Reue

„Und was macht das Patenkind von Steinhardt in unserem trauten Heim?"

Die Frage kam von einer Hexe im mittleren Alter, die ihr auch gut und gerne in der Winkelgasse hätte begegnen können - oder besser gesagt, in dem zwielichtigen Teil der magischen Einkaufsmeile. Was allerdings noch beunruhigender als die kleinen, irren grünen Augen dieser alten Lady war, schien der Fakt, dass Luciana diese überhaupt sehen konnte. Wie alle anderen Gesichter; manche blass und eingefallen, andere sonnengegerbt und wenige beinahe nett anzusehen, wenn sie nicht alle auf sie herabstarren würden, als sei sie ein ganz besonders schmackhaftes Stück Käse-Sahne-Torte. Oder was auch immer man in der magisch britischen Gesellschaft als Äquivalent zu dieser verstand. Zurück zum unangenehmen Detail, die Gesichter. Nicht, dass sie ihr diese freiwillig präsentiert hatten, immerhin war Luciana ohne Anmeldung in das Herrenzimmer spaziert, inmitten des frühmorgendlichen Schwarze-Führer-Spitzenriege-Meetings. Mit anderen Worten, sie würde nun in der Lage sein, von einigen, bisher nicht bekannten Anhängern des Schwarzen Führers Phantombilder zu erstellen und dies ließ ihre prozentuelle Chance hier lebend wieder herauszukommen die Negativskala sprengen. Das nur am Rande bemerkt, falls den Herrschaften nicht so schon genug Gründe einfallen würden, sie nicht auf der Stelle ins Jenseits zu befördern.

„Was, heute nicht geschwätzig?", höhnte eine ihr sehr bekannte Stimme, die sie ihr Lebtag nicht mehr vergessen würde. Obwohl, da sich ihr Lebtag gerade radikal verkürzt hatte, schien das keine wirkliche Glanzleistung. „Wie enttäuschend." Die dunkle Lockenpracht von Bellatrix Lestrange war das erste, was sie aus der Gruppe vor ihr hervorstechen sah, dann trat die Frau hervor, welche noch immer einen vorzüglichen, wenn auch etwas ausgefallenen Modegeschmack bewies. Es fühlte sich an, als wäre kein einziger Tag zwischen dieser und der Begegnung im Ministerium mit ihr vergangen. Dabei hatte die Todesserin Lucianas Weg seither noch zwei weitere Male gekreuzt.

„Rieche ich da etwa Angstschweiß?", erkundigte sich Bellatrix, gleich nachdem sie keine Handbreite vor Luciana stehengeblieben war und ihre wohlgeformte Nase ihren Nacken entlanglaufen ließ. Sie musste all ihre Selbstbeherrschung zusammenkratzen, damit sie keinen Millimeter zurückwich oder sonst eine Regung preisgab.

„Hattest du nicht gesagt, sie sei vorlaut?", fragte Rabastan und trat nun auch näher an Luciana heran. Kein Platz mehr, um zurückzuweichen, sie stand jetzt schon mit dem Rücken zur Wand.

„Soll mir recht sein", mischte sich jetzt sein Bruder ein und rückte ihr dabei mindestens genauso nah auf die Pelle, wie seine Gattin. „Ich finde es viel angenehmer, wenn sie einem nicht die Ohren vollschreien."

Ihr deutliches Schlucken war Bellatrix offenbar nicht entgangen, da diese nun ihren ganzen Oberkörper nach hinten warf und gackernd lachte – was ihr bei weitem kein so großes Loch in den Magen grub, als die Erinnerung an das, was Snape ihr im letzten Sommer in der Apotheke der Winkelgasse offenbart hatte. ‚… ich erspare Ihnen die Obszönitäten, die er unaufhörlich zu äußern pflegt'

Ihre Optionen waren dünn gesät und beschissen. Im besten Fall steckte man sie in einen der Kerker im Untergeschoss und ließ sie dort verrotten, im Schlimmsten – Lucianas Blick streifte den von Rodolphus, bevor sie ihn sofort gen Boden richtetet. Korrektur, im besten Fall erbarmte sich eine dieser verkommenen Menschenseelen und jagte ihr einen Todesfluch auf den Hals, bevor einer der drei vor ihrer Nase die Gelegenheit bekam, sich die Langeweile mit ihr zu vertreiben. Scheiße, wie hatte sie nur so dämlich sein können …

„Draco hat sie zurückgelassen, eine Ablenkung?" Von wem auch immer das gekommen war, sollte das heißen, dass der Slytherin-Knabe es zumindest heile hier herausgeschafft hatte? Das Zeitfenster war seit sicher einer halben Stunde vergangen, er musste also schon längst zurück im Schloss sein und vielleicht hatte er Dumbledore Bescheid gegeben, wo sie steckte? Der kleine Funken Hoffnung verpuffte so schnell, wie er gekommen war; sie hatte ihm selbst das Versprechen abgenommen, ihre Beteiligung an dieser äußerst bescheuerten Aktion zu verschweigen. Ernsthaft, eigentlich hatte sie es gar nicht anders verdient, als von diesem Abschaum auseinander genommen zu werden.

„Hat er sie mit einem Imperio gefügig gemacht?"

„Redet sie deswegen nicht?"

Sie sah die Hand nicht kommen. Wie auch, wenn ihre Augen noch immer auf den dunklen Holzdielenfußboden gerichtet waren, dafür spürte sie sie gleich mit doppelter Intensität. Das klatschende Geräusche von Haut auf Haut hallte von den Wänden wieder – der Schlag hatte sie derart unvorbereitet getroffen, dass sie einen erschrockenen Aufschrei nicht unterdrücken konnte, genauso wenig, wie die reflexartige Bewegung, gleich die Finger auf ihre brennende Wange zu drücken.

„Kein Imperio", schloss Rodolphus und grinste sie triumphierend an. „Ich würde sagen, sie ist freiwillig hier eingedrungen." Wieder wich sie seinem Blick aus, genau wie jedem anderen der Anwesenden. Luciana konnte nicht wissen, ob Snape der einzige, begabte Legilimentiker in dieser Runde war. Lediglich vom Schwarzen Führer wusste sie, dass dieser auch in diese ganz spezielle Art von Magie eingewiesen war, aber sicher war sicher … und wo sie schon einmal beim Thema war, all das Wissen, was in ihrem Schädel verborgen lag … sie konnte keinem Veritaserum standhalten, verdammt, als das letzte Mal jemand in ihren Geist eingedrungen war, hatte es sie gleich auf den Boden befördert, sie war ein einziges, potenzielles Informationsleck! Und erst die zahllosen Konsequenzen, die all die Informationen mit sich bringen würden, wenn sie es erst einmal geschafft haben würden, ihre Zunge zu lockern; die Organisation ihres Paten, der Orden … Snape.

Doch, da war eine Option.

„Um Draco zu helfen?", höhnte Bellatrix verächtlich und schüttelte ihr Haupt. „Das denke ich nicht."

Sechshundertfünfundsechzig Gramm schwer und gut verborgen in ihrer Jackentasche.

„Gebt mir bis zum Morgengrauen mit ihr und sie plärrt wie ein Singvogel."

Rostträger Stahl.

„Ehm", sagte eine bisher gar nicht aufgekommene, recht hohe Stimme für einen Mann. „S-sollten wir uns nicht an die Regeln h-halten und", Rodolphus wandte sich endlich von ihr ab und schenkte seine Aufmerksamkeit einem seltsam untersetzten Kerl mit wässrigen Augen; war das nicht derselbe Mann, der ihr vorhin auf einem der Flure begegnet war?, „sie erst durchsuchen?"

Ja, das Glück hatte all seine Ressourcen für diese Nacht abgefeuert oder aber war mit Malfoy gen Norden abgezogen. Einen halben Schritt nach hinten, das war es auch, jetzt stand sie wirklich mit dem Rücken an der Wand.

