September 1918, Chicago (II)
In seinen Gedanken zählte Edward die Toten aus ihrem Bekanntenkreis. Er endete schließlich bei Edward Masen Senior, seinem Vater. Edward brauchte nur in die Gesichter blicken, die sich über ihn beugten um zu wissen wer der nächste war. Er selbst. Edward Anthony Masen Junior.
Die Erkenntnis tat weh. Jedoch weniger weil er an seinem Leben hing, sondern eher weil er an seine Mutter dachte. Er war jetzt alles was sie noch hatte. Sein Vater war tot, ihr einziger Bruder war tot, ihre beste Freundin war tot. Es gab niemanden mehr für sie. Außer ihn. Er wusste nur zu gut, dass sie daran zerbrechen würde.
Es tat ihm leid, dass er ihr in letzter Zeit so viel Kummer gemacht hatte. Das er sie besorgt hatte mit seinem Wunsch Soldat zu werden. Dass er aufmüpfig gewesen war, wenn es darum ging, dass er in die Fußstapfen Seines Vaters treten sollte – er hätte sich nicht so sehr dagegen auflehnen sollen. Er hätte sie stolz machen und ihren Wünschen entsprechen sollen. Doch für all das war es zu spät. Seine Lunge würde sich immer weiter mit dem Blut und dem Schleim füllen, er scheiterte schon jetzt daran alles auszuhusten und er würde langsam ersticken.
Carlisle war unglücklich über die Rückkehr der Frau mit den wassergrünen Augen. Elizabeth. War es nicht bereits grausam genug, dass ihr der Ehemann genommen war? Musste sie auch ihren Sohn verlieren? Doch je mehr Zeit verging, desto deutlicher wurde, dass es auch ihr nicht gut ging. Von Stunde zu Stunde wurde sie blasser, ihr Husten heftiger. Und doch blieb sie hartnäckig am Bett ihres Sohnes, weigerte sich standhaft ihn zu verlassen. Carlisle wusste welchen Preis sie dafür wahrscheinlich würde zahlen müssen. Wenn sie sich nicht sofort etwas Ruhe gönnen würde, würde sie wahrscheinlich ebenfalls sterben. Doch alle Bemühungen sie zu überreden schlugen fehl. Nur selten legte sie sich in das Bett neben ihrem Sohn.
Nein, er würde sie wahrlich nie vergessen. Er hatte so viele Menschen in seinem Dasein gesehen und er hatte so viele Patienten in den vergangenen Jahrhunderten verloren. Er erinnerte sich an jedes einzelne Gesicht, doch das Gesicht dieser Frau und ihres Sohnes würde für immer im Vordergrund stehen. Er würde jedesmal, wenn er die Augen schließen würde, ihre grünen Augen sehen, würde jedesmal das jugendliche Gesicht ihres Sohnes sehen, seine kupferfarbenen zerstrubbelten Haare, die sie so oft vergeblich versuchte zu kämmen. Seinen langen schlaksigen Körper, der niemals die Gelegenheit bekommen würde wirklich zu dem Körper eines Mannes heran zu reifen.
Vampire waren ewige Wesen, die sich in der Regel nicht veränderten, doch wenn eine Änderung eintraf, dann war sie permanent und von einer unglaublichen Intensität. Carlisle hatte in seinem ewigen Leben nur zweimal zuvor ein so einschneidendes Erlebnis gehabt, dass es ihn verändert hatte. Das erste Erlebnis war die Erkenntnis gewesen, dass er die Fähigkeit hatte Arzt zu sein, dass es ihm möglich war mit reiner Willenskraft den Blutdurst zu unterdrücken. Als er das erste mal einen blutenden Menschen behandelte, hatte es ihn bleibend verändert.
Das zweite mal war gewesen, als er die kleine Sechzehnjährige mit dem gebrochenen Bein behandelt hatte. Ihre Offenheit und Freude am Leben, ihre Fähigkeit das Schöne zu sehen, hatte ihn so sehr beeindruckt, dass sie damit seinen Blick auf die Welt dauerhaft verändert hatte. Vermutlich war sie der einzige Grund weshalb er in seiner Einsamkeit nicht bereits vollkommen verrückt geworden war.
