Kapitel 37 Phönix

Denn die Welt ändert sich: Ich spüre es im Wasser, ich spüre es in der Erde, und ich rieche es in der Luft.

Baumbart, aus Herr der Ringe Die Rückkehr des Königs, J.R.R. Tolkien

Snape träumte, er träumte von der Vergangenheit. Als seine Welt noch voll Geräusche war und er noch seine Mitmenschen hören konnte. Doch waren seine Träume voll Angst, voll Schmerz. Aber er konnte in ihnen hören! Er hörte die gellenden Schreie seiner Opfer, das Flehen, wenn Todesser ihnen den Schutz ihrer Häuser nahmen. Er sah ihre schreckensweiten Augen, die nur noch blanke Angst wiederspiegelten. Er sah, er hörte, er roch, er spürte. Seine Träume waren immer schon sehr intensiv gewesen. Wenn er in seinen persönlichen Albtraum abtauchte, zitterte er innerlich. Er kannte das Ende nur zu gut. All seine Opfer, all seine Fehler zeigten sich am Ende auf.

Der Mann, der auf dem aufgeweichten Waldboden lag, wimmerte leise und schlang seine Arme um den Oberkörper. Dann zitterte die Gestalt, aber das Wimmern brach nicht ab.

Etwas großes rot, goldenes durchbrach das dichte Kronendach der Bäume. Wie ein überdimensionaler brennender Fußball schoß es auf den Waldboden zu. Fast schien es als ob es die Kontrolle über seinen Flug verloren hätte. Kurz vor dem Aufprall öffnete der ungewöhnliche Vogel seine Schwingen und fing seinen Sturz ab. Schwarze Knopfaugen, scharf berechnend, suchten den Waldboden ab. Etwas hatte ihn hier her gezogen. Er hatte etwas gespürt. Da sah das Tier die dunkle Gestalt auf dem Waldboden. Mit zurückgewonnener Sicherheit schwang sich der Vogel auf einen nahen Baum und ließ sich auf einem kahlen Ast nieder. Wer war dieser Mensch da unten? Und warum wimmerte er? Der große Vogel schloß kurz die Augen, schien die Witterung aufzunehmen.

Keine äußeren Verletzungen. Irritiert schüttelte sich das Tier. Die Regentropfen flogen aus dem herrlichen Gefieder, der Vogel plusterte sich auf. Beobachtete, schätzte die Lage ein. Der Regen blieb und trommelte weiter auf das Blätterdach des Waldes. Der Vogel beschloß, erst einmal im Baum zu warten, er zog ein Bein ein und steckte seinen Kopf unter einen seiner Flügel. Schien er auch zu ruhen, so hörte er seine Umgebung genau. Außer dem Wimmern und Gestammel des Menschen am Boden konnte er nichts ausmachen. Die Zeit strich dahin.

Der Albtraum erreichte seinen grausamen Höhepunkt und so sehr Severus es versuchte. Er konnte nicht daraus erwachen. Er war zum Erstarren verdammt, zum Beobachten. Raus! Er wollte hier raus!

Und der Mensch am Waldboden schrie auf. Sofort war das Tier hellwach, der Kopf schnellte unter dem Gefieder hervor und wieder fielen die Wassertropfen wie tausend kleine Goldklümpchen aus dem Gefieder. Die scharfen Augen suchten die Gestalt am Boden, war er angegriffen worden? Nein, der Mann lag auf dem Rücken, krallte seine Hände in den Boden und warf wie im Fieberdelirium seinen Kopf von einer Seite auf die andere. Der Vogel warf einen Blick in den dunklen Wald. Hatte der Schrei Räuber angelockt? Die Vogelaugen suchten zielsicher zwischen dem Geäst in den hohen Kronen und zwischen dem Gestrüpp am Boden. Nichts! Das hieß in diesem Wald nicht viel. Unsicher trippelte das Tier nun von einem Bein auf das andere. Hier oben war er sicher und er war kräftig! Er war in der Blüte seines Lebens, nur ein Verrückter würde einen voll ausgewachsenen Phönix angreifen. Er konnte mit einer einzigen Berührung seiner Federn Tiere in Flammen aufgehen lassen, wenn er wollte. Er konnte große Lasten tragen, wenn er wollte. War ein treuer Gefährte, wenn er nicht ein solches Schuldgefühl gehabt hätte. War es doch ein Zauberstab mit einer seiner Schweiffedern gewesen, der so viel Leid und Elend über die Zaubergemeinschaft gebracht hatte.

