38. Am Leben
Beim Abendessen fehlten einige: Snape, Jim und Jules, die wohl noch mit dem Trank beschäftigt waren, natürlich Claire über deren Fehlen durch Pansys Erzählungen eigenartige Gerüchte kursierten, Draco Malfoy, Minerva McGonagall, die als Claires Hauslehrerin auf der Krankenstation weilte und Remus Lupin, der es als ihr Pate wohl auch nicht aushielt nichts tun zu können.
Später im Aufenthaltsraum war es auffallend ruhig. Die Unruhe von Harry, Ron, Hermine und Ginny übertrug sich auf die anderen Schüler, aber sie waren so rücksichtsvoll sie nicht mit Fragen zu löchern.
„Also, jetzt müssten sie doch mit dem Trank schon fertig sein. Ich werde jetzt nicht mehr warten, sondern raufgehen und nachfragen." Hermine war entschlossen aufgestanden und obwohl es bereits 23 Uhr war, dachte sie nicht an das Verbot sich zu dieser Zeit nicht mehr auf den Gängen herumzutreiben.
„Ich komme mit" hörte man von Harry und Ginny als einstimmige Antwort.
Doch in diesem Moment öffnete sich das Porträtloch und herein kamen Jim und Jules.
Sofort wurden sie mit Fragen bestürmt: „Wie geht es ihr? Wo wart ihr so lange?"
Jim seufzte und meine: „Nu mal halblang: ja, sie wird es überleben. Und mehr wissen wir auch nicht. Snape hat uns ziemlich getriezt, nichts hat ihm gepasst was wir geschnitten haben. Aber dafür hat der Trank dann auch gewirkt. Sie ist kurz zu sich gekommen, hat aber scheinbar selbst keine Ahnung, was eigentlich passiert ist."
Jules setzte fort: „Als sie erfahren hat, was Draco gesehen hat, wurde sie ganz bleich und wäre fast wieder ohnmächtig geworden. Dann hat sie einfach nur zu weinen begonnen und sich nicht mehr beruhigt. Uns haben sie jetzt mal fortgeschickt."
„Und ich bin todmüde. Claire ist in guten Händen. Und wenn Lee bei ihr ist, sind wir sowieso zweite. Also macht euch keine Sorgen und geht auch ins Bett." Jim trat zu Hermine und umarmte sie. „Sei mir nicht böse, dass ich heute keine Zeit für dich hatte. Aber ich war ziemlich geschockt über das, was heute passiert ist. Ich hatte nicht gedacht, dass meine Cousine doch noch so schwach ist, dass ihr dergleichen passieren kann. Ich hielt sie für stärker."
Hermine löste sich ein wenig aus der Umarmung und sah ihm in die Augen. „Vielleicht hast du aber auch in letzter Zeit zu viel Zeit mit mir verbracht. Sonst wäre dir aufgefallen, dass sie die letzten Tage, ja Wochen fast nicht mehr gegessen hat. Und sie ist noch dünner, als zu Schulbeginn. Es geht ihr schon einige Zeit nicht gut, ich merke das an ihrer nächtlichen Abwesenheit. Ich glaube sie hat seit längerem nicht mehr geschlafen. Wie soll sie bei Kräften sein, wenn sie ihre Energien nicht mehr auftankt? Sie strahlt Angst aus. Und eine Müdigkeit, die sie nicht in den Griff bekommt. Das was heute geschehen ist, passt nur zu gut dazu. Sie scheint einfach des Lebens müde zu sein. Sie kämpft gegen alles an, wovon sie glaubt, man verlange es von ihr."
„Woher weißt du das alles? Ja, dass sie nichts isst und wohl wenig schläft hab ich auch mitbekommen. Und dass es ihr nicht wirklich gut geht. Aber ich dachte, ich hätte ein wenig mehr Gespür dafür, da ich Peaceley bin." Ginny die sich an Jules geschmiegt hatte starrte Hermine verwundert an.
„Ich weiß nicht. Ich dachte das sei einfach klar?" Hermine war verwirrt.
Harry hatte die beiden Mädchen aufmerksam gemustert. Ja, dass Ginny eine Peaceley war wussten sie nun ja schon, aber es musste etwas sein, das Hermine inne hatte, etwas, dass er nicht benennen konnte, noch nicht benennen konnte.
Sie begaben sich allesamt zu Bett. Und jeder für sich hing seinen Gedanken nach, die sich teils um Claire und ihre Verwundbarkeit, teils um die besonderen Fähigkeiten mancher Hexen drehten, die für andere ein Rätsel darstellten.
Ron, der sich immer mehr seiner besonderen Zuneigung Hermine gegenüber bewusst wurde grübelte über sie nach. Er würde ihr so gern näher kommen. Aber er wollte sich nicht zwischen sie und Jim drängen, dachte auch er hätte dabei kaum eine Chance. Er konnte auch Jim gut leiden, aber wenn er nicht da wäre, vielleicht wäre Hermine dann eher an ihm interessiert?
