Alwa fuhr mit der Kutsche zum Erntefest. Aber sie war bis Hísimё soweit, dass sie selber ein Stückchen im Schritt oder Trab reiten konnte. Thorin hatte ihr das schönste und sanfteste Pony gekauft, das für Gold zu haben war. Eine Windfarbfalbe in einem hübschen Grau mit heller Mähne. Alwa nannte sie Otta. Dazu Sattel und Zaumzeug vom Allerfeinsten und mehrere Paar wunderschöne Reitstiefel. Wann immer es ihre Zeit und das Wetter erlaubte, ritten sie abends noch eine kleine Weile zusammen aus. Er zeigte ihr die nähere Umgebung und meistens beschlossen sie den Abend auf einer kleinen Anhöhe, von der aus man einen guten Blick auf die Eisenberge im Osten hatte. Danach ritten sie langsam zurück, bevor es ganz dunkel wurde. Alwa hatte in der Vergangenheit kaum jemals im Leben den Berg verlassen. Alles war aufregend und neu für sie. Und auch wenn die Weite der Welt draußen sie manchmal ein wenig ängstigte, liebte sie diese Ausflüge an Thorins Seite. Und sie genoss ihre eigene, kleine Freiheit, selber reiten zu können.
Alwas Leib begann sich zu runden und es kamen erste Gerüchte über eine Schwangerschaft der Königin auf.
Vor zwei Wochen hatte Alwa Thorin überraschend mitten am Tage im Amt aufgesucht. Sie stand plötzlich wortlos und barfuß in der Tür und ihre Augen leuchteten. Der König hatte seine Besprechung unterbrochen und die anwesenden Zwerge hinausgeschickt.
„Mahal!", ächzte er als sie alleine waren, „Das war Rettung im letzten Augenblick! Diese endlosen Querelen bringen mich um den letzten Verstand. Komm her, Schatz. Was ist denn?".
Er zog sie zu sich auf seinen Armstuhl am Schreibtisch. Schweigend lehnte sie sich an ihn, nahm seine Hand und legte sie auf ihren Unterleib. Er wusste nicht recht, worauf sie hinaus wollte und sah sie fragend an, bis er plötzlich ganz deutlich Bewegungen unter seiner Handfläche spürte. Sein Kind. Er konnte es fühlen! Erschrocken, fast entsetzt, keuchte er auf und suchte Alwas Blick. Ihr glückliches Lächeln schwand. Forschend und ein wenig enttäuscht betrachtete sie ihn.
Er hatte ihr geglaubt, dass sie schwanger war. Dachte er. Und doch. Die tatsächliche Anwesenheit dieses kleinen Fremden im Leib seiner Gemahlin mit eigenen Händen zu spüren, verstörte ihn mit einem Male maßlos. Er erhob sich, ließ sie auf seinem Stuhl Platz nehmen, fiel vor ihr auf die Knie und presste behutsam sein Gesicht an ihren Bauch. Und mit jedem kleinen Stupser, den er fühlte, nahm der Aufruhr in seinem Innern zu.
„Was, wenn er unter den Fluch meiner Familie fällt? Thrors Wahnsinn! Und meiner auch! Mein Blut bringt kein Glück. Alwa! Was, wenn er leidet darunter? Wenn er mich hasst dafür?", raunte er aufgewühlt.
Sie seufzte.
„Sssch, sei ganz ruhig, mein Herz. Fredrin wird frei vom Goldwahn Deiner Väter sein. Genau wie Fíli und Kíli frei davon waren. Aber auch er wird Leid erfahren. So wie wir alle. Aber es sollte ihn nicht brechen. Er wird unser beider Stärke haben. Und er wird Dich lieben. Hab Vertrauen", flüsterte sie sanft und strich ihm zärtlich über das Haar.
Sie spürte, wie er mehrmals tief Luft holte und langsam zur Ruhe kam. Ein besonders heftiger Tritt ließ Alwa glucksend auflachen.