Und nun diese Frau und ihr Sohn. Carlisle spürte eine ihm ungewohnte Anziehung zu ihnen. Ihr Name allein konnte der Grund nicht sein. Jeden Abend, wenn er seine Schicht begann, musste er als erstes nach ihnen sehen, betete, dass sie noch da waren, dass sie nicht in seiner Abwesenheit gestorben waren. Er wusste nicht, was mit ihm passieren würde, wenn sie starben. Würde es ihn endgültig brechen?
Edward hatte keine Ahnung mehr von Zeit. Er verlor sich immer wieder in der Bewusstlosigkeit, erwachte, wenn auch nur halb, immer wieder, um dann gleich wieder in die Dunkelheit hinab gezogen werden. Zumeist war seine Mutter an seiner Seite, doch von mal zu mal sah sie blasser aus. Ihr Gesicht wurde grau und schmal. Ihre Brust hob sich unter ihren keuchenden Atemzügen. Und immer wieder erschien der Engel-Arzt. Immer wieder rügte er sie mit freundlicher Stimme, schickte sie zurück in ihr Bett, nur damit sie wenig später wieder bei ihrem Sohn war, ihm kühle Tücher auf die erhitzte Stirn legte.
Edward sah wie sie an seinem Bett schließlich zusammenbrach und er sah auch wie scheinbar aus dem Nichts der Engel-Arzt erschien und sie auffing. Elizabeth schaute ihn mit großen Augen an.
„Was sind Sie?", fragte sie.
In seinem Gesicht zuckte etwas, seine Augenbrauen schoben sich zusammen und sein Ausdruck wurde besorgt, fast ängstlich. Für einen kurzen Moment erschien er sprachlos.
„Ich bin Dr. Cullen, Ihr Arzt", antwortete er.
Doch Elizabeth schüttelte den Kopf. „Nein, Sie sind mehr als das."
Edward sah wie sie ihren Arm hob und ihre Fingerspitzen kurz das Gesicht des Engel-Arztes berührten, er schien vor der Berührung zurück zu zucken, legte sie rasch auf das Bett neben ihrem Sohn und trat einen Schritt zurück.
„Bitte, Mrs Masen... seien Sie vernünftig."
Doch sie sah ihn aus ihren großen Augen nur an.
Das letzte was Edward sah, ehe ihn die Dunkelheit wieder einholte waren ihre riesigen grünen Augen in dem viel zu schmalen grau gefärbten Gesicht, umrahmt von ihren Locken Weder ihre Augen noch ihre Haarfarbe würde er jemals an seine Kinder weitergeben. Er würde niemals welche haben, genauso wie er keine Zukunft mehr hatte. Niemand in diesem Raum hatte noch eine Zukunft.
Als Edward das nächste mal erwachte, hörte er wie sich zwei Krankenschwestern unterhielten.
„Seine Fingerspitzen und Lippen färben sich blau. Wir werden ihn und auch seine Mutter vermutlich noch heute Nacht verlieren", sagte die eine. „Und wieder eine gesamte Familie ausgelöscht", sagte die andere. Dann nahm die Dunkelheit wieder überhand, schluckte ihn.
Beim nächsten Erwachen fühlte er sich eigenartig klar. Der Mond schien durch das Fenster und warf helle Schatten auf die Betten in dem Saal. Er hörte das leise Husten und Keuchen, doch davon abgesehen war Stille. Niemand sprach.
Ein Wesen ganz in weiß flog lautlos zwischen den Betten, wand sich mal dem einen und mal dem anderen zu. Seine Haut glänzte zart im Mondschein und sein helles Haar schien regelrecht zu leuchten. Auch bei Edward kam das Wesen vorbei, schaute ihn mit seinen goldenen flüssigen Augen an und strich mit seiner eiskalten festen Hand über seine Stirn. Edward konnte sich nicht entsinnen je so traurige Augen gesehen zu haben, jemals mehr Schmerz in einem Blick wahrgenommen zu haben als bei diesem Wesen. Eine tiefe innere Qual schien es auszufüllen und zu peinigen. Und doch war seine Berührung so zart, so mitfühlend, wie ein angenehm kalter Hauch auf Edwards fiebrig heißer Haut.
Das Wesen verschwand wieder, wand sich anderen in dem Raum zu. Strich mal dem einen, mal dem anderen liebevoll über den Kopf. Als wollte er ihnen allen, die hier lagen und deren Leben längst verloren war, Trost geben, während er selbst keinen Trost finden würde.
Langsam wand Edward den Kopf zu dem Bett seiner Mutter. Er erwartete, dass sie schlafen würde, doch er erkannte dass sie mit offenen Augen ebenfalls zu dem weißen Wesen schaute, welches sich noch immer vollkommen lautlos, schwebend, bewegte.
„Mama?", flüsterte Edward leise.
Sie drehte ihren Kopf und blickte ihren Sohn an, all ihre Liebe für ihn steckte in ihrem Blick. Sie streckte ihren Arm aus, obwohl sie wusste, dass der Abstand zwischen den Betten zu groß war, als dass sie ihn würde erreichen können.
„Was ist mein Kleiner?" Sie hatte ihn seit Jahren nicht mehr so genannt. Die Wahrheit war, dass es ihn noch vor wenigen Tagen geärgert hätte, so von ihr bezeichnet zu werden. Er war längst mehr als einen Kopf größer als sie und er hatte immer gemeint, dass er auch längst erwachsen genug war, um allein auf seinen Beinen zu stehen. Erst jetzt wo er sie verlor, begriff er wie sehr er sie doch noch brauchte.
Edward blickte wieder zu dem weißen Wesen, welches noch immer zwischen den Betten der anderen schwebte.
„Mama... warum ist der Engel so traurig?", flüsterte er.
Das Wesen erstarrte für einen kleinen Augenblick. Schaute für einen winzigen Moment auf und blickte quer durch den gesamten Raum, als ob es Edwards geflüsterte Worte gehört hätte. Kein Mensch würde so leise ausgesprochene Worte über eine solche Entfernung hören.
Elizabeth lächelte zaghaft. Mühsam rückte sie an die Kante ihres Bettes und streckte ihren Arm noch weiter aus. Sie erreichte gerade eben so das Bett ihres Sohnes. Er hielt ihr die Hand hin und sie strich zärtlich über seinen Handrücken.
„Oh Edward, das ist kein Engel."
Edward schloss wieder die Augen, Elizabeth strich weiter über seinen Handrücken. Sie konnte nicht leugnen, dass sich seine Fingerspitzen bläulich verfärbten, ebenso wie seine Lippen. Er starb. Ihr Sohn starb. Und es gab nichts was sie dagegen tun konnte.
Verzweifelt schloss sie die Augen und betete stumm. Betete, dass irgendwas ihn doch noch retten würde.
Als sie die Augen wieder aufschlug, fiel ihr Blick direkt auf den Mann, den ihr Sohn nur Minuten zuvor als Engel bezeichnet hatte.
Sein Haar leuchtete im hellen Mondschein. Doch noch viel auffälliger für sie war seine blasse Haut. Sie erschien fast weiß im Licht. Sie strahlte beinahe. Beinahe? Nein, nicht beinahe. Sie strahlte tatsächlich. Sie glänzte und glitzerte leicht, so schwach, dass es außer ihr wohl niemand bemerkte. Doch sie sah es, ohne jeden Zweifel. Sie schaute seine Gestalt an, das ebenmäßige und fast unnatürlich schöne Gesicht, die bernsteinfarbenen Augen – eine Farbe die sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Lautlos bewegte er sich von Bett zu Bett, seine Hände flogen beinahe tänzelnd über die Patienten, strichen zart wie Schmetterlingsflügel tröstend über Hände, zogen sanft Decken glatt. Übermenschlich.
Die Erkenntnis traf Elizabeth wie ein Schlag. Sie wusste es einfach. Sie wusste nicht weshalb. Es gab nichts worauf sie ihr Wissen stützen konnte, gar nichts. Und doch wusste sie es. Zweifelte nicht daran. Nicht für den Hauch einer Sekunde fragte sie sich, ob ihre Erkenntnis nicht vollkommen verrückt war. Das Wissen war einfach da.
Ging es ihrem Sohn genauso, wenn er die verborgenen Gedanken anderer erriet? War es bei ihm genauso, dass er es einfach wusste, so sicher und selbstverständlich, doch ohne zu wissen woher?
Sie starrte den Arzt an. Er war die Rettung. Er konnte etwas, dass außer ihm niemand konnte. Er war der Einzige in diesem Krankenhaus, nein wahrscheinlich in ganz Chicago, der Edward retten konnte.
Übermenschlich.
Ein einzelnes Wort. Doch mit so viel Kraft und Bedeutung. Er war anders. Er war nicht der Engel, für den Edward ihn gehalten hatte. Ganz gewiss nicht. Er war kein himmlisches Wesen, das auf die Erde herab gekommen war. Und doch war er für Elizabeth ein Geschenk des Himmels.
Als Edward das nächste mal die Augen aufschlug, sah er den Engel-Arzt, Dr. Cullen, am Bett seiner Mutter sitzen. Er hatte seine Maske abgenommen. Niemand tat das sonst.
Mit einem tröstenden und freundlichen Lächeln im Gesicht legte er sanft ein kühles feuchtes Tuch auf ihre Stirn. Müde schloss Edward wieder die Augen, erwartete, dass ihn die Dunkelheit erneut im Empfang nahm, doch es geschah nicht.
„Mein Sohn, mein Edward", hörte er die gebrochene Stimme seiner Mutter flüstern.
„Schhht, Mrs Masen, es ist alles gut. Sehen Sie, er ist direkt hier neben Ihnen. Es ist alles gut", antwortete die Stimme des Engel-Arztes. Sie klang wie eine Melodie, so rein und klar.
„Helfen Sie ihm", keuchte sie.
„Wir tun alles was wir können, Mrs Masen. Das verspreche ich Ihnen."
Edward hörte das Rascheln ihrer Bettdecke und wie jemand erschrocken tief einatmete. Kurz öffnete er matt seine Augen und sah wie seine Mutter sich mit ungeahnter Kraft an den Arm des Arztes klammerte. Ihre Augen flackerten mit einer Energie, die man ihr nicht mehr zugetraut hätte.
Carlisle war beeindruckt von der Kraft, die die Frau ein letztes Mal aufbrachte. Er wusste nicht weshalb sie es tat, doch es berührte ihn. Es sprach so viel Wärme und so viel Liebe aus ihr, als sie von ihrem Sohn sprach, egal ob sie von seinen guten Eigenschaften erzählte oder den Flausen, die er im Kopf hatte und mit denen er sie wahnsinnig machte. Es war die bedingungslose Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Eine Liebe, die er so nie würde spüren dürfen. Er würde nie eine Familie, nie einen Sohn haben, den er trotz seiner Fehler bedingungslos liebe konnte. So sehr er sich auch danach sehnte, nach irgendwas, nach irgendwem, der sein Leben ein wenig ausfüllte, er wusste, er würde es niemals haben. Er passte nicht in die Welt der Menschen. Und in die Welt der Vampire passte er ebenso wenig. Er war verdammt auf die ewige Einsamkeit, verdammt auf ewig die grausamen Qualen zu spüren, die ihn nach und nach auffraßen und ihn letztlich wohl in den absoluten Wahnsinn treiben würden. Und nicht einmal der Tod würde ihn irgendwann erlösen. Für ihn war die Ewigkeit bestimmt. Er würde die ewige Hölle direkt auf Erden spüren, für immer.
Elizabeth verstummte. Sie wand wieder den Kopf, blickte zu dem Bett ihres Sohnes. Auch Carlisle drehte den Kopf und sah zum Jungen. Er sah so zerbrechlich aus. Er hatte kräftig an Gewicht verloren, so dass seine Arme und Beine fast ein wenig zu lang für den schmalen Körper erschienen. Sein Haar stand kreuz und quer von seinem Kopf ab, seine wassergrünen Augen waren versteckt unter seinen geschlossenen Lidern. Keuchend kam jeder Atemzug und schwach hob und senkte sich dabei seine Brust. Carlisle hörte das Herz des Jungen einmal stolpern. Er sah die blau gefärbten Lippen und Finger. Wie lange hatte er noch? Eine Stunde? Zwei? Maximal drei.
Doch auch Elizabeth lag im Sterben. Carlisle wusste es, und sie wusste es auch.
Es würde niemanden geben, der ihren Tod beklagte, niemand der um sie weinen würde, die Frau die ihren Ehemann verloren hatte und mit solcher Kraft um das Leben ihres Sohnes gekämpft hatte, dass sie dadurch ihr eigenes verlor. Niemand würde je ihre Geschichte erzählen. Niemand würde je erzählen wie ihr Sohn in den Krieg ziehen wollte und dann stattdessen hier in Chicago sein Leben verlor. Niemand würde bedauern, dass er ansehen musste wie er zuerst seinen Vater und dann auch noch seine Mutter verlor, während er selbst noch so sehr jung war. Niemand würde überhaupt wissen wer Edward Masen gewesen war.
Niemand. Außer Carlisle selbst.
Es war selten, dass ihn Menschen wirklich in seinem Innersten berührten. Er hatte in all den Jahrhunderten so viele von ihnen bereits gesehen, hatte manche von ihnen gerettet und andere so sanft er konnte in den Tod begleitet. Er würde auch diesen Jungen, der noch fast ein Kind war, und seine liebevolle Mutter in den Tod begleiten. Doch sie hatten ihn in seinem Innersten berührt, sie hatten ihn wirklich für immer verändert.
„Nein. Ich möchte, dass Sie ihm helfen."
Edward sah noch den erschrockenen Ausdruck in den goldenen Augen des Arztes, ehe ihm seine eigenen Augen wieder zufielen.
„Tun Sie, was nur Sie können", sagte sie.
„Mrs Masen..."
„Bitte. Ich weiß, dass Sie es können. Ich weiß, dass nur Sie es können."
„Mrs Masen..."
„Bitte. Versprechen Sie es." Ihr Atem keuchte und rasselte.
Hätte Edward nicht das erstickte Husten der anderen Patienten gehört, hätte er geglaubt, dass ihn die Dunkelheit wieder in Empfang genommen hätte. Kein Wort war mehr zu vernehmen.
Elizabeth konnte nicht mehr sprechen. Kraftlos fielen ihre Augen zu. Sie spürte wie die Dunkelheit sie umschloss und tiefer und tiefer hinab sog. Ihr fehlte die Kraft sich noch länger dagegen zu wehren. Außer dem Geräusch ihres qualvoll rasselnden Atems und dem schwachen unregelmäßigen Schlagen ihres Herzens hörte sie nichts. Keine Antwort auf ihr Flehen, keine Reaktion auf ihre Bitte.
Verzweiflung umhüllte sie. Sie hatte nicht mehr die Kraft zu bitten. Sie musste zulassen, dass die Dunkelheit sie in rasender Geschwindigkeit in die Tiefe zog, musste zulassen, dass neben ihr ihr geliebter Sohn starb und sie konnte nichts mehr dagegen tun.
Doch dann kamen die Worte, die sie leise in der Tiefe erreichten. Sie klangen fern, weit entfernt. Und doch hörte sie sie deutlich.
„Ich verspreche es."
Ein letztes Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus.
Carlisle hatte nicht verhindern können, dass vor vielen Jahrhunderten Elizabeth ihren Thomas vor der Zeir verlor. Er hatte nicht verhindern können, dass diese Elizabeth ihren Mann Edward verlor. Doch es lag in seiner Macht zu verhindern, dass auch ihr Sohn vorzeitig ging.
Edward lauschte in die Nacht. Hörte das Keuchen, Husten, das Weinen. Doch am deutlichsten hörte er die schwerfälligen Atemzüge aus dem Bett neben ihm. Hörte, wie sie langsamer und langsamer wurden, bis sie für immer verstummten.
Seine Mutter würde niemals allein sein müssen. Niemals an den Gräbern ihres Mannes und ihres Sohnes stehen. Sie war fort. Allein zurück geblieben war Edward. Er war zu erschöpft um zu weinen, doch er spürte wie das letzte bisschen an Überlebenswille aus ihm schwand.