9. SichtwechselIch sitze an Claires Bett und halte ihre Hand. Seit Severus ihr den Trank verabreicht hat, geht es aufwärts mit ihr, aber nun da sie weiß, was passiert ist, ist sie verzweifelt. Sie zweifelt an sich, sie zweifelt an allem, auch daran ob ihr Leben überhaupt noch einen Sinn hätte.
Ich kenne ihre wirren Gedanken, manchmal, wenn wir uns ganz nah und vertraut waren hat sie dergleichen schon geäußert. Immer war ich sehr erschrocken, so wie ich es auch heute bin.
Ich kann es ihr nicht ausreden.
Und wie stets, fällt mir dabei ihre Aussage ein, die sie vor Jahren getätigt hat, als wir uns über ihren Vater unterhielten. Sie war damals 7 oder 8 gewesen, und ich hab sie gefragt, ob sie ihren Vater je treffen wolle. Da hat sie gemeint, „Ich glaube es wird wohl besser sein, ihn nicht zu sehen. Ma schämt sich wohl für mich. Ich bin es sicher nicht wert."
Miranda hat uns damals zufällig belauscht. Ich weiß noch wie erschrocken sie über Claires Worte gewesen ist. Sie hat versucht ihr die wahren Gründe zu erklären. Aber auch wenn sie sie verstanden hat, so ist ein Rest ihres Zweifels geblieben. Und dieser Zweifel sitzt tief.
Seitdem sie aus dem Koma vor vier Jahren wieder aufgewacht ist, und langsam ins Leben zurückgefunden hat, bemüht sie sich stark zu werden. Und sie möchte es allen recht machen. Und vergisst dabei oftmals auf das, was gut für sie selbst wäre. Nur manchmal hat sie es eine Zeit lang geschafft einfach zu leben. Bis sie wieder an dem Punkt angelangt ist, dass sie die Liebe eines Menschen nicht wert sei. Auch mich hat sie schon oft zurückgewiesen, und ich hab mir den Weg zu ihrem Herzen immer wieder aufs neue erkämpfen müssen. Ich würde sie so gern beschützen. Sie vor allem Unheil bewahren. Aber auch das lässt sie nur in beschränktem Maß zu.
Als sie sich vorhin wieder etwas gefangen hatte, hat sie sich mit schwacher Stimme bei Snape bedankt, dass er ihr das Leben gerettet habe. Der Trottel hat geantwortet, dass er als Tränkelehrer ja für diese Aufgabe zuständig sei. Ich hätte ihm am liebsten eine geknallt, damit er nicht so mit ihr spricht. Wieso kann er nicht ehrlich sein? Ich hab doch bemerkt, dass er es keineswegs als seine Pflicht angesehen hat, er hat sich scheinbar wirklich Sorgen gemacht. Und er weiß nicht, wer sie wirklich ist. Er weiß nur, dass sie Mirandas Tochter ist, und für diese scheint er noch einiges zu empfinden.
Ich bin schon drauf und dran ihm die Wahrheit zu sagen, aber ich fürchte, das würden die beiden, Mutter und Tochter nicht wollen. Aber wird er es je selbst herausfinden? Wird er es schaffen, sie wirklich zu bemerken?
Snape hat zu Claire gemeint sie müsse versuchen, ihre Wut in den Griff zu bekommen.
„Und wie?" waren ihre Worte gewesen.
Ich denke es wäre an der Zeit ihn aufzuklären. Ich bin mir sicher er könnte ihr helfen, wenn er nur wollte.
„Lee", eine sehr geschwächte Stimme drang an mein Ohr, „Bleibst du heute bei mir?"
„Wo sollte ich denn sonst hin gehen? Ich kann dich doch so nicht alleine lassen." und ich nahm sie behutsam in meine Arme und spürte wie ihre Tränen wieder zu fließen begannen. „Ja, wein du nur. Ich bin bei dir. Kleine Schwester ich hab dich lieb."
Am nächsten Morgen kam die Schulschwester zu Claire ans Bett und bat sie nach dem Frühstück aufzustehen.
„So meine Liebe und jetzt stellst du dich mal hier auf diese Waage. Ja, das muss sein, ich dulde diesmal keinen Widerspruch. Du kannst Zahlen lesen mein Kind? Dann sag mir, ob du dieses Gewicht für deine Größe als ausreichend empfindest?"
„Nicht wirklich, aber ich kann in letzter Zeit nichts essen, es schmeckt mir einfach nicht."