Das prächtige Tier schüttelte seinen Kopf. Doch selbst die magischen Tiere überall auf der Welt erzählten sich die Geschichten von einem mächtigen Magier, der geschlagen worden war. Einige wenige erzählten auch von einem düsteren Schatten tief in den Wäldern Albaniens. Da hatte der Phönix beschlossen, dass es an der Zeit war zurück zu kehren. Er hatte genug getrauert, hatte genug sich selbst Vorwürfe gemacht.

Der Phönix war aufgestiegen in die grelle Sonne, hatte das Feuer dieses Planeten in sich aufgesogen und sich dann auf die lange Heimreise gemacht. War über Kontinente und Gebirge geflogen und schließlich zum Schluß über das Wasser, das seine Insel vom Festland trennte. Die Sonne, die er in sich trug, brannte selbst nach der langen Reise immer noch in ihm, gab ihm Kraft und Stärke.

Kurz trällerte er und schwang sich in die Lüfte, nur um kurz zu schweben und mit einer unübertroffenen Eleganz auf dem Boden zu landen. Der rot-goldene Kopf schnellte herum, von dieser Position aus war alles so anders. War alles so fremd. Vorsichtig hüpfte der Phönix näher an den Menschen heran, er hatte aufgehört zu schreien. Oh ja, er wußte sehr wohl Menschen zu unterscheiden, er kannte die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Zwischen verletzt und nicht verletzt sein. Zwischen magisch und nicht magisch. Dieser hier war männlich und die Nähe zeigte dem Phönix auch, dass er ein Magier war. Jetzt lag der Mann ruhig da, der Vogel hüpfte zwei Schritte näher heran, schnupperte. Angst und Kummer lag in der Luft. War vielleicht dieser Zauberer deswegen hier her gekommen?

Noch einen Hüpfer. Das leise Wimmern setzte wieder ein, als der Regen härter auf das bleiche Gesicht schlug und der Wind kalt über den Boden blies. Der Phönix legte den Kopf schief. Dann breitete er seine großen Schwingen aus, so dass ein Flügel das Gesicht schützte. Der Regen prasselte nicht mehr darauf nieder, leicht stellte er die Schwinge schräg und jetzt kam auch kein Wind mehr durch. Das Wimmern verstummte. Dafür hörte er jetzt das leise Knurren eines Wolfes. Der Phönix richtete sich auf und sah, dass ein Wolf aus dem Unterholz kam. Der Vogel stellte sein Gefieder auf und fauchte. Die Regentropfen, die nun auf das Gefieder auftrafen, zischten, verdampften. Eine beinahe greifbare Hitze ging nun von diesem magischen Geschöpf aus. Tödlich, versengend. Der Wolf zog seine Rute ein und verschwand wieder.

Seine Träume wurden warm und sicherer. Er lag auf einer Wiese, der Tau hatte seine Kleidung durchnässt, doch fühlte er sich warm und geborgen. Von Irgendwo her schien ein Vogel ein Lied zu trällern. Hörte er es wirklich? Nein, es war eher ein Gefühl, das sich langsam in ihm ausbreitete.

Der Phönix sang für den Magier, er sang leise aber beständig die ganze Nacht. Einige Tiere kamen auf die Lichtung, es waren ruhige Tiere, die nur dem Lied lauschen wollten. Selten war es geworden, dass man ein solches Lied im Verbotenen Wald gehört hatte. Selbst als langsam die Sonne aufging verschwanden sie nicht. Fast schien es als ob die Sonne dem Phönix mehr Kraft gab, sein Lied schraubte sich in ungeahnte Höhen und Tiefen. War wie ein goldener Faden, der sich durch die ersten Sonnenstrahlen wand. Der Mann in Schwarz rührte sich und der Phönix stoppte in seinem furiosen Finale, verstummte schlagartig. Die Tiere sahen auf.

