A/N: Schönen Quatorze Juillet an etwaige französische Leser. :-)
Zoodirektor: Das passt zu der gesteigerten Aggressivität, die die anderen in der letzten Zeit bei Jay festgestellt haben. Er ist wirklich derzeit neben der Spur. Danke für das Review. :-)
Nya hatte es aufgegeben zu zählen, wie oft sie bereits mit angehaltenem Atem in den parfümverseuchten Raum hineingewirbelt und halb erstickt wieder herausgestürzt war. Gerade stand sie wieder am offenen Fenster des Vorraums und keuchte. Langsam packte sie die Wut. Zornerfüllt stieß sie den Fuß gegen die Wand und rief: "Was soll bloß dieser Unfug mit dem Parfüm? Warum soll ausgerechnet ich einen Raum durchsuchen, der von Parfümdämpfen erfüllt ist!"
Sie trommelte mit den Fäusten auf das Fensterbrett. "Ich war schon zigmal drin in dem verseuchten Zimmer, aber bisher habe ich bloß einen winzigen Bruchteil des Raumes untersucht! Wenn das so weitergeht, bin ich übermorgen noch nicht fertig mit Suchen!"
Sie schnaufte ein paarmal. Dann hellte plötzlich ein Lächeln ihr Gesicht auf. "Ha, ich hab's! Ich baue mir einfach einen Parfümfilter, der die giftigen Dämpfe von meiner Nase fernhält. So was wie eine Tauchermaske, bloß dass sie eben Parfüm abhält und nicht Wasser. Hier müsste genug Material dafür herumliegen und auch Werkzeug habe ich gesehen ... oh nein! Das liegt ja auch alles in dem vermaledeiten Parfümraum!"
Nach dieser Erkenntnis war es mit Nyas Selbstbeherrschung ein für alle Mal vorbei. Laut schreiend warf sie sich auf den Boden und bearbeitete ihn mit Fäusten und Füßen, bis ihr die Puste ausging. Erschöpft hielt sie inne.
"Nya? Alles in Ordnung?"
Wie von der Tarantel gestochen fuhr die Wassermeisterin auf und blickte sich um. Vor ihr stand Zane! Wie peinlich, dass sie sich so hatte gehen lassen, und, schlimmer noch, einer ihrer Brüder Zeuge ihres Ausbruchs geworden war! Glücklicherweise war es 'nur' Zane und nicht etwa - sie errötete bei der Vorstellung - und nicht etwa Jay! Auch Kai und die Anderen hätte sie jetzt nicht gerne um sich gehabt, denn mit Sicherheit hätten diese sie noch lange an diesen Vorfall erinnert. Der Nindroid hingegen war taktvoll und würde diese Szene nicht weiter erwähnen, wenn sie ihn darum bäte.
"Äh, ja ... alles okay, Zane. Nicht der Rede wert", murmelte sie und klopfte ihren Gi ab. "Ich ..., ach, ich bin nur ein wenig frustriert, weil meine Aufgabe fast unlösbar ist!"
"Wie lautet dein Auftrag?", erkundigte sich der Eisninja.
"Ich soll einen Schlüssel beschaffen. Er kann sich nur in diesem Raum dort vorne befinden, aber, stell dir vor! Irgend so ein Verrückter hat das Zimmer mit Parfüm vollgepumpt! Völlig irre, oder? Wo ich doch so allergisch dagegen bin!"
"Ich erinnere mich noch genau daran, als Jay dich vor Jahren einmal beeindrucken wollte und Kai ihm riet, er solle sich mit Parfüm einsprühen."
"Ja, das war ein übler Scherz, den mein Bruder mit dem armen Jay damals getrieben hat. Und du hast auch noch mitgemacht!"
Beschämt senkte der Nindroid den Kopf.
Nya fuhr fort: "Wie dem auch sei. Die Parfümkonzentration in diesem Raum ist mindestens hundertmal, was sage ich, tausendmal so stark wie das, was Jay damals verströmt hat. Wenn ich mich nicht vorsehe, erleide ich einen Schock."
"Deine Wangen weisen bereits rosa Flecken auf", bemerkte der Eisninja.
"Wirklich? Oh nein! Das ist das erste Anzeichen!"
"Vielleicht kann ich dir ja bei deiner Suche behilflich sein, Nya? Bruder schärft Schwester."