„Glänzender Vorschlag, Wurmschwanz", meinte ein hochgewachsener Mann rechts von der Gruppe und ging ein paar Schritte auf sie zu. „Wer weiß, was sie alles bei sich trägt, wo sie doch unbemerkt eindringen konnte."

Lucianas Brustkorb hob sich langsam und stetig, das Rauschen in ihren Ohren nahm an Intensität zu. Bis jetzt hatte sie dieses Geräusch gar nicht bemerkt, doch es war schon seit Eintritt in das Herrenzimmer dagewesen und so langsam ihr Atem zu gehen schien, ihr Herz überschlug sich. Sekunden. Sie hatte Sekunden, maximal, um eine Entscheidung zu treffen und nicht eine der ihr bleibenden Möglichkeiten endete auch nur ansatzweise gut für sie. Einzig und allein die Konsequenzen für ihre Mitmenschen unterschieden sich, ihre selbsteingebrockte Sackgasse jedoch …

Der hochgewachsene Mann mit dem silbernen Haar war fast bei ihr angekommen, in seiner Hand ein ausgestreckter Zauberstab. Luciana machte sich nicht die Mühe, ihre Bewegung zu verstecken oder sie anderweitig unauffällig auszuführen. Ihre rechte Hand schnellte in ihre Tasche, noch während ihr Daumen über den kühlen Stahl strich, zog sie den Sicherheitshahn auf Anschlag und riss die Waffe hervor, fast hatte sie den Lauf ansetzen können, doch … nicht mehr als ein Lidschlag. Vor ihr stand ganz offensichtlich kein Amateur. Er sprach den Zauber nicht einmal aus, nur der scharlachrote Blitz aus der Spitze seines Stabes ließ vermuten, welchen er gerade angewandt hatte. Ein kräftiger Ruck, wie von einem Stromstoß, der ihre Hand durchschoss und schon fiel ihre Handfeuerwaffe mit einem dumpfen Aufprall auf den Dielenboden und blieb liegen.

Stille. Ausnahmslos jeder starrte das metallene Objekt an, als sei ein UFO im Raum gelandet, bis einer der Männer aus dem Pulk bellend lachte.

„Eine Muggelwaffe?", prustete er und schon stimmten die anderen in sein Lachen ein. Ausgenommen der Mann vor ihr, welcher noch immer den Zauberstab auf sie gerichtet hielt.

In seinen Augen war ein seltsames Glitzern erschienen. „Gibst du mir das freiwillig?", fragte er und sah an ihrer Jacke hinauf und hinab. Geld, Kreditkarte, nicht weiter tragisch, Notizen vom Anwesen und die Pläne des Tunnels, sehr tragisch. Dieses Mal hielt sie seinem Blick stand – nicht nur, weil seine Augen nicht im Ansatz dieses verräterische Flackern hatten, welches sie immer bei Snape bemerkte, wenn er seinen Gedankenlesertrick anwandte, nein, diesen Mann sollte sie nicht einen Lidschlag unbeobachtet lassen, wenn sie seine Aktionen vorausahnen wollte.

Die Meute hatte sich mittlerweile wieder beruhigt und hie und da konnte sie murmelnde Kommentare und Gespräche ausmachen, sie jedoch akustisch nicht verstehen.

„Was soll das, freiwillig", schnaubte Bellatrix und zog einen grotesk krummgebogenen Zauberstab aus einem Holster, welchen sie um die Hüfte gebunden trug. „Crucio!"

FUPP

Der blaue Schild vor Lucianas Unterarm flackerte noch für den Bruchteil einer Sekunde nach, dann verschwand er wieder im Nichts, genau wie Bellatrix Unverzeihlicher. Scheiße, das war nicht einmal Absicht gewesen! Beschissener Johnny mit seiner ewigen Triezerei und unaufhörlichem Reflexe Trainieren. Was sollte das, wieso das Unvermeidliche unnötig lang hinauszögern? Andererseits … sie könnte wenigstens dafür sorgen, dass hier gar niemand irgendetwas aus ihr herauskitzeln würde oder die Pläne in die Hände bekam. Sie hatte einen Zauberstab im Stiefel stecken, eine Halbautomatik ein paar Schritte von sich entfernt, die geladen war und niemanden interessierte und im Gegensatz zu den armen Irren da vor ihr, hatte sie in dieser Lage rein gar nichts zu verlieren.

„Was war das?", fragte die alte Frau mit den verrückten, grünen Augen und ein verunsichertes Gemurmel breitete sich im Raum aus.

„Das Ergebnis von dem Unterricht des Werwolfs", sagte der Silberhaarige trocken. „Oder irre ich mich?"

„Nein, das haben Sie richtig beobachtet", sagte Luciana angriffslustig.

„Oooh, sehe ich da Kampfgeist?", höhnte Bellatrix, aber sie schien recht begeistert von ihrer Beobachtung. Ziemlich begeistert, ansonsten würde sie wohl kaum in die Hände klatschen.

„Es ist drei in der Früh", schnalzte irgendwer in der hinteren Reihe. „Können wir das schnell erledigen, huh?"

„Da wäre ich auch für." Irgendeine der vier Frauen.

Rodolphus zuckte mit den Schultern und kam wieder einen Schritt auf Luciana zu – dieses Mal wich sie nicht zurück, sondern brachte ihre Füße in eine Stellung, die ihr mehr Halt geben würde.

„Was, Kind?", höhnte er und bleckte zwei Reihen fauliger Zähne. „Willst du dich mit Fäusten wehren?" Er zog seinen Zauberstab aus dem Gürtel über seinem Jackett, richtete ihn auf sie und –

FUPP

„Das beginnt mich zu langweilen", jammerte Bellatrix langgezogen und verdrehte theatralisch die Augen, die beiden, folgenden Flüche von ihr und Rodolphus wehrte Lucianas Schild nur mit Mühe ab – lange würde ihr nicht bleiben. Die beiden Lestrange Brüder standen links von ihr, anderthalb Schritte, Bellatrix war im Begriff, einen Satz nach vorne auf sie zuzumachen, den krummen Zauberstab im Anschlag. Der Silberhaarige war am nahesten, ein wenig rechts versetzt, doch die Lücke zur Waffe war frei – sein Blick huschte auf den Boden, genau dort, wo die Walther PPK lag. Was hatte Charlie Fred letzte Woche in einer Pause während der Sitzung erzählt, lang, breit und diese Werfballsportart betreffend? Andeuten, den Gegner verwirren und genau das tun, womit er nicht rechnen würde … Luciana riss ihren Arm vors Gesicht und wehrte einen heraneilenden Fluch ab, hielt dabei den Blickkontakt mit dem hochgewachsenen Todesser aufrecht und machte eine Bewegung in Richtung der Waffe – der Kerl hatte angebissen, blitzschnell wandte sie sich um, verpasste dem vollkommen überrumpelten Rodolphus einen Schlag mit dem Handballen unter die Nase und stieß ihn mit ihrem vollen Körpergewicht zur Seite. Der Weg zum Kamin war nun nicht weiter blockiert, ein Griff in ihre Jackentasche und die gefalteten Pläne und Notizen kamen zum Vorschein; sie konnte nur beten dass – Ja! Keine Flammen in Sicht, dafür glühten die Scheite vielversprechend, zwei gesprintete Schrittlängen, in denen sie das Papier in ihrer Hand fest zusammenknüllte, den letzten Meter würde sie ohne Gegenwehr nicht überwinden. George und Fred wären stolz gewesen, wenn sie den zielgenauen Wurf aus der Hüfte hätten mitansehen können, der Papierball landete genau in der Mitte der Glut und ließ durch seinen Aufprall Funken in den Raum hineinspringen.

„HOLT ES RAUS!"

