Ein Abend unter Freunden

„Was für eine Feier?", fragte ich entsetzt. Ich hatte absolut keine Lust auf eine Party und hätten die Anderen gewusst, was bei mir in letzter Zeit wirklich vorgefallen war, dann wären sie gar nicht auf die Idee gekommen.

„Die anderen aus Carvahall und ich sind auf die Idee gekommen, ein gemütliches Zusammensein zu haben, da wir uns schon so lange nicht mehr gesehen hatten. Genau genommen war es Horsts Idee."

Horst war der Schmied in unserem Dorf gewesen. Nachdem die Dorfbewohner von Carvahall jedoch nach meinem Verschwinden von den Schergen des Königs angegriffen worden waren, hatten sie sich nach einer langen Reise den Varden angeschlossen und Horst fungierte als Sprecher für sie.

„Also ich… uh… klingt sehr schön", presste ich schließlich heraus. Ich wollte wirklich nicht, aber nachdem es schon meine Schuld gewesen war, dass die Heimat der Dorfbewohner zerstört worden war, konnte ich ihnen solche Dinge nicht abschlagen.

„Ich komme später zu deinem Zelt, um dich abzuholen. Deinen Freund von vor der Schlacht, den kannst du natürlich gerne mitbringen. Er gehört zu Nasuadas neuen Kämpfern, nicht wahr? Diesen Wölfen?"

„Ja, Jakob. Ich kannte ihn jedoch schon von zuvor, wo ich auf die Erde geschickt wurde."

„Dann bring ihn doch mit. Ihr könnte ja ein paar Geschichten von dort erzählen", lächelte Roran. Dann wandte er sich mit einem Gruß ab und ging.

Seufzend machte ich mich auf den Weg zu meinem Zelt, um mich vor heute Abend wenigstens ein wenig auszuruhen. Denn zugegebenermaßen hatte ich die Nacht, bevor ich verschwunden war, nicht so viel Schlaf bekommen. Am Zelt angekommen legte ich mich hin, nachdem ich mich aus meinen alten Klamotten gequält hatte und mir frische angezogen hatte. Tatsächlich dauerte es nicht lange, bevor ich in meinen Schlafzustand übergegangen war.

Allerdings konnte ich nicht sagen, dass ich lange ruhte. Denn kurz darauf stürmte jemand in mein Zelt und das sogar, ohne das Saphira die Zeit blieb, mich aufzuwecken. Vermutlich holte sie sich selbst etwas Schlaf, da auch sie davon nicht so besonders viel bekommen hatte. Aufrecht saß ich auf meinem Lager und starrte Jakob an, der bei mir im Zelt stand.

„Was?", murmelte ich leicht verwirrt.

„Era, ich muss mit dir reden", sagte er selbstbewusst.

Mir die Augen reibend, blinzelte ich ihn an. „Und worüber?"

„Ich hab es dir vorhin gesagt, ich sage es dir auch jetzt. Es ist mir egal, dass du die Drachenreiterin bist, ich werde dich trotzdem beschützen."

„Jakob, bitte hör mir zu. Du weißt nicht auf was du dich einlässt, wenn du mich beschützen möchtest. Du weißt nicht einmal annähernd, wie gefährlich mein Leben sein kann."

„Glaubst du das wirklich, dass ich das nicht weiß? Ich kenne dich in dieser Situation jetzt zwei Tage und schau, was passiert ist. Es ist mir bewusst, was das heißt. Aber ich kann kämpfen, das hast du gesehen."

Ich rieb mir die Schläfen. Mir war klar, was er sagen wollte, doch ich konnte es so nicht akzeptieren.

„Era, ich bin immer für dich da. Ich… ich liebe dich."

Ihn anstarrend saß ich auf meinem Bett, das konnte er doch nicht so meinen, wir hatten uns zwei Mal gesehen. Selbst wenn, ich konnte mir momentan wirklich keine Beziehung vorstellen. Das was mit Edward vor sich ging zeigte mir doch zu deutlich, dass ich momentan keine Beziehung führen konnte und es auch nicht wollte.

„Jakob, es tut mir leid, aber ich kann nicht. Selbst wenn ich nicht die Drachenreiterin wäre, würde das zwischen uns nichts werden. Denn dort auf der Erde gab es jemanden. Versteh mich nicht falsch, du bist ein guter Freund, aber nicht mehr."

Er sah mich an. Ich konnte regelrecht sehen, wie das Glänzen in seinen Augen erlosch, als wäre etwas in ihm gestorben. Ich stand auf und ging auf ihn zu. Diesmal war ich diejenige, die ihn umarmte.

