37. Weitere Angriffe

Lockharts kleines Valentinstagsevent hatte nicht die erhoffte Wirkung, Freude in der Schule zu verbreiten. Nein, dabei hatte er versagt. Snape, der nach wie vor nicht wusste, wer ihm einen Liebesboten geschickt hatte, war in den nächsten Wochen mehr als nur leicht reizbar und jedes Mal, wenn er irgendwo das Wort ‚Haare', ‚fettig', ‚Nase' oder ähnliches aufschnappte, war er nahe daran zu explodieren.

„Nur mal so 'ne Frage", gähnte Fred am Morgen nach dem Valentinstag, als sie den beiden morgens im Gemeinschaftsraum, auf dem Weg zum Frühstück, über den Weg lief. „Glaubt ihr, man kann das Monster auf der Karte des Rumtreibers sehen?"

Stefanie und George warfen sich einen überraschten Blick zu, aber dann verdüsterte Stefanies Miene sich. „Wohl kaum, es ist ja kein Mensch."

„Mrs. Norris ist nicht eingezeichnet", stimmte George zu und Fred seufzte tief.

„Schade, ich dachte schon, das wäre die große Idee. Dann könnten wir sehen, wo es wohnt."

„Meinst du, es wäre mit Monster beschriftet?", kicherte Stefanie, während sie durch das Portraitloch kletterten und sich auf den Weg in die Große Halle machten.

„Vielleicht. Ich würde einen Blick schon riskieren, wenn wir alleine sind. Apropos alleine – wir müssen nachher zu Wahrsagen."

„Hättet ihr Arithmantik genommen, so wie ich, dann würde die Welt anders aussehen", informierte Stefanie sie und George stöhnte.

„Ich weiß nicht einmal, ob ich die Hausaufgaben gemacht habe."

„Ich werde ihr sagen, dass ich letztens in der Kristallkugel gesehen habe, dass ein Windstoß meine Hausaufgaben aus dem Fenster werfen wird, also habe ich mir die Mühe erspart und sie gar nicht erst geschrieben", grinste Fred und Stefanie musste lachen.

„Das wird sie sicher überzeugen."

Nach dem Frühstück machte sie sich also auf den Weg zum Unterricht für Arithmantik, den sie als einzige Gryffindor besuchte. Sie saß, wie immer, neben Cedric Diggory, bevor sie sich, nach dem Ende der Stunde, wieder alleine auf den Weg zum Gryffindorturm machte. Sie hatten eine kleine Pause, bevor es mit Verwandlung weiterging, und die nutzten sie und die Zwillinge eigentlich immer für irgendetwas Lustiges. Heute würde es vermutlich die Karte des Rumtreibers und die aussichtslose Suche nach einem Monster werden.

Sie ging gerade durch einen der Arkadengänge, als sie stehen blieb und einen Blick aus dem Fenster warf.

In der Spiegelung der Scheibe, konnte sie, wenn sie sich darauf konzentrierte, sich selbst sehen und sie musste feststellen, dass dem schlampige Dutt, zu dem sie ihre Haare lieblos hochgezwungen hatte, einige Strähnen entkommen waren. Mit einem leisen Seufzen begann sie, so gut es vor einer Scheibe eben ging, die Haare hineinzustecken, als sie plötzlich ein seltsames Beben spürte. Eigentlich war es kein wirkliches Beben, keine Erschütterung oder etwas in die Richtung, es kam ihr eher… ja, was eigentlich?

Und plötzlich bekam sie Angst. Was, wenn das gerade ihr siebter Sinn gewesen war, der durch ihre Animagusfähigkeit geschärft worden war? Nicht, dass sie jemals gehört hatte, dass das passierte, aber immerhin sagte man Katzen nach, Dinge sehen zu können, die Menschen entgingen.

Was, wenn das Monster auf den Weg zu ihr war? Warum war sie eigentlich alleine?

