Lover – Teil X

Jim hätte vor Frustration am liebsten laut geschrien. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Stunden waren sie im ungünstigsten Moment unterbrochen worden.

Mit etwas mehr Kraft als nötig gewesen wäre, betätigte er seinen Kommunikator.

„Kirk an Brücke. Was ist los?"

„Captain!"

Die aufgeregte Stimme Chekovs beantwortete seine Anfrage.

„Unsere Langstreckensensoren haben die Signatur eines Birds of Prey ausgemacht, der sich unserer Position mit Warpgeschwindigkeit nähert."

Er nickte anerkennend. Immerhin schien demnach die Kalibrierung ihrer Langstreckensensoren anhand der von Pike durchgegebenen Daten Erfolg gehabt zu haben.

„Wann hat uns der Bird of Prey voraussichtlich erreicht, Ensign?"

„In etwa 20 Minuten, Sir."

„Ich habe verstanden. Mr. Spock und ich kommen unverzüglich auf die Brücke. Kirk Ende."

Es nutzte nichts – er wandte sich Spock zu.

„Wir sollten uns beeilen."

„In der Tat, Captain."

Back to business – er hasste es. Aber es gab nichts, was er in diesem Moment dagegen hätte tun können. Der Moment, den sie nur Minuten vorher miteinander geteilt hatten, war unwiderruflich vorbei. Und es wartete die Bedrohung eines ihnen technologisch überlegenen Birds of Prey mit einem verrückten Romulaner aus der Zukunft auf sie. Und sein Schiff und seine Crew waren alles, was zwischen diesem Verrückten und der Kolonie der letzten 10.000 Vulkanier stand. Seine eigenen Befindlichkeiten hatten also definitiv wieder hintenan zu stehen.

Und so verlor er keine Zeit, sondern beeilte sich, Spock dicht an seiner Seite, Spocks Quartier zu verlassen und sich auf dem kürzesten Weg zur Brücke zu machen. Trotzdem entging es ihm nicht vollständig, wie natürlich es sich anfühlte, neben Spock durch die Gänge der Enterprise zu laufen, wie selbstverständlich sich ihre Schritte aneinander anzupassen schienen. Was würden sie wohl gerade tun, wenn sie nicht unterbrochen worden wären…? Wieder fühlte er einen Anflug von Frustration und wünschte sich zähneknirschend nichts mehr, als Nero vor die Phaser seines Schiffes zu bekommen – und sei es nur, um diesen für die Unterbrechung bezahlen zu lassen.

Es dauerte nicht lange, bis sie die Brücke erreicht hatte, die zu seiner Zufriedenheit mit seiner ersten Kommandocrew besetzt war. Und er war positiv überrascht, auch den Botschafter auf der Brücke zu sehen.

„Bericht."

„Captain, der Bird of Prey wird in annähernd 16 Minuten hier sein. Unsere Langstreckensensoren sind in der Lage ihn zu orten, trotz seiner Tarnvorrichtung, die aktiviert ist. Offensichtlich ist es die Absicht der Klingonen, uns aus dem Hinterhalt heraus anzugreifen und das Überraschungsmoment auszunutzen."

Er nickte Chekov zu, dann wandte er sich an den älteren Spock.

„Wie ist der Status unserer Waffen und Schilde, Botschafter?"

„Wir haben getan, was wir konnten, Captain, aber in der Kürze der Zeit ist es uns nicht gelungen, wesentliche Fortschritte zu erzielen. Wir konnten die Waffenphalanx gemäß den Schildparametern, die uns Admiral Pike durchgegeben hat, kalibrieren und es besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass dies die Effektivität unserer Waffen gegen den Bird of Prey steigern wird. Zumindest solange, wie es den Klingonen nicht gelingt, ihre Schilde neu auszurichten. Allerdings stellen die Schilde der Enterprise noch immer keinen ausreichenden Schutz gegen die technologisch weiterentwickelten Waffen des Birds of Prey dar."

Er ignorierte den unguten Knoten in seinem Magen.