„Dann wirst du dich eben zum Essen zwingen müssen. Und schau nicht so ungläubig: ich werde dir das nicht allein zumuten. Ich habe bereits mit deiner Mutter und deiner Hauslehrerin Prof. McGonagall gesprochen: wir schicken dich aufs erste nach Hause. Du hast noch fast vier Wochen bis Weihnachten, in der Zeit wird deine Mutter auf dich aufpassen. Und ich hoffe dich nach den Weihnachtsferien erholt und mit halbwegs akzeptablem Gewicht wieder zu sehen."
Claire hatte sie mit offenem Mund angesehen, nun zog sich ein Grinsen über ihr Gesicht: „Heißt das ich bin solange von der Schule entschuldigt?"
„Ja das heißt es. McGonagall ist der Meinung, dass dir diese unterrichtsfreie Zeit auch gar nicht fehlen wird. Sie scheint eine hohe Meinung von dir zu haben."
Na das wunderte mich aber nicht, Claire war schon seit langem weiter, als es der laufende Unterrichtsstoff erfordern würde, auch wenn sie stets sagte, dass es nicht ihr Verdienst sei – und da hatte sie ja recht – so hatte sie nun mal diese Gabe, Gelesenes nie mehr zu vergessen – wie oft hatte ich sie früher darum beneidet. Aber wenn ich mal wieder ganz verzweifelt über einem schulischen Problem gesessen war hatte sie mir ja auch geholfen. Aber das wollte sie nicht an die große Glocke hängen, dass sie auch die Fähigkeit hatte, anderen etwas so zu erzählen, dass sie es auch nicht wieder vergessen konnten. Das klappt sogar bei Geschriebenem, was ich hin und wieder ausnutzen durfte, wenn sie mir nur Eulen schicken konnte. Ich weiß bis heute nicht, wie das funktioniert, aber es ist manchmal sehr hilfreich! Und ich freute mich ungemein darüber, dass sie für einige Zeit zurück nach Hause kommen sollte. So hatte ich sie in meiner Nähe und konnte selbst ein wenig auf sie aufpassen.
Sie war auch absolut nicht enttäuscht über diese Entscheidung und meinte nur, dass sie das Michel selber sagen wolle.
Ich war überrascht als am frühen Vormittag Severus Snape, mit einem ganzen Pack Bücher beladen ins Krankenzimmer kam, zu Claires Bett trat und die Bücher auf ihrem Nachttisch ablud. Sie sah auch sehr erstaunt zu ihm auf.
„Ich hab gehört, du verlässt uns wieder für die nächste Zeit. Und bevor dir in dieser Zeit langweilig wird: diese Bücher kannst du durchackern. Vielleicht findest du darin Antworten auf deine Fragen. Und wenn dem nicht so ist, kannst du auch gern mich befragen. Vielleicht kann ich dir ja doch auch weiterhelfen."
Ich sah wie ihr Gesicht noch überraschter wirkte und tat als sei ich mit anderem beschäftigt, spitzte aber meine Ohren umso mehr.
„Wieso tun sie das? Es ist doch eigentlich nicht ihre Pflicht als Tränkelehrer mir in Bereich von Okklumentik oder Leglimentik zu helfen?"
„Tja, nachdem ich weiß, dass du Prof. Lupin schon länger kennst und ihm wohl auch deine Fragen gestellt hast: so ganz unwissend bin ich in dem Bereich nun auch wieder nicht, schließlich hätte ich mich schon einige Male für das Fach Verteidigung gegen die dunklen Künste beworben, wieso also sollte ich dir mein Wissen nicht zur Verfügung stellen?"
Ich war baff – Snape so hilfsbereit – wusste er vielleicht doch ... ?
Auch Claire schienen diese Gedanken durch den Kopf zu gehen, aber direkt würde sie ihn nicht darauf ansprechen. „Danke. Ich habe wirklich einige Fragen, die mir noch niemand beantworten konnte. Und" sie hatte die Büchertitel betrachtet, „Auf diese Bücher bin ich in meinen Forschungen noch nie gestoßen. Und ich habe wahrlich schon vieles gelesen."
„Diese Bücher sind auch meine persönliches Eigentum. Ich hoffe doch, ich werde sie in unversehrtem Zustand zurück bekommen. Aber ich schätze, dass du eine ähnliche Ehrfurcht vor den alten Werken hast wie ich. Zumindest im Bereich, was Zaubertränke betrifft habe ich diesen Eindruck bekommen."
„Darauf können sie sich verlassen. Für mich haben Bücher eine Seele, der ich nichts zuleide tun könnte. Ich bedanke mich für das Vertrauen. Ich werde es nicht enttäuschen. Dürfte ich ... nein, das wäre zu dreist. Entschuldigen sie ... ."
„Was wolltest du sagen? Oder fragen? Oder bitten? Du müsstest wissen, dass man immer fragen darf, der Gefragte hat doch stets die Möglichkeit nein zu sagen."
