Ginny wusste nicht wie lange sie schon weinte. Sobald sie angefangen hatte zu weinen, schien es als könnte sie nie wieder aufhören. Sie hörte zwar, dass ihre Schwiegermutter mit ihr sprach, ihre Stimme schien aber unendlich weit weg zu sein. Sie fühlte, wie ihr eine Decke über den Körper gelegt wurde. Die Decke brachte ihr jedoch keine Wärme. Sie hatte das Gefühl, als wäre ihr gesamter Körper mit Eis überzogen. Sie konnte nicht aufhören zu zittern.

Eine männliche Stimme rief sie aus der Ferne. Sie hatte das Gefühl am Grund eines sehr tiefen Brunnens zu liegen. Eine Hand streichelte über ihre Wange und sie entspannte sich augenblicklich. Der Beruhigungszauber gab ihr das Gefühl zu schweben. Starke Arme legten sich um ihren Körper und hoben sie hoch. Beruhigende Worte streichelten ihr Gesicht, ohne genau zu verstehen, was die Worte bedeuteten.

Sie spürte, wie sie auf einer weichen Oberfläche abgelegt wurde. Ein Teil ihres Hirns realisierte, dass es ihr Bett sein musste. Sie nahm an, dass die Wärme an ihrem Rücken von Draco ausging. Sie drehte sich langsam auf ihren Rücken und vergrub ihr Gesicht in Dracos Brust. Er ließ seine Hand an ihrem Rücken hinauffahren und flüsterte ihr leise beruhigende Worte zu. Nach einiger Zeit waren die Tränen versiegt und Ginny fest eingeschlafen.

Das Aufwachen war schmerzhaft. Ihr Kopf dröhnte und ihr Hals fühlte sich wund an. Das grelle Licht schien sich in ihre Netzhaut brennen zu wollen. Sie versuchte ihre Position zu verändern, ohne Draco zu wecken.

„Kannst du mich jetzt hören?", fragte er vorsichtig und drehte ihren Kopf vorsichtig in seine Richtung, damit er sie ansehen konnte.

Sie nickte. In seinen Augen spiegelte sich pure Sympathie.

„Meine Mutter fühlt sich furchtbar. Sie hatte keine Ahnung, was diese Informationen mit dir anstellen würden."

Ginny Stimme glich einem sanften Flüstern als sie antwortete. „Es bedeutet, dass Ron tot ist. Es bedeutet, dass ich nie wieder so tun kann, als wäre meine Familie noch da draußen."

„Deine Blase wurde zerstört", sagte er und zeigte ihr, dass er sie verstand.

Ihre Kehle brannte und fühlte sich an, als würde ihr heißer Sand hinablaufen. „Kannst du mir bitte ein Glas Wasser bringen?"

„Libby, wir hätten gerne Wasser und etwas zu essen."

Der Hauself erschien mit einem Krug Wasser und zwei abgedeckten Tellern. Draco nahm ihr das Tablett ab. Er setzte es auf dem Nachttisch ab, schenkte ein Glas Wasser ein und reichte es Ginny.

Das kalte Wasser beruhigte ihre ausgetrocknete Kehle. Nachdem sie das Glas ausgetrunken hatte, berührte sie Draco leicht am Arm.

„Leo?"

„Es schläft in seinem Zimmer. Soll ich ihn für dich holen?"

„Noch nicht." Sie sah auf ihre Hände hinunter. „Es ist nur so grausam. Hermione war so stolz auf ihr Wissen. Jetzt ist alles verloren."

„Ich glaube, dass Snape ihr Zutritt zu der Bibliothek und dem Labor gewährt. Er hat vor ihr alles beizubringen, was sie vergessen hat."

Seine Worte beruhigten sie nicht. Sie fühlte sich immer noch so, als wäre ihr das Herz herausgerissen worden. Sie versuchte es ihm zu erklären. „Sie wird nicht dieselbe sein. Sie wird sich nicht daran erinnern, dass sie meinen Bruder geliebt hat."

Draco zog Ginny an seine Brust. „Es ist besser für sie, dass sie sich nicht mehr an alles erinnern kann."