Snape erwachte stufenweise aus seinem Schlaf, das Erste was er spürte war die Kälte und die Feuchtigkeit. Dann kam die Wärme der Sonne, die langsam aufging und begann, seinem völlig durchweichten Körper wieder Wärme zu geben. Windstille und ein Gefühl. Geborgenheit. Warum das? Verwirrt öffnete er die Augen, zuerst glaubte er in einen weiteren Traum aus Rot und Gold hinein zu gleiten. Das Bild wurde schärfer, es waren Federn. Vogelfedern in Gold- und Rottönen, die Sonne brach sich in ihnen und sie schienen auf Snape wie flüssiges Gold. Eine Schwinge versperrte sein Sichtfeld und plötzlich verschwand die Schwinge und die Sonne schien grell in seine Augen. Er stöhnte, sofort war die Schwinge wieder da, schirmte die Sonne von seinem Gesicht ab. Blinzelnd drehte er vorsichtig den Kopf, ein Zittern ging durch den Vogelflügel und dann kam auch ein Vogelkopf in sein Blickfeld. Er war greifvogelartig, und pechschwarze unergründliche Knopfaugen sahen ihn an. Es dauerte bis sein noch von der Müdigkeit eingenebeltes Gehirn den Vogel erkannte.

Ein Phönix.

Neben ihm stand ein Phönix und schien nun zufrieden mit dem Schnabel zu klappern. Vorsichtig hob Severus eine Hand und strich dem Vogel über die Brust, das Tier schloß genüßlich die Augen und legte den Kopf leicht schief. Das Gefieder schien warm zu sein, überhaupt strahlte der ganze Vogelkörper eine angenehme Wärme aus. Es war eine verrückte Situation, da lag er bis auf die Knochen durchweicht und leicht unterkühlt mitten im Verbotenen Wald und streichelte einen Phönix! Ein dünnes Lächeln stahl sich über sein Gesicht als das Tier wieder mit dem Schnabel klapperte, er schien es zu mögen! Vorsichtig richtete sich der Lehrer auf. Der Phönix klappte seine Schwinge ein und sah ihn wieder neugierig an. Erst jetzt konnte Snape ausmachen, dass er nicht allein war. Mehrere Tiere standen oder lagen um ihn herum im Wald. Er konnte eine Greifenmutter mit zwei Jungtieren ausmachen. Ein Einhorn lag unter einem Baum, das weiße Fell schimmerte wie Schnee. Nichtmagische Wesen waren auch zu sehen, Rehe ästen im nahen Unterholz, sahen ihn aus ihren braunen unschuldigen Augen an. Der Phönix legte den Kopf in den Nacken und schien wieder zu singen. Er konnte es nicht sicher sagen, aber wieder breitete sich dieses Gefühl der Ruhe in ihm aus. Wie gern würde er jetzt diesem Lied lauschen.

Da plötzlich schwankte der Vogel leicht und das Lied erstarb. Die Tiere sahen auf. Bittend sah das magische Tier zu ihm auf. Snape streckte die Arme aus und der Vogel sprang hinein. Severus stand vorsichtig auf, die Tiere verschwanden wieder im Wald. Das Einhorn trotte ins Unterholz und der Waldboden warf Blumen auf, wo sein Huf den Boden berührte. Die Greifen schwangen sich in die Lüfte und die anderen Waldbewohner verschwanden so lautlos wie sie in der Nacht gekommen waren. Etwas unsicher drehte sich Snape einmal im Kreis, er mußte den Vogel nach Hogwarts bringen. Warum, wußte er nicht. Nur das! Und das zählte. Dann ging er zielsicher in den Wald, den Vogel sicher in den Armen haltend. Das Tier hatte seinen Kopf auf seine Schulter gelegt, hier und da schien es zu trällern. Er spürte es am Vogelleib. Etwas Feuchtes rann ihm an der Seite des Kopfes entlang. Er beachtete es nicht, er war naß und sein Haar war auch völlig durchweicht. Der Vogel legte nun seinen Kopf auf die andere Schulter. Beruhigend sprach der Lehrer auf den Phönix ein, streichelte hier und da über den wunderbaren Körper. Spendete Trost und Sicherheit. Die Sonne stieg höher und höher.

Hagrid hatte Dumbledore alarmiert. Zu zweit und ohne Einbezug der anderen Lehrkräfte durchsuchten sie das Schloß die ganze Nacht. Erfolglos. Dann hatte sich Hagrid aufgemacht, um in der Senke zu suchen. Ohne Erfolg. Völlig übermüdet trafen die zwei vor den Toren Hogwarts wieder aufeinander. Dumbledore wirkte leicht zerzaust und eine Spinnwebe hing von seinem purpurroten Spitzhut. Hagrid hatte ein Eichenblatt im krausen Haar und seine Stiefel waren voll Schlamm und Dreck. Es hatte die ganze Nacht geregnet bis kurz vor Sonnenaufgang. Jetzt waren die Wolken fast verschwunden und ließen die wärmenden Strahlen der Sonne wieder durchscheinen.