„Na, na, Fredrin! Tu Deiner Mutter nicht weh", sagte Thorin und küsste noch etwas zögerlich ihren Bauch. Er sah zu ihr auf und sein Blick war voller Dankbarkeit. Sie nahm sein Gesicht in beide Hände und küsste seine Stirn.
Das war jetzt vierzehn Tage her und seitdem war Thorin noch fürsorglicher um sie bedacht als sonst. Heute kehrten sie gerade von ihrem abendlichen Ausritt zurück, als ein heftiger, eisiger Regenschauer sie überraschte. Wie kleine Nadelstiche prasselten die Tropfen, vom Wind gejagt, auf ihre Gesichter und Hände. Die Abende waren jetzt schon empfindlich kalt. Aber als sie losritten, war es noch sonnig und klar gewesen. Sie beeilten sich, zurückzukommen. Die Tore waren schon in Sichtweite, als Alwa plötzlich ihre Stute zügelte, sich an die Brust griff und schwankte.
„Alwa!", brüllte Thorin und riss sein Pony herum.
Er kam zu spät, um ihren Sturz zu verhindern. Alwa glitt von Ottas Rücken, langsam und mit abwesendem Blick und landete auf dem aufgeweichten Boden. Als er zu ihr stürzte, hatte sie sich schon wieder halbwegs aufgerichtet.
„Ama. Ama ist tot", sagte sie tonlos und hielt sich an ihm fest.
Er umarmte sie. Drei der Torwachen kamen gerannt, einer übernahm die Ponys und zwei hielten eine Decke, unter deren Schutz Thorin Alwa aufhalf und sie zurück in den Berg brachte. Als sie später im Bett lag und stumm um ihre alte Vertraute trauerte, ging er hinunter zu Oin. Er erzählte ihm von dem Sturz, der glücklicherweise glimpflich verlaufen zu sein schien und davon, dass Alwa ein Kind trug. Und er bat ihn, nach ihr zu sehen. Oin war dermaßen außer sich vor Freude als er von der Schwangerschaft erfuhr, dass der König verlegen lächeln musste.
„Thorin, das ist wunderbar! Wunderbar, hörst Du? Ein Kind für Dein Haus! Vielleicht sogar ein Thronfolger! Wir haben das alle so sehr gehofft für Euch. Für Dich besonders. Nach allem was gewesen ist.. Und Kindsbewegungen sind schon zu spüren? Da habt Ihr wahrlich keine Zeit vergeudet, was? Verzeih! Das geht mich natürlich gar nichts an. Aber dann braucht Ihr nicht mich, Thorin. Wende Dich an Winni. Sie ist die erfahrenste Hebamme, die wir haben. Wollen wir eben zusammen hingehen? Sie hat ihre Räume nicht weit von hier", sagte er begeistert.
Thorin wunderte sich, dass er nicht einfach nach ihr schickte, aber als er ihre Räume betrat und eine ihrer Gehilfinnen sie zu ihr führten, war klar, dass die alte Winni eine Persönlichkeit war, die man nicht nach Gutdünken herumschickte.
„Sieh an. Der König. Dann ist doch was dran an den Gerüchten? Schön, schön! Bei Eurer Geburt hab ich damals als Lehrhebamme geholfen. Oder war es der Bruder? Bei der Schwester war ich dabei, dass weiß ich noch… Na, der Mutter war es gleich. Gelitten hat sie jedes Mal...".
Oin unterbrach sie vorsichtig.
„Winni, es geht nicht um das, was war. Es geht um die Königin hier und heute. Sie ist schwanger und sie ist gestürzt. Kommst Du jetzt bitte?", bat er.
„Ja, doch! Du nimmst meine Tasche, Junge", sagte sie an Oin gewandt und erhob sich ächzend, „Wo ist mein Stock? Danke, Junge".
