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Teil 35
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„Sam!"
Ein weiterer Schrei…
„SAM!"
Beide Männer versuchten, den sich windenden Körper zum Halten zu bekommen, griffen mit der nötigen Stärke zu, in der Hoffnung, ihrem Schützling dabei nichts Wichtiges zu brechen.
Das seltsame war, Sam schlug nicht wirklich um sich, versuchte nicht, die starken Hände abzuschütteln, die ihn hielten, beinahe sah es aus, als kämpfte er mit einem unsichtbaren Gegner, jeglicher Bewegungsfreiheit beraubt.
„Mein Gott", ein Flüstern von Dean, aber Gott konnte und würde hier nicht helfen. Das war mehr als klar, wann hatte sich der Scheißkerl da oben schon jemals um einen der ihren geschert, außer für den eigenen Zweck.
Sams Körper zuckte unkontrolliert, aber immer gefangen in seinen unsichtbaren Fesseln, die tief in seine Haut schnitten. Er saß halb aufrecht, die Augen im stummen Schrecken weit aufgerissen und fernab seiner Umgebung.
Unregelmäßig hatte Sam davor schon geatmet, aber jetzt schien kaum noch etwas den Weg in seine Lungen zu finden: Wildes Keuchen, Aussetzer … wieder ein hektischer Zug, ehe alles von Neuem begann, mit jedem Mal ein Stückchen schlimmer.
„Ne-…", Sam lief knallrot an, das Gesicht verzerrt zu einer Fratze der Qual, dunkel zeichneten sich die Adern an seinem Hals ab, die Sehnen waren zum Zerreißen gespannt.
„N-…"
Wieder ein neuer Schub und Sams Körper ein Bogen aus Schmerz, die Hände zu verkrampften Klauen geformt, die sich an seine Seite pressten.
Mit vereinten Kräften drückten sie den sich windenden Körper auf das schmale Sofa, versuchten, wie wenige Tage zuvor das Schlimmste zu verhindern.
Sams Kopf schlug immer wieder brutal gegen die Sofalehne und Dean war zum ersten Mal dankbar für dieses hässliche Stück Möbel in Bobbys Haus, das weiche Polster hatte.
Mit einem Mal befand sich wieder der abgenutzte Ledergürtel, an dem noch die Bissspuren vom letzten Mal zu sehen waren, an alter Stelle. Dean hatte nicht einmal ansatzweise mitbekommen, wie Bobby das bewerkstelligt hatte, und blickte überrascht auf.
„Dean, wenn er sich nicht beruhigt, erstickt er uns oder bekommt einen Schlaganfall, wir müssen etwas tun."
Soweit war Dean auch schon gekommen, aber sein Blick blieb hängen an den verbogenen Handgelenken seines Bruders, die aussahen, als würde sie jemand gewaltsam nach hinten biegen. Dean erwartete jeden Moment das laute Krachen, das deutlich machte, dass es genug war. Konnte man sich durch solche Anfälle selber die Knochen brechen?
„Dean!"
Ein leichter Ruck und er riss den Blick los von dem schauerlichen Anblick vor ihm. Sein linker Arm lag quer über der Brust des anderen, so dass er den rasenden Herzschlag spüren konnte, der fast den Brustkorb darüber sprengte und Dean wusste, es war keine Zeit mehr, was immer Sam sah und fühlte, es brachte ihn um, hier und jetzt.
Babum. Babum. Babum. Babum. Babum. Babum.
„SAM!"
Nichts.
„SAAM!"
Ein energisches Schütteln.
Keine Reaktion, nur verkrampfter Stillstand und rasender Rhythmus so dicht an seinem.
„SAMMY, komm schon …", aber nichts.
Und da wusste Dean, was er tun musste. Langsam beugte er sich nach vorne, darauf bedacht, den Halt um den anderen nicht zu verlieren, jappste überrascht auf, als ihm ein Schlag mit dem Ellenbogen in die Seite traf – aber das war egal, sein Bruder starb gerade und das konnte er nicht zulassen.
Dean beugte sich weiter vor, die Hand ein Schraubstock um die Unterarme des anderen. Sein Kopf jetzt dicht neben dem seines Bruders, den Oberkörper Halt gebend gegen ihn gedrückt.
Leise begann er zu erzählen, flüsterte Sam Geschichten ins Ohr, lange vergangene Dinge aus ihrer Kindheit, die nur sie beide teilten. Dean erzählte seinem kleinen Bruder von dem liebevollsten Menschen, den er je gekannt hatte, von ihrer Mutter.
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