Auf dem Weg nach Ostelor

Nach fünfzehn Tagen sahen wir vor uns eine kleine Ansiedelung, die an einem Fluss lag. Es schien sich um ein stark befestigtes Gehöft zu handeln. Da es dämmert, beschlossen wir um Unterkunft zu bitten. Anordil klopfte an das geschlossene Tor. Einige Sekunden vergingen, bevor wir Schritte hörten und die Klappe des Guckloches geöffnet wurde. Misstrauisch wurden wir gemustert.

"Könnt ihr mich verstehen", fragte Anordil in dem Westron-Dialekt des Südens. Ein unverständliches, verärgertes Gemurmel war die Antwort. "Wie steht es hiermit", fragte er erneut und zeigte ein Silbermünze. Diesmal kam eine verständlichere Antwort. "Was wollt ihr?" "Guter Mann", sagte Anordil freundlich, "wir bitten um Unterkunft für diese Nacht. Wir sind Reisende auf dem Weg nach Ostelor."

Die Augen des Mannes betrachteten uns argwöhnisch. "Ihr seid alleine", fragte er ungehalten. Anordil nickte bestätigend. "Wir sind nur zu zweit", antwortete er, "dies ist meine Gefährtin." Er deutete zu mir. Ich lächelte höflich. Der Mann starrte uns an. "Ihr wartet", brummte er nach einigen Sekunden, "ich muss die Herrin um Erlaubnis fragen." Lautstark wurde die Klappe geschlossen.

Wir hörten, wie sich schwere Schritte entfernten. Nach einigen Minuten des Wartens schwang das Tor vor uns auf. "Tretet ein", tönte uns eine Frauenstimme auf Sindarin entgegen, "ich heiße euch willkommen in Herrin Iphela Ardonas Haus."

Im Torbogen konnten wir die Sprecherin sehen. Es war eine schöne Frau, deren Alter schwer zu schätzen war. Hochgewachsen, kraftvoll und doch elegant. Dunkle Haare fielen kaum gebändigt über ihre Schultern weit den Rücken hinunter. Schwarze Augen musterten uns kritisch, aber freundlich. Ihre Kleidung bestand aus einem weißem Leinengewand das mit Spangen gehalten wurde. Diese waren dunkelblau mit einer hellgrünen Chrysantheme. Das Gewand schmeichelte ihrer olivfarbenen Haut. Vermutlich war sie eine Drel. An ihrem Oberarm trug sie eine silberne Spange. Offensichtlich eine freigelassene Sklavin.

"Wir danken für eure Gastfreundschaft", sagte Anordil, "ich bin Anordil Glordoronion. Dies ist Arwen Ceridwen, meine Gemahlin." "Nochmals willkommen in diesem Haus. Ich bin Nellima,", erwiderte sie, "die Hofmeisterin der Herrin Ardona. Mit Freuden begrüße ich Elbenkrieger unter ihrem Dach."

Mit diesen Worten wies sie ins Innere. Wir folgten ihrer Aufforderung einzutreten und lenkten unsere Pferde hinein. Hinter dem Tor lag ein Durchgang. Er erstreckte sich unter dem Torhaus. Dahinter lag der eigentlich Hof. Als wir diesen betraten, konnte ich das Anwesen in voller Schönheit betrachten. Ein kleines autarkes Dorf auf engstem Raum. Die gemauerten Gebäude waren wie ein geschlossenes U angeordnet. Der Innenhof schien gänzlich gepflastert zu sein, was zum einen das Sauberhalten erleichterte und zum anderen im Falle eines Angriffes kein Ziel für Brandpfeile bot. Ein bogenförmiges zweistöckiges Gebäude lag gegenüber dem Eingangstor. Es war von einer Kolonnade gesäumt. Auf der rechten Seite war ein langgezogenes, ebenfalls zweistöckiges Gebäude zu sehen. Anscheinend waren dort Werkstätten untergebracht. Ein Gebäude ragte unter ihnen ein wenig vor, kurz bevor der Bogen anfing.

Von rechts hörte ich Geräusche, die den Schluss nahe legten, dass das Gebäude neben dem Tor Pferde zu beherbergen schien. Wir stiegen ab. Ein rasch herbei eilender Knecht verbeugte sich ehrerbietig und wollte die Zügel nehmen. "Wir würden uns gerne selber um die Pferde kümmern", sagte Anordil höflich zu Nellima. "Gerne", erwiderte diese, "Radan wird euch zeigen, wo ihr sie unterstellen könnt. Ich schicke euch eine Magd, die euch euer Gemach zeigt." "Wir danken euch für eure Gastfreundschaft", antwortete Anordil mit einer leichten Verbeugung. Mit einem Wink gab Nellima dem Knecht Zeichen. "Allerdings bitte ich euch, das Nachtmahl mit mir einzunehmen. Die Herrin weilt zurzeit nicht hier. Doch Elben sind immer gern gesehene Gäste." "Gerne nehmen wir eure Einladung an", entgegnete Anordil.

Nellima nickte uns noch einmal höflich zu und verließ uns dann. Mit leichten Schritten ging sie auf das eine vorstehende Gebäude zu. "Bitte folgt mir", sprach uns der Knecht leise an. Unsere Pferde, Alagos und Hithu, wie wir sie genannt haben, schnaubten freudig. Sie folgten uns bereitwillig, als wir ein Stückchen nach rechts gingen und durch ein offenes Tor den Stall betraten.

Dieser war sehr geräumig gestaltet. Ich zählte zehn Pferde in den Boxen. Für dreimal so viele war Platz vorhanden. Wir führten unsere Pferde in zwei neben einander liegende Boxen, die uns Radan zeigte. Dort sattelten wir sie ab und rieben sie trocken. Danach gaben wir ihnen Wasser und Futter. Radan ging uns schweigend zur Hand. Über uns im Torhaus hörten wir Schritte. Eine Wachmannschaft? Es wäre naheliegend. Jedenfalls hatten wir von außen Schießscharten in dieser Höhe gesehen.

Als wir mit den Pferden fertig waren, nahmen wir unsere Waffen auf und verließen den Stall. Eine Magd erwartete uns vor dem Stalltor. Eher gesagt eine Sklavin. Sie schien eine Drel zu sein, wie Nellima, doch ihre Armspange wies sie eindeutig als Sklavin aus. Ihr Gewand bestand aus einer einfachen hellgrünen Tunika mit einer blauen, geflochtenen Kordel als Gürtel.

"Die Herrin Nellima befahl mir euch euer Gemach zu zeigen", sagte sie ehrerbietig und verneigte sich höflich, "bitte folgt mir." Anordil nickte ihr verstehend zu. Sie erwartete keine Antwort, sondern drehte sich um. Rasch ging sie auf das gegenüberliegende Gebäude mit den Kolonnaden zu. Wir folgten ihr über den belebten Hof. Menschen hasteten hin und her. Die meisten schienen Sklaven zu sein. Ich sah zumindest nur wenige Freie. Wenn sie unseren Weg kreuzten, verbeugten sie sich kurz, bevor sie weiter eilten. Überall, wohin ich blickte, erspähte ich rege Betriebsamkeit. Dieser Hof wurde offensichtlich straff geführt.