"Zane, das wäre einfach wunderbar! Aber ich bin nicht sicher, ob das erlaubt ist. Ich meine, die Schlüsselsuche ist schließlich meine Aufgabe und du ... ja genau! Müsstest du nicht im Süden nach einem Pergament suchen?"
"Das ist bereits erledigt", strahlte Zane und fuhr mit der Hand an seinen Obi, in dem Nya nun eine braune Rolle stecken sah.
"Sag mal, Zane, wie kommt es denn, dass du auf dem Rückweg aus dem Süden plötzlich bei mir im Südwesten aufgekreuzt bist?"
"Es verhält sich in der Tat recht merkwürdig mit den Entfernungen und Richtungen hier. Laut meines Richtungsanzeigers bin ich auf dem Rückweg zu Sensei Yin die ganze Zeit nach Norden geflogen. Dann habe ich mich kurz mit PIXAL unterhalten und war darum einen Augenblick abgelenkt und im nächsten Moment hörte ich dich schreien und sah dieses Gebäude hier, von dem ich bisher keinerlei Aufzeichnung hatte, in Richtung Westsüdwest. Natürlich habe ich mich sofort hierher begeben, um zu sehen, ob alles in Ordnung mit dir ist."
"Äh, ja, danke. Das war natürlich sehr aufmerksam von dir", sagte Nya, unangenehm berührt, dass Zane ihr Geschrei erwähnen musste. "Bitte sage den Anderen nicht, dass ich so wütend war, okay?"
"Wie du möchtest, Nya", bestätigte der Eisninja und fuhr dann fort: "Personen und Objekte scheinen hier nach Belieben aufzutauchen und zu verschwinden. Eigentlich hätte ich Jay in dieser ebenen Landschaft auf dem Pfad vor mir sehen müssen, denn er hat das Kloster nur kurz vor mir verlassen. Selbst wenn er seinen Elementardrachen genommen hätte, hätte ich ihn zumindest als Punkt am Himmel wahrnehmen müssen. Aber da war nichts. Rein gar nichts."
"Kloster? Dann hat dein Pfad dich also zu einem Kloster geführt? Aber wieso Jay? Was hatte er dort zu suchen?"
"Eine Toilette."
"Was?"
"Ganz recht. Er verspürte auf dem Rückweg zu Sensei Yin ein natürliches Bedürfnis. Es war eine glückliche Fügung, denn so konnte er mir bei der von den Nonnen gestellten Aufgabe helfen."
"Was musstest du denn machen?"
"Ein lustiges Gedicht schreiben, das die Nonnen zum Lachen bringt."
"Kein Problem für dich mit deinem Humorschalter."
"Das ist es ja gerade. Der Schalter ist ..."
Zane zögerte einen Augenblick, dann öffnete er entschlossen sein Bauchpanel.
Nya stieß einen kurzen Entsetzensschrei aus. "Du meine Güte, Zane! Wie ist denn das nur passiert?"
"Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, doch vermute ich, dass Sensei Yins Magie dafür verantwortlich ist."
Sorgfältig klappte der Nindroid sein Bauchpanel wieder zu.
"Sobald wir wieder auf der Bounty sind, werde ich mir deinen Humorschalter vornehmen. Doch jetzt gilt es, einen Schlüssel zu finden. Ich ... also, ich weiß nicht so recht, ob ich deine Hilfe annehmen darf. Es käme mir so vor, als ob ich versagt hätte. Und nicht einer von uns darf versagen, wenn wir Cole erlösen wollen."
"Genau das Gleiche habe ich auch zu Jay gesagt, als er mir helfen wollte. Doch er erinnerte mich an die Worte des Sensei, dass wir uns gegenseitig unterstützen sollten."
"Sicher, das sollten wir, aber ... was, wenn das alles eine Art Test ist? Wenn Sensei Yin unsere Standhaftigkeit prüfen will? Sie stellt einem jeden von uns eine schwere, jedoch nicht vollkommen unlösbare Aufgabe. Gerade, wenn wir am Verzweifeln sind, schickt sie einen aus dem Team vorbei, der die Aufgabe mit Leichtigkeit lösen kann. Was, wenn sie damit nur prüfen will, ob wir uns vor unseren Aufgaben drücken und sie auf Andere abwälzen?"
"In diesem Fall wäre Cole bereits verloren, denn ich habe mir von Jay helfen lassen und der sich wiederum von Cole."
