas anderes!" Snape hatte ihr wieder den Rücken zugedreht.

„Ach das war etwas anderes. Kannst du mir sagen was Du dann jetzt vor hast? Ich dachte das Thema Hermine sei hier ein für allemal vom Tisch!"

„Ich will nur wissen, ob er sie verführt hat oder ob sie sich aus freien Stücken für ihn entschieden hat!"

„Was würde das ändern?" Gina lief wie aufgezogen im Labor hin und her, rückte an den Geräten herum.

„Nein!", herrschte Severus sie an, „das würde überhaupt nichts ändern, trotzdem würde ich es gerne wissen. Genauso wie ich wissen möchte, wo sie ist und ob es ihr gut geht. Dein Lucius ist mir so was von egal aber für Hermine hege ich noch ein gewisses Verantwortungsgefühl, schließlich ist sie... ist sie...!"

„Noch ein Kind, Severus? War es das was Du sagen wolltest?"

Snape machte ein ungeduldige Handbewegung.

„Blödsinn, Gina, sie ist mein Frau. Ihr Alter hat damit nichts zu tun!"

„Jajaja!" Gina hatte sich schmollend umgedreht.

„Lecke nur deine Wunden. Schick ihr doch eine Eule, vielleicht antwortet sie ja, dann weißt du woran Du bist!"

„Keine schlechte Idee, Schwester!" Snape sah auf seine Hände.

Gina schnaubte. „Apropos Ideen, wann sehen wir uns wieder? Ich muss los, muss kontrollieren ob Pascal die Versuche unter Kontrolle hat!" Sie war zur Tür gegangen.

„Frühestens in drei bis vier Tagen, ich habe einiges an Arbeit aufzuholen!"

Gina stand wartend an der Tür.

„Bringst Du mich noch raus?"

„Du kennst den Weg!"

„Und wenn ich ihn nicht alleine gehen möchte?"

„Hast Du wohl ein Problem!"

Gina stützte die Hände in die Hüften und ging mit wiegenden Schritten nochmals auf Snape zu.

„Scheusal!" sagte sie sanft.

„Hexe!" kam es hart zurück.

„Nun komm schon, begleite mich ein Stück!" sie lächelte ihn unschuldig an.

„Bedenke was mir alles widerfahren könnte, mir einer einsamen Frau, alleine in der Dunkelheit der Nacht!"

Snape seufzte ergeben.

„Wieso kann ich dir eigentlich nichts abschlagen?"

„Weil es sowieso sofort wieder nachwachsen würde!" grinste Gina und hakte sich bei ihm unter.

Gemeinsam gingen sie durch die Nacht bis zur Appariergrenze, dann hauchte Gina ihm einen Kuss auf die Wange und war mit einem leichten Plopp verschwunden.

Snape starrte noch eine Weile auf den Fleck wo sie zuvor gestanden hatte. Dann wandte er sich wieder dem Schloss zu. Er hatte noch einen Brief zu schreiben.

tbc