Vierzehn Todesser, sechs in der unmittelbaren Reichweite des Kamins. Die Blätter hatten Feuer gefangen, doch ein Mann mit Halbglatze und vor Schmutz stehendem Gesicht war schon im Begriff seinen Zauberstab zu schwingen; ein Sprung, den Ellenbogen in die Höhe gezogen und ihr Gelenk kollidierte mit den Wangenknochen des Kerls, der augenblicklich schmerzvoll aufschrie und, das Wichtigste, nicht mehr dazu kam, seinen Zauber auszuführen. Er sank in die Knie, beide Hände auf sein schmerzvoll verzogenes Gesicht gedrückt, doch da kam schon der nächste Funkenstrahl auf sie zugeschossen.

FUPP

„WO IST DIE FOTZE?!"

Drei Sekunden, vielleicht vier, mehr Zeit war nicht vergangen, seit sie ihren Platz an der Wand aufgegeben hatte. Der Pulk war schon jetzt dabei, sich in Bewegung zu setzen, immer mehr Flüche prasselten auf sie ein, wobei nicht selten einer das eigene Lager traf. Im Raum war ein heilloses Durcheinander ausgebrochen, jeder, wirklich ausnahmslos jeder wollte ihr an die Gurgel und bei der vorrangig dunklen, oder besser gesagt, schwarzen Kleidungsordnung hatte sie schon jetzt jeglichen Überblick verloren. Aber das Wichtigste: die Notizen und Pläne brannten lichterloh, ein paar mehr Sekunden und es würden nicht einmal Aschefetzen zum puzzeln übrigbleiben. Der erste Fluch, dem ihr Schild nicht mehr standhalten konnte, kam mitten aus der Menge, traf sie an der Schulter und ließ sie beinahe rücklings in den Kamin straucheln. Ob ihr die Alternative von einer Hand am Kragen gepackt und nach vorne gezogen zu werden lieber war, konnte sie noch nicht recht entscheiden, immerhin hing viel davon ab, wem diese Hand gehörte – Rodolphus; man mochte meinen, diese Ansammlung von Schwerverbrechern bestünde nur aus Lestranges. Nächste, einzuschätzende Situation: war es ein gutes oder schlechtes Zeichen, dass er gerade seinen Zauberstab in dem ledernen Holster an seinem Gürtel verstaute?

Was hast du da reingeworfen?", zischte er ihr mit fauligem Atem entgegen und kam ihrem Gesicht so nahe, dass nicht einmal ein Blatt Papier dazwischen gepasst hätte. Luciana schwieg und blickte ihm trotzig entgegen, der Griff um ihren Kragen schloss sich weiter. „WAS?!" Auch mit Schütteln brachte er sie nicht dazu, einen Ton zu sagen, allerdings bezweifelte sie, dass die folgende, scheppernde Ohrfeige nur dazu dienen sollte, ihre Zunge zu lockern. Rodolphus schien in Wallungen zu kommen und ihr gingen abermals die Optionen aus.

„Wir sollten sie in eine Zelle bringen", sagte die Stimme, welche Luciana mittlerweile dem Silberhaarigen zuordnen konnte.

„Sie hat mir die Nase gebrochen", zischte Rodolphus aus zusammengebissenen Zähnen und ja, wo er es gerade erwähnte – zwischen all der Gesichtsbehaarung war eine deutliche Spur Blut zu erkennen, die in einem Rinnsal seinen Bart hinunterlief, dazu war seine Riechorgan noch verbogener, als es vor ihrem Angriff der Fall gewesen war. Ihr folgendes Grinsen brachte ihr einen weiteren Schlag ein, dieses Mal seine Faust und nicht die flache Hand. Ihr Schädel dröhnte so sehr, dass sie das nächste Gemurmel nicht verstehen konnte, dafür sah sie nun den Todesser an sich herantreten, dem sie eben noch ihren Ellbogen ins Gesicht gerammt hatte. Scheiße, der sah auch nicht sonderlich begeistert aus.

„Tut, was ihr nicht lassen könnt", schloss der Silberhaarige und schaute mit herablassendem Blick auf sie hinab. „Sorgt nur dafür, dass sie bis zum Morgengrauen noch atmet, ansonsten wird der Lord nicht glücklich sein."

Wie, was, wo?

„Nichts mehr zu retten", sagte eine der Frauen und hielt einen verkohlten Rest des Papierballs aus der Asche in die Höhe; Rabastan neben ihr knurrte.

„Keine Sorge", meinte Rodolphus und nahm endlich eine halbe Armlänge von ihr Abstand – selbstverständlich ohne sie aus seinem eisernen Griff zu entlassen, „du wirst mir schon erzählen, was das gewesen ist, nicht wahr?" Noch immer zeigte Luciana keinerlei Regung, das Grinsen von ihm wurde noch eine Spur breiter; in Kombination mit dem Blut überhaupt kein hoffnungsvoller Anblick. Wieder kam sein hässlicher, stinkender Schädel näher, seine Augen glitten unmissverständlich an ihrem Körper entlang. „Und wir werden eine Menge Spaß miteinander haben."

Gerade, als sie sich erkundigen wollte, ob er seinen Text aus einem zweitklassigen Action-B-Movie auswendig gelernt hatte, spürte sie seine freie Hand, genau zwischen ihren Beinen. Keinen Lidschlag später und ihr Nacken hatte sich verselbstständigt, ein paar Zentimeter Anschwung und Rudolphus Nase machte Bekanntschaft mit der obersten Kante ihrer Stirn. Luciana konnten gleichermaßen hören und spüren, wie sein Riechorgan das zweite Mal in unter drei Minuten brach, dann verschwanden seine Hände um ihren Kragen und noch viel besser, an den Regionen, die er nicht einmal zu berühren hatte, wenn sie kalt und leblos vor ihm liegen würde.

Sie verschwendete keinen Atemzug und sprang von ihm weg, doch nun schienen die Herrschaften weniger unvorbereitet, was ihre Kamikazeaktionen anbelangte. Ein heller Blitz traf sie in Hüfthöhe und bevor der sengende Schmerz sich wirklich entfaltet hatte, wurde sie gleich von einem Mann gepackt – er riss sie kurzum vor sich und zerrte ihre Arme in einem unbarmherzigen Winkel auf den Rücken, dann stand sie bewegungslos da und konnte nur dabei zusehen, wie Rabastan ihr seinen Stiefel in die Magengrube rammte. Jedes letzte Quäntchen Sauerstoff schien dabei aus ihren Lungenflügeln gepresst zu werden, für die darauffolgenden paar Sekunden sah sie nichts weiter als Dunkelheit und Sterne. Das Nächste, was sie schemenhaft erkennen konnte, war eine Gestalt, die Rabastan zur Seite stieß, dann knirschte es gewaltig unterhalb und zwischen ihren Augen. Es war schwer, nein, es war unmöglich, bei all den verschiedenen Schmerzpunkten auch nur einen einzigen, klaren Gedanken zu fassen oder irgendetwas in ihrer näheren Umgebung zu fokussieren. Ihr Gehör war der einzige Sinn, der nicht vollends verrückt zu spielen schien, doch um sie herum hörte sie nichts weiter, als eine wütende Meute, Schreie, ein Pulk, der sich untereinander aufhetzte.

„LEGT SIE UM", kreischte die unverkennbare, schrille Stimme von Bellatrix über alle anderen hinweg und ja, zur Abwechslung musste Luciana der Damex eingestehen, dass dies unter all den Alternativen wirklich eine ausgezeichnete Idee war. Plötzlich war der Griff um ihre Oberarme verschwunden, so unvorhergesehen, dass sie nicht die Zeit hatte, ihren Sturz abzufangen. Letztendlich landete sie auf ihren Knien und nicht mit dem Gesicht vorweg auf den dreckigen Stiefeln von Rodolphus. Zu früh gefreut, denn dieser nahm die Gelegenheit wahr, sie am Zopf zu packen, in die Höhe zu ziehen und –

„LESTRANGE!"