„Es tut mir wirklich leid."

Es dauerte einen Moment, bevor Jakob mich zurück umarmte. Als wir uns voneinander lösten, sah ich Tränen in seinen Augen. Ich schluckte und fühlte mich ein weiteres Mal an diesem Tag schuldig.

„Ich verstehe."

Ich schloss die Augen, da ich den Schmerz in seinem Gesicht nicht mehr sehen wollte. Als nächstes spürte ich, wie er an mir vorbei ging. Sofort drehte ich mich um und sah ihm nach.

„Es tut mir wirklich leid", wiederholte ich.

„Ja. Ich brauche erst einmal ein wenig Zeit", murmelte er und drehte sich wieder zu mir. „Versteh mich nicht falsch. Ich möchte trotzdem noch mit dir befreundet sein, aber ich hoffe du verstehst, dass ich das jetzt nicht sofort kann."

Ich nickte und ließ ihn aus dem Zelt gehen. Als ich mich auf mein Lager fallen ließ, bemerkte ich, wie Saphira wach wurde. Jakob musste sie wohl geweckt haben, als er das Zelt verlassen hatte und an ihr vorbei gegangen war. Es dauerte nicht lange, bis sie die Situation erkannte.

„Oh Era", seufzte sie und steckte ihren Kopf in den Zelteingang, um mich mit ihren großen blauen Augen mitleidig und besorgt anzusehen. „Roran kommt", fügte sie dann noch hinzu.

Ergeben stand ich auf und machte mich auf den Weg nach draußen. Roran winkte mich zu sich und führte mich schweigend zu einem großen Zelt in dem fast alle Bewohner von Carvahall warteten und mich mit großem Hallo begrüßten. Lächelnd trat ich in ihre Mitte und begrüßte sie ebenfalls. An der Seite saß Katrina mit Ismira in den Armen. Ich ging auf sie zu und umarmte sie vorsichtig, um das Kind in ihren Armen nicht zu zerquetschen.

„Endlich lernt das Kind seine Tante kennen", lachte sie.

Auch ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen, als ich in das friedliche Gesicht Ismiras schaute.

„Ich freue mich auch, endlich meine Nichte kennen zu lernen", antwortete ich und musste erneut lachen, als ihre kleine Hand mein Gesicht berührte. Es dauerte auch nicht lange, bis die Feier wirklich los ging und das Essen und die Getränke hervor geholt wurden. Ich war fast erleichtert, dass es keine Party der Art war, wie sie in den Filmen auf der Erde immer gezeigt wurden, mit lauter Musik und komischen Bannern an den Wänden hängend. Aber was hatte ich erwartet?

Es war ein schönes Gefühl, endlich wieder im Kreise jener Menschen zu sein, mit denen ich aufgewachsen war und die damit einfach immer um mich herum gewesen waren, bis ich wegen Saphira mein Zuhause verlassen musste. Was nicht heißen sollte, dass ich es ihr übel nahm. Auch Saphira war wieder sehr beliebt. Genau wie bei der ersten Feier, wurden sie von den Kindern als Rutsche verwendet, was sie nicht wirklich zu stören schien. Ich hingegen wurde dazu genötigt Geschichten von der Erde zu erzählen, wobei ich nicht besonders ins Detail ging, was die Geschehnisse mit Edward anging.

Als sich der Abend so hinzog, gingen viele heim, während andere, die etwas zu viel getrunken hatten, noch in den Ecken saßen und schliefen. Erst nachdem sehr viel Ruhe eingekehrt war, bemerkte ich einen weiteren Gast. Dort am Tisch saß Angela, die Kräuterhexe, mit Solembum der Werkatze auf dem Schoß. Beide sahen mich mit so klaren Augen an, dass ich mich wie in ihren Bann gezogen fühlte. In der Stille des Zeltes ging ich zu ihnen hinüber und setzte mich zu ihnen.

„Angela, Solembum, es tut gut euch zu sehen", sagte ich und reichte ihnen oder besser gesagt Angela die Hand.

„Eragon, du scheinst ja einiges erlebt zu haben in der Zeit, die du nicht hier warst. Mehr zumindest, als du heute Abend erzählt hast", sagte Angela mit ihrer rauchigen Stimme.

„Da werde ich dir Recht geben, aber ich werde nicht mehr erzählen, als ich es bisher getan habe", antwortete ich freundlich, aber bestimmt.

„Nun gut, einen Versuch war es wert", sagte die Hexe lächelnd und stand auf. Während sie auf den Ausgang zuging, vor dem Saphira sich inzwischen schlafend zusammengerollte hatte, blieb Solembum vor mir sitzen.