Bury my heart

Kapitel 38

Der moralische Zwiespalt

Hermine eilte ins Labor und platzte, ohne auch nur einen Gedanken ans Anklopfen zu vergeuden, durch die Tür.

Snape stand vor der Arbeitsplatte und hielt prüfend seine Nase in einen Kessel, dessen Inhalt Hermine verdächtig bekannt vorkam. Als er sie hörte, blickte er auf und sah sie an.

„Du wolltest mich sehen?", fragte sie erwartungsvoll und streckte einen kleinen Zettel in die Höhe.

„Ah. Wie ich sehe, hast du meine Nachricht erhalten."

Sie nickte.

„Gut. Ich habe Neuigkeiten in Bezug auf die Waldrehe für dich."

„Oh." Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Eigentlich hatte sie gehofft, er würde mit ihr über den Ausflug nach Hogsmeade sprechen. Außerdem war sie wieder einmal von Sehnsucht nach ihm erfüllt.

„Warum machst du so ein Gesicht?", fragte er trocken.

Sie bekam das Gefühl, dass jetzt, da er so in seine Arbeit vertieft war, nicht der geeignete Zeitpunkt war, um ihm um den Hals zu fallen und zuckte mit den Schultern. „Nicht so wichtig."

Snape hob eine seiner Brauen und sah sie tief und durchdringend an. „Wie du meinst. Ich sollte ohnehin keine Zeit verlieren und noch mehr von diesem Trank für die Viecher machen. Und das schnell."

„Aha. Und woher kommt dein plötzliches Interesse für diese Rehe?"

Er drehte sich weg und verschränkte steif und geschäftig die Hände hinter dem Rücken. „Ich habe Nachforschungen angestellt. Als du mich damals nach einem medizinischen Nutzen für sie gefragt hast, ist mir aufgefallen, dass ich keine Ahnung hatte."

„Und das konntest du natürlich nicht so stehen lassen", kommentierte sie schnell.

Er blinzelte. „Richtig. Aber jetzt halt dich fest."

Hermine runzelte die Stirn.

„Angeblich wurden sie von Salazar Slytherin höchst persönlich im Verbotenen Wald angesiedelt."

„Du machst wohl Witze! Ich dachte, sie sind schon seit Urzeiten hier beheimatet."

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Das sind sie definitiv nicht. Und das ist noch längst nicht alles."

„Hätte mich ja auch schwer gewundert."

Seine Augen blitzen auf. „Vorsicht, Granger, der Sarkasmus in deiner Stimme gefällt mir überhaupt nicht."

Sie grinste verschlagen. „Ich hatte eben einen guten Lehrer."

Snape nickte knapp, ging aber nicht näher darauf ein. „Salazar Slytherin war von Schlangen fasziniert, wie dir ja bekannt sein sollte."

„Daher auch das Symbol der Schlange."

„Richtig. Aber wieso sollte jemand, der sich für Schlangen interessiert, ausgerechnet scheue Rehe in seiner Nähe ansiedeln? Das passt nicht zusammen, oder?"

„Allerdings!", stieß sie zustimmend aus.

Über sein Gesicht legte sich ein triumphales Grinsen. „Ha, da haben wir es! Es ist falsch."

Hermine starrte ihn so ungläubig an, als wäre er verrückt geworden. Sein Eifer war nicht zu übersehen und faszinierte sie auf eigenartige aber auch befremdliche Weise.

„Das Geheimnis ist so simpel, dass ich erst nicht glauben konnte, dass es überhaupt möglich sein kann, bis ich in einem uralten Buch etwas über diese seltsamen Rehe gefunden habe."

Sie seufzte und rieb sich die Schläfen. „Würdest du es bitte nicht so spannend machen, Severus? Ich weiß, du bist gerade so schön mitten drin, aber so langsam wüsste ich einfach nur gern, worum es eigentlich geht."

Sichtlich enttäuscht rollte er mit den Augen. „Schön. Die Rehe haben sehr wohl einen medizinischen Nutzen, wenn du es genau wissen willst. Doch das Problem ist, dass, wie du ja weißt, ihr Bestand stark gefährdet ist. Außerdem ist es sehr schwer, an sie heranzukommen, denn sie sind sehr scheu und mit normalen Rehen überhaupt nicht zu vergleichen. Aber das wirst du schon feststellen, wenn du sie siehst."

„Was soll das nun wieder heißen?"

„Wir müssen eine Exkursion in den Verbotenen Wald machen."

Alarmiert riss sie die Augen auf. „Schon wieder?"

Der Gedanke an stundenlanges Marschieren und offene Blasen an den Füßen behagte ihr gar nicht.

Snape aber sah sie scharf an. „Ich bin sehr enttäuscht von Ihrem mangelnden Enthusiasmus, Miss Granger." Sie antwortete mit einem rebellischen Schnauben, er aber fuhr schlichtweg fort. „Wir brauchen etwas sehr Exquisites, das nicht so leicht zu bekommen ist."

„Und das wäre?"

„Die Nachgeburt."

Hermine fiel die Kinnlade runter. „Wie bitte?"

Er räusperte sich. „Stell dich nicht so an! Der Mutterkuchen enthält jede Menge Nährstoffe, die die Muttertiere nach der Geburt benötigen. Darum fressen viele in freier Wildbahn lebende Tiere die Nachgeburt, um nicht auf Raubtiere aufmerksam zu werden."

Hermine schüttelte sich. „Das klingt ja widerlich."

„Mag sein. Aber es ist nützlich."

Endlich schien ihr ein Licht aufzugehen. „Du denkst, es steckt ein Wirkstoff gegen Schlangengift in der Plazenta, richtig?"

Ein schiefes Grinsen legte sich über sein Gesicht. „Richtig."

„Aber wir haben Herbst. Und ich dachte, Rehe gebären im Frühling."

„Ebenfalls richtig."

„Wunderbar. Was wollen wir dann jetzt im Verbotenen Wald?"

Er schüttelte den Kopf. „Ist das nicht offensichtlich?"

Sie zuckte mit den Schultern und er seufzte.

„Ihnen bei der Fortpflanzung helfen, natürlich."

Hermine stand wie vor den Kopf geschlagen der Mund offen.

„Die eigentliche Brunftzeit der Rehe ist schon längst abgeschlossen, doch in unserem Fall können wir von Glück reden, dass es keine gewöhnlichen Rehe sind. Die Gattung im Verbotenen Wald hat sich bedeutend anders entwickelt. Das hat auch Hagrid mir bestätigt. Wenn wir also Glück haben, ist es möglich, ihnen mit unserem Trank noch einen kleinen Anstoß zu geben, sich miteinander zu paaren."

„Das ist jetzt echt übel. Du willst in den Lauf der Natur eingreifen?"

Er fuhr sich mit den Hand durch die Haare. „Noch nie ein Stück Fleisch gegessen, Hermine?"

„Was?" Sie stutzte.

„Was denkst du, wo diese Unmengen an Nahrung herkommen, wenn du in einem Muggel-Supermarkt stehst? Es wurde nachgeholfen." Er presste die Kiefer aufeinander und sah sie mit seinen schwarzen Augen an. „Oder was ist mit einem Zoo? Vermehrung und Artenschutz von vor dem Aussterben bedrohten Tieren. Was ist richtig und was falsch? Sollen wir sie aussterben lassen? Ich bin nicht der einzige Kandidat, der von einer Schlange gebissen wurde, wenngleich Nagini alles andere als gewöhnlich war."

Sie schluckte.

„Ich gebe dir Recht, es ist eine Frage der Moral. Doch vielleicht steckt noch mehr dahinter, wenn du alles hinterfragst. Denk darüber nach und sag mir, was du davon hältst. Und jetzt geh. Du solltest nicht zu spät zum Unterricht kommen."

Hermine nickte kleinlaut, dann verließ sie das Labor.