Das war's, ihr Herz setzte aus. Und schlug nach dieser Unterbrechung hart und erbarmungslos weiter auf ihren Brustkorb ein. Es half ein klein wenig die Augen zu schließen und ein sehr intensives Stoßgebet an alles zu senden, was willig war, ihr zuzuhören.

Lass das bitte nicht wahr sein.

Was soll das werden?"

Die Tür fiel geräuschvoll ins Schloss, nur zu hören, weil nicht mehr alle durcheinander schrien.

„Bei Salazar, nicht der Spielverderber", seufzte Bellatrix irgendwo neben ihr auf und nein, offenbar hatte niemand ihr Gebet erhört. Oh, welch Überraschung. Luciana öffnete langsam ihre Augen und richtete sie kontrolliert auf die dunklen Dielen zu ihren Füßen. In diesem Augenblick rückte der dumpfe Schmerz von dem Tritt oder das betäubte Gefühl einer gebrochenen Nase völlig in den Hintergrund – sie machte sich nicht einmal die Mühe, das Blut, welches ihr Kinn heruntertropfte, mit dem Ärmel wegzuwischen.

„Ich habe eine Frage gestellt."

Snape, unleugbar und diese Tatsache würde nicht weniger Realität, wenn sie ihn einfach nicht ansah. In dem Raum war Ruhe eingekehrt, oder zumindest soweit, dass die anderen Todesser sich nur noch im Flüsterton unterhielten. So waren die Schritte klar und deutlich zu hören, die Luciana aus einer ganzen Masse hätte herausfiltern können und die direkt vor ihr Halt machten. Schwarze Schuhspitzen, die sie bis heute sicher hunderte Male gesehen hatte. Was gleichzeitig bedeutete, dass er nicht die Todesseruniform angelegt hatte, welche sie als Schutzkleidung identifiziert hatte. War das ein gutes Zeichen oder nur ein Indiz dafür, dass ihm zu wenig Zeit geblieben war, diese anzulegen? Andererseits schien er sich so oder so umgezogen zu haben, immerhin hatte er vor ein paar Stunden noch im Bett gelegen – friedlich, schlafend, in seinem Pyjama, wenn sie sich recht entsann. Sie hatte eine halbe Ewigkeit im Türrahmen wertvolle Minuten damit verschwendet, ihm einfach beim Schlafen zugesehen zu haben und sich dafür einen ordentlichen Rüffel verpasst; jetzt war die Reue unermesslich, nicht dem Bedürfnis nachgegeben zu haben und zu ihm ins Bett gekrochen zu sein.

„Das ist die Patentochter von Steinhardt", erbarmte sich irgendwer aus den hinteren Reihen zu rufen.

„Und die Komplizin von Malfoys Sohn", ertönte die Stimme von dem Silberhaarigen und er schien auch gleich ein paar Schritte näher zu kommen. „Die beiden haben seine Mutter aus der Zelle geholt, der Junge ist auf und davon, das Mädchen andererseits …"

„Das Mädchen ist eine Schülerin von Hogwarts, Avery", sagte Snape in einem Tonfall, der vermuten ließ, dass hinter dieser Aussage mehr stecken musste, als diese bloßen Worte.

„Und?", schnaubte Rodolphus, oder Rabastan - die beiden hatten sehr ähnliche Stimmen. „Sollen wir sie jetzt laufen lassen, weil sie eine deiner Schülerinnenist?" Ganz klar Rodolphus, bei der nasalen Sprechart.

Und", setzte Snape so an, wie er es immer tat, wenn er jemanden auf etwas furchtbar Offensichtliches hinwies, „du weißt, welche Anweisungen vom Dunklen Lord für die Schüler von Hogwarts gelten." Snapes Schuhspitzen setzen sich in Bewegung, offenbar trat er weiter an Rodolphus und somit auch an sie heran. „Ich kann mir nicht helfen", fuhr er sarkastisch fort, „aber ich nehme an, er hat dir nicht befohlen, das mit ihrem Gesicht anzustellen?"

„Hast du dir mein Gesicht angeschaut?"

Ein paar Sekunden der Stille – Luciana brauchte nicht den Blick heben, um zu wissen, dass Snape gerade Rodolphus betrachten musste.

„Ich kann keinen Unterschied erkennen", meinte er trocken.

„Sie hat mir den Schädel eingeschlagen!", warf nun ein anderer dazwischen, wahrscheinlich der Kerl, welcher ihr vor dem Kamin im Weg gewesen war. Snape schnaubte, laut seiner Füße drehte er sich dorthin, wo die Stimme hergekommen war.

„Nur zu", sagte Snape laut und deutlich, „fahrt fort und macht sie mit roher Gewalt gefügig", das sprach er aus, als wären sie in Höhlenmenschmanie primitiv mit Keulen auf sie losgegangen. „Allerdings solltet ihr mich bei der Unterredung mit dem Dunklen Lord außen vorlassen, wenn ihr ihm Rede und Antwort darüber zu stehen habt, wieso ihr, mit über einem Dutzend an der Zahl, nicht fähig wart, eine Sechstklässlerin zu überwältigen, ohne euch über seine Befehle hinwegsetzen zu müssen."

Stille. Gut zu wissen, dass Snape es mit ein paar Worten nicht nur bewerkstelligen konnte, jede Altersklasse in den Unterrichtsräumlichkeiten von Hogwarts zum Schweigen zu bringen, sondern auch die beinahe vollständige Liste der meistgesuchtesten Verbrecher des magischen Großbritanniens. Rodolphus gab einen seltsamen Knurrlaut von sich, dann stieß er Luciana nach vorne – sie war keinen halben Schritt weit gestolpert, da spürte sie Snapes Finger an ihrem Oberarm, die sie am Fallen hinderten und zu einem abrupten Halt an seiner Seite zwangen. Altbekannte Stelle und auch, wenn ihr jeder logische Gedanke zuschrie, dass das Auftauchen von ihm die ganze Angelegenheit tausendmal schlimmer machte, beruhigte seine Anwesenheit sie von dem Moment an, als sie seine Berührung wahrnahm. Bis sie sein Zittern spürte.

„Wo wir grad bei Rede und Antwort sind", flötete Bellatrix in ihrem üblichen Singsang – aus dem Augenwinkel sah Luciana die Stiefel der Todesserin, wie sie Snape umrundeten. Das Zittern blieb, es war keine Einbildung gewesen. „Du hast uns noch gar nicht gesagt, was du hier zu suchen hast, Nachts um fast vier in der Früh … das ist doch keine akzeptable Zeit für jemanden, der einen Vollzeitjob hat, mh, Severus?"

Das Zittern wurde weder stärker noch schwächer, es blieb konstant, kaum bemerkbar, doch da. Snape hatte noch nie gezittert. Jedenfalls nicht außerhalb von Ekstase, um es mal ganz deutlich auszudrücken. Nicht im Ministerium, als Todesser haarscharf an ihrem Versteck vorbeigelaufen waren, nicht in dem Brunnen, der schweinekalt und von dem Schwarzen Führer persönlich passiert worden war, nicht beim Umzingelt sein von Dementorbrutbabies und nicht einmal, als er in einem Meer von Maschinenpistolensalven ausgeharrt hatte.

„Neben dem ich noch einige Trankprojekte für den Dunklen Lord ausführe, die der ständigen Kontrolle und Überwachung bedürfen", konterte Snape, ohne eine merkliche Pause entstanden lassen zu haben. Luciana war fast gewillt, diese Worte zu glauben. „Mir war, als hättest du dich erst letzten Montag darüber ausgelassen, dass er wünscht, diese Versuchsreihen hier aufzubauen und nicht … wie war das noch? Ah, in meiner kleinen Spielküche."

„Ich lasse mich nicht über die Wünsche vom Dunklen Lord aus", spie Bellatrix und hörte augenblicklich auf, Snape zu umtänzeln.