Schätzungsweise in der Mitte des Hofes drehte ich mich kurz um und sah zum Torhaus. In den Fensteröffnungen zum Innenhof hin war ein Männerkopf mit Helm zu sehen, der wachsam hinaus blickte. Wahrscheinlich war er gut bewaffnet. Dies bestätigte meine Vermutung, dass dort eine Wachmannschaft untergebracht war. Links neben dem Torhaus schloss sich eine kleine Kolonnade an, hinter der man einen römisch anmutenden Garten mit einem Brunnen sehen konnte. Ein vierstöckiges Gebäude schloss sich daran an. Dieses zog sich bis zum Beginn des Bogens hin, wohin uns die Sklavin führte.

Wir gingen noch ein Stückchen unter den Kolonnaden entlang, bis die Sklavin eine Tür ins Innere öffnete. Dahinter lag ein Gang von dem Türen abzweigten. Hier waren wohl die Gästequartiere zu finden. Am Ende des Ganges führte ein Wendeltreppe in die obere Etage. Ein schmales hohes Fenster über der Eingangstüre ließ Licht in den Gang fallen. Im Angriffsfalle würde dieses wohl auch als Schießscharte in der oberen Ebene dienen, denn ein schmaler Sims, auf dem ein Mann stehen konnte, befand sich zwischen Türe und Fenster.

Die Sklavin wählte die erste Türe rechts im Gang. Sie öffnete sie. "Bitte tretet ein", sagte sie zu uns. Mit gesenkten Augen gab sie die Tür frei. Wir traten ein. Das Gemach war sauber und einfach eingerichtet. Zwei schmale hohe Fenster ließen Licht einfallen. Ich trat an eines heran. Von hier hatte man einen sehr guten Blick über den Innenhof. An der Wand, die der Tür gegenüberlag, stand ein für mittelerdische Verhältnisse großes Bett mit einer Matratze aus Stroh und Leinendecken. Im Süden benötigte man für die Decken keine Füllung. Es war in den Nächten warm genug. Daneben stand ein niedriger Tisch an der Wand zum nächsten Gemach. Auf diesen legten wir unsere Waffen und Gepäck ab.

"Habt ihr noch einen Wunsch", fragte die Sklavin höflich. Anordil sah sie an. "Wie ist dein Name", fragte er. "Crisai", antwortete sie. "Gibt es hier die Möglichkeit ein Bad zu nehmen, Crisai", fragte Anordil weiter. Sie nickte. "Es gibt hier ein Badehaus,", erwiderte sie, "welches auch Gästen offen steht. Wenn ihr es wünscht, so führe ich euch hin." Meine Augen leuchteten. Baden – nach fünfzehn Tagen eine willkommene Gelegenheit. "Ja", warf ich rasch ein, "wir möchten baden."

Rasch zog ich das saubere Gewand aus meinem Gepäck. Anordil schmunzelte ob meiner Hektik. Auch er zog das saubere Gewand hervor. Dann folgten wir Crisai hinaus. Sie führte uns nach links weiter unter den Kolonnaden entlang, bis ans andere Ende des Bogens, dort, wo das eine Gebäude ein wenig vorstand. Dahinter musste sich eine Mühle verbergen, wenn ich das gleichmäßige hölzerne Klopfen richtig deutete. Auch der Fluss war nun zu hören, der an dem Anwesen vorbei floss.

Kurz vorher bog Crisai ab und öffnete eine Tür. Dahinter lag ein Vorraum. An den Seitenwänden standen kleine hölzerne Regale, auf denen etliche Paar Schuhe standen. Crisai schlüpfte aus ihren Sandalen und stellte sie dazu. Gegenüber der Tür führte eine dreistufige Treppe zu einem weiteren Durchlass, der nur mit einem Tuch verhangen war. Crisai ging dort hinauf und hielt den Vorhang zur Seite. Wir zogen ebenfalls unsere Schuhe aus. Sorgfältig stellten wir sie auf das Regal. Dann folgten wir Crisai. Hinter dem Vorhang lag ein Gang der mit Öllampen erhellt wurde. Von diesem zweigten Durchgänge ab, von denen jeder mit einem Tuch verhangen war. Der Boden war mit Planken bedeckt, die wie ein Lattenrost wirkten. Zwischen den einzelnen Planken war ein Spalt, so dass Wasser nach unten abfließen konnte.

"Phyria", rief Crisai, "die Herrin Nellima schickt mich." Sekunden später schob sich einer der Vorhänge zur Seite. Eine weitere Frau trat hervor. Ebenfalls Sklavin, wie Crisai. Jedoch wiesen ihre dunkle Haut und die schwarzen, drahtigen Haare, die sie zu einer komplizierten Knotenfrisur hochgesteckt hatte, sie als Sederi aus. Vereinzelt hatten sich ein paar Strähnen gelöst, die ihr ebenmäßig geschnittenes Gesicht umspielten. An ihren Schläfen hatte sie kleine Tätowierungen. Sie mochte wohl schätzungsweise in meinem Alter sein. Vielleicht ein wenig älter. Ihr Gewand war aus einem beinahe durchsichtigen leichten, cremefarbenen Stoff gefertigt, der ihren Körper umschmeichelte. An manchen Stellen hatte er sich durch die Feuchtigkeit der Räume auf ihre Haut gelegt. Schöne, dunkelbraune Augen musterten uns kurz, bevor sie sich höflich verneigte.

"Willkommen in Ardona's Haus", sagte sie, "wünscht ihr ein getrenntes Bad oder gemeinschaftlich?" "Wir teilen einen Zuber", antwortete Anordil. Phyria sah ihn unverhohlen an. "Wenn ihr es wünscht, Herr", sprach sie, "so können wir euch Gesellschaft leisten und euch waschen." Ich blickte sie ein wenig verlegen an. Zwar hatte ich bereits zu anderen Gelegenheiten die Bekanntschaft mit Bademägden oder Badesklavinnen gehabt, doch bisher war ich noch nie im Beisein Anordils gewaschen worden. Und es war offensichtlich, dass sie uns noch mehr Vergnügen, als nur das der Reinigung bereiten wollten. Ohne es zu wollen, spürte ich, wie es heiß ins Gesicht flutete und Röte meine Wangen überzog.

"Wir baden alleine", erwiderte Anordil und reichte Phyria unsere sauberen Gewänder. Diese legte sie auf ein hölzernes Regal neben dem einen Durchgang. Hatte ich mich verhört oder schwang doch leises Bedauern in der Stimme mit? Die beiden Sklavinnen blickten ebenfalls ein wenig enttäuscht. Anordil sah mich an und lächelte vergnügt. "Kann es sein, dass du die Möglichkeit tatsächlich in Betracht gezogen hast, dass wir einen Zuber und womöglich mehr mit den beiden teilen", fragte ich ihn auf Sindarin. "Vergiss nicht, dass ich ein Elb bin", entgegnete er und in seinen Augen blitzte es, "das Vergnügen an der Sinnlichkeit ist uns von den Valar gegeben. – Und wie heißt es so schön in deiner Welt – ich bin kein Engel."

Phyria hielt einen der Vorhänge zur Seite. Schockiert sah ich Anordil an. "Du hast doch nicht ...", fragte ich. "Doch", antwortete er. "Aber du hattest eine Frau", warf ich ein. "Nicht die tausend Jahre davor", konterte er, "wie sollte ich sonst Erfahrungen sammeln?" Rot schoss es mir ins Gesicht. "Aber ... aber ...", weiter kam ich nicht. Er zog mich mit sich in den Raum hinein, der hinter dem Vorhang lag. Dort schloss er mich in die Arme und küsste mich dermaßen leidenschaftlich, dass meine Brustwarzen sich verhärteten. Als er mich freigab, sah ich noch, wie der Vorhang sich leise bewegte. Phyria musste diesen Kuss gesehen haben. Vor Verlegenheit wurde ich erneut rot bis in die Haarwurzeln.

