ZWEIUNDZWANZIG

Es klopfte und Remus ging mit schlurfenden Schritten zur Tür. Vor dem kleinen, heruntergekommenen Steinhaus stand eine Hexe mittleren Alters mit einer großen Brille und einem großen, lockeren Knoten in ihrem dunklen Haar.

„Guten Abend", sagte sie fröhlich, „ich bim vom Wochenpropheten! Wir denken schon seit längerem über ein neues Grundkonzept für unsere Zeitung nach und würden deshalb gerne die Meinung der Leser zu unseren letzten drei Ausgaben erfahren."

Remus blinzelte gegen das helle Abendlicht und nahm unbewusst noch einen weiteren Schluck aus seinem Whiskeyglas. Die Hexe schien sich nicht an seiner abgewrackten Erscheinung zu stören.

„Dürfte ich kurz hereinkommen und ihnen ein paar Fragen zu unseren Leitartikeln stellen", sagte sie freundlich und lächelte geziert.

Remus ließ das Glas sinken und atmete einmal tief durch. Der Alkohol mochte seinen Verstand vernebeln, aber nicht so sehr.

„Ich hab nicht mal ein Abo vom Wochenpropheten, Tonks", sagte Remus erschöpft.

Das Lächeln der Hexe erstarrte auf ihrem Gesicht.

„Woran hast du mich erkannt?", fragte sie überrascht.

„Nicht wichtig!", meinte er ausweichend.

„Ist es wohl", entgegnete Tonks forsch, „wenn meine Tarnung irgendwo wackelt, sollte ich das wissen."

Remus schüttelte nur genervt den Kopf und nahm noch einen großen Schluck aus dem Glas.

„Warum verschwindest du jetzt auch schon nach Vollmond?", fragte Tonks entrüstet und sah ihn finster an.

„Ich bin nicht verschwunden, ich hatte nur viel zu tun!"

„Ja, das seh' ich", meinte Tonks und ließ einen abschätzigen Blick über seine seit Tagen nicht gewechselte Kleidung und sein wahrscheinlich über die Maßen wüstes Haar wandern. Er blieb zuletzt an dem nun leeren Glas in Remus' Hand hängen.

„Darf ich reinkommen?", fragte Tonks ungehalten.

„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist", sagte Remus und schüttelte leicht den Kopf.

„Und ich glaube, du verhältst dich wie der letzte Trottel", sagte Tonks laut.

„Ja, und weil ich wusste, dass du es nicht verstehen würdest, hatte ich Sirius gebeten, dir eben nicht zu sagen, wo ich wohne!", erwiderte er in genervtem Tonfall.

„Und du kannst ihm ausrichten, dass ich es dämlich finde, dass er sich daran gehalten hat!", schrie Tonks ihn in nicht minder genervtem Ton an.

„Hat er?", fragte Remus irritiert und kratzte sich an der Schläfe. Tonks nutzte die Tatsache, dass er dafür die freie Hand vom Türrahmen genommen hatte aus, um flink an ihm vorbei ins Wohnzimmer zu huschen.

„Wow, ich hab immer gedacht, bei dir würde es ordentlicher sein als bei mir", sagte Tonks gerade in aufrichtig erstauntem Ton, als Remus ihr in den kleinen Raum folgte, in dem, seit er vor ein paar Wochen wieder eingezogen war, ein wildes Chaos aus Büchern, Klamotten und zunehmend mehr schmutzigem Geschirr vorherrschte. Remus ignorierte sie und ließ sich zusammen mit der Whiskeyflasche, die noch offen auf dem Tisch gestanden hatte, auf die Couch fallen.

„Wie hast du mich gefunden, wenn Sirius es dir nicht gesagt hat?", fragte er, nachdem er sich großzügig nachgefüllt und einen weiteren Schluck genehmigt hatte.

„Nicht wichtig!", sagte Tonks und sank in den Sessel ihm gegenüber. Sie öffnete ihr Haar und steckte die Brille in ihre Tasche, bevor sie einmal angestrengt die Augen zusammenkniff und kurz darauf wieder ihre übliche Erscheinung angenommen hatte. „Ich finde es übrigens auch mies, dass du mir den Brief über Sirius hast zukommen lassen", sagte sie und sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an.