Ein halbe Stunde später waren die drei bei Alwa, die schon fast eingeschlafen war. Erstaunt sah sie auf, als Thorin mit Oin und Winni hereinkam und der König wünschte plötzlich, er hätte vorher mit ihr über seinen Gang zu Oin gesprochen. Oin stellte die Tasche neben das Bett, holte einen Stuhl für Winni und trat dann zur Seite.
„Danke", ächzte die Alte, setzte sich und tätschelte Alwas Hand, „Mein Name ist Winni und ich bin Hebamme. Du bist also gestürzt heute, Kind?".
Alwa nickte und warf Thorin einen kurzen, unwilligen Blick zu. Winni, die sofort merkte, dass die Königin nicht glücklich über ihr Kommen war, fragte:
„Soll ich die Kerle raus schicken, damit wir ungestört sind?"
Alwa nickte wieder.
„So, Jungens! Also raus mit Euch!", fuhr sie Oin und Thorin barsch an und zeigte mit ihrem knochigen Zeigefinger auf die Tür.
Thorin, der Winnis Ton ihm gegenüber überhaupt nicht schätzte, wollte ärgerlich etwas einwenden, aber Oin zog ihn mit sich hinüber ins Nebenzimmer.
„Wir warten nebenan", sagte er.
Im Zimmer nebenan gab Thorin dem Mobile an der Decke einen unsanften Schubs und die Planten begannen, um die Sonne zu rasen.
„Lass gut sein, Thorin. Sie ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber sie ist wirklich gut", sagte Oin beschwichtigend.
Der König warf sich in einen der Sessel und wartete zähneknirschend. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich die Tür öffnete. Zu seinem Entsetzen liefen Winni die Tränen über das faltige Gesicht, als sie heraustrat. Die beiden Zwerge sprangen auf.
„Mahal, was ist? Was ist mit der Königin?", entfuhr es Oin als erstes.
„Hm?", fragte die alte Winni geistesabwesend und wischte sich mit einem Tuch die Augen, „Ach so. Der geht es sehr gut. Alles bestens. Sie ist recht sicher mit dem Tag der Empfängnis. Demnach wird es Ende Súlimё soweit sein. Das ist auch mein Eindruck. Ich komme nächste Woche noch einmal nachschauen. Wenn sonst etwas ist, wisst ihr, wo ihr mich findet. Und jetzt habe ich noch etwas anderes zu tun. Oin, nimm meine Tasche und zeig mir eben, wo Dwin und Dwalin wohnen, ja?".
Oin nickte, nahm ihr die schwere Tasche ab und bot ihr seinen Arm. Winni seufzte dankbar und hakte sich bei ihm unter.
„Danke Oin, ich bin doch in letzter Zeit recht kurzatmig".
Mit einem Nicken zu Thorin hinüber gingen die beiden hinaus. Thorin hörte noch, dass Oin sie neugierig fragte, ob es bei Dwin etwas Neues gäbe, das er wissen sollte, aber Winni lachte nur ihr meckerndes Lachen und meinte, das ginge ihn überhaupt nichts an.
Thorin ging hinüber zu Alwa. Sie sah ihm mit leichtem Vorwurf im Blick entgegen.
„Alwa, ich wollte nur wissen, ob alles in Ordnung ist nach dem Sturz. Ich habe mir Sorgen gemacht", sagte er und zog unduldsam die Stirn in Falten.
„Es war alles in Ordnung. Und ich hätte es gerne meiner Mutter als erste erzählt, bevor sie es morgen in der Markthalle von ihrer Gemüsehändlerin erfährt, die es vom Nachbarn der Schwägerin des Nachtkuriers weiß", sagte Alwa ruhig und lächelte seufzend, „Und ich hätte es gerne Ama erzählt. Aber nun ist es eh spät".
Sie begann zu weinen, streckte die Arme nach ihm aus und er zog sie in eine tröstende Umarmung.
„Wird sie es nicht wissen? Ich meine… Auf der anderen Seite?", fragte er leise.