Anordil betrachtete mich amüsiert und lachte leise. "Du hast mich absichtlich schockiert", stellte ich fest, "hast du oder hast du nicht?" Sein Lachen klang wie Musik. Er stimmte eine melodische elbische Weise an. Ein Lied von der Liebe. Leise wehten seine Worte durch den Raum. In der Mitte stand auf den hölzernen Bohlen ein großer Zuber, gefüllt mit dampfendem Wasser. Daneben ein Wassereimer mit Schöpfkelle aus dem es ebenfalls dampfte. Rechts davon ein geschwungener Seifenkrug neben dem ein Schwamm lag. Anordil nestelte an den Verschlüssen meines Reisegewandes, bis es sich löste und zu Boden glitt. Mit dem Fuß schob er es Richtung Tür.

Darauf legte er seine eigenen Gewänder. Jedes Mal wieder war ich überrascht über die kraftvoll schöne Erscheinung Anordils. Aber für mich war in diesem Moment das Verlangen nach Reinigung doch noch größer. Ich langte zu Schwamm und Seifenkrug. Mit energischen Bewegungen schrubbte ich über meine Haut. Am Rücken half mir Anordil. Das gleiche tat ich bei ihm. Aus dem Wassereimer schöpfte ich das dampfende Nass, um mich abzuspülen. Erleichtert sah ich zu, wie die schmutzige Brühe durch die Planken nach unten abfloss. Erst als ich mich sauber fühlte, stieg ich in den Zuber.

Mit einem Wohllaut streckte ich mich aus. Verzückt schloss ich die Augen. Ein leises Plätschern verriet mir, dass Anordil mir Gesellschaft leistete, was mir die sanfte Berührung seiner Hand augenblicklich bestätigte. Kaum waren wir im Wasser eingetaucht, als der Vorhang sich leise beiseite schob und Phyria die beschmutzten Gewänder aufsammelte. Sie hielt die Augen gesenkt. Unauffällig entfernte sie sich, nachdem sie frische Laken auf ein kleines Regal gelegt hatte.

Ich musste ihr wohl mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck hinterher gesehen haben, denn Anordil lachte leise auf. "Nicht jede Badesklavin erregt elbische Aufmerksamkeit", sagte er auf Sindarin, "und nicht jede ist annähernd so schön wie du." Bevor ich antworten konnte, hatte er mit einem leidenschaftlichen Kuss meine Lippen verschlossen.

Protestierend wollte ich seine Hand an der Wanderschaft auf meinem Körper hindern, doch es war nicht mehr als ein kläglicher Versuch. Meine Gegenwehr wurde im Keim erstickt. Schon bald ließ ich mich treiben. Gab mich voll und ganz in Anordils erfahrene Hände. Es dauerte auch nicht lange, bis die Erregung mich erfasst hatte. Leise stöhnte ich vor Lust. Anordils Hände strichen zart über meine Haut. Erzeugten kleine Schauer. Meine Hände krallten sich um den Rand des Zubers, als sich mein Körper durchbog und ich Anordil einladend meine Hüften entgegen hob.

Sanft drang er in mich ein. In seinem Rhythmus brachte er mich immer weiter hinauf. Auf dem Höhepunkt meiner Lust war es mir egal, dass mein heiserer Schrei von Phyria, Crisai und vielleicht noch anderen gehört wurde. Zufrieden schnurrend ließ ich mich ins Wasser zurück gleiten. In der Wärme des Wassers schwanden meine Empfindungen nur allmählich.

Als ich in Anordils Augen blickte, blitzten diese belustigt. "Ich denke, es hat dir gefallen", flüsterte er, "oder sollten wir doch noch Phyria und Crisai dazu laden?" Er konnte es nicht lassen! Zielsicher traf der Schwamm, den ich mir gegriffen hatte, sein Gesicht. Sekunden später waren wir in einer ausgiebigen Wasserschlacht. Was mochten die beiden Sklavinnen nur von uns denken? Oder die anderen, die hier ihr Bad genossen?

Nach einer Weile streckten wir uns ein weiteres Mal aus, um die letzten Reste des warmen Wassers zu genießen. Dann stieg Anordil als erster aus dem Zuber. Rasch rieb er sich mit einem der Laken trocken. Anschließend reichte er mir eines. Ich rubbelte mich ebenfalls trocken. In diesem Moment erschien Phyria wieder in dem Durchgang.

"Folgt mir bitte", sagte sie mit gesenkten Augen und hochroten Wangen. Schnell drehte sie sich um und verließ den Raum. Wir gingen ihr hinterher. Ich rieb immer noch meine Haare trocken. Im gegenüberliegenden Raum stand mittig eine einfache Liege aus Stein. An der Wand war ein Regal befestigt, auf dem mehrere kleine Krüge Platz hatten. Eine hölzerne Liege befand sich vor der anderen Wand. Darauf lagen unsere frischen Gewänder. Phyria machte eine einladende Bewegung. Ich ließ Anordil den Vortritt.

Mit Argusaugen wachte ich darüber, dass Phyria nur ihre Pflicht tat und Anordil einölte, nichts weiter. Beinahe neidvoll verfolgte ich die schlanken kundigen Hände, die über seine Haut strichen. Dann war sie fertig. Er zog sich diskret die Gewänder über, bevor er sich entspannt auf die Liege an der Wand legte, eine Hand aufstützte. Lächelnd sah er dabei zu, wie Phyria die Prozedur an mir wiederholte. Frisch gebadet und geölt begaben wir anschließend in unser Gemach. Erschöpft und glücklich fiel ich auf das Bett. Beinahe augenblicklich schlief ich ein.

Ich erwachte erst, als es an der Tür klopfte. Anordil saß vor einem der Fenster. Crisai trat ein. "Ich wurde geschickt, euch zum Mahl zu geleiten", sagte sie leise. Ihre Wangen wurden feuerrot, als sie Anordil ansah. Bei Cernunnos Hörnern, dachte ich bei mir, da haben wir wohl zuviel Lärm gemacht. Diskret zog sie sich vor die Tür zurück. Mit einem Seufzer erhob ich mich und strich mein Gewand glatt. "Es ist nicht nötig zu erröten", flüsterte Anordil mir zu, als er neben mich trat, "wir haben den Bund geschlossen." "Ich hatte vergessen, wie hellhörig die Häuser in Mittelerde sind", erwiderte ich zerknirscht, "sonst wäre ich leiser gewesen. – Was mögen sie nur denken?"

Anordil lachte leise. "Das sie enttäuscht sind, jenes Vergnügen nicht mit uns geteilt zu haben", erwiderte er vergnügt, "nun sollten wir eilen, damit die Gastgeberin nicht länger auf uns warten muss." Seine Worte trieben mir erneut die Röte ins Gesicht. Sein sanfter Kuss gab mir meine Selbstbeherrschung wieder. Als wäre nichts geschehen, traten wir vor die Türe, wo Crisai wartete. Sie führte uns zu dem Brunnenhof, den wir bei unsere Ankunft gesehen hatten. An der Seite, die zum vierstöckigen Gebäude hin lag, standen einige niedrige Tische mit Liegen davor. Die Dunkelheit brach bereits herein und Fackeln erhellten das Atrium.

