Asche zu Feuer

„Bist du dir sicher?", besorgt musterte Belle ihre Freundin, aber Ally warf ihr nur einen kurzen Seitenblick zu, bevor sie sich weiter damit beschäftigte, ihre Haare unter der Schwesternhaube festzustecken.

„Aber das ist ein ganz schön großer Schritt", argumentierte Belle weiter, „bist du dazu wirklich bereit?"

„Ich bin okay, Belle", erwiderte Ally ruhig, stockte dann kurz, „oder… ich werde es sein… denke ich. Aber ich brauche das hier. Lass mich arbeiten. Lass mich etwas tun."

Die Sorge wich nicht aus Belles Gesicht, aber sie nickte zögernd. Wahrscheinlich wusste Ally tatsächlich am besten, was sie brauchte, es war nur alles so sehr schnell gegangen plötzlich und das beunruhigte sie.

Es war nur wenige Tage vergangen, seit dem Abend, an dem sie von der Arbeit heimgekehrt war und Ally, die sie morgens im Nachthemd im Bett liegend zurückgelassen hatte, angezogen und frisiert am Schreibtisch hatte sitzen sehen, gelesene Briefe und aufgerissene Briefumschläge aus den letzten Wochen um sich herum auf dem Boden verteilt.

Sie hatte auch danach nicht viel geredet, hatte sich stoisch geweigert, James' Namen in den Mund zu nehmen, aber am nächsten Tag war sie von sich aus morgens aufgestanden, war mit nach unten gekommen und hatte mit den anderen Mädchen gefrühstückt.

Am Tag darauf hatte Ally das erste Mal wieder das Haus verlassen, für einen kleinen Spaziergang und jetzt, nur kurze Tage danach, hatte sie beschlossen, wieder arbeiten zu wollen. Auf der einen Seite erleichterte Belle es natürlich, dass sich ihr Verhalten normalisierte, auf der Anderen war sie sich nicht sicher, was sie daraus machen sollte.

Was genau zu dieser Veränderung geführt hatte, wusste sie nicht, sie ahnte nur, dass es etwas mit dem Brief von James' Mutter zu tun gehabt haben musste, denn Ally hatte ihr deren Dank überbracht dafür, dass Belle daran gedacht hatte, ihr zu schreiben, und ihren eigenen hinzugefügt, ohne jedoch sonst viel dazu zu sagen.

Viel beunruhigender fand sie es allerdings, dass sich zwar Allys Verhalten zu normalisieren schien, einige andere Dinge sich aber nicht geändert hatten. Sie redete nach wie vor kaum, hatte nach allem was Belle wusste nicht ein einziges Mal geweint, wirklich getrauert, und auch dieser steinerne, emotionslose Gesichtsausdruck war nicht gewichen.

Alles in allem war Belle klar, dass Ally längst nicht darüber hinweg war, nicht mal annähernd. Sie schien nur nach einem anderen Weg zu suchen, dem Schmerz auszuweichen und arbeiten kam ihr offensichtlich gerade recht.

„Kommst du?", riss Ally sie jetzt aus ihren Gedanken und Belle beeilte sich, ihre eigene Haube aufzusetzen und ihr zu folgen.

Offiziell gab Ally als Grund für ihre Entscheidung, ins Krankenhaus zurückzukehren, an, dass jede Hand gebraucht wurde, dass es egoistisch von ihr war, sich dem zu verweigern und dass die anderen Mädchen selber ohnehin genug zu tun hatten.

Joan hatte nämlich, kaum dass ihr die Tragweite der Geschehnisse bewusst geworden war, die anderen Mädchen organisiert, so dass Allys Schichten übernommen wurde und dass, wenn Belle arbeitete, immer jemand in Allys Nähe blieb, falls… nun, man wusste ja nie.

Es hatte Ally, als sie im Nachhinein davon erfahren hatte, wohl selber überrascht, dass es kaum jemanden gab, der nicht bereit gewesen war, ihr zu helfen, aber Belle wunderte das weniger. Ally war immer eine der ersten gewesen, die Schichten getauscht oder komplett übernommen hatte, wenn ein Mädchen nicht konnte, und viele waren froh, ihr das wiedergeben zu können, jetzt wo sie es brauchte.

„Schwester Ford, schön, dass sie wieder bei uns sind", Doktor Mulroney, einer der Stationsärzte, trat auf Ally zu, lächelnd, runzelte dann aber die Stirn, „oder soll ich…?"

„Ford ist okay", erwiderte Ally die Frage, die er sich nicht auszusprechen wagte und schaffte ein Kopfnicken.

Es war nicht mehr ihr Name, seit über einem Jahr nicht mehr, aber Belle wusste, dass sie nach ihrer Hochzeit bewusst entschieden hatte, die Neuigkeiten im Krankenhaus nicht zu verbreiten und ihren Mädchennamen zu verwenden, um Verwirrung zu vermeiden.

Inzwischen wusste natürlich jeder von ihrer Hochzeit und Verwitwung und jetzt war ihr Grund, auf Ford als Name zu bestehen, offensichtlich ein anderer, denn Belle konnte nur ahnen, was für einen Schmerz es Ally bereitet hätte, immer und ständig mit dem Namen ihres toten Ehemannes angesprochen zu werden.

„Was kann ich tun?", erkundigte Ally sich jetzt bei dem Arzt.

Er schien unsicher, warf einen kurzen Blick auf Belle, machte dann aber den Fehler, Ally in die Augen zu sehen und Belle wusste, was er dort sah.

Sie kannte diesen leeren, starren, kalten Blick, als wären alle Freude, alle Wärme, alle Liebe aus ihrem Blick, ihrem Leben gewichen.

Es war ja auch so. Denn egal ob es objektiv gesehen stimmte oder nicht, Ally musste es so empfinden im Moment und damit wurde es zu einer unumstößlichen Wahrheit.

„Sie… Sie könnten auf Station gehen", schlug Dr. Mulroney jetzt vor, „ich glaube, in C2 könnten die wen brauchen."

C, das waren die Offizierstationen, wo jede Krankenschwester gerne arbeitete, weil die Krankensaale kleiner waren und man sich um weniger Männer kümmern mussten, wo aber meistens nur die besseren eingesetzt wurden.

„Gern", Ally nickte und warf dann Belle einen Blick zu, die folgte, weil sie hier im Krankenhaus nur V.A.D. war und Ally war ausgebildete Schwester und damit in der Hierarchiekette weit über ihr.

Sie erreichten C2 schnell, wo man tatsächlich stark unterbesetzt war – aber das war man überall, dieser Tage, weil ständig neue Verwundete aus Frankreich herantransportiert wurden – und ihre Routine gewöhnt begannen beide schnell und effizient zu arbeiten.

Während sie die Betten abzog, beobachtete Belle Ally verstohlen aus den Augenwinkeln, immer noch fürchtend, dass ihre Freundin beim Anblick der schwer verwundeten Soldaten die Nerven verlieren würde, aber dem war nicht so.

Sie schien tatsächlich okay zu sein.

Vielleicht war es der Alltag, die Sicherheit etwas Wohlbekanntes zu tun, vielleicht die reine Ablenkung, vielleicht das Gefühl, helfen zu können, aber zum ersten Mal seit Wochen hatte Belle das Gefühl, dass die alte, echte Ally zum Vorschein kam.

Sie scherzte nicht so mit den Soldaten wie es früher getan hatte, ließ sich kaum auf Gespräche ein, aber sie erledigte ihre Arbeit mit der üblichen Gründlichkeit, war freundlich und hilfsbreit und manchmal zeigte sich auch der Schatten eines Lächelns auf ihren Zügen.

Wahrscheinlich hatte sie Recht. Sie würde okay sein. Nicht heute, nicht morgen, wahrscheinlich nicht mal in den nächsten Monaten, vielleicht würden auch Jahre vergehen, aber es würde der Tag kommen, an dem Ally ihren Frieden machen würde mit dem, was geschehen war.

Zumindest schien sie sich entschieden zu haben, zu leben.

Ally hatte nie etwas dahingehend gesagt, nicht mal angedeutet, so dass Belle anfangs gefürchtet, sich über nichts aufzuregen, bis Julia, die vernünftige, einfühlsame Julia, schließlich den gleichen Gedanken ausgesprochen und Muriel es nickend bestätigt hatte.

Sie hatten dann Schichten organisiert, so dass immer jemand in Allys Nähe blieb, in Hörweite und regelmäßig einen Blick auf sie werfend, ob alles in Ordnung war.

Denn Belle wusste nur zu gut, dass es Zeiten gab, in denen sterben einem einfacher schien als leben.

Der Gedanke musste auch Ally gekommen sein, irgendwann während der Tage und Wochen, die sie bewegungslos in ihrem Bett gelegen hatte, und Belle war jedes Mal erleichtert gewesen, wenn sie zurückgekehrt und Ally vorgefunden hatte, zwar nicht ansprechbar, aber lebend.

Sie war immerhin Krankenschwester und eine Gute zudem. Es wäre sehr leicht für sie gewesen, das eigene Leiden zu beenden, viel zu leicht eigentlich.

Warum hatte sie sich dagegen entschieden? Wo lag der Grund?

„Es hätte meine Mutter umgebracht."

Erschrocken fuhr Belle herum und ließ beinahe die gerate geleerte Bettpfanne fallen.

Ally stand ein Bett entfernt, über einen schlafenden Soldaten gebeugt und prüfte seinen Plus. Sie sah Belle nicht an, aber es war doch klar, dass sie gesprochen hatte, irgendwie gewusst haben musste, woran Belle dachte.

„Woher…?", fragte die jetzt, in ihrer Verwirrung nicht in der Lage, der Frage ein zufriedenstellendes Ende zu geben.

„Du hattest wieder diesen Blick", erklärte Ally ruhig, „als würdest du nur darauf warten, dass ich durchdrehe und mir etwas antue."

„Was du nicht vorhast?", Belle hatte es als Feststellung sagen wollen, aber es klang mehr nach einer Frage.

Endlich sah Ally auf, zuckte kurz mit den Schultern. „Es würde meine Mutter umbringen. Das kann ich ihr nicht antun, völlig abgesehen davon, was ich gerne tun würde oder nicht."

Es war nicht der Grund, den Belle sich erhofft hatte, es zeigte keinen wirklichen, eigenen Lebenswille, aber es war ein Grund. Ein logischer, verständlicher Grund, auf den Ally für sich gekommen und den sie für sich akzeptiert hatte und für den Moment musste das reichen.

„Hey, du!", wurde sie in ihren Gedanken unterbrochen und sah erneut erschrocken auf. Ally war einige Betten weitergegangen und zog gerade eine Spritze mit Penicillin auf, gesprochen hatte ein Mann, einer von denen, die hier arbeiteten, weil sie nicht Soldat hatten werden können und wollen, und er hatte offensichtlich Belle gemeint.

„Habt ihr noch Platz für den da?", er deutete auf ein Rollbett hinter ihm, auf dem Belle unter weißen Decken einen dunkelhaarigen Mann erkennen konnte, dessen Gesicht von einem Verband größtenteils bedeckt war.

Sie nickte. „Ja, im Nebenraum ist ein Bett frei."

Zusammen mit dem Mann rollte sie das Bett mit dem offensichtlich bewusstlosen Soldaten in den kleineren Nebenraum, in dem nur sechs Betten Platz hatten und das eigentlich für sehr hohe Offiziere reserviert war, aber darauf achtete eh niemand mehr.

„Was ist mit ihm?", fragte Belle, nachdem sie den Soldaten vom Rollbett in das richtige Bett gehievt hatten. Er hatte sich nicht gerührt.

„Sie haben ihn in Frankreich gefunden. Er war wohl ein Gefangener. Muss den Fritzens entwischt sein. Sonst weiß man nichts, er ist noch nicht aufgewacht und keiner kennt ihn", der Mann zuckte mit den Schultern und gab Belle dann die Krankenkarte.

„Ein Kriegsgefangener?", fragte plötzlich eine Stimme von der Türe und Belle musste sich nicht umdrehen um zu wissen, dass Ally ihnen gefolgt war.

Sie musste auch nicht nachfragen, um zu wissen, dass gerade Hoffnung und Angst gleichermaßen in ihrer Freundin tobten. Wie jedes Mal, wenn sie einen verletzten Soldaten einlieferten, der aus den deutschen Lagern kam.

„Es entkommt immer mal einer", erklärte der Mann neben Belle jetzt schulterzuckend. Er schien nicht zu wissen, warum das so wichtig war. Natürlich nicht.

Ally ignorierte ihn, trat nur sehr langsam auf das Bett zu, sich der Blicke von Belle, dem Helfer und den drei anderen Verletzten in ihren Betten, die, dankbar über die Abwechselung, das Schauspiel interessiert verfolgten.

Sie bliebt dicht neben dem Bett stehen und Belle hörte, sie sie leise die Luft ausstieß.

„Kennen Sie ihn?", fragte der Offizier im Bett an der Türe interessiert und erst dachte Belle, dass Ally nicht antworten würde, ihn gar nicht gehört hatte, aber dann nickte die Andere langsam.

„Ja", sehr vorsichtig berührte sie mit ihrer Hand die des bewusstlosen Soldaten, welche schlaff auf der Decke lag, „ja, ich kenne ihn."