McKay fühlte sich immer noch schwach, als sie sich eineinhalb Tage später einem der Konferenzräume der Dädalus trafen. Neben ihm saß Sheppard, der sogar noch schlechter aussah, als McKay sich fühlte, und ihnen beiden gegenüber, mit ernsten Mienen, Colonel Caldwell und Dr Beckett. Einen Sitz entfernt von ihnen saßen Teyla und Ronon, beide in dem künstlichen Neonlicht ungewohnt bleich und ungesund aussehend. McKay wollte sich schon wundern, dass sie nur so wenige waren, dann fiel ihm ein, dass alle anderen, die er sonst zu einem solchen Meeting erwartete – Elizabeth Weir, oder vielleicht auch Zelenka – sich in einem mehr oder weniger komatösen Zustand befanden und kaum in der Lage waren, in irgendwelchen Konferenzen mitzuwirken.
„… wir haben allerdings eine Veränderung der Hirnströme bei ihnen festgestellt. Wenn wir uns nicht täuschen, beginnen sie… ihr Zustand bessert sich. Sie scheinen zurückzukommen"
Carson Beckett legte den Kopf schief und trommelte kurz mit den Fingern auf die glatte, glänzende Oberfläche des Tisches. Der Mann wirkte nervös, als seien ihm die vielen Katastrophen der vergangenen Tage in Fleisch und Blut übergegangen, so dass er nun nicht mehr anders konnte, als sich zu sorgen, auch wenn gegenwärtig überhaupt kein Anlass dazu bestand.
McKay starrte auf seine eigenen Finger, die auf dem langen Tisch ruhten. Zwei Fingernägel fehlten fast vollständig, alle anderen waren abgesplittert und schief. Sein linker Handrücken war zerkratzt und schorfig, der andere nur mit einem blauen Fleck gezeichnet. Die Finger beider Hände wiesen zahlreiche kleinere Verletzungen auf, in einer Handfläche hatte McKay einen tiefen Schnitt, der zwar aufgehört hatte zu bluten, aber jedesmal schmerzte, wenn er die Hand nutzen wollte. Er hatte es nicht einmal gemerkt, als es passiert war. Eigentlich hatte er kaum noch etwas gemerkt, und auf gar keinen Fall das, was mit seinen Händen passiert war. Er warf einen kurzen Blick zu Sheppard, der aus leicht verquollenen Augen an Carson vorbei an die Wand starrte. Er hatte Wichtigeres zu tun gehabt.
Über der Stirn, direkt am Haaransatz hatte Beckett eine kleine Platzwunde nähen müssen – sie pochte sacht, und McKay widerstand mühsam der Versuchung, sie zu berühren. Seine Finger hatten Abdrücke auf dem makellosen Glanz des Tisches hinterlassen, und er legte rasche wieder die Hände drauf und sah dann Carson an.
„Was genau war es? Ein Virus? Wieso konnte es…"
„Eigentlich ein winziger Parasit. Kein Virus-"
„Ein Parasit?"; unterbrach ihn Sheppard.Er klang leicht angeekelt, und McKay konnte es ihm nicht verdenken.
„Ja" Carson klang erschöpft. Wahrscheinlich hatte er dies hier schon sehr oft erzählen müssen. „Der menschliche Körper ist sozusagen Teil seines Lebenszyklus. Seinen Ursprung hat er auf diesem Planenten, auf dem ihr zwei wart – in den Gewässern…"
Funken, die im Wasser tanzten. Winzige Lichter, die ihnen den Weg wiesen… McKay rutschte unhaglich auf seinem Stuhl hin und her. Es machte es nicht besser, es zu erklären.
„Die Organismen dringen durch Kontakt mit der Mund- und Nasenschleimhaut in den Körper ein", redete Carson weiter. „In dieser ersten Phase sind sie noch wesentlich harmloser, machen sich aber schon bemerkbar – ihr habt sicher das Unwohlsein, den Verlust des Zeitgefühls bemerkt… die zeitweiligen Rötungen im Gesicht…"
Er fuhr fort, als Sheppard und McKay nickten.
„Während sie sich noch im Blutkreislauf befinden, verkleinert sich ihre Gestalt, sie geben ihre Angepasstheit an das Wasser weitgehend auf – die Abfallstoffe, die dabeientstehen führen zu den eben genannten Symptomen – und gehen in einen weitgehend passiven Zustand über. Ist diese Phase abgeschlossen, haben sie die Blut-Hirnschranke überwunden, da sie Stoffe produzieren, mit denen sie die Schranke zeitweilig aufheben können. Dann verbleiben sie eigentlich völlig passiv…"
Carson brach ab. Er sah höchst unzufrieden aus, und Sheppard runzelte die Stirn.
„Aber warum sind McKay und ich dann durchgedreht?", fragte er, und McKay stimmte ihm mit einem eiligen Nicken zu.
Carson warf ihnen beiden nur einen höchst frustrierten Blick zu, und zuckte dann angedeutet mit den Achseln. Er schien so müde, dass selbst seine allgegenwärtige Sorge um seine Patienten einer gewissen Ungeduld gewichen schien.
„Wenn ich das wüsste", fuhr er knapp fort. „Auf jedenfalls greifen die Parasiten irgendwie in die Hirnchemie ein." Er verzog bei den letzten Worten das Gesicht, als schmerze es ihn geradezu, das Wort „irgendwie" verwenden zu müssen. McKay konnte das leicht nachfühlen, er hätte es genauso gehasst, hätte er das Wort in einen seiner Berichte einbauen müssen. „Irgendwie sind dann die Eingeborenen mit Speeren auf uns los gegangen, völlig ohne Grund" zählte natürlich nicht.
„In der letzten Phase werden die Parasiten ein letzes Mal aktiv und setzen mehrere Tochterorganismen frei – bei diesem Vorgang stirbt die erste Generation. Die Tochterorganismen gelangen in den Blutkreislauf zurück, und werden schließlich durch die Mundschleimhäute wieder abgegeben"
„Also, wir haben gekotzt", murmelte McKay und handelte sich einen strafenden Blick ein. Ronon allerdings grinste kurz.
„Ein Vorgang, der vermutlich von heftigem Erbrechen begleitet wird", fügte Carson hinzu. Es war ein wenig unheimlich, bei ihm einen giftigen Tonfall zu hören, fand McKay.
Sheppard, den das offensichtlich auch amüsierte, lächelte schwach, stellte dann aber sofort wieder eine Frage:
„Warum hatte ich – also, diese Dinger-"
Beckett setzte schon zur Antwort an, bevor der Colonel zu ende gesprochen hatte: „Diese Organismen reagieren sehr empfindlich auf bestimmte Substanzen, unter anderem eben Vitamin C" Er warf McKay einen betont bösen Blick zu. „Etwas, was einige von uns ja vermeiden… Nun, jedenfalls, in einem engen Zeitraum ist es für die Parasiten sehr schädlich, wenn dem Wirtskörper – Entschuldigung, Colonel – Vitamin C zugeführt wird. Was Sie, Sheppard, gemacht haben – damit wurden einiger der Organismen abgetötet, andere völlig aus ihrem Rhythmus geworfen. Einige haben sich selbstverständlich auch normal entwickelt, aber ich bin sicher, dass es die veränderten Parasiten waren, die Ihnen auf ihrer Reise solche Probleme bereitet haben."
Sheppard nickte, sah dann zu McKay. Sicher fragte er sich, was McKay alles erzählt hatte. Der Wissenschaftler sah weg – nach den langen Tagen der Ungewissheit, mit einem immer labileren Colonel war es wunderbar gewesen, sich endlich wieder einmal richtig beklagen zu können, doch er hatte keine Lust, das jetzt mit Sheppard zu diskutieren.
„Wie sind denn nun die Organismen überhaupt nach Atlantis gelangt?", fragte McKay hastig.
„Nach dem ihr auf PX 347 mit ihnen in Kontakt gekommen ward-", setzte Beckett an, und McKay und Sheppard unterbrachen ihn wie aus einem Munde:
„Wir waren nie auf PX 347"
„Oh doch, Colonel", mischte sich nun Caldwell ein, der noch gar nichts gesagt hatte. Er nahm einen Hefter von dem flachen Stapel, der vor ihm lag und schob ihn zu McKay rüber.