Nellima, unsere Gastgeberin, erwartete uns. Sie trug nun ein Gewand aus weißer, in Blau- und Grüntönen bestickter Seide, welche von einer geflochtenen Kordel und den Chrysanthemenspangen gehalten wurde. Ihr Haar war sorgfältig zu einer komplizierten Frisur geflochten. "Bitte nehmt Platz", lud sie uns ein und wies zu den Tischen. Wie ich es aus der römischen Kaiserzeit kannte, drapierte ich mich auf eine der Liegen. Anordil nahm die Liege zu meiner Linken und Nellima die uns gegenüber stehende. Sobald wir unsere Plätze eingenommen hatten, trugen Sklaven mit Speisen beladene Platten herein und stellten sie auf den Tischen vor uns ab. Kelche mit Wein wurden gereicht. Es gab frische Muscheln, marinierte kleine Fische und in Essig eingelegtes Gemüse, Geflügelpastetchen, eine Art Carpaccio aus Wildrind- und Wildschweinlende, sowie gebackene Purpurschnecken. Es folgten gebratene Fische, ein Entenfrikassee, und geröstetes Geflügel. Zum Dessert wurden Obst, verschiedenes Backwerk und süße Pastetchen aufgetischt.

Nellima unterhielt uns während des Mahles mit Wissenswertem aus Mirëdor. "Mirëdor ist zurzeit aufgewühlt", erklärte sie zwischen zwei Bissen, "politisch ist einiges im Umbruch. Ihr tut gut daran euch daraus heraus zu halten. – Vor zwanzig Tagen kam ein Bote aus Caras Gollorod, der von einem Anschlag auf Fürst Quentirios und seine Familie berichtete. - Schrecklich. So viele Tote. - Dabei war der Fürst als äußerst gerecht bekannt und das Volk schien ihn wohl auch zu mögen. Es bleibt zu vermuten, dass er einer Intrige zum Opfer fiel."

Sie nahm sich ein weiteres Häppchen von den Platten. Anordil und ich sahen uns bedeutungsvoll an. Anscheinend war noch nicht bekannt, dass Taleron den Anschlag überlebte und die Aufständischen niedergerungen hatte. "Leider sind Intrigen momentan nichts Ungewöhnliches", fuhr Nellima resignierend fort, "an allen Ecken des politischen Geflechtes brodelt es. Jede einflussreiche Familie versucht noch mehr Macht zu erhalten. Wer dabei im Weg steht kann durchaus überrollt werden. – Ich gebe euch den guten Rat, euch aus allen politischen Aktivitäten herauszuhalten."

Anordil lächelte sie gewinnend an. "Da müssen wir euch leider enttäuschen, edle Nellima", erwiderte er mit einem leicht belustigten Unterton, "bereits vor kurzem wurden wir in die politischen Ereignisse hineingezogen." Überrascht blickte Nellima auf. "Erzählt bitte, werter Herr Anordil", forderte sie ihn auf.

Abwechselnd erzählten wir von den Begebenheiten an Talerons Hof. Neugierig sog sie jedes Wort in sich hinein. Es war wahrscheinlich, dass sie ihrer Herrin darüber Bericht erstatten würde. "Dies ist nicht der einzige Fürstenhof, der es mit Aufständischen zu tun hat", warf Nellima zum Schluss ein, "mir kam ein ähnlicher Fall aus Araphor zu Ohren. Dort hatte man nicht so viel Glück. Meine Herrin ist zum Rat der Alten unterwegs, wo die Erbfolge geklärt werden soll. – Wenn ich euch einen Rat geben darf, Herr Anordil – haltet euch möglichst von hier aus nach Lótor. Dies ist ein kleinerer Handelsposten, von dem regelmäßig Boote nach Ostelor fahren."

Anordil blickte sie neugierig an. "Lótor liegt doch noch weiter südlicher", entgegnete er, "wir hatten eigentlich vor auf direktem Wege nach Ostelor zu reisen." Sie nickte verstehend. "Araphor ist die Befestigung eines der kleinen Fürstentümer direkt am Meer", erläuterte sie, "die Aufständischen werden den Handelsweg, der von dort entlang der Küste nach Ostelor führt kontrollieren. Bis sich die Situation wieder beruhigt hat, sollte man lieber einen Bogen um diese Route machen. Ich bitte euch daher, - wenn ihr nicht noch weiter in die politischen Machtkämpfe hineingezogen werden wollt, so folgt meinem Rat und nehmt einen Umweg in Kauf."

Ihre Worte klangen einleuchtend. "Wir werden euren Rat annehmen", erwiderte Anordil, "uns steht nicht der Sinn nach noch mehr Politik." Wir redeten lange an diesem Abend und es wurde spät, bevor wir unser Gemach aufsuchten. Nellima war neugierig, was die derzeitige Situation im Süden betraf. Aus ihren Reden hörte man, dass sie eine kluge Politikerin abgegeben hätte, wäre sie nicht eine ehemalige Sklavin.

Wir erwachten früh in der Morgendämmerung. Crisai brachte uns unsere gereinigten Reisegewänder sowie ein spartanisches Frühstück aus frischem Brot, Honig und dattelähnlichen Früchten. Dazu ein mit Wasser verdünnter Wein. Anschließend nahmen wir unsere Waffen und das Gepäck. Der Hof lag ruhig da. Nur wenige Bedienstete und Sklaven waren zu sehen. Im Stall bemerkten wir, dass nun sämtliche Boxen belegt waren. Unsere beiden Pferde begrüßten uns schnaubend. Wir sattelten sie rasch auf und führten sie hinaus. Am Tor wartete Nellima auf uns. Wir hatten nicht damit gerechnet, sie so früh auf den Beinen zu sehen. Crisai stand zwei Schritte hinter ihr und hatte ein Bündel in der Hand.

Nellima gab ihr einen Wink, worauf Crisai uns das Bündel reichte. "In diesem Bündeln ist ein wenig Proviant", erklärte Nellima, als wir es annahmen, "etwas Brot, getrocknete Früchte, Dörrfleisch, Salz und ein kleiner Schlauch Wein. – Damit dürftet ihr die halbe Strecke ohne große Unterbrechung zurücklegen können." "Vielen Dank für eure Gastfreundschaft, Herrin Nellima", sagte Anordil, "die Valar mögen ihre Hand schützend über diesen Hof und über euch halten." Nellima errötete leicht. "Ich bin keine Herrin", erwiderte sie, "ich bin nur Nellima."

"Wie ich es euch gestern gesagt habe", verabschiedete uns Nellima, "haltet euch nach Lótor. Dort könnt ihr gefahrlos ein Floss oder kleineres Boot nach Ostelor nehmen. – Ich wünsche euch eine angenehme Reise." "Wir danken dir für deinen Rat", entgegnete Anordil, während wir aufsaßen. Dann lenkten wir die Pferde aus dem Hof hinaus und verfielen in leichten Trab.