Ginny atmete zitternd ein und sah Draco ins Gesicht. „Was willst du damit sagen?"

Draco sah weg, als er ihr antwortete. „Snape war nicht der erst, der sie gefunden hat."

Seine Worte hingen bedeutungsschwer in der Luft. Ginny hatte das Gefühl sich jeden Moment übergeben zu müssen, als sie verstand war er damit meinte.

„Snape hat sie so gerettet, wie er es konnte. Er hat vorgeschlagen, sie als Testobjekt für den neuen Trank zu benutzen. Er hat sie mit zu sich nach Hause genommen, um sich um sie kümmern zu können."

„Wie lange wusstest du das schon?" Ginny hatte Angst davor, dass seine Antwort einen Keil zwischen sie treiben würde.

„Anscheinend hat sie den Trank vor etwa einer Woche genommen. Ich habe auch erst an dem Tag davon erfahren, als meine Mutter es dir erzählt hat. Voldemort hat veranlasst, dass Snape Hermione gestern zu einem Treffen mitgebracht hat. Ich habe sie gesehen. Sie hatte keine Ahnung, wer wir alle waren. Sie hatte einige blaue Flecken, aber abgesehen davon schien es ihr gut zu gehen. Ich habe danach mit Snape gesprochen. Er hat mir erzählt, wie es dazu kommen konnte."

„Was hat Voldemort ihr angetan?"

„Er hat sich über sie lustig gemacht. Er hat sie aufgefordert leichte Zaubersprüche zu sprechen. Sie hat ihm gesagt, dass sie sich immer noch die Theorie und das Grundwissen über Magie aneigne und noch keinen eigenen Zauberstab habe. Sie entschuldigte sich dafür, dass sie seinem Wunsch nicht nachkommen konnte. Voldemort fand sie sehr unterhaltsam. Es war eine surreale Situation. Sie hatte überhaupt keine Angst vor ihm."

„Das ist immerhin etwas," Ginny nahm einen tiefen Atemzug. „Kann ich sie besuchen?"

Draco sah sie warnend an. „Du kannst ihr nichts von dir oder deinem Bruder erzählen. Snape wird ihr wahrscheinlich erzählen, dass ihr beide euch aus der Schule kennt. Das wars."

„Wir könnten Freunde werden, oder? Snape würde ihr das erlauben, meinst du nicht?"

Draco nickte. „Ich denke, dass er es erlauben würde."

Eine leichte Woge der Erleichterung legte sich auf Ginnys Schultern. „Danke für alles."

Mit seiner linken Hand streichelte er ihr vorsichtig über die Wange. „Du hast mir einen Schrecken eingejagt," sagte er mit sanfter Stimme. „Ich dachte, ich hätte dich verloren."

Das leichte Zittern in seiner Stimme fuhr ihr direkt in die Seele. Sie streckte ihre Hand nach ihm aus und strich ihm eine Haarsträhne hinter das Ohr. Ihre Blicke trafen sich und schienen den anderen gefangen zu nehmen. Draco lehnte sich langsam zu Ginny herunter. Ginny Herz schlug schnell und schwer in ihrer Brust als seine Lippen vorsichtig über ihre strichen.

Sie ließ ihre Finger in seinen Nacken fahren und gab sich dem Kuss hin. Sein Mund drückte sich fordernder gegen ihren, woraufhin sie seufzte und ihren Mund für ihn öffnete. Seine Zunge berührte vorsichtig ihre. Eine angenehme Wärme fuhr ihr durch den Körper.

Leos Weinen erklang aus dem Kinderzimmer und Ginny zog sich widerwillig zurück. Sie lächelte Draco vorsichtig an. „Ich sollte nach Leo schauen gehen."

Draco sagte nichts, sondern nickte nur stumm. Sie konnte die Hitze seines Blickes auf ihr spüren, als sie in das Kinderzimmer ging. Leo schniefte, als er sie sah. Sie eilte zu ihm und nach ihn auf dem Arm, wo er zu weinen begann.

„Es tut mir leid, ich habe dich erschreckt, nicht wahr?" Sie hielt in fest in den Armen, bis er sich beruhigt hatte. Die Wärme seines kleinen Körpers an ihrer Brust ließ sie fast einschlafen.

