38. The Fear
„Do one thing every day that scares you."
Eleanor Roosevelt
Er hatte wieder lange wach gelegen. Und sein Hotelzimmer schien ihm mittlerweile viel zu klein, dabei war er bereits in die Suite umgezogen. Seitdem er in ihrem Haus gewohnt hatte, erschien ihm vieles zu klein.
Und sie hatte gestern geweint, als sie zu Pansys Zimmer gekommen war. Er hatte es gesehen, ob sie es abstritt oder nicht. Irgendetwas war passiert. Aber es war nicht sein Problem. Es war nie seins gewesen. Jemanden wie ihn.
Jemanden wie ihn wollte sie nicht dabeihaben.
Nein. Natürlich nicht, dachte er bitter.
Und dann würde ihr Traumtyp an ihrem Bett stehen, zuhören, wie sie sich die Seele aus dem Leib schrie und sein Kind in seinen Armen halten, wenn es zur Welt kam.
Kein Wunder, dass er lange wach gelegen hatte! Diese Gedanken waren einfach nur frustrierend! Einfach nur erschütternd.
Was sie wohl tat? Was sie wohl dachte? War sie wohl allein? Aber wer sollte in ihrem Haus sein. Ihr Typ bekam noch eine Therapie, wenn er den Artikel richtig in Erinnerung hatte. Der Tagesprophet hatte natürlich alles lang und breit getreten, mit einem zweiseitigen Interview mit Potter persönlich. Merlin, wen interessierte es? Draco war so gereizt gewesen, dass er den Propheten nach nur einer Seite weggeworfen hatte.
Er würde Pansy irgendwann die Tage besuchen. Aber er war gespannt auf das neue Leben, was Pansy geschaffen hatte. Er konnte es nicht leugnen.
Er saß alleine über seinem langweiligen Frühstück, beobachtete den kleinen Zeiger der Uhr, der von fünf auf sechs zuging, und dachte nach. Über die Zukunft, über sein Leben, über seine Rolle. Aber was für eine Rolle spielte er schon? Der Traumtyp würde in ihrem Haus wohnen. Und sein Sohn würde wahrscheinlich denken, er sei der Vater.
Und nicht er, Draco. Und würde Granger es richtig stellen? Würde sie? Draco war sich da nicht mehr so sicher.
Sie hatte sich nicht gemeldet. Sie hatte sich bei ihm melden wollen, wenn sie etwas brauchte, aber er nahm, selbst wenn es so war, selbst wenn er der letzte Mensch auf dieser Welt war, der ihr diese Sache beschaffen könnte, würde sie lieber schweigen, als mit ihm zu reden.
Es schlug ihm auf den Magen. Und er war sich nicht einmal sicher, warum. Er hatte Angst. Er hatte tatsächlich irgendwo tief in seinem Inneren Angst, dass er unbedeutend sein würde. Dass er all seine Gewohnheiten geändert hatte, und dass es vollkommen sinnlos war. Letztendlich.
Und er wusste nicht, warum es so beängstigend war. Dann… würde er gehen. Er würde neu anfangen. Wenn das hier doch nicht die richtige Entscheidung war, würde er die nächste Münze werfen. Die nächste Entscheidung treffen.
Was konnte er schon tun? Wenn sie Wehen bekäme, würde sie ihm Bescheid sagen? Er wusste, das würde sie nicht. Er würde sitzen, warten, und vielleicht teilte ihm Narzissa sogar die frohe Kunde mit.
Wer würde ihm schon Bescheid sagen? Ihre Freunde? Mit Sicherheit nicht! Potter sprach nicht mit ihm, Weasley stritt sich lieber mit ihm – Potters Frau? Das bezweifelte er auch stark. Pansy? Nicht mal Pansy traute er noch zu, dass sie ihn informierte. Sie war seine Exfreundin, und sie hatte ihm wahrscheinlich gar nichts mitzuteilen, wenn er denn ignorierte, dass Granger nur wegen Pansy sein Kind bekam.
Und es fiel ihm zum ersten Mal auf. Zum aller ersten Mal in seinem gesamten Leben.