„Ich könnte es ihr dort sagen, aber es ist nicht dasselbe. Ich werde dort nicht ihre Freude sehen und nicht ihre Arme um mich fühlen", schluchzte sie, „Ich hätte es ihr früher sagen müssen. Ich wusste doch, dass sie gehen wird. Zu was ist die Gabe nutze, wenn ich dann nicht das Richtige tue? Ach, Ama. Ama, es tut mir so leid!", schluchzte sie.
„Vielleicht hat sie es gewusst. Sie hat Dich besser gekannt, als jeder andere. Geahnt hat sie es bestimmt", versuchte Thorin sie zu trösten.
Alwa sah ihn nachdenklich an.
„Vielleicht", sagte sie seufzend.
„Und was hast Du mit der komischen Alten gemacht, dass sie so aufgelöst war?", fragte Thorin dann, um sie auf andere Gedanken zu bringen.
Alwa seufzte.
„Wala hat gesagt, dass niemand zu viel über seinen eigenen Tod wissen sollte und das ist sicher richtig. Aber ich habe beschlossen, bei Winni eine Ausnahme zu machen. Sie hat so vielen Müttern in Not und so vielen Kindern auf die Welt geholfen und ist doch selber jetzt im Alter ganz alleine. Sie hat Angst davor, jahrelang gebrechlich auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Darüber haben wir lange gesprochen. Ich sehe ihren Tod sanft und unerwartet im Schlaf zu ihr kommen. Das habe ich ihr gesagt", antwortete Alwa.
„Da wird Wala Dir ja was erzählen", meinte Thorin schmunzelnd.
„Mag sein. Aber ich treffe meine eigenen Entscheidungen", erwiderte sie schlicht, „Und ich habe Winni nicht gesagt, dass es schon nächste Woche soweit sein wird".
Es klopfte hart.
„Geh´ Du mal! Ich hab die Hände voller Teig!", rief Dwin.
Dwalin erhob sich grummelnd. Finn hatte Feierabend und Balin war drüben bei Ori. Es klopfte noch einmal und Dwalin riss ungehalten die Tür auf. Vor ihm stand Winni und holte gerade noch einmal mit ihrem Stock aus, um an die Tür zu hämmern. Dwalin sah stirnrunzelnd auf sie herunter, während Oin hinter ihr stand und grinste.
„Na, endlich", keuchte Winni, „Und jetzt mach Platz. Ich muss mich setzen".
„Dwin!", brüllte Dwalin über seine Schulter zurück, während Winni an ihm vorbei in die Wohnung humpelte und sich ächzend auf eine Bank im Flur setzte. Dwin kam aus der Küche geeilt, trocknete sich mit einem Handtuch die Hände und stutzte, als sie die alte Hebamme sah.
„Winni! Das ist ja eine Überraschung! Und Oin. Guten Abend. Kommt doch durch ins Wohnzimmer", sagte sie überrascht.
„Danke, Oin. Du kannst jetzt eigentlich gehen", sagte Winni grinsend.
„Nichts da. Jetzt will ich es auch wissen", meinte er und kam rasch herein.
Oin half Winni auf und ging mit ihr am Arm die paar Schritte weiter in die Stube. Dwin wollte folgen, aber Dwalin packte sie fest am Arm und zog sie zurück.
„Gibt´s was, das Du mir sagen solltest?", brummte er vorwurfsvoll.
„Was? Nein. Nein, verdammt! Ich habe keine Ahnung, warum sie hier ist!", zischte Dwin ihm ärgerlich zu. Sie riss sich los und funkelte ihn zornig an.
„Hören kann ich noch vortrefflich!", keifte Winni aus dem Nebenzimmer, „Hört auf zu streiten und kommt jetzt her! Ich bin müde. Die Königin schickt mich".
„Die Königin?", knurrte Dwalin verdutzt.
Dwin zuckte die Schultern.
Wortlos kamen beide in die Stube und setzten sich.
„Die Königin schickt Dich zu uns?", fragte Dwin erstaunt.
„Ja. Sie meint, Du bist seit Wochen schwanger und merkst es nicht", sagte die Alte ächzend.
