- Nachdem Hermine zu Snape aufgebrochen ist (Kapitel 35).
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Als das Portrait der Fetten Dame zur Seite klappte und Harry den Weg in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors öffnete (natürlich erst nach einem Kreuzverhör von einer halben Stunde; gnädige Dame wollte etwas zu tratschen haben), kehrte die Nervosität zurück, die unter seiner Verärgerung verloren gegangen war. Hätte man ihm vorher gesagt, dass die Missverständnisse in einer Beziehung schwerwiegender sind als die davor, er hätte es nicht geglaubt.
Während er sich in dem bekannten Raum umsah und den Anflug von Heimweh niederkämpfte, strich er sein T-Shirt glatt. Seine Blicke blieben wie hypnotisiert an dem roten Haarschopf Ginnys hängen.
„Hey", sagte er und steuerte auf den Tisch zu, an dem sie saß.
„Hey." Sie wirkte kühl, doch sie legte ihr Buch beiseite.
Er zögerte kurz, sich einen Kuss von ihren kühlen Lippen zu stehlen. Prompt liefen seine Wangen rot an. „Wo ist Hermine?"
„Bei Snape."
Harry zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. „Ob sie es wohl wegen der kühlen Temperaturen da unten bei ihm aushält?"
„Bist du hier, um über Snape und Hermine zu diskutieren?"
„Na ja... auch."
„Und... steht es an erster Stelle deiner Prioritätenliste?" Ihre Finger strichen über den Ledereinband des Buches. Sie wich seinem Blick aus.
Harry schüttelte den Kopf. „Nein."
„Gut."
Harry wand sich etwas auf seinem Stuhl, ehe er sagte: „Ich wollte dich besuchen."
„Nun doch?"
„Ich hab dir doch schon in meinem Brief erklärt, warum ich gestern...", begann er, wurde allerdings unterbrochen.
„Ja, ich weiß, du warst zu aufgebracht." Sie presste ihre Lippen fest aufeinander, ehe sie fortfuhr: „Ich hab dich gesehen, als du zur Schlossgrenze gegangen bist. Du hast ziemlich entspannt gewirkt mit den Händen in der Hosentasche."
Er spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. „Ginny, i-ich...", stammelte er, brach allerdings ab, als ihm bewusst wurde, dass er gar nicht wusste, was er sagen wollte.
„Hm", machte Ginny und unterzog das Buch wieder einer genaueren Betrachtung.
Harry dagegen betrachtete ihr Gesicht wie ein Kunstwerk. Ihre blasse Haut, das Muster der Sommersprossen und die weichen Linien ihres Kiefers ließen ihn alles vergessen, was ihm den Schlaf raubte. Sie anzusehen war wie eine Droge; und er neigte dazu, in einen unangenehmen Entzug zu rutschen.
„Es tut mir leid", erklärte er schließlich, etwas verspätet, da der Gemeinschaftsraum um sie herum für einen Moment verblasst war.
Nun war von Ginny ein Seufzen zu hören und als sie ihren Kopf drehte, um ihn anzusehen, rutschten ein paar rot schimmernde Haarsträhnen über ihre Ohren und kitzelten sie an der Wange. Beiläufig strich sie sie zurück. „Entschuldigst du dich dafür, dass du mich angeschwindelt hast, oder dafür, dass du mich aus deinen Gedanken ausschließt?"
„Fürs Schwindeln", gab er zu.
„Und was ist mit dem Rest?"
Er senkte den Blick und schluckte trocken. Der dunkle Steinboden schien plötzlich Kälte auszustrahlen wie ein zugefrorener See. Dabei sickerten vom angelehnten Fenster sommerliche dreißig Grad in den Gemeinschaftsraum. „In meinen Gedanken sind Dinge, von denen ich dich fern halten möchte."
„Warum? Glaubst du, ich bin zu schwach, um sie ertragen zu können?"
Im Augenwinkel sah Harry, wie sie stolz das Kinn vorreckte; in Gedanken legte sie sich bestimmt schon ihre 'Ich bin das einzige Mädchen unter sechs Brüdern'-Rede zurecht. Er lächelte warm. „Nein. Aber möglicherweise bin ich zu schwach, um sie zu ertragen. Und ich hätte gerne jemanden, der mir helfen kann, damit umzugehen." Er griff nach ihrer Hand und war aufs Neue überwältigt von dem Gefühl ihrer weichen Haut unter seinen Fingerspitzen.
Mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck verschränkte sie ihre Finger mit seinen. „Wie soll ich das, wenn du mich nicht daran teilhaben lässt?"
„Ich werde es irgendwann tun." Er streichelte ihren Handrücken mit seinem Daumen. „Und bis dahin wäre es schön, wenn du mich weiterhin ansiehst, ohne an die Dinge in meinem Kopf denken zu müssen."
Ginny schwieg eine Weile, beobachtete erst ihre Hände und dann sein Gesicht. Schließlich zupfte ein Lächeln an ihren roten Lippen. „Um dich so ansehen zu können, müsstest du dich aber schon ab und zu hierher bemühen."
„Das werde ich", versprach er und wurde sich des Gewichts seiner Gewissensbisse erst in diesem Moment bewusst, als sie wie von Zauberhand verschwanden.
„Schön. Was hältst du davon, wenn wir uns am See in die Sonne legen?" Ihre Blicke flogen sehnsüchtig zu den Fenstern und ihre Haare schwangen herum, so dass ihn ein feiner Blumenduft erreichte.
Die vom Training auf dem offenen Feld angewöhnte Abneigung gegen direkte Sonneneinstrahlung verschwand zunehmend und Harry spürte sich nicken, so willenlos wie unter einem Imperius. Er verspürte allerdings nicht den geringsten Drang, dagegen anzukämpfen. „Klingt verlockend", sagte er stattdessen. Ein bisschen Zeit blieb ihm schließlich auch noch, bevor er sich dem weitaus unangenehmeren Gespräch dieses Tages stellen musste.