„Dein Gatte", sagte er verächtlich, „verstößt seit Beginn seiner Aufnahme in den Zirkel gegen die Regel der Unversehrtheit, du selbst nimmst jede Gelegenheit wahr, deine Neigungen auszuleben, insofern du es so zurechtbiegen kannst, noch im Rahmen deiner Befehle zu handeln. Wir alle wissen –„

„Wir alle wissen", unterbrach ihn Rodolphus, „was mit Eindringlingen geschieht, oder hast du vergessen, welche Regeln für diese gelten?"

Zustimmendes Gemurmel von allen Seiten, der Griff um Lucianas Oberarm wurde noch eine Spur stärker.

„Und sie hat uns gesehen", gab irgendwer weiter hinten im Raum zu bedenken und sprach damit das aus, worüber sie sich schon ganz zu Anfang den Kopf zerbrochen hatte.

„Jugson hat Recht", mischte sich nun auch Avery ein. „Niemand von uns hat es darauf angelegt, ihr das Gesicht zu präsentieren und in dem Fall gelten die gleichen Befehle, wie für Eindringlinge."

„Zwei Befehle gegen einen", säuselte Bellatrix gehässig und fuhr fort, vor Snape auf und ab zu laufen.

„Sie gehört in eine Zelle", knurrte Snape – Luciana konnte mit ihrem Blick, der noch immer gen Boden gerichtet lag, nur vermuten, was sich gerade vor ihr abspielte.

„Damit der Nächste hier eindringt und sie wieder herausholt?", bellte eine kratzige, männliche Stimme – die Reihe Stiefel und Schuhe vor ihr traten näher, Snape hingegen wich kaum merklich zurück und zog sie weiter hinter seinen Rücken. Wie gesagt, seine Anwesenheit machte die Angelegenheit nur noch schlimmer und wenn er so weitermachte, hatte er sehr bald die ganze Meute gegen sich selbst gestellt.

„Severus, wenn du dir nicht die Finger schmutzig machen willst, ich übernehme es gerne für dich, die Befehle auszuführen." Rodolphus und die verdreckten Spitzen seiner dunkelbraunen Lederstiefel traten einen Schritt näher. Kaum zu glauben, aber Snapes Hand schloss sich noch einmal eine Spur enger um ihren Arm. Da, jetzt hatten sie es, die Situation, welche früher oder später unvermeidbar geworden wäre. Am liebsten hätte sie ihm etwas zu gemurmelt, oder ihm irgendwie anders zu verstehen gegeben, dass dieses Herauszögern rein gar nichts brachte – im schlimmsten Fall lediglich, seine Stellung bei den Todessern noch weiter herunterzuziehen, denn mal ehrlich, sonderlich wohlgesonnen schien ihm hier niemand zu sein. Da es ausblieb, verbal zu kommunizieren und es offenbar nichts brachte, ihn in Gedanken anzuschreien, wählte Luciana die nächstbeste Kommunikationsmöglichkeit und trat aus seinem Rücken heraus. Beziehungsweise, sie versuchte es; keine Chance, bei der vehementen Kraft, die er einsetzte, um sie an Ort und Stelle zu halten. Was zur Hölle hatte er vor? Sich aus dem Haus kämpfen, vierzehn gegen einen, bestenfalls anderthalb, wenn man sie mitzählte? Selbst wenn sie es irgendwie bewerkstelligen sollten, unbeschadet aus dem Anwesen zu kommen, was sollte dann geschehen? Kein Posten im Orden war wichtiger als Snapes, vielleicht war er sogar die entscheidende Rolle im Kampf gegen den Schwarzen Führer und hier riskierte er seine Position, nur weil sie ihren nutzlosen Hintern in die größte, erdenkliche Scheiße geritten hatte?

Wieder versuchte sie sich aus seinem Klammergriff zu befreien, dieses Mal beherzter, doch sie hätte ebenso versuchen können, der Schere eines mechanischen Metallschneiders zu entkommen.

„Mach den Weg frei, Snape", verlangte nun auch Avery und ja, du Idiot, dachte Luciana verzweifelt, mach den beschissenen Weg frei und kommt nicht auf blöde Ideen. Wieder gab sie ihm mit einem Ruck ihres Arms zu verstehen, sie endlich loszulassen – das Zittern seiner Hand verstärkte sich für einen Augenblick, dann verschwanden seine Finger, genau wie der schwarze Stoffberg vor ihrer Nase, der nun nicht mehr länger ihre Sicht einschränkte.

Vor ihr tat sich ein ähnliches Bild auf, wie vor einigen Minuten, als sie beschlossen hatte, besser dem Fußboden ihre Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, als den Haien, in dessen Becken sie gefangen war. Mit dem Unterschied, dass das Lestrange-Ehepaar offensichtlich einen handfesten Streit darüber austrug, wer sie denn nun erledigen durfte. Snapes Umhang streifte noch immer ihren Ärmel, so nah stand er bei ihr und wenn die beiden Streithähne nicht bald zu einer Einigung kamen, provozierte Rodolphus einen dritten Nasenbruch, damit er endlich agieren würde. Bevor Snape in Aktion trat, der schon wieder eine Aura von ‚verdammt-dämlicher-Einfall' verströmte, also –

„Macht Platz!", hallte es über den Köpfen der Todesser; Luciana traf augenblicklich der Schlag. Zur Abwechslung der bisherigen Szenerie nicht im wortwörtlichen Sinn, sondern den Umstand betreffend, dass sie an ihrer Wahrnehmung zweifelte. Vor ihr tat sich eine Schneise auf, ausnahmslos jeder anwesende Todesser nahm eine Haltung ein, als würden sie zwei Reihen Zinnsoldaten mimen wollen, dann trat ein hochgewachsener Mann durch den freigewordenen Mittelgang, dessen Erscheinungsbild keinen Interpretationsspielraum zuließ. Er war gealtert, noch mehr Falten, als in den Bildern aus ihren Erinnerungen, oder besser gesagt, dem Traum von dieser Nacht. Das erste Indiz, dass es sich um keine Halluzination handeln konnte: Dinge, die nicht existierten, alterten nicht. Luciana konnte gar nichts dagegen tun, sie musste zurückweichen und wieder halb hinter dem Rücken von Snape verschwinden. Glücklicherweise schenkte diesem Schauspiel niemand seine Aufmerksamkeit, da jedes Augenpaar auf etwas gerichtet lag, was hinter dem Narbengesicht sein musste.

Dieses fixierte sie mit seinem Blick, doch es war ihr unmöglich zu sagen, ob Erkenntnis über ihre Person darin mitschwang, oder nicht. Luciana war derart überrumpelt von der Wendung der Ereignisse, dass sie den zweiten Neuankömmling erst bemerkte, als er unmittelbar vor ihr stand. Snape trat einen ausladenden Schritt zur Seite und nahm ihr damit jeden Millimeter Schutzschild. Das Narbengesicht stand seitlich versetzt vor ihr, aber sie konnte sich einfach nicht überwinden, ihn nur für einen Lidschlag unbeobachtet zu lassen.

„Ah, unser neuer Gast", sagte der Mann vor ihr; Luciana nahm auch nach dieser Anrede nicht den Blick von dem desolaten Gesicht, welches sie mittlerweile mit genauso viel Intensität in Augenschein nahm. „Faszinierend, dass Nott es vorzieht, hier seine Stellung zu beziehen, wo er doch dafür verantwortlich ist, unser Wohl zu schützen, wenn der Vitrin telum ausgelöst wird."

Luciana warf bei dem Namen des Zaubers für die Guerilla-Kronleuchter nun doch einen Seitenblick auf den zweiten, neu Eingetroffenen und auch, wenn er ohne jeden Zweifel eine Wohltat für ihre Retina darstellte (nach all dem Narbengestarre), schnellten ihre Augen wieder in Richtung des alten Mannes.