„Ich…? Nein... Das kann nicht sein. Mir ist morgens gar nicht schlecht… Es ist nicht wie letztes Mal. Mir geht es wirklich gut", sagte sie ungläubig.
„So soll es ja auch sein. Wann hattest Du Deine letzte Blutung?", fragte Winni.
„Weiß ich gar nicht. Es kam nicht regelmäßig, seit ich das Kind verloren hab. Da hab ich ganz den Überblick verloren. Länger her ist es schon...", räumte Dwin ein und sah sich hilfesuchend nach Dwalin um.
Der fasste schweigend ihre Hand und drückte sie fest.
„Wenn die Königin es sagt", brummte er leise.
„Ja, das denke ich eigentlich auch", sagte Winni, „Ich schau mir das jetzt an. Wenn es wirklich schon eine Weile her ist, kann ich es vielleicht sogar gleich bestätigen, sonst kommst Du bitte ab nächste Woche regelmäßig zu mir. Wir sollten das dann im Auge behalten, hörst Du?", wies sie Dwin an.
Die Hebamme schickte Oin und Dwalin für die Untersuchung hinaus.
Dwins Wangen waren vor Aufregung und Freude hochrot, als sie danach zu Dwalin lief und ihm um den Hals fiel.
„Oh, Dwalin! Hoffentlich geht diesmal alles gut!", hauchte sich mit bebender Stimme und ihre Augen schwammen in Tränen.
„Das wird es ganz sicher. Ich denke, Ende Lótessё wird es soweit sein", sagte Winni, die hinterher gekommen war, beruhigend.
Sie tätschelte Dwin den Arm.
„Erst die Königin und zwei Monate später Du, Dwin! Das wird das glücklichste Jahr im Erebor seit langer, langer Zeit!", freute sich Oin lachend.
„Das konntest Du nicht für Dich behalten, was? Schwätzer!", keifte Winni ärgerlich, doch dann fuhr sie lächelnd fort: „Na, komm Oin. Lassen wir die beiden ihn Ruhe".
Dwin und Dwalin hörten nur mit halbem Ohr ihre Worte. Sie verabschiedeten die Gäste immer noch Hand in Hand und kaum war die Tür hinter denen ins Schloss gefallen, umarmte der Dwalin seine Gemahlin. Er hielt sie lange einfach an sich gepresst. Ihm fehlten die Worte.
Endlich blickte sie auf in seine grau-grünen Augen.
„Ich hab soviel zu tun gehabt die letzte Zeit… Ich hab es nicht gemerkt. Ich hab gar nicht mehr dran gedacht. Aber… Wir werden ein Kind haben. Dwalin! Ein Kind!", flüsterte sie endlich stockend.
Am anderen Tag klopfte es an der Tür der Hebammen und eine der Lehrhebammen öffnete. Sie führte den Besucher, der sich sichtlich unwohl fühlte, zu Winni, die in ihrem Zimmer am Schreibtisch saß.
„Danke, Gesa. Du kannst gehen", sagte sie.
Als die Zwergin die Tür hinter sich geschlossen hatte, wies die Alte auf den freien Besuchersessel.
„Ich nehme an, wenn etwas mit Dwin wäre, wärst Du nicht so stumm. Was kann ich für Dich tun, Dwalin?", fragte sie.
Dwalin knetete seine Finger und schwieg.
„Oin ist nicht hier. Nichts was Du jetzt sagst, wird diesen Raum verlassen. Das verspreche ich Dir, Dwalin", sagte Winni ernst.
„Ich muss wissen, ob… Ah, verdammt!", begann er und brach ab.
Winni lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und wartete geduldig.
„An dem Tag… Ich mein, als das mit dem Kindchen war… Davor mein ich... Da hab ich bei ihr gelegen. Und ich meine, nicht nur gelegen...".
