Carpe Noctem

by CarpeDiem

"Es ist wahr, wir sind alle ein wenig verrückt,

aber ich sehe es so klar,

jetzt, da ich von meinen Ketten befreit bin,

die Angst existiert nur in unseren Köpfen."

# 36 #


Der grüne Lichtstrahl bahnte sich seinen Weg durch den Saal im Bruchteil einer Sekunde, und obwohl dieser Zeitraum für Anastasia so unendlich viel länger war, reichte er doch nicht aus, um irgendetwas zu tun.

Der Fluch traf den Jungen mitten auf die Brust, und Anastasia biss die Zähne zusammen, um nicht im Rausch der Gefühle, die sie in diesem Augenblick zu übermächtigen drohten, etwas zu tun, das ihre Anwesenheit zweifellos verraten hätte.

Sie war nicht fähig ihren Blick von dem Geschehen in der Halle abzuwenden, und sie sah vollkommen machtlos dabei zu wie Severus zu Harrys totem Körper geschickt wurde, um sicher zu stellen, dass der Junge diesmal tatsächlich tot war. Anastasia hielt den Atem an, als Severus Harry seine Finger an den Hals legte.

„Er ist tot, mein Lord."

Anastasia hörte die Worte so deutlich, als stünde sie ebenfalls in dem großen Saal und nicht unter Harrys Tarnumhang verborgen einige Meter darüber an einem der hochgelegenen Fenster. Auch Voldemorts kaltes Lachen hallte lauter in ihren Ohren wider, als es ihr lieb war, aber die Trauer und die Scham überdeckten im Augenblick ihre Wut.

Sie hatte versagt - erneut. Der Kreis hatte sich unaufhaltsam wieder geschlossen, genauso wie er es vor beinahe 250 Jahren bereits getan hatte. Sie war nicht in der Lage gewesen den Jungen zu retten. Sie hatte zugelassen, dass Voldemort denjenigen tötete, der als einziger in der Lage hätte sein sollen ihn zu vernichten. Aber vor allem hatte sie Albus enttäuscht. Er hatte das Leben des Jungen in ihre Hände gelegt, und sie hatte zugelassen, dass er umgebracht wurde.

Als sie bemerkt hatte, dass Harry aus dem Haus verschwunden war, hatte sie nicht lange überlegen müssen, um zu dem Schluss zu kommen, dass er versuchen würde nach Malfoy Manor zu gelangen, um den vorletzten Horkrux zu zerstören, und sich damit selbst zu opfern. Sein ganzes Leben war von der Prophezeiung bestimmt worden, und letzten Endes hatte er sein Schicksal angenommen und war freiwillig in den Tod gegangen, um hunderte andere zu retten. Anastasia machte ihm keine Vorwürfe, das stand ihr nicht zu, aber sie wünschte sich, dass er ihr vertraut hätte, und dass er es ihr erspart hätte hilflos mit ansehen zu müssen wie Voldemort ihn umbrachte. Sie hatte es nicht verdient, dass ihr das nach so vielen Jahren noch einmal angetan wurde.

Anastasias Blick war immer noch auf Harrys leblosen Körper gerichtet, und sie machte sich die schrecklichsten Vorwürfe, doch sie versuchte sich zusammen zu reißen und nicht zuzulassen, dass ihre Gefühle ihre Sinne trübten.

Es gab nur eines, was sie jetzt tun konnte. Sie musste den letzten Horkrux zerstören und anschließend Voldemort vernichten. Doch der Käfig aus Licht, in dem die große Schlange einige Meter hinter Voldemort in der Luft schwebte, würde dieses Vorhaben erschweren. Sie wusste, dass dieser Zauber jegliche Art von Flüchen abwehren würde, also hatte es keinen Sinn Nagini jetzt anzugreifen, wenn sie doch nichts ausrichten konnte. Sie musste mit Severus reden, vermutlich hatte er bereits eine Möglichkeit gefunden wie man die Schlange trotz des Käfigs töten konnte.

Dieser Krieg würde hier und heute enden, und Anastasia war dazu bereits jeden Preis, der von ihr gefordert wurde, zu zahlen um dieses Ziel zu erreichen.