„Der Malfoy Junge hat nicht gezaubert", sagte irgendwer am hinteren Ende der sich gegenüberstehenden Zweierreihe von Todessern. „Das Mädchen muss den Vitrin telum ausgelöst haben, mit ihrem Schild."

„Hat sie das?"

Der Mann trat noch einen Schritt näher, wieder ein Seitenblick, aber sie schien sich nicht in unmittelbarer Gefahr zu befinden. Also, Narbengesicht beobachten.

„Und wer", fragte der Kerl vor ihr, in seinem plötzlich weniger neutral klingenden Tonfall, „hat das viele Blut in ihrem Gesicht zu verantworten?"

„Sie hat uns angegriffen!", beeilte sich Bellatrix zu sagen.

„Seltsam", erwiderte der Mann, ohne den Blick von Luciana zu nehmen – zumindest laut dem eingeschränkten Sichtfeld, was neben dem Narbengesicht übriggeblieben war. „Dabei hatte ich angenommen, der Kodex sei in diesem Fall klar und deutlich. Sie ist eine Schülerin von Hogwarts."

„Aber mein Lord –„

Lucianas Kopf flog so schnell in eine kerzengerade Position, dass ihr Nacken protestierend krachte, was ihr in diesem Moment nicht mehr am Allerwertesten hätte vorbeigehen können. Der Rest von Rodolphus Einwand drängte sich in einem unverständlichen Gebrabbel in den Hintergrund, denn verdammte Scheiße, sie hatte den falschen Mann ins Visier genommen, während der Schwarze Führer keine Armlänge von ihr entfernt stand.

Es musste sich um einen Irrtum handeln. Vielleicht hieß der Kerl einfach nur ‚Mein Lord'. Eltern, vor allem aus der gehobenen Gesellschaft, neigten dazu, ihren Sprösslingen die bescheuertsten Namen zu geben, denn nochmal verdammt, der Typ konnte nicht älter als vierzig sein! Mit einer intakten Nase im Gesicht, das, nebenbei bemerkt, unglaublich nett anzusehen war. Dazu dunkles Haar, im Nacken zusammengebunden, der Umhang schlicht und schwarz, nur die Augen … ja, bei genauem Hinsehen war ein Rotschimmer zu erkennen, aber wirklich erst, wenn man sie unentwegt betrachtete. Sie hätten gut und gerne ebenso als braun durchgehen können, wenn auch ein sehr ungewöhnlicher Farbton.

„Du scheinst überrascht, Luciana", richtete der Leibhaftige nun das Wort direkt an sie. Kein Wunder, ihr Mund hatte gerade auch Tag der offenen Tür. „Das ist doch dein Name?"

Luciana nickte verblüfft und schloss in diesem Zuge ihre Ladeluke.

„Die Gerüchte sind etwas irreführend", plapperte sie drauf los, ohne einen zweiten Gedanken daran zu verschwenden. „Ich hatte niemanden erwartet, der aussieht, als sei er geradewegs vom People's Magazine Cover spaziert."

Stille. Bei Wotan, womit hatte sie bloß dieses unbrauchbare, lose Mundwerk verdient? Voldemort spießte sie mit seinen seltsam rotschimmernden Augen auf, dann … zuckte sein Mundwinkel? Es folgte ein klares, helles Lachen, frei von Vorfreude, ihr gleich eigenhändig den Kopf abzuschrauben. Soweit zumindest ihre Interpretation der Lage. Die Todesser im Raum schienen mit dieser Reaktion ebenso überfordert, wie sie selbst, und gerade, als sie sich die Frage stellte, wieso und warum für Mr Ich-rotte-die-Muggel-aus das People's Magazine kein Fremdwort zu sein schien, wandte der Schwarze Führer sich zu der Lestrange-Gruppe um – sein Lachen verhallte.

„Siehst du, Bellatrix, meine Gute, so umschmeichelt man das Objekt seiner Begierde."

Luciana setzte gerade zu einem vehementen Protest an, allein schon zur Schadensbegrenzung, bei dem mordrigen Blick, welchen ihr besagt ‚gute' Dame zuwarf, doch da machte der Schwarze Führer kehrt und kam mit einer Mimik auf sie zugeschritten, die ihr augenblicklich das Maul stopfte.

„Genug der netten Worte." Passend dazu sah sein Cover-würdiges Gesicht plötzlich gar nicht mehr so harmlos aus. „Sag Kind", er trat bis auf eine halbe Schrittlänge an sie heran und beugte sich ein Stück zu ihr herunter, „wie hat die Patentochter von Gabriel es gemeistert, diese unbezwingbaren Mauern", mit diesen Worten schoss er einen gefährlichen Blick in Richtung des Narbengesichts, Baskerville, wie sie daraus schließen konnte und visierte sie wieder an, „zu bezwingen?"

Luciana machte sich nicht die Mühe, seinen Augen auszuweichen, jeder Versuch würde damit enden, ihn misstrauisch werden zu lassen, so viel konnte sie zu der Einschätzung seiner Persönlichkeit jetzt schon sagen. Phantasie, ihr unleugbares und zuweilen sehr nutzloses Talent – sie musste ihre Gedanken bloß soweit gestalten, dass er den Unterschied nicht erkennen würde.

„Das Chamäleon-Projekt", sagte sie unvermittelt. Voldemort betrachtete sie auffordernd. „Ein Verschleierungszauber, der es einem ermöglicht, das Identifikationsprofil eines beliebigen DNS-Strangs nachzuahmen." Gut, immer schön nah an der Wahrheit bleiben – denn das Chamäleon-Projekt hatte es tatsächlich gegeben, allerdings war es auf voller Linie gescheitert. „Die Merkmale, einer anderen Person", hängte sie hinten an, bevor sie Gefahr lief, den Schwarzen Führer damit auf die Palme zu bringen, ihn mit nicht-magischen Fachbegriffen bloßzustellen, die er möglicherweise nicht verstand.

„Und wie", zischte er bedrohlich, „hat Gabriel sich diese ‚Merkmale' aneignen können?"

Wieso zur Hölle nannte er ihren Paten Gabriel? Schon das zweite Mal, niemand von den Todessern sprach über ihn als ‚Gabriel', wieso also – zweitrangig, Konzentration war gefragt.

„Er ist Pathologe", antwortete sie prompt, „und wurde in den letzten Jahren häufig nach Askaban geholt, dort saßen viele Leute ein, die …"

„Die heute in diesem Raum stehen", schloss der Schwarze Führer. Sein Gesicht war nun wieder die Neutralität in Person und er richtete sich wieder auf, um einen Moment lang nachdenklich einen undefinierten Punkt irgendwo neben ihr zu betrachten. „Und trotz und alledem hat deine Magie den Vitrin telum ausgelöst, wie das?"

Ja, der Kerl schien aufmerksamer, als gedacht.

„Die Verschleierung hält nicht ewig, maximal eine Stunde, wenn man den Zauber ordentlich ausgeführt hat", zog sie sich aus dem Hintern; zu ihrer Erleichterung offenbar mit Erfolg.

„Heißt das, Steinhardt kann hier rein- und herausspazieren, wie es ihm passt?", warf ein Todesser in die Stille ein und klang dabei ein klein wenig panisch.

„So macht es den Anschein", sagte Voldemort, zeigte sich dabei aber wenig beeindruckt. „Grigorij, diese missliche Lücke wirst du beseitigen, noch vor dem heutigen Sonnenuntergang."

„Ja, mein Lord", erwiderte Narbengesicht, ohne zu zögern und verließ auch gleich seinen Platz an der Seite des Schwarzen Führers. Ein paar lange Schritte und er war ganz aus dem Raum verschwunden.

„Nun zu dir, Mädchen." Luciana schluckte, doch vollbrachte es irgendwie, ihr Pokergesicht aufrecht zu erhalten. „Was stelle ich nur mit dir an?"

„Sie hat unsere Gesichter gesehen", gab Rabastan zu bedenken.

„Und ist hier eingedrungen!"

