Einbruch in der Dunkelheit
Kapitel XXXVII
Kuala Lumpur, Malaysia
Mit einem leisen Platsch vermischte sich das Wasser aus dem Laras Körper bestand nun mit dem Wasser in dem deaktivierten Springbrunnen. Wie schon in Griechenland, konzentrierte sich Lara Croft nun auf ihre Form und ihren Körper, rief sich alle Größen in den Sinn und auch die Platzierung ihrer Innereien. Im Flieger hatte sie mit Maxwell darüber geredet, wie er sich zu verhalten hatte in einer solchen Situation.
Jetzt hoffte sie nur, dass er es ebenfalls hinbekam. Während Lara sich aus dem Wasser selektierte und dann keuchend auf dem schwarz-weiß gekachelten Boden liegen blieb, beobachtete sie, wie sich auch Maxwell nun aus dem Wasser schälte. Tatsächlich erinnerte der Vorgang einwenig an die Häutung eines Reptils. Wobei dies um einiges schneller vonstatten ging und Maxwell auch mit jeder Schicht, die das Wasser verlor mehr an Hautfarbe bekam.
Als er sich schließlich ebenfalls wieder manifestiert hatte, blickten sie sich gegenseitig an. Lara suchte an ihm nach irgendwelchen Merkmalen, die an der falschen Stelle waren oder fehlten. Doch sie musste eingestehen, dass er es einwandfrei hinbekommen hatte. Wenn sie nicht alles täuschte, wirkte seine Haut sogar einwenig frischer und erholter, als vorhin noch auf dem Dach. Da auch an ihrem Körper keine Teile fehlten, erhoben sie sich schließlich wieder. Wie durch ein Wunder gab es im Foyer des Bauamtes keinerlei Überwachungskameras.
Das erleichterte ihre Arbeit enorm, da Lara keine Lust hatte, sich viel Mühe bei dem Diebstahl zu geben. Soweit sie es aus anderen Bauämtern kannte, waren die Karten und Lagepläne, sowie geographische, politische und Wetterkarten allesamt in einem Raum aufbewahrt, dass oft nur Lager genannt wurde. Wahrscheinlich besaß es nicht mal einen offiziellen Namen, aber das war Lara eigentlich egal.
Um unbemerkt in das Lager zu kommen, würden sie sich das Büro des Bauamtsleiters ansehen müssen, da dort vermutlich alle wichtigen Schlüssel zu finden waren. Wo sie das Büro finden konnten, wusste Lara allerdings nicht. Also entschied sie sich, während sie Maxwell schweigend ein Zeichen gab ihr zu folgen, an der Informationstafel nach zu sehen. Die Tafel war weiß und in schwarzen Lettern waren dort die einzelnen Stockwerke, sowie Büronummern und Namen aufgelistet.
Die Tafel selbst stand direkt neben der gläsernen Eingangsfront und war vermutlich sogar in einem Winkel der Überwachungskamera von außen zu sehen. Also entschied sich Lara für einen anderen Weg. Von weitem versuchte sie im Zwielicht die Zeichen zu entziffern, kam aber nicht besonders weit, als Maxwell sie plötzlich antippte. Lara wand sich ihm zu und sah, wie er schweigend in eine Richtung deutete.
Lara folgte dem Finger mit den Augen und sah eine Holztreppe, die rechts von dem Brunnen, aus dem sie eben gekommen waren, in den ersten Stock führte. Doch das war nicht das, was Max ihr zeigen wollte. Wie sie direkt erkennen konnte, war ein tanzender Lichtkegel an der Wand zu erkennen.
Der Wachmann, schoss es ihr durch den Kopf. Eigentlich hatte Lara nicht vermutet, dass ein Bauamt bewacht war, aber immerhin war Kuala Lumpur eine Großstadt. Hier gab es im Bauamt wahrscheinlich interessanteres zu holen, als nur Karten der Hauptstraßen und Hügelketten. So leise wie sie konnten, schlichen sie in einen dunklen Winkel, der nicht von dem Licht erhellt wurde, dass von außen hereinstrahlte.
Mit einer schnellen Bewegung zog Lara ihren Pullover über ihre Knie, während sie sich hinhockte, um ihre nackten Beine zu verstecken. Der Wachmann kam auch nur wenige Sekunden später. Von weitem konnte Lara das Gesicht des Mannes nicht deutlich erkennen, aber einige grobe Details ließen sich dennoch erschließen. Er hatte einen Vollbart, dafür aber keine Haare mehr auf dem Kopf. Der Körper war durchschnittlich gebaut, weder zu dick, noch zu schlank, dennoch wirkte er kräftig.