Ihr Herz begann heftig zu pochen und für einen Moment fühlte sie sich wie erstarrt. Dann tat sie, ohne es ihrem Körper bewusst zu empfehlen, rein instinktiv, einen Schritt vom Fenster weg, verwandelte sich und sprintete los. Sie wusste gar nicht so genau, wohin sie wollte, nur weg, einfach weg. Sie schlug einen Haken am Ende des Flures, rutschte fast gegen die Wand und schaffte es gerade noch so um die Ecke, wo sie wieder beschleunigte, um möglichst viele Meter zwischen sich und dem grausigen Gefühl der Furcht zu bringen.

Es kam ihr vor, als wäre sie durch das halbe Schloss gerannt, bis sie, zu ihrer großen Erleichterung, die Zwillinge am Ende des Flures, in den sie inzwischen gelangt war, erkannte.

Sie sprintete die letzten Meter, verwandelte sich (unklugerweise) im Lauf zurück, konnte ihren Schwung nicht mehr bremsen und wurde (nicht ganz freiwillig) von Georges Körper abgefangen.

„Steph!", entfuhr ihm, während sie beide zu Boden fielen und sie sanft (im Gegensatz zu ihm) auf seiner Brust landete. Sie fühlte sich zittrig, ein wenig schwindelig und immer noch war ihr Puls auf 180. Dennoch stieß sie erleichtert Luft aus und rollte sich von ihm herunter, bevor sie von Fred hochgezogen wurde.

„Womit haben wir diese überschwängliche Begrüßung verdient?", fragte er, bevor sein Bruder, der mit einem Stöhnen aufstand, hinzufügte: „War das ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass du umwerfend bist?"

„Nein, ich… ich weiß nicht, wahrscheinlich habe ich überreagiert aber… ich war gerade alleine auf dem Weg zurück zum Gemeinschaftsraum, als ich plötzlich so ein Gefühl hatte… Und irgendwie hab ich mir dann eingebildet, das Monster wäre vielleicht in der Nähe und solche Angst bekommen, dass ich das Weite gesucht habe." Sie schnitt eine Grimasse und fügte hinzu: „Ein wahrer Gryffindor. Kaum zu glauben, wie mutig ich bin. Aber das war einfach ein Instinkt, ich konnte mich nicht dagegen wehren."

„Gut möglich, dass ein wahrer Held, wie Harry zum Beispiel, sich heldenhaft in die Schlacht geworfen hätte, aber wir können es ja auf deine animagischen Triebe schieben und dich von jeglicher selbstverschuldeter Feigheit freisprechen", sagte George tröstend und warf ihr einen schiefen Blick zu.

„Du zitterst wirklich", merkte er an und Stefanie lachte freudlos.

„Ich hatte wirklich Angst. Aber das mit dem Fluchttrieb könnte tatsächlich stimmen." Irgendwie tröstete sie das ein wenig über ihr nicht wirklich mutiges Verhalten hinweg. „Kopf hoch Steph, besser Flucht und leben als Kampf und sterben, sagte Fred und klopfte ihr auf die Schulter, ganz so, als würde er ihr wirklich glauben, dass sie gerade dem Monster entkommen war. Oder beinahe so.

Glaubte sie es eigentlich selber? Irgendein Teil von ihr hatte es auf jeden Fall geglaubt, als sie alleine im Flur gestanden war, sonst wäre sie nicht gerannt, als wäre der Teufel hinter ihr her gewesen.

Sie schluckte und versuchte sich auszumalen, was passieren hätte können. Ob das Monster wohl aus Prinzip versteinerte, oder ob es manchmal auch tötete?

„Wir könnten aber auf der Karte nachsehen, wer in der Nähe ist", schlug George vor und riss sie aus ihren Gedanken.

„Vielleicht stammte die furchteinflößende Aura, die du wahrgenommen hast, auch einfach von Bletchley, der im Klo geübt hat, zu lächeln."

„Oder Snape, der versucht hat, sich zum Haarewaschen zu überwinden", fuhr Fred fort und duckte sich dann ein wenig, als hätte er Angst, einen Zauber von Snape abzubekommen, weil er das Wort Haare in Kombination mit Waschen ausgesprochen hatte.