„Sie hat geholfen, eine Gefangene zu befreien."

„Es steht der Tod darauf"

„RUHE!", donnerte Voldemort, dabei hätte sie bei der angenehm weichen Stimme niemals diesen Schneid erwartet. Es wurde mit einem Schlag still, niemand schien noch sonderlich erpicht, seine ungefragte Meinung in den Raum zu werfen.

„Avery, was meinst du?", erkundigte sich der Schwarze Führer im Plaudertonfall.

„Sie ist die Patentochter von Steinhardt", gab dieser zu bedenken. „Sie einfach umzubringen, sehe ich als Verschwendung an. Wir könnten sie vorzüglich als Druckmittel verwenden."

„Mhmh", machte Voldemort nachdenklich und schürzte seinen Mund. „Guter Einfall, wirklich vorzüglich, wäre da nicht …", wieder landete sein Blick auf ihr. „Mädchen, was denkst du geschieht, wenn ich den Versuch unternehmen sollte, dich bei Gabriel als Druckmittel zu verwenden?"

„Die UOWV verhandelt nicht mit Terroristen." Paragraph zwei, Abschnitt vierzehn, wortwörtlich – sie hatte wie aus Reflex geantwortet und konnte jetzt nur inständig hoffen, dass der Schwarze Führer das Wörtchen ‚Terrorist' nicht als Beleidigung auffasste.

„Und Hand aufs Herz", sagte er, die letzten Silben spöttisch und voller Hohn, dabei schien ihn der Terrorist-Part in keiner Weise zu interessieren. „Was tut Gabriel wirklich, wenn ich ihn im Glauben lasse, ich könne dir ein Haar krümmen?"

„Er wird dem Ort hier den Erdboden gleichmachen."

Voldemort nickte, dann:

„Und?"

„Und er würde Sie so lange jagen, bis er Sie in die Finger kriegt. Dann töten, ganz egal, wie viele … Rücktrittsversicherungen Sie noch in Petto haben sollten … Sir."

Die Wahrheit, ungeschönt und auf dem Tablett serviert, Luciana musste sich nicht einmal anstrengen, seinem durchdringenden Blick standzuhalten. Es folgten einige Sekunden der Stille, bis Voldemort so etwas wie ein Schnalzgeräusch verlauten ließ und die Hände hinter seinem Rücken verschränkte.

„Ich danke dir für deine Aufrichtigkeit", sagte er, vollkommen frei von Ironie. „Diese wird mir, bedauerlicherweise, in den letzten Jahrzehnten immer weniger zuteil. Severus?"

Unglaublich, sie hatte Snapes Anwesenheit für die letzten Minuten vollständig vergessen, doch nun trat er aus ihrem Schatten hervor. Das war es mit ihrer mühsam zusammengekratzten Selbstbeherrschung, ihr Herz fiel von den einen auf den nächsten Schlag in einen unangenehmen Galopp.

„Bring unseren Gast zurück nach Hogwarts" „Mein Lord!", unterbrach ihn die protestierende Stimme von Bellatrix, doch ein Blick von Voldemort genügte und sie schloss den Mund. „Lösche die Erinnerungen an diese Nacht und von allem, was sie mit Lucius Spreu ausgeheckt hat."

Wie bitte was? Luciana spulte diesen Satz gleich dreimal hintereinander zurück und wieder vor, aber die Aussage dahinter blieb dieselbe. Vielleicht hatte sie gar nicht mitbekommen, dass der Schwarze Führer ihr einen Avada auf den Hals gehetzt hatte und sie befand sich nun auf einem zwischenjenseitslichen, bunt fluffigen Ponyhof?

„Ja, mein Lord", antworte Snape prompt und parkte seine Hand an der üblichen Stelle an ihrem Oberarm.

„Und sorge dafür, dass ihr Gesicht keine verräterischen Spuren mehr aufweist."

„Gewiss, mein Lord."

„Rodolphus, Nott, ihr beseitigt den Unrat im Verließ und bringt die Tür in Ordnung."

‚In Ordnung', Luciana hätte beinahe ein verächtliches Geräusch ausgestoßen – als sei da noch irgendetwas zu retten. Zurück zum Ponyhof, der ging nämlich gerade in die zweite Runde, als Voldemort sich noch einmal zu ihr wandte und ihr mit einem Lächeln zunickte, dazu noch ein „Es hat mich gefreut, deine Bekanntschaft gemacht zu haben, auch wenn die Umstände alles andere als günstig gewesen sind."

Was – zur – Hölle … ?

Sie hatte keine Gelegenheit, darauf irgendetwas zu erwidern (zumal ihr dazu auch wirklich rein gar nichts eingefallen wäre), denn Snape setzte sich ohne weitere Umstände in Bewegung und zog sie in die entgegengesetzte Richtung, direkt auf die geöffnete Tür zu. Luciana schaute dem seltsamen Schwarzen Führer hinterher, bis sie durch die Reihe der Todesser hinaus auf den Gang traten.

Ein Schritt nach dem anderen, beziehungsweise, schnelle, große Schritte, damit sie mit Snapes Tempo halbwegs mithalten konnte, ohne zu stolpern und am Ende den abgelatschten Teppich zu küssen.

„Was zur Hölle?", murmelte sie völlig perplex den immer wiederkehrenden Gedanken aus und provozierte damit Snape, seinen Griff um ihren Arm bis zur Schmerzgrenze zu steigern.

„Halt den Mund", zischte er ihr entgegen, dabei legte er noch einmal einen Zahn zu. Die Türen und Lampen an den Wänden flogen nur so an ihnen vorbei, doch Luciana brauchte noch drei bis vier weitere Abbiegungen, bis sie langsam realisierte, dass die Möglichkeit bestand, den heutigen Sonnenaufgang doch noch miterleben zu dürfen. Und den darauf. Und den darauf. Vorausgesetzt, Snape würde sie nicht erledigen, sobald sie den Grund und Boden von Strafford Castle verlassen hatten, denn das, was sie von ihrem Winkel aus von seinem Profil erkennen konnte, war weitaus beunruhigender, als jede Mimik, die der Schwarze Führer ihr in den letzten zehn Minuten zugeworfen hatte.

Sie hielt den Mund, richtete den Blick auf den Boden, um bei der Geschwindigkeit aufrecht zu bleiben oder auf den letzten Metern nicht Gefahr zu laufen, irgendeinen dahergelaufenen Todesser zu provozieren, der ihren Weg kreuzen könnte. Allerdings begegneten sie niemandem, auch, wenn sie hie und da meinte, ein paar Stimmen aus einem Gang oder Zimmer hören zu können. Letztendlich, als sie beinahe dem Bedürfnis nachgekommen war, Snape zu fragen, wie lange sie noch durch die Gegend hetzen mussten (sie war aus der Puste, die Anstrengungen der Nacht hinterließen nun, nachdem ihr Adrenalinspiegel in halbwegs normale Werte absank, ihre deutlichen Spuren), betraten sie eine Eingangshalle, die sicherlich fünfzehn mal fünfundzwanzig Meter maß. Natürlich bei weitem nicht so beeindruckend, wie das Exemplar, welches sie aus Hogwarts gewohnt war, doch hier wurde Luciana erst richtig deutlich, welche Ausmaße das Gebäude einnahm. Ihr blieb nicht viel Zeit, ihre Umgebung zu erkunden, denn Snape zog sie forsch und sehr zielgerichtet auf eine Tür zu, die neben einer pompösen, zweiflügligen lag und die der Eingang zum Ballsaal sein musste. Noch wenige Meter, dann hätten sie die Apparierzone erreicht. Am Ende hatte sie kaum einen Lidschlag, um in den kleinen Raum zu spähen. Gerade, als sie einen Tisch und vielleicht ein paar Stühle meinte ausmachen zu können, spürte sie ein wohlbekanntes Ziehen in der Magengrube – dieses Mal weitaus intensiviert, da diese Körperregion in einem denkbar schlechten Zustand war dann –