Seltsam, ich hatte Snape doch während meiner siebenjährigen Anwesenheit in Hogwarts genossen, aber nun hatte ich den Eindruck als müsste er sich ein Grinsen verkneifen.
"Ich wollte sie fragen, ob sie eventuell bereit wären mir einen Trank Korrektur zu lesen. Für diesen habe ich aber über ein Jahr gebraucht, unter zu Hilfenahme einiger alter, sehr alter Bücher, der Trank funktioniert auch im Prinzip, bloß nicht so, wie ich es gern hätte."
„Was ist sein Fehler?" Snape schien neugierig.
„Er muss täglich eingenommen werden. Und ich hatte gehofft, es würde sich ein dauerhafter Erfolg einstellen. Irgendwo hab ich einen Denkfehler drinnen und ich komme selbst nicht darauf."
„Wenn du die Rezeptur hier hast, kannst du sie mir ja zum Durchlesen hier lassen. Und eventuell auch die dazugehörigen Überlegungen deinerseits. Wenn du solange damit gebraucht hast, scheint es sich wohl um ein eher komplexes Gebräu zu handeln."
Und Claire zögerte einen Moment, griff dann aber in die Tasche, die ich ihr gebracht hatte und nahm einen dicken Ordner heraus, den ich zur Genüge kannte. Dann reichte sie ihn Severus.
Er schlug ihn auf und ich konnte es mir nun nicht mehr verkneifen ihn anzusehen: jetzt war er es, der überrascht wirkte: „Du ... ?" war seine einzige Antwort. Er blätterte ein wenig darin und schlug ihn dann zu: „In dem Fall kann ich dir wirklich nichts versprechen, aber woher hast du dieses alte von dir modifizierte Rezept? Davon habe ich gehört, es aber nie gefunden. Ich suche dieses Werk in dem es sich befinden muss schon seit langem."
„Das kann ich mir vorstellen, aber ich muss sie enttäuschen, ich habe eine Hexe gefunden Lady Mary Blair, welche mir dieses Buch mit einem Respektabstand von drei Metern betrachten ließ, und Madam Sue-Allen Rochefort, die mich für eine Umordnung ihrer Bibliothek das Buch anlesen ließ. Ich bin einem weiteren Exemplar auf der Spur, aber ich konnte es noch nicht orten. Leider, ich würde es nur zu gern besitzen."
„Das würde ich auch."
Snape verabschiedete sich und nahm Claires Ordner mit sich. Er schien wirklich beeindruckt zu sein, und ich war stolz auf meine kleine Schwester. Sie hatte endlos daran gearbeitet, hatte ihre Aufzeichnungen zwei Sommer lang an den See mitgeschleppt, und wie sie die Rezeptur endlich fertig hatte, doch gezögert sie zu verwenden. Sie war sich im Normalfall ihrer Kompositionen sicher, in dem Fall war sie aber übervorsichtig. Umso zufriedener hatte sie gewirkt, als sich abzeichnete, dass ihr Streben von Erfolg gekrönt war. Das war nun wirklich etwas, worauf sie zu Recht stolz sein konnte: es war ihr Verdienst und nichts, was sie einfach so geerbt hatte.
Am Nachmittag begleitete ich sie zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors, damit sie ihren Koffer packen konnte. Sie wurde von den Anwesenden stürmisch begrüßt, aber als sie erklärte, dass sie heim fahren würde löste das doch einige Enttäuschung aus. Hermine und Ginny begleiteten sie auf ihr Zimmer und halfen beim Packen. Harry wandte sich an mich: „Glaubst du gilt die Einladung für Weihnachten noch?"
„Na klar, daran hat sich doch nichts geändert. Miranda freut sich sicherlich über deinen Besuch."
„Sag mal Lee, du kennst Claire doch so lange. Und scheinbar auch gut. Das heißt du weißt doch auch über Remus Lupin Bescheid, oder? Und hast auch bereits vor drei Jahren über ihn Bescheid gewusst, als er hier unterrichtet hat?"
„Ja hab ich, er ist ja oftmaliger Gast im Hause Aquila gewesen."
„Aber wieso hast du nichts gesagt?"
„Wieso hätte ich sollen? Ich weiß, dass Claire keine Angst hat, und ich kenne ein paar Zaubersprüche mit denen ich mich notfalls schützen kann. Und ich wusste ja auch, dass Dumbledore es weiß. Und auch wenn du es vielleicht nicht glauben kannst: ich kann meine Klappe halten, wenn es nötig ist! Ich mag Remus, und ich hab durch den Umgang mit ihm auch viel gelernt. Ich hab selbst als Kind zuweilen unter meiner Hautfarbe zu leiden gehabt. Da lernt man wie es ist anders zu sein."