Er hörte wie jemand – vermutlich der Engel-Arzt – die Decke über das Gesicht seiner Mutter legte, er hörte das Rascheln des Stoffes.
Dann spürte er, wie jemand an seiner Decke zog. Sie höher schob, er spürte wie das leichte Tuch sich auf sein Gesicht legte. Bemerkten sie seine schwachen Atemzüge gar nicht? Warum legten sie ihm das Leichentuch über, er lebte doch noch!
„Dr. Cullen?", hörte er die Stimme einer der Schwestern. „Oh, die Masens?"
„Ja", antwortete er leise und bedrückt. „Ich bringe sie noch nach unten in die Pathologie bevor ich nach Hause gehe."
Edwards Bett setzte sich in Bewegung. Die Räder ratterten leise über den Boden. Er hätte sich wehren sollen, irgendein Lebenszeichen von sich geben sollen, doch er war so müde und das Atmen fiel ihm so schwer. Das Tuch auf seinem Gesicht machte es nicht gerade leichter. Das Stöhnen und Keuchen hinter ihm wurde leiser, bis es schließlich gänzlich verschwand. Alles was er noch hörte war das Rattern der Räder auf dem Boden und sehr sehr leise, beinahe unhörbar, die Schritte des Arztes, der sein Bett schob.
Er hörte wie sich eine Tür öffnete und hinter ihnen wieder schloss. Vollkommene Stille umhüllte sie.
Ihm wurde das Tuch vom Gesicht gerissen. Er spürte kalte Hände, die seine Wangen streichelten. Kalt und hart wie Stein und dennoch so sanft und zart.
„Halte durch, halte durch", flehte die melodische Stimme ihn an, doch sein Körper sank bereits hinab in die Tiefe. Dieses mal würde er nicht mehr aus der Dunkelheit erwachen, er würde immer tiefer sinken, sein Herz schlug schwach und unregelmäßig, seine Schläge waren endgültig gezählt.
Carlisle drehte sich zu Elizabeth, welche er zuerst hierher gebracht hatte.
Vorsichtig zog er auch bei ihr das Tuch von ihrem Gesicht. Wehmütig blickte er sie an, strich auch ihr über die Wangen. Er spürte, wie die menschliche Wärme sie bereits verließ. Sie sah nicht friedlich aus, selbst im Tode zeigte ihr Gesicht die Sorge um ihren Sohn. Carlisle hoffte, dass sie im Himmel ihren Frieden würde finden können, wenn sie erkannte, dass ihr Sohn mit ihm in Sicherheit war.
Eine unendliche Dankbarkeit erfüllte ihn. Sie hatte ihm das größte Geschenk gemacht, dass es nur geben konnte. Sie hatte ihm gezeigt zu lieben.
„Danke", flüsterte er. „Ich verspreche ihn für immer so zu lieben, wie Sie ihn geliebt haben. Ich werde immer für ihn da sein. Bis in die Ewigkeit."
Er faltete ihre Hände auf ihrer Brust. Sein Blick fiel auf den Ring an ihrem Finger. Ihr Ehering. Vorsichtig zog er ihn ihr vom Finger und steckte ihn ein. Für Edward.
Dann deckte er sie sanft wieder zu.
Hinter seinem Rücken hörte er ein leises Wimmern. Er drehte sich um und blickte in das blasse Gesicht des Jungen. Er beugte sich zu ihm hinab und drückte einen zarten Kuss auf die fiebrig heiße Stirn. „Sssscht, Edward, es wird alles gut", wisperte er zu ihm.
Dann hob er ihn so vorsichtig wie er konnte hoch, drückte ihn fest an seinen Körper. Er spürte die Hitze des Körpers, sie brannte durch seine Kleidung hindurch bis auf seine Haut. Er spürte den schwachen unregelmäßigen Herzschlag, hörte den keuchenden rasselnden Atem. Er drückte Edward noch etwas fester an sich, und dann sprang er durch das nächste Fenster in die Schwärze der Nacht.
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