Als Kleidung trug er ein blaues, kurzärmliges Hemd, eine dunkelblaue Krawatte, mit einer silbernen Krawattennadel festgesteckt und eine schwarze Hose. Dazu Schuhe aus schwarzem Lack. Soweit Lara es erkennen konnte, war der Mann auch nicht bewaffnet. Die einzige Ausrüstung bestand aus der Taschenlampe und einem Schlagstock aus Gummi. Immerhin eine Waffe, mit der er Gegner nicht auf weite Distanz erledigen konnte.
Verwirrt leuchtete der Wachmann in den Springbrunnen, dessen Wasser noch immer einwenig unruhig hin und her wabberte. Dann fiel sein Blick zur Decke, wo der Ventilator allerdings weiterhin seiner Arbeit nachging. Einwenig resigniert kratzte der Mann sich am Kopf, während er noch eine kurze Runde im Foyer machte. Dass er Lara und Maxwell nicht entdeckte, grenzte beinah an ein Wunder.
Lara erhob sich aus ihrer Position, während der Wachmann ihr den Rücken zukehrte. Während Max sie versuchte davon abzubringen, eilte Lara leise und geduckt zum Wachmann hin. Bei einem rechteckigen Blumenkübel, der mit Lorbeerbüschen bestückt war, machte sie einen Zwischenstopp und beruhigte ihren Puls. Es schien ihr so, als würde es bis hoch in ihren Kopf hämmern und als müsste jeder Nebenstehende im Umkreis von 400 Metern mitbekommen.
Aber der Wachmann bemerkte nichts, denn seine Schuhe quietschten leicht auf dem Fliesenboden, so dass er kaum etwas hörte. Mit schnellen Bewegungen arbeitete Lara sich hinter den Wachmann und umfasste seinen Gummiknüppel an der Hüfte. Ein schneller Ruck, ein kräftiger Hieb in den Nacken und schon sackte der Mann bewusstlos zu Boden.
Maxwell eilte herbei und fing den bewusstlosen Körper ab, so dass keine weiteren, verdächtigen Geräusche entstehen konnten.
Jetzt hatte Lara eine effektive Waffe und außerdem einen Wachmann weniger. Er war bewusstlos und dürfte eigentlich lange genug schlafen, um Laras Arbeit nicht zu behindern. Während sie den Wachmann in eine dunkle Ecke zog, fiel ihr Blick auf eine schwarze Tür im südlichen Teil des Raumes.
Sie deutete Maxwell an, dass er sich bitte den Raum mal genauer ansehen sollte. Das tat er auch. Eine Minute später kam er schließlich zurück.
Flüsternd sprach er zu ihr: „Es ist das Büro des Wachpersonals.", war seine Antwort: „So weit ich das erschließen konnte, sind für heute vier Wachposten eingeteilt. Zwei im obersten Stockwerk, einer im dritten und der letzte, unser Kandidat, für das Foyer und den ersten Stock."
„Also sind die wichtigsten Büros wahrscheinlich im obersten Stockwerk zu finden.", sinnierte Lara leise und ging dann mit Max an ihrer Seite auf die Holztreppe zu, die sie ein Stockwerk höher bringen sollte. Wenn Maxwell Recht behalten würde, waren die nächsten beiden Stockwerke für Lara und Maxwell weder interessant, noch gefährlich.
Dennoch staunte Lara nicht schlecht, als sie ein Stockwerk höher gekommen waren. Die Gänge hier waren in einer T-Form angelegt. Wobei der obere Balken des T-förmigen Ganges noch jeweils einen weiteren, kurzen Flur beherbergte. Einer davon war der Teil, in dem sie eben hoch gekommen waren. Also würde auf der anderen Seite des Ganges vermutlich die Treppe ins zweite Stockwerk führen. Mit einem schnellen Blick versicherte sich Lara davon, dass keine Überwachungskameras angebracht waren.
Der Blick auf die Armbanduhr verriet, das sie bereits seit einer knappen Stunde hier festsaßen. Langsam aber sicher mussten sie sich beeilen, wenn sie nicht wollten, dass demnächst die Wachleute alle ihnen entgegen kamen, weil ihre Schicht beendet war. Immerhin bestand die Chance, dass einer von den letzten drei Wachmännern eine Schusswaffe trug. Das wäre dann der Moment, an dem Lara sich und Max als geliefert anerkennen würde.