„Schaden wird es nicht. Habt ihr sie dabei?", fragte Stefanie und sah die beiden neugierig an. Beinahe sofort griff George in seinen Umhang und holte das unscheinbare Stück Pergament heraus.

„Immer. Also, wollen wir mal sehen… Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin!"

Vor ihnen begannen sich die inzwischen so vertrauten Linien abzumalen, die die Konturen des Schlosses aufzeichneten und ihnen Einblick in das rege Treiben um sie herum boten.

„Sieh an, sieh an...", murmelte Fred und beugte sich ein wenig nach vorne. „Seht mal, Harry, Ron und Hermine haben wohl einen neuen Freund. Kennst du einen Peter?"

„Nein, ich interessiere mich nicht sonderlich für die Jüngeren", gab Stefanie zu und warf einen desinteressierten Blick auf den Schriftzug von Peter Pettigrew. „Und der könnte auch nur zufällig mit ihnen unterwegs sein."

„Nein, vor Weihnachten mal war der mit ihnen am Klo. Frag mich nicht, was die dauernd am Klo machen, aber nachdem wir illegale Aktivitäten grundsätzlich unterstützen, haben wir uns gedacht, dass es nicht zu verurteilen ist, wenn Ron, Harry und Hermine zusammen im Toilettenraum sind. Obwohl wir uns nicht sicher waren, ob sie diesen Peter nicht eingekreist und gemobbt haben, aber das ist wohl nicht so ihr Stil?"

„Vielleicht ist er ein Slytherin?", schlug Stefanie vor, konnte aber nicht wirklich ehrliche Neugierde für die Geschichte mit dem Klo aufbringen. Klang ganz nach der Sorte Geschichten, die Fred aus dem FF erzählte, aber jedes Wort erfand.

„Wie dem auch sei, ich sehe hier kein Monster. Obwohl, schau Stefanie, da ist Lockhart, vielleicht hast du seine Aura gespürt?"

„Vielleicht ist er drauf gekommen, dass du das damals warst, mit seinen Haaren, und will sich rächen", stimmte Fred seinem Bruder zu und seine Mundwinkel zuckte gefährlich während Stefanie Schwierigkeiten hatte, nicht hilflos loszulachen. Was hatte sie doch für ein Glück, dass sie zwei Freunde hatten, denen es gelang, sie so schnell wieder aufzubauen, nachdem sie solche Ängste durchstanden hatte!

Sie fanden kein Monster auf der Karte, kamen dafür aber zu spät zum Unterricht für Verwandlung und mussten diesen Umstand dadurch erklären, dass Fred und George so mitdenkend gewesen waren und Stefanie vom Arithmantik Unterricht hierher eskortiert hatten. Umfangreich schmückte Fred aus, wie lange der Weg vom Turm, in dem Wahrsagen unterrichtet wurde, bis zum Klassenzimmer für Arithmantik eigentlich war und Stefanie versicherte, unter Georges Aufforderung, glaubhaft, wie sehr sie sich gelangweilt hatte, während sie zum Warten gezwungen gewesen war.

„Warum sind Sie nicht einfach mit Ihren Mitschülern mitgegangen? Sie mögen zwar die einzige Gryffindor sein, die Arithmantik besucht, aber Ravenclaws waren doch gewiss anwesend?"

Das war tatsächlich der Haken in ihrem Plan, aber Fred teilte McGonagall aufopfernd mit, dass Stefanie nicht sehr beliebt bei den Ravenclaws war, was ein wenig peinlich war, weil gerade sämtliche Ravenclaws anwesend waren, die sie, wegen der Roger-Sache, ja tatsächlich nicht mochten. McGonagall nickte knapp und ließ ihnen die Verspätung ohne Strafe durchgehen.

Danach hatten sie nicht mehr viel Zeit, um über die Karte des Rumtreibers nachzudenken, denn Wood hatte sich mal wieder eine neue Strategie ausgedacht und Quidditch rückte erneut in den Mittelpunkt, je näher das Spiel Gryffindor gegen Hufflepuff kam.