Ihrem Rat folgend wandten wir uns nach Süden Richtung Lótor. Unsere Reise verlief, dank Nellimas Ratschlag, überwiegend ereignislos. Darüber war ich nicht böse. Die Verstrickungen in Mirëdor hatten mir fürs erste gelangt. Nach zehn Tagen erreichten wir am frühen Nachmittag Lótor. Diese Ansiedelung entpuppte sich als ein kleineres, malerisches Flussstädtchen. Die Häuser waren aus Lehm gebaut und mit Stroh gedeckt. Rege Betriebsamkeit herrschte vor allem an den kleinen Anlegestellen zur Flussseite hin. Auf den Feldern, die der Stadt vorgelagert waren, konnten wir arbeitende Menschen erkennen. Durch das Stadttor gingen die Leute ein und aus, wie bei einem Bienenstock. Bauer, Fischer, Knecht, Magd und Bürger.

Misstrauisch wurden wir von der Stadtwache beäugt, als wir durch das hölzerne Stadttor ritten, welches die niedrige Palisade unterbrach. Vier Männer in einer weitestgehend gleichen Gewandung aus Lederrüstung, dunkelbrauner Hose und Stiefeln, bewaffnet mit Schwert und Speer. Ihre Helme lagen achtlos neben ihnen auf dem Sims zur Wachstube. Ihre Blicke verfolgten uns. Teils ängstlich, teils ablehnend, jedoch hielten sie uns nicht auf. Gemächlich lenkten wir unsere Pferde durch die Gassen. In der Mitte des Städtchens gab es tatsächlich einen größeren Platz, an dem sogar das wohl einzige Gasthaus in Lótor zu finden war. Auf dem Rund selber hatten Bauern, Fischer, Handwerker und Händler ihre Stände aufgebaut. Lautstark priesen sie ihre Waren an. Von manchen ernteten wir einen merkwürdigen Blick.

Wir taten, als ob wir es nicht sahen und hielten auf das Gasthaus zu. Ein kleines, gedrungenes Gebäude. Nach hinten langgestreckt mit einem eigenen Stall. Elegant saßen wir ab und ließen unsere Pferde vor dem Eingang stehen. Sie würden sich keinen Inch bewegen, wenn wir es ihnen nicht gestatteten. Aus dem Gasthaus schallte uns Lärm entgegen. Als wir die Türe öffneten, wussten wir auch warum. Trotz der mittäglichen Stunde war der Schankraum gut gefüllt. An allen Tischen wurde gebechert und gegessen. Vier Mägde, offensichtlich Sklavinnen, wie man an ihren Armspangen sah, hatten alle Hände voll zu tun, die Gäste zu bewirten. Bei einer war das Gewand verrutscht, so dass die Brandzeichnung an ihrer Schulter deutlich hervortrat. Es roch säuerlich nach verschüttetem Bier. In einem großen Kessel über der Feuerstelle an der gegenüberliegenden Wand simmerte ein Fischtopf vor sich hin. Jedenfalls war der Geruch nach Fisch durchdringend.

Anordil ging bis zum Tresen. Der Wirt dahinter war ein feister Mann mit kleinen Schweinsäuglein, der mich begehrlich musterte. Offensichtlich war er ein Pel. Sein kaftanähnliches Gewand, welches bereits von Bier-, Fett- und Schweißflecken geziert wurde, spannte sich bedenklich über seinen Wanst. Anordil verdeckte mich halb, aber anscheinend reichte das, was der Wirt sah, um ihn beinahe geifernd starren zu lassen. Es schüttelte mich innerlich. Die dicken Lippen verzogen sich zu einem halbwegs freundlichen Grinsen, als Anordil ihn ansprach.

"Guter Mann", sagte Anordil mit einem gewinnenden Lächeln, "wir suchen ein Schiff oder Boot, dass Passagiere nach Ostelor mitnimmt." Der Wirt musterte ihn ein weiteres Mal von oben bis unten. "Ich bin kein Barde", brummte er unfreundlich, "wenn ihr Auskunft sucht, so versucht euer Glück auf dem Markt." Anordils Augen nahmen einen kalten Glanz an.

Der Wirt ließ seine Schweinsäuglein über mich gleiten. "Andererseits", schnurrte er, "könnte ich es mir überlegen. – Natürlich gegen entsprechende Bezahlung." Gierig verschlang er mich mit dem Blick. "Ihr versteht, was ich meine", geiferte er verschwörerisch. Einen Sekundenbruchteil später hatte er Anordils Dolch an der Kehle. Es wurde schlagartig still im Schankraum. "Wagt es nicht euch meiner Gemahlin zu nähern", zischte Anordil mit klirrender Stimme, "ihr könntet es bitter bereuen. – Ihr wisst, was ich meine?" Erschrocken sah der Wirt ihn an. Er schluckte heftig und nickte.

Anordil zog seinen Dolch ein wenig zurück. Der Wirt räusperte sich. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Fahrig griff er nach einem der Krüge und begann ihn zu füllen. "Fragt auf dem Markt", sagte er abweisend mit zittriger Stimme. Anordil sah mich an. Ich bedeutete ihm, dass ich genug hatte. Mir war der Appetit auf eine warme Mahlzeit gründlich vergangen.

Ohne ein Wort zu sagen, steckte er den Dolch in die Scheide. Dann drehte er sich um und ging hinaus. Ich folgte ihm unverzüglich. Hinter uns brandeten die Gespräche wieder auf. Die Gäste, die ihre Mahlzeit dort einnahmen, beugten sich tief über ihre Näpfe und wichen unseren Blicken aus.

"Die Bevölkerung ist nicht gerade freundlich", kommentierte Anordil auf Sindarin, während er Hithus Zügel ergriff. Alagos schnaubte leicht in meine Hand. "Sie haben nur Angst, Herr", hörten wir eine leise Stimme vom Gasthaus. Aus dem Schatten des Durchganges, der zum Stall hinter dem Gebäude führte, trat eine zarte schmale Gestalt, die in ein dunkelgraues einfaches Kleid gehüllt war. Die Haare der Frau wurden von einem grauen Kopftuch verborgen. Einzelne nussbraune Strähnen ringelten sich widerspenstig hervor. Klare, grüne Augen blickten uns ohne Furcht an. Ihre helle Haut war verschmutzt. Russ und andere Substanzen hatten Flecken hinterlassen. An manchen Stellen schimmerte es bläulich. Zwei rote Striemen endeten kurz über der Armspange, die ihren Sklavenstatus verriet.

Die Frau verneigte sich ehrerbietig. Die Eleganz ihrer Bewegung und die Tatsache, dass sie Sindarin gesprochen hatte, bestätigten die Vermutung, dass sie aus gutem Hause stammen musste. Offensichtlich eine Frau aus dem Norden. "Chen suilon", grüßte sie höflich, "es ist lange her, dass ich mich der Sprache der Erstgeborenen bediente. Verzeiht meine Fehler." "Gen suilon, Adaneth", erwiderte Anordil, "man i eneth lîn – wie ist dein Name?" "Ich werde Reeda gerufen", sagte sie leise, als fürchte sie von den Männern im Gasthaus gehört zu werden.

Anordil und ich traten zu ihr heran. Sie ging ein Stückchen in den Gang hinein. Im Schutz der Schatten blieb sie stehen. "Ihr werdet hier kaum die Antwort finden, die ihr sucht", sagte sie rasch, "geht zu den Anlegestellen. Dort liegen mehrere Boote, die bald Ware nach Ostelor bringen. Manchmal nehmen sie auch Leute mit. Rufius Gunumba ist bekannt, dass er ab und zu Elben an Bord nimmt. Oder ihre Waren." "Hannon gen", erwiderte ich, "wie können wir euch bezahlen?"