Eine schnelle Kontrolle der Gänge versicherte Lara in ihrer Annahme, dass hier nichts interessantes zu sehen war. Gerade, als sie die Treppenstufen in den zweiten Stock in Angriff nehmen wollten, hörten sie eine tiefe, männliche Stimme. Im ersten Moment sprach sie nur leise, dann aber wurde daraus ein leiser Ruf: „Rosdan?!"
Lara und Maxwell blieben wie angewurzelt stehen. Erneut rief die Stimme: „Rosdan, bist du da?", in der Landessprache. Lara scheuchte Maxwell mit einigen schnellen Handbewegungen so schnell es ging weg von der Treppe. Gemeinsam eilten sie in die Toilette. Sie wählten gezielt das Männerklo, wo sich Lara schnell in eines der Toilettenhäuschen rettete und sich auf die Klobrille stellte, die schon bessere Tage erkennen ließ.
Anscheinend war die Putzkolonne nicht sonderlich gründlich in der Säuberung der Toiletten gewesen. Dies stand in einem totalen Kontrast zu dem Flur, in dem sie sich eben befunden hatten. Viele, einzelne Bürozimmer, alle schön dekoriert und durch Glaswände voneinander abgetrennt. Der Flurboden war mit edlem Teppich ausgelegt und einige Zimmerpflanzen standen elegant drapiert im Flur und in den einzelnen Büroräumen.
„Rosdan?! Hey, wo steckst du denn?", rief die Stimme erneut: „Die Jungs spielen oben ohne uns weiter, wenn das so ist."
Lara verdrehte die Augen, als sie das hörte. Die Menschen von heute hatten keinerlei Respekt mehr vor ihrem Job. Maxwell saß auf dem Toilettenhäuschen neben ihr. Soweit sie es aus ihrer Position erkennen konnte, hatte er die Hose runter gezogen und wartete.
Wollte er jetzt hier wirklich aufs Klo gehen?
Als das leise quietschen der Toilettentür zu hören war, wusste Lara das der Wachmann im Bad war. In diesem Moment betätigt Max die Klospülung und stand auf, zog die Hose wieder hoch und begann mit irgendwas herum zu hantieren.
„Ach hier steckst du.", vernahm sie den Wachmann. Sie sah wie schwarze Lackschuhe sich direkt an ihrem Klohäuschen vorbeibewegten. Diesen Moment nutzte sie und riss die Tür nach außen auf. Im selben Moment schien auch Max die Tür aufzureißen, denn Lara katapultierte den erschrockenen Wachmann direkt in die Arme ihres Partners. Dieser schlug sofort zu. Ein Faustschlag ins Gesicht schaltete den Wachmann aus und Max drapierte ihn elegant auf der Toilette, so dass es wirkte, als würde er dort auf dem Klo sitzen.
Gemeinsam verließen sie das Bad wieder und Lara gab Maxwell das Daumen-hoch Zeichen. Er hatte blitzschnell und mit allergrößter Schärfe reagiert. Sie war in gewisser Weise wirklich stolz auf ihn.
Ihr Weg führte sie weiter in den zweiten Stock, der ebenso aufgebaut war, wie der erste. Auch hier ergab ein kurzer Rundgang, dass es im zweiten Stock nichts zu holen gab. Jetzt gab es also noch etwa zwei Stockwerke und wenn Lara den Wachmann vorhin richtig verstanden hatte, mussten sie damit rechnen, dass dort oben noch zwei Männer saßen und irgendwas spielten.
Vielleicht suchten sie sogar schon nach ihren beiden Kollegen. Der dritte Stock war einwenig größer und hier fanden Lara und Maxwell auch das Archiv, in dem die Karten vermutlich gelagert wurden. An sich könnte Lara auch einfach die Glasscheibe in der Tür einschlagen, doch sie wollte keine Zeichen hinterlassen, die auf einen Einbruch schließen konnten. Ein erneuter Blick auf ihre Armbanduhr zeigt, dass es bereits halb sechs war.
