Susanne trat einen Schritt zurück und stand nun für einen kurzen Augenblick scheinbar mitten in der Luft. Dann griff sie nach dem Vampir, bekam ihm am Kragen zu packen, ehe sie beide auf dem Dachboden der Hexenhütte landeten.

„Besserr wirr finden dieses Land schnell.", sagte Eddy in einem seltsam düsteren Tonfall, „Es macht mich irgendwie nervös, wenn mir mein Stoff ausgeht.".

Susanne ging jedoch nicht darauf ein. Sie versuchte ihre Gedanken zu ordnen: „Also, halten wir fest: Vermutlich haben die Revisoren irgendetwas mit dem Traumland angestellt, zu dessen irdischen Zugang wir jetzt gehen sollen. Das hat zu Folge, dass die Menschen in ihren Träumen gefangen sind und nicht mehr wirklich leben.".

„Zumindest in dieserr Welt.", fügte Eddy drängelnd hinzu.

„Ja, sie existieren weiterhin hier, aber sie leben in einer Welt, in der sie allein sind. Sie sind auch nicht sie selbst, sondern… Was sind sie?", fragte Susanne.

„Können wir das nicht unterrwegs klärren?".

„Natürlich.", meinte Susanne und kletterte die Treppe hinunter in das Wohnzimmer des Hexenhauses hinunter.

Susanne und Eddy verließen die Hütte und wandten sich mittwärts, wie die Hexe gesagt hatte.

Aus dem verwilderten Garten kamen sie direkt in den Wald. Es war dunkel. Nicht einmal bei Tag wurde es heller als düster hier, aber bei Nacht herrscht absolute Finsternis.

Dies stellte für einen Vampir jedoch keine große Schwierigkeit dar und so ließ sich Susanne von Eddy führen.

Sie kannten beide den Weg nicht, wussten nicht, was sie suchten, und konnten nichts sehen. Esme Wetterwachs hätte gesagt: „Beste Voraussetzungen um das Knotige Land zu finden!".

Im Wald von Lancre gab es keine Wege oder Pfade. Zumindest keine die soweit, bis an Esme Wetterwachs' Haus, führten, als mussten die beiden Wurzeln, Baumstümpfen und Gestrüpp aus dem Weg gehen.

Susanne war sich sicher, dass irgendwo am Horizont die Sonne sich bereits darauf vorbereitete aufzugehen, aber hier war nichts davon zu spüren.

„Vielleicht sollte ich meinen Zweitwohnsitz hierrherr verrlegen.", sagte Eddy, „Diese Lichtverrhältnisse sind genau das rrichtige fürr einen Vampirr.".

„Was sind also all diese Menschen?", wiederholte Susanne ihre Frage von vorhin.

„Was sollen sie sein?", machte Eddy plötzlich genervt, „Du hast es doch gesehen: Sie sind Wünsche und Ängste und außerdem ziemlich mies gelaunt.".

„Sie sind allein in ihren… Gedanken.".

„Es gibt keine Logik mehrr, keine Naturrgesetze. Alle Möglichkeiten und Wahrrscheinlichkeiten sind durrcheinanderr gerraten. Sie sind verrwirrt und wütend. Warum auch nicht, niemand wirrd ihnen jemals wirrklich begegnen können.".

„Was ist ein Mensch ohne Beziehungen, ohne den Kontakt in einer Welt, in der er nur ein Teil einer großen Gesellschaft ist? Was ist ein Mensch, wenn er allein ist, ohne Moral?", sprach Susanne und es klang, als handele es sich hierbei lediglich um rhetorische Fragen. Sie meinte die Fragen ernst, doch sie wagte es nicht, vor dem Vampir als unwissend da zustehen.

„Schatten ihrrerr selbst, schätze ich.", antwortete der Vampir selbstgefällig, „Man ist nurr dann vollkommen, wenn man sich selbst in Beziehung mit derr Welt und anderren Menschen setzt. Auf die Dauerr kann derr Geist nicht ohne den Körrperr leben.".

„Schatten. Wir suchen also ein Land, in dem Schatten leben können.", sagte Susanne nach eine kurzen Pause, „Also sollten wir nach Licht suchen.".

„Ich meinte das im überrtrragenen Sinn.", erwiderte Eddy.

„Ich auch. Aber ich weiß nicht, was es bedeutet.", sagte Susanne und stolperte über eine Brombeerranke, „Kein Wunder, dass sie in Träume flüchten. In der Finsternis kann kein Schatten bestehen! Verdammter Mist! Könntest du dich nicht mal nützlich machen und dich in eine Fledermaus verwandeln? Dann fliegst du über die Bäume und siehst dich um, ob du irgendwo einen Landstrich erkennst, der die komisch vorkommt.".

Eddy seufzte: „Wie du willst, aber nicht erschrecken!" und im nächsten Augenblick flatterte eine kleine Fledermaus in die Richtung, in der Susanne den Nachthimmel vermutete. Sie konnte die Fledermaus nicht sehen, aber deutlich ihr Flatter in den Tannenspitzen hören. Sie war kein bisschen erschreckt.

Sie überlegte: Ja, Schatten, das traf es. Eine Armee aus Schatten. Dämonen aus dem Inneren. Gefangen im Inneren. Sie gähnte. Auch sie war müde. Die Nacht war anstrengend gewesen und die Dunkelheit wirkte so einladend langweilig, dass sie sich wünschte auf der Stelle einschlafen zu dürfen.

Es schein eine Ewigkeit her zu sein, dass der Rabe an ihr Fenster geklopft hatte, dass sie ihren Großvater in ihrem Traum gesehen hatte, dass sie in ihrem Bett gelegen hatte. Und überhaupt: Warum musste ausgerechnet sie jetzt durch diesen Wald streifen, das Schwert mitschleppen und sich von einem Vampir auf die Nerven gehen lassen?

In diesen Momenten hasste sie es ganz besonders die Enkelin ihres Großvaters zu sein.

Etwas flatterte und nur einen Augenblick später stand Eddy wieder vor Susanne. Sie sah ihn nicht, aber sie wusste, dass er da war, denn er redete mit ihr: „Nichts. Rrein garr nichts auffälliges.".

„Dachte ich mir. Wenn man danach sucht, wird man es nicht finden.", erinnerte sich Susanne, „Ich wünschte, ich hätte eine Laterne.".

Etwas flatterte in den Tannen über ihnen und es fiel etwas vom Himmel. Susanne tastete auf dem Boden danach und fand eine kleine Kerze zu ihren Füßen. Eine Eule rief ganz in der Nähe.

„Das war sie, nicht wahr?", fragte Susanne.

„Eulen fliegen im Schlaf. Manchmal.", sagte Eddy.

Ein Streichholz fand Susanne in einer Tasche ihres Kleides, entzündete es an einem Baumstamm und schuf Licht in einem kleinen Teil des Waldes.

Vor ihren Augen manifestierte sich ein schwarzer Kapuzenumhang.

DA BIST DU JA. UND EINEN FREUND HAST DU AUCH MITGEBRACHT. SEHR ANGENEHM.

„Großvater!", rief Susanne überrascht, „Was machst du hier?".

ICH DACHTE, DU KÖNNTEST UNTERSTÜTZUNG GEBRAUCHEN. WIE ICH SEHE HAST DU ES GEFUNDEN.

„Was denn, verdammt?", fluchte Susanne, „Wir haben nichts gefunden. Die Hexe meinte, wir sollen ein Knotiges Land finden, aber nicht suchen und…".

ICH KANN EUCH DIE TÜR ZEIGEN. ABER HINDURCHGEHEN MÜSST IHR SELBST. Tod trat einen Schritt zu Seite und im Schein von Susannes Licht wurde der Übergang auf eine Lichtung sichtbar, die offenbar den Eingang in ein Tal darstellte, das das schummrigen Kerzenlicht auf seltsam silbrige Weise zurückwarf.

„Das ist es, nicht wahrr?", sagte Eddy und ging drauf zu, „Seltsam, vorrhin sah es aus, als sei in dieserr Rrichtung nurr Wald und kein Tal.".