„Das heißt zusammen gefasst – wir sind immer noch unterlegen."

Dass weder Spock noch dessen älteres Ich widersprachen, war ihm Antwort genug. Er seufzte. Dann straffte er sich und sah in die Runde.

„Also gut – irgendwelche Vorschläge? Ich bin offen für alles, was unsere Position verbessert."

Einen Moment war es ruhig.

Dann war es Spock, der sprach.

Er war nicht überrascht.

„Ich habe einen Vorschlag, Captain."

Er verhakte seine Augen mit denen seines Ersten Offiziers.

„Schießen Sie los, Commander."

„Captain, es wäre logisch, den taktischen Vorteil, den wir dadurch erlangt haben, dass wir den Bird of Prey trotz der Tarnvorrichtung lokalisieren können, aufs Effektivste zu nutzen. Nero und die Klingonen erwarten, dass ihnen ein Überraschungsangriff gegen die Enterprise gelingen wird. Wir sollten dies zu unseren Gunsten umkehren."

„Ich bin da ganz bei Ihnen, Mr. Spock, aber was genau haben Sie vor?"

„Sir, mit Ihrer Erlaubnis werde ich in der Kürze der Zeit ein Security-Team zusammen stellen. Sobald der Bird of Prey in Transporterreichweite ist, soll Mr. Scott das Team und mich an Bord des Birds of Prey beamen. Da uns die Parameter der klingonischen Schilde bekannt sind, dürfte es Mr. Scott keine Probleme bereiten, uns durch die Schilde des klingonischen Schiffes hindurch zu beamen. Aufgrund der Kenntnisse, die ich während unserer Flucht gewonnen habe, sollte ich in der Lage sein, das Ziel so präzise anzugeben, dass Mr. Scott das Security-Team und mich direkt auf die Brücke des klingonischen Schiffes beamen kann. Es sollte uns dann möglich sein, die Brückenbesatzung zu entwaffnen oder alternativ zu töten, mithilfe der Daten, die aus dem klingonischen Shuttle auf der USS Challenger gewonnen und uns von Admiral Pike überlassen wurden, die Waffenphalanx und die Schilde des Bird of Prey außer Kraft zu setzen und uns von Mr. Scott zurück auf die Enterprise beamen zu lassen. Der Enterprise könnte dann mit nur wenigen gezielten Schüssen den Bird of Prey zerstören, ohne selbst in Gefahr zu laufen, angegriffen zu werden."

Er hatte Spock mit wachsendem Entsetzen zugehört.

„Dieser Plan ist komplett verrückt, Spock."

Er sah, wie Spock seine Augenbraue hob.

„Im Gegenteil, Captain. Dieser Plan erhöht die Wahrscheinlichkeit, als Sieger aus dieser Konfrontation hervorzugehen, erheblich."

„Ich werde sicherlich nicht zulassen, dass mein Erster Offizier sich auf dieses Selbstmordkommando begibt."

Er bemerkte, dass er, die Hände an den Seiten zu Fäusten geballt, Spock frontal gegenüber getreten war, nicht gewillt, in dieser Diskussion nur einen Millimeter Boden aufzugeben. Denn der Gedanke zuzulassen, dass Spock sich an Bord des feindlichen Schiffes beamte, war für ihn unerträglich.

„Es muss einen anderen Weg geben. Wir können immer noch kämpfen."

„Negativ, Captain. Der Ausgang eines solchen Kampfes ist im besten Fall ungewiss. Die Wahrscheinlichkeit unseres Unterliegens ist höher als die unseres Obsiegens. In diesem Fall wären nicht nur unser aller Leben verwirkt, sondern mit einiger Wahrscheinlichkeit auch die Leben der verbliebenen Vulkanier sowie der Helfer auf New Vulcan. Indem wir meinem Plan folgen, erhöhen wir unsere Chancen erheblich. Sollte ich scheitern, wäre die Enterprise noch immer in der Lage, den Kampf auszufechten. Ich bin sicher, dass der Botschafter in diesem Falle meine Position auf der Brücke ebenso effizient ausfüllen würde, wie ich es täte. Demnach würden Sie keine Schwächung erfahren, sollte ich bei meinem Vorhaben scheitern."