Remus stütze seinen Kopf in eine Hand und massierte sich mit Daumen und Mittelfinger ein wenig die Schläfen, in denen sich seit es an seiner Tür geklopft hatte, ein leichtes Pochen auszubreiten schien.

„Bist du gekommen, um mir das zu sagen?", fragte er nüchtern.

„Auch!", meinte Tonks schneidend.

Remus atmete einmal tief durch und musterte Tonks' schönes aber so unüblich ernstes Gesicht. „Und was noch?"

„Das du mir weh tust…"

Remus schluckte. Damit hatte er nicht gerechnet. Er war auf Wut eingestellt gewesen, auf flammend rote Haare und das erzürnte Funkeln in ihren Augen. Vielleicht sogar ein paar unschöne Flüche, die er von Sirius, der sich das Lachen kaum hätte verkneifen können, heilen hätte lassen müssen. Aber nicht auf Tonks' nun zu Tode betrübten Gesichtsausdruck.

„…mit dem was du geschrieben hast. Und damit, dass du einfach verschwindest, ohne dich zu verabschieden."

„Wir sehen uns zwei Mal die Woche bei den Treffen", sagte Remus hohl, doch Tonks sprach sofort das aus, was auch ihm auch völlig klar war.

„Das ist nicht dasselbe!", sagte sie trotzig.

Remus nickte langsam und wich ihrem Blick aus. „Ich weiß… aber ich dachte, es wäre so leichter für dich… und für mich", fügte er rasch hinzu als Tonks gerade entrüstet zu sprechen ansetzten wollte.

„Ich … versuche wirklich, es für dich nicht noch schwieriger zu machen als es ohnehin schon ist.", sagte Remus leise, „Und ich werde dafür sorgen, dass wir nicht mehr zusammen für Missionen eingeteilt werden. Und…"

„Aber wieso?", unterbrach Tonks ihn und ihre Augen wirkten riesig im Halbdunkel des Raumes, „Wieso willst du es beenden, Remus?"

Er fuhr sich mit einer Hand fahrig durchs Haar.

„Ich hab dir geschrieben, warum", Tonks sah ihn weiter unbeirrt an, „ich… empfinde einfach nicht so für dich." Die Worte brannten fast schlimmer in seiner Kehle als der billige Whiskey. Mit großer Anstrengung versuchte er Tonks' Blick Stand zu halten und hoffte, dass sie nicht in Tränen ausbrechen würde und so seine Entschlossenheit auf eine harte Probe stellen würde.

„Das glaube ich dir nicht!", sagte Tonks pragmatisch. Tiefe Falten bildeten sich auf Remus' Stirn. Auch mit diesem Satz hätte er im Leben nicht gerechnet.

„Ich bemerke wie du mich ansiehst, wenn du denkst, dass ich es nicht sehe", sagte Tonks mit brüchiger Stimme, „Ich weiß, wie glücklich du warst, wenn wir zusammen waren und wie sehr du gelitten hast, wenn wir uns gestritten hatten."

Sie stand auf und setzte sich ungefragt zu ihm auf die Couch. Verdammt! Nimm den Sessel, wenn du sie verführen willst und die Couch, wenn sie dich verführen soll. Das hatte Sirius ihm schon mit achtzehn erklärt. Remus rutschte unbeholfen ein wenig von ihr ab.

„Und ich sehe wie du jetzt aussiehst, nebenbei bemerkt", sagte Tonks mit fester Stimme und sah ihn durchdringend an. Remus biss die Zähne zusammen und hob hoffentlich unauffällig das Whiskeyglas an seinen Mund, so dass ihm die Dämpfe des Alkohols in die Nase stiegen.

„Weißt du, was mir noch aufgefallen ist", sagte Tonks nach einem Moment der Stille und musterte ihn weiter kritisch. Remus' Augen schwangen unsicher zu ihr hinüber, doch schaffte er es nicht länger als ein paar Sekunden ihrem prüfendem Blick Stand zu halten.