Sie war schon so lange auf dieser Welt, dass das Leben seinen Reiz verloren hatte, und es gab nichts für das es sich aus ihrer Sicht noch lohnte weiter zu kämpfen. Für einen kurzen Moment glitten ihre Gedanken zu Severus, doch sie gestattete sich nicht sich in den Gefühlen zu verlieren, die der Gedanke an ihn in ihr hervor rief. Er war ein Mensch und damit unglaublich vergänglich. Sein Wohl lag ihr am Herzen, aber sie liebte ihn nicht, und wenn sie ihn verlieren würde, würde dieser Verlust nicht tiefer gehen, als die unzähligen davor.

Sie war müde, und als sie sah wie Harrys Körper von Severus Zauber in die Luft gehoben wurde, konnte sie Albus zum ersten Mal wirklich verstehen. Auch sie sehnte sich danach endlich am Ziel ihres Lebens anzukommen.

Aber vorher hatte sie eine Aufgabe zu erledigen.

Sie hatte das Grundstück mit Hilfe eines kleinen schwarzmagischen Fluches betreten können, aber bei dem Haus selbst würde sie an ihre Grenzen stoßen. Sobald sie einem Fuß über die Schutzzauber, die jede Wand und jedes Fenster umgaben, setzte, würde Voldemort erfahren, dass sie hier war. Doch das war Anastasia gleichgültig. Es gab keinen anderen Weg, und mit Harrys Tarnumhang würde sie es vermutlich eine Zeit lang verhindern können, entdeckt zu werden.

Trotzdem würde sie Hilfe brauchen.

Mit einem letzten Blick hinunter in die Halle drehte Anastasia sich um, und sprang von dem Vorsprung, auf dem sie gestanden hatte, in die Tiefe.

# # #

Harry lag mit dem Gesicht halb nach unten, ausgestreckt auf dem Boden, und bis auf seine Augen und die Muskeln in seinem Gesicht, konnte er sich nicht bewegen. Sein ganzer Körper fühlte sich seltsam taub an und an der Stelle, an der ihn der Todesfluch getroffen hatte, hatte er überhaupt kein Gefühl.

Er wusste nicht was gerade geschehen war, doch eines wusste er. Er war nicht tot.

Das nächste, was er hörte, war Voldemorts Stimme, die durch die Halle zischte.

„Snape, sieh nach, ob er tot ist."

Harry hörte Schritte auf dem Boden, und dann erschien der Saum einer schwarzen Robe neben ihm. Harry überlegte einen Moment lang was er tun sollte, entschied sich dann aber die Augen zu schließen.

Snape ging neben ihm in die Knie, und legte Harry zwei Finger an den Hals, um seinen Puls zu fühlen. Harry spürte wie Snape seine Finger für einen kurzen Augenblick fester an seine Halsschlagader drückte, bevor er sie einen Moment darauf wegzog, als habe er sich an Harrys Haut verbrannt. Harry konnte seinen Arme und Beine immer noch nicht wieder bewegen, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als abzuwarten. Er wusste, dass er nicht tot war, und Snape musste zweifellos seinen Puls gespürt haben, sonst hätte er seine Finger nicht so schnell wieder weggezogen. Harry vertraute Anastasia, doch dieses Vertrauen galt nicht Severus Snape.

Im Saal war es still, während sich Snape wieder aufrichtete. Dann hörte Harry seine Stimme.

„Er ist tot, mein Lord."

Noch einen weiteren Moment war es vollkommen still im Saal, doch dann hallte Voldemorts Lachen an den Wänden wider. Es war ein kaltes und höhnisches Lachen, geboren aus nacktem Triumph, und ihm fehlte jegliche Emotion. Harry hörte es mit an, und auf eine gewisse Weise empfand er Mitleid mit Voldemort. Der Dunkle Lord hatte niemals erfahren, was Liebe war, und das hatte ihn zu dem werden lassen, was Harry heute vor sich sah. Harry konnte sich ein Leben ohne Liebe, und vor allem ohne seine Freunde nicht vorstellen, und er fragte sich, was wohl aus ihm geworden wäre, wenn sein Leben so ausgesehen hätte wie das von Tom Riddle.

Als Voldemorts irres Lachen verklungen war, war es erneut still im Saal, und Harry blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten was nun mit ihm geschehen würde. Voldemort war offensichtlich davon überzeugt, dass er tot war, und obwohl Harry langsam wieder Gefühl in seinen Armen und Beinen bekam, schien es ihm nicht klug Voldemort jetzt den Irrtum dieser Annahme zu beweisen. Einen weiteren Kampf würde er jetzt nicht überstehen, und was immer es war, das ihn gerettet hatte, er vermutete, dass es ihn nicht ein zweites Mal retten würde.