„Keine Schwächung?"

Er starrte Spock ungläubig an, während seine Gedanken Achterbahn fuhren. Alles in ihm drängte danach, Spock diesen halsbrecherischen Plan wieder auszureden, auch wenn ein winziger, nach wie vor rational denkender Teil seines Gehirns Spock in allen Punkten recht geben musste. Trotzdem – er war noch nie sonderlich gut darin gewesen, rational zu denken.

„Wenn du schon auf dieses Selbstmordkommando gehen willst, dann komme ich mit. Wir sind ein Team. Zusammen sind unsere Chancen höher."

Doch Spock schüttelte den Kopf.

„Das wäre nicht nur im höchsten Maße unlogisch, sondern würde die Effektivität meines Planes ad absurdum führen. Wie ich Ihnen bereits dargelegt habe, ist meine Position in einem eventuell folgenden Kampf ersetzbar. Ihre dagegen nicht. Sie sind der Captain des Schiffes und müssen das Schiff und Ihre Crew in einer Schlacht anleiten. Darüber hinaus wäre es nicht das erste Mal, dass Ihre Intuition eine ausweglos scheinende Situation zu Ihren Gunsten drehen würde. Dies können wir weder angesichts der Crew, die Ihnen vertraut, noch angesichts der überlebenden Vulkanier, deren einzige Chance die Enterprise ist, aufs Spiel setzen."

Wieder hätte er vor Frustration am liebsten laut geschrien. Weil er gegen Spocks Logik nicht ankam. Weil er aber trotzdem den Gedanken nicht ertragen konnte, dass Spock auf das klingonische Schiff beamte. Und vielleicht nie mehr zurück kam.

„Dann schicken wir das Security-Team ohne dich da hoch."

„Ich bin der einzige an Bord dieses Schiffes, der körperlich den Klingonen und Nero gewachsen ist. Es wäre unlogisch, wenn ich an Bord bliebe."

Noch immer stand er Spock gegenüber, die Hände zu Fäusten geballt. Und die Frustration und auch das Entsetzen in seinen Eingeweiden hatten neue Höhen erreicht. Und trotzdem wusste er, dass er verloren hatte. Dass es keinen vernünftigen Grund gab, Spock dieses Unternehmen zu verbieten. Dass es ein guter Plan war, vielleicht der einzige, der ihren Sieg versprach und dass sie diese Chance nicht vertun konnten. Und schon gar nicht, weil er – James T. Kirk, Captain der Enterprise – den Gedanken nicht ertragen konnte, Spock gehen zu lassen. Er wusste, dass kein Weg daran vorbei führte. Und trotzdem fühlte er sich wie gelähmt.

Da spürte er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter und aus seinen Gedanken aufgeschreckt sah er sich um – direkt in das ernste, faltige Gesicht des Botschafters.

„Der Commander hat recht, Captain Kirk. Es ist nicht nur die logische Vorgehensweise, sondern auch die einzige, die Erfolg verspricht."

Er spürte selbst, wie seine angespannte Haltung ein wenig in sich zusammen sackte und sich die Fäuste wieder öffneten. Er konnte nicht verhindern, dass sein Ton ein wenig resigniert klang, als er sich Spock wieder zuwandte.

„Tun Sie, was notwendig ist, Commander."

Er sah Spock nicken und sogleich den Kommunikator betätigen.

„Commander Spock an Lieutenant Giotto."

Nur Sekunden später ertönte die Stimme seines Sicherheitschefs.

„Lieutenant Giotto hier, Sir."

„Treffen Sie mich mit drei Männern Ihres Teams unverzüglich im Transporterraum und erwarten Sie dort meine weiteren Anweisungen."

„Aye, Sir."

Dann wandte sich Spock an Chekov.

„Ensign, wie lange dauert es noch, bis wir in Transporterreichweite zum klingonischen Bird of Prey sind?"

Chekov sah Spock mit seinen großen, blauen Augen an.