"Nichts", grummelte Hagrid und zuckte mit den Schultern, "Is nicht in der Senke und nicht auf dem Weg dahin. Ich suche heute den restlichen Wald ab."

Dumbledore nickte traurig. Er hatte so gehofft, dass er Hagrid nicht mehr auf die Suche schicken mußte.

"Ich werde die Lehrkräfte heute Morgen benachrichtigen", sagte der Direktor betrübt.

Hagrid hob die Hand, fast so als wollte er dem alten Mann auf die Schulter klopfen, ließ es dann bleiben.

"Ich werde ihn finden. Ich habe ihn immer gefunden!" sagte Hagrid fest.

"Ja, das weiß ich. Ich gehe dann mal in mein Büro", murmelte Dumbledore und drehte sich um. Der Wildhüter sah den Direktor von Hogwarts mitfühlend nach. Auch er hatte gehofft, nun nicht mehr auf die Suche nach Snape gehen zu müssen.

Dumbledore schlurfte durch die Gänge, hier und da grüßte er einen Geist, der durch eine Wand schwebte. Vor seinem Wasserspeier wurden seine Gedankengänge plötzlich unterbrochen. Etwas wie Fußspuren konnte er ausmachen, schlammige Fußspuren, und sie gehörten nicht zu Hagrid. Mit klopfendem Herzen nannte er seinem Torwächter das Passwort und eilte die Treppe zu seinem Büro hinauf. Er öffnete die Tür so schlagartig, dass sie fast aus den Angeln gerissen wurde. Dumbledore schrie leise vor Überraschung auf. Vor dem offenen Kamin, in dem munter ein Feuer prasselte, saß auf dem Boden Snape. Der junge Zauberer sah auf. Er war durchweicht und an seinen Roben klebte der Schlamm. Dumbledore ging auf ihn zu, fiel auf die Knie und umarmte Severus.

"Oh Kind", murmelte er und drückte den Zauberer fest an sich.

Snape versteifte sich kurz unter seinen Armen und erwiderte dann mit einem Arm vorsichtig die Umarmung. Da hörte Dumbledore ein fragendes Zirpen und er löste sich von Severus. Das Zirpen war von Snape gekommen, fragend sah Albus ihn an. Snape lächelte geheimnisvoll und hob seine Robe, die seinen Schoß verdeckte, vorsichtig an. Wieder gab Albus einen Ruf der Überraschung von sich. "Fawkes!"

Der Phönix blinzelte müde und zirpte wieder.

"Fawkes, du bist wieder da!" Mit zittrigen Fingern strich Dumbledore über den Kopf des Phönix.

"Mein Phönix ist wieder da!" flüsterte der nun völlig verblüffte Direktor von Hogwarts.

Snape nickte, hob das Tier vorsichtig aus seinem Schoß und übergab den Vogel dem alten Mann. Dumbledore wiegte den Phönix wie ein Kind in seinen Armen und vergrub sein altes Gesicht in dem weichem Gefieder.

"Oh Fawkes du bist wieder da", murmelte er in die Federn.

Snape lächelte sanft bei dem Bild, das sich ihm da bot. Der Direktor ließ sich auf seinen Stuhl nieder und wiegte weiter den Vogel in seinen Armen. Immer wieder murmelte er den Namen des Phönix, bis schließlich seine Bewegungen langsamer wurden und sein Kopf auf die Schulter fiel. Albus Dumbledore war eingeschlafen. Die Aufregung um Snape, dann das Wiederfinden und die Rückkehr seines Phönix hatten den alten Mann viel Kraft gekostet. Snape suchte nach einer Decke und als er eine fand, deckte er den Direktor vorsichtig zu, strich ein letztes Mal über den Kopf des Tieres und verschwand auf leisen Sohlen aus dem Büro.

Selten war ihm die Kraft und die Möglichkeit gegeben worden, jemandem eine Freude zu machen. Und als er seinen Herrn so glücklich gesehen hatte, wie er seinen Phönix in die Arme geschlossen hatte, wie Severus, seinen Spion, sein Eigentum, schämte sich Snape einen Moment lang, dass er an seinem Herrn gezweifelt hatte. Er öffnete die Tür zu seinen Räumen. Sein Herr würde ihn nie fallen lassen, würde immer für ihn da sein. Das Farbenspiel des Wandteppichs ließ Snape den Kopf heben. Ein Phönix war darauf auch abgebildet, Gold in Gold, Rot in Rot, feurig und kraftvoll wie die Sonne.