Epilog

Hi Watson! Boah, was für ein anstrengender Tag! Ich bin eben kein Grundschulkind mehr. Das Gymi ist schon was ganz Anderes. Ich bin übrigens an deiner alten Schule gelandet, aber ich schätze, nur die ganz alten Lehrer, die so um die 40 oder noch älter sind, werden sich noch an dich erinnern. Emilia hat wieder ganz schrecklich geheult, als ich sie am Tor zur Grundschule zurückgelassen habe. Dass die sich in einem Jahr so daran gewöhnt hat, dass ihr großer Bruder immer in der Nähe ist. Dabei hat sie doch so viele nette Leute in ihrer Klasse… naja, so ziemlich alle, außer Prinz Seidel. Raphael ist ein Kotzbrocken wie eh und je. Was heißt Kotzbrocken? Meine Federtasche ist viel schöner als deine. Mein Füller ist von Mountblanc. Tja, schreiben kannste immer noch nich und Tintenflecken sind scheiße, ejal, ob Edelmarke oder Aldi. Siehst du, ich kann wie Opa Bernd klingen. Wenn keiner dabei ist, dann ist Raphael eigentlich ein guter Kumpel, aber das kippt von jetzt auf gleich, wenn jemand dazukommt. Papa meint, Raphael will nur cool sein, aber wenn er sich erstmal gefunden hat, dann lässt die Angeberei nach – das wäre bei seinem Papa, also bei Onkel David auch so gewesen. Ich bin mir da nicht so sicher. Ich habe noch nicht einmal angefangen mich zu suchen und bin auch nicht so. Mit Onkel David kann ich nicht immer etwas anfangen. Ich finde, er ist so schrecklich steif und braucht so lange, um aufzutauen, aber wenn, dann ist es immer lustig mit ihm. Er sollte schneller in diesen Zustand kommen, da müssen wir noch dran arbeiten. Naja, wir sehen uns nicht oft genug, damit sich das ändert…

Aber lass mich zum eigentlichen Thema zurückkommen. Viel Zeit habe ich ja nicht. Auch wenn heute Mamas und Papas Hochzeitstag ist und die nur mit ihrem Romantikkram beschäftigt sind und sich… ihhh… ständig küssen, kann ich nicht so spät nach Hause kommen. Du kennst doch Mama, die macht sich so schnell Sorgen. Manchmal wünschte ich, du wärst noch bei uns. Gut, ich habe dich nie kennen gelernt, aber Mama und Papa erzählen oft von dir und so ist es, als hätte ich dich gekannt. Du bist doch mein großer Bruder und große Brüder müssen doch für die kleinen Brüder da sein, oder? Also hör zu: Ich meiner Klasse ist ein Mädchen und die hat mir heute einen Zettel geschrieben. Da stand drauf: Willst du mit mir gehen? Ja – Nein – Vielleicht. Und das ist auch schon das Problem: Ich will nicht, aber ich kann doch nicht „Nein" ankreuzen, dann ist sie bestimmt traurig, aber „Ja" kann ich auch nicht ankreuzen, denn ich will ja nicht. Und wenn ich „vielleicht" ankreuze, dann fragte sie nächste Woche gleich wieder. Ich weiß gar nicht, was alle daran finden, miteinander zu gehen. Mädchen… naja, die sind ja nicht übel, aber so Händchen halten und so? Nee, ohne mich! Miss Moneypenny bleibt das einzige Mädchen in meinem Leben. Ich meine, die ist wenigstens treu und ändert nicht im Minutentakt ihre Meinung.

Am Wochenende waren wir auf einer Hochzeit, dabei sind wir weder mit dieser Julia noch mit ihrem Bräutigam verwandt. Wenn ich mal heirate, dann lade ich keinen ein, der nicht mit mir verwandt ist. Ihre Tochter Lea wohnt nicht immer bei ihr. Die wohnt bei ihrem Vater und sie hat Emilia die ganze Zeit frisiert – und das bei Emilias Locken! Ich bin mir ziemlich sicher, dass Papa auch solche Locken hat, wenn er seine Haare lang tragen würde. Hast du eine Ahnung, wie weit es von Berlin nach Hannover ist? Ich wäre ja lieber bei Onkel Bruno und Opa und Oma geblieben, aber ich musste mit. Emilia hat die ganze Zeit „Ich sehe was, was du nicht siehst" gespielt.

Opa Siegfried war im Krankenhaus. Er hat einen… wie heißt das doch gleich? Das ist etwas am Herzen, damit es nicht stolpert… naja, er ist operiert worden. Er sagt, er ist so fit, er wird mal 111. Die Vorstellung finde ich lustig.

Wer auch total lustig ist, ist Hugo. Er hat uns streng verboten, Onkel zu ihm zu sagen. Er spricht mit Emilia und mir, als wären wir zu kurz geratene Erwachsene. Er meint, dass man mit Kindern ganz „normal" reden sollte. Emilia reißt dann ihre großen braunen Augen immer weit auf, wenn sie nichts versteht. Oksana erklärt es ihr dann immer. Eigentlich schade, dass die beiden keine Kinder haben. Vielleicht kommt das noch. Dann haben wir noch einen Spielkameraden. Oksana hat mir versprochen, dass ich in ihrem Laden arbeiten kann, wenn ich alt genug bin. Emilia will ja viel lieber bei Tante Madeleine im Kaffeeladen arbeiten, wenn ihre Karriere als Prinzessin vorbei ist, sagt sie immer. Tante Madeleine war sehr stolz auf Emilias Wunsch und hat immer wieder betont, dass es wichtig ist, dass Mädchen auch eine Karriere machen dürfen, was auch immer das bedeutet. Tante Madeleines Band hat übrigens eine CD herausgebracht. Die ist voll gut. Würde dir bestimmt auch gefallen. Ist zwar ganz anders als das, was du mit Papa aufgenommen hast, aber du bist jetzt ja auch älter und Geschmack verändert sich.

Onkel Bruno mag diese CD auch und die Schlagzeugerin aus Tante Madeleines Band. Jep, die Zwei waren auf dieser einen Zeitschrift. Papa hat deswegen ein paar Mal sehr lange arbeiten müssen. Ich weiß ja nicht, was so interessant an Onkel Bruno und dieser Trixie ist, aber wenn die Zeitungen meinen…

Ich rede und rede und rede, aber was wird denn jetzt aus meinem Mädchen-Problem? Vielleicht sollte ich nicht ankreuzen, sondern mal mit ihre reden. Ich könnte ihr erklären, dass sie nett ist, dass ich aber nicht mit ihr gehen möchte, weil ich noch nicht alt genug für eine Freundin bin. Was denkst du? Ist das gut? „So einen entzückenden Korb wird sie nie wieder kriegen", lachte eine Stimme hinter Pascal. Feuerroten Kopfes drehte er sich um. „Haben Sie alles gehört?" – „Ich habe versucht, nicht zu lauschen", lachte der Friedhofsgärtner. „Du musst nach Hause", mahnte er dann weiter. „Es ist schon reichlich spät. Du willst doch nicht, dass deine Eltern sich Sorgen machen." – „Nein, will ich nicht. Ich bin schon weg." Pascal schulterte seine Schultasche und hastete zum Ausgang. „Du musst ein ganz besonderes kleines Kerlchen gewesen sein, wenn auch Jahre später immer noch Leute kommen und mit dir sprechen. Das Pascalchen hat dich ja nicht mal kennen gelernt", wandte der Friedhofsgärtner sich an Watsons Grabstein.