„Noch 9,54 Minuten, Sir."

Spock nickte dem jungen Russen zu.

„Informieren Sie bitte Mr. Scott, dass ich ihn unverzüglich im Transporterraum erwarte."

„Aye, Sir."

Dann sah er, wie Spock sich noch einmal auf der Brücke umsah, Uhura, Sulu, Chekov und seinem älteren Ich zunickte, bis sein Blick schließlich an ihm selbst hängen blieb. Hilflos erwiderte er den Blick, hätte Spock am liebsten festgehalten und wusste doch, dass es nicht ging.

Für einen kurzen Moment glaubte er, dass Spock noch etwas zu ihm sagen würde. Dann aber strafften sich Spocks Schultern. Er drehte sich um und ging davon. Erst, als er den Turbolift betreten hatte, wandte sich Spock ihm noch einmal zu. Der Blick aus diesen dunkelbraunen, so tiefen Augen traf ihn, ging ihm durch Mark und Bein, brachte sein Herz zum Rasen und seine Seele zum Zittern. Das einzige woran er denken konnte, war, dass er Spock möglicherweise niemals wiedersehen würde.

Und dann – hatten sich die Türen des Turboliftes plötzlich geschlossen.

Und Spock war verschwunden.

Er dachte zurück an den Moment vor etwas mehr als 6 Monaten, als sich die Türen des Turboliftes geöffnet und Spock die Brück betreten hatte. Er dachte daran, wie Spock sein Angebot, Erster Offizier auf der Enterprise zu werden, angenommen hatte und wie euphorisch er sich dabei gefühlt hatte.

Alles hatte sich in diesem Moment ins Gegenteil verkehrt.

Doch gerade, als er sich wieder an seine Pflichten und seine Professionalität erinnern wollte, spürte er erneut die Hand des Botschafters auf seiner Schulter und dessen warmen Atem an seinem Ohr.

„Spock wird sich in wenigen Minuten auf ein feindliches Schiff beamen, Jim. Und es ist ungewiss, ob er zurückkehren wird. Vielleicht sollten Sie darüber nachdenken, ob Sie ihn wirklich gehen lassen wollen, ohne ihm gesagt zu haben, was Sie für ihn empfinden."

Der Ältere hatte so leise gesprochen, dass nur er ihn hören konnte und beinahe erschrocken sah er ihn an.

„Woher…?"

„Ich mag alt sein, Jim, aber ich habe Augen im Kopf. Ich schätze, Dr. McCoy würde den Blick, mit dem Sie ihm hinterher gesehen haben, Ihren ‚verlorenen Hundebabyblick' nennen."

Trotz der Situation musste er kurz lachen.

„Wahrscheinlich haben Sie recht."

Doch dann – wurde er wieder ernst. Und er brauchte nicht lange, um über die Worte des Botschafters nachzudenken.

„Und … Sie haben noch einmal recht."

Entschlossen wandte er sich Sulu zu,

„Sulu, Sie haben bis zu meiner Rückkehr die Brücke. Halten Sie den gelben Alarm aufrecht und unternehmen Sie nichts, bis ich zurück bin."

„Aye, Captain."

Die verwunderten Blicke seiner Crew nahm er schon nicht mehr wahr. Mit drei schnellen Schritten war er im Turbolift, nur Sekunden später verließ er den Lift wieder und rannte in Richtung Transporterraum.

Seine Fingerspitzen kribbelten vor Aufregung, sein Herz schlug im selben Rhythmus wie seine Füße, die den Gang der Enterprise entlang eilten. Er war sich sicher, dass man ihm seine Aufregung aber auch seine Entschlossenheit ansehen musste, aber es war ihm egal. Es war ihm egal, wer ihn sah. Es war einzig und allein wichtig, den Transporterraum zu erreichen, bevor Spock das Schiff verlassen würde. Er war sich sicher, in seinem ganzen Leben noch nie entschlossener gewesen zu sein. Er entging in seiner Eile nur knapp dem Zusammenstoß mit einem dunkelhaarigen Ensign, nahm sich aber nicht einmal Zeit sich zu entschuldigen. Er würde keine Zeit verlieren. Er würde nicht riskieren, zu spät zu kommen, jetzt, da er seinem Ziel so nah war.