Auch Stefanie fieberte dem Spiel entgegen, gab es doch wieder eine reale Chance für Gryffindor, den Pokal zu bekommen, etwas, worauf sie alle schon lange genug warteten.

Zwischen Wood und Alicia schien sich tatsächlich etwas anzubahnen. Beim nächsten Hogsmeadewochenende gingen sie gemeinsam ins Dorf und verschwanden dann in das grässliche Café von Madame Puddifoot. Stefanie, Angelina, Lee und die Zwillinge vertrieben sich die Zeit bei Zonko's und im Honigtopf, wo sie ihre Vorräte erneuerten und sich durch einige neuen Süßigkeiten kosteten.

Der Tag des Spiels rückte näher und als er gekommen war, erwachte Stefanie bereits mit einer gewissen Unruhe in ihrem Magen. Was, wenn sie heute verlieren würden? Dann wäre ihr Traum zu gewinnen schon wieder geplatzt. Dabei hatten sie die beste Mannschaft! Es musste eigentlich einfach funktionieren, sie konnten nicht verlieren.

Beim Frühstück musste Stefanie Angelina zureden überhaupt etwas zu essen.

„Versteh doch", jammerte diese, „Ich kann einfach nicht. Ich bin viel zu aufgeregt, ich werde keinen Bissen runter bringen!"

„Wenn du das nicht tust, dann wirst du vom Besen fallen!"

Aber sie wollte nicht und Stefanie schenkte sich genervt eine Tasse Kürbissaft ein. „Wieso ist es eigentlich bei jedem Spiel dasselbe? Immer dieses Theater ums Essen. Dabei möchte man meinen du wärst intelligent genug um zu wissen, was dein Körper braucht, und was nicht."

Alicia, die bisher ebenfalls nichts gegessen hatte, zuckte ein wenig zusammen und nahm sich schnell ein Ei. Wood zwinkerte ihr zu und Stefanie sah schnell weg, damit die beiden sich nicht beobachtet fühlten, doch Angelina reagierte mit einem leisen, und weniger diskreten Kichern.

Dafür kassierte sie einen strafenden Blick von Stefanie, der sie verstummen ließ.

Bald darauf erhob sich die Mannschaft und sie zogen los, um ihre Quidditchsachen zu holen. Stefanie blieb noch ein wenig in der Großen Halle und unterhielt sich mit Mariechen, die an diesem Morgen ohne Ginny am Tisch saß.

„Wo ist sie denn?", fragte Stefanie nach, doch Marie schüttelte nur ihren Kopf.

„Ich habe keine Ahnung. Sie wollte vorher noch aufs Klo gehen, aber du siehst ja, dass sie nicht da ist… also frag mich nicht. Sie ist in letzter Zeit sowieso ein wenig komisch geworden… vielleicht hat sie Angst vor den Prüfungen…."

„Ja, vielleicht", stimmte Stefanie ihr zu und sie schlossen sich einer Reihe anderer Schüler an, mit denen sie zusammen das Schloss verließen und Richtung Stadion gingen. Stefanie sagte es Marie nicht, aber sie tat es, damit sie nicht als zwei Muggelgeborene alleine durch das Schloss gingen. Das wäre nämlich in ihren Augen das Dümmste, das sie tun könnten.

Da Ginny immer noch nicht wieder da zu sein schien, setzten sich Marie und Stefanie nebeneinander und beobachteten gespannt, wie die Spieler auf das Feld kamen und ihre Besen bestiegen. Jubel brach aus, während Madame Hooch den Startpfiff gab und die Spieler sich in die Lüfte erhoben.

„Daniel ist echt ein guter Flieger", stellte Mariechen fest und zeigte auf den Jungen, von dem nur ein roter Dunst zu erkennen war.

„Man zeigt mit dem Finger nicht auf Leute, Marie!" Aber Stefanie lachte, während sie das sagte und beugte sich ein wenig weiter vor, um besser sehen zu können. Und das tat sie auch. Zu ihrem großen Erstaunen kam McGonagall auf das Feld gerannt und durch ein magisches Mikrophon verkündete sie laut: „Das Spiel ist abgesagt! Alle Schüler gehen zurück in die Gemeinschaftsräume, wo die Hauslehrer ihnen alles Weitere erklären. So schnell sie können, bitte!"