Schwärze. Frische, klare Luft einer Juninacht, die gerade im Begriff war, den Morgen einzuleiten. Zunächst konnte sie die Hand nicht vor Augen erkennen, doch nach und nach sah sie die Umrisse der Bäume und Sträucher, von denen sie umgeben war. Snape, wo war – ein paar Schritte von ihr entfernt, wieso lehnte er mit einem Arm gegen einen Baumstamm? Luciana beeilte sich, die Distanz zu ihm zu überwinden; war etwas beim Apparieren schiefgelaufen? Das war doch der verbotene Wald, dort, links von ihr konnte sie schon das Gelände der Schule durch die dichte Bewachsung sehen, ihr war nichts passiert, jedenfalls nicht mehr, als ohnehin schon an ihr angeschlagen war, also, was war –

„Halt", zischte er und richtete seinen gesenkten Kopf soweit auf, dass seine Augen gefährlich blitzend hinter dem Vorhang seines Haars hervorstachen, „dich von mir fern." Luciana hielt in ihrer Bewegung inne und zog ihre Hand zurück, die im Begriff gewesen war, seine Schulter zu berühren.

„Bist du in Ordnung?", fragte sie, deutlich verunsichert und versuchte in der Dunkelheit mehr zu erkennen. Snape richtete sich auf, sein Brustkorb hob und senkte sich langsam, dafür sehr intensiv, die Augen hatte er dabei geschlossen, das Mondlicht reflektierte nun die Partie seiner Kieferknochen, welche er ohne jeden Zweifel sehr fest aufeinandergepresst hatte. Schmerzen, oder – seine Nasenflügel bebten, seine Brauen waren soweit gekräuselt, dass sie beinahe eine Linie ergaben, alles in allem ein Anblick, der einem das Fürchten lehren sollte.

„Seve-„

„WAS", spie er ihr entgegen und riss dabei seine Augen auf, „hast du dir dabei gedacht?!" Das erste Wort hallte noch immer durch den Wald, ein ganzer Schwarm Vögel flog aufgeschreckt aus seinem Nachtquartier empor. Offensichtlich hatte er keine Schmerzen, höchstens in seinem Schädel, vor lauter dazu gezwungen sein, ihre unübertreffliche Dämlichkeit ausgebadet haben zu müssen.

„I-ich dachte der Plan sei sicher", sagte sie kleinlaut, doch ganz gleich, was sie auch sagen würde, in diesem Zustand würde sie ihn nicht so einfach besänftigt bekommen. Snapes Augen weiteten sich noch mehr, es glich einem Wunder, dass seine Zähne nicht zersprangen, bei all dem Druck, den er in diesem Augenblick auf sie ausüben musste. Luciana wagte es nicht, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen und auch Snape stand stocksteif da, wohl sehr darum bemüht, ihren nutzlosen Kopf nicht mit dem nächsten Baumstumpf bekannt zu machen.

„Du hast", begann er langsam, „alles riskiert, was sehr viele, bedeutende Zauberer in mühsamer Arbeit aufgebaut haben, schon lange vor deiner Geburt."

Sie schluckte und senkte den Blick.

„Ich weiß", flüsterte sie und schlang in einer sehr untypischen Geste beide Arme um ihren Bauch. „Es tut mir leid."

Sie stellte sich auf einen folgenden, sehr langen und detailreichen Monolog über ihre Unfähigkeit und ihr vorlautes, unüberlegtes, nicht professionelles und kindisches Handeln ein, doch es folgte rein gar nichts. Luciana wartete ab, zwei Sekunden, fünf Sekunden, doch die Stille blieb. Langsam hob sie ihren Blick, beinahe in der Erwartung, er sei lautlos verschwunden, aber er stand noch immer vor ihr und schaute auf sie herab wie … sie hatte kein Bedürfnis zu definieren, womit er sie betrachtete; es war nur sicher, dass es ihrer Brustregion einen ordentlichen Stich versetzte und es sie im Bruchteil von einer Sekunde vorkommen ließ, wie der letzte, unterbelichtete Abschaum.

„Du bist in meine Räume eingedrungen", sagte er, beinahe ruhig und unglaublich … distanziert, „und hast dich an meinen Aufzeichnungen zu schaffen gemacht."

Sie schluckte, doch der Kloß im Hals blieb.

„Es tut mir leid", flüsterte sie wieder, der Tonfall für ihren Geschmack viel zu verzweifelt.

„Das macht keinen Unterschied", war seine unbarmherzige Erwiderung. Mit einem letzten, vielsagenden Blick setzte er sich in Bewegung und lief an ihr vorbei, in Richtung des Schlosses.

Luciana blieb noch einen Moment an Ort und Stelle stehen, mit den Gedanken weder fokussiert noch zu etwas anderem fähig – dann trat auch sie nach einigen Schritten aus dem Dickicht des Waldes und folgte Snape, der einige Meter Vorsprung zu ihr hatte. Sie beschleunigte nur minimal ihr Tempo und achtete darauf, ihm nicht zu nahe zu kommen. Zu ihrer linken Seite flackerte die anfängliche Morgenröte am unteren Rand des Horizonts auf, doch wirkliche Freude blieb bei diesem Anblick aus. Natürlich, sie hatte in dieser Nacht mehr Glück als Verstand gehabt, es glich einem Wunder, dass sie das Tageslicht überhaupt noch einmal zu Gesicht bekam; nur war dieses unglaublich widerliche Gefühl in ihr derart präsent, dass alles andere in den Hintergrund zu rücken schien. Reue, hallte es in ihrem Kopf und ja, dieses Wort war für sie bislang gänzlich fremd gewesen. Sicher, sie hatte viel Unsinn in ihrem Leben angestellt, war kopfüber in Situationen gehechtet, aus denen sie eigentlich nicht hätte heil herauskommen dürfen, aber bereut hatte sie all dies nicht wirklich.

Wie also damit umgehen? Sie hatte sich entschuldigt, bisher war kein Schaden entstanden und Malfoys Mutter könnte gut und gerne noch leben, war das nicht das Ziel dieser ganzen, beknackten Aktion gewesen? Kein Schaden entstanden, pah, höhnte es in ihrem Kopf – sie hatte Snapes Vertrauen missbraucht, war ohne Zweifel an der Richtigkeit ihres Handelns in seine Privatsphäre eingedrungen, zu dem er ihr der Eintrittskarte gegeben hatte, in dem Irrglauben, sie würde pfleglich damit umgehen … Reue war ein scheußliches Gefühl.

Bis in die Eingangshalle war ihr kein Licht aufgegangen, wie sie die Sache wiedergutmachen könnte und langsam aber sicher kam ihr die Gewissheit, dass es vielleicht gar nicht möglich sein würde. Verdammt genau den Nagel auf den Kopf getroffen, wie sich keine Minute später herausstellte.

„Wohin glaubst du, läufst du gerade?", knurrte Snape und erst jetzt fiel ihr auf, dass sie ihm ganz automatisch zu dem Durchgang in die Kerker gefolgt war. Luciana schaute sich hilfesuchend um, nach was oder wem auch immer, doch letztendlich blieb sie bei Snape hängen, der sie feindselig anfunkelte.

„I-ich … es ist Samstag", hauchte sie genau die falschen Worte aus und konnte eben noch verhindern, sich zu ducken, bei dem Blick, den sie dafür kassierte. Snape starrte sie weiter an, eine gefühlte Ewigkeit, die nicht länger als Sekunden anhalten konnte, dann machte er auf dem Absatz kehrt und verschwand mit wehendem Umhang durch den Torbogen. Luciana betrachtete minutenlang die folgende Dunkelheit des Kerkereingangs und kratzte das letzte bisschen ihrer Selbstbeherrschung zusammen, damit sie den entgegengesetzten Weg einschlagen konnte, hinauf zum Turm der Gryffindors.