Mit dem ganzen Schwung seines schnellen Laufes platzte er schließlich in den Transporterraum. Und sah Spock zu seiner Erleichterung sofort, der von Giotto und drei seiner Leute umringt war und diese offensichtlich gerade instruiert hatte. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Scotty bereits an der Transporterkonsole stand.

Er konnte das Feuer sehen, das in Spocks Augen tanzte, kaum, dass er ihn gesehen hatte.

Er blieb stehen, gönnte es sich, einen Wimpernschlag lang in diese Augen zu sehen, zitternd ein- und wieder auszuatmen.

Und dann – hielt ihn nichts mehr.

Weder Scotty, noch Giotto oder dessen Männer existierten für ihn in diesem Moment. Er sah nur Spock, den Mann, den er liebte, so sehr, dass er das Gefühl hatte, nicht mehr atmen zu können. Und er würde dafür sorgen, dass Spock wusste, was er für ihn empfand, bevor er sich auf diese selbstmörderische Mission begab. Er würde Spock einen Grund geben, zu ihm zurück zu kehren.

Er ging an Giotto und seinen Männern vorbei, die ihm Platz machten, nahm dies aber nur am Rande wahr, sondern ging mit langen Schritten auf Spock zu, bis er ihm direkt gegenüber stand. Und Gott – war Spock schön. Er wollte etwas sagen, etwas Bedeutendes, etwas, das Spock zeigen würde, was er für ihn empfand, aber er fand keine Worte, die seine Gefühle beschreiben würden.

Und so tat er das, was er seit Tagen, vielleicht seit Wochen oder sogar Monaten hatte tun wollen.

Er umfasste Spocks Gesicht mit beiden Händen, ließ seine Finger über Spocks Ohrmuscheln gleiten.

Dann lehnte er sich vor, schloss sie Augen und küsste Spock.

Spocks Lippen waren sanft. Er schmeckte nach Hitze und nach Feuer. Der Geruch der Duftkerzen, die Spock für seine Meditation verwendete, stieg ihm in die Nase. Sein eigenes Herz raste in seiner Brust. Er versuchte Spock mit diesem Kuss alles zu sagen, was er nicht in Worte fassen konnte und alle seine Gedanken verdichteten sich zu einem einzigen.

‚Ich liebe dich.'

Immer und immer wieder, bis er sich sicher war, dass Spock ihn durch den direkten Kontakt ihrer Lippen, durch den direkten Kontakt seiner Hände an Spocks Gesicht einfach hören musste.

Und plötzlich schien es, als würde das gesamte Universum stillstehen.

Denn Spock küsste ihn zurück.

Und nichts an diesem Kuss war vorsichtig, unsicher oder scheu, wie er es sich schon manches Mal vorgestellt hatte. Er hörte ein leises Grollen, das tief aus Spocks Kehle zu kommen schien. Spocks Kuss schmeckte nach Notwendigkeit, nach Besitz und Hingabe, aber auch nach Verzweiflung und raubte ihm vollständig den Atem. Noch immer hielt er Spocks Gesicht in beiden Händen und seine Finger bohrten sich in die weiche, heiße Haut, als wollte er Spock noch näher kommen, als wollte er eine Gedankenverschmelzung initiieren, die ihn eins werden ließ mit dem Mann, der sein Herz fest im Griff hatte. Spock war das einzige, was ihn aufrecht hielt, der feste, starke, heiße Körper an seinem, Spocks Hände, die ihn besitzergreifend an den Hüften hielten.

Der Kuss dauerte ewig und doch viel zu kurz und als sie sich voneinander lösten und sie sich schwer atmend in die Augen sahen, Stirn an Stirn, Körper an Körper sah er, dass Spock seine vulkanische Fassade vollkommen verloren hatte. Seine Wangen sowie die Spitzen seiner Ohren wiesen einen grünlichen Schimmer auf, seine Augen glichen sturmgepeitschten Seen und es schien ihn nicht zu stören, dass noch fünf andere Personen mit ihnen in diesem Raum waren und ihn so sahen. Und allein diese Tatsache ließ das Blut noch ein wenig schneller durch seine Adern jagen.