Marie und Stefanie warfen sich besorgte Blicke zu. Sie sprachen kein Wort, aber in Stefanies Gedanken ging es auf und nieder. Was war passiert? Quidditch hatte die Angewohnheit einfach immer stattzufinden, egal welches Wetter vorherrschte, und nun fand es nicht statt und es lag definitiv nicht am Wetter. Also war etwas passiert.

Ein Schauder lief über ihren Rücken, als sie darüber nachdachte, ob es wieder einen Angriff gegeben haben könnte und wenn, wen es dieses Mal getroffen hatte.

Im Gemeinschaftsraum ging es zu, wie in einem Bienenstock. Alle redeten wild durcheinander und warteten auf Professor McGonagall, die sich Zeit zu lassen schien. Fred und George, die immer noch ihre Quidditchanzüge trugen, hatten das Gerücht aufgeschnappt, dass es sich bei den Opfern um Hermine und ein Ravenclawmädchen, namens Penelope Clearwater handelte. „Sie war eine Vertrauensschülerin", murmelte Fred und deutete mit dem Kinn auf Percy, der ganz geschockt aussah. „Er hätte wohl nicht damit gerechnet, dass auch solche angegriffen werden."

„Warum sollte das Monster da einen Unterschied machen?"

Doch in diesem Augenblick kam endlich Professor McGonagall in den Raum und sofort breitete sich Schweigen aus. Ihr folgten Harry und Ron, beide blass und geschockt, was wohl dafür sprach, dass es tatsächlich Hermine war, die jetzt unten im Krankenflügel lag.

Nach einer kurzen Bestätigung dieser Vermutung, erläuterte McGonagall ihnen die neuen Regeln. „Sie alle kehren spätestens um sechs Uhr abends zurück in die Gemeinschaftsräume. Danach verlässt keiner mehr den Schlafsaal. Ein Lehrer wird Sie zu jeder Unterrichtsstunde begleiten. Kein Schüler geht ohne Begleitung eines Lehrers auf die Toilette. Quidditchtraining und -Spiele sind bis auf weiteres gestrichen. Es gibt keine abendlichen Veranstaltungen mehr." Sie rollte das Blatt Pergament zusammen und Stefanie legte Marie, die neben Ginny auf dem Boden stand, die Hand auf die Schulter.

„Ich muss wohl kaum hinzufügen, dass ich in größter Sorge bin. Wahrscheinlich wird die Schule geschlossen, wenn der Schurke, der hinter den Angriffen steckt, nicht gefasst wird. Ich ermahne eindringlichst jeden, der glaubt, etwas darüber zu wissen, mit der Sprache herauszurücken."

Niemand sagte etwas und sie kletterte aus dem Portraitloch hinaus.

Sobald sie verschwunden war, begannen die Gryffindors wild miteinander zu reden.

„Jetzt sind schon zwei Gryffindors außer Gefecht, ein Geist von uns nicht mitgezählt, und ein Ravenclaw und ein Hufflepuff", zählte Lee an den Fingern ab, „Hat denn von den Lehrern keiner mitgekriegt, dass die Slytherins noch vollzählig sind? Ist es nicht glasklar, dass diese Angriffe von Slytherin ausgehen? – Warum werfen sie nicht alle Slytherins raus?"

Ein paar stimmten ihm zu, doch Stefanie schwieg zu diesem Thema. Natürlich waren die Slytherins noch vollzählig, sie setzten sich ja auch nur aus Reinblütern zusammen. Sie kannte keinen einzigen von ihnen, der muggelgeboren war.

Besorgt glitt ihr Blick zu ihrer Schwester und sie hoffte inständig, dass sie vor einem Angriff verschont bleiben würde. Es war ihr erstes Jahr in Hogwarts und sollte ihr gleich dann so etwas Schreckliches wiederfahren… nein, das durfte auf keinen Fall passieren. Sie konnte nur hoffen, dass der Blutdurst des Monsters fürs Erste wieder gestillt war.