Für eine Weile herrschte betretenes Schweigen. Schließlich nahm der Meister des Eises den Gesprächsfaden wieder auf: "Jay hat argumentiert, dass er mir ja nicht bei der von Sensei Yin gestellten Aufgabe hilft, sondern nur bei der der Nonnen, die ich zur Erlangung des Pergaments lösen musste. Wenn du nun den Schlüssel eigenhändig aus diesem Raum holst - nachdem ich dir sage, wo genau er sich befindet, so dass du dich den für dich toxischen Parfümdämpfen nur minimal aussetzen musst - dann hättest du doch deine Aufgabe eigenhändig erfüllt. Sensei Yin kann nicht von dir verlangen, dein Leben auf diese höchst alberne Weise aufs Spiel zu setzen."
Nya überlegte kurz. Wenn man es so betrachtete, hatte Zane Recht! Ihren eigentlichen Auftrag, einen Schlüssel aus dem Südwesten zu holen, würde sie ja schließlich ausführen.
"Einverstanden", nickte sie schließlich. "Du suchst den Schlüssel, ich hole ihn."
Ohne auch nur einen weiteren Moment zu verlieren, betrat der Nindroid den mit Gerümpel vollgestopften Raum und schloss - aus Rücksicht auf Nya - die hölzerne Schiebetür hinter sich. Die Wassermeisterin kehrte zum geöffneten Fenster zurück und wartete. Ihre Gedanken kreisten um ihre Brüder und Skylor. Ob sie alle ihre Aufgaben meistern würden? Ob sie wohl alle auf solch unerwartete Schwierigkeiten stoßen würden? Ob es ihnen gelingen würde, Cole zu erlösen? Immerhin hatten Zane und Jay ihre Gegenstände gefunden und Jay war vielleicht bereits damit bei Sensei Yin angekommen.
Jay ... Nya seufzte innerlich. Was war nur in letzter Zeit mit ihm los? Wenn es nur die Albträume wären, die sie beide seit dem Abenteuer mit dem Dschinn Nadakhan und seinen Luftpiraten plagten, würde er doch offen mit ihr darüber reden! Warum war er heute Morgen so abweisend, ja, geradezu grob zu ihr gewesen? Und diese fixe Idee, dass Zane es auf ihn abgesehen hätte! Auch die Art, wie er damit angegeben hatte, in 'Angriff der Killerwespen' unschlagbar zu sein, war untypisch für ihn. Sicher, er hatte schon immer viel auf seine Videospielkünste gehalten, aber seine kürzliche Prahlerei war nicht wie üblich nur nervig, sondern fast schon aggressiv gewesen.
Das Geräusch der sich öffnenden Schiebetür riss sie aus ihren Gedanken und brachte sie zurück in die Gegenwart. Zane schlüpfte aus dem Zimmer, kaum dass der Türspalt breit genug dafür war, dann schloss er die Tür wieder sorgfältig.
"Der einzige Schlüssel, der sich in diesem Raum befindet, liegt in der dritten Schreibtischschublade, in der südwestlichen Zimmerecke."
"Natürlich! Im Südwesten! Wow, Zane. Das hast du aber schnell herausgefunden!"
"PIXAL war mir beim Scannen des Raumes behilflich", sagte der Nindroid bescheiden. "Hier ist eine Aufnahme vom Zielort."
Mit diesen Worten schaltete er seine Augen in den Projektormodus und spielte einen kurzen holografischen Film ab, der Nya genau zeigte, wohin sie sich begeben müsse.
"Interessant. Der Schlüssel könnte von Form und Größe her zu Jays Kästchen passen", bemerkte Zane, als er Nya nun auch eine Nahaufnahme des von ihr gesuchten Objektes zeigte.
"Das wäre das erste, was in Sensei Yins verrückter Welt einen Sinn ergeben würde", murmelte die Meisterin des Wassers.
Dann holte sie noch einmal tief Luft, hielt den Atem an, riss die Schiebetür auf und stürzte sich mit Spinjitzu in den verseuchten Raum. Dank Zanes Information hatte sie den besagten Schreibtisch in der Südwestecke sofort gefunden und einen Augenblick später hielt sie bereits einen kleinen goldenen Schlüssel mit einem auffällig breiten Bart in der Hand.
Nicht eine Sekunde länger als nötig verweilte sie in der verpesteten Luft, sondern wirbelte so schnell sie konnte wieder hinaus.
"Zane!", rief sie, sobald sie wieder Luft geholt hatte. "Ich habe ihn! Vielen Dank für deine ... Zane? Zane! Wo steckst du?"
Doch der Titanninja war spurlos verschwunden.