Schließlich blieb nur noch der Weg in das vierte Stockwerk. Hier würden sie vermutlich auch das Büro des Bauamtleiters finden. Leise und extra vorsichtig schlichen sie hinauf. Lara voraus, weil sie einwenig kleiner war als Max und deshalb weniger Raum einnahm und somit schwerer zu sehen war. Von der Treppe aus konnte Lara in eine Art Wartezimmer blicken. An den Wänden waren Stühle aufgereiht und über den Stühlen hingen Imitate von berühmten Kunstwerken. Ein Trinkwasserspender und eine Zimmerpalme schmückten den Raum.
Hier brannte die obere Glühbirne und ermöglichte einen Blick auf einen leeren Tisch und vier Bierflaschen. Die Stühle waren unordentlich zur Seite gerückt worden und auf dem Tisch lagen umgedrehte Spielkarten. An der Anzahl der Karten pro Person und an den Plastikchips konnte Lara erkennen, dass die Wachmänner im Bauamt nicht wirklich daran interessiert waren ihren Job ordnungsgemäß zu erledigen.
Stattdessen wurde gepokert.
Lara war einwenig enttäuscht von den hier arbeitenden Männern. Ein Blick nach links und rechts verriet Lara, dass die Luft rein war. „Okay. Wir können los.", flüsterte sie so leise wie sie konnte. Maxwell hinter ihr gab ein undefinierbares Nicken von sich und folgte Lara schließlich, als sie vorbei an dem Spieltisch und der offenen Toilettentür in den Gang schritt. Hier war der Boden ebenfalls mit Teppich ausgekleidet und die Gemälde an den Wänden wurden auch wertvoller. Zwar zweifelte die Archäologin an der Echtheit dieser Gemälde, aber immerhin waren die Imitate nun eleganter ausgearbeitet und keine billigen Kopien.
„Wir müssen wirklich vorsichtig sein.", hörte sie Maxwell leise murmeln. Der Gang endete an einer Fensterscheibe, die den Blick auf die Petronas Tower ermöglichte. Laras Blick wanderte während der ganzen Strecke immer wieder zur Tür und schließlich fand sie das gewünschte Schild.
Bauamtsleitung, Vorzimmer.
„Bingo.", murmelte sie. Ihre Finger schlossen sich um den Türknauf und Lara drehte ihn leise und langsam um: „Halte bitte hier draußen Wache. Ich brauche nur wenige Minuten.", flüsterte sie.
„Okay.", Maxwell klopfte sich spielerisch auf die Brust und nickte stolz. Sie wusste, dass er seinen Job gut machen würde. Also schenkte sie ihm ein Lächeln und verschwand im Inneren des dunklen Zimmers. Sie verzichtete darauf das Licht einzuschalten und tastete sich durch die Finsternis. Soweit sie durch das Licht von draußen sehen konnte, war rechts von ihr ein großer Eichenholzschrank mit Glastüren eingelassen, in dem eine Reihe Aktenorder zu finden waren. Links von ihr befand sich die Tür zum Büro des Bauamtsleiters und diesen Weg wählte sie schließlich. Vorsichtig und darauf bedacht nichts anzufassen oder umzuwerfen, was sie verraten könnte, ging sie zur Tür und öffnete diese. Hier fiel nur noch das Licht der Außenwelt hinein, so dass sie so gut wie gar nichts mehr erkennen konnte.
Vorsichtig tastete sie sich voran und schloss leise die Tür wieder hinter sich.
War da gerade eine Bewegung?
Lara blickte einwenig erschrocken in Richtung des Arbeitstisches. Doch nachdem sich dort nichts bewegte, kam ihr der Gedanke an einen Vogel vor der Fensterscheibe oder so. Mit kurzen Schritten bewegte sich Lara weiter vorwärts, als ihr Fuß plötzlich irgendwo hängen blieb. Mit einem leichten Aufschrei fiel sie zu Boden und tastete nach dem Objekt, über das sie gestolpert war. Weich, warm, haarig...zwei Augen...ein Mensch. Lara erkannte einen bewusstlosen Mann vor ihr, über dessen Körper sie gefallen war.
Vermutlich einer der Wachmänner. Aber das würde wiederum bedeuten, dass...
Noch bevor sie den Gedanken zu ende spinnen konnte, flammte die Deckenleuchte auf und aus dem Ohrensessel des Bauamtsleiters grinste sie eine Revolvermündung an. „Hände hinter den Kopf wo ich sie sehen kann!", bellte die Stimme grob.
Verdammt...
Fortsetzung folgt:
