38. Ein ernstes Gespräch

,,Hermine, mein Vater fragt, ob du dieses Jahr im Fuchsbau Weihnachten feiern willst?" sagte Ron, während er den Brief sinken ließ.

Die Angesprochene wurde von diesen Worten aus ihren Gedanken gerissen. Sie hatte bisher jeden Tag gezählt. Es war nur noch eine Woche bis Weihnachten. Nur noch ein Woche.

Sie schüttelte entschuldigend den Kopf. ,,Ich habe meiner Mutter versprochen, das wir zusammen feiern, Ron. Aber Harry ist ja bei dir."

Harry schob sich eine Gabel Speck in den Mund und kaute hastig. ,,Ich gehe bestimmt nicht zu den Dursleys. Ich weiß zum Glück schon gar nicht mehr, wie es ist Weihnachten bei ihnen zu feiern."

,,Wahrscheinlich ermahnt dich deine Tante dauernd, dass du nicht ihre Tischdecke mit Soße volltropfen sollst!" bemerkte Ron mit vollem Mund.

Über Harrys Gesicht schlich sich ein missmutiges gequältes Lächeln. Er schien sich nur zu gut erinnern. ,,Ja, und mein Onkel schimpft über die Nachbarn, weil die seiner Meinung nach eine zu protzige Weihnachtsbeleuchtung haben."

,,Meinst du diese Rentiere mit leuchtender roter Nase?" fragte Ron . ,,Meine Mutter musste meinen Vater daran hindern, so etwas im Garten auf zu stellen. Sie war fuchsteufelswild."

Alle mussten plötzlich lächeln bei dem Gedanken daran, dass Mr. Weasleys Leidenschaft für Muggeldinge manchmal unheimliche Ausmaße annahm.

Hermine griff nach einem Zimtplätzchen, die in der großen Halle überall in Schalen herumstanden. Auf allen Tischen tauchten etliche brennende Kerzen die Halle in ein goldenes vorweihnachtliches Licht.

Sie konnte sich an ähnliche Dinge erinnern. Nur dass ihre Eltern sich nicht über ein Rentier sondern über einen grässlichen Weihnachtsmann gestritten hatte, den ihr Vater vor der Tür hatte aufstellen wollen.

Aber diese Streitereien waren nicht schlimm gewesen. Irgendwie erinnerte sich Hermine gerne daran zurück. Damals hatte sie noch nicht geahnt, dass ihre Eltern schon bald nicht mehr in einem Haus leben würden.

Inzwischen wusste sie nicht mehr recht, ob sie sich auf Weihnachten noch so sehr freute wie noch Wochen zuvor. Es lag nicht nur daran, dass sie trotz der Einnahme des sedatio-Tranks eine unterschwellige Traurigkeit verspürte, sondern auch an der Vorahnung, dass das Weihnachtsfest nicht ganz so ausfallen würde, wie sie es gerne gehabt hätte. Beinahe wäre sie geneigt gewesen Rons Angebot an zu nehmen, denn sie konnte sich nichts schöneres vorstellen als bei den Weasleys Heilig Abend zu verbringen, doch sie hatte ihrer Mutter versprochen weder in Hogwarts zu bleiben noch in den Fuchsbau zu gehen.

Es ist immerhin Weihnachten, Hermine. Es ist deine Mutter. Sie kann nichts dafür, dass dein Vater immerzu das Fest ruinieren muss. Selbst an das Gebrabble ihrer Tante hatte sie sich inzwischen gewöhnt, obwohl jeder halbwegs intelligente Mensch nach der dritten Anekdote über die laut bellenden Nachbarshunde und die Unhöflichkeit englischer Verkäuferinnen die Ohren auf den Teller legte. Ihre Mutter legte ihr vor dem Essen immer die Hand auf die Schulter und sagte ,,Sei tapfer, Hermine!", nicht ohne ihr dabei ein neckisches Lächeln zu schenken.

Über Hogwarts redeten sie am Weihnachtsabend nie. Nicht vor den Verwandten. Und auch nicht vor ihrem Vater, der nie ganz begriffen hatte, dass Hermine im Begriff war, eine Hexe zu werden. Es war, als würden die Dinge einfach nicht existieren, wenn man nicht über sie sprach.

Ihre Mutter war es, die zuerst begriffen hatte, was mit ihr geschah. Dass sie intelligenter war, als die Kinder, mit denen sie spielte und dass sie schon früh versuchte, soviel wie möglich in Erfahrung zu bringen. Ihre Mutter war es, die immer wieder stolz erzählte, dass ihre kleine Tochter mit sieben Jahren David Copperfield durchgelesen hatte.

,,Oh toll, dann hat sie ja nur zwei Jahre gebraucht." hatte ihre Onkel Winston am Weihnachtsabend erwidert. Hermine erinnerte sich noch genau daran, dass sie in diesem Moment genau den genervten Gesichtsausdruck geerntet hatte, wie sie ihn danach in vielen Gesichtern wiedergefunden hatte.

Harry war es, der die Zeitung durchblätterte. ,,Wenigstens keine ermordeten Muggel in letzter Zeit." sagte er, während er die Artikel überflog.

,,Warum lest ihr das eigentlich noch?" wollte Ron wissen. ,,Ich dachte die schreiben sowieso nur die halbe Wahrheit."