Sie lächelte schwach. "Indem ihr rasch verschwindet und diese Botschaft mit auf eurem Wege nehmt", sagte sie und reichte uns ein kleines Pergament. "Für meinen Onkel in Pelargir", erläuterte sie, "wenn ihr diese Stadt durchwandern solltet, oder jemanden trefft, der dorthin zieht, so bringt es dem Händler Marbin Echemin. Vielleicht erinnert er sich an die Tochter seines Bruders."

Anordil nahm das Pergament. "Können wir noch etwas für euch tun", fragte er sanft. "Freikaufen", fragte sie mit einem sarkastischen Unterton. Dann schüttelte sie heftig den Kopf. "Von niemanden kann ich verlangen, das Gold zu bezahlen, was ich dem Wirt gekostet habe", sagte sie tonlos, "geht mit dem Segen der Valar und überbringt meiner Familie das Pergament, dass ist alles, um was ich bitten darf."

Anordil schaute sie durchdringend an. Sie schlug die Augen nieder. "Was wir tun können, werden wir tun", antwortete er. Behutsam schob er eine der Strähnen an die Seite, die über ihr Gesicht fielen. Laute Schritte erklangen vom Stall her. Hinter Reeda erschien der Wirt mit hochrotem Gesicht. Wütend blitzte er Anordil an, während er Reeda grob zu Boden stieß. Sie gab einen leisen Laut des Jammers von sich. Anordil wich zurück. Der Wirt hatte eine Peitsche in der Hand, um Anordil zu schlagen. Als er jedoch in dessen Augen blickte, ließ er augenblicklich den Arm sinken.

"Hände weg von meinem Besitz", knurrte der Wirt statt dessen, "soll sie zu Diensten sein, so müsst ihr vorher zahlen." "Wieviel", fragte Anordil eisig. Überrascht blickte ich ihn an. Er konnte doch nicht ... oder doch? In den Augen des Wirtes glitzerte die Gier. Er leckte sich über seine feisten Lippen, während der Angstschweiß die Stirn herunter tropfte. "Ein Goldstück", antwortete er rasch, "allerdings, wenn ihr mehr wollt, zwei Goldstücke und solltet ihr sie vorher züchtigen wollen, fünf Goldstücke."

Entsetzt und ungläubig starrte Reeda auf den Wirt. Es war offensichtlich, dass sie sich wohl sonst für einen wesentlich geringeren Preis hergeben musste. Wahrscheinlich schlug der Wirt diesmal den Elbenbonus auf. Ich versuchte meine Gesichtszüge zu kontrollieren, obwohl in mir der Ekel aufstieg. "Ich meinte den Kaufpreis", sagte Anordil seidenweich, "wieviel wollt ihr für diese Sklavin haben?" Der Wirt musterte uns und unsere Pferde. Anscheinend versuchte er herauszufinden, wieviel er von uns verlangen konnte. "Fünfzig Goldstücke", erwiderte er. Seine Finger krallten sich gierig in den Handgriff der Peitsche.

Reeda sah uns verzweifelt an. Mir wurde klar, dass diese Summe dem Vielfachen dessen entsprach, was der Wirt für sie gezahlt hatte. Sie war sich sicher, dass wir dies nicht zahlen würden. Doch Anordil zog einen Edelstein aus seinem Beutel. Das Sonnenlicht brach sich tiefdunkelrot in ihm. Lässig warf er ihn dem Wirt hin. Dieser war jedoch nicht geschickt genug, um ihn aufzufangen. Mit einem satten Plopp landete der Stein in der weichen Erde.

"Dieser Stein dürfte mehr wert sein als fünfzig Goldmünzen", sagte Anordil kalt, "geht und lasst ihn schätzen. Dann setzt den Kaufvertrag auf. – Wir werden warten." Damit wandte er sich Hithu zu. Mit offenem Mund starrte der Wirt ihn an. Dann sah er zu dem Edelstein hinunter, den er fassungslos aufhob. Hastig wischte er ihn sauber. Nach etlichen Minuten fiel ihm ein, dass er den Schreiber aufsuchen musste. "Reeda, in die Schänke", befahl er ihr hart, "noch bist du meine Sklavin. - Tue deine Pflicht." Rasch erhob sich Reeda und eilte in den Schankraum zurück.

Der Wirt entfernte sich geschwind. Er schien Angst zu haben, dass Anordil es sich noch einmal anders überlegen könnte. Als er in einer der Gassen verschwand, ging ich auf Anordil zu. Alagos stubbste mich sanft an und blies mir seinen warmen Atem ins Genick.

"Bist du sicher, dass wir sie mitnehmen sollen", fragte ich Anordil leise auf Sindarin, "ich mag zwar den Gedanken auch nicht, dass man Menschen zu Sklaven macht, aber wäre es nicht besser gewesen, wir hätten nur das Pergament genommen? Ihre Familie hätte den Preis ebenfalls gezahlt. Und höchstwahrscheinlich sogar weniger." Anordil drehte sich zu mir um. Seine Augen hatten sich verdüstert.

"Du hättest Recht, wenn sie das direkte Kind wäre", antwortete er mir, "doch sie sagte, sie habe einen Onkel in Pelargir. Wenn ihre Eltern nicht mehr leben, so ist sie alleine, selbst wenn sie Verwandte besitzt. Womöglich ist sie ein Kind unter vielen. Sie wird nicht vermisst. Eher das Gegenteil. – Hätten wir vorhin nur das Pergament genommen, so würde sie in der Sklaverei verbleiben bis zu ihrem Tode. Sie sagte zwar ihr Onkel sei Händler – aber was glaubst du? Würde er für eine von vielleicht vielen Nichten bereit sein Gold zu zahlen? Zumal sie für ihn dann wertlos ist? – Bedenke, wir sind in Mittelerde."

Nachdenklich sah ich ihn an. Er mochte Recht haben. Reeda war an ihrer Brandmarke als Sklavin zu erkennen, selbst wenn sie die Armspange ablegte. Für die Belange oder eher Heiratspolitik ihrer Familie würde sie nicht mehr in Frage kommen. Wer wollte schon eine ehemalige Sklavin zur Gemahlin? Vielleicht war es wirklich besser, dass wir sie freikauften. So konnten wir ihr zumindest weiteres Leid ersparen.

Nach einer Weile erschien der Wirt auf der anderen Seite des Marktes. Im Schlepptau einen hageren Mann mit sorgfältig gestutztem schwarzen Bärtchen, dessen ebenfalls schwarzen Haare arg kahl waren. Seine fliehende Stirn und die graue Hautfarbe wiesen ihn als Adena aus. Seine Gewänder waren schlicht Schwarz. Einzig auf der Robe sah man das Symbol der Schreibergilde eingestickt.

"Der Schätzer hat den Wert bestätigt", kam der Wirt auf den Punkt ohne allerdings den wahren Wert zu nennen, "Marlus Jaganis, unser Dorfschreiber, hat bereits den Vertrag aufgesetzt." Unwirsch fuchtelte er Jaganis vor der Nase herum. Dieser verbeugte sich ehrerbietig vor Anordil und reichte diesem ein Pergament. "Werter Elbenherr", sagte er, "dies ist ein Kaufvertrag, wie er für den Handel mit Sklaven üblich ist. Bitte, lest ihn, ob ihr damit einverstanden seid." Anordil nahm wortlos das Pergament und überflog es. Dann nickte er.