Harry machte ein verdutztes Gesicht: „Aber du bist doch nicht anders."
„Ich bin schwarz! Vielleicht fällt dir das nicht auf, aber viele reagieren auf Menschen mit dunkler Haut mit Argwohn. Genauso wie manche Werwölfe als Ungeheuer abstempeln, obwohl sie sich nie Gedanken darüber machen, dass sie die meiste Zeit genauso menschlich sind, wie sie selbst. Aber mag sein, dass man toleranter wird, wenn man es am eigenen Leib gespürt hat, wie es ist Außenseiter zu sein."
Claire kam mit vollbepacktem Koffer die Stiegen hinunter. Sie umarmte Ginny und Hermine, Jim und Jules, und ganz selbstverständlich auch Harry: „Pass auf dich auf." und als ihr dieser das Armband zurückgeben wollte meinte sie nur: „Behalt es mal besser. Ich hab die nächste Zeit genug Schutz." und sie griente mich an. Und Ron, der etwas planlos nebenbei stand umarmte sie schließlich auch noch: „Lass deine Ziele nie aus den Augen. Manchmal dauert es eben ein wenig, bis du sie erreichen kannst."
Und dann verließen wir den Turm und trafen in der großen Halle auf Miranda. „Fertig?" fragte sie. „Fast. Nur noch einen Augenblick." Und sie steuerte auf Michel zu, der gerade zum Abendessen ging.
Sie zog ihn beiseite und sprach auf ihn ein. Er schien ziemlich erschrocken und auch enttäuscht, was mich nicht wunderte. Hatte ich doch den Verdacht, dass sie mit ihm Schluss machen würde. Und so wie es den Anschein hatte, hatte ich mich nicht getäuscht. Er sah sie so traurig an, dass ich ihr am liebsten mal wieder den Kopf zurecht gerückt hätte. Wann würde sie es lernen, dass sie es verdient hatte, geliebt zu werden? Kaum kam ihr ein Junge zu nahe, schon suchte sie ihr Heil in der Flucht. Auch wenn es so schien, als wäre sie so selbstbewusst wie sonst keine, so wusste ich doch, dass sie in Wahrheit extrem ängstlich und absolut nicht von ihrer Liebenswürdigkeit überzeugt war.
10. Sichtwechsel
Was bin ich froh wieder zuhause zu sein. Die vergangenen drei Monate haben mich doch mehr mitgenommen, als ich erwartet hatte. Hier kann ich machen was ich will, kann mich in den Keller in meine „Hexenküche" zurückziehen, kann Spaziergänge machen, wenn mir danach ist, mich zu Mutter in die Küche setzen und ratschen, und die Bücher lesen, die mir Severus gegeben hat. Und nachts hab ich Lee an meiner Seite, der mich im Schlaf in seinen Armen hält. So ausgeschlafen und albtraumlos war ich schon seit den Ferien nicht mehr.
Mutter steht zwar ständig parat um mir irgendetwas essbares in den Mund zu schieben, aber seit ich mir wieder selber kochen kann, schmeckt es mir auch wieder besser. Die Hauselfen in Hogwarts sind zwar sehr bemüht, verstehen es aber nicht, dass ich als strikte Vegetarierin nun mal nichts esse, was von toten Tieren stammt. Sie kochen Gemüsesuppe mit Rindsknochen, oder tolle Mehlspeisen und Cremen unter Zusatz von Gelatine. So was esse ich nun mal nicht. Das hat meine Mutter bereits eingesehen als ich drei Jahre alt war, da ich ihr alles andere ständig auf den Teller zurückgespuckt hatte. Ich kann es einfach nicht essen, und denke mir, dass es schon seinen Sinn haben wird. Vielleicht hält es mich davon ab, der schwarzen Magie zu nahe zu rücken.
Die Bücher, die mir Severus gegeben hat sind unheimlich lehrreich. Sie handeln vor allem von dem Grundwissen zu Okklumentik und Leglimentik, vieles davon wusste ich bereits, aber es ist gut es nochmals nachlesen zu können. Und es sind auch Bücher darunter, die von der Braukunst handeln. Ich kann gar nicht aufhören darin zu lesen. Und an vielen Stellen hat er mit seiner winzigen ordentlichen Schrift noch eigene Bemerkungen dazu gefügt – er versteht sein Fach wirklich. Wie gern würde ich einiges mit ihm besprechen, er könnte mir sicher noch vieles beibringen. Aber er schien bisher so verschlossen und unnahbar. Sicher, er hat mir durch den von ihm gebrauten Trank das Leben gerettet, aber das tat er nicht für mich, sondern weil es eben zu seinen Aufgaben zählt. Und immerhin seinen Ehrgeiz weckte.