DAS KNOTIGE LAND SIEHT FÜR JEDEN ANDERS AUS. ES ÄNDERT SEIN AUSSEHEN MIT DER VERFASSUNG DES BETRACHTERS. ES BESTEHT PRAKTISCH NUR AUS IDEEN. NICHT AUS WIRKLICHEN DINGEN. JETZT, DA DU WEISST, DASS ES DA IST, KANNST DU ES ERKENNEN, WENNGLEICH DU ES NICHT SEHEN KANNST., erklärte Tod.

Eddy achtete darauf, dass er Abstand zu ihm hielt.

„Warum glitzert es so?", fragt Susanne.

SIEH ES DIR AN.

Susanne trat ein paar Schritte auf das Tal zu, kniete sich auf den Boden und besag sich die Masse, die sich über den ganzen Landstrich gelegt hatte. Dann erklärte sie: „Seide. Es ist Seide. Aber wieso?".

„Es verrstopft den Abfluss!", sagte Eddy knapp, „Könnten wirr jetzt bitte diese ganze Sache beenden, ich laufe berreits seit mindestens einer Vierrtelstunde auf Rreserrve.".

„Er hat ein kleines Suchtproblem.", flüsterte Susanne ihrem Großvater zu.

ES IST DIE SEIDE EINES TRAUMFÄNGERS. DAS IST EIN KLEINES SPINNENTIER, DAS SICH VON INSPIRATIONSPARTIKEL ERNÄHRT. DIE REVISOREN HABEN DAMIT DEN IRDISCHEN ZUGANG ZUM TRAUMLAND VERSCHLOSSEN UND DIE MENSCHEN BLEIBEN DARIN HÄNGEN.

„Im übertragenen Sinn, schätze ich, denn ich sehe hier niemandem im Netz zappeln.", bemerkte Susanne.

Sie nahm ein Stück Seide und zog es von einem Felsen: „Da haben wir wohl einige Arbeit vor uns. Das Zeug klebt ungemein und das ganze Tal ist verseucht.". Sie klopfte sich die Hände ab und machte sich an den nächsten Klumpen, von dem sie das Land befreien wollte.

Sie wurde unterbrochen. Als hätten sie das unbefugte Betreten ihrer Versuchsanlage mit Hilfe von Sinnesorganen wahrgenommen, erschienen auf dem Landstrich plötzlich drei schwebende Kutten, scheinbar ohne Inhalt.

Eine sagte: Es fiel uns auf, als ich versuchte die Spezies Mensch zu klassifizieren. Sie sind im eigentlichen Sinne keine richtigen Säugetiere! Jedwede Art von Säugern auf diesen Planeten entwickelt instinktiv ein natürliches Gleichgewicht mit ihrer Umgebung. Menschen aber tun dies nicht. Sie ziehen in ein bestimmtes Gebiet und vermehrt euch bis alle natürlichen Ressourcen erschöpft sind. Und der einzige Weg zu überleben ist die Ausbreitung auf ein anderes Gebiet. Es gibt noch einen Organismus auf diesen Planeten der genauso verfährt. Wisst ihr welcher? Das Virus! Der Mensch ist eine Krankheit, das Geschwür dieses Planeten. Er ist wie die Pest. Und wir sind die Heilung.

Susanne hob instinktiv ihr Schwert.

Eine Kutte kommentierte: Das wird dir nichts nützen!

WIE KÖNNT IHR ES WAGEN DERART IN DEN LAUF DER WELTGESCHICHTE EINZUGREIFEN. WIE KÖNNT IHR ES WAGEN DIE GESCHICHTE UND DAS LEBEN UND DEN GEIST ZERSTÖREN ZU WOLLEN?, donnerte Tod.

Er schon wieder!, sagte eine Kutte.

Eine andere erwiderte: Er scheint mit seinem Job nicht ausgelastet zu sein. Er mischt sich in Dinge ein, die weit über sein Wirkungsspektrum hinausgehen.

„Was soll das hierr werden? Ein Debattierrclub? Eine Cocktailparty mit Smalltalk? Verrdammt, ich brrauch meinen Stoff, wenn ich nicht auf derr Stelle ausrrasten will!".

Offenbar willst du das, kleiner Vampir!, stellte eine Kutte nüchtern fest, als Eddy sich ein Stück der verwobenen Seide schnappte und über die Kutte warf.