„Schaff ihn weg. Aber heb mir seinen Kopf auf, wir müssen schließlich der Welt zeigen können, dass Harry Potter tatsächlich tot ist", befahl Voldemort, und wieder war dieses kalte, freudlose Lachen zu hören.

„Jawohl, mein Lord", antwortete Snape, und Harry hörte das Rascheln von Stoff, während sich Snape, wie er vermutete, vor seinem Meister verbeugte.

Als nächstes spürte er wie sein Körper in die Luft gehoben wurde und sich anschließend bewegte. Harry hielt die Augen geschlossen und versuchte sich nicht zu bewegen, während Snape ihn mit einem Schwebezauber neben sich her führte. Vollkommen schwerelos hatte er keine Möglichkeit festzustellen wohin Snape ihn brachte, und das gefiel ihm ganz und gar nicht. Doch er rief sich in Erinnerung, dass Snape gerade sein eigenes Leben riskiert und Voldemort belogen hatte, um sein Leben zu retten. Wenn er es gewollt hätte, hätte er bereits die Gelegenheit gehabt Harry zu verraten, und doch hatte er es nicht getan.

Harry hörte wie Snape immer wieder eine Tür öffnete und hinter sich wieder schloss. Das Geräusch seiner Schritte änderte sich mit einem Mal, und es hörte sich an, als bewege er sich über unebenen, kahlen Stein. Dann wurde sein Körper in die Horizontale gedreht, und er spürte einen harten Untergrund unter seinem Rücken. Snape schien ihn auf irgendeiner geraden Fläche hingelegt zu haben.

Harry bewegte sich auch weiterhin nicht, denn er wusste nicht, wo er sich befand. Einen Moment darauf hörte er Snape neben sich, der seine Stimme zu einem Flüstern gesenkt hatte.

„Potter, wir sind allein. Können Sie mich hören?"

Harry öffnete die Augen und ließ seinen Blick kurz durch den Raum schweifen. Sie befanden sie in einer Art Labor aus kahlem Stein, und im Grunde unterschied sich der Raum nicht groß von den Kerkern in Hogwarts. An den Wänden waren mehreren Regalen aneinander gereiht und Harry vermutete, dass Snape diesen Raum benutzte, um Gifte oder andere Zaubertränke für Voldemort herzustellen.

Er selbst lag im Moment auf einer hölzernen Arbeitsplatte und Snape stand neben ihm. Harry hatte mittlerweile wieder so viel Gefühl in seinen Gliedmaßen, dass er versuchte sich aufzusetzen. Es ging mühsam, und jeder Knochen tat ihm weh, aber schließlich schaffte er es sich in eine sitzende Position zu bringen.

Harry schloss für einen Moment die Augen und stöhnte leise. Er fühlte sich grauenvoll, und seine Brust schmerzte als hätte ihn dort ein Felsbrocken getroffen, aber seine Kopfschmerzen waren vollkommen verschwunden. Er drehte den Kopf zu Snape, doch er sah keinerlei Regung in seinem Gesicht, nur die kalte und undurchdringliche Maske, die kein Gefühl zuließ, und die ihm vermutlich gerade das Leben gerettet hatte.

„Wie ist das möglich?", fragte Snape leise, und Harry glaubte Erstaunen und vielleicht sogar Ehrfurcht in seiner Stimme zu hören.

Er versuchte zu antworten, doch er musste sich zuerst räuspern, bevor ein Ton aus seiner Kehle kam.

„Ich weiß es nicht", antwortete er leise, und fuhr sich mit einer Hand über die Stirn und durch seine Haare. Doch bevor er seinen Hinterkopf erreicht hatte stoppten seine Finger unvermittelt.

Etwas war anders.

Er fuhr sich erneut über die Stirn, und die Spitzen seiner Finger suchten nach der blitzförmigen Narbe in seiner Haut. Doch er fand sie nicht.

„Die Narbe ist verschwunden", sagte Snape ungläubig, und Harry ließ seine Hand wieder sinken.

Seine Narbe, die er seit Voldemorts Angriff auf ihn vor 16 Jahren auf seiner Stirn trug, war verschwunden, und Harry wusste, was das bedeutete. Der Horkrux in ihm war zerstört worden.