Die Sache mit Michel tut mir nun wieder leid. Das war mal wieder eine Kurzschlusshandlung, wie ich sie schon so oft gesetzt habe. Lee hat mir mächtig den Kopf gewaschen deswegen.
„Wann wirst du endlich lernen, dass es Menschen gibt, die dich einfach gern haben. Die dich so nehmen wie du bist. Du musst sie nicht vor dir beschützen. Du bist es wert geliebt zu werden, sieh das doch ein."
Er versteht das einfach nicht. Er versteht nicht, dass es schwer ist, Zuneigung anzunehmen. Na ja, eine Zeit lang geht es ja, jemanden kennen zu lernen, ihm näher zu kommen, erste Küsse etc. etc., aber wenn ich merke, derjenige kommt mir zu nahe, dann bekomme ich Panik. Vielleicht, weil ich befürchte seinen Gefühlen nicht gerecht werden zu können.
Bisher hab ich zweimal daran geglaubt richtig Hals über Kopf verliebt zu sein. Beim ersten Mal bin ich enttäuscht worden, der Junge hat mich zwar offensichtlich gern gehabt, aber seinerseits Angst vor mehr. Ich habe es als Zurückweisung empfunden und wochenlang damit gekämpft. Wenn ich jetzt versuche logisch darüber nachzudenken, weiß ich, dass es wohl sowieso eine Unmöglichkeit gewesen wäre: er war doch um einiges älter als ich, was hätte er schon mit so einem jungen Mädel wie mir angefangen? Aber er war der erste, abgesehen von meinem Bruder, bei dem ich mich so richtig wohl und geborgen gefühlt habe. Und bei dem ich das Gefühl hatte, ihm könnte ich alles anvertrauen. Er ist zurückgewichen, und ich habe altersgemäß reagiert – ich war beleidigt. Und habe mich kurz danach einem anderen an den Hals geschmissen.
Dass aus dieser Trotzreaktion heraus mehr geworden ist, hat mich selbst wohl am meisten gewundert. Er, der vielumworbene Siebtklässler, Schulcasanova sozusagen, und er hat sich wirklich mit mir abgegeben, wochenlang im Geheimen, aber das war mir ja grade recht, ich wollte doch gar nicht wirklich eine echte Beziehung mit ihm, wir haben uns einfach öfters getroffen, kaum gesprochen, haben uns lange vorgemacht, es sei nur die körperliche Anziehung zwischen uns. Dabei sind wir schon bald dazu übergegangen auch zu reden, über dies und jenes, aber auch über durchaus ernste Themen. Und ich habe seine Nähe einfach genossen. Ich konnte es nicht verstehen, da er mich doch zu Anbeginn nicht so recht menschlich interessiert hat. Er kam mir einfach nur durch sein fehlerloses Aussehen überheblich vor.
Aber kurz vor Weihnachten war ich mir sicher, dass es von meiner Seite aus mehr war, ich hatte mich in ihn verliebt, ich suchte immer öfter seine Nähe, wo es doch zuerst er gewesen war, der unsere Treffen anregte. Und ich bekam es mit der Angst zu tun, hatte ich doch meine Enttäuschung vom letzten Mal nicht recht verwunden.
Zum Weihnachtsball lud mich Jacques ein, mein Mentor seit der ersten Klasse, sonst hätte ich als Drittklässlerin ja gar nicht hingedurft. Und ich habe es genossen. Ich habe den ganzen Abend durchgetanzt, aber kein einziges Mal mit Marcel, ich bin ihm wohl bewusst ausgewichen, ich wollte nicht , dass er mich beim Tanzen in seinen Armen hält, hatte Angst ich hätte mich vielleicht nicht unter Kontrolle.
Und dann kam es zum Eklat. Ein Mädchen, Suzanne wurde von einem Mitschüler überfallen und fast vergewaltigt. Sie war in Tränen aufgelöst und er so betrunken, dass er schon beinah nicht mehr mitbekam was um ihn herum geschah. Ihre Freundinnen hatten sie in die Mitte genommen und auf die Krankenstation begleitet, ich wäre dazu nicht fähig gewesen, und dann standen da so ein paar Jungs herum, die blöd zu lästern begannen: „Ja was hat sie denn? Ist doch nichts passiert? Heult sie, weil es nicht geklappt hat? Soll doch froh sein, dass sie einer registriert hat..." und so ging es in einem fort, und ich stand sprachlos daneben, den Mund weit offen, am ganzen Körper zitternd, unfähig etwas zu sagen.