"Ich bin einverstanden", erwiderte er, "einzig, dieser Satz – gekauft, wie gesehen – muss geändert werden. – Es soll dort stehen – gekauft, in gutem Zustand, sauber und gewaschen, ausgestattet mit einem sauberen Gewand." Der Schreiber sah zu dem Wirt. "Ändert es", wies er ihn zögernd an, "ich werde mich darum kümmern." Rasch verschwand er im Inneren des Gasthauses. Lautes Geschrei drang heraus. Dazwischen die keifende Stimme des Wirtes.

Jaganis hockte sich auf die Stufen zum Gasthaus und zog sein Schreibbrett vom Rücken. Aus einem kleinen Kästchen nahm er eine Muschel. Vorsichtig schabte er die Tinte vom Pergament, um den neuen Satz einzubauen. Dann zog er ein Tintenfäßchen und einen Federkiel hervor. Sorgfältig fügte er die Änderung hinein. Anschließend reichte er das Pergament Anordil. Erneut las er es, bevor er zufrieden nickte. Er nahm den Federkiel, tauchte ihn in die Tinte und unterschrieb. Jaganis unterschrieb ebenfalls. Dann trocknete er die Tinte. Pedantisch rollte er das Pergament zusammen und verknotete es mit einer Kordel. Dasselbe wiederholte sich mit einem zweiten Pergament. Schließlich räumte er seine Schreibutensilien weg. Mit einer Verbeugung zog er sich ein paar Schritte zurück.

"Wir werden noch eine Weile hier warten müssen", sagte Anordil leise auf Bethteur zu mir. Die barsche Stimme des Wirtes war bis hier draußen zu hören. "Ich werde ein paar Dinge einkaufen gehen", erwiderte ich, "er wird ihr nicht mehr als ein einigermaßen sauberes Gewand zugestehen. Das ist zuwenig für die Reise." Anordil nickte. Ich bedeutete Alagos stehen zu bleiben und wandte mich dem Marktplatz zu.

Von dort hatte man uns bereits einige Male mit neugierigen Blicken gestreift. Ohne diese zu beachten, schlenderte ich an den Ständen vorbei. Hier und da blieb ich stehen. Es dauerte nicht lange, bis ich die Dinge zusammen hatte, die ich suchte.

Als ich zum Gasthaus zurückkam, wartete Anordil mit unendlicher Geduld, während der Schreiber allmählich unruhig wurde. Endlich erschien der Wirt. Hart zerrte er Reeda hinter sich her, die er schließlich die Treppe hinunter stieß, so dass sie zu Anordils Füßen landete. Sie trug nun ein dunkelblaues Gewand. Es war an etlichen Stellen geflickt, aber sauber. Ihr Haar hatte sie unter einem ebenfalls sauberen blauen Kopftuch versteckt. Die Haut an ihren Armen und im Gesicht schimmerte rötlich vom hastigen Schrubben. Deutlich sah man nun die blauen Flecke und Striemen.

"Nehmt die Ware in Augenschein, Herr Elb", sagte der Wirt ungeduldig, "und dann gebt das Pergament." Langsam umrundete Anordil Reeda. Mit gesenkten Augen stand sie dort. Es war ihr unangenehm, dass konnte ich spüren. Doch es war notwendig, um den Kaufvertrag zu bekräftigen. Nach unendlichen Minuten nickte Anordil. "Es ist in Ordnung", sprach er, "Schreiber, übergebt den Vertrag."

Jaganis trat vor und reichte dem Wirt und Anordil je eines der Pergamente. Ohne Regung nahm Anordil es entgegen. Dann drehte er sich um und nahm die Zügel von Hithu. Den Wirt beachtete er nicht mehr. "Komme mit, Reeda", wies er die junge Frau an. "Ja, Herr", erwiderte sie leise, bevor sie hinter uns her kam. Ihre Stimme schwankte zwischen Dankbarkeit und Resignation.

Wir schritten zum Stadttor hinaus. Begleitet von den teils misstrauischen, teils ängstlichen Blicken der Menschen. Dessen ungeachtet gingen wir zu den Anlegestegen hinunter, die in den Fluss hinein ragten. Kleinere und größere Boote dümpelten vor sich hin. Trotzdem sich die Sonne bereits dem Horizont entgegen neigte, herrschte noch rege Betriebsamkeit.

"Welches ist das Boot des Rufius Gunumba", fragte Anordil Reeda. Sie sah sich kurz suchend um. "Dort hinten", sagte sie und deutete auf ein größeres Boot am Ende des einen Anlegestegs. Es war ein Einmaster, dessen Segel man sorgfältig zusammengerollt hatte. Man konnte es durchaus als kleines Schiff bezeichnen.

Männer, deren Lenden einzig mit einer Bruche verhüllt waren, trugen Kisten und Fässer auf das Deck. Ihre durch Wind, Wasser und Sonne dunkelbraun gefärbten Leiber glänzten schweißig in der Sonne. Manche von ihnen hatten ein Stück Stoff um ihren Kopf gewickelt, um den Schweiß davon abzuhalten in ihre Augen zu rinnen.

Vorne am Bug stand ein hochgewachsener Sederi, der in ein Gespräch mit einem reich gekleideten, hochmütig wirkenden Adena vertieft war. "Dies ist Rufius Gunumba", erklärte Reeda, "er ist Eigner des Schiffes. Neben ihm steht Arunis Jaganis, Tuchhändler und Bruder des Dorfschreibers."

Wir gaben den Pferden das Zeichen stehen zu bleiben. Dann betraten wir den Steg und bahnten uns einen Weg nach vorne. Dabei konnten wir den Sederi näher in Augenschein nehmen. Stolz stand er breitbeinig mit bloßen Füßen auf den Planken seines Schiffes. Auf seinem nackten Oberkörper waren deutlich Narben zu erkennen. Sie zeugten von den Kämpfen, die er bereits ausgefochten hatte. An seinen Schläfen konnte ich die typische Stammestätowierung erkennen. Seine Augen blickten wachsam und verrieten eine hohe Intelligenz. Graue Strähnen durchzogen seine kurz gelockten drahtigen Haare. Um seine Hüften war ein buntes Tuch in Blautönen, die ein kompliziertes Muster bildeten, geschlungen.

Sein Gesprächspartner war offensichtlich der Bruder des Schreibers. Jedenfalls war die Ähnlichkeit nicht zu leugnen. Allerdings schien dieser hier einen anderen Charakter als sein schreibender Bruder zu besitzen. In seinem Blick war Verschlagenheit. Seine Gestik war hart und fordernd. Er redete in einem befehlsgewohnten Ton auf den Sederi ein. Dieser antwortete ihm ruhig und gelassen. Sie sprachen einen Dialekt, den wir nicht verstanden. Zumindest nicht so weit, dass wir dem Gespräch hätten folgen können.

Zumal sie verstummten, als wir vor der Planke stehenblieben, über die man das Schiff betreten konnte. Männer eilten schwerbeladen an uns vorbei. Der Sederi verbeugte sich leicht bei unserem Anblick. Er sah kurz fragend zu Reeda. "Sie suchen eine Passage nach Ostelor, Herr", erwiderte sie. Mit einem kurzen barschen Satz fertigte der Sederi den Händler ab. Jaganis Wangen färbten sich rötlich. Es war nicht schwer zu erraten, dass er nicht erbaut über die Worte schien. Mit einem wütenden Seitenblick stapfte er an uns vorbei.