„Doktor"
Stirnrunzelnd schob McKay die Mappe zwischen sich und Sheppard und schlug sie auf. Photos eines Planeten, an den er sich nicht erinnern konnte. Ein Bericht, von ihm unterschrieben, den er glaubte, nie verfasst zu haben. Teyla, gegenüber von ihm, nickte ihm zu, ein halbes Lächeln auf den Lippen. Sie schien nichts vergessen zu haben.
Er betrachtete die wenigen Photos genauer. Es sah so unspektakulär aus, trübes, verhangenes Wetter, ein grauer Himmel, uninteressante Dünen, ein grauer-
„Strand", murmelte Sheppard, der mit dem Zeigefinger über eines der Bilder fuhr.
„Ja", nahm Caldwell den Faden wieder auf. „Nichts von Bedeutung, eigentlich, dass auf dieser Mission passiert ist. Nur eine kleine Insel, auf der das Gate stand, freundliche, wenn auch recht primitive Eingeborene. Einige wenige Ruinen in einem flachen See, die von den Eingeboren gemieden wurden, die aber anscheinend nichts Gefährliches beherbergten, und auch sicher nichts Interessantes…"
„Aber ich bin sicher, wenn man im Dunkeln zur richtigen Zeit wieder kommt, dann leuchtet dort alles", sagte Sheppard bitter.
„Ja", sagte Beckett. „So haben wir es auch gemerkt, hier in Atlantis. Plötzlich konnte man im Dunkeln etwas im Wasser funkeln sehen. Und dann fingen die ersten an, sich merkwürdig zu verhalten – und ehe wir uns versahen, verschwand über Nacht fast die gesamte Crew – einfach alle weg…" Müde rieb er sich die Augen. Ronon gab ein Grunzen von sich, das möglicherweise Mitgefühl und eine Erinnerung an den vergangenen Schrecken ausdrücken sollte – oder vielleicht war dem Mann auch einfach nur nach Grunzen zumute, dachte McKay.
„Wie sind sie überhaupt in die Wasserversorgung von Atlantis gelangt?", fragte McKay.
„Oh… Nun ja, die Organismen in Colonel Sheppards Körper – wie schon gesagt, einige von ihnen waren wohl völlig außerhalb ihres arttypischen Rhythmus und haben seinen Körper wesentlich früher verlassen als vorgesehen. Das muss für sie das Paradies gewesen sein… sauberes Wasser ohne irgendwelche Feinde…" Er seufzte.
„Wie habt ihr erfahren, wo wir sind?", fragte Sheppard.
„Oh, der Planet, auf dem ihr ward… das war nur eine Möglichkeit, euch diese Gäste zu holen… Manche Völker bereiben wohl eine Art Handel damit – sie werden weniger oder auch gar nicht mehr von den Wraith heimgesucht, wenn sie die Parasiten an bestimmte Gäste verteilen. Wobei gesagt werden muss, dass es nur ein sehr kleiner Wraith-Stamm ist, der sich auf die Opfer von diesen Parasiten spezialisiert hat. Im großen und ganzen völlig unbedeutend – aber immer noch wie der Teufel persönlich für die armen Leute…" Er gähnte, und wandte dann verlegen das Gesicht ab.
„Mittlerweile sind die Organismen natürlich recht weit verbreitet. Auch wenn es Teil ihres Programms ist, ihre Opfer wieder an ihren Ursprungsplaneten bzw Ursprungsort zu springen – das stammt wahrscheinlich noch aus der Zeit vor dem Stargte – werden die Opfer natülich oft daran gehindert, und die Saat geht woanders auf. Viele Völker erkennen eine derartige Erkrankung mittlerweile auch recht schnell und wissen, wie man den Parasiten wieder loswird. Das gelingt allerdings nur, sobald die Blut-Hirnschranke nicht überwunden ist … in dem Fall…"
„… werden die Leute völlig gaga", beendete McKay seinen Satz für ihn.
„Äh, ja"
„Warum ist das uns nichts passiert?", wollte McKay wissen.
„Das, mein lieber Rodney, liegt allein an der Kunst, die du so abfällig als „Voodoo" bezeichnest", sagte Beckett bissig. „Wir haben in aller Eile eine Art Impfstoff entwickelt"
„Hat ja prima funktioniert", sagte Sheppard, der sich für seinen Geschmack noch viel zu gut an die merkwürdigen, fremdartigen Gedankengänge erinnerte, die diese… Parasiten in sein Hirn gepflanzt hatten.
„Das hat es, mein lieber Colonel", sagte Beckett, mit einer gewissen müden Verachtung in der Stimme. Sheppard gewann langsam den Eindruck, dass der Doktor so erschöpft war, dass er gleich hier und jetzt am Tisch umfallen würde.
Beckett rieb sich mit der Handfläche über sein weißes Gesicht. Er blinzelte, und kniff sich dann mit Daumen und Zeigefinger in die Nasenwurzel, bevor es ihm gelang, den Blick zu fokussieren.
„Im Großen und Ganzen hat es funktioniert, ja. Das Schwierigste war, euch nur zu finden… euch und die anderen…"
„Diese Koordinaten wurden wohl vor langer Zeit von den Antikern auf eine Art „Rote Liste" gesetzt, die ein Anwählen verhindern sollte", fuhr Caldwell fort. „Das Programm wurde teilweise gelöscht und auch überschrieben, so dass Sie beide und später auch fast die gesamte Restbevölkerung von Atlantis den Planeten anwählen konnten. Allerdings wurden die gewählten Koordinaten sofort wieder aus der Datenbank gelöscht, und so blieb uns eigentlich keine Möglichkeit, festzustellen, wohin alle gegangen waren. Glücklicherweise war Seargant Bannister – eine der Gateraumwachen – eines der wenigen Expeditionsmitglieder, das nicht von den Parasiten befallen worden war. Er konnte sich noch an einige der Koordinaten erinnern, und so konnten wir zumindest die Anzahl der Planeten, auf denen sie sich befinden konnten, stark einschränken. Was uns allerdings im Endeffekt nichts genutzt hätte – wir hatten immer noch eine gewaltige Liste – doch wir wollten zumindest auf unser Glück setzen und flogen einige der näheren Planeten an. Dann erreichte unsere Sensoren ein schwaches Signal…"
„SOS", murmelte McKay, und Caldwell nickte ihm zu.
„So ist es, Doktor", antwortete er trocken. „Unsere Sensoren entdeckten die restlichen Expeditionsmitglieder in einer Art Lager, und zu unserer freudigen Überraschung Sie beide nicht weit davon entfernt."
„Das war wirklich knapp", sagte Sheppard leise. McKay nickte nur, nicht unbedingt willens, sich genau an die Einzelheiten dieser schrecklichen Minuten zu erinnern.
Einige Augenblicke waren sie alle still. Teylas Augen glänzten mitfühlend, ihre Haltung drückte aber wie üblich ruhige Selbstsicherheit und vollkommene Kontrolle über sich selbst aus. Ronon wirkte schon angespannter, auch wenn er sich auf seinen Stuhl geflegelt hatte, seine Arme waren eng über der Brust gekreuzt; seine Dreads fielen ihm in die Stirn und verdeckten sein Gesicht halb. Beckett, ein Häuflein Elend in einem weißen Arztkittel, zusammengesunken auf dem unbequemen Stuhl. Selbst Caldwell waren die letzten Tage deutlich anzusehen.
„Lassen Sie sich Zeit mit ihrem Bericht, Colonel, Doktor", sagte er schließlich nur. „Trotz der Umstände versuchen wir Ihnen den Aufenthalt als unsere Gäste auf diesem Schiff so angenehm wie möglich zu machen."
Ein Hauch von Ironie schwang in seinen trockenen Worten mit. McKay grinste müde zurück, stand dann auf und folgte Sheppard, Teyla und Ronon hinaus auf den Gang. Draußen drehte sich Sheppard noch einmal hastig um, als hätte er etwas Wichtiges vergessen.
„Diese Dinger", sagte er schnell. „Sie waren in Atlantis – müssen wir nun – das Wasser, haben wir zu befürchten…"
„Keine Sorge, Colonel", sagte Beckett, der den zerstrubbelten Kopf mittlerweile auf die Arme gelegt hatte. Seine Stimme klang undeutlich. „Das Salzwasser, da können sie nicht drin leben. Und alles Süßwasser wurde gründlich gereinigt, keine Sorge, die Antiker hatten gute Filter für solche Fälle"
