Kapitel 37

Hermine schüttelte den Kopf, als sie die zum Teil widersprüchlichen Gedanken und Empfindungen der vergangenen Nacht Revue passieren ließ. Snape hatte es wieder einmal fertig gebracht, sie komplett zu verwirren. Hermine seufzte und beschloss, aufzustehen.

Als sie das Bett verließ, zuckte sie zusammen. Sie spürte die Folgen der stürmischen Begegnungen zwischen ihren Beinen und verzog das Gesicht. Männer hatten bestimmt nicht unter den Folgen exzessiver, sexueller Handlungen zu leiden, dachte sie. Erbost über diese Ungerechtigkeit machte sie sich auf den Weg ins Badezimmer, wobei sie ihre zerrissene Kleidung, die achtlos auf einem Sessel im Schlafzimmer lag, wieder in Stand setzte.

Der Badezimmerspiegel hatte keinen wirklich netten Morgengruß parat. Hermine schnaubte erbost beim Anblick ihres Gesichts, das ihr gerötet und verquollen entgegenstarrte. Sie schob ihre Haare zur Seite und betrachtete die Stelle an ihrem Hals, an der sich Snape am vergangenen Abend festgesaugt hatte. Vielleicht war ja doch ein Vampirbiss zu erkennen und er liegt jetzt in seinem Sarg und wartet auf den Sonnenuntergang, dachte sie hämisch. Und: Vielleicht ist er so liebenswürdig und rückt ein Stück für mich zur Seite. Möglicherweise gibt es auch Doppelsärge?

Nachdem sie aber beim besten Willen keinen Vampirbiss an ihrem Hals erkennen konnte (sie hatte dies auch nicht im Ernst erwartet), duschte sie ausgiebig, zwang sich zum Schluss, ihr Gesicht unter kaltes Wasser zu halten und fühlte sich deutlich besser. Als sie ihre Kleider angelegt hatte, verließ sie schleunigst Snapes Wohnung.

Das Schloss kam ihr unnatürlich hektisch vor. Obwohl es noch nicht einmal 7 Uhr war, liefen schon eine beträchtliche Anzahl Menschen durch die Gänge. Auch die Geister von Hogwarts waren schon unterwegs und unterhielten sich aufgeregt. Hermine schaffte es, in ihre Wohnung zu kommen, ohne angesprochen zu werden.

Sie ging direkt in Biancas Zimmer, die zu ihrer Erleichterung noch tief und fest schlief. Winky war bei ihr. Hermine hörte plötzlich einen Knall im Nebenraum und eilte hinaus. Dort erwartete sie ein total aufgelöster Dobby.

„Was ist passiert, Dobby?", fragte sie aufgeregt.

„Der Böse Lord, er ist da, er greift Hogwarts an!", piepste der Hauself. „Wir müssen Sie und Miss Bianca in Sicherheit bringen. Kommen Sie schnell, in das Büro der Schulleiterin."

Dobby wuselte in Biancas Zimmer. Hermine sandte ihm nur einen kurzen Blick nach und begann, sich umzuziehen. Sie wählte anstelle des Kleides, das sie für die Begegnung mit Severus, ihrem Geliebten, angezogen hatte, eine Jeans, bequeme Schuhe und ein langärmliches Shirt. Sie band ihre Haare rasch zu einem Knoten zusammen, warf ihren Zaubererumhang über und steckte ihren Zauberstab ein.

Solchermaßen gerüstet, ging sie ins Biancas Zimmer. Die Elfen hatten die Kleine inzwischen geweckt und angezogen. Bianca rief ängstlich: „Mami, Mami", und streckte ihre Ärmchen nach Hermine aus, die ihre Tochter auch sofort in Empfang nahm. Die Hauselfen rafften geistesgegenwärtig ein paar Spielsachen zusammenrafften und folgten Hermine.

Unterwegs erklärte Hermine ihrer Tochter, dass der Böse Lord gekommen sei und sie jetzt alle sehr tapfer sein mussten. Bianca würde mit Winky und Dobby an einem verzauberten, sicheren Ort bleiben, bis alles vorüber und der Böse Lord besiegt worden war.

„Und wo bist du, Mami?", fragte die Kleine ängstlich. „Bist du da bei mir?"

Hermine atmete tief durch. „Das geht nicht, mein Schatz. Ich muss den anderen helfen, den Bösen Lord zu besiegen."

„Ist Snape auch da?", fragte Bianca und sah ihre Mutter mit großen, ängstlichen Augen an.

„Ja, Schatz, er ist da und kämpft mit uns. Er ist sehr mutig und sehr stark, wie die anderen auch, die gegen den Bösen Lord kämpfen. Du musst keine Angst haben. Ich bin gleich wieder bei dir, wenn alles vorbei ist."

Die Kleine nickte tapfer und Hermine drehte es das Herz im Leib um. Aber sie hatte keine Wahl. Sie musste ihr Möglichstes tun beim Kampf um die Welt der ‚guten' Magier, denn wenn Voldemort siegte, hatten anständige Menschen in der Zaubererwelt keine Chance mehr auf ein nur annähernd glückliches Leben. Jeder, der kämpfen konnte, musste dabei sein im Kampf um die Zaubererwelt, der sich hier in Hogwarts entscheiden würde.

Wenn Voldemort Hogwarts gewinnt, das wusste Hermine, dann gewann er Macht über so viel uralte Magie, die es ihm ermöglichte, nicht nur das Zaubereiministerium zurück zu gewinnen, sondern seine Macht viel weiter auszudehnen, als er es jemals zuvor geschafft hatte.

Tom Riddle war erstaunlich vielen Hogwarts-Geheimnissen auf die Spur gekommen, wie Hermine bereits von Harry im 6. Schuljahr erfahren hatte und wie ihr dies von Snape bestätigt wurde. Er musste aufgehalten werden, denn ansonsten musste sich Hermine keine Gedanken über die Zukunft ihrer Tochter machen. In dem Fall würde es keine geben.

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Im Büro der Schulleiterin waren eine Menge Leute versammelt. Auch Snape war da, wie Hermine sogleich feststellte. Er sah bleich und hochkonzentriert aus.

Professor McGonagall schickte sogleich Bianca und die Hauselfen ins Vorzimmer und kündigte an, dass die Drei unter der Obhut von Madam Pomfrey im Schulleiterbüro bleiben würden, solange sich der Kampf hinzog. „Unser Hauptquartier wird die Heulende Hütte sein.", fügte sie hinzu.

Die Anwesenden musterten sie überrascht. Professor McGonagall räusperte sich und sagte: „Zunächst muss ich Sie davon in Kenntnis setzen, dass Voldemort seinen Plan, Hogwarts zu erobern, bestens vorbereitet hat. Vor Allem hat er dafür gesorgt, dass wir keine Hilfe aus dem Zaubereiministerium erhalten werden. Er hat einige seiner Todesser losgeschickt sowie unschuldige Menschen unter dem Imperius-Fluch dazu benutzt, an verschiedenen Orten gleichzeitig Dinge geschehen zu lassen, die gegen die Gesetze zum Gebrauch der Magie verstoßen."

Auf die fragenden Blicke der Anwesenden hin ergänzte Arthur Weasley: „Die Anwendung von Dunklen Künsten sowie Angriffe auf Muggel beschäftigen die Auroren des Ministeriums, die uns deshalb jetzt nicht helfen können."

„Wie dem auch sei, wir sind auf uns gestellt", resümierte Minerva McGonagall. Dann lächelte sie leicht und sagte: „Unser Plan für den Kampf gegen Voldemort wurde allerdings von Jemandem entwickelt, der sich ebenfalls in diesem Raum befindet und uns größte Aufmerksamkeit widmet. Professor Dumbledore, darf ich Sie bitten, das Wort zu ergreifen!"

Die Anwesenden wandten ihren Blick dem Porträt des Schulleiters zu, der nach den Gründern der Schule das höchste Ansehen aller Schulleiter genoss. Dumbledore lächelte.

Er sagte: „Ich sehe mit Freude, wie viele von euch sich hier versammelt haben, um dem Bösen gegenüber zu treten mit dem Ziel, es endgültig zu vernichten. Auch wenn ich nur als Abbild meiner Selbst zu euch sprechen kann, glaubt mir, meine lieben Freunde, ich bin ganz und gar an eurer Seite! Es erhob sich ein zustimmendes Gemurmel.

„Bevor wir die Strategie für Voldemorts Untergang besprechen, erlaubt mir bitte, ein paar persönliche Worte an einige von euch zu richten", fuhr Dumbledore mit ernster Miene fort.

In dem Glauben, Dumbledore würde zunächst mit Harry Potter sprechen, wandten sich die meisten der Anwesenden zu Harry um.

Aber Dumbledores erste Worte galten einem Anderen. „Severus", sagte der alte Mann im Porträt. „Severus, ich danke Ihnen, dass Sie das gegebene Versprechen erfüllt und mir mein Leben genommen haben."

Unter den anwesenden Personen herrschte atemlose Stille. Jeder starrte Snape an, der noch bleicher geworden war.

„Jeder von euch soll wissen", fuhr Dumbledore fort, „dass Severus mir den größten Dienst meines Lebens erwiesen hat. Er hat mich nicht nur davor bewahrt, eines erbärmlichen, baldigen Todes zu sterben." Bei diesen Worten erhob sich erregtes Gemurmel. Harry war aufgesprungen und gab ein entrüstetes Keuchen von sich. Dumbledore fuhr fort: „Ja, Harry, die unbedachte Zerstörung von Marvolo Gaunts Ring hat mich unheilbar krank gemacht. Durch seine Tat konnte Severus Tom Riddle weiter ausspionieren, auch wenn unser feiner Plan, dass er dies dem Zaubereiministerium hätte mitteilen sollen und damit weiterhin als unser Spion hätte tätig sein können, nicht funktioniert hat. Aber Severus Snape war mir, seitdem er die Seiten gewechselt hat, treu ergeben. Mit seiner Hilfe wirst du, Harry, Lord Voldemort oder wie ich ihn zu nennen pflege, Tom Riddle, den Garaus machen!"

Dumbledore lächelte Harry liebevoll an. „Du hast dich genauso entwickelt, wie ich es vorausgesehen habe. Und du hast den Mut und die Kraft, die Sache zu Ende zu bringen!", fuhr er fort.

„Aber nun zu unserem Plan!" Dumbledore erläuterte: „Einige von Euch werden sich als Todesser maskieren. Damit könnt ihr euch Voldemort nähern und seine Schlange töten. Dies ist unbedingt erforderlich, damit Tom Riddle endgültig besiegt werden kann. Wenn dies getan ist, hat Severus Snape die Aufgabe, Harry möglichst schnell zu Riddle zu bringen, damit ihn dieser töten kann. Möglichst schnell und bevor Riddle überhaupt weiß, wie ihm geschieht, muss ihn der Todesfluch treffen. Das ist natürlich der Idealfall! Für den Fall, dass es nicht so klappt, werden wir noch weitere als Todesser verkleidete Ordensmitglieder einschleusen, um Harry und Severus zu unterstützen. Die Mitglieder des Ordens haben einen kleinen roten Knopf am Kragen ihres Umhangs als Erkennungszeichen. Der Knopf ist verzaubert, so dass nur Mitglieder des Ordens ihn als rot wahrnehmen können. Severus muss möglichst lange unerkannt bleiben und deshalb auch einige Ordensmitglieder – zum Schein – töten. Das dient der Stärkung unserer eigenen Truppe, da Riddle von der Schwächung unserer Leute ausgehen wird und durch seine Siegessicherheit bestimmt Fehler begeht. Unsere scheinbar toten Kämpfer tauchen dann wieder auf, wenn Riddles Truppe bereits geschwächt sind und zerschlagen diese dann."

„Miss Granger kommt eine sehr wichtige Aufgabe zu", fuhr die Stimme aus dem Porträt fort. „Sie wird die Leitung für das Magische Hauptquartier übernehmen." Hermine blickte ihn überrascht an. Dumbledore nickte. „Ja, das wird Ihr Part sein", wiederholte er. „Sie werden alles über ein magisches Spikoskop im Blick haben und uns über die magischen Mikrofone auf dem Laufenden halten, wenn eine besonders gefährliche Situation entsteht. Insbesondere wird sich Ihre Aufmerksamkeit natürlich auf den Dunklen Lord und Harry Potter richten!"

Hermine kam sich vor wie in einem Traum, aber sie wusste genau, das alles hier war bitterer Ernst. Heute kam es auf jeden Einzelnen von ihnen an. Heute würden sich die Geschicke der Zaubererwelt auf lange Zeit hin entscheiden. Aber sie wusste auch, dass jeder sein Bestes geben würde. Und das würde reichen, um den Dunklen Lord zu besiegen! Sie war sich ganz sicher! An der Seite von Männern wie Harry Potter, Severus Snape und Remus Lupin (um nur einige zu nennen) wurden Malfoy und seine Spießgesellen zu unbedeuteten Personen, die nur von ihrem persönlichen Ehrgeiz getrieben wurden und nicht vom Gedanken an etwas viel Wichtigeres wie Verantwortung beispielsweise und Bescheidenheit, die persönliche Größe widerspiegelte.

Doch bevor sie das Schulleiterbüro verließen, weihte Dumbledore sie in ein weiteres Geheimnis ein, das die Kampfkraft des Gegners schwächen und ihre eigene Position stärken würde. Diese Überraschung, mit der Niemand gerechnet hatte, stärkte die Zuversicht Aller, die sich mittlerweile als ‚Dumbledores Armee' fühlten.

Doch es war keine Zeit mehr, eigenen Gedanken nachzuhängen. Es war Zeit aufzubrechen und sich Voldemort entgegenzustellen.