,,Man muss den Feind kennen, Ron." erwiderte Hermine und griff sich noch einen Keks. Der Geschmack des Zimts auf der Zunge erinnerte sie an Dumbledores blauen sanften Blick. Und die Gedanke an diese Augen - es war seltsam - aber er beruhigte sie.

Ron blickte wieder auf den Brief, den er in den Händen hielt. Das Wort ,Feind schien ihm gar nicht zu gefallen. Es erinnerte ihn an das, was er erfolgreich versucht hatte zu verdrängen. Dass außerhalb dieser Mauern eine Gefahr lauerte, die nicht zu unterschätzen war.

,,Das Ministerium als Feind. Also ich finde das ziemlich unheimlich." erwiderte Ron, während er mit seinem Zeigefinger über ein eingeritztes Muster im Tisch fuhr.

,,Ja, aber so ist es." sagte Harry bestimmt. ,,Wir sollten uns nicht mehr auf den Zaubereiminister verlassen. Wer weiß, vielleicht ist er schon- ."

,,Einer von ihnen?" fragte Ron.

,,Der Imperius, Ron." sagte Hermine ernst und sah ihrem besten Freund entgegen. ,,Möglicherweise haben sie ihn mit einem Fluch belegt. Oder sie haben es vor."

,,Und wem können wir dann noch vertrauen, Hermine?"

,,Dumbledore." erwiderte Harry und ließ die Zeitung sinken.

,,Ehrlich gesagt finde ich es nicht sehr beruhigend, dass er nie zu sehen ist, Harry. Er sitzt fast nie in der großen Halle. Ich sehe ihn auch nie in den Gängen. Es ist, als sei er spurlos verschwunden."

,,Er sucht nach etwas. Er hat es mir erzählt. Deswegen ist er so oft weg." Harry beugte sich vor und flüsterte leise. ,,Es hat etwas mit Voldemort zu tun. Mit seinem Wunsch ewig zu leben. Aber ich weiß noch nicht genug um euch alles zu erzählen."

,,Ist schon gut, Harry." erwiderte Hermine ,,Du hast wahrscheinlich noch einige Treffen mit Dumbledore vor dir."

Harry nickte matt. Hermine ahnte, dass er sich nur wenig darauf freute, in die Erinnerungen der Kreatur ein zu tauchen, die seine Eltern auf dem Gewissen hatte. Und dass es ihm vermutlich Angst machte, zu wissen, dass dies die Vorbreitung auf die endgültige Konfrontation mit Voldemort war.

Aber selbst der Blindeste musste merken, dass etwas um sie herum geschah, das man nicht mehr rückgängig machen konnte, so sehr man es auch wollte. Sie alle mussten das Beste tun, was sie konnten. Sich vorbereiten.

Mit einem Mal spürte Hermine einen eisigen Schauer, der ihr den Rücken hinunter lief. Er überdeckte sogar für einen kurzen Moment den Schmerz unglücklich verliebt zu sein.

Vielleicht solltest du dich auf andere Dinge konzentrieren, als in deinen Gedanken Severus Snape hinter her zu laufen. Vielleicht solltest du dich wirklich einmal so erwachsen aufführen, wie du behauptest zu sein. Harry hat mehr zu ertragen als du und trotzdem gibt er nicht auf.

,,Ich vertraue Dumbledore, Ron. Und du solltest es auch." sagte sie entschieden.

,,Das tue ich doch!" protestierte der Rothaarige und stopfte den Brief seiner Mutter zurück in den Umschlag. ,,Ich hatte mir nur Sorgen gemacht."

Eine kurze Weile war es still. Nur das Gemurmel der anderen und das Geklapper von Besteck drang zu ihnen herüber.

,,Was ist mit Slughorns Weihnachtsfeier?" fragte Ron, die Stille brechend. In seiner Stimme konnte man die unverhohlene Freude darüber wahrnehmen, dass auch er eingeladen war.

,,Wen nehmt ihr mit?"

Hermine schüttelte den Kopf. ,,Ich weiß nicht." Sie verspürte keine besondere Lust auf diese Feier. Sie hatte es nicht geschafft sich dem letzten Essen bei Slughorn zu entziehen. Es war zwar nett gewesen, aber die Gewissheit, dass Ron und viele andere davon ausgeschlossen worden waren, weil sie nicht Slughorn Bild eines erfolgreichen Menschen passten hatte ihr den Spaß gewaltig verdorben.

Plötzlich spürte sie Rons warmen, leuchtenden Blick auf sich. Seine Hände griffen unruhig ineinander. ,,Hermine?"

,,Ja?"

,,Kannst du nicht mit mir gehen?"

,,Was ist mit Levander?" fragte Harry feixend. Es schien als würde Ron zusammenzucken, als er ihren Namen hörte. ,,Oh, das – das ist eine schwierige Geschichte- sie weiß nicht- oh bitte Hermine , geh mit mir dorthin."

Sein Blick bekam etwas bettelndes.

Hermine wollte Protest einlegen. Aber schon im nächsten Moment sah sie ein, dass es das geringste war, das sie tun konnte, ihn für einen Abend vor dieser Klette von einem Mädchen zu retten. Er war ein Freund, wie man ihn sich besser nicht wünschen konnte. Er war ein herzensguter Kerl.

,,Schon gut, Ron. Schon gut." erwiderte sie und schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln.

Sie griff erneut zu einem Zimtplätzchen. Der Geschmack des Zimts auf ihrer Zunge tat gut.