– KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG –
Hinterm Licht
Harry und Ginny standen vor der Tür, unentschlossen, zögernd. Stimmen drangen durch die Wand, keine sehr leisen, aber nicht laut genug, um zu verstehen, was sie sagten. Harry glaubte, Nevilles Stimme zu erkennen. Warum schrie er nicht, wenn er Bellatrix gegenüberstand? Was hatten sie ihm angetan, das es ihm unmöglich machte, zu schreien …?
Für einen Moment dachte Harry schon, sie würden es sich anders überlegen, umkehren und Hilfe holen, bevor sie durch die Tür da traten. Aber schnell wurde ihm klar, dass Ginny das nie tun würde. Das hätten sie schon früher machen müssen. Jetzt hatten sie Neville gefunden, und jetzt war es Zeit, einzugreifen, ehe es zu spät war.
„Wir gehen rein", wiederholte Ginny.
Harry nickte. „Ich denke, wir sollten sie überraschen und sofort angreifen."
Sie streckten ihre Zauberstäbe vor sich aus.
„Eins –", sagte Ginny.
„Zwei …", nuschelte Harry.
Aber anstatt gemeinsam „drei!" zu sagen, riefen sie wie aus einem Mund: „Reducto!"
Die Tür wurde aus ihren Angeln gehoben, mit einem lauten Krachen in den Raum dahinter geschleudert. Harry machte einen Sprung in das Kerkerzimmer, Ginny dicht hinter ihm. Und als er seinen Zauberstab auf das erstbeste Ziel richten wollte – begrüßte ihn schon ein Unheil verheißender Lichtstrahl. Harry japste entsetzt, als ihm sein Zauberstab aus der Hand flog. Er wollte sich umdrehen und Ginny warnen, umzukehren – aber Ginny war nicht da. In Windeseile ließ er seine Augen umher gleiten, auf der Suche nach Ginnys feurig roten Haaren, völlig durcheinander – und dann erblickte er die feurigen Haare. Aber nicht auf dem Kopf eines Mädchens. Aus den Augenwinkeln sah er, wie das kleine rote Wesen hinter einem Wandvorhang verschwand. Ginny hatte schneller reagiert als er (oder mehr Zeit gehabt) – das war gut. Schnell wandte er sich wieder um, um sich dem zu stellen, der ihn entwaffnet hatte, in der Hoffnung, dass dem nicht aufgefallen war, dass Harry den Teil des Raumes hinter sich durchsucht hatte.
„Potter – wie überaus freundlich von dir, zu erscheinen!"
Das spitze Gesicht von Lucius Malfoy wirkte krank vor Blässe, aber es trug ein selbstgefälliges Grinsen. Malfoys Haare wirkten mehr weiß als blond, zerzaust und überlang.
Ganz im Gegensatz dazu erschien die Frau, die neben ihm stand, lebendiger als je zuvor. Ihr dunkles Haar fiel in Locken über ihr schönes Gesicht, ihre dürren Wangenknochen, ihre breiten Schultern. Sie trug einen grünen festlichen Umhang anstelle der schwarzen Todesseruniform. Ihr Mund war zu einem entzückten, fast schon fröhlichen Lächeln hochgezogen; und in ihren Augen blitzte der Wahnsinn. Bellatrix Lestrange hatte es geschafft, sich von den Strapazen von Askaban zu erholen und war nun wieder die hübsche Frau, die sie einst gewesen war. Nur strahlte sie nun mehr Macht aus als auf dem Bild, das Harry damals gesehen hatte; eine Macht, die selbst in den Mutigsten wohl noch Angst geweckt hätte.
Harry würdigte die drei Personen, die hinter Lucius und Bellatrix standen, keines Blickes, sah sie nicht einmal eine Sekunde lang an. Er wusste ja, wer sie waren, und sie interessierten ihn im Moment kein bisschen.
„Wo ist Neville?", fragte Harry; seine Stimme war fest und klang mutiger, als er sich fühlte. Seines Zauberstabs beraubt, war er unfähig, sich zu wehren. Es war fast schon witzig – kaum verlor der Auserwählte sein Holzstöckchen, war er den Todessern hilflos ausgesetzt. Er wusste, dass er keine Chance hätte, wenn sie beschlossen, ihn zu fangen oder gar zu töten. Aber das spielte jetzt keine Rolle.
Lucius Malfoy hob seine Augenbrauen. Immer noch grinsend, sagte er: „Du glaubst, du kannst hier Fragen stellen? Immer noch so arrogant wie früher, was?" Er schürzte seine
Lippen. „Nun ja, was soll's – dein Freund liegt dort."
Mit seinem Zauberstab wies Lucius in die Ecke des Raumes. Harry sah in diese Richtung – und keuchte auf. Ein kleiner, schwarzer Haufen lag dort auf dem Boden: Der Umhang und die Haare Nevilles waren alles, was man von ihm sehen konnte.
„Als wir dich draußen vor der Tür gehört haben, haben wir ihm spontan das Bewusstsein genommen und ihn in einen unruhigen Schlaf geschickt", sagte Lucius; völlig emotionslos plapperte er vor sich hin. „Wir haben nur eine Stimme außerhalb der Tür gehört und nicht gewusst, wer das ist. Daher konnten wir auch nicht einschätzen, wie lange uns der Neuankömmling aufhalten würde. In jedem Fall wollten wir deinen kleinen Freund noch nicht umbringen, da –"
„– da ich noch einiges mit ihm vorhabe!"
Bellatrix kühle Stimme schnitt durch die Luft, lenkte Harrys Aufmerksamkeit auf sich, seine Augen weg von Neville und auf diese schreckliche Hexe. Ihr Lächeln hatte sich nun in ein manisches Grinsen verwandelt; und plötzlich begann sie – nicht zu lachen, sondern zu gackern, zu gackern wie ein verrückt gewordenes Huhn.
„Wenn ich mit ihm fertig bin, kann er bei seinen Eltern einziehen", rief sie dabei, und sie klang, als gäbe es keine schönere Vorstellung als die, die sie gerade im Kopf hatte; Harry wagte es kaum, sich auszumalen, woran sie dachte.
„Nana, meine liebe Bellatrix", sagte Lucius, und Harry sah wieder zu ihm, froh, nicht mehr Bellatrix anblicken zu müssen, „du wirst es doch nicht genauso eilig haben wie Potter, oder? Lass uns höflich bleiben – hast du schon gesehen, wer uns Gesellschaft leistet, Potter?"
Lucius trat einen Schritt zur Seite, um den Blick auf die frei zu machen, die hinter ihm standen. Harry fragte sich, was das sollte – warum brachten sie ihn nicht einfach um? Warum riefen sie nicht Voldemort? Sie hatten Harry Potter – warum teilten sie die frohe Botschaft nicht mit ihrem Herrn?
Diese Gedanken brachen sofort ab, als Harry sah, wer hinter Lucius stand. Wie – wie war das möglich? Er hatte doch auf der Karte des Rumtreibers gelesen, dass …
Cornelius Fudge und Sybill Trelawney waren da. Normalerweise hätte es Harry wohl verblüfft, Trelawney, mit magischen Fesseln geknebelt, in Fudges fester Umklammerung zu sehen; er hätte vielleicht sogar versucht, ihr zu helfen, denn sie wehrte sich heftig gegen die Arme des ehemaligen Zaubereiministers, bewegte alle Teile ihres Körpers, die sie bewegen konnte, ihre entsetzten Augen auf Harry gerichtet; vermutlich wollte sie ihn auch um Hilfe bitten, aber aus ihrem Mund kam kein Ton, obwohl sie ihn öffnete und schloss, aufriss und zuschlug.
Aber dieses Bild war nichts gegen das von Nymphadora Tonks, die, fast ohne Haare, mit einer unproportionierten Nase und ihrer großen goldenen Medaille um ihren Hals, Harry anstarrte, als wüsste sie selbst nicht so ganz, was sie hier machte.
„Du!", keifte Harry; er spuckte sogar aus Versehen. „Du miese Verräterin!"
Malfoy und Bellatrix stießen lautes Gelächter aus. „Du und deine Freunde, ihr habt es also noch nicht begriffen?", fragte Malfoy.
Aber Harry hörte kaum hin. Alles andere vergessend, ging er auf Tonks zu, hob die Hand und ballte sie zur Faust. Tonks' Gesicht verzerrte sich vor Entsetzen – Harry war nur noch einen Schritt entfernt –
Ein Zauber traf ihn, schleuderte ihn einige Meter zurück, warf ihn zu Boden.
„Das hat doch keinen Sinn, Potter", sagte Malfoy; er schüttelte seinen Kopf. „Hat dir Dumbledore nie gelehrt, deine Emotionen zu zügeln?" Er wandte sich an Tonks. „Geh rauf und mach alles für unsere Abreise bereit. In spätestens einer halben Stunde müssen wir los."
Tonks nickte. Sie machte einen großen Bogen um Harry, während sie zur Tür hechtete und den Raum verließ. Harry rappelte sich hoch, wollte ihr hinterher laufen – aber etwas traf ihn im Rücken und warf ihn wieder zu Boden.
„Nein, Potter, du musst noch bleiben!", rief Bellatrix – nein, sie jubelte förmlich. Als wäre all
das hier wunderbar. „Du musst doch mit ansehen, was ich für Longbottom geplant habe!"
Harrys stand wieder auf. Sein Körper zitterte, aber er war nicht wirklich ängstlich; sie schienen nicht vorzuhaben, ihn zu töten. Und er mochte vielleicht keinen Zauberstab mehr haben – aber sein Kopf funktionierte noch. Und er glaubte zu wissen, was er zu tun hatte.
Er musste sie ablenken. An seinen Zauberstab herankommen.
Ihnen ihre verfluchten Köpfe vom Hals reißen, wenn mir ein Zauber einfällt, der das kann und der nicht unverzeihlich ist.
„Fudge gehört also auch zu euch, ja?", fragte er; es war das erste, was ihm einfiel.
Malfoy feixte. „Fudge – und Ollivander."
Obwohl Harry nicht vorhatte, sich ebenso ablenken zu lassen, wie er die anderen abzulenken versuchte, schaffte Malfoy es doch, seine Aufmerksamkeit zu gewinnen.
„Ollivander?"
„Aber natürlich. Die Entführung von Ollivander vor zwei Jahren war nur die Vorbereitung auf einen der genialen Pläne des Dunklen Lords. Fudges Entführung vor kurzem war inszeniert – er und Ollivander sollten gemeinsam wieder auftauchen. Der Dunkle Lord hat eine wunderbare Geschichte für die beiden geplant, die sie erzählen sollten, wenn der Orden oder das Ministerium danach fragen sollte, wie ihnen die Flucht gelungen ist – aber dieser dämliche Mad-Eye und seine Komplizin McGonagall haben sich von ihrer schrecklichen Verfassung –" (er machte eine kurze Pause, in der er ein noch heitereres Schmunzeln aufsetzte) „– so sehr beeindrucken lassen, dass sie damals gar nicht gefragt haben, wie sie entkommen sind."
„Und – und warum sollten die beiden gemeinsam wieder auftauchen?" Harry konnte es kaum fassen: Er war schon ein ziemlich großes Stück zur Seite gegangen. War es wirklich möglich, dass Lucius und Bellatrix nichts davon bemerkten? Das Glänzen in Bellatrix' Augen verriet Harry, dass sie wusste, was er vorhatte. Aber wenn er sie nur lang genug in dem Glauben ließ, dass er bis zu seinem Zauberstab schleichen wollte, um den im richtigen Moment einen Sprung zu machen, um den restlichen Weg bis zu der Stelle, wo der Stab lag, hinter sich zu bringen … würde das funktionieren? Oder sollte er Bellatrix weismachen, er wolle zu Neville, um dann in der letzten Sekunde seinen Weg zu ändern? …
„Die Beweggründe des Dunklen Lords sind auch mir nicht in vollem Ausmaß bekannt", sagte Lucius mit seiner monotonen Stimme.
„Genug geschwafelt, Lucius!", zischte Bellatrix dann, ohne die Augen von Harry zu nehmen. „Du weißt, wir müssen schon bald wieder verschwinden!"
„Wieso habt ihr es denn so eilig?" Harry nutzte die Sekunde, in der Bellatrix und Lucius einander ansahen, um einen etwas größeren Schritt zu wagen; Fudge war ohnehin zu beschäftigt damit, Trelawney im Zaum zu halten, als dass er irgendetwas bemerken könnte.
Malfoy wandte sich wieder an Harry. „Du dachtest wohl, der Kampf hier in Hogwarts wäre das, was der Dunkle Lord sich für sein Finale ausgedacht hat, nicht wahr?" Er schmunzelte; seine eisigen Augen blitzten auf. „Unser Herr hat viel bessere Ideen, das kannst du mir glauben, Potter."
Harry stutzte, vergaß für einen Augenblick, dass er seinen Zauberstab in die Hände bekommen wollte, und blieb stehen; konnte das bedeuten … konnte das bedeuten, dass dieser Kampf noch gar nichts mit dem Ende des Krieges zu tun hatte? Dass Harry noch Zeit hatte, die Horkruxe zu vernichten?
Scheinbar war sein Gesicht in diesem Moment wie ein offenes Buch.
„Oh nein, freu dich nicht zu früh!", sagte Lucius, und er lachte. „Der Krieg wird noch vor Anbruch des Tages zu Ende sein, das ist sicher. Aber dieses ganze Spektakel hier in Hogwarts hat nur zwei Ziele."
„Und die wären?", fragte Harry.
„Nun –"
„Lucius!"
„Beruhige dich, Bella", sagte Malfoy; er hob die Arme und machte eine beschwichtigende Beweung. „Du weißt doch, dass es kein Problem ist, dass wir ihm all das erzählen – du bist natürlich unser Gefangener, Potter, falls dir das noch nicht klar war, und wir werden dich zum Dunklen Lord bringen. Das war zwar keines der beiden Ziele, aber ein netter zusätzlicher Erfolg."
Harry hörte Malfoy aufmerksam zu – aber gleichzeitig nutzte er dessen Redseligkeit aus, bewegte sich immer weiter auf seinen Zauberstab zu. Seine irrationale Hoffnung, dass Lucius und Bellatrix nichts bemerken würden, wuchs mit jedem winzigen Schritt, der ihm gelang.
„Was sind denn dann die Ziele dieses Kampfes?" Harry sah Lucius direkt in die Augen.
Er schnaufte. „Bellatrix hat schon Recht – es geht dich eigentlich nichts an. Aber abgesehen davon, dass es nichts macht, wenn ich es dir verrate – macht dieses Spiel hier eine ganze Menge Spaß. Hältst du uns eigentlich wirklich für so dumm, dass wir nicht bemerken, was du vorhast?"
Harry blieb stehen, erstarrte an Ort und Stelle. Es hatte sich ausgespielt.
Die beiden lachten aus vollem Hals. „Du bist kein besonders begabter Schleicher, Potter", sprach Lucius dann so gedehnt, wie Harry es noch von früher kannte; nicht gelangweilt, nicht emotionslos; Lucius Malfoy hatte mit ihm gespielt. „Aber bis wir abreisen, haben wir noch ein bisschen Zeit – und Longbottom rennt uns ja nicht weg. Außerdem haben wir unsere Ziele schon erreicht – einerseits die Entführung der werten Professorin –" Er wies mit dem Kopf hinter sich auf Trelawney, die nun ihren Kampf aufgegeben hatte und in Ohnmacht gefallen war; sie in bewegungslos in den Armen Fudges, der sehr erleichtert wirkte. „– und andererseits … die Ablenkung des Ordens und des Ministeriums. Beides ist erfolgt, und nachdem wir Longbottom vor deinen Augen vernichtet haben, werden wir dich und Trelawney zu unserem Herrn bringen."
Harrys Blut begann zu kochen; er war so wütend, so unglaublich wütend … „Dann tötet mich doch gleich!", schrie er.
Lucius lachte. „Nicht das Temperament verlieren, Potter! Aber, weißt du – wir würden dich unheimlich gerne töten! Aber leider wir haben klare Anweisungen. Wir dürfen dich nicht berühren, dir nicht den geringsten Schaden zufügen. Bedauerlich. Aber deine Freunde …" Lucius hob langsam seinen Zauberstab. „… mit denen dürfen wir machen, was immer wir wollen. Also sieh zu und leide, Potter!"
Langsam drehte er seinen Kopf zu Bellatrix; er nickte, und sie hob grinsend ihren Zauberstab, richtete ihn auf Neville; das Funken in ihren Augen wurde noch manischer, ihre pure, tödliche Lust, Schmerz zuzufügen, war fast greifbar.
Harry wollte auf Bellatrix zulaufen, ihr den Zauberstab aus der Hand reißen, oder sich vor Neville werfen – irgendetwas musste er doch tun! Aber er kam nicht dazu, zu beschließen, wie er handeln sollte. Etwas sprang vor Nevilles Körper. Harry erschrak zuerst genauso wie Lucius und Bellatrix – denn er hatte schon völlig vergessen, dass außer ihnen, Fudge und Trelawney noch jemand im Raum war. Aber dann erkannte er das Etwas.
Als die rote Katze leichtfüßig neben Neville landete, fühlte sich Harry, als würde sein Geist ihn verlassen, in die Erde sinken, tief, tief hinunter, bis er zur Gänze verschwunden war. Er wollte sich wohl davor bewahren, mit ansehen zu müssen, wie zwei seiner besten Freunde auf einmal getötet wurden. Doch seine Augen blieben offen, starrten auf das, was sich vor ihm abspielte, und er war nicht fähig, wegzusehen.
Im Bruchteil einer Sekunde hatte sich Ginny in einen Menschen zurückverwandelt. Bellatrix stieß ein erschrockenes Keuchen aus, und Ginny nutzte diesen Moment der Überraschung.
„Depulso!"
Ein roter Funken stob auf Bellatrix zu. Kreischen beschwor sie einen magischen Schild herauf. Der Fluch prallte daran ab – und Harry sah verwundert zu, wie er geradewegs auf Lucius Malfoy zuflog. Und Malfoy war nicht schnell genug. Der rote Blitz traf ihn in der Brust. Ein schockierter Ausdruck erfüllte sein Gesicht, als er nach hinten geschleudert wurde.
Sein Zauberstab fiel ihm aus der Hand. Malfoy raste geradewegs auf die Wand zu – und Harry wusste schon, was gleich passieren würde. Da landete Malfoy auch schon an der Mauer – mit dem Kopf zuerst. Es schien eine Ewigkeit zu sein, in der Harry, Ginny und Bellatrix zusahen, wie Lucius an der Mauer hinab rutschte – während das Blut von der Wunde an seinem Hinterkopf zu Boden tropfte, Perle für dunkelrote Perle.
Lucius Malfoy sackte am Boden zusammen. Sein Haar war blutverklebt, seine kalten Augen waren leer und weit aufgerissen, glotzten schreckerfüllt ins Nichts.
Dass er tot war, weckte ein seltsames Gefühl in Harry. Aber diese Gefühl war von zu kurzer Dauer, um es zu erfassen – denn Bellatrix' Schrei riss ihn aus der Trance, mit der er die Leiche Malfoys angestarrt hatte.
„Ihr verfluchten Bälger!" Zu schnell, um für Harrys Augen ersichtlich zu sein, riss sie ihren Zauberstab hoch. „Avada Kedavra!"
Sein Herz zerriss, als er das grüne Licht sah. Nein, schoss es ihm durch den Kopf – eine Angst zerrte an ihm, die er so noch nicht gekannt hatte, eine Angst vor etwas, das sich gleich unmittelbar vor ihm abspielen würde. Denn er wusste, auf wen der Todesfluch zuschoss …
Aber seine Angst war nur von kurzer Dauer. Ginny sprang rechtzeitig zur Seite, der Fluch traf die Mauer hinter ihr, wo er einen schwarzen Fleck hinterließ.
„Fang!", hörte Harry Ginny rufen. In Windeseile hob sie seinen Zauberstab vom Boden auf und warf ihn zu ihm, dann stürzte sie zu Neville und richtete seinen Körper auf, hielt ihn fest in den Armen. Sobald Harry seinen Zauberstab wieder hatte, stellte er sich vor die beiden.
Bellatrix schien sich schon bereit zu halten, den nächsten Fluch auszustoßen – aber als sie Harry vor Ginny und Neville stehen sah, zögerte sie.
„Du darfst mich nicht anrühren!", rief Harry; er hoffte, dass das nicht auch bloß ein Scherz, ein Spiel gewesen war. Das war seine letzte Chance; wenn Voldemort ihnen wirklich verboten hatte, ihm Schaden zuzufügen, dann konnte er Ginny und Neville beschützen, indem er sich einfach vor sie stellte …
„Ich werde dir alles mögliche antun, wenn du nicht zur Seite gehst, Potter!", spie Bellatrix aus; ihr Zauberstab war direkt auf seine Brust gerichtet – er zitterte in ihrer Hand.
„Ach ja?" Harry schluckte, aber so, dass Bellatrix nichts davon bemerkte. „Das glaub ich nicht. Ich glaube, du darfst mir nichts antun."
Für einen Moment sah es so aus, als hätte Harry gewonnen. Bellatrix starrte ihn mit einem Entsetzen an, als hätte er ihr Weltbild zerstört, ihr die Nachricht von Voldemorts Tod überbracht. Sie schien erstarrt zu sein. Aber gerade, als Harry das für sich nutzen und ihr einen Schockfluch auf den Hals hetzen wollte, änderte sich ihre Miene – sie lächelte.
„Das glaubst du, ja, Potter?" Sie lachte leise vor sich hin, wie über einen privaten Scherz. „Weißt du … ES IST MIR EGAL, WAS DU GLAUBST! Stupor!"
Harry war überrascht, aber nicht so sehr, dass er nicht rechtzeitig reagieren konnte. Er beschwor einen Schutzschild herauf, der den Fluch von ihm wegschleuderte – aber kaum war das geschafft, hagelten weitere Zauber von Bellatrix auf ihn herab. Er hörte sie schreien wie eine Wahnsinnige, während er einen Fluch nach dem anderen abwehrte – er wusste, dass in einer davon treffen würde, dass er unmöglich für jeden schnell genug sein konnte …
„Petrificus Totalus!"
Das war nicht Bellatrix' Stimme. Sondern Ginnys. Und der Schauer an Flüchen brach mit einem Mal ab. Harry sah zu, wie Bellatrix' Körper zu Boden fiel, schnell und hart landete wie ein Steinbrocken. Ihre Hand, die ihren Zauberstab umklammerte, war nun vor ihr in die Luft gestreckt.
Harry wollte sich bedanken – da fiel sein Blick auf Fudge, der die bewusstlose Trelawney immer noch fest umklammert hielt und entsetzt auf Bellatrix starrte. Fudge sah hoch und direkt in Harrys Augen. Wahrscheinlich wollte er Trelawney fallen lassen und flüchten, aber Harry war natürlich zu schnell für ihn. Schon lag auch er versteinert auf dem Boden, Kopf an Kopf mit Bellatrix, deren Augen voller Zorn und kaltem Hass direkt auf Harry gerichtet
waren, ohne sich auch nur im Geringsten zu rühren – obwohl die Augen das einzige waren, was Bellatrix in diesem Zustand bewegen könnte.
„Ennervate."
Harry drehte sich um. Ginny war über Neville gebeugt, ihr Zauberstab war auf ihn gerichtet. Kurz sah es so aus, als hätte der Zauber nichts gebracht – dann fuhr Neville plötzlich mit einem lauten Keuchen hoch. Nevilles Gesicht, das Harry nun sehen konnte, war angsterfüllt, leichenblass und schweißgebadet, ebenso wie die Haare, die ihm in die Stirn hingen.
„Was – was –"
„Es ist okay", sagte Ginny mit ruhiger Stimme zu Neville. „Ganz ruhig."
Harry ließ die beiden allein und wandte sich Trelawney zu, die mit Fudge umgefallen war. Die magischen Fesseln, die sie umschlossen, sahen nicht undurchdringbar aus.
„Finite", sagte Harry, mehr, um zumindest etwas zu versuchen, als weil er dachte, dass das etwas nützen würde. Aber die Fesseln verschwanden tatsächlich sofort. „Rennervate!" Wie Neville schreckte Trelawney mit angsterfüllter Miene auf.
„L-lasst mich!", kreischte sie. „Ge-geht weg! Los! Lasst mich in Ruhe!"
„Professor – Professor Trelawney!", rief Harry; aber sie schien ihn nicht zu hören, riss ihren Kopf nach allen Seiten, krabbelte rückwärts gegen die Wand, in eine Ecke. „Professor Trelawney!" Er lief zu ihr und wollte sie packen, sie wachschütteln – aber da sprang Trelawney hoch, schrie erneut „Lasst mich!", und lief dann an Harry vorbei, durch die Tür hinaus in die Kerker.
Harry wollte ihr hinterher, wollte sie beruhigen – tat es aber nicht. Etwas hielt ihn zurück; er fragte sich, warum er sie beruhigen wollte: Um ihretwillen … oder weil die Todesser sie hatten entführen wollen? Warum wollten sie das eigentlich?
Harry sah nach rechts, hinunter auf den Körper von Lucius Malfoy. Er war tot. Getötet durch einen einfachen Zauber, der gewöhnlich dazu genutzt wurde, Objekte, die den Weg blockierten, wegzuschieben. Er blickte nach links, betrachtete die versteinerte Bellatrix Lestrange, überwältigt von einer Hexe, die noch nicht einmal volljährig war.
„So, das hätten wir."
Harry wandte sich an Neville und Ginny. Sie hatte ihm mittlerweile auf die Beine geholfen – auf wacklige, unsichere Beine. Bellatrix hatte vor ihrem Auftauchen also schon genügend Spaß mit ihm gehabt.
„Geht es?", fragte Ginny ihn. Er antwortete nicht. Sein Blick war auf Bellatrix gefallen. Es schien einen Moment zu dauern, bis er verstand, was er da vor sich hatte. Aber dann, als er es begriff, veränderte sich Nevilles Gesicht auf erschreckende Weise. Niemals zuvor hatte Harry einen Ausdruck solchen Hasses bei Neville erkennen können, und nie hätte er ihn erwartet. Es war erschütternd, Neville so zu sehen.
„Nein, Neville, nicht!", rief Ginny, als Neville einen Satz vorwärts auf Bellatrix zu machte, Harry dabei zur Seite stieß. Er wollte sich offenbar auf sie stürzen, sie vermutlich mi bloßen Händen an Ort und Stelle töten. Ihre Augen starrten nun ihn an, voller Angst; diese Angst verlieh ihr eine ganz andere, neue Aura des Wahnsinns.
„Tu nichts, was du später bereust!" Wie ein Zuschauer stand Harry nur da und tat nichts, sah zu, wie Ginnys Worte Neville dazu brachten, stehen zu bleiben, wie sie langsam in seinen Kopf eindrangen. Für einen Moment schien es, als ob er sie ignorieren würde. Er atmete schwer, als müsse er den Drang zu schreien zurückhalten; seine Augen glühten vor Hass; und seine Arme, die er vor sich ausgestreckt hatte, zitterten wie Espenlaub. Er stand direkt vor Bellatrix' Füßen. Gleich würde er sich auf sie fallen lassen, ihr ins Gesicht schlagen, seine Hände um ihren Hals legen. Irgendetwas würde er gleich tun, das war sicher …
Aber dann fiel Neville auf seine Knie. Wimmernd und schluchzend kniete er auf dem Boden, die Frau, die seinen Eltern etwas Furchtbares angetan und letztlich für deren Tod gesorgt hatte, nur Zentimeter entfernt von ihm. Und obwohl sie sich nicht bewegen konnte und er alles hätte mit ihr anstellen können, saß er nur da und weinte.
Ginny ging zu ihm, legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sie flüsterte ihm ein paar beruhigende Worte ins Ohr, aber sie erzielte keinerlei Wirkung. Dann wandte sie sich an Harry, sah ihn an mit völlig gefasster, fast schon gefühlloser Miene; sie ist so stark, dachte Harry.
„Kannst du rauf gehen und jemandem Bescheid sagen, dass wir hier unten sind?", fragte sie. „Ich meine damit auch Malfoy, Lestrange und Fudge."
Harry nickte. Er musste nicht fragen, warum sie nicht mitkommen wollte. Neville war jetzt nicht in der Lage, irgendwohin zu gehen, und sie konnte ihn einfach nicht allein lassen. Das verstand er. Er könnte es auch nicht, aber er wusste ja, dass Ginny bei ihm war.
Ohne ein weiteres Wort drehte sich Harry um, verließ den Kerkerraum, in dem eine Leiche, zwei besiegte Todesser, der – in Harrys Augen – ärmster Mensch der Welt und dessen beste Freundin einander ihre merkwürdige Gesellschaft leisteten.
„Weich aus!" – „Vorsicht!" – „Stupor!" – „Hinter dir!" – „Avada Kedavra!"
Solche Rufe wechselten sich ab in dem Durcheinander, das sich mittlerweile auf das ganze Schloss ausgebreitet hatte. Bunte Flüche schossen durch die Luft, und es war fast unmöglich, jedem davon auszuweichen und trotzdem gleichzeitig noch selbst zu zaubern. Man erkannte kaum noch, mit wem man es zu tun hatte, konnte nicht sehen, ob es ein Freund oder Feind war. Und jedes Mal, wenn man einen schmerzerfüllten Schrei hörte, bildete man sich ein, es wäre der des Menschen gewesen, der einem am allerwichtigsten war, und verlor beinahe den Verstand.
In diesem Chaos schaffte Ron es kaum, sich zu konzentrieren. Dabei musste er bei der Sache bleiben. Denn er hatte etwas Bestimmtes zu tun: er war auf der Suche nach Hermine.
Nachdem das Ministerium und der Orden des Phönix aufgetaucht war, hatte Ron es geschafft, die Kobolde von Hermine zu reißen. Er hatte die Schlacht gewonnen geglaubt – als die Todesser aufgetaucht waren. Und noch bevor er und Hermine die Möglichkeit gehabt hatten, zu besprechen, was sie tun sollten, waren sie in der Eingangshalle gewesen. Hermine hatte einen der Todesser entwaffnet und seinen Zauberstab Ron gegeben, dessen eigener von den Kobolden zerbrochen worden war, und in dem Moment, in dem er sich hatte bedanken wollen – hatte ein anderer Todesser Hermine angegriffen. Ron hatte ihr in dem Duell zu Hilfe eilen wollen, aber dann war auch er attackiert worden. Und als sein Kampf gegen den Todesser vorbei gewesen war – hatte er plötzlich bemerkt, dass sie das Duell bis hoch in den dritten Stock gebracht hatte.
Hier war er nun, suchte seinen Weg zwischen den anderen Duellanten und den umherschwirrenden Flüchen zurück ins Erdgeschoss – wo Hermine hoffentlich noch war. Ansonsten müsste er eben weitersuchen. Denn gut ging es ihr bestimmt; sie war eine viel bessere Zauberin als er, und auch er war noch wohlauf. Ja, ihr war nichts passiert …
Oh Gott, bitte lass ihr nichts passiert sein …
Ein lautes Knacksen von oben ließ Ron hochblicken – und er sprang schnell zur Seite, um dem Holzbalken auszuweichen, der von der Decke gebrochen war und auf ihn hinabstürzte. Ron griff nach einem Fensterflügel, um nicht zu Boden zu fallen. Erfreut sah er, dass zwei Todesser nicht so schnell gewesen waren wie er und nun unter dem Holzbalken begraben waren. Er wandte sich von ihnen ab, lief an dem Fenster vorbei und – sofort wieder zu dem Fenster zurück. Er hatte sich eingebildet, unten auf den Ländereien etwas gesehen zu haben … Einbildung, sagte er sich, das war Einbildung.
War es nicht.
Das durfte nicht wahr sein! Nicht das auch noch! Nicht die auch noch, besser gesagt. Aber im Licht des Mondes – dieses verdammten Vollmondes – waren ihre Gestalten auf den Wiesen deutlich auszumachen.
Mindestens drei Dutzend Werwölfe liefen dort auf den Eingang des Schlosses zu, wo die Schlacht in vollem Gange war.
„Die Werwölfe kommen!", dröhnte der Ruf eines Kämpfenden durch das offene Fenster zu Ron hoch. „Holt Silber! Schnell, holt Silber!"
Und über dem das unheildrohende Heulen der Bestien, die gerade aufgetaucht waren – um die Todesser zu unterstützen.
Hermine, dachte Ron nur. Er musste sie finden.
Harry stand am Fuß der Treppe, die hoch in die Eingangshalle führte. Lärm hallte zu ihm hinunter, Lärm, den er kaum beschreiben konnte, mit all seinen unterschiedlichen Geräuschen: Den Schreien und Rufen von Menschen, den Explosionen irgendwelcher Gegenstände, dem Kreischen der Kobolde – und noch einem anderen Geräusch. Wolfsgeheul …
Harry war unschlüssig. Er wusste nicht genau, wie er handeln sollte. Einerseits war da sein Drang, selbst am Kampf teilzunehmen; Todesser zu erledigen. Das war es, was er eigentlich tun wollte. Aber andererseits wusste er, was er tun musste.
Malfoy hatte gesagt, der Krieg würde vor Anbruch des nächsten Tages zu Ende sein. Voldemorts Plan zufolge sollte alles heute Nacht vorbei sein. Aber die Nacht dauerte noch ein paar Stunden. Vielleicht war noch Zeit. Und vielleicht verzögerte sich etwas in Voldemorts Plan dadurch, dass Malfoy und Bellatrix Lestrange nicht zu ihm zurückkehren konnten. Ganz abgesehen davon, dass Trelawneys Entführung, ein weiterer Punkt in Voldemorts Plan, der gescheitert war, vermutlich auch für den Dunklen Lord zu Probleme führen konnte. Warum wollte er eigentlich Trelawney haben? Harry hatte eine Idee – aber nicht die Zeit, diese näher zu bedenken.
Und doch: Ein bisschen Zeit blieb … Jetzt war es an Harry, zu entscheiden, wie er diese Zeit nutzen sollte.
Du musst dafür sorgen, dass Voldemort zu Fall gebracht werden kann, sagte die Stimme in Harrys Kopf, die er schon so oft gehört hatte, die, die ein bisschen wie Hermine klang – oder … war das Dumbledore?
Ganz egal, jedenfalls hatte die Stimme Recht. Er musste für Voldemorts Untergang sorgen. Und das konnte er nur auf eine Weise.
Ich habe das Schwert und das Medaillon, sagte er sich, das Zepter hat keiner von uns und der Becher könnte überall sein. Den Kessel habe ich auch. Die Rüstung ist in Gringotts, die Schlange ist bei Voldemort selbst, das Medaillon möglicherweise auch.
Es war letztlich so einfach. So klar, so simpel. Es war so offensichtlich, was Harry zu tun hatte, und es schien, als würde die Zeit bis Sonnenaufgang locker dafür reichen. Um Voldemort zu besiegen, brauchte er die Totenrelikte nicht wirklich – zwei davon hatte er aber, und selbst wenn Voldemort aus irgendeinem Grund den Becher besitzen sollte, war sich Harry sicher, dass den Aufenthaltsort von Ravenclaws Zepter niemand kannte – was die Totenrelikte betraf, war Harry also im Vorteil. Und was er wegen der Horkruxe zu tun hatte, das war der einfachste Teil der ganzen Geschichte: Er musste die Rüstung holen, er musste ins Ministerium, den Kessel und die Rüstung durch den Schleier werfen. Und dann konnte er schon Voldemort gegenübertreten: Voldemort, der vielleicht sein Medaillon, ganz sicher seine Schlange bei sich hatte. Um die letzten zwei Horkruxe zu zerstören, musste Harry Voldemort konfrontieren. Er hatte keine andere Wahl.
Wenn seine Aufgabe bloß schon vor Monaten so augenscheinlich gewesen wäre …
Harry griff tief in seine Tasche – und zog den Tarnumhang daraus hervor. Er hatte ihn vorhin, als er und Ginny die Karte des Rumtreibers geholt hatten, eingesteckt. Wenn er wirklich zurück nach Gringotts wollte, musste er zu dem Portal gelangen, und da wäre es besser, wenn ihn niemand entdeckte. Auch wenn die Todesser ihn wohl auf Voldemorts Befehl hin nicht angreifen würde – warum auch immer Voldemort das befehlen haben mochte, Harry glaubte nicht, dass Lucius und Bellatrix da gelogen hatten – so war es doch besser, unbemerkt durch das Schloss zu gehen. Er würde, sobald er ein Ordensmitglied traf, das nicht zu sehr
beschäftigt war – vielleicht gab es ja ein Lager zum Ausruhen oder Ähnliches – würde er es zu Ginny und Neville schicken. Vorher aber würde er ihm mitteilen, was Malfoy ihm über Voldemorts Plan verraten hatte. Vielleicht konnte der Orden diesen ja vereiteln, während Harry mit dem Kessel und der Rüstung zum Ministerium reiste.
Aber zuerst wollte er noch jemand anderen suchen. Ron und Hermine hatten es mehr als verdient, mit ihm mitzukommen.
Wenn sie denn wollten …
Er warf sich den Umhang über, sah zu, wie sein Oberkörper, seine Beine, seine Füße darunter verschwanden. Er war nun unsichtbar, aber bestimmt war es oben eng – er würde aufpassen müssen, dass niemand ihn anrempelte. Nein, das war Schwachsinn – wenn ihn jemand berührte, würde er wohl einfach denken, er hätte einen derer berührt, die um ihn herum ebenfalls kämpften. Und das gleiche, fiel Harry ein, galt für seinen Zauberstab: Niemandem würde dieses dünne Stück Holz auffallen, und wenn es doch jemand sah, würde er glauben, es wäre der Stab eines Duellanten.
Es dauerte eine Weile, bis er den Zauberstab so in seiner Hand hielt, dass seine Spitze zwar außerhalb des Tarnumhangs war und nicht den Stoff treffen würde, würde Harry zaubern, sein Körper aber trotzdem vollkommen unsichtbar war. Er zweifelte nicht einmal daran, dass es richtig war, sich mit solchen scheinbaren Kleinigkeiten aufzuhalten, auch wenn die Zeit knapp war – er durfte jetzt keinen Fehler mehr machen, musste aufpassen, jeden Schritt planen. Er wusste genau, was als nächstes passieren würde, denn endlich hatte er es wieder in der Hand.
„Harry? Bist du unter deinem Tarnumhang?"
Harry sah erschrocken hoch. Jemand kam die Stufen hinunter. Und obwohl er sofort erkannte, wer es war, dauerte es, bis er sich dessen sicher war – und selbst da verstand er es noch nicht.
„Ginny?", rief er, als sie mit schnellen Schritten zu ihm lief; ihr rotes Haar tanzte um ihren Kopf, ihr strahlendes Lächeln trennte die Sommersprossen auf ihren Wangen noch weiter voneinander. Ganz eindeutig, das war Ginny – aber wie war das möglich? Er hatte sie doch gerade erst in dem Kerkerraum zurückgelassen! Er nahm seinen Tarnumhang ab – und erst in dem Moment fiel ihm ein, dass das eine Falle sein könnte.
„Ich bin nicht Ginny", sagte Ginny, als sie vor ihm zum Stehen kam; er war schon dabei, seinen Zauberstab auf sie – wen? – zu richten, als sie weitersprach: „Ich hab mich nur in jemanden verwandelt, von dem ich dachte, dass du sofort zu ihm kommen würdest, wenn du ihn siehst. Ich such – oh, warte –"
Ginny schloss ihre Augen in Konzentration – und schon hatte Harry jemand anderen vor sich.
„Luna!", fuhr es ihm erstaunt aus. „Ich – wie hast du mich gefunden? Was –"
„Ich hab einfach das ganze Schloss nach dir abgesucht", erwiderte Luna. Sie packte seine Hand, zog daran. Irgendetwas schien sie sehr zu freuen – sie grinste, als wäre etwas Wunderbares geschehen. „Du musst mit mir mitkommen!"
„W-was? Wieso? Wohin? Ich hab keine Zeit, Luna, ich –"
„Harry, du musst!" Luna zog fester an seiner Hand. „Es ist wichtig! Meine Mutter will dich sehen!"
„Deine –"
„Ja, meine Mutter! Komm schon, sie will mit dir sprechen – sie sag, sie kann dir helfen, Voldemort zu vernichten!"
Harry versuchte mühevoll, Lunas Worten einen Sinn abzuringen.
„Luna – deine Mutter ist doch – ist sie nicht –"
„Tot? Ja, das hab ich auch gedacht!" Luna nickte, als wolle sie sagen Wahnsinnszufall, was? „Aber sie hat mich gerade abgefangen und –"
„Abgefangen? Was – wie meinst du das? Luna, wo warst du, man hat nach dir gesucht!"
„Ich war im verbotenen Wald spazieren. Das mach ich jede Nacht – wieso hat man nach mir gesucht?"
„Du solltest Hogwarts verlassen! Du merkst doch, ein Kampf ist ausgebrochen und –"
„Nein, genug, das ist jetzt egal!" Wieder zog sie fest an seiner Hand, und diesmal stolperte er beinahe über seine eigenen Füße. „Sie sagt, sie will unbedingt mit dir sprechen! Ich hab ihr versprochen, dich zu ihr zu bringen. Harry, sie weiß etwas, das dir helfen kann, hat sie gesagt!"
„Aber – aber Luna! He- hey!" Luna hatte sich umgedreht und wollte loslaufen, riss ihn mit sich, aber er hielt sie zurück. „Luna, jetzt hör doch mal zu – woher sollte deine Mutter etwas wissen, das mir im Kampf gegen Voldemort –?"
Als wäre die Situation nicht schon verrückt genug, lachte Luna nun zu allem Überfluss auch noch. Das verschlug Harry endgültig die Sprache. Er wusste nicht, warum, aber Lunas herzhaftes, glückliches Lachen, wenn oben Krieg tobte und ein paar Kerkergänge weiter eine blutige Leiche herumlag, versetzte ihn in stutzendes Schweigen.
„Du weißt es ja gar nicht, das hab ich vergessen!", sagte Luna dann, und sie schien sich richtig zusammenreißen zu müssen, um nicht weiterzulachen. „Sie hat lange Zeit mit anderer Identität gelebt, meine Mutter, musst du verstehen. Und sie hat mir erzählt, dass sie da auch viel über Voldemort erfahren hat! Wo er sich versteckt hält und solche Dinge – und sie will jetzt all das dir verraten!"
Harry war schon dabei, seinen Mund wieder zu öffnen – aber erneut verschlug es ihm die Sprache. Dieses Wort – Luna hatte das Schlagwort ausgesprochen …
Wo er sich versteckt hält … oder vielleicht – wo er seine Horkruxe versteckt hält?
Reiß dich zusammen, sagte sich Harry. Gerade zuvor hatte er festgestellt, wo sich die restlichen Horkruxe befanden, was er zu tun hatte. Was sollte Lunas Mutter – sofern sie denn überhaupt noch lebte, was er bezweifelte – ihm da noch verraten können? Und doch – was das Medaillon betraf, so bestand da ein Restzweifel …
Harry wusste nicht, ob er an das Schicksal glauben konnte. Er hatte sich nie damit auseinandergesetzt, und leider hatte auch Dumbledore ihm nie etwas darüber gesagt. Die Prophezeiung, das hatte Dumbledore ihm verraten, sei nur in Erfüllung gegangen, weil Voldemort selbst dafür gesorgt hatte, nicht, weil es so bestimmt war … Aber war diese Erklärung wirklich ausreichend?
Was, wenn das Schicksal Harry hier helfen wollte? Was, wenn es erkannt hatte, dass Harry überstürzt Voldemort gegenübergetreten wäre, in der Erwartung, das Medaillon und die Schlange bei ihm anzutreffen, wenn eines von beiden – oder vielleicht sogar beides? – an gänzlich anderen Orten zu finden war? Und was, was, wenn Lunas Mutter tatsächlich noch lebte und tatsächlich etwas über Voldemorts Verstecke wusste?
Konnte es Zufall sein, dass Luna in exakt dem Moment erschienen war, indem Harry seinen Plan in die Tat hatte umsetzen wollen?
„Okay", sagte Harry. „Ich komme mit dir."
Luna strahlte sogar noch mehr als zuvor.
„Hier runter", sagte er zu ihr und hielt den Tarnumhang hoch; sie stellte sich neben ihn, dann ließ er den Umhang über sie fallen. Wieder arrangierte er ihn so, dass er seinen Zauberstab kampfbereit halten und einige Todesser verfluchen konnte, ohne gesehen zu werden, und trotzdem unsichtbar war. Dadurch, dass sie nun zu zweit waren, wurde das noch schwieriger, aber es gelang ihm.
Erneut zog Luna an Harrys Hand; und diesmal ging er mit ihr.
„Wieso hat deine Mutter behauptet, sie wäre tot, wenn sie noch lebt?", fragte Harry, während sie die Treppe hoch liefen.
„Das würdest du nicht verstehen", sagte Luna nur; Harry war nicht zufrieden mit dieser Antwort, aber bevor ihm weitere Fragen möglich waren, erreichten sie die Eingangshalle. Luna ließ ihm kaum Zeit, das Schlachtfeld zu betrachten – sie zog ihn sofort an seiner Hand weiter.
Trotz des Tarnumhangs – oder vielleicht gerade wegen ihm – war es schwierig, sich in der
Eingangshalle unbemerkt zum Eichentor zu schleichen. Weniger Leute, als Harry erwartet hatte, kämpften hier, aber dennoch zu viele, um einfach zwischen ihnen durchzugehen. Eine Berührung mit einem der Todesser war nicht so harmlos, wie er gedacht hätte; das stellte er fest, als Luna einem Todesser aus Versehen ein Bein stellte und dieser stürzte. Zwar konnte der Auror, der gegen ihn kämpfte, ihn deshalb fesseln, aber sie könnten in keinem Fall noch mehr Todesser umwerfen: Irgendwann würde es jemandem auffallen, und egal, ob es Freund oder Feind war, verdächtig käme es beiden vor, und sie würden sie wohl schnell mit Flüchen bombardiert werden. Und vor denen schützte der Tarnumhang nicht.
Als ein Auror so knapp vor Harrys Zauberstab vorbei lief, dass er dessen Spitze beinahe berührte – und damit möglicherweise sogar abgebrochen hätte – zog Harry den Zauberstab kurzerhand näher zu sich heran und bedeckte ihn ebenfalls mit dem Tarnumhang. Er würde jetzt wohl ohnehin nicht zaubern müssen. Das würde ihn ebenfalls verraten.
Harry und Luna erreichten das Eichenportal. Am Fuß der Treppe, die zu den Ländereien führte, waren schon die nächsten Kämpfenden. Harry erkannte beide: Kingsley Shacklebolt und der Todesser namens Dawlish lieferten sich ein Duell, dessen Ausgang für Harry keine Frage war. Und tatsächlich rang Kingsley Dawlish in dem Moment mit einem besonders mächtigen Schockzauber nieder. Als Kingsley sich daran machte, Dawlish magische Fesseln anzulegen, sagte Harry zu Luna: „Komm unter dem Tarnumhang mit."
Er warf den Umhang von sich und lief die Treppe hinunter.
„Harry!", rief Kingsley erstaunt, als er ihn erkannte. „Wie sieht es drin aus?"
„Keine Ahnung", antwortete Harry knapp, bevor er sofort sagte: „Hör zu, Kingsley – unten im Kerker – Kerker vier, glaub ich – ja, genau, im Kerker vier, dort sind Lucius Malfoy, Bellatrix Lestrange, Cornelius Fudge, Ginny Weasley und Neville Longbottom – keine Angst, Malfoy ist tot und Lestrange und Fudge können sich nicht rühren. Sie sollten hinunter gehen, die Todesser einsammeln – Fudge ist übrigens auch einer – und Ginny und Neville irgendwohin bringen, wo sie sicher sind. Neville ist nicht in der besten Verfassung; machen Sie Ginny bitte klar, dass Neville nicht allein sein darf, und dass es am besten wäre, wenn sie als seine beste Freundin bei ihm bleiben könnte. Es wäre besser, wenn sie beide Hogwarts jetzt verlassen würden, denke ich …"
Harry war darauf vorbereitet, dass Kingsley Einwand erhob, Fragen stellte – aber glücklicherweise – und zu Harrys großer Überraschung – nickte er nur, wandte sich ein letztes Mal an Dawlish und berührte mit seinem Zauberstab dessen Kopf; Dawlish schien mit dem Gras zu verschmelzen, als der Desillusionierungszauber zu wirken begann. Harry vermutete, dass Kingsley das machte, damit kein Todesser Dawlish finden und mit zurück zu Voldemort nehmen würde.
Zurück zu –
„Hey – hey! Kingsley, warte!"
Aber es war schon zu spät, Kingsley war bereits in der Eingangshalle verschwunden und war von dem Lärm umgeben, der da drin herrschte. Nun hatte Harry vergessen, ihm alles zu sagen, was er unten im Kerker erfahren hatte – dass das hier nur eine Ablenkung war, dass Voldemort den Krieg aber trotzdem noch heute Nacht beenden wollte, dass die Todesser Trelawney hätten entführen sollen – dass Tonks eine Verräterin war …
Egal, sagte er sich; bestimmt würde Ginny daran denken, Kingsley all das zu sagen.
„Luna, bist du hier?", fragte er in die Dunkelheit neben sich hinein.
„Hier", sagte Luna und sie hob den Tarnumhang hoch. Harry stellte sich darunter und gemeinsam liefen sie den Weg entlang, geführt von Luna. Harry war in Gedanken – würde er nun gleich Lunas Mutter treffen, die ihm etwas über Voldemort erzählen konnte? Oder war er nur auf eine von Lunas dummen Geschichten hereingefallen, die außer ihr selbst kein Mensch glaubte (außer ihrem Vater vielleicht)?
Die Gedanken wurden aus seinem Kopf vertrieben, als nach und nach neue Geräusche an Harrys Ohren drangen. Sie klangen nicht anders als die im Schloss. Und als er hoch sah,
erkannte er, dass auch ihre Quelle kaum eine andere war.
Auch hier draußen spielte sich ein Kampf ab. Allerdings, so schien es Harry, war das hier die wahre Schlacht. Als hätte Kingsley bereits als Hinweis darauf gedient, war hier draußen offensichtlich die Elite beider Seiten am Werk: Moody, Scrimgeour und McGonagall zum Beispiel lieferten sich hier Duelle mit Todessern, die man sofort als Meister ihres Faches erkennen konnte. Die Einfachheit, mit denen diese Zauberer und Hexen ihre Zauberstäbe bewegen, die Konzentration, die sich auf ihren Gesichtern spiegelte (sicher auch auf denen der Todesser, nahm Harry an, auch wenn sie alle maskiert waren), die komplette Stille, mit denen sie ihre Zauber wirkten, ihre Treffsicherheit und ihre Schnelligkeit, wenn es darum ging, gegnerische Flüche abzuwehren, erstaunten Harry so sehr, dass er stehen blieb und zusah, einfach nur zusah. Es war ein Spektakel, wie er es noch nie gesehen hatte. Und es breitete sich über einen großen Teil der Ländereien aus: In weiter Ferne, fast schon am Tor, erkannte Harry Hagrid und einen Troll, die über die anderen hochragten und in einen Faustkampf verwickelt waren. Zauber, die abgewehrt worden und hoch in Richtung Himmel schossen, explodierten dort wie Feuerwerk. Da Harry die wahre Natur dieser Lichter kannte, war es für ihn natürlich weniger schön als erschreckend – aber trotzdem war es faszinierend …
„Harry? Harry!"
„Wa- ja." Harry riss seinen Kopf von dem Spektakel weg und sah in Lunas ungeduldiges Gesicht. „Ja, ich komm schon, tut mir Leid."
„Wir müssen zu Hagrids Hütte", sagte Luna. „Dort wartet sie auf uns."
Sie machten einen größtmöglichen Bogen um die Kämpfenden. Harry warf einen letzten Blick über seine Schulter, um einen besonders begeisterungswürdigen Zauber, den er nicht kannte, von Moody zu bewundern; dann wandte er sich endgültig ab.
Luna bewegte sich nun so schnell, dass sie beinahe den Tarnumhang von Harr zog. Er begann ebenfalls zu laufen, um mit ihr Schritt zu halten. Eigentlich war es gut, dass sie ihn so vorantrieb – er hatte es eilig, erinnerte er sich.
„Da!", rief Luna nach einer Weile. „Da ist sie! Siehst du, da bei – bei – Moment …"
Harry sah tatsächlich jemanden. Noch in einiger Ferne, schien eine Person an einem Baum neben Hagrids Hütte zu lehnen. Sie war zwar noch weit weg, aber Harry fand, dass sie durchaus aussah, wie man sich Lunas Mutter vorstellen könnte, mit dem langen blonden Haar, das ihr über die Schultern fiel.
„Sie hat vorhin anders ausgesehen …"
Harry und Luna blieben gleichzeitig stehen.
„Wie meinst du das?", fragte er; er hatte ein ungutes Gefühl …
„Sie hat vorhin noch nicht so ausgesehen!", sagte Luna mit aufgeregter Stimme und sie sah Harry mit einem überraschten Blick an, als müsse er verstehen, was sie meinte. „Und sie hat gesagt, sie kann sich nicht mehr in ihre wahre Gestalt zurückverwandeln! Meinst du, sie es jetzt doch geschafft? Meinst du, sie hat ihre richtige Form wieder gefunden?"
„Ihre richtige – wie meinst du – ach so!", rief Harry, als er verstanden hatte. „Sie ist ein Metamorphmagus, wie du!"
Luna nickte. „Glaubst du, sie sieht jetzt aus, wie sie wirklich aussieht?" Sie starrte zu der Frau hin, gebannt von der Vorstellung, ihre Mutter unverändert zu treffen.
„Ich denke, es ist möglich …" Harry wusste nicht, was er sonst sagen sollte. Es war immerhin möglich; er hatte keine Ahnung von Metamorphmagus-Magie, hatte nicht einmal gewusst, dass ein Metamorphmagus in einer verwandelten Gestalt stecken bleiben konnte, wie Lunas Mutter offenbar von sich behauptet hatte. „Wir müssen wohl hingehen, um es herauszufinden."
„Ja …" Luna blinzelte. „Ja! Genau, los, gehen wir!"
Während sie der Frau bei Hagrids Hütte immer näher kamen, stiegen in Harry neue Zweifel auf. Vergeudete er hier wertvolle Zeit? – Was, wenn die Kobolde inzwischen nach Gringotts
zurückgehen und die Rüstung an sich nehmen würden? Oder –
Oh nein …
Was, wenn die Rüstung wie einige Goldstücke in dem Portal gelandet war? In Hogwarts war er nicht aufgetaucht ... schwebte er nun im Nichts dieses seltsamen Portals?
Nein, wusste Harry sofort. Wenn Voldemort wirklich den Kobolden einen Horkrux anvertraut hatte, wären sie nicht so achtlos damit umgegangen. Sicher nicht …
Oder doch?
„Mum, wir sind da!"
Luna zog den Tarnumhang von sich, bevor Harry etwas tun konnte; und als er sie zurückhalten wollte, stockte er. Warum glaubte er, etwas dagegen tun zu müssen? Etwas sagte es ihm. Purer Instinkt, ohne wahren Grund. Es war so ein Gefühl …
Harry sah Luna hinterher, als sie auf die Frau zulief. Und als er die Frau nun aus der Nähe sagte, erkannte er den Grund für sein Gefühl.
„LUNA, BLEIB STEHEN!"
Luna schien ihn nicht zu hören. Unaufhörlich rannte sie auf die Frau mit den blonden Haaren zu; ohne zu wissen, dass das nicht ihre Mutter war. Nein …
Es war Narzissa Malfoy.
„LUNA, DAS IST NICHT DEINE MUTTER!" Harry lief Luna hinterher und wäre beinahe über den Tarnumhang gestolpert. Er riss ihn von sich, hob seinen Zauberstab und stürmte auf Luna zu, die schon fast bei Narzissa angelangt war. Aber Narzissa hatte sich immer noch keinen Zentimeter gerührt …
Harry bemerkte die Bewegung aus den Augenwinkeln – aber zu spät. Als er sich umdrehte und einen Schildzauber sprechen wollte, wurde er schon getroffen. Der Zauber riss ihn zu Boden; Fesseln wanden sich um seinen Körper wie Schlangen. Und dann hörte er ein Lachen, das er sofort wieder erkannte. Das Lachen eines kleinen Mädchens, auch wenn es nicht von einem kleinen Mädchen kam …
Über die Treppe hinunter in den zweiten Stock, durch einen Geheimgang in den fünften hoch, hinunter in den vierten, in den ersten, durch die Eingangshalle zum Keller, durch ein Porträt in den siebten Stock; egal, wo Ron suchte, er konnte Hermine nirgends finden.
Da kam ihm eine Idee – die Karte des Rumtreibers musste im Raum der Wünsche sein!
Aber als er die Korridore zum Raum der Wünsche – die die Kämpfenden noch nicht erreicht hatten – durchquert hatte und in Harrys Zimmer nach der Karte suchte, konnte er auch die nicht entdecken. Wo war sie bloß? Hatte Harry sie etwa bei sich? Wozu?
Ron verließ Harrys Zimmer, ein benommenes Gefühl in seinem Kopf. Als hätte er zu viel nachgedacht, würde jetzt noch zu viel nachdenken. Und dabei war da nur dieser eine Gedanke – alles drehte sich darum, Hermine zu finden.
Wenn ihr etwas passiert war …
Nein, das ertrug er nicht. Allein die Vorstellung schien ihn von innen heraus aufzufressen.
Aber wo konnte sie sein? Überall, natürlich. Wie sollte er sie dann finden, wie sollte er –
„Hermine!"
Da stand sie, über den Tisch im Raum der Wünsche gebeugt. Sie sah unversehrt aus. Sie schreckte hoch, als er sie rief.
„Ron! Was – wieso erschreckst du mich so?"
„Wo warst du?", entgegnete Ron. „Ich hab dich irgendwie verloren und – was – was hast du da?"
Denn er sah, wie sie hastig das, was auf dem Tisch gelegen hatte, in den Ärmel ihres Festmantels zu stecken versuchte; es rutschte immer wieder hervor, aber nicht lang genug für Ron, um es zu erkennen.
„Gar nichts", sagte Hermine, als es endlich dort blieb, wo sie es haben wollte; es zeichnete sich deutlich durch das dünne Schulterpolster ab, unter dem es steckte – es schien eine
viereckige Form zu haben. „Nichts Wichtiges."
Ron stutzte. „Wieso willst du's mir nicht sagen?"
„Weil's nicht wichtig ist!", rief sie; dann seufzte sie laut. „Komm jetzt, wir müssen Harry finden."
Sie ging zur Tür und öffnete sie, aber Ron bewegte sich nicht vom Fleck.
„Wieso willst du's mir nicht zeigen?", fragte er, und hörte das Misstrauen in seiner eigenen Stimme … was, wenn das gar nicht Hermine war?
„Ich hab doch schon gesagt, es ist nicht –"
„Worum hat Harry uns vor einem Jahr gebeten, bevor er mit Dumbledore zu der Höhle gegangen ist?"
Es dauerte einige Sekunden, bevor Hermine antwortete. „Was? Ron, was –?"
„Du hast mich schon verstanden." Ron schluckte. „Worum hat Harry uns vor einem Jahr gebeten, bevor er mit Dumbledore zu der Höhle gegangen ist, das habe ich gefragt."
Hermine glotzte ihn an, als wäre er verrückt geworden – aber dann langsam schien es ihr zu dämmern; sie weitete ihre Augen und schloss den Mund – wie immer, wenn sie etwas erst nach kurzem Überlegen verstanden hatte.
„Er hat uns gebeten, den Felix Felicis unter allen aus der DA aufzuteilen, die helfen wollten, das Schloss zu bewachen", sagte sie, „und dass wir uns für ihn bei Ginny verabschieden. Ron, glaub mir, ich bin's."
„Aber warum willst du mir dann nicht sagen, was du da –?"
„Weil es unwichtig ist!" Sie ging zu ihm und zog ihn an seinem Ärmel mit sich. „Komm jetzt!"
Luna starrte ungläubig an, was sich vor ihr abspielte. Was hab ich getan …
Ihr war gleich aufgefallen, dass etwas nicht stimmte, als ihre Mutter – nein, nein, nicht ihre Mutter – als diese Frau sich nicht bewegt hatte. Und dann hatte sie gesehen, dass die Frau nicht einfach nur an den Baum angelehnt war, sondern dass sie jemand an ihn gefesselt hatte – und dass sie die Augen geschlossen hatte. War sie bewusstlos?
Und dann hatte sie sich umgedreht – und Harry genauso gefesselt auf dem Boden vorgefunden, wie die Frau an den Baum gefesselt war. Sein Tarnumhang lag ein paar Meter neben ihm, sein Zauberstab war im dunklen Gras kaum zu erkennen. Im Mondlicht sah sie sein Gesicht, verzerrt vor Wut und Hass, gerichtet auf Hagrids Hütte. Nein – auf jemanden, der aus den Schatten hinter Hagrids Hütte hervortrat …
Umbridges Zauberstab war auf Harry gerichtet. Ihr Triumph ließ sie strahlen, aber es tat ihrem krötenartigen Aussehen keinen Abbruch. Im Gegenteil – sie sah hässlicher aus als je zuvor. Und ihr Lachen war so hoch, dass es schmerzte; es tat weh, und es war wie Gift für ihre Ohren.
Was hatte sie getan …
Aber noch war es nicht zu spät.
„STUPOR!"
Sie war nicht schnell genug; Umbridge drehte sich nach ihr um, wedelte mit ihrem Zauberstab – und Lunas Zauber wurde fortgeschleudert.
„So nicht, Mädchen!", rief Umbridge. „Du hast mir hervorragende Dienste erwiesen, aber jetzt brauche ich dich nicht mehr!"
Sie machte ein peitschendes Geräusch mit ihrem Zauberstab, aus dessen Spitze etwas stob, das wie blaue Flammen aussah. Luna sprang zur Seite, bevor es sie erreichte – aber Umbridge bewegte ihren Zauberstab, die Flammen folgten Luna und schlugen sie gegen die Schulter – gingen direkt hindurch – und verschwanden dann. Und mit ihr verschwand Lunas Geist, als sie schlagartig das Bewusststein verlor.
Was habe ich getan …
Endlich hatte er einen Gang gefunden, der völlig leer und verlassen war. Hier hatten er und seine drei Freunde früher viel Zeit verbracht … seine drei „Freunde" …
Er musste dringend nachdenken. Seitdem sie in Hogwarts eingefallen war, wollte er schon in Ruhe nachdenken. Und als er ihn gesehen hatte, war dieser Wunsch noch stärker geworden. Dieses Gefühl in seinem Herzen, diese Last auf seiner Schulter … diese Schuld … wie er sie hasste!
Er wusste, dass er etwas daran ändern musste … Aber wie? Wie sollte er sich revanchieren? Es war doch unmöglich …
Sie konnte es kaum glauben. Sie hatte es geschafft!
Dolores' Beute krümmte sich am Boden; Harry Potter kämpfte gegen seine Fesseln an, aber er hatte natürlich keine Chance, sich ihnen zu entreißen. Dolores hatte gewonnen. Sie war sich selbst nicht sicher gewesen, ob es klappen würde. Aber dann hatte es funktioniert. Es hatte funktioniert! Ihr Plan war erfolgreich gewesen!
Anfangs hatte sie große Bedenken gehabt. Sehr gewagt hatte der Plan geklungen, sehr kompliziert … aber wie sonst hätte sie Potter in die Finger bekommen sollen? Wenn sie einfach ins Schloss hinein spaziert wäre, wäre sie von Auroren angegriffen worden. Hätte sie gewartet, bis Potter das Gebäude verließ, hätte sie vielleicht ewig warten können. Und hätte sie eine von Potters Freunden mit dem Imperius-Fluch belegt, so hätte Potter das bestimmt gemerkt.
Was könnte ich tun, hatte sie überlegt, ewig lange … Und dann war es ihr gekommen, wie ein Geistesblitz.
Sie könnte sich doch einen von Potters kleinen Freunden zunutze machen. Die verrückte – diese merkwürdige Luna Lovegood. In ihrer Zeit als Großinquisitorin hatte Dolores natürlich überaus sorgfältig gearbeitet. Sie hatte den Hintergrund jeden Schülers überprüft. Und da war diese Lovegood, deren Mutter gestorben war, als sie neun Jahre alt gewesen war; und was hatte sie in ihrer Akte bei Besondere Fähigkeiten gelesen? Mutter war ein Metamorphmagus, möglicherweise an Miss Lovegood vererbt … Und der Vater der kleinen Lovegood? Dieser spinnende Muggel erzählte ihr alle möglichen Geschichten von Nargeln und Schnarchkacklern; die Legende von den Schnarchkacklern hatte Dolores das letzte Mal erzählt bekommen, da war sie drei Jahre alt gewesen!
Und sie hatte sich an die Legende erinnert. Und ihr war klar geworden, was sie zu tun hatte. Ihr Plan hatte Formen angenommen. Immer noch hatte er nicht plausibel geklungen – was, wenn Potter sie rechtzeitig entdeckt hätte, selbst wenn sie versteckt auf Lovegoods Rückkehr mit Potter warten würde?
Aber dann war Narzissa Malfoy ins Ministerium gebracht worden. Da hatte der letzte – nein, der vorletzte Teil ihres Planes neue Formen angenommen. Statt sich selbst Potter als Lovegoods Mutter zu präsentieren, würde sie Narzissa Malfoy – die mit ihren blonden Haaren und der schlanken Figur im Dunkeln durchaus der kleinen Lovegood ähnlich sah – dazu benutzen, Lovegood und Harry zu täuschen. Lovegood würde annehmen, sie hätte wieder zu ihrer richtigen Gestalt zurückgefunden. Sie wäre so begeistert, sie würde Potter direkt in die Falle locken, indem sie einfach losrannte … all das hatte Dolores vorhergesehen.
All das war genauso eingetroffen.
Und jetzt – Rache!
„Potter!", rief sie; sie ging langsam auf ihn zu, den Zauberstab immer noch auf sie gerichtet. „Ich werde dir das antun, was du damals mir angetan hast!"
„Halt deine verdammte –"
„Silencio!"
Potter war nicht einmal hoffnungsvoll genug, seinen Mund weiter aufzureißen; als der Zauber ihn traf, fletschte er einfach die Zähne und sah sie mit diesem hasserfüllten Blick an.
„Mobilcorpus!", rief Dolores; Potters Zauberstab erhob sich in die Luft. „Ich werde dich an
eine Stelle tief im Verbotenen Wald bringen! Und dort werden die Zentauren dich holen, Potter!"
Dolores' Stimme zitterte ein wenig, als sie von den Zentauren sprach. Sie hatte nie vergessen können, was die ihr damals angetan hatten. Diese schrecklichen Kreaturen … Es hatte sie viel Mut gekostet, der kleinen Lovegood ein Stück weit in den Wald zu folgen. Aber sie hatte es geschafft – und war erfolgreich gewesen. Alles war gelaufen wie geplant. Sie bekam ihre Rache – und die Zentauren würden Potter nicht töten, die Bedingung des Dunklen Lords war also erfüllt. Dolores bekam, was sie wollte, und das dank ihrer Intelligenz, dank ihres Mutes, dank –
„STUPOR!"
Harry fühlte, wie die Fesseln von ihm fielen – und gleichzeitig stürzte er zurück auf den Boden, und das unsichtbare Blatt vor seinem Mund verschwand. Umbridge kippte immer noch zur Seite, als sich Harry schon wieder aufrappelte. Und als sie mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden landete, hielt Harry bereits seinen Zauberstab wieder in seiner Hand.
„Alles in Ordnung?"
Harry drehte sich um. Zwei Leute kamen auf ihn zu gerannt: Moody – und Ginny.
„Was ist hier passiert?", fragte Moody; sein magisches Auge fiel auf Luna, die am Rand des Waldes im Gras lag, und er rannte zu ihr.
„Umbridge hat Luna ausgetrickst", sagte Harry, „und ihr weisgemacht, sie wäre ihre Mutter. Was – was hat Umbridge ihr angetan?"
„Das war kein ungefährlicher Zauber", sagte Moody, ohne von Lunas Körper aufzublicken. „Aber Umbridge hat nicht gut gezielt, Luna ist kaum verletzt … das haben wir gleich …"
Moody verweilte fast eine ganze Minute über Lunas Körper gebeugt, murmelte einige Worte, ohne wirklich etwas zu sagen – und stand dann wieder auf.
„Sie wird gleich aufwachen", sagte er. „Und nun zu – ihr." Er drehte sich um, sah zu Narzissa, die an den Baum gefesselt war. „Jetzt wissen wir zumindest, wie sie aus dem Ministerium verschwunden ist."
Während Moody zu Narzissa ging, liefen Harry und Ginny zu Luna. Noch lag sie da, als würde sie schlafen … Aber wenn Moody sagte, dass sie gleich aufwachen würde, dann stimmte das wohl auch. Harry wandte sich an Ginny.
„Bist du okay?", fragte er.
Sie nickte. „Neville ist eingeschlafen. Er war total erschöpft. Madame Pomfrey meint, er wäre stark gefoltert worden – keine Angst", sagte sie schnell, als sie Harrys Gesichtsausdruck sah, „er ist nicht wie seine Eltern geworden, so schlimm war's nicht. Jedenfalls liegt er jetzt auf der Krankenstation."
Harry runzelte seine Stirn. „Ist das nicht gefährlich?"
„Die Krankenstation ist sicher", erwiderte Ginny. „Moody hat mir vorhin erzählt, dass einige Teile von Hogwarts sich – von selbst beschützen oder so etwas. Hey – Luna!"
Lunas Körper zitterte, als sie sich auf ihre Arme stützte. Harry und Ginny beugten sich hinunter, nahmen ihre Hände und halfen ihr hoch. Ihre Beine wackelten unaufhörlich.
„Geht es?", fragte Ginny; aber Luna antwortete ihr nicht. Sie drehte ihren Kopf zu Harry; ihre Augen waren voller Bedauern.
„Es tut mir so Leid, Harry", sagte sie; ihre Stimme war so leise, so schwach. „Es tut mir so Leid."
„Nein, Luna", sagte Harry, „nein, ganz ruhig. Wir bringen dich jetzt in den Krankenflügel, okay?"
„Es tut mir – es tut mir so Leid …"
„Es muss dir nicht Leid tun." Harry meinte, was er sagte; er verstand so gut, was sie dazu bewogen hatte, Umbridge zu glauben. „Es soll dir nicht Leid tun. Luna, ich weiß, warum du –
"
„OH MEIN GOTT!"
Ginnys Schrei durchdrang Harrys Kopf wie ein Messerstich. Er fuhr herum – was war jetzt schon wieder? Was konnte passieren, was Ginny so sehr entsetzte, wenn die Ereignisse im Kerkerraum an ihr vorbeigezogen waren, als wären sie nichts gewesen? Was könnte –
Etwas sprang auf Harry, sprang mit einer solchen Schnelligkeit und einer solchen Kraft auf ihn, dass es ihn von den Füßen riss, dass er erneut zu Boden stürzte, mit dem Ding, das ihn angegriffen hatte, auf ihm. Ein Geruch von Blut und nassem Fell – und war da auch der Geruch von Feuerwhiskey? – machte Harry ganz benommen. Lautes Hecheln jagte einen kalten Schauer der Angst seinen Rücken hinunter. Er öffnete seine Augen –
Und blickte in andere Augen, monströse gelbe, die über einer riesigen, blutverschmierten Schnauze saßen.
Das war nicht irgendein Werwolf. Das war Fenrir Greyback.
Greyback hob seinen Arm, wollte mit seinen Krallen zuschlagen – ein blendender Lichtblitz, und Greyback wurde von Harry geschleudert. Harry sprang so schnell auf seine Beine, wie er konnte, und sah sich um. Moody, Ginny und Luna hatten ihre Zauberstäbe immer noch auf die Stelle gerichtet, an der der Werwolf eben gewesen war.
Er wollte sich bedanken, aber stattdessen rief er: „VORSICHT!"
Moody drehte sich sofort um – und sah den Werwolf, der schon zum Sprung ansetzte, um sich auf ihn zu stürzen. Ein weiterer Lichtblitz – und der Werwolf wurde heulend durch die Luft geschleudert.
„Da kommen mehr!", rief Ginny; sie hob die Hand und zeigte in die Richtung der Peitschenden Weide. Mehr als ein Dutzend Werwölfe schien dort auf die richtige Gelegenheit zu warten, ihren Angriff zu starten.
Nun, da sie entdeckt worden waren, schien für sie der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein.
„Luna, Ginny!", sagte Moody zu den beiden Mädchen. „Holt Hilfe! Sagt allen, denen ihr begegnet, sie sollen hier her kommen und so viel Silber mitbringen, wie sie finden können! Das ist ganz wichtig, Silber, habt ihr gehört? Harry, ich brauch dich hier, komm schnell!"
Harry war froh, dass Ginny und Luna klug genug waren, sich jetzt Moodys Befehl zu verweigern. Sie rannten sofort los.
„Wir müssen jeden von ihnen zu zweit schocken", sagte Moody zu Harry, „sonst haben wir keine Chance! Oh – oder doch", fügte Moody mit einem leisen, humorlosen Lachen hinzu.
Ginny und Luna mussten offenbar nicht erst auf die Werwölfe aufmerksam machen: Unzählige rote Lichter schossen plötzlich aus der Dunkelheit auf die Biester zu. Harry erkannte in der Ferne die anrückenden Helfer: Scrimgeour, dessen Haarmähne nach allen Richtungen abstand, konnte Harry eindeutig als ihren Anführer ausmachen.
Die Sache hier war in guten Händen …
„Alastor", sagte Harry, „denken Sie, ich bin entbehrlich?"
„Geh schon und tu, was du zu tun hast, Junge, bevor es noch zu spät ist!"
Damit stürmte Moody in den Kampf. Harry beschloss, Moodys Rat zu befolgen, denn er hatte Recht – obwohl er es vielleicht gar nicht wusste. Bald könnte es zu spät sein.
Er lief los. Er sah Ginny und Luna in der Ferne – glücklicherweise hatten sie erkannt, dass es Zeit für sie war, zu gehen: Obwohl die Auroren sich schon um die Werwölfe kümmerten, waren die beiden immer noch auf dem Weg ins Schloss. Er wollte den beiden etwas zurufen, als ein seltsamer Schrei durch die Luft schnitt; kein Schrei der Trauer oder des Schmerzes, sondern ein Kampfschrei. Er drehte sich um: Aus dem verbotenen Wald kamen Zentauren gallopiert, Speere in den erhobenen Händen – angeführt von Firenze und Bane, die Seite an Seite in den Kampf eilten. Mit angehaltenem Atem stand Harry da, wartete ab, wen sie mit ihren Speeren attackieren würden –
Der erste Werwolf, den sie überraschen konnten, stieß ein entsetzliches Heulen aus.
Beruhigt drehte sich Harry hastig wieder um und rannte weiter, erreichte den Weg, der direkt
vom Tor des Geländes zum Schloss führte. Jetzt konnte er endlich Ron und Hermine suchen, die Rüstung holen. Wie viel Zeit hatte er nun durch die Sache mit Luna und Umbridge verschwendet? Wie viel hatte ihn der Werwolfangriff gekostet? Wie lang dauerte es noch, bis Voldemort die Zeit für reif hielt, den Kampf zu beenden und –
Wieso war dieses letzte Wolfsbrüllen so viel lauter gewesen als die vorhergehenden? Was hatten die Auroren oder die Zentauren denn getan, dass einer der Werwölfe so laut schrie, als wäre er direkt hinter Harry? Oder –
Harry duckte sich reflexartig, und der Werwolf sprang über ihn hinweg. Er landete, drehte sich um – und wieder erkannte Harry ihn. Greyback war zurückgekommen.
Harry hob seinen Zauberstab. Er wusste, dass er nichts tun konnte. Moody hatte gesagt, der Schockfluch von nur einem einzigen Zauberer würde nichts gegen Werwölfe ausrichten. Aber – was hatte Moody noch gesagt? Luna und Ginny sollten Hilfe holen – und Silber!
Ein Zauber zum Beschwören von Silber, dachte Harry. Ein Zauber zum Beschwören von Silber … es muss einen geben!
Hatte er vielleicht von einem gelesen, als er für das Trimagische Turnier nach Flüchen gesucht hatte? Ihm fiel nichts ein … und es war nicht einfach, nachzudenken, wenn man von einem Biest wie Greyback angestarrt wurde. Und Greyback tat nichts als starren – starren und grinsen … Gleich würde er angreifen … Und Harry konnte nichts tun …
Außer …
„Du darfst mir nichts antun, nicht wahr?"
Greyback schien für einen Moment mit dem Atmen aufzuhören; dann knurrte er leise.
„Dein Herr hat es dir verboten", sagte Harry; scheinbar tat er das Richtige. „Dein Meister hat dir verboten, mich zu verletzen."
Eine Ewigkeit lang schienen sie einander einfach nur anzublicken; aus Greybacks Hals kam ein kaum hörbares Röcheln, während Harry alle paar Sekunden leise schluckte. Jeden Augenblick könnte Greyback auf ihn losgehen –
Harry zuckte zusammen, als Greyback zum Sprung ansetzte, und er schloss sofort die Augen. Aber kein haariger, stinkender Körper fiel auf seinen. Keine Krallen und keine Zähne schlugen sich in sein Fleisch. Harry öffnete seine Augen wieder einen Spalt breit – und dann ganz, als er sah – aber nicht begriff – was Greyback aufgehalten hatte.
Tonks stand zwischen dem Werwolf und Harry. Nur, dass es nicht Tonks war. Diese Person hatte Ähnlichkeiten mit Tonks, große Ähnlichkeiten. Das wenige, was Harry von ihrem Gesicht sehen konnte, gleich bis ins kleinste Detail dem von Tonks. Die Figur war Tonks', sowie die Kleidung. Aber die Haare waren noch farbloser, noch kürzer als in letzter Zeit. Die Medaille, die Tonks laut Hermine schon öfters getragen hatte, die Harry und Ron aber erst am Abend zuvor aufgefallen war, baumelte an ihrer Kette, die diese Person in der einen Hand fest umklammert hielt. Die andere Hand war Greyback entgegen gestreckt.
Und sie schimmerte in einem Silber, das im Mondlicht von gleißender Helligkeit war.
Greyback schien der Anblick der Hand wahre Schmerzen zu bereiten. Er heulte und winselte, verbarg sein Wolfsgesicht hinter seinen Pfoten.
Harry verstand nicht, was vor sich ging. Die silberne Hand war das, was ihn verwirrte. Seit wann besaß Tonks eine solche Hand? Kannte Harry nicht jemanden, der eine silberne Hand hatte? Ja, aber wer? War das nicht –
Nein, dachte Harry. Nein, das kann nicht sein.
Aber es geschah, direkt vor Harrys Augen. Die silberne Hand und das kurze, braugraue Haar waren nur die Anfänge der Verwandlung gewesen, die diese Person gerade durchmachte. Harry war sich sicher, dass es eine Rückverwandlung war. Und gleich würde er sehen, wer diese Tonks, die die ganze Zeit niedergeschlagen und unglücklich war, die Lupin und dem Orden aus dem Weg gegangen war, die Harry vor seiner Abreise aus dem Ligusterweg so erschrocken hatte, wirklich war. Er wusste es schon, bevor die Verwandlung vollendet war – aber es dann tatsächlich zu sehen …
Peter Pettigrew stand schließlich vor Fenrir Greyback und fügte ihm grausames Leid mit seiner silbernen Hand zu, nicht mehr Tonks.
Greyback erlangte wieder einiges seiner Kraft zurück. Er warf sich auf alle Viere und sprang an Pettigrew und Harry vorbei, den Weg entlang zurück Richtung verbotener Wald. Harry sah ihm hinterher, bis er zwischen den Bäumen verschwunden war, bevor er sich wieder an Pettigrew wandte.
Pettigrew hatte immer noch die Hand erhoben. Er gab ein erschreckendes Bild ab, sah noch kränklicher aus als er es als Tonks' Ebenbild getan hatte. So mager, fast haarlos; Narben und seltsame dunkle Flecken auf seinem ganzen Gesicht; der Umhang von Tonks war ihm von der Länge her zu groß, vom Umfang her zu klein, was ihm eine merkwürdige Form verpasste.
Das war Pettigrew, der Harrys Eltern verraten hatte und für deren Tod verantwortlich war … und gerade hatte er Harry vor Greyback gerettet.
Pettigrew starrte Harry an wie Harry auch ihn anstarrte. Keiner von beiden bewegte sich, keiner sagte etwas. Zumindest war das eine ganze Weile so. Harry hätte nicht gewusst, was er sagen sollte. Aber dann schien dieses seltsame Treffen zu Ende zu sein, bevor auch nur ein Wort gewechselt worden war.
Pettigrew beugte seinen Oberkörper hinunter, als würde er sich zusammenrollen. Harry wusste, dass Pettigrew sich in eine Ratte verwandeln, flüchten wollte. Und obwohl der Hass auf diesen Menschen natürlich nicht vergessen war, fühlte sich Harry nicht fähig, Pettigrew aufzuhalten …
Glücklicherweise musste er das auch gar nicht.
Der Lichtblitz eines Fluches riss Pettigrew zu Boden, bevor er sich verwandeln konnte. Harry wandte sich um. Kingsley und Scrimgeour. Einer von den beiden hatte den Zauber abgefeuert.
„Was ist hier passiert?", fragte Scrimgeour. „Hat Pettigrew Sie angegriffen, Potter? Wo ist Greyback hin? Wegen dem sind wir eigentlich zu Ihnen –"
„Pettigrew hat Greyback vertrieben." Harry sprach die Worte zwar aus, aber glauben konnte er sie selbst kaum. Er versuchte auch gar nicht erst, es zu verstehen. Dazu war jetzt keine Zeit. Was immer Pettigrew dazu bewogen hatte, ihn zu retten –
… Ja, genau … Dumbledore hatte es ihm damals verraten. Was hatte Dumbledore gesagt? Dass er eines Tages noch glücklich darüber sein würde, Pettigrew vor dem Tod bewahrt zu haben. Dass zwischen Zauberern ein Band entstand, wenn einer dem anderen das Leben rettete.
Und diese Schuld hatte Pettigrew jetzt eingelöst … oder bestand sie noch?
„Befragt Pettigrew zu allem, was ihr wissen wollt", sagte Harry. „Wo Voldemort ist, was er vorhat. Ich glaube, Pettigrew wird keine andere Wahl haben, als euch all das zu verraten."
Scrimgeour zog die Augenbrauen zusammen. „Wieso denken Sie das?"
„Das erkläre ich euch ein andermal." Harry wandte sich ab, warf einen letzten Blick auf Pettigrew, und setzte seinen Weg dann fort.
Über all das würde er dann nachdenken, wenn er Zeit dazu hatte …
Harry kam an einigen der letzten Kämpfer vorbei, die nicht mit den Werwölfen beschäftigt waren. Einer der Todesser rief: „DA IST POTTER!", aber Harry ignorierte den Zauber, der auf ihn abgezielt war. Er lief einfach weiter, die Stufen hinauf zum Eichenportal. Auch in der Eingangshalle war die Schlacht noch in vollem Gange. Harry sah sich hastig um – aber Ron und Hermine waren nirgends zu sehen …
Dafür, sie zu suchen, war genauso wenig Zeit wie für das Nachdenken über Pettigrew. Harry musste handeln. Ihm blieb nichts anderes übrig. Er eilte zwischen den Duellanten hindurch, die Marmortreppe hoch. Irgendwo hier war ein Geheimgang, der schnell in den fünften Stock führte …
„Da bist du ja!", rief jemand.
Harry drehte sich um, in der Erwartung, Ron und Hermine endlich zu begegnen – aber es waren Luna und Ginny, die den Korridor entlang auf ihn zuliefen.
„Harry, wir wollen mit dir mitgehen!", sagte Ginny, als die beiden ihn erreichten.
„Ja, ich muss doch wieder gutmachen, was ich angerichtet habe", fügte Luna in einem nüchternen Tonfall hinzu.
Harry hätte beinahe aufgestöhnt – schon wieder dasselbe Spiel, immer wieder und wieder. Er hatte keine Zeit! So schnell er konnte suchte er nach den Worten, mit denen er Ginny und Luna am schnellsten davon überzeugen könnte, hierzubleiben –
Da kam ihm eine Idee.
Wieso sollte er die beiden nicht mitnehmen? In Gringotts war es jetzt wohl weniger gefährlich als hier im Schloss. Außerdem, wenn Ron und Hermine einfach nicht auftauchen wollten – warum sollte er dann nicht zwei andere Begleiter auswählen? Luna und Ginny waren in der DA gewesen; sie waren begabte Hexen; sie hatten an dem Kampf in der Mysteriumsabteilung teilgenommen.
Und die Todesser, dachte Harry erneut, sind alle hier oder schon zurück in Voldemorts Hauptquartier. Es ist hier gefährlicher als in Gringotts …
„Also gut." Harry nickte. „Gut, ihr könnt mit."
„Was anderes hätten wir auch nicht als Antwort akzeptiert", sagte Ginny grinsend.
„Wohin geht es?", fragte Luna, als Harry mit ihnen den Weg zum Geheimgang zum fünften Stock fortsetzte.
„Wir gehen nach Gringotts", sagte Harry, „durch das Portal, durch das die Kobolde reingekommen sind."
Luna stellte keine Frage mehr, und auch Ginny blieb still – da hatte er sich offenbar die zwei besten Begleiter ausgesucht, die er hätte finden können. Die Ruhe brachte Harry beinahe dazu, wieder an Pettigrew zu denken, aber er schüttelte diese Gedanken ab. Er musste sich konzentrieren – die Zeit wurde knapper und knapper – der Mond, sah Harry durch ein Fenster, begann schon zu sinken …
Sie erreichten den Wandteppich, hinter dem der Geheimgang war. Harry wollte ihn zur Seite schieben – da rief jemand nach ihm.
„Harry! Harry!"
Was ist denn jetzt schon wieder?, schoss es ihm durch den Kopf – und gleich darauf: Wenn das jetzt Ron und Hermine sind – werde ich trotzdem mit Luna und Ginny gehen …
Dann blickte er zur Seite – und erkannte, wer es wirklich war.
„Cho!", rief Harry erstaunt. Er war wirklich überrascht. Er hatte nicht einmal gewusst, dass sie zum Kämpfen im Schloss geblieben war, aber da war sie, Cho Chang, mit ihren dunklen Haaren, ihren schmalen Augen, ihren Sommersprossen, blieb direkt vor ihm stehen. Er hatte sie das ganze Jahr über nicht wirklich angesehen. Jetzt erst fiel ihm auf, dass sie noch hübscher geworden war.
Und doch interessiert es mich nicht, dachte Harry, und der Gedanke machte ihn seltsam stolz; und er zauberte ein Schmunzeln auf seine Lippen, als er an Ginny denken musste, die direkt hinter ihm stand.
„Harry, ich muss dir etwas sagen", keuchte Cho. Sie atmete schwer; als wäre sie weit zu ihm gerannt.
Harry wollte warten, bis sie wieder Luft bekam, aber er verlor die Geduld. „Weißt du, ich hab es wirklich eilig und –"
„Nein, es ist wichtig!", sagte Cho, richtete sich schnell auf und nahm einmal tief Luft. „Zumindest glaub ich das!"
„Worum geht's denn?", fragte Harry; er zog seine Augenbrauen zusammen – war etwas nicht in Ordnung? Mit Ron oder Hermine?
„Du hast doch mal", sagte Cho; sie atmete erneut tief ein, dann fuhr sie fort, „nach Ravenclaws Zepter gefragt, nicht wahr?"
Harry spürte, wie seine Augen sich weiteten; er hatte keine Kontrolle darüber.
„Ja, hat er", sagte Luna, als Harry nicht reagierte. „Ich hab es euch dann weitererzählt."
„Richtig", sagte Cho, dann wandte sie sich wieder Harry zu. „Nun, ich weiß zufällig, wo sich das Zepter befindet!"
Für einen kurzen Augenblick waren sie alle still. Harry war am stillsten (oder er wäre es, wenn es möglich wäre, stiller als still zu sein). Es war so leise, dass Harry glaubte, die anderen könnten hören, wie sein Kopf versuchte, Chos Worte zu verarbeiten.
Und dann sagte er, in einem Tonfall, der so ungläubig und so fassungslos war wie kein Wort, das Harry je zuvor aus irgendeinem Mund gehört hatte:
„Was?"
„Ja, ich weiß es!", sagte Cho, und sie nickte heftig. „Wirklich! Eine meiner Urgroßtanten stammte von Rowena Ravenclaw ab, deswegen ist dieses Wissen in unserer Familie."
Vielleicht wollte sie ihn damit beeindrucken, dass sie mit Ravenclaw verwandt war, aber Harry interessierte das kein bisschen. Als er seinen Mund öffnen wollte, fiel Luna ihm ins Wort.
„Wieso hast du das nicht schon früher gesagt?", fragte sie, mit etwas in der Stimme, das Harry für Enttäuschung hielt.
„Abgesehen davon, dass es geheimes Wissen ist", antwortete Cho mit selbstgefälliger Miene und Stimme, „habe ich bis gerade vorhin nicht gewusst, dass du wegen Harry gefragt hast. Daher dachte ich, es wäre nicht so wichtig."
„Klar, wenn Harry es wissen will, dann ist es natürlich –"
„Psst!", fuhr Harry Ginny über den Mund, ohne sich zu ihr umzudrehen. „Sag schon, Cho, wo ist das Zepter?"
Cho lächelte. „Hier in Hogwarts."
Wieder dauerte es kurz, bis Harry Chos Worte begriffen hatte.
„Hier?", fragte er dann, in demselben Ton wie zuvor.
Das konnte nicht wahr sein. Die Person, die ihm sagen konnte, wo Ravenclaws Zepter war, war die ganze Zeit in Hogwarts gewesen? Und nicht nur das – das Zepter selbst war auch in Hogwarts? Harry hätte das dritte von nur vier Totenrelikten schon längst finden können, wenn Cho einfach nur gewusst hätte, dass er es finden musste?
„Wo genau?", fragte Harry begierig; das war ihm so wichtig, dass er sogar darauf verzichtete, sich über all das, was ihm durch den Kopf gegangen war, zu ärgern. Aber dann kam der Zorn doch noch hoch – denn Chos Miene verdüsterte sich.
„Das weiß ich leider nicht so genau", sagte sie. „Aber wenn das Zepter in Hogwarts ist, dann nehme ich einfach mal an, dass es –"
„– in Ravenclaws Gemeinschaftsraum!" Es war Harry, der den Satz beendete. Es erschien so logisch, so einfach, so klar. Natürlich! Gryffindor hatte sein Relikt im sprechenden Hut versteckt, und der war in Hogwarts! Helga Hufflepuf hatte ihren Becher Generation um Generation ihrer Nachfahren weitergereicht, so, wie die Gründer es ursprünglich geplant hatten! Zumindest drei der vier Gründer – Rowena Ravenclaw hatte ihr Relikt für alle Mitglieder ihres Hauses erschaffen.
Wo also sollte sie ihr Zepter verstecken, wenn nicht im Gemeinschaftsraum von Ravenclaw?
Er drehte sich zu Ginny und Luna um. „Geht zurück zu McGonagall", sagte er. „Aus unserem Ausflug nach Gringotts wird nichts. Seht einfach zu, dass ihr irgendwie aus dem Schloss rauskommt, aber nicht durch das Portal, wer weiß, was am anderen Ende lauert. Erzählt McGonagall von dem Portal, es muss verschlossen werden."
„Und was machst du?", fragte Ginny, ihre Arme verschränkt.
„Ich hol das Zepter. Und dann – dann such ich mir einen anderen Weg in die Winkelgasse. Ich weiß nicht, wie lange ich nach dem Zepter suchen muss, also muss das Portal in jedem Fall verschlossen werden."
„Wir helfen dir beim Suchen!", sagte Luna. „Das wird toll, ich hab schon lange nichts mehr gesucht, das wirklich gut versteckt ist!"
„Nein", erwiderte Harry. „Nein, ich suche allein. Ihr müsst das Schloss verlassen. Wärt ihr
mit mir nach Gringotts mitgekommen, das wäre in Ordnung gewesen, aber in Hogwarts bleiben, wenn die Todesser immer noch nicht verschwunden sind –"
„Sag uns nicht, was wir zu tun haben!"
Harry wandte sich an Ginny; nein, nicht schon wieder … kein Streit, dachte er. Aber Ginnys Gesicht ließ keinen Zweifel: Sie war wütend.
„Wir werden sehr wohl im Schloss bleiben!", sagte sie. „Und nicht nur das – wir werden kämpfen! Wir werden unsere Zeit nicht damit verschwenden, irgendwelche Zepter zu suchen. Wir hauen ein paar Todesser um. Komm, Luna!"
Sie packte Luna am Arm und zog sie mit sich, stürmte an Harry und Cho vorbei – und weg war sie. Harry sah ihr hinterher. Das durfte nicht wahr sein … Kaum war der Krieg da, war er sowohl mit Ron und Hermine, als auch mit Ginny zerstritten. Das war sicher kein gutes Zeichen.
„Ich könnte dir ja bei der Suche helfen."
Harry traute seinen Ohren nicht. Er wandte sich an Cho.
„Ist das dein Ernst?", fragte er.
Cho strahlte; offenbar dachte sie, ihr Angebot würde ihm so sehr gefallen, dass er es nicht fassen konnte. „Ja, natürlich!"
Harry seufzte; das war wirklich nicht zu fassen … „Ich glaube, es wäre besser, wenn du zu McGonagall gehen würdest, Cho. Viel Glück noch."
Dann ließ er sie ohne ein weiteres Wort stehen.
Harry wusste, wo der Gemeinschaftsraum der Ravenclaws war, in einem Turm im Westen. Damals, in der Zeit der DA, hatte er öfter auf der Karte der Rumtreiber die Ravenclaws beobachtet, um sicher zu gehen, dass sie sicher ihren Gemeinschaftsraum erreichten.
Korridore entlang, Treppen hinauf … Der Kampf war abgeflaut, wie es schien, die Todesser, die noch hier waren, schlugen sich in den unteren Stockwerken, wahrscheinlich schon auf dem Rückweg zu Voldemort, der sie nach einer erfolgreichen Ablenkung erwartete …
Noch diesen Korridor entlang und dann – Rechts? Nein – links. Und jetzt –
„Durch diese Tür!"
Er stieß sie auf und stand in einem Raum, einem so großen und hohen Raum, dass er an die Eingangshalle erinnerte. Und dort, am anderen Ende des Raumes, war er: Durch einen kleinen Torbogen in der Wand, kaum sichtbar, befand sich der Treppenaufgang, der zum Gemeinschaftsraum der Ravenclaws führte. Harry durchquerte den Raum, fühlte seine Aufregung steigen, sein Herz schneller schlagen. Er erreichte die Treppe, wollte seinen Fuß auf die erste Stufe stellen –
WUMMS!
Harry schrie auf; er wurde nach hinten geschleudert, landete flach auf dem Rücken. Sein Zauberstab fiel ihm aus der Hand, er hörte, wie er auf dem Boden wegrutschte und am anderen Ende des Raumes gegen die Wand knallte. Etwas hatte den ganzen Raum erschüttert, ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Erst dachte er, die Todesser hätten wieder diesen Erdbebenzauber angewandt, den sie schon zuvor benutzt hatten – dann aber spürte er, wie kleine Steine auf ihn hinab rieselten. Das Geräusch war ihm gleich viel näher vorgekommen als die von vorhin … Aber was war das gewesen?
Langsam und blinzelnd öffnete er seine Augen. Er sah nur die Decke, also setzte er sich auf, drehte seinen Körper herum – und erstarrte, als hätte ihn jemand mit einem Lähmfluch belegt.
Was er sah, waren keine Todesser, die einen Explosions- oder Erdbebenzauber benutzt hatten. Was er sah, war ein riesiges Loch, das in die Wand geschlagen wurde, und Steine und Holzstücke aus dieser Mauer, die am ganzen Boden herumlagen, von einem dünnen Nebel aus Staub durchzogen. Und in diesem Loch stand das, was das Loch in die Mauer geschlagen hatte. Und im Gegensatz zu Harry, dessen Zauberstab meterweit weg lag, hatte dieses Etwas noch seine Waffe: Die Keule von der Länge mindestens dreier Menschen baumelte in der Hand des unredlich großen Trolls, der Harry mit seinen kleinen Augen fixierte.