Harry schloss die Augen und konzentrierte sich für einen Moment. Die Barriere, die seinen Geist eingeengt hatte, war nicht mehr da, und es fühlte sich an, als wären ihm unglaublich schwere Eisenketten nach etlichen Jahren zum ersten Mal abgenommen worden. Bis jetzt hatte er nicht gewusst, was ihm gefehlt hatte, doch jetzt fühlte sich sein Geist frei und beinahe schwerelos an. Der Todesfluch hatte den Horkrux vernichtet, aber ihn am Leben gelassen, und obwohl Harry nicht die leiseste Ahnung hatte wie das möglich sein konnte, wusste er doch, dass genau das geschehen war.

Jetzt existierte nur noch ein Horkrux, und wenn auch dieser vernichtet war, dann war Voldemort wieder sterblich. Der Sieg war zum Greifen nahe, und Harry weigerte sich, jetzt wo er sein Ziel beinahe erreicht hatte, aufzugeben. Er hatte gerade unglaubliches Glück gehabt, wenn er sich nicht täuschte. Es sei denn, es gab eine Erklärung für das, was geschehen war, doch das bezweifelte er im Moment. Vielleicht würde diese Glückssträhne auch noch ein wenig länger anhalten. Solange, bis er Voldemort endlich vernichtet haben würde.

„Es spielt jetzt keine Rolle, warum ich noch am Leben bin. Wir müssen handeln, sofort. Es ist nur noch ein Horkrux übrig. Die Schlange, Nagini, wir müssen sie töten, erst dann kann ich Voldemort endgültig vernichten!", sagte Harry drängend, und sprang von der Arbeitsplatte.

Doch als seine Füße den Boden erreichten, gaben seine Beine nach, und er wäre zu Boden gestürzt, wenn Snape ihn nicht festgehalten hätte. Er half ihm, sich an den Arbeitstisch zu lehnen, und Harry biss die Zähne zusammen. Sein Körper protestierte gegen jede noch so kleine Bewegung, und mit jedem bisschen Gefühl, das in seine Glieder zurückkehrte, kam auch der Schmerz, und selbst das Atmen fiel ihm schwer. Er wollte nicht, dass Snape ihn so sah, und er musste sich zusammenreißen, sonst würde er es nicht schaffen Voldemort zu vernichten.

„Was ist mit dem anderen Horkrux?", fragte Snape eindringlich. „Anastasia sagte sie wisse nicht wo er zu finden wäre."

Harry sah ihn an. „Ich war der letzte Horkrux. Der Todesfluch hat ihn zerstört, aber mich aus irgendeinem Grund am Leben gelassen."

Auf Snapes Gesicht zeigte sich keinerlei Regung, und Harry konnte unmöglich erraten, was ihm gerade durch den Kopf ging.

Einen Moment darauf drehte sich Snape ohne ein weiteres Wort um, und ging zu einem der Regale an den Wänden. Als er zurückkam hielt er eine kleine Phiole mit einer blutroten Flüssigkeit darin in der Hand, die er Harry entgegen streckte. Harry nahm sie, und beäugte die wässrige Flüssigkeit misstrauisch.

„Ich werde gehen und Nagini töten. In Ihrem Zustand sind Sie mir keine Hilfe. Dieser Trank wird sie wieder zu Kräften kommen lassen und Ihnen die Schmerzen nehmen. Ich werde meinen Patronus zu Ihnen schicken, wenn ich die Schlange getötet habe. Bis dahin bleiben Sie hier."

Harry sah Snape einen Moment lang in die Augen, doch dann nickte er. Auch wenn es ihm schwer fiel es sich einzugestehen, Snape hatte Recht. Er würde seine ganze Kraft brauchen, wenn er Voldemort besiegen wollte. Doch dann fiel ihm noch etwas anderes ein.

„Mein Zauberstab", erinnerte er sich. „Er liegt noch in der Halle!"

Snape sah ihn an und zögerte einen Moment lang, doch dann zog er seinen eigenen Zauberstab aus seinem Umhang und reichte ihn Harry.

Harry riss die Augen auf und starrte Snape ungläubig an. Er wollte ihm seinen Zauberstab überlassen, damit er im Kampf gegen Voldemort eine Chance hatte, doch der Preis dafür war sein eigenes Leben. Wenn er den Horkrux zerstört hatte und Nagini tot war, würde Voldemort augenblicklich wissen, dass Snape ein Verräter war, und ohne seinen Zauberstab hatte er keine Möglichkeit sich zu verteidigen, wenn die Todesser sich ihm in den Weg stellten.