„Spock."

Seine Stimme klang heiser und war nicht mehr als ein Flüstern.

Doch Spock legte ihm einen Finger auf die Lippen. Einer Eingebung folgend küsste er diesen Finger und er sah, wie Spock für einen Moment die Augen schloss.

„T'hy'la."

Er wusste nicht, was dieses Wort bedeutete aber allein die Art und Weise, wie Spock dieses Wort aussprach, zeigte ihm, dass es etwas Besonderes sein musste. Dass er etwas Besonderes sein musste. Spocks Stimme klang ernst und sicher, so als könne es nicht den geringsten Zweifel geben und es war dieses Wort und die absolute Sicherheit in Spocks Stimme, die jeden eventuell noch verbliebenen Zweifel vergessen ließ. Er wusste in aller Deutlichkeit, wie richtig seine Entscheidung für Spock gewesen war, wie sehr er sein ganzes Leben lang nach diesem Mann gesucht hatte und wie glücklich er sein konnte, ihn endlich gefunden zu haben. Spock stand vor ihm und bot ihm alles, was er sich je gewünscht hatte – Heimat, Sicherheit.

Und Liebe.

Denn genau in diesem Moment löste Spock seinen Finger von seinen Lippen und führte seine Hand an seine Schläfe zu seinen Psi-Punkten.

Es war keine vollständige Gedankenverschmelzung. Es war vielmehr die Übertragung von Emotionen – Spocks Emotionen. Und doch war das, was ihn erreichte, überwältigend, so überwältigend, dass er die Luft anhalten musste, weil er befürchtete, dass der nächste Atemzug ihn innerlich zerreißen würde. Das Gefühl bedingungsloser Liebe, das ihn durchströmte, jede Zelle seines Körpers, jede Faser seines Seins durchströmte, war beinahe mehr, als er ertragen konnte und mehr, als er sich je erträumt hatte. Er badete in diesem Gefühl, ließ sich umfließen, ging darin unter und hatte doch keine Angst, weil er wusste, dass Spock da sein würde, um ihn zu retten.

Er öffnete seine eigenen Barrieren, ließ Spock tief hinein sehen in sein Herz, seine Seele, wollte diesem alles zeigen, nichts zurück halten.

Er konnte Spocks Erstaunen, seine Freude und sein Verlangen spüren und es war ein Gefühl, das er nie wieder missen wollte. Denn er – James Tiberius Kirk – wurde geliebt, wurde wertgeschätzt als der der er war. Und nicht als der, der er sein sollte oder dem er ähnlich sah oder dessen Erwartungen er nicht erfüllen konnte.

Dann spürte er, wie Spock seine Finger langsam entfernte, wie er die Verbindung unterbrach und instinktiv griff er nach Spocks Hand, wollte diese halten, wo sie war, wollte diese Verbindung aufrecht erhalten, sie um keinen Preis der Welt unterbrechen.

„Ich muss, T'hy'la. Ich muss fort. Ich habe eine Aufgabe, die es zu erfüllen gilt."

Schlagartig öffnete er die Augen, die er geschlossen haben musste, als Spock die Verbindung hergestellt hatte. Und die Realität, die er für einige wundervolle Sekunden vollständig vergessen hatte, brach mit doppelter Heftigkeit über ihn herein.

Doch bevor er irgendetwas hätte tun oder sagen können, spürte er, wie Spock den Zeigefinger und den Mittelfinger ihrer beiden Hände zusammenführte, während er ihm in die Augen sah. Und er spürte wieder das Kribbeln, das bei dieser Berührung seinen ganzen Arm erfasste und er wurde wieder ruhiger.