Er war jetzt hochrot im Gesicht. Winni sah, wie schwer es dem gestandenen Zwerg fiel, über diese Dinge mit ihr zu reden. Sie nickte schweigend und ließ ihm Zeit, die richtigen Worte zu finden. Dwalin fuhr sich mit der Hand über den kahlen Schädel.
„Verdammt, ich habe sie richtig hart genommen! Und ich muss wissen, ob das schuld war am Tod des Kindchens. Ich denk das immer und ich hab mir das nie verziehen. Ich muss es wissen. Damit es nicht noch mal passiert!", brachte er endlich heraus.
Winni dachte einen Moment lang nach und beugte sich dann vor.
„Nein, Dwalin. Meiner Meinung nach, hat Euer Beieinander nichts damit zu tun. Es ging ihr von Anfang an nicht gut in der Schwangerschaft. Meiner Erfahrung nach wäre es früher oder später auf jeden Fall dazu gekommen. Ob es jetzt der Aufruhr ihrer Gefühle war oder der Sturz dort unten, der es letztendlich ausgelöst hat? Wer will das sagen? Es ist geschehen. Es ist vorbei. Für jetzt gilt: Das erste Drittel dieser Schwangerschaft ist fast überstanden und es geht ihr so gut, dass sie das Werden des Kindes gar nicht bemerkt hat. Alles ist in bester Ordnung. Das bedeutet für Dich: Erlaubt ist, was ihr gefällt. Irgendwann wird der Bauch im Wege sein oder ihr vielleicht die Berührung zu viel sein. Dann ist ein bisschen Herumprobieren gefragt. Du hast heute diesen Gang zu mir auf Dich genommen und diese Frage gestellt. Du liebst sie wirklich. Das sehe ich. Das ist das Allerwichtigste. Sei aufmerksam, nimm ihr ab, was Du kannst und freut Euch gemeinsam auf das Kind. Wenn die Geburt erst überstanden ist, wird es anstrengend und aufregend genug", war Winnis Antwort.
Dwalin seufzte so tief und derart erleichtert, dass Winni lächelte. Als er gegangen war, kam Gesa mit zwei Bechern Tee zu Winni. Sie reichte ihr den einen und setzte sich zu ihr.
„Danke", ächzte die Alte.
„Wie geht es Dir heute?", fragte Gesa und sah sie besorgt an.
Winni winkte ab und antwortete nicht.
„Hast Du dem Vater gesagt, was die Königin noch gesehen hat?", fragte sie weiter.
„Nein. Sollen sie erst einmal diese erste Neuigkeit verdauen. Sobald ich es selber feststellen kann, sag ich es ihnen. Wichtig ist, dass wir es wissen. Oder besser gesagt, dass Du es weißt. Ich denke nicht, dass ich es sein werde, die sie dabei begleiten wird", erwiderte Winni müde.
Gesa ächzte.
„Sag nicht so etwas. Ich bin nicht bereit dafür. Ich kann das hier nicht alleine...", begann sie, aber Winni unterbrach sie ungerührt.
„Unsinn! Du bist seit über fünfzig Jahren bei mir. Du kannst und Du wirst unsere Aufgaben hier über kurz oder lang ohne mich erfüllen. Und Du wirst sie gut erfüllen. Das weiß ich. Deshalb kann ich auch in Ruhe abtreten. Du wirst weiter ausbilden, Mütter betreuen und Geburten begleiten. Und wenn es stimmt, was die Königin sagt, wird diese Geburt für Aufsehen sorgen. So etwas hat es seit über hundert Jahren nicht gegeben. Einhundertundeinundzwanzig Jahre, um genau zu sein. Und Du wirst sie dabei begleiten".
„Dann sollte ich wohl besser noch einmal in die Lehrbücher schauen und mir aufschreiben, was ich an Fragen an Dich habe. Du redest mir in letzter Zeit viel zu viel von Deinem Abtreten, liebe Winni", antwortete Gesa sanft lächelnd, erhob sich und nahm die leeren Becher.
„Tu das, meine Gute. Und besser heute als morgen", erwiderte Winni seufzend und nickte.