„Ginny," Dracos Stimme war sanft. Sie schaute hoch und sah Draco im Türrahmen stehen, seine Mutter neben ihm.

„Es geht mir gut," sagte sie beiden. „Ich bin nur müde."

Narzissas Augen glitzerten mit frischen Tränen. „Es tut mir so leid. Ich habe nicht nachgedacht, bevor ich das gesagt habe."

Ginny fühlte, wie sich ein Klumpen in ihrem Hals bildete und schluckte schwer. „Ich verstehe. Du konntest es nicht wissen. Es tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe."

Ihre Schwiegermutter wischte sich leicht über die Augen. „Du hast Jahre meines Lebens gestohlen. Es war schlimmer, als Draco dabei zuzusehen, wie er Fliegen lernt."

„Du meinst, dass er nicht immer die Verkörperung von Anmut war?" Ginny versuchte die Laune etwas zu heben.

„Er flog direkt in einen Baum, mit Höchstgeschwindigkeit wohlgemerkt, als er das erste Mal geflogen ist," sagte Narzissa unter Lachen.

Draco stöhnte auf. „Das war Blais Schuld. Er hat mich überzeugt, dass Besen auf Wortkommandos hören."

Ginny lachte und es fühlte sich gut an.

„Warum kommst du nicht mit rüber und isst etwas?" fragte Draco sie.

Der Gedanke an Essen schien nicht besonders verlockend, aber die beiden standen im Türrahmen und bedachten sie mit einem hoffnungsvollen Blick.

„Ich denke, ich sollte etwas essen." Sie stand auf und trug Leo ins Wohnzimmer. Draco hatte derweil die abgedeckten Teller auf den Tisch gestellt. Sie setzte sich an den Tisch und hob die Haube mit der linken Hand vom Teller, während sie mit der rechten Hand Leo fest im Arm hielt. Der Geruch von Zimtrollen ließ ihr das Wasser im Mund zusammen laufen.

„Warum lässt du mich nicht einfach Leo halten, während du in Ruhe isst?", schlug Narzissa vor.

Ginny übergab den schlafenden Leo widerwillig an ihre Schwiegermutter. Sie bestrich eine Zimtrolle mit Butter und biss zaghaft ab. Draco aß seinen ganzen Teller leer, während Ginny die gleiche Zeit für eine Zimtrolle benötigte. Als sie ihren Teller schließlich von sich schob, sagte er „Solltest du nicht mehr als das essen?"

„Ich bin nicht besonders hungrig."

Draco schaute sie stirnrunzelnd an, woraufhin Ginny sanft seinen Arm berührte. „Ich esse normalerweise nicht viel, so früh am Morgen."

Er legte seine Hand auf ihre. „Ich denke, du hast Recht."

Die Sorge in seiner Stimme und die Sorgenfalten, die seine Mundwinkel umspielten ließen sie ein Stück Bacon auf ihren Teller legen. „Vielleicht sollte ich noch ein bisschen mehr essen."

Er schien darüber erleichtert zu sein. „Mutter wird den Nachmittag über bei dir bleiben. Ich habe Dinge, um die ich mich kümmern muss."

Ginny versuchte krampfhaft ihren Teil des Hirns zu ignorieren, der sich fragte, was Draco wohl machte, wenn er nicht an ihrer Seite war. Sie schloss ihre Augen für einen kurzen Augenblick und versuchte den Moment erneut zu erleben, indem seine Lippen auf ihren gelegen hatten. Sie nickte und sagte „In Ordnung. Vielleicht nehmen wir Leo mit nach draußen zum Spielen."

„Ich denke, das würde ihm gefallen. Ich bin pünktlich zum Abendessen zurück." Er stand auf und ging um den Tisch herum.

Eine nervöse Energie fuhr ihr durch die Adern, als er sich zu ihr herunter lehnte und ihr einen leichten Kuss auf den Mund drückte, bevor er aus dem Raum apparierte. Ginny lief rot an.

Narzissa lächelte sie schelmisch an, sagte aber kein Wort.