Aber dann konnte ich mich aus meiner Erstarrung lösen, und bin einfach drauflos gerannt, hinaus ins Freie, die Treppen zum Strand hinunter, über den Steg bis an sein Ende, wo ich dann erschöpft und von Schluchzen gebeutelt niedersank. Ich hatte geglaubt, ich wäre schon so weit, so etwas auszuhalten. Ich hatte hart daran gearbeitet, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen und musste nun mit ansehen, dass dem nicht so war. Nicht mal dazu, diese Doofköpfe anzuschreien hatte es gereicht. Ich saß da, barfuß, mit meinem leichten Festumhang bekleidet, doch die Kälte spürte ich vorerst nicht. Mein Gesicht und mein Umhang tränennass und sie flossen immer weiter. Ich hatte nicht bemerkt, dass jemand auf den Strand gekommen war, der über den Steg zu mir ging, sich neben mich setzte um mich einfach und ohne Worte in seine Arme zu nehmen, mich fest an sich zu drücken
Aber ich wusste natürlich sofort wer es war, dabei hatte ich wahrlich nicht damit gerechnet.
„Wieso bist du hier?"
„Weil ich dich gesucht habe. Ich habe gehört was passiert ist. Wieso hast du nie etwas gesagt?" und er hob mein Gesicht leicht mit seiner Hand an, so dass ich ihm in die Augen schauen musste. „Ich verstehe es nicht. Ich dachte, du vertraust mir? Ich hoffte es zumindest." und obwohl ich ihn nur schemenhaft durch den Tränenvorhang erkennen konnte, sah ich wie traurig und bekümmert er aussah.
„Und dich zu finden fiel mir nicht allzu schwer. Entweder auf deinem Besen oder beim Wasser. Und hier habe ich dich auch gefunden." Marcel zog mich eng an sich heran. „Wieso läufst du weg wenn du Probleme hast? Wieso kommst du nicht zu mir?"
Ich konnte ihm nicht antworten. Ein neuer Tränenfluss ergoss sich über mein Gesicht, den ich nicht aufzuhalten vermochte. Aber er drängte mich nicht, sondern zog mich nur ganz eng an sich, hielt mich ganz fest in seinen Armen, wortlos, und wartete.
Ich spürte, dass ihm mein Weinen nicht peinlich war, dass er mich nicht einfach für unreif und schwach hielt. Er drückte mich fest und obwohl es mir so schlecht ging, fühlte ich doch diese Geborgenheit, die von ihm ausging. Ich wusste mit einem Mal, dass auch er mehr für mich empfand als wir uns bisher eingestanden hatten. Ich beruhigte mich langsam, nur hin und wieder musste ich noch aufschluchzen.
„Marcel, wie hätte ich zu dir gehen können? Das war nie so ausgemacht."
„Dann sollten wir das schleunigst ändern. Ich weiß, dass unsere Beziehung etwas eigen begonnen hat. und heute versteh ich es noch viel weniger, aber du bist mir mit der Zeit so vertraut geworden, ich hab dich so lieb gewonnen. Ich könnte es nicht ertragen, wenn du mich zurückwiesest. Ich möchte auch, dass wir uns nicht mehr nur im Geheimen treffen. Ich möchte allen zeigen, dass ich die wunderbarste Frau der Welt küssen darf."
Damit brachte er mich doch sogar zum Lachen. Die wunderbarste Frau! und das mir, die ich ständig von Selbstzweifeln besessen war. Ich konnte mich oft selbst nicht leiden, wie konnte es dann jemand anderer tun?
Aber Marcels Worte taten trotzdem unendlich gut. Und er schien keineswegs zu scherzen, er war sogar beleidigt als ich lachte.
„Könntest du das bitte mir überlassen? Ich weiß wovon ich spreche."
Und dann küsste er mich so zärtlich, dass ich alles andere vergaß. Das hier schien im Moment so richtig, es konnte nicht falsch sein.
Doch dann merkte ich, dass er zitterte. Er hatte seinen Umhang um mich geschlungen um mich zu wärmen, und jetzt fror er selbst. Aber als ich mich etwas aufrichtete sah ich auch den Grund: er hatte sich zu mir auf den Steg gesetzt, und seine Füße baumelten im kalten Wasser. Und er hatte etwas an den Füßen, das mal Schuhe gewesen sein mochten, aber jetzt sahen sie nicht mehr allzu toll aus.
Er hatte meine Blicke bemerkt und sah jetzt selbst auf seinen Füße: „Also die werde ich wohl auch mit reparo nicht mehr hinbekommen" und er zog sie aus und ließ sie ins Wasser plumpsen. „Vielleicht findet sich ein Krebs, der darin wohnen will." grinste er.
„Du gehörst schleunigst ins Warme. Du bist ja schon ganz verfroren. Komm - Hoch mit dir. Ich bring dich zum Schloss hoch." jetzt war ich es die den fürsorglichen Part übernommen hatte.
„Wie Madam befehlen. ... Ich bin ja nur froh, dass dir nicht kalt ist." und wir liefen die Stufen zum Schloss hoch, um möglichst rasch aus der Kälte zu kommen.