Denn Spock wusste nun, wie er empfand. Und er wusste endlich, wie Spock empfand. Nichts, was passieren würde, würde ihnen diesen Moment je wieder nehmen können. Ja, Spock musste gehen. Und ja, es konnte gut sein, dass er ihn verlieren würde und das, nachdem er ihn gerade erst gefunden hatte. Und dieser Gedanke war nach wie vor unerträglich. Aber er hatte ihm den besten Grund gegeben, alles dafür zu tun, um zu überleben.

Und als hätte Spock seine Gedanken gelesen – und vielleicht hatte er das auch, denn noch immer berührten sich ihre Hände und noch immer berührten sich ihre Stirne – flüsterte er, so leise, dass nur er es verstehen konnte:

„Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um zu dir zurück zu kehren, T'hy'la. Ich verspreche es."

Er nickte, ohne Spocks Augen loszulassen.

„Ich vertraue dir."

Ein vernehmliches, aber nichts desto trotz verlegenes Räuspern in ihrem Rücken machte ihnen wieder bewusst, dass sie nicht alleine waren. Und auch Scottys Stimme war die Verlegenheit anzumerken.

„Commander, wir sind in 30 Sekunden in Transporterreichweite."

Einen letzten Moment blieben sie in ihrer Position, dann straffte sich Spocks Körper. Er richtete sich auf und trat einen Schritt zurück, dann drehte er sich um und stellte sich auf der Transporterplattform in Position, auf der bereits Giotto und seine Männer Aufstellung bezogen hatten, die allesamt den Kopf gesenkt hielten, weil sie offensichtlich nicht wussten, wohin sie ihre Blicke richten sollten.

Die Kälte und die Leere, die er selbst plötzlich empfand, ließen ihn schaudern. Und doch zwang er sich dazu, aufrecht zu stehen und Spock nicht aus den Augen zu lassen, dessen Augen ebenfalls auf ihm ruhten.

„Wir erreichen Transporterreichweite in 3 … 2 … 1 …"

Er ließ Spocks Blick auch dann nicht los, als dieser begann, sich zu dematerialisieren. Bis zum letzten Moment hielt er Spock fest.

Und dann – war Spock verschwunden.

Er zögerte keine weitere Sekunde. Er drehte sich zu dem Schotten um, der noch immer hinter der Transporterkonsole stand.

„Bleiben Sie hier, Mr. Scott. Ich brauche Sie auf Posten, um unser Außenteam jederzeit wieder an Bord beamen zu können."

Scottys Bestätigung hörte er schon fast gar nicht mehr, denn ebenso schnell, wie er den Weg von der Brücke zum Transporterraum zurück gelegt hatte, beeilte er sich nun, zur Brücke zurück zu kehren.

Er hatte den Turbolift noch nicht verlassen, als seine Augen bereits Chekov fixierten.

„Mr. Chekov, bringen Sie mir augenblicklich Spocks Vitalfunktionen auf den Schirm."

Wenn Chekov seinen Befehl seltsam fand, sagte er nichts dazu und nur Sekunden später sah er am rechten oberen Rand des großen Schirms unter anderem ein kleines Herz flimmern, neben dem Spocks Pulsschlag zu sehen war.

Er ließ sich in seinen Sessel fallen, die Augen auf das kleine, schlagende Herz fixiert. Er wusste, dass er für den Moment nichts anderes tun konnte, als zu warten. Aber immerhin würde er so wissen, dass Spock nach wie vor am Leben war. Jeden anderen Gedanken verdrängte er bewusst, fühlte stattdessen noch einmal dem überwältigenden Gefühl nach, das es bedeutete, von Spock geliebt zu werden.

Spock würde es schaffen.

Er hatte versprochen, auf sich aufzupassen.

Und er wusste, dass Spock sein Versprechen halten würde.


So,

nun bin ich wirklich auf eure Meinung gespannt. Immerhin habe ich mir 35 Kapitel Zeit gelassen und ich hoffe wirklich, dass ich eure Erwartungen nicht enttäuscht habe.

Vielen lieben Dank an Windschatten69 und Lu-the fallen angel für eure lieben reviews und ein herzliches Dankeschön an alle, die lesen.

LG xxx