„Nehmen Sie ihn schon", sagte Snape bestimmt, und drückte Harry seinen Zauberstab in die Hand. „Sie brauchen ihn dringender als ich."

Harry wusste nicht, was er sagen sollte und er wollte sich weigern Snapes Zauberstab zu behalten, doch wieder musste er zugeben, dass Snape vermutlich Recht hatte. Außerdem war jetzt nicht die Zeit mit ihm zu streiten.

„Danke", sagte er leise, aber er meinte dieses eine Wort so ernst wie noch nie zuvor.

Snape nickte nur knapp.

„Warten Sie hier", wies er ihn an, bevor er sich umdrehte, und ohne ein weiteres Wort zur Tür hinaus verschwand.

# # #

Snape bewegte sich mit ungebrochener Selbstsicherheit zielstrebig durch die Gänge von Malfoy Manor. Er war zu lange Spion gewesen, als dass die kalte Maske, die über seinem Gesicht lag, jetzt vor Nervosität gebröckelt wäre, und auch seine Finger, die unter seiner Robe den kurzen Dolch verborgen hielten, waren vollkommen ruhig. Auch innerlich war Severus sein kontrolliertes Selbst. Er konnte zwar nicht leugnen, dass er sich ohne seinen Zauberstab unwohl fühlte, doch angesichts des Weges, der vor ihm lag, war er geradezu unnatürlich gelassen.

Er unterdrückte seine Gefühle nun schon so lange, dass er jegliche Emotionen allein durch seinen Willen vollkommen ausschalten konnte. Diese Fähigkeit hatte ihm schon viele Male das Leben gerettet, doch wenn er daran dachte unter welchen Umständen er sie erlernt hatte, kam er zu dem Schluss, dass es das nicht wert gewesen war.

Wenn er jetzt auf sein Leben zurückblickte, dann hätte er viele Dinge anders gemacht, doch Leute wie er bekamen keine zweite Chance. Das durften sie auch nicht. Das war Gerechtigkeit, der letzte Rest Gerechtigkeit, den es auf dieser Welt noch gab.

Er hatte Potter seinen Zauberstab überlassen, weil er nicht damit rechnete Malfoy Manor lebend zu verlassen. Er hatte gesehen wie Potter dem Dunklen Lord ohne seinen Zauberstab die Stirn geboten hatte, und nach dieser Demonstration seiner Kräfte glaubte er zum ersten Mal, dass der Junge eine Chance haben könnte den Dunklen Lord zu besiegen. Immerhin hatte er gerade ein zweites Mal den Todesfluch überlebt.

Severus hatte seine Aufgabe bereits zu einem Teil erledigt. Er hatte dem Jungen den entscheidenden Vorteil verschafft, für den Albus Dumbledore sein Leben geopfert hatte, und alles was er jetzt noch tun konnte, war den letzten Horkrux zu vernichten und es Harry Potter damit zu ermöglichen den Dunklen Lord zu töten.

Severus hatte geplant die Schlange mit dem Todesfluch zu vernichten, denn im Gegensatz zu einem leblosen Objekt war das bei einem Tier möglich. Bei Gegenständen war ungewöhnlich starke Magie nötig, um einen Horkrux zu zerstören, und die wenigen Flüche, die dafür in Frage kämen, waren äußerst schwer auszuführen, und bis auf einen überstiegen alle davon sein Verständnis der Magie.

Doch der Dunkle Lord hatte diese Möglichkeit zu Nichte gemacht, und Severus gezwungen eine anderen Weg zu finden wie er die Schlange und den Horkrux töten konnte. Seit Voldemort Arion als Verräter entlarvt hatte, behielt der Nagini stets in seiner unmittelbaren Nähe und ließ sie keine Sekunde unbewacht. Er umgab sie mit einem Käfig aus schillerndem Licht, an dem sämtliche Flüche abprallten. Jedoch ließ der Käfig es zu, dass Voldemort seine Hand hinein streckte, um Nagini zu streicheln, und auch wenn die Schlange gefüttert wurde, konnten die Fleischbrocken problemlos durch die Lichtbarriere geworfen werden.

Severus war daraufhin auf eine weitere Möglichkeit einen Horkrux unschädlich zu machen gestoßen. Das Gift eines Basilisken war das stärkste Gift, das in der magischen Welt existierte, und es wirkte innerhalb weniger Sekunden absolut tödlich.

Der kurze Dolch, den Severus unter seiner Robe verwahrte, war mit Basiliskengift überzogen, und wenn es ihm gelang der Schlange damit einen Stich zuzufügen, würde der Horkrux binnen kürzester Zeit vernichtet sein. Doch da der Dunkle Lord die Schlange stets nahe bei sich behielt, blieb Severus nichts anderes übrig, als Nagini vor den Augen des Dunklen Lords zu vergiften. Er genoss durch den Mord an Dumbledore immer noch ein Höchstmaß an Vertrauen, und nur diesem Vertrauen würde er es zu verdanken haben, dass er sich der Schlange soweit nähern konnte, wie es nötig war, um zuzustechen.

Er hatte nur einen Versuch um erfolgreich zu sein, denn danach würde der Dunkle Lord ihn zweifellos augenblicklich umbringen. Doch er war der Einzige, der nahe genug an Nagini herankam, um sie zu töten, und er hatte bereits vor einiger Zeit akzeptiert, dass er diesen Krieg nicht überleben würde. Außerdem hatte mit Anastasias Zurückweisung sein Leben endgültig seine Bedeutung verloren.

Er hatte gewusst wie sie reagieren würde, wenn er sie mit seinen Gefühlen konfrontierte, doch in diesem einen Moment hatte er es nicht geschafft seine Emotionen zurück zu drängen. Er war Meister darin Zurückhaltung zu üben, doch wenn es um Anastasia Gray ging, war er schon immer etwas neben der Spur gelaufen. Er hatte geglaubt, dass Anastasia irgendwann einmal in der Lage sein würde sich einzugestehen, dass sie ihn liebte, aber nun war Severus endgültig klar geworden, dass ihr Viktor vermutlich zu sehr wehgetan hatte, und sie niemals wieder in der Lage sein würde sich jemandem zu öffnen.

Die zwei Todesser, die zu beiden Seiten der hohen Holztür standen, zogen die Flügeltüren auf, als Severus sich ihnen näherte. Er beachtete keinen von ihnen, und betrat einen großen Salon mit einer breiten Glasfront an der Stirnseite des Raumes. Draußen war es bereits heller geworden und das trübe Tageslicht tauchte den Raum in eine kalte Atmosphäre.

Der Dunkle Lord saß mit dem Rücken zu ihm in einem der hohen, teuren Sessel vor dem Kamin und blickte in die züngelnden Flammen. Nagini schwebte in ihrem Käfig aus Licht einige Meter vom Dunklen Lord entfernt in der Luft, doch Voldemort beachtete sie nicht.

Hinter sich hörte Severus wie die Tür wieder ins Schloss gezogen wurde. Er überlegte wie er nun vorgehen sollte, und entschied sich, erst einmal abzuwarten.

„Mein Lord", sagte er, und senkte demütig den Kopf.

Wie er erwartet hatte, stand Voldemort nicht auf, sondern blieb sitzen, und hielt seinen Blick unentwegt auf die Flammen gerichtet.

„Snape, komm näher. Was gibt es?"

Severus antwortete nicht. Stattdessen ging er mit schnellen, auf dem Teppich jedoch geräuschlosen Schritten auf die Schlange zu. Er schob seine Hand in seinen Umhang, und erst im letzten Moment zog er den silbernen Dolch hervor.

Die Schlange stieß ein zischendes Geräusch aus, doch Severus hatte sie bereits erreicht und den Dolch erhoben. Mit einer einzigen schnellen Bewegung stieß er zu. Sein Arm durchdrang die Stäbe aus Licht mühelos, und Severus rammte die spitze Klinge in den mächtigen Leib der Schlange.

Nagini bäumte sich auf, das Maul aus dem die langen Fangzähne ragten, weit geöffnet und ein schmerzerfülltes Zischen war zu hören.

Severus versuchte so schnell es ihm möglich war, seine Hand wieder zurück zu ziehen, doch er war zu langsam, und als die riesige Schlange mit ihren Giftzähnen zustieß, schaffte er es nicht schnell genug auszuweichen. Die langen Zähne bohrten sich durch seinen Arm und Blut spritzte augenblicklich aus den beiden tiefen Wunden.

Severus' Angriff auf die Schlange war so schnell und unvorbereitet gewesen, dass Voldemort es nicht hatte kommen sehen. Als er Naginis Zischen hörte, fuhr sein Kopf herum, und er sprang mit einem wütenden Schrei auf, als er sah, wie Severus der Schlange den Dolch in die Seite stieß. Voldemort spürte die Schmerzen der Schlange, als wären es seine eigenen. Er richtete seinen Zauberstab auf Severus, doch Nagini hatte in ihrem verzweifelten Todeskampf bereits nach Severus gestoßen, und ihre giftigen Zähne in seinen Arm geschlagen, und Voldemort hielt inne.

Severus zog seinen Arm zurück und hielt ihn fest umklammert, während er versuchte von der Schlange weg zu kommen, doch bereits einen Moment darauf verschwamm der Raum vor seinen Augen, und er sank mit vor Entsetzen geweiteten Augen kraftlos auf die Knie. Dickes Blut quoll aus den Bisswunden und durchtränkte den Ärmel seiner Robe. Einen Moment darauf kippte er zu Boden, und blieb auf dem hellen Teppichboden liegen.

Er spürte wie das Gift der Schlange langsam durch seine Adern kroch, ohne jedoch den Schmerz zu einem tauben Gefühl verblassen zu lassen, und während er sich vor Schmerzen wand, durchtränkte eine schnell größer werdende Blutlache seine Roben.

Der mächtige Körper der Schlange hatte unterdessen begonnen verzweifelt zu zucken, während das Basilisken Gift ihre Nerven lähmte. Er dauerte nur wenige Sekunden bis der Körper der Schlange erstarrte und schließlich bewegungslos inmitten des Käfigs aus Licht liegen blieb. Der Griff des silbernen Dolches steckte noch immer in ihrer Seite.

Voldemort hatte seinen Zauberstab auf Severus gerichtet, und sein Gesicht war zu einer wutverzerrten Maske erstarrt. Sein Blick wanderte zu der toten Schlange, die immer noch in der Luft schwebte, und schließlich wieder zurück zu dem Verräter zu seinen Füßen. Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken Severus einfach zu töten, doch er überwand diesen beinahe übermächtigen Impuls. Ein grotesker Ausdruck verzog seine Lippen zu etwas, das wohl als Lächeln gedacht war.

„Ich werde dich nicht töten", teilte er Severus leise und genüsslich mit, und steckte seinen Zauberstab zurück in seine Robe.

Severus hörte die Worte durch den Nebel der Schmerzen nur sehr undeutlich, doch er begriff ihren Sinn.

„Ich lasse dich hier liegen, und das Gift seine Arbeit tun. Das wird um ein Vielfaches schmerzhafter sein, als der Todesfluch."

Voldemort warf einen letzten Blick auf die tote Schlange, die sein letzter Horkrux gewesen war, und verließ dann mit wehendem Umhang den Salon, während er Severus auf dem hellen Teppich in seinem eigenen Blut zurück ließ.

Severus hörte, wie die Tür geöffnet und dann wieder krachend zu geworfen wurde, und er versuchte sich zu konzentrieren. Die Schmerzen, die sich in seinem ganzen Körper ausgebreitet hatten, lähmten seine Gedanken, doch er zwang sich, bei Bewusstsein zu bleiben. Seine Aufgabe war noch nicht beendet. Mit letzten Kräften schob er seine unverletzte Hand in seinen Umhang und berührte mit den Fingerspitzen einen kurzen Holzsplitter. Es war ein Stück eines Zauberstabes, das gerade noch genug Magie für einen einzigen Zauber enthielt, und es war dafür gedacht ihm noch einen letzten Dienst zu erweisen, falls ihm sein Zauberstab abgenommen wurde. Dumbledore hatte es ihm einst gegeben.

„Expecto Patronum", flüsterte er kaum hörbar, und obwohl er es kaum schaffte seine glücklichste Erinnerung heraufzubeschwören, brach einen Augenblick darauf sein Patronus aus der Spitze des Splitters hervor. Es war ihm noch nie zuvor so leicht gefallen einen Patronus zu erzeugen, wie in diesem Moment mit dem sicheren Tod vor Augen.

Das silberne Tier rannte auf die Tür zu, doch noch bevor es das dunkle Holz erreicht hatte, löste es sich in Luft auf.

tbc.