Vor dem Tor hielt ich kurz ein: „Ich werde jetzt gleich schlafen gehen, und mich unter meiner Decke aufwärmen. Mit dem verheulten Gesicht kann ich mich sowieso nirgends mehr sehen lassen."
„Aber das kommt doch gar nicht in Frage." meinte Marcel und zog mich durch den Eingang mit sich, „Du kannst dich da in den Waschräumen kurz frisch machen und dann gehst du mit mir tanzen. Ich hab den ganzen Abend versucht dich aufzufordern, aber du warst ja ständig von Jungs umlagert. Also vite vite beeil dich." und er sah mir tief in die Augen: „Und keine Widerrede."
Und ich tat wie mir befohlen. Eigentlich war ich auch gar nicht müde.
Gemeinsam gingen wir dann in den Saal. Es waren nicht mehr allzu viele Schüler im Raum, schließlich war es doch schon sehr spät geworden. Jacques hatte uns gesehen und kam auf mich zu: „Wo warst du denn? Ich dachte schon du wärst schlafen gegangen. Tanzt du mit mir?" aber Marcel fiel ihm ins Wort: „Tut mir leid. Diesen Tanz hat Claire schon mir versprochen."
Und wir tanzten zum ersten Mal miteinander, und er zog mich immer enger an sich heran, dass die Verbliebenen rundum schon aufmerksam wurden. Schließlich hatte wohl keiner bisher bemerkt, dass wir uns so nahe gekommen waren. Vielmehr waren unsere Streitgespräche Tradition, die wir seit Schulbeginn in den Aufenthaltsräumen geführt hatten, meist so nebenbei, als ob wir gar nicht recht bei der Sache wären, aber doch bissig und pointiert, Streitgespräche vor allem über die Konkurrenz Hexen gegen Zauberer. Ein sich nie erschöpfen wollendes Thema.
Marcel ließ mich den Rest der Nacht nicht mehr los. Wir setzten uns noch kurz zu Jacques an den Tisch, der uns skeptisch beobachtete, schließlich hatte er mich unter seine Fittiche genommen und wusste nun nicht so recht was er davon halten sollte, dass sein bester Freund mit seinem Schützling knutschte.
Irgendwann holte mich dann doch die Müdigkeit ein, aber Marcel ließ es nicht zu, dass ich auf mein Zimmer ging. Er führte mich zu dem geheimen Raum, in dem wir uns schon öfters getroffen hatte, und wir fielen beide erschöpft ins Bett. Er hielt mich die ganze Nacht in seinen Armen und ich hatte schon lange nicht so tief und fest und vor allem albtraumlos geschlafen. Irgendwann wurden wir im Laufe des Vormittags zwar wach, und nutzten die Situation zu zweit in einem Bett zu liegen weidlich aus, schliefen dann aber wieder ein um kurz vor dem Abendessen erneut aufzuwachen. Und dann beeilten wir uns aber rasch auf unsere Zimmer zum Umziehen zu kommen. Schließlich hatten wir beide Hunger und außerdem war unsere Abwesenheit beim Mittagessen auch aufgefallen.
Das neugierige Geraune der anderen hab ich noch heut im Ohr, als wir beide Hand in Hand zum Abendessen kamen.
Ich war mir nicht sicher, wie das mit uns weitergehen würde. Aber es war einfach nur toll. Ich hatte in Marcel einen Freund gefunden, den ich nie mehr missen wollte. Er konnte zuhören, von sich selber erzählen und wenn es mir mal nicht so gut ging nahm er mich einfach in seine Arme und durch die Geborgenheit, die ich bei ihm empfand ging es mir bald besser.
Doch als das Ende des Schuljahrs nahte, und damit sein Abschluss, und vorweg noch sein Vater diese blöde Bemerkung über meine nicht Reinblütigkeit geäußert hatte, obwohl er gar nicht wusste, dass wir zusammen waren da gingen die Gedanken wieder los, dass ich Marcel nicht verdient hatte. Ich konnte es drehen und wenden wie ich wollte, ich kam immer nur zu dem gleichen Schluss: ich musste unsere Beziehung beenden. Es fiel mir so schwer, wie noch nichts zuvor in meinem Leben. Und ich habe es bitter bereut. Seine unverständige Reaktion – und den Schmerz, den ich selbst lange Zeit danach noch empfand. Vielleicht wäre es sowieso nicht lange mit uns weitergegangen, aber ich würde das nun nie mehr erfahren. Ich war traurig und konnte doch nur mir selbst die Schuld daran geben.
Und seither habe ich es nicht mehr gewagt einen Mann so nah an mich rankommen zu lassen. Immer wenn eine Freundschaft zu eng wurde, hab ich Schluss gemacht. Ob ich das wohl je ändern kann?