"Tolo am i chair - kommt an Bord", forderte uns Gunumba in Sindarin mit einer einladenden Handbewegung auf, "Elben sind immer gern gesehen unter meinem Segel. Seid mir willkommen." "Vielen Dank für euren freundlichen Empfang", erwiderte Anordil und schritt elegant über die Planke. Ich folgte ihm ohne zu Zögern. Reeda blieb unschlüssig stehen. Mit einem Wink gab ich ihr zu verstehen, dass sie ebenfalls an Bord kommen sollte.

Gunumba wies mit einer Hand auf ein paar Kissen, die zu seinen Füßen lagen. Daneben dampfte eine Kanne auf einem kleinen Kohlebecken. Der aromatische Duft nach frischem Minzetee breitete sich aus. Wir nahmen Platz. Reeda hielt sich diskret im Hintergrund. "Ihr sucht ein Schiff, das nach Ostelor segelt", fragte Gunumba, während einer seiner Leute rasch Becher mit heißem Tee füllte und vor uns abstellte.

"Ja", entgegnete Anordil, als er den Becher entgegennahm, "es zieht uns zurück in den Norden. Wieviel verlangt ihr für die Passage?" Gunumba musterte ihn. "Für euch und die Pferde", fragte er neugierig. "Ohne die Pferde", sagte Anordil, "nur meine Gefährtin, Reeda und mich." Gunumbas Augen glitzerten erfreut. "So habt ihr sie gekauft", stellte er die nächste Frage und wies mit dem Kopf zu Reeda hinüber.

"Sobald wir an Bord eines Schiffes nach Pelargir sind", sprach Anordil, "werden wir sie freilassen. Bis dahin ist es besser, wenn sie den Sklavenring weiter trägt. Die Länder des Südens sind zu unruhig." Bestätigend nickte Gunumba, bevor er seinen Tee schlürfte. "Die Passage ist umsonst", sagte er nach einigen Minuten, "Wasser gibt es genug. Nur für die Verpflegung müsst ihr selber sorgen. Ich warte noch auf eine Lieferung von Ware aus dem Taur Galen. Sie sollte in den nächsten drei Tagen eintreffen. Am Morgen des vierten Tages werden wir in der Dämmerung ablegen. – Ihr solltet bereits am Abend an Bord kommen." "Wir sind einverstanden und nehmen eure freundliche Einladung gerne an", erwiderte Anordil erfreut.

Wir leerten noch höflich unsere Becher, bevor wir uns erhoben und von Bord gingen. Nun hatten wir ein paar Tage Zeit zum Ausruhen. Allerdings beabsichtigten wir nicht, dies innerhalb Lótors zu tun. Wir lenkten die Pferde ein Stückchen flussaufwärts, bis wir genug Abstand zu der Ansiedelung hatten. Dort schlugen wir ein provisorisches Lager auf. Die Ruhe tat uns gut. Vor allem Reeda.

Am zweiten Abend saßen wir am Feuer. Der Himmel über uns war übersät mit Sternen. "Wie bist du hier in den Süden geraten, Reeda", fragte ich sie, während sie mit geschickten Händen die gefangenen Fische ausnahm. Auf einem der heißen Steine rund um das Feuer buken bereits Teigfladen. Ich schälte ein paar Rüben, die wir roh dazu essen würden. Reeda seufzte auf.

"Meine Familie gehört zur Händlergilde von Pelargir", begann sie nach einigen Minuten, "mein Vater starb vor ein paar Sonnenläufen, als er Ware aus Ostelor holte. Piraten überfielen das Schiff. Es gelang ihnen jedoch nicht es zu kapern. Etliche Seeleute wurden dabei getötet. Meine Mutter hat die Nachricht nicht verkraftet. Sie tötete sich selber, kaum dass die Trauerzeit vorüber war. Mit einem Mal standen meine beiden Schwestern, meine drei Brüder und ich alleine da. Mein Onkel, der Bruder unseres Vaters, nahm uns auf, obwohl er eigene Kinder hat. Er versprach gut für uns zu sorgen. Das tat er auch. Mein ältester Bruder heiratete Kusine Reniala. Meine ältere Schwester wurde in eine Händlerfamilie nach Linhír vermählt. Mein älterer Bruder Danhark schickte er nach Mecrast in die Lehre zu einem befreundeten Händler. Mein jüngster Bruder fand, Dank meines Onkels, Aufnahme in der Gilde der Gelehrten."

Sie stockte einen Moment. "Ich war auf dem Weg zu meiner eigenen Vermählung", fuhr sie fort, "mein Onkel hatte mich mit dem jüngsten Sohn einer Händlerfamilie aus Dol Amroth verbunden. Unser Schiff geriet in einen Sturm auf der Höhe von Mecrast. Wir wurden abgetrieben nach Süden. Nachdem sich das Wetter gelegt hatte fanden wir uns auf dem offenen Meer. Piraten aus Umbar kaperten gegen Abend das Schiff. Sie trafen die Mannschaft unvorbereitet, da sie noch damit beschäftigt waren die Sturmschäden auszubessern. Viele wurden getötet. Diejenigen, welche den Angriff überlebten, wurden zusammengepfercht. In Umbar trennte man uns nach Geschlechtern. Zwei Tage später wurde ich das erste Mal verkauft."

Ihre Hand berührte das Brandzeichen an ihrer Schulter. "Dies war vor sechs Sonnenläufen", sagte sie leise, "ich geriet immer weiter in den Süden. Meine Herrn wurden meiner schnell überdrüssig. So wurde ich in rascher Folge verkauft oder verschenkt. Einer verlor mich gar beim Spiel. Der vorletzte tauschte mich gegen eine Schiffspassage nach Ró-molló. Der Händler verkaufte mich dann an den Wirt für zwei Goldstücke. Seit nahezu einem Sonnenlauf war ich seine Sklavin."

Ekel schüttelte sie. Beruhigend legte ich meine Hand auf ihren Arm. "Du brauchst dich nun nicht mehr zu fürchten", sprach ich, "wir werden dich freilassen, sobald wir in Ostelor sind. Als freie Frau sollst du Pelargir betreten." Dankbar sah sie mich an. "Ich weiß gar nicht, wie ich euch danken soll", erwiderte sie. In ihren Augen schimmerten Tränen. "Du brauchst uns nicht zu danken", warf Anordil ein, der aus den Schatten an das Feuer trat, "Gold ist uns nicht wichtig." Er ließ sich nieder und stibitzte ein Stück von dem mittlerweile fertig gegarten Fisch.

Der Abend wurde noch heiter. Es war schön zu sehen, wie Reeda sich allmählich wieder als ein Mensch fühlte und nicht nur wie ein Stück Ware.

Am nächsten Tag packten wir unsere Sachen zusammen. Leider bedeutete dies auch, dass wir uns von den Pferden trennen mussten. Sie hatten uns treu und brav bis hierhin geleitet. Vor den Toren der Stadt ließen wir Hithu und Alagos frei. Sie würden ihren Weg zurück in Talerons Stall sicher finden, da hatte ich keine Bedenken. Ich bedauerte nur, dass ich diese prächtigen Tiere aus unserer Obhut gehen lassen musste.

Gegen Abend gingen wir dann an Bord. Die Nacht verlief ruhig und wir konnten uns an das leichte Schaukeln gewöhnen. Früh in der Dämmerung legten wir ab. Gunumba nutzte den aufkommenden Morgenwind um Geschwindigkeit aufzunehmen. Rasch glitt das Schiff durch die leichten Wellen.

- 15 -