„Wie du jedes Mal zögerst, bevor du das Wort Werwolf in den Mund nimmst", sagte Tonks langsam aber bestimmt, „Und wie peinlich es dir ist, wenn ich dich morgens eingerollt schlafend neben mir im Bett finde."

Remus schluckte unwillkürlich, doch Tonks' Worte wurden während sie weiter sprach nur schneller und lauter.

„Wie sich deine Haare aufstellen, wenn du nervös bist oder dich bedroht fühlst, du das aber zu verbergen versuchst, indem du dir mit den Fingern über den Kopf fährst um sie wieder anzulegen. Wie du dich weigerst Fleisch zu essen, obwohl du den Geschmack liebst!"

„Wie kommst du denn darauf?", fragte Remus verdutzt.

Tonks schnaubte so laut, dass Remus beinahe erschrocken zurückgewichen wäre.

„Ich war an unserem ersten Abend nach Silvester so nervös, dass ich völlig vergessen hab, dass du angeblich Vegetarier bist", sagte Tonks und musterte dabei Remus fahles Gesicht, „ich hatte Gulasch gemacht. Es ist mir im letzten Moment aufgefallen, also hab ich die Fleischstücken so verhext, dass sie wie Pilze aussahen."

Remus guckte sie verdutzt an. „Aber das heißt doch noch nicht…"

„Ich war misstrauisch danach", fuhr Tonks energisch fort, „und neugierig. Und hab ab und zu wieder Fleisch ins Essen gemischt. Und ich hab festgestellt, dass es dir umso besser schmeckt, je mehr davon im Essen ist."

„Wie bitte?", fragte Remus entsetzt, „du machst Experimente an mir?"

„Der Punkt ist", sagte Tonks scharf, „dass du selbst nicht akzeptiert hast, was du bist. Dass du ein Werwolf bist! Und zwar nicht nur einmal im Monat sondern immer! Und solange du dich verkriechst und dich nur selbst dafür bemitleidest…"

„Bemitleidest?", Remus war aufgesprungen und starrte Tonks mit geballten Fäusten an.

Tonks blieb fast unbeteiligt sitzen und sah ausdruckslos zu ihm hoch. „Es ist nichts anderes, was du hier machst", sagte sie leise. „Ich weiß, es ist nicht leicht, Remus. Aber deswegen ist es ja so wichtig, dass du mit jemandem darüber reden kannst. Und vielleicht das Positive daran erkennst."

Remus schnaubte laut. Das Positive? Meinte sie das etwa ernst? Nach ein paar schweren Atemzügen wandte er sich von Tonks ab und ging zur Tür, um sie für sie zu öffnen.

Immer noch blieb Tonks sitzen. „Ja, das Positive", sagte sie nachdrücklich, „Du hast das Bild Dutzender Kinder, wie Werwölfe sein können, verändert. Zum Besseren! Und sogar das von…", sie brach ab.

„Von wem?", fragte Remus scharf.

„Mir…", meinte Tonks zögernd, „mach's bitte nicht wieder kaputt."

Endlich stand sie auf und kam mit flinken Schritten auf ihn und die Tür zu.

„Wölfe leben übrigens in Rudeln, Remus", sagte Tonks pragmatisch als sie direkt vor ihm stand und blickte aus großen Augen zu ihm auf, „nicht einsam in halbverfallenen Cottages auf abgeschiedenen Landzungen am Ende der Welt." Sie zögerte einen Moment und sah in sein verbissenes, finsteres Gesicht. „Du weißt wo du mich findest, wenn du zur Vernunft kommst und…" ihre Stimme brach ab und sie holte einmal tief Luft bevor sie mit Nachdruck fortfuhr, „… ich hab es absolut ernst gemeint. Ich liebe dich, gerade wenn du mir zeigst, wer du wirklich bist."

Sie trat über die Schwelle und war fast im gleichen Moment verschwunden. Remus warf die Tür mit einem lauten, scheppernden Geräusch ins Schloss und beschloss im selben Augenblick die Whiskeyflasche heute noch zur Strecke zu bringen.