Er war allein. Er war immer allein gewesen. Er hatte niemandem genug vertraut, um seine Schwächen zu zeigen. Es war alles immer nur eine große Show. Die Malfoy-Show. Es gab eine große Einlage zu Beginn, er überzeugte durch heiße Luft, und der Mittelteil war schon das Ende. Es gab keine großen Wendungen, kein überraschendes Ende, nein.
Es war immer gleich. Er nahm sich, was er wollte, und sobald irgendetwas auch nur ansatzweise ernster wurde, stieg er aus.
Er packte seine Koffer und verschwand. Und würde es dieses Mal anders sein? Was machte er sich vor? Dass das Kind ihn jedes Mal wieder erkannte? Und was, wenn er einen Monat nicht kam? Konnte er es sich dann nicht gleich sparen?
Und was, wenn? Was, wenn er ging? Granger interessierte es nicht! Seine Eltern dann wahrscheinlich auch nicht mehr, denn dann hätten sie ihn mit einem frischen, neuen Kind ersetzt, dass sie formen und erziehen konnten.
Niemand brauchte ihn wirklich. Pansy hatte ihn nie wirklich gebraucht! Merlin, sie war sogar ohne ihn schwanger geworden! Er hatte nie irgendetwas beigetragen. Zu gar nichts. Nur zu diesem Kind. Zu Grangers Kind. Und er war von Anfang an ungewollt gewesen. Sie hatte ihn nicht dabei haben wollen.
Und jetzt saß er alleine in den frühen Morgenstunden in der größten Suite in ganz London und hatte sich noch sie so beklommen und eingeengt gefühlt.
Manchmal lag hinter all den Dingen kein großer Zauber, kein Moment, der alles änderte.
Draco war nur heiße Luft hinter seiner Fassade. Er schloss die Augen.
Und nicht mal für sich selbst konnte er wirklich sorgen. Er lebte nicht gesund, er lebte nicht bewusst, er achtete auf nichts. Und wenn Granger ihn abwies, dann konnte er nicht einmal auf das Kind achten. Und er wusste auch nicht, ob er nicht zu müde war, noch einen Versuch zu starten, sich noch einmal aufdrängen sollte, denn irgendwann begann selbst das größte Ego von allen zu bröckeln. Selbst sein endloser Vorrat an blauäugiger Selbstsucht schien sich dem Ende zuzuneigen.
Verflucht episch, nicht wahr, dachte er bitter und musste sich selber belächeln.
Musste er selber erst in irgendwelchen Mienen verloren gehen, um Beachtung zu erlangen? Damit die Zeitungen über ihn schrieben? Damit sich irgendein Mädchen verzehrte vor Sehnsucht?
Musste er gehen, um wiederkommen zu können?
War er nie wirklich fort gewesen? War man erst fort, wenn man gar nicht gehen wollte? War das der Trick? Konnte man sich erst selber finden und sich selber begreifen, wenn man aufhörte, davonzulaufen, und einfach begann, zu suchen?
Er wusste es nicht. Er wusste eigentlich gar nichts.
Er würde seine Sachen aus ihrem Haus holen. Oder holen lassen. Das wäre vielleicht sicherer. Er hatte es versaut. Er war so weit gegangen, wie er gehen konnte, wie er immer gegangen war. Und wenn er aussteigen wollte, dann wäre es jetzt verdammte Eisenbahn, denn jeden Tag könnte sie das Kind bekommen. Sie hatte doch alles gesehen, was er zu bieten hatte. Und sie sprach nicht mehr mit ihm!
Und wie viel war es wert? Was war es wert, dass er das Leben in ihr gespürt hatte?
Er stützte den Kopf in seine Hände. Er war gut für absolut gar nichts. Und er begriff, was Granger wahrscheinlich schon vor neun Monaten begriffen hatte….
Das Kind wäre ohne ihn besser dran, als es mit ihm jemals sein könnte.
Sollte es einen anderen Vater haben. Einen Vater der ums Überleben gekämpft hatte, nur um wieder bei ihr zu sein. Bei Granger. Denn Draco nahm an, dass das seine Gedanken gewesen sein mussten. Wäre er verloren gegangen, dann…
Dann?
Er hob verstört den Kopf. Dann hätte er nur zurück gefunden, weil der Gedanke an Granger ihn am Leben gehalten hätte? Nein, wahrscheinlich nicht, dachte er verstört. Aber es war das Bild, was er von ihrem verwegenen Traumtypen hatte. Selbstlos, unverwundbar, und er würde sie lieben.
Denn er wusste, darauf kam es an. Und er könnte es nicht. Er wusste nicht mal, ob er das Kind lieben konnte, Merlin noch mal! Er hatte es noch nie versucht, und er hatte zu viel Angst, es zu versuchen. Und selbst er fand Grangers Geschichte traurig. Denn sie hatte ihren Partner gefunden gehabt. Sie hatte das, wonach Draco vergeblich suchte.
Und vielleicht bekam sie mit ihrem Typen eine neue Chance.
Und er wollte nicht derjenige sein, der es zerstörte, dachte er unwillkürlich. Sie hatte wochenlange gewartet, dass der totgeglaubte Kerl wiederkam. Und Merlin, tatsächlich kam er das. Und nur eine einzige Person störte das glückliche Bild.
Und das war er.
Und er wollte nicht. Und es ging nicht mal um ihn. Es ging nicht mal darum, dass es ihn zerriss, wenn er daran dachte, was gespürt hatte, wenn er ihren Unterleib berührt hatte! Nein, es ging darum, dass er nicht mehr wollte, dass sie weinte. Warum auch immer sie gestern geweint hatte, er nahm an, er war in ihren Gedanken nicht weit entfernt von diesem Grund gewesen.
Es war ein bitterer Geschmack. Selbstlos sein war nichts für ihn. Vielleicht für Potter. Oder ihren Typen. Aber es schmeckte ihm nicht gut.
Und vielleicht war die richtig Entscheidung nicht, für das Kind da zu sein.
Vielleicht war die einzig richtige Entscheidung von Anfang an gewesen, Granger verflucht noch mal von seiner Anwesenheit zu verschonen?
Denn er brachte kein Glück. Er brachte nur Tränen und Wut.
Und es wurde Zeit, zu gehen. Nicht, weil er wollte. Zum ersten Mal nicht, weil er es wollte.
Nein. Sondern weil sie glücklich sein sollte. Weil Hermine glücklich sein sollte.
Und wenn Draco einen letzten Gang antrat, dann würde er zu ihrem Typen gehen und ihm klarmachen, dass er zumindest der bessere Mann für Granger sein sollte. Wenn Draco es schon nicht konnte.
„Was soll das heißen?", wollte Ginny plötzlich merklich kleinlaut wissen.
„Was ich gesagt habe", murmelte Ron dem Küchentresen entgegen. Hermine war noch nicht wach, und Ginny, Ron und er führten ein Krisengespräch. Aber Harry war noch nicht über die schlimmste Nachricht hinweg.
„Alec will sie nicht? Hat er das gesagt?", wollte er ungläubig wissen, und Ginny nickte.
„Hermine war so erschüttert", erwiderte Ginny kopfschüttelnd, bevor sie sich wieder an Ron wandte. „Ich kann das nicht glauben, Ron!", sagte sie wieder. „Hermine und… Malfoy?", entfuhr es ihr, mit gerunzelter Stirn und einem Blick, der ihnen bedeutete, wie absolut abwegig sie es fand.
„Na ja", begann Harry etwas ratlos, „vielleicht-" Aber, Merlin, nein! Er konnte nicht. Er konnte es nicht sagen. Er konnte es nicht mal denken! Aber… eigentlich hatte er es Hermine schon damals gesagt. Wenn Alec nicht mehr wiederkäme, wäre wenigstens Malfoy da.
Aber das… konnte er nicht laut sagen. Er konnte nicht.
„Was?", wollte Ron skeptisch wissen, und Harry schüttelte den Kopf.
„Ach nichts", sagte er dann. Aber Ginny schien ihn zu verstehen.
„Hermine und Malfoy", sagte sie wieder. „Du meinst…"
„Nein!", sagte Ron sofort. „Auf gar keinen Fall!", sagte er, mit fester Stimme.
„Wenn sie… ihn mag?", versuchte es Ginny, aber angewidert verzog sich ihr Mund. „Merlin, Malfoy?", wiederholte sie ungläubig, und Ron blickte wieder unglücklich nach unten. „Es wäre… sehr praktisch. Rein theoretisch", ergänzte sie eilig.
„Wieso? Nur weil er der Vater ist?", entgegnete Ron, und wieder sah er ihn unglücklich an. „Harry, das siehst du nicht auch so, oder?"
„Ich…- keine Ahnung, Ron. Wenn er sie mag?"
„Er sie mag?", wiederholte Ron. „Nein, tut er nicht!"
„Man hat doch keinen Sex, wenn man den anderen nicht mag", entfuhr es Ginny sofort. „Also wird da irgendetwas sein", sagt sie bestimmt. „Etwas, was wir nicht sehen. Oder irgendjemand sonst", schloss sie abwesend.
„Und jetzt?" Ron sah wieder hilflos auf. „Jetzt will Alec Hermine nicht, und wir greifen auf das nächstbeste zurück, was nicht wirklich das Nächstbeste ist?" Er sah sie an.
„Wir greifen nicht darauf zurück. Vielleicht ist es… einfach da?"
„Wieso tut Alec das?" Harry kam nicht darüber hinweg. „Als ich mit ihm gesprochen habe, war er Feuer und Flamme für Hermine. Er hat mir gesagt, sie sei die eine. Ich begreife es nicht."
„Katastrophen können Menschen ändern", bemerkte Ginny achselzuckend.
„Ginny, wir sind in einer Katastrophe aufgewachsen", erinnerte er sie mit entsprechend erhobenen Augenbrauen, „falls du es verdrängst. Und ich habe nie-"
„-du hast mich verlassen, Harry Potter!", unterbrach sie ihn eisig.
„Um dich zu beschützen!", rechtfertigte er sich sofort.
„Vielleicht tut Alec dasselbe?", mutmaßte Ron. „Vielleicht hat er nur Angst!"
„Aber wieso?" Ginny schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht."
„Wie kommt ein Mann, der drei Wochen alleine durch einen Bergstollen wandert, zu dem Schluss, doch nicht das Mädchen heiraten zu wollen, was er angeblich liebt?"
„Vielleicht ist er ein Arschloch?", vermutete Ron zornig. „All die Zeit! All die Zeit, die wir geopfert haben!"
„Aber das haben wir nicht getan, unter dem Versprechen, dass er bei Hermine bleibt", erinnerte ihn Harry streng. Ron verzog den Mund.
„Ich schon", erwiderte er grimmig.
„Ich begreife es auch nicht", bestätigte Ginny.
Sie hörten die Treppenstufen, und nach einer halben Minute stand Hermine in der Tür. Es war gerade mal acht Uhr.
„Hey, morgen", begrüßte sie sie. Ginny kam sofort zu ihr, umarmte sie, begrüßte ihren riesigen Bauch, und Hermine setzte sich gähnend zu ihnen.
„Worüber reden wir?", wollte Hermine wissen, und Ron tauschte einen Blick mit ihm und Ginny.
„Über nichts", murmelte Ron dann grimmig. Hermine blickte von ihm zu Ron.
„Ok?", sagte sie, verzog den Mund, und ihre Hand legte sich auf ihren prallen Bauch.
„Wie geht es dir?", wechselte Harry erleichtert das Thema. Hermine seufzte auf.
„Alles tut weh. Mein Rücken, meine Füße. Es wird langsam unbequem", sagte sie dann.
„Also, du jammerst wesentlich weniger rum als Ginny", bemerkte Ron schließlich mit erhobenen Augenbrauen. Ginny verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ach wirklich, Ron?", wollte seine Frau gefährlich ruhig wissen. „Lass mich meinen Zauberstab holen und dir einen Uterus verpassen. Mal sehen, wie sehr du lachen würdest, wenn-"
„-uägh!", entfuhr es Ron. „Wag es bloß nicht, du-"
„-Kinder, es reicht!", mischte sich Harry nachsichtig ein. Ginny und Ron stritten sich immer noch wie vor zwanzig Jahren. Missmutige Stille trat unter den Geschwistern ein, und Hermine bestrich sich ein Brot. Harry überlegte, ob es angebracht wäre, Hermine auf Alec anzusprechen, aber er wollte nicht, dass sie traurig wurde.
Wenn sie es nicht ansprach, dann würde es Harry auch nicht tun.
„Wir könnten gleich eine Runde drehen? Es würde helfen, deine Schwangerschaft ein wenig zu verküzen, das Baby in die richtige Psotion bringen?", schlug Ginny schließlich vor. Hermine nickte lächelnd.
„Wieso nimmst du nicht den Zauberstab und hext es raus? Keine Schmerzen, keine ekligen Flüssigkeiten?" Ron sah seine Schwester auffordernd an.
„Ja. Mum hätte es so mit dir machen sollen, du Primatenhirn", merkte sie kopfschüttelnd an.
„Hey! Es war ein guter Vorschlag, um ihr Schmerzen zu ersparen!", rechtfertigte sich Ron. „Selber Primatenhirn!", ergänzte er dann beleidigt.
„Die Schmerzen sind wichtig, Ron! Der Weg durch den Geburtenkanal bereitet das Kind auf-"
„-Igitt! Hör auf, ins Detail zu gehen, ok?", rief Ron wütend. „Ich wollte doch nur-!"
„-Leute!", unterbrach Harry beide wieder. Ginny und Ron sahen ihn schuldbewusst an. „Ron, vielleicht kommst du nicht mehr vorbei, wenn Ginny noch nicht ihre zweite Tasse Tee getrunken hat", schlug er kopfschüttelnd vor. Ginny schenkte ihm einen bösen Blick.
„Witzig, Liebling", zischte sie.
„Spazieren klingt gut!", mischte sich Hermine betont munter ein. Anscheinend gefiel ihr die normale Weasley-Stimmung um einiges besser als ihre eigene, stellte Harry beruhigt fest.
„Wir gehen spazieren?", plärrte James, der wohl endlich wach geworden war und im Pyjama die Treppe runter gesprungen kam. „Tante Mine, du bist so dick geworden!", lachte der Junge fröhlich, bevor er Hermine mit weiten Armen umarmte.
„Danke, James", erwiderte sie mit einem trockenen Lächeln und fuhr ihm durch die unordentlichen Haare.
„Der Charme kommt von der Weasley-Seite der Familie", murmelte Harry bedeutungsschwer in seinen Tee, und erntete von Ginny und Ron gleichermaßen feurige Blicke. Aber Hermine musste lachen. Und das war die Hauptsache. Zumindest für ihn.
Es war ihm nie aufgefallen, wie oft er sich aus dem Staub gemacht hatte. Nie bewusst. Und fast hatte es ihn Überwindung gekostet, den Brief an seinen Vater mit dem Kauz abzuschicken. Nur fast. Er hatte den Job gekündigt, ohne eine umfassende Erklärung, ohne sich zu rechtfertigen. Sein Vater hielt ohnehin das wenigste von ihm.
Er hatte sogar schon das Hotelzimmer verlassen, und nichts hielt ihn mehr hier. Gar nichts. Und er wusste noch nicht, wohin er wollte. Es führte ihn nirgendwohin.
Er wollte bleiben, aber er wusste, er durfte nicht, denn er brachte nur Unglück. Wo war er noch nicht gewesen, überlegte er, während er das Mungo betrat.
Bangkok? Neuseeland? Dehli?
Und missmutig schritt er durch die Halle des Hospitals. Krankenhäuser hatten ihm noch nie zugesagt. Zu viele Kranke. Er blickte hinab auf die Marke, die er bekommen hatte. Siebter Stock, Zimmer 702. Sollte nicht schwer zu finden sein, nahm er an, während er den Aufzug betrat. Er hatte keine Ahnung, warum er das hier tat. Vielleicht wollte er ihn noch mal sehen, sich noch mal vergewissern, dass Dermont besser für sie geeignet war, als er. Vielleicht wollte er ihm verdeutlichen, dass er es ihm gestattete, seinen Platz einzunehmen.
Denn etwas anderes war es für Draco nicht. Denn es war sein Anrecht. Es war sein Platz. Er war der Vater des Kindes. Und wenn dieser Typ schon nicht um Erlaubnis fragte, dann würde Draco ihm aber deutlich machen, dass es das eigentlich sein müsste, was er zu tun hätte.
Der Aufzug hielt, und Draco betrat den nächsten weißen Flur, der nach Ammoniak und scharfen Flüchen roch. Er trug relativ legere Kleidung, denn er wollte keinen Anzug zum Reisen tragen. Also trug er Jeans, ein dunkles Shirt und ein schlichtes Jackett. Es wurde langsam wärmer. Seine übrigen Sachen waren eingelagert bei Wendel's & Brook's. Zur Sicherheit.
Natürlich hatte er noch sein Apartment in Paris. Aber dorthin wollte er nicht zurück.
Er würde es bei Gelegenheit auflösen.
Schon stand er vor der verhängnisvollen Tür. Und Draco nahm an, Granger hatte ihrem Traumtypen nichts von ihrer gemeinsamen Nacht erzählt. Und Draco würde es ihm gerne auf die Nase binden, ihn praktisch ins offene Messer laufen lassen, aber ihretwegen würde er es nicht tun. Merlin, er war weich geworden.
Er klopfte zweimal. Mehr gönnte er ihm nicht.
„Ja?", vernahm er dumpf die Stimme aus dem Innern. Und dann öffnete er die Tür mit einem Ruck, denn er wollte dieses unangenehme Treffen hinter sich bringen, was er sich selber auferlegt hatte.
Dermont lag in einem Einzelzimmer, in einem deprimierend weißen Bett, und Überraschung zeichnete seine Züge. Fast hatte Draco erwartet, Granger hier vorzufinden. Und fast war er enttäuscht, dass er sie nicht noch einmal sah.
„Hey", rang sich Draco schließlich ab. „Ich weiß nicht, ob du dich erinnerst, ich-"
„-Draco Malfoy", bestätigte der Mann schließlich nickend. Und Draco hatte beschlossen, ihn zu duzen. Immerhin würde dieser Mann sich um seinen Sohn kümmern. Dracos Mundwinkel zuckte kurz vor Bitterkeit.
„Ja", erwiderte Draco dann. Und er fuhr sich unschlüssig über die Haare. Sollte er ihn fragen, wie es ihm ging? Interessierte es ihn wirklich? Nein. Tat es nicht. „Es… es geht um Gr- es geht um Hermine", korrigierte er sich dann, und der Name schmeckte seltsam auf seiner Zunge. Dermonts Stirn kräuselte sich leicht. Noch immer wirkte er ein wenig blass, ein wenig abgemagert, aber Draco nahm an, in wenigen Tagen hätte die Magie ihn wieder hergestellt.
„Hör zu, wenn es darum geht, was ich gesagt habe, dann-", begann Dermont abwehrend, aber Draco wollte nicht, dass er sprach.
„-ich will dir lediglich mitteilen, dass ich nicht in eurem Weg stehen werde. Dass ich… gehe", sagte er mit fester Stimme. „Denn das ist es, was sie will." Und irgendwie erwartete er von diesem Mann den Hauch von Ehrfurcht und Dankbarkeit über seine Worte, aber Ratlosigkeit zeichnete seine Züge.
„Ok?", erwiderte Dermont schließlich unschlüssig. „Ahem…", machte er dann und setzte sich weiter in seinem Bett auf. „Allerdings…", fuhr er ein wenig zögerlich fort, und Draco gefiel es nicht, wie unbeteiligt dieser Typ war. Ja sicher, er war verschollen gewesen, hatte sich durch Todesängste gekämpft, aber wenn Draco Malfoy einem eröffnete, dass er den Rückzug antrat, dann war das ein epischer Moment, und kein Moment, den man mit Stottern zubrachte.
„Was?", schnappte Draco also, ein wenig zu scharf.
„Ich… bin nicht mehr mit ihr zusammen", erklärte Dermont dann ruhig. Dracos Mund öffnete sich leicht überfordert, und – was?!
„Du…?" Er starrte ihn an. Was? Das hatte Granger ihm nicht gesagt! „Was?!" Er konnte keinen zusammenhängenden Satz formulieren, denn er begriff nicht ganz.
„Ich weiß nicht, inwiefern dich das etwas angeht, aber sie und ich… sind nicht mehr zusammen. Also…"
„Aber… der Ring", entfuhr es Draco perplex, und Dermonts Stirn runzelte sich noch mehr.
„Woher weißt du davon?", wollte er misstrauisch wissen, aber Draco ging darauf nicht ein.
„Du hast ihr einen Ring gegeben, oder nicht?", wiederholte er ungläubig.
„Ja, aber… ich habe meine Meinung geändert." Dermont schien nicht weiter über dieses Thema reden zu wollen, denn er wirkte merklich verschlossen.
„Du hast deine…?" Draco starrte den Mann lediglich an. Er hatte seine Meinung geändert? Und das hatte er einer hochschwangeren Frau so gesagt? Deshalb hatte sie geweint, ging Draco plötzlich auf! Deshalb war sie so… völlig neben sich gewesen! Und Draco konnte die nächsten Worte nicht verhindern, denn Granger war vor scheiß Schuldgefühlen vergangen! Und alles für gar nichts! „Du bist ein Arschloch", entfuhr es Draco kopfschüttelnd, fast tonlos. Seine Fäuste hatten sich geballt, denn er war kurz davor, diesem Arschloch die Faust ins Gesicht zu schlagen! Dermont sah ihn zornig an.
„Was willst du eigentlich von mir?", fuhr er ihn plötzlich an. „Seit wann muss ich mich vor wildfremden Menschen rechtfertigen? Es ist nicht deine Entscheidung, ok?"
„Nicht meine-?", wiederholte Draco freudlos, unterbrach sich aber und kam näher. „Nein, verdammte Scheiße! Es ist nicht meine Entscheidung! Wäre es meine verfluchte Entscheidung gewesen, dann hätte ich mir Hermine genommen, und sie verdammt noch mal behalten, anstatt mir auch noch Vorwürfe zu machen, wie ein kompletter Vollidiot! Wegen eines Arschlochs wie dir!", knurrte er fassungslos.
„Du solltest verschwinden!", informierte ihn Dermont, der nach seinem Zauberstab greifen wollte, der auf dem Nachttisch lag.
„Du willst mich verfluchen, ist das dein Ernst?", fuhr Draco ihn wütend an, und er hasste diesen Typen!
„Verpiss dich!", rief Dermont aus, während er den Zauberstab umklammerte und die schwache Hand auf ihn richtete.
„Nur zu gerne, Arschloch", gab Draco kalt zurück. „Und komm ihr ja nicht mehr zu nahe, hast du mich verstanden?", ergänzte er, und wusste, er verhielt sich ziemlich besitzergreifend dafür, dass er vor fünf Minuten noch das Land hatte verlassen wollen. Dafür, dass er und Granger kein Wort sprachen und sie ihn wahrscheinlich hasste. Aber das war ihm gerade scheiß egal, denn wenn er darüber nachdachte, dass dieses Arschloch ihr wehgetan hatte, dann würde er noch den Kopf verlieren.
Inkonsequenter Wichser. Das war Alec Dermont. Und für so einen Mistkerl hatte Draco den Platz räumen wollen?! Unfassbar! Und wieso hatte es Granger ihm nicht gesagt?
Wahrscheinlich, weil er sie als Mitleids-Fick bezeichnet hatte, teilte ihm sein Unterbewusstsein schmerzhaft bitter mit.
Und dann wandte er sich ab.
Es war alles egal. Er wollte zu ihr.
Und sei es nur, um sich anschreien zu lassen! Sei es nur deshalb. Sei es nur, um sie zu ärgern, um sie aufzuregen, bis sie rote Wangen vor Wut bekam.
Und fast war ihm leicht ums Herz, als er überlegte, dass er seinen Sohn nicht aufgeben würde! Dass er nicht fortmusste, um wiederzukommen! Dass er einfach ein letztes Mal seine scheiß Grenzen überschreiten würde. Auch wenn sie ihn jetzt gerade verabscheute.
Kein anderer Mann stand in seinem scheiß Weg! Das war eigentlich alles, was er wissen musste, bevor er zu ihr ging.
Er knallte die Tür hinter sich ins Schloss und verließ mit schnellen Schritten das Hospital.