Der Klumpen Seide fiel zu Boden, als wäre sie auf keinen Widerstand gestoßen. Die Kutte darunter war verschwunden.

SIE HABEN NICHT BEDACHT, DASS AUCH SIE PRODUKTE DES MENSCHLICHEN GEISTES SIND., erklärte Tod, SIE SIND PERSONIFIKATIONEN WIE ICH UND EINE PERSONIFIZIERTE IDEE LÄSST SICH MIT DIESEM STOFF… ERLEDIGEN, WENN MAN ES DARAUF ANLEGT.

„Aberr sie haben es selbst gesponnen.", warf Eddy ein.

ES KOMMT IMMER AUF DIE ABSICHT AN, KLEINER VAMPIR. MAN KANN TRÄUME FANGEN UM SIE ZU HALTEN, ODER UM SIE LOSZUWERDEN. ES KOMMT IMMER DARAUF AN, AUF WELCHER SEITE DES NETZES MAN STEHT.

„Im übertragenen Sinne.", kommentierte Susanne.

Es dauerte nicht lange, da hatten Susanne und Eddy auch die restlichen Revisoren eingefangen und verschwinden lassen.

Es war kein spektakulärer Kampf, eher eine Art seltsames Räuber und Gendarm-Spiel. Ein überdrehter Vampir und die übermüdete Enkelin des Todes stoben ein paar semi-durchsichtigen Kutten nach, warfen Seide über sie und machten sich auf die Suche nach einem neuen Opfer. Es erschienen neue Revisoren, sowie alte verschwanden, doch es dauerte nicht allzu lange, da hatten Eddy und Susanne genug Seide von ihrem Platz bewegt, dass das Knotige Land wieder begann Ideen fließen zu lassen.

Susanne und Eddy bekamen nichts davon mit, aber die Revisoren bemerkten, dass hier und da auf der Scheibenwelt die Menschen aus ihren Träumen erwachten und sich fragten, wo sie waren oder warum zur Hölle ihre Blase sie nicht geweckt hatte.

Bald darauf erschienen keine neuen Kutten mehr uns schließlich blieben Susanne, Eddy und Tod allein im Tal zurück.

Susanne spuckte auf den Boden: „Das wird noch eine Menge Arbeit.". Sie deutete auf den Rest des Landstrichs, der immer noch mit Seide bedeckt war.

KEIN SORGE, DAS KANN ICH ERLEDIGEN., sagte Tod, beugte sich etwas vor und berührte mit einem Knochenfinger die Seide am Boden. Sofort zerfiel sie zu Staub.

ES KOMMT IMMER DARAUF AN, AUF WELCHER SEITE DES NETZES MAN STEHT., kommentierte er.

„Auf welcher Seite steht der Mensch?", fragte Susanne.

SEIN BEWUSSTSEIN MACHT IHN ZUM IDEENFÄNGER. SEINE UNVOLLKOMMENHEIT ZUM IDEENOPFER. DER MENSCH UND DIE MENSCHLICHKEIT SIND EINE SCHWAMMIGE ANGELEGENHEIT. REALITÄT UND IRREALITÄT VERSCHWIMMEN IN IHM. DAS IST ES WAS DEN REVISOREN NICHT GEFÄLLT.

„Können wirr jetzt bitte zurrück an die Univerrsität gehen?", drängelte Eddy.

SOFORT. ES FEHLT NUR NOCH DER LETZTE SATZ, WENN DU DIE EHRE HÄTTEST, SUSANNE?

„Wie bitte?", fragte sie.

NAJA, ICH DACHTE, DU WOLLTEST VIELLEICHT ETWAS ABSCHLIESSENDES SAGEN. ETWAS WIE: TRÄUME NICHT DEIN LEBEN, LEBE DEINEN TRAUM! ODER SO.

„Das ist ja wohl, der dämlichste Spruch der Welt! Das alleinige Ausleben von Träumen wäre ziemlich unproduktiv für die Gesellschaft. Wie du immer sagst: Die Pflicht geht vor!".

NICHT SEHR MARKANT, ABER ICH SEHE EIN, DASS DU WOHL ETWAS ÜBERMÜDET BIST.