Als der Gemeinschaftsraum sich langsam wieder leerte, kamen die Zwillinge aus ihrem Schlafsaal zurück. Sie hatten sich umgezogen und warfen sich nun mehr oder weniger gut gelaunt auf ein Sofa.

„Schade um das Quidditchspiel", begann Fred taktlos und Stefanie unterbrach ihn empört.

„Schade um Hermine! Schade um all die anderen Opfer! Schade, dass Hogwarts vielleicht geschlossen werden wird! Und du? Du denkst an Quidditch!"

Sie spürte, wie etwas in ihr bebte und ballte ihre Hände zu Fäusten, als sie bemerkte, dass sie leicht zitterten. Nur ungern wurde sie den Zwillingen gegenüber laut, aber Fred war manchmal wirklich unsensibel. „Du bist ja Reinblüter", murmelte sie leise, als würde das ihren Ausbruch entschuldigen. „Natürlich musst du nichts anderes im Kopf haben als die abgesagten Spiele."

„Steph…", begann George, doch sie winkte ab.

„Ist ja egal, grundsätzlich sogar schön. Ihr behaltet eure Frohnatur, selbst, wenn alles irgendwie schlecht läuft. Das schätze ich ja eigentlich an euch."

Sie stand auf, um in den Schlafsaal zu gehen, und lächelte die beiden noch einmal an. „Gute Nacht. Und ich wollte dich nicht anschreien, Fred."

Am nächsten Tag erfuhr Stefanie jedoch etwas, das noch viel schlimmer erschien, als die Angriffe. Eigentlich waren es zwei Dinge, denen sie absolut negativ gegenüberstand. Das Erste war, dass man Hagrid nach Askaban gebracht hatte, angeblich, weil er das Monster befehligt hätte. Das hielten alle für lächerlich.

Das Zweite war die Tatsache, dass Dumbledore suspendiert worden war. Niemand mochte dem wirklich Glauben schenken, oder zumindest verstand niemand, warum die Schulräte diesen Entschluss gefasst hatten, aber ohne Dumbledore fühlten sie sich gleich um einiges unsicherer im Schloss. Es war, als würde ein Schutzschild von ihnen genommen worden sein, eines, das vor allem Stefanie gerne gehabt hätte.

So trübsinnig es im Schloss nun auch zugehen mochte, der Sommer ließ sich davon nicht abhalten. Langsam wurde es wärmer, aber recht spüren mochte niemand etwas davon. Zum ersten Mal, seit sie in Hogwarts war, sehnte sich Stefanie den Ferien entgegen. Zwei Monate, in denen sie nicht um ihr Leben, oder das ihrer Schwester fürchten musste und zwei Monate, in denen man in aller Ruhe erneut nach der Kammer des Schreckens suchen könnte.

Zwar war sich Stefanie ziemlich sicher, dass ihr nichts passieren konnte, solange sie in der Nähe der Zwillinge blieb, aber sie konnten sie nun auch nicht auf jeden Gang begleiten. Wenn sie beispielsweise Alte Runen hatte, und die anderen Wahrsagen, dann standen die Lehrer schon vor einem Problem und sie musste auf den Lehrer warten, der die Ravenclaws unterrichtet hatte, um mit ihnen mitzugehen, oder zuerst hinauf in den Turm steigen, in dem Wahrsagen unterrichtet wurde, um dann wieder hinunter zu ihrem Fach zu gehen. Es war ein unglaublicher Mehraufwand, der zu ihrer Sicherheit betrieben wurde, aber Stefanie war sich nicht einmal sicher, ob das Monster vor einem Lehrer halt machen würde.

Auf jeden Fall schienen all die Vorkehrungen zu wirken, denn es wurde niemand mehr angegriffen.

Eines Abends saß Stefanie zusammen mit den Zwillingen im Gemeinschaftsraum, als ein leises Kratzen am Fenster zu hören war. Stefanie bemerkte es erst, als Lavender Brown aus der Zweiten verkündete, dass dort eine Eule säße und wem sie gehören würde. Es handelte sich dabei tatsächlich um Ivy und rasch stand Stefanie auf, um ihr den Brief abzunehmen, während Whisky um ihre Beine schnurrte.

Es war ein Brief von ihren Eltern, denen Stefanie wohlweislich verschwiegen hatte, was in der Schule alles passierte, damit sie nicht auf die Idee kamen, sie nach Hause zu holen.

Ein wenig gedankenverloren, da sie ihr schlechtes Gewissen plagte, setzte sie sich neben die Zwillinge und faltete den Brief auseinander.

Liebe Stefanie, liebe Marie, Wir hoffen, dass es euch immer noch gut geht und Marie ihre so positive Meinung bezüglich der Schule nicht plötzlich wieder geändert hat. Um ehrlich zu sein, zählen wir die Tage am Kalender, bis unsere beiden Mädchen wieder zu Hause sind, denn wir vermissen euch sehr. Wenn nur eine von euch fehlt, dann ist es ja ertragbar, aber wenn beide weg sind, dann ist es im Haus so still, als wäre es verlassen. Es freut uns, dass unsere Weihnachtsgeschenke euch gefallen und auch passen und danke noch einmal für die Süßigkeiten, sie waren, wie immer, sehr lecker. Wir haben auch eine Überraschung für euch und hier muss ich sagen, dass es leider keine sein kann, weil du, liebe Stefanie, deine Ferien sonst wieder verplanst und dich dann ärgerst, weil du nicht mitkannst. Deswegen sagen wir dir schon jetzt, dass du diese Ferien lieber nicht anderwertig verplanen solltest, denn Papa hat sich zwei Wochen freigenommen und diese Zeit werden wir auf der wunderschönen Insel Malta verbringen! Wir haben uns gedacht, dass ihr sowieso das ganze Jahr über im kalten Britannien seid und euch richtig warme, nein, heiße Gefilde, vielleicht nicht schaden würden. Ich war noch nie dort, aber Papa schon und er sagt, dass es viel Sehenswertes gibt. Dieses Jahr haben wir dir übrigens auch ein Geburtstagsgeschenk gekauft, das wir aber nicht mitgeschickt haben. Es handelt sich dabei um eine Kamera und wir hoffen, dass du ein wenig Freude damit haben wirst. Vielleicht bekommst du die Bilder ja so hin, dass sie sich bewegen. Wir wünschen euch viel Glück bei euren Prüfungen und alles Liebe. Und natürlich viel Spaß. Stefanie, grüß doch die Zwillinge von uns. In Liebe, eure Eltern und Christoph, der euch lieb grüßen lässt

Stefanie ließ ihre Hände sinken und seufzte.

„Hm?", machte Fred, der es bemerkt hatte. „Keine guten Neuigkeiten?"

„Doch, doch, ich … ich soll euch von meinen Eltern grüßen." Sie lächelte und auch George wandte sich nun ihr zu. „Deswegen seufzt du?"

„Nein, das ist es nicht." Stefanie lachte kurz, aber es klang gekünstelt und das fand sie auch selber. „Hier, Marie, von unseren Eltern." Sie reichte ihrer kleinen Schwester den Brief, und sah den Zwillingen dann mit angezogenen Beinen dabei zu, wie sie mit Harry und Ron Zauberschnippschnapp spielten. Auch Ginny sah ihnen nur zu, aber, wie so oft in letzter Zeit, wirkte sie nicht wirklich glücklich und Stefanie fragte sich, ob auch Marie solche Ängste durchlitt und es nur nicht zeigte, oder ob das Ganze an ihr ein wenig spurloser vorüber ging. Sie konnte nur hoffen, dass ihre Schwester kein Hogwarts-Trauma bekam.

Die Zwillinge spielten noch eine ganze Weile, dann verkündete Marie, dass sie müde wäre und ins Bett wollte und Ginny folgte ihr. Stefanie beobachtete noch ein Spiel, dann ging auch sie und die Zwillinge schlossen sich ihr an.