Siebter Teil: Der Weg des Clavicustos

Kapitel 37:

Dumbledore spricht

Hohe Fenster mit Spitzbögen. Davor in der Dunkelheit sachte Bewegung: Schnee. Glockenläuten hatte ihn geweckt und war wieder verklungen. Seitdem sah er in diese sanft bewegte, stumme Dunkelheit. Er wusste nichts, nicht wer er war, nicht wo er war, und er fragte auch nichts. Er lag nur da und sah hinaus, und Stille und Dunkelheit stiegen in ihm an, bis er merkte, dass sie ihn ertränken würden. Da bekam er Angst. Er wollte schreien, schreien, bis jemand zu ihm kam und ihn da herausholte –

Aber dann beugte sich ein Gesicht über ihn und sperrte die Fenster mit dem Flockengewirbel aus. Nur dieses Gesicht war noch da, mit den Augen, in denen alles war, was er so dringend brauchte.

„Harry?"

Das Gesicht war jetzt ganz nah, und die Freude darüber rann durch seinen erstarrten Körper. Er erinnerte sich auf einmal, wer er war, und dass er auch in ein solches Gesicht, in solche Augen gesehen hatte, als er eingeschlafen war, irgendwo in einer anderen Welt. Es war nicht dasselbe Gesicht gewesen, aber ebenso voller Liebe wie dieses hier. Und endlich durchstieß sein Verstand die letzte dünne Eisschicht, und er war zurück.

„Ginny", murmelte er.

Sie lachte auf. „Du bist ja wach!" Und dann umarmte sie ihn und drängte ihr Gesicht an seine Wange. Er schlang beide Arme um sie und wusste eine ganze Weile nur eins: Es war gut.

Als er die Augen wieder öffnete, waren auch Hermione und Ron da; mit verschlafenen, fragenden Gesichtern standen sie auf der anderen Seite des Bettes. Von irgendwoher kam jetzt ein schwacher Lichtschein, und er war eindeutig auf der Krankenstation in Hogwarts.

Ginny richtete sich wieder auf. Er griff nach ihren Händen, sie sollte jetzt bloß nicht weggehen.

„Harry", sagte Hermione leise. Ihre Augen waren verschwollen, als hätte sie geweint.

„Frohes neues Jahr", sagte Ron.

„Was?"

„Das hat vor zwanzig Minuten angefangen. Das letzte Jahr des Jahrtausends übrigens. Wir haben uns schon gefragt, ob du in diesem Jahrtausend noch mal zu dir kommst."

Harry sah wieder Ginny an. „Wie lang lieg ich denn schon hier?" Das Sprechen strengte ihn an, seine Brust, seine Kehle schmerzten, und auch seine ganze rechte Seite.

„Seit vorgestern Nacht. Seit ihr –"

„Seit wir aus dem Ministerium rausgekommen sind", sagte Ron. „Zwischendurch warst du ein paar Mal wach, jedenfalls sah's so aus – nur falls du dich fragst, wie du in einen Schlafanzug gekommen bist. Du hast sogar Haferschleimsuppe gegessen heute Morgen. Widerliches Zeug und nicht gerade ein schöner Anblick."

„Aber man konnte nicht mit dir sprechen", sagte Hermione mit gepresster Stimme. „Du warst – wie weg."

Ganz dunkel glaubte Harry sich zu erinnern. Die Mysteriumsabteilung. Die verschlossene Kammer! Licht. Und –

Er wollte das jetzt nicht. Es war zu viel. Er war so müde. Er wollte jetzt nur, dass Ginny bei ihm war. Ginny – mit Ginny war er ins St. Mungo appariert und dort –

„Was ist mit Bill?", krächzte er. Das musste er unbedingt noch wissen, bevor er wieder einschlief. „Haben die ihn –"

„Nein, haben sie nicht!", sagte Ginny mit Nachdruck. „Dad ist mit einem Schreiben von Scrimgeour selbst angerückt, und dann haben sie sich darauf geeinigt, dass Bill auf eine kleine Station im Keller verlegt wird – irgendwas für Unberechenbare und Gefährliche Fälle oder so. Und da bleibt er jetzt erst mal, bis der Vollmond vorbei ist."

„Aber es geht ihm viel besser", sagte Hermione. „Als Tonks hörte, was mit ihm ist, ist sie sofort ins St. Mungo gegangen und –"

„Tonks?"

„Ach ja, das weißt du ja noch gar nicht – sie ist zurückgekommen! An Weihnachten!"

Das ist gut, dachte Harry und driftete langsam wieder in den Schlaf hinüber. Er hat ihr nichts getan!

„Harry?" Ginnys besorgte Stimme rief ihn noch einmal zurück.

„Nur müde", murmelte er. „Bleibst du bei mir, bis ich schlafe?" Er sah sie nicken, und dann saß sie neben ihm und hielt seine Hand und sah ihn an.

„Bill kommt wieder in Ordnung." Rons Stimme drang wie aus weiter Ferne an seine Ohren. „Anscheinend hat er gedacht, er hätte Tonks umgebracht. Als er sie jetzt gesehen hat, hatte er eine … Der Heiler hat gesagt, das wäre eine Katas – Katir-"

„Katharsis", half Hermione aus. Es klang, als würde sie weinen.

Ginny sah ihn an, und er sah in ihre Augen und war entschlossen, damit nie mehr aufzuhören. Aber dann fielen ihm die eigenen Augen doch zu.

Es war gut.

oooOooo

Als er wieder aufwachte, war es immer noch fast dunkel, und er war allein. Vermutlich hatte Madam Pomfrey die drei schließlich doch noch hinausgeworfen; er meinte, irgendwann ihre Stimme gehört zu haben. Es war ihm recht so. Mit dem Aufwachen hatte er gewusst, dass er unbedingt irgendwo allein sein, nachdenken und eine Entscheidung treffen musste.

Und so stand er auf und suchte nach seinen Klamotten, die er schließlich in dem Schränkchen neben seinem Bett fand. Der Tarnumhang lag ordentlich gefaltet obenauf. Als der feine Stoff über seinen Arm rann, wurde er unsichtbar. Wozu auch immer er geworden war in dieser Lichtflut – jetzt war es wieder sein Tarnumhang. Er legte ihn zurück in das Fach und zog sich an. Als er vorsichtig aus der Krankenstation schlich, sah er durch die halb geöffnete Tür ihres Büros Madam Pomfrey, die über dem Tisch eingenickt war.

Im menschenleeren Treppenhaus musste er plötzlich an jenen anderen Morgen denken, an dem er auch so vor der Dämmerung durchs Haus geschlichen war – an den Morgen, an dem er Hogwarts verlassen hatte, um in die Muggelwelt zu gehen. Heute stand ihm eine noch schwierigere Entscheidung bevor.

Beim Treppensteigen spürte er wieder, dass er sich beim Sturz in den Brunnen auf dem Dachgarten die rechte Körperseite grün und blau geschlagen hatte, aber er musste hinauf. Wie von selbst suchten sich seine Füße den Weg zu dem kleinen Korridor, in dem er beinahe einen entsetzlichen Fehler gemacht hatte – an einem endlosen Tag vor zwei Tagen – vor einer Ewigkeit. Ob es den Flur überhaupt gab? Oder war das alles nur ein besonders gemeiner Traum gewesen? Eine Halluzination der Verlorenen-Welt?

Aber er fand die Abzweigung im Treppenhaus, die lange gewundene Treppe – und dann stolperte er schließlich, die Hand auf die schmerzende Seite gepresst, in den stillen kleinen Flur. Da waren sie, die großen Rüstungen, die seltsamen bunten Bilder an der Wand, da war auch der Steinwürfel mit seinen unterschiedlichen Farben, und das rötliche Licht der Feuerschalen flackerte über ihn hin. Er ging zögernd weiter und blieb vor dem Bild stehen, das über dem Steinwürfel an der Wand hing. In allen Schattierungen von Orange, Rot und Gold schienen dort die Strahlen einer Sonne zu flammen, die man selbst nicht sah, Strahlen, die in zahllose Vierecke in den unterschiedlichsten Größen aufgebrochen waren und unglaublich lebendig wirkten. Schön, dachte Harry.

Vor den Fenstern, irgendwo hinter der schneeschweren Wolkendecke, begann es jetzt zu dämmern. Er sah hinaus. Ohne seine Brille konnte er die Welt nicht klar sehen, aber er hatte das Gefühl, dass ihm dabei heute auch seine Brille nicht viel weiter geholfen hätte.

Ich lebe also noch, dachte er und suchte sein Spiegelbild in der Scheibe – wollte wissen, ob er auch aussah wie das, was er jetzt war. Wie ein Monster. Ein Freak. Ein Unding. Aber in der Scheibe spiegelte sich gar nichts.

Schließlich setzte er sich auf den Steinwürfel und rief sich Stunde für Stunde den endlos langen Tag ins Gedächtnis zurück, der mit Ginnys Besuch in Godric's Hollow begonnen und mit seinem Besuch in der verschlossenen Kammer geendet hatte. Versuchte zu verstehen, was geschehen war. Und kam doch bei derselben Frage an, die ihn schon geweckt hatte: Darf ich denn leben? Auf dem Dachgarten war die Antwort eindeutig ausgefallen. Sein Widerwille, sein Ekel vor dieser fremden Präsenz, die schon in seinem Kopf nistete, hatte alle Fragen überflüssig gemacht. Aber jetzt war es anders.

Ich will leben!, dachte er.

Und da waren andere Erinnerungen, die blitzartig vor seinen Augen aufflammten und für die er keine Worte hatte. Nur Bilder und die Gefühle, die sie geweckt hatten – das mussten Erinnerungen an das sein, was er in der Kammer, in diesem Lichtbrunnen erlebt hatte. Ein Mysterium – damit konnte er nichts anfangen. Aber etwas musste dort mit ihm geschehen sein – nach der Monstrosität, die Snape ihm angetan hatte, musste in dieser Kammer etwas – etwas Heilendes mit ihm passiert sein. Sonst hätte er doch jetzt nicht eine solche Lust aufs Leben fühlen können! Er wollte loslegen damit, mit dem Leben, er war bereit dafür, ob mit oder ohne Zauberkraft, diese Frage kam ihm jetzt nebensächlich vor. Er wollte leben, er freute sich darauf! Er hatte Ginny wiedergefunden, und sie war immer noch da für ihn! Ja, er wollte unbedingt leben!

Und das alles könnte schon er sein, dachte er dann in jäher Ernüchterung. Das könnte er sein, der mich von dem abbringen will, was ich eigentlich tun sollte.

Aber es fühlte sich nicht nach ihm an. Diese Freude, diese Erinnerung an Liebe – das war auf keinen Fall Tom Riddle!

Er versuchte dem Fremden in sich nachzuspüren, suchte nach dem Ekel, den er empfunden hatte, und nach dem, was ihn ausgelöst hatte. War da noch etwas? Was immer Snapes Geistesübertragungszauber bei anderen bewirken mochte, bei ihm war es ganz bestimmt nicht so gelaufen, wie Snape sich das vorgestellt hatte. Er war nicht besessen! Da war nichts, das Besitz von ihm ergriffen hätte, nichts, das ihn in der Gewalt hatte! Oder? Irgendwo mochte da etwas sein – er hatte es gefühlt – hatte es gehört – ja, diese Angst, die war noch da, die versteckte sich jetzt gerade ganz tief in ihm. War Angst das, was von Voldemort übrig geblieben war?

Vielleicht muss ich mich einfach damit arrangieren, wie mit einer Krankheit, mit der man eben leben muss, dachte er ungeduldig. Ich hab einen Albtraum dazubekommen, noch einen mehr in der Sammlung, und der ist nicht mal mein eigener – aber damit komm ich doch klar!

Er hob seine Hände und starrte sie an, als sähe er sie zum ersten Mal. Unter den Nägeln war immer noch die Blumenerde aus Godric's Hollow. Da war der Kratzer, den er sich an der Brunnenfigur geholt hatte, als er das Zeit-Ei herausgepflückt hatte. Die Hand hier hatte Ginny letzte Nacht gehalten.

Ich werd verrückt, wenn ich das noch lange mache, dachte er. Das bin ich, verdammt noch mal! Ich werd es ihnen sagen. Und dann werd ich ja sehen, ob sie mich für ein Monster halten.

Aber das war nur die eine Seite der Angelegenheit, und er wusste es. Die eigentliche Entscheidung musste er selbst treffen. Er stand auf und ging wieder ans Fenster. Sah grübelnd in all das Weiß da draußen: Schneemützen auf den Zinnen des Mauerumgangs; tief unten hatte der Schnee die kleinen Innenhöfe so zugedeckt, dass man sie nicht mehr erkennen konnte. Er sah lange, lange hinunter und fragte sich das ganz nüchtern: Ob er den Schritt machen sollte. Ob das nicht das Richtige wäre, der einzige wirklich sichere Weg. Natürlich nicht hier und jetzt – das würde er ihnen nicht antun.

Ich könnte eine Reise machen, dachte er. Ich mach einfach 'ne Reise zum Mount Snowdon – und mach es dort … wir fielen vom Mount Snowdon … alle würden denken, es wäre ein Unfall –

„Wäre das der richtige Weg?", fragte er zögernd in die Stille des kleinen Flurs hinein. Dann drehte er sich etwas beschämt um, weil er glaubte, ein Geräusch gehört zu haben. Da war niemand. Aber –

In dem Bild hatte sich etwas verändert. Es bewegte sich, all diese gebrochenen Strahlen bewegten sich und funkelten träge, ein bisschen wie Vogelgefieder, das sich sträubt … und dann sah er einen schwarzen Punkt in ihrem Zentrum, genau da, wo man eigentlich die Sonne vermutet hätte. Der Punkt wurde größer und gewann Kontur, wurde schließlich zu einer Gestalt, die wie ein schwarzer Schatten immer näher und näher kam, bis sie schließlich vorne angekommen war und sich dort seitlich zu ihm hinsetzte.

Er hatte gebannt zugesehen, hatte schon bald geahnt, wer da zu ihm kam. Und als er jetzt das schwarze Profil vor den letzten Resten von Rot und Gold sah, erkannte er ohne Überraschung, dass er richtig vermutet hatte. „Professor Dumbledore", sagte er leise. „Also haben Sie mich doch gehört, da im Verlorenen-Land."

Als der Schatten sich nun Harry zuwandte, sah dieser unvermittelt in das Gesicht, in die hellen Augen seines alten Lehrers und Freundes.

„Snape hat gesagt, man könnte den Toten nicht begegnen. Und dass die Porträts nur ein Zaubertrick wären."

„Severus ist noch nicht tot. Es gibt Dinge, die er nicht weiß", sagte die vertraute Stimme.

„Ich hab ihm sowieso nicht geglaubt."

„Willst du dich nicht zu mir setzen, Harry?" Es war nur eine Bitte, und ohne all die ruhige Selbstgewissheit ausgesprochen, die Harry stets mit Dumbledore verbunden hatte. „Du hast nie wieder in die Schokofroschkarte gesehen."

„Ich wollte das hinter mir lassen. Und ich war wütend auf Sie", sagte Harry und setzte sich wieder auf den Steinwürfel. „Sie haben mich wie eine Schachfigur benutzt. Ich hatte alles verloren, und Sie haben das zugelassen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich weiterleben sollte."

„Und jetzt? Bist du jetzt nach Hogwarts zurückgekommen?"

„Sie wissen gar nichts, oder? Nichts von dem, was hier schon wieder passiert ist?"

„Ich war weit weg. Hier wurde ich nicht mehr dringend gebraucht. Ich dachte, ich könnte mich auf eine längere Reise begeben."

„Ins Land der Verlorenen? Denn da war es doch, wo ich Sie gesehen hab, oder?"

„Wie ihr dorthin gekommen seid, weiß ich nicht", erwiderte Dumbledore zögernd. „Aber ja, ich habe Severus und dich dort gesehen – allerdings wart ihr nicht tot."

„Er hat es versucht. Hat sich alle Mühe gegeben. Hat's dann aber doch nicht hingekriegt." Es auszusprechen, machte es irgendwie noch unfassbarer. „Er wollte ihn töten. Das Tabula Rasa hat ihm nicht ausgereicht. Er war total besessen von der Idee, Voldemort zu töten. Aber dazu musste er ihm erst mal wieder einen Körper geben. Das, was in dem Medaillon noch von ihm übrig war, konnte er mit dem Avada Kedavra nicht töten."

Dumbledore sah ihn so fassungslos an, wie er sich selbst fühlte. „Severus hat –"

„Er hat diesen Übertragungszauber durchgeführt! Den Voldemort damals selbst anwenden wollte! Aus diesem Buch, aus dem er schon das Tabula Rasa ausgegraben hatte."

„Harry! Oh Harry – er hat tatsächlich – wie konnte er nur auf eine solche Idee verfallen!"

„Die Idee war doch ganz folgerichtig", erwiderte Harry harsch. „Gib ihm einen Körper, töte ihn mit dem Avada, und fertig – niemand muss mehr ein obskures Medaillon verwahren." Er erwiderte den Blick aus den hellblauen Augen ohne Trotz, ohne Zorn. „Nur hat er mich dann damit stehen gelassen. Und jetzt frag ich mich, was ich tun soll."

Aber offenbar wusste dazu auch Dumbledore nichts zu sagen. Stumm sah er ihn an, Entsetzen und tiefes Mitgefühl standen in seiner Miene – aber dann mischte sich auch eine Wachsamkeit hinein