Darauf habe ich seit dem ersten Kapitel gewartet. Ihr auch?

"Now you are stuck under the same old star

And there is no way out, believe me,

I have tried them all"

("Race the seas" von Solar Fragment)

37. Vererbt

„Ich bin fertig. Ich habe das ganze Buch gelesen." Die Morgensonne schickte gerade ihre ersten Strahlen über die Gipfel im Osten. Lilith kniff die Augen zusammen. Sie fühlten sich an als hätte jemand Sand hineingestreut. Ihr Rücken schmerzte. Sie hatte kaum geschlafen. Noch merkte sie es nicht, war noch viel zu erschlagen von der Erkenntnis. Der Wahrheit.

„Dann muss der Truchsess davon erfahren." Wie konnte Morwen nur so frisch aussehen? Ausgeschlafen? Ahnungslos.

„Der Truchsess?"

„So lautet der Befehl, nicht wahr? Oder möchtest du etwa damit warten bis der König ankommt?"

Lilith schüttelte den Kopf. Vor zwei Tagen erst waren Merry und Eowyn mit einem ganzen Wagenzug nach Ithilien aufgebrochen. Wer wusste schon, wie lange Aragorn sich Zeit lassen würde? In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Keinen jedenfalls, der nichts mit Katharinas Geschichte zu tun hatte.

Sie hatte zweimal nach neuem Lampenöl fragen müssen. Beim letzten Mal hatte es ein paar Verwünschungen und Bemerkungen über anderer Leute Nachtruhe obendrein gegeben. Die Diener im Gästehaus des weißen Turms würden sie nicht in guter Erinnerung behalten. Doch sie konnte nicht aufhören. Sie musste lesen. Bis zur letzten Seite.

„Du hast dir die ganze Nacht um die Ohren geschlagen, nicht wahr?" Morwen fasste sie sanft aber bestimmt am Arm. „Leg dich erst einmal hin. Um alles weitere kümmere ich mich."

Lilith war viel zu erschöpft um zu protestieren. Sie ließ sich von Morwen in eines der leerstehenden Krankenzimmer führen. Wie durch einen dichten Nebel hörte sie, wie die Heilerin Bergil ihre Anweisungen gab.

„Und vergiss nicht, dass sie nicht vor dem Mittag zu ihm kommen kann", schärfte sie ihm mehrmals ein.

Lilith hätte sich gerne bedankt, doch sie konnte die Augen nicht mehr offenhalten. Während die Häuser der Heilung um sie herum zu ihrer täglichen Geschäftigkeit erwachten, sank sie in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Sie wachte davon auf, dass Morwen ein Tablett mit Essen auf den Tisch stellte.

„Genug geschlafen. Die Sonne steht bereits im Mittag."

Lilith setzte sich auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Das konnten nicht mehrere Stunden gewesen sein. Sie hatten ihren Kopf doch gerade erst auf das Kissen gelegt.

Ein breiter Streifen Sonnenlicht fiel quer durch das Zimmer als Morwen die Vorhänge zurückzog. Er beleuchtete etwas Rotes. Etwas auf dem Tablett. Liliths Magen knurrte. Sie stand auf.

„Das sind Kirschen!" Nur eine Sekunde später hatte sie die erste davon auch schon im Mund. Das feste Fruchtfleisch war saftig und leicht säuerlich. Wann hatte sie das letzte Mal etwas so herrliches gegessen? „Woher kommen die auf einmal?" Sie spuckte den Kern aus und legte ihn zurück auf den Holzteller.

Morwen schmunzelte. „Unten in Belfalas wachsen sie beinahe das ganze Jahr. Ein Fuhrmann muss die erste Frühernte mitgebracht haben. Bergil hatte sie dabei, als er zurückkam."

Die zweite Kirsche verwandelte sich in ihrem Mund in einen Klumpen Asche. „Als er vom Truchsess zurückkam.", stellte sie tonlos fest.

Die Heilerin nickte.

„Morwen, warum tut er das?" Sie starrte auf die Früchte hinunter. Vorhin hatten sie schöner geglänzt. „Die Kleider, die Kirschen und neulich sogar fast so etwas wie ein Kompliment. Warum, Morwen?"

„Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich möchte er einfach freundlich sein. Egal, was passiert ist, er fühlt sich für dich verantwortlich."

„Es ist aber nicht egal", gab Lilith eigensinnig zurück. Das typische weiße Gebäck zerbröselte unter ihren Fingern. „Ich weiß nicht, ob ich das heute schaffe."

„Was soll schon dabei sein?" Morwen zog sich den zweiten Stuhl heran. „Du gehst hin, berichtest ihm, was du herausgefunden hast und gehst wieder. Nichts einfacher als das."

Lilith schenkte ihr einen unwilligen Blick. „Ich meine, wie schaffe ich das, ohne mich wie ein kompletter Idiot zu benehmen?"

Morwen zuckte mit den Schultern. „Bleibt dir etwa eine andere Wahl?"

Selbst jetzt sahen die Kirschen auf dem gemaserten Holzteller noch verlockend aus. Sie steckte die nächste in den Mund und kaute bedächtig. „Wohl kaum."

„Gut." Schon war die Heilerin wieder auf den Beinen. „Bergil wird dich hinbringen."

ooo

Faramir empfing sie diesmal nicht in dem Zimmer hinter dem Thronsaal sondern in einem verwinkelten Raum mit hohen Fenstern. Weit unten konnte man die Felder des Pelennor und die Südschleife des Anduin erkennen. Liliths Herz klopfte noch von den vielen Stufen. Jedenfalls redete sie sich das ein.

Ein Schreiber saß in der Nische unter einem der Fenster. Vor ihm, wie überhaupt auf jeder verfügbaren freien Fläche, stapelten sich Bücher, Schriftrollen und Pergamente. Er legte die Feder beiseite und machte Anstalten aufzustehen.

„Bleib", wies Faramir ihn an.

Stumm setzte er sich wieder hin, tauchte die Feder ins Tintenfass und fuhr mit seiner Arbeit fort. Verwirrt nestelte Lilith an dem Riemen ihrer Umhängetasche herum. Was sollte das? Wollte er etwa nicht allein mit ihr sein? Was für ein lächerlicher Gedanke.

„Du hast das Rätsel also gelöst", begann er ruhig. „Du kennst die ganze Geschichte deiner Urgroßmutter."

„Soweit sie sie in ihrem Buch aufgeschrieben hat." Ein dunkler Stuhl mit einer hohen geschnitzten Lehne war die einzige freie Sitzgelegenheit. Sie ließ sich umständlich darauf nieder, zog das Buch heraus und reichte es Faramir. Sie fühlte sich fast wie in einer ihrer Abschlussprüfungen. Das gleiche mulmige Gefühl im Magen.

Faramir blätterte kurz durch die Seiten mit den für ihn unverständlichen Schriftzeichen Er nickte. „Wie kam sie in unsere Welt?"

„Es war ein Unfall." Es ging leichter, wenn sie ihre Hände betrachtete. Das gewebte Muster auf dem braunen Wandteppich. Die aufgestapelten Dokumente, die jederzeit ins Rutschen kommen konnten. Alles, bloß nicht ihn. „Zu jener Zeit wurde unter den Trümmern Osgiliaths eine Kiste gefunden. Unscheinbar und schäbig sah sie aus, doch als man sie öffnete, fand man ein Buch. Niemand wusste, wie lange es dort gelegen hatte. Eingewickelt und verpackt hatte es die Jahrhunderte überdauert."

„Davon habe ich noch nie etwas gehört", warf Faramir ein. „Jedenfalls wird es nicht in den Chroniken der Stadt erwähnt. Was hat es mit deiner Urgroßmutter zu tun?"

„Ohne dieses Buch wäre sie niemals nach Mittelerde gekommen. Und ich auch nicht. Jetzt liegt es auf dem Dachboden meiner Tante." Sie schüttelte den Kopf. „Die ganze Geschichte ist so fantastisch, dass ich sie selbst kaum glaube."

Plötzlich fühlte sie sich in die Höhle hinter dem Wasserfall zurückversetzt. Suchte nach Worten für Dinge, die eigentlich gar nicht wahr sein konnten. Und das alles unter Faramirs ernstem und abwartendem Blick. Es konnte noch nicht lange her sein. Ihr Verstand wusste das durchaus. Trotzdem kam es ihr so vor, als hätte auch das jemand anderes erlebt. Jemand, dessen Erinnerungen sie nur flüchtig teilte. Eine Welt war seitdem entstanden und wieder untergegangen.

„Was stand in dem Buch?"

„Ich bin mir nicht sicher. Katharina nennt es Zauber oder magische Dinge und vergleicht es mit den Experimenten der Alchimisten. Gelehrte in der Vergangenheit. In meiner Welt gibt es keine Magie und Katharina war ein sehr kritischer Mensch. Ihr Vater war Apotheker, etwa so etwas wie der Meister der Heilkräuter in den Häusern der Heilung. Sie vertraute fest auf das Prinzip von Ursache und Wirkung. Alles wollte sie mit Logik und den ihr bekannten Naturgesetzen erklären." Lilith musste lächeln, als sie an jene Passage im Buch ihrer Urgroßmutter dachte. „Und wenn etwas wie Zauberei aussah, dann hatte sie es bloß noch nicht durchschaut. So einfach sah sie es. Anfangs."

„Was geschah mit diesem Buch, nachdem es entdeckt worden war?" Hörte sie da etwa Neugier in seiner Stimme?

„Der Truchsess jener Zeit, Turgon, hatte kein Interesse an altem obskurem Wissen. Der dunkle Herrscher hatte sich erst vor kurzer Zeit wieder offen erhoben. Ithilien war verloren. Es ging ihm vor allem darum seine Grenzen zu sichern, Krieger auszuheben und seine Streitmacht zu stärken. Nicht so jedoch sein jüngerer Sohn Cirion. Er hielt den Fund des Buches für einen besonderen Glücksfall. Einen Weg, Gondor auf andere Weise vor Saurons Macht zu schützen. Wo Schwerter nichts helfen würden. Ähnlich dachte auch sein älterer Bruder Ecthelion."

„Mein Großvater", warf Faramir ein. „Und mein Großonkel. Ich bin durchaus vertraut mit meiner Familiengeschichte."

„Ich aber nicht." Es rutschte Lilith einfach so heraus. Ärgerlich beinahe. Sie biss sich auf die Lippen, aber es ließ sich nicht mehr rückgängig machen. Faramir wartete geduldig. Es machte sie fast noch zorniger. Wie konnte er ihr so ruhig gegenübersitzen? Gleichgültig fast. Mit einem Gesicht, das einer Statue alle Ehre gemacht hätte. Sie schielte zu dem Schreiber in der Nische hinüber. Auf wie viele Arten konnte man etwas verstecken?

„Die beiden beschäftigten sich viel mit dem Buch", fuhr sie schließlich fort. „Probierten Dinge aus, untersuchten Anweisungen und Sprüche. Es war nicht ungefährlich doch sie gaben nicht auf. Zu vielversprechend war die Aussicht auf Erfolg, zu dunkel die Bedrohung aus dem Osten. Dann gab es einen Unfall." Lilith nahm Katharinas Tagebuch wieder an sich und blätterte an die entsprechende Stelle. „Sie arbeiteten an etwas, das meine Urgroßmutter Wegetrank nennt, aber es hatte einen komplizierten Namen in einer alten Sprache. Etwas ging schief. Es gab einen Blitz, der den ganzen Raum verwüstete. Als der Rauch sich verzogen hatte, fanden sie Katharina in den Trümmern. Bewusstlos."

„Sie hatten kurzzeitig eine Verbindung zwischen den beiden Welten hergestellt." Zum ersten Mal sah sie so etwas wie ein Glitzern in seinen grauen Augen. Wie haarsträubend diese Geschichte auch klingen mochte, eines war sie gewiss: Aufregend.

„Für einen winzigen Moment nur, doch es genügte", bestätigte Lilith. „Katharina konnte sich bis zum Schluss nicht erklären, warum es ausgerechnet sie getroffen hatte. Doch da war sie nun. Gestrandet in einer völlig fremden Welt." Wie ich, fügte sie in Gedanken hinzu. Was für eine überflüssige Feststellung. „Sie fand sich erstaunlich gut und schnell zurecht. In ihrem Buch beschreibt sie seitenlang die Wunder, die sie entdeckte. Gandalf sagte, er hätte sie hier in Minas Titith getroffen und tatsächlich verbachte sie hier wohl die meiste Zeit. Aber sie berichtet auch von Belfalas und Dol Amroth. Von Rohan. Selbst von Ithilien, obwohl es bereits unter den Einfluss des Feindes gefallen war. Ich habe nachgerechnet. Sie war etwa fünf Jahre hier. Mehr oder weniger."

„So lange?"

Lilith nickte. „Sie half Ecthelion und Cirion bei ihren Experimenten. Der Unfall hatte die Seite mit dem Wegetrank teilweise zerstört. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich auf ihr Gedächtnis zu verlassen. Der Rest war eine lange Kette aus Versuchen und Irrtümern."

„Doch es ist ihnen schließlich gelungen", stellte Faramir fest. Der Klang seiner Stimme versetzte ihr einen Stich ins Herz. Genauso hatte er an dem Nachmittag in den Archiven geklungen. Als sie Tengwar und lateinische Buchstaben verglichen hatten.

Das Tischbein gab ihrem Blick Halt. Bald würde sie jedes Astloch, jeden Kratzer darin kennen. Sie musste diese Geschichte schleunigst beenden, bevor sie Dinge sagte, die sie später bereuen würde. Hier ging es um Katharina und ihre Geschichte, nicht um Faramir und sie.

„Ja. Sie brauchten drei Jahre dafür. Aber Katharina kehrte nicht nach Hause zurück. Zumindest nicht länger als für ein paar Tage. In den nächsten zwei Jahren fand sie alles über den Trank heraus. Wie er am einfachsten zuzubereiten war. Wie er sich beeinflussen ließ. Man kann bestimmen, wo man in der anderen Welt landet. Wenn man den Ort kennt."

„Wieso kam sie zurück?" Natürlich fragte er das. Als wüsste er, welche Tatsachen sie vermeiden wollte. Welche sie die ganze Nacht wachgehalten hatten. Zum Glück hatte sie sich eine Antwort zurechtgelegt.

„Auch in meiner Welt war es nicht immer friedlich. Ein Krieg hatte begonnen, kurz nachdem meine Urgroßmutter hier gelandet war. Ein Krieg, wie ihn die Welt vorher noch nicht gesehen hatte. Maschinen, die Menschenleben in unglaublichen Mengen und in so kurzer Zeit vernichteten. Der Krieg fraß Männer, Geld und Rohstoffe in unbekanntem Ausmaß. Kaiserreiche standen vor ihrem Untergang. Die Welt, in die Katharina zurückkam, war nicht dieselbe. Es war der größte Schreck ihres Lebens. Größer noch als der hier aufzuwachen."

Faramir nickte. „Was geschah dann?"

„Dinge veränderten sich. Die Angriffe der Orks wurden heftiger. Harad bedrängte Gondor vom Süden her. An Land und auf dem Wasser. Die Lage wurde verzweifelt und noch verzweifelter wurde Cirions Suche nach einer Rettung. Er glaubte nicht, dass alle Krieger Gondors den Feind würden aufhalten können. Ein Jahr, gewiss. Zehn, vielleicht. Hundert, niemals. Schließlich wurde seine Hartnäckigkeit belohnt. Er fand etwas in dem alten Buch, das er zu seinen Zwecken verändern wollte. Ich verstehe Katharinas Beschreibung nicht ganz, doch es machte ihr Angst."

„Inwiefern?"

Lilith schauderte. Sie konnte und wollte die Worte ihrer Urgroßmutter nicht wiederholen. Wie viele Nächte hatte Katharina wachgelegen?

„Manche Waffen sind zu schrecklich um sie zu verwenden", sagte sie schließlich tonlos. „Sie töten alle Feinde aber sie vernichten auch denjenigen, der sie benutzt. Nicht völlig. Sie fordern einen Preis. Etwas in ihm muss sterben. Er wird nie wieder derselbe sein." Sie verstummte.

Eine Weile schwiegen sie beide. Nur das stetige Kratzen der Feder durchdrang die Stille.

„Wie der eine Ring", murmelte Faramir wie zu sich selbst. „Wer ihn benutzt hätte, hätte Sauron bezwingen können. Dennoch hätten alle guten Absichten nichts genutzt. Die Welt wäre ein finsterer Ort geworden."

Er wusste, wovon er sprach. Am eigenen Leib hatte er die Versuchung gespürt als er Frodo in Ithilien begegnet war. Es wäre so leicht gewesen. Ein Handgriff. Nur ein kleiner Wink an seine Waldläufer. Rettung für sein Land, seine Stadt. So viele Leben, die nicht ausgelöscht worden wären. Er hatte es nicht getan. Er hatte widerstanden. Er war stark. Soviel stärker als Cirion. Stärker als Boromir.

Lilith sah ihn an wie er dasaß, die Stirn in einer düsteren Erinnerung gerunzelt. Sie würde nie aufhören ihn zu lieben. Die Gewissheit traf sie wie ein Blitzschlag. Es schmerzte.

„Und solch eine Waffe wollte mein Großonkel erschaffen?"

„Er sah darin die letzte Möglichkeit. Gondors einzige Möglichkeit."

„Und Katharina?"

„Sie versuchte es ihm auszureden. Die stritt, argumentierte, bettelte. Zuletzt flehte sie ihn auf Knien an es nicht zu tun. Sie hatte gesehen, wie der Krieg die Menschen veränderte. Ihr eigener Bruder war mit nur einem Bein und dem Gesicht eines alten Mannes von der Front zurückgekommen. Sie ertrug die Vorstellung nicht, dies alles auch hier passieren zu sehen. In einem Land, das Zauber und Wunder barg. Es nützte alles nichts. Cirion ließ sich nicht erweichen. Er war fest entschlossen. Schließlich sah Katharina nur einen Ausweg." Lilith zögerte einen Moment. Holte tief Luft. „Sie beschreibt es nur als Plan doch ich bin sicher, dass sie ihn erfolgreich in die Tat umgesetzt hat. Eines Nachts stahl sie das Buch, verbrannte Cirions sämtliche Schriftrollen, vernichtete alle Vorräte des Wegetranks bis auf zwei Fläschchen und kehrte für immer in ihre Welt zurück. Keine Waffe ohne die uralten Aufzeichnungen. Keine Möglichkeit sie zu verfolgen ohne den Trank. Sie würde niemals zurückkommen können. Sie hatte ihr Leben verwirkt."

Liliths Herz klopfte wild und aufgeregt. Wie mutig Katharina gewesen war. Wie verzweifelt. Sie hatte das richtige getan. Aber für welchen Preis? Es gab Dinge, die nur Katharina etwas angingen. Niemanden sonst. Sie wollte lieber nicht daran denken. Es brach ihr das Herz.

Faramir zeigte sich weniger mitgenommen. „Das erklärt vieles", meinte er. „Auch die Erinnerungen meines Vaters. Sie sei plötzlich verschwunden, sagte er. Niemand erwähnte jemals wieder ihren Namen. In aller Augen muss sie eine Verräterin gewesen sein. Du hast eine sehr tapfere Urgroßmutter, Lilith."

Sie lächelte traurig. „Das hat weder ihr noch mir etwas genützt."

„Aber was ist mit dir?" Plötzlich klang er aufrichtig besorgt. „Wenn sie alle Aufzeichnungen bezüglich des Tranks zerstört hat, wie sollst du dann nach Hause kommen?"

Wieder wich sie seinem Blick aus. Sie erinnerte sich an einen Abend, an dem es ihn nicht so interessiert hatte. An dem er befürchtet hatte, sie würde viel zu bald verschwinden. Ein Versprechen und ein Kuss über den Mauern der Stadt. Sie riss sich gewaltsam davon los. Vergangene Momente. Rauch im Wind. Fest schlossen ihre Finger sich um den ledernen Buchdeckel.

„Alle Aufzeichnungen bis auf diese hier." Sie schlug die letzte Seite auf. „Hier stehen die genauen Anweisungen zur Herstellung des Tranks. Doch ich kann sie nicht lesen."

Faramir nahm ihr das Buch aus der Hand und musterte es kritisch. „Es ist in deinen Buchstaben geschrieben."

„Das stimmt, aber ich verstehe sie nicht. Die Wörter gleichen keiner Sprache, die ich jemals gehört habe."

„Lies vor."

Verdutzt gehorchte sie. Ein wenig lächerlich kam sie sich dabei schon vor. Es hätte auch völliger Unsinn sein können. Zum Glück unterbrach Faramir sie schon nach wenigen Worten.

„Sindarin", erklärte er. „Die alte Sprache Gondors und die der Elben. Deine Urgrußmutter war klug. Es bedarf eines Menschen aus deiner und eines Gelehrten aus meiner Welt um die Anleitung zu verstehen." Er überlegte einen Augenblick. „Am besten fertigst du mit Meister Saelon eine Abschrift davon an. In Tengwar und in deinen Buchstaben. Auch in Sindarin. Dieses Wissen ist zu kostbar. Es darf nicht wieder verlorengehen."

Lilith nickte. Wenn andere Rätsel sich nur auch so einfach lösen ließen.

„Eine Sache verstehe ich noch nicht recht", fuhr Faramir fort. „Warum hat Katharina das Buch im Archiv versteckt?"

Eben das hatte Lilith sich auch schon gefragt.

„Vielleicht für genauso einen Fall wie meinen?" schlug sie vor. „Für jemanden aus meiner Welt, der unfreiwillig hierher gelangt und nach einem Weg zurück sucht?"

Faramir schien nicht überzeugt. „Gut möglich. Aber warum auch ihre ganzen Aufzeichnungen? Alles, was sie hier erlebte steht darin geschrieben. Es sind bestimmt Dinge darunter, die nicht unbedingt für fremde Augen bestimmt sind."

Mehr als er vielleicht ahnte. Lilith schloss das Buch und drückte es schützend an sich. „Sie wollte Mittelerde vergessen. Alles. Für immer." Wie Morwen es ihr ebenfalls geraten hatte. „Sie kehrte nach Hause zurück, versteckte das Buch, heiratete zwei Jahre später und bekam drei Kinder. Ihr ältester Sohn ist mein Großvater. Sie starb fünfundzwanzig Jahre nach ihrer Rückkehr in einem anderen Krieg, einem noch schlimmeren, während eines Luftangriffs. Stell dir unzählige geflügelte Nazgul vor, die Feuer vom Himmel regnen lassen. Ganze Städte gingen in Flammen auf."

„Solche Waffen gibt es in deiner Welt?" Es klang eine Spur zu ruhig. Für ihn musste es eine entsetzliche Vorstellung sein.

„Solche und schlimmere" bestätigte sie. „Menschen haben sie erfunden. Menschen bauen sie. Menschen kämpfen damit gegen andere Menschen."

Er nickte und strich sich eine schwarze Haarsträhne aus der Stirn. Es sah beinahe unbehaglich aus.

„Du hast mir nicht die ganze Geschichte erzählt", warf er ihr schließlich vor. „Das kann nicht alles gewesen sein. Etwas fehlt."

Woher wusste er das? Er überraschte sie noch immer. Trotzdem schüttelte sie vehement den Kopf. „Nein. Da ist nichts mehr. Nichts Wichtiges."

„Du bist eine schlechte Lügnerin." Eine sachliche Feststellung. Er hob nicht einmal die Stimme dabei.

„Wie du bereits gesagt hast. Das Buch enthält nicht nur Katharinas Bericht sondern ist auch so etwas wie ein Tagebuch. Manche Dinge darin sind sehr persönlich. Nicht einmal ich hätte sie lesen dürfen."

„Aber du hast sie gelesen", beharrte er. „Und sie machen dir zu schaffen."

Für einen Augenblick brodelte Zorn in ihr empor. Wenn sie für ihn so leicht zu durchschauen war, musste er dann alles andere nicht ebenfalls wissen? Wie schwer es ihr fiel, sich so ruhig mit ihm zu unterhalten. Dass sie sich nicht entscheiden konnte was sie lieber wollte: Weglaufen, ihn anschreien oder sich einfach vorbeugen und seine Hand berühren. Ob er sie wegziehen würde?

Sie konnte ihm nicht erzählen, was sie so erschütterte. Nicht ihm. Sie hatte vorgehabt vielleicht mit Morwen darüber zu sprechen. Wenn sie es einfach nicht mehr aushielt. Wenn sie sich entschlossen hatte, ob sie darüber weinen oder bitter lachen sollte. Das Schicksal hatte einen bösen Humor. Und doch wünschte sie sich auf einmal, er würde es erfahren.

Sie konnte es ihm nicht erzählen. Aber das musste sie auch gar nicht. Katharina würde es tun. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen schlug sie das Buch auf und begann vorzulesen.

Ich habe das Kind verloren. Die Heilerin versprach mir, darüber zu schweigen. Ich will ihr vertrauen. So viel Blut. Vielleicht ist es besser so. Lange hätte ich es nicht mehr verheimlichen können. Schon gar nicht vor ihm. Braucht es so viel Blut und Schmerzen um mich erkennen zu lassen, wovor ich die Augen seit langem verschließe? Ich tue so als glaubte ich ihm. Ich will ihm so gerne glauben. Doch es nützt nichts. Etwas in mir kennt die Wahrheit. Egal, was Cirion auch verspricht, niemals wird der Truchsess unserer Vermählung zustimmen."

Schon bei den letzten Sätzen hatte ihre Stimme zu zittern begonnen. Jetzt brach sie völlig. Ausgesprochen klang es noch viel schlimmer. Es war mehr als sie nach diesem Gespräch aushielt. Tränen schnürten ihr die Kehle zu. Sie würde nicht weinen. Nicht vor ihm.

Das Buch noch in der Hand sprang sie auf und stürzte hinaus. Es gab nichts mehr zu besprechen. Jetzt wusste er alles. Die Treppenstufen verschwammen vor ihren Augen. Nur ein falscher Schritt und sie konnte sich den Hals brechen. Sie schürzte den Rock und rannte weiter. Was kümmerten sie schon die erstaunten Gesichter der Wachen, oder die Dienerin, die sie auf dem Hof anrempelte?

Auf der Wendeltreppe raste ihr Herz, schlug wie ein Hammer gegen ihre Rippen. Sie keuchte, schluchzte, es war alles dasselbe. Die dunkle Stille der Archive verschluckte sie wie ein warmer Teich. Ein geborgener Ort, an dem sie Zuflucht suchen konnte. Sie wünschte sich nie wieder auftauchen zu müssen.

In einem Winkel lag ein abgewetzter Teppich auf dem Boden. Fadenscheinig an manchen Stellen. Hier rollte sie sich zusammen. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Ihr war übel. Sie hatte Seitenstechen. Doch etwas in ihrer Brust schmerzte noch viel mehr.

Wie konnte das Schicksal so grausam sein? Gab es Dinge, die sich beständig wiederholten? Wieder und immer wieder? Wie hatte ihre Urgroßmutter das ausgehalten? Woher all die Kraft genommen? Die Kraft weiterzumachen nachdem sie alles verloren hatte.

Katharina hatte Cirion geliebt. So sehr, dass sie bereit gewesen war seinen Hass auf sich zu ziehen um ihn vor sich selbst zu retten. Es ging nicht. Sie konnte nicht annähernd nachempfinden, wie Katharina sich in diesem Moment gefühlt haben musste. Was sagte das über sie? Sie weinte immer noch. Der Stoff unter ihrer Wange roch leicht nach Moder.

Hatte Katharina es geschafft Cirion zu vergessen? War sie niemals in Versuchung geraten, den Trank zu benutzen? Auch später nicht, in den schlimmen Zeiten? Hatte sie die Luftschutzsirenen gehört und an den Mann gedacht, den sie hier zurückgelassen hatte? Ob er ihr jemals verziehen hätte? Ihre Urgroßmutter hatte es nie herausgefunden. Stand ihr selbst das gleiche bevor? In ihrer Vorstellung sah Cirion aus wie Faramir.

Schritte näherten sich. Es war ihr gleichgültig. Hoffentlich war Meister Saelon wenigstens klug genug sie in Ruhe zu lassen. Ihr Kopf dröhnte.

„Lilith." Es war nicht Meister Saelon. Faramir sah auf sie herunter, einen dicken Folianten unter dem Arm. Er wirkte ehrlich bestürzt. In Windeseile legte er das Buch beiseite und zog sie auf die Füße. Flüchtig spürte sie seine Hand auf ihrer nassen Wange. Dann trat er schnell einen Schritt zurück. Er suchte nach Worten. „Das mit deiner Urgroßmutter…" Er schüttelte den Kopf. Zum ersten Mal sah er wirklich unglücklich aus.

Lilith war noch viel zu aufgewühlt um es zu beachten. „Sie hat ihn verraten", krächzte sie, ihre Stimme noch ganz belegt. „Ich habe nur geschwiegen. Ist das so viel schlimmer?"

Sie wartete nicht auf seine Antwort. Diesmal folgte ihr niemand.

ooo

Na, habt ihr nicht auch seit dem ersten Kapitel darauf gewartet?

Jetzt gibt's zur Belohnung einen Sherry.

Und falls ihr mich nächste Woche vermisst: Ich bin auf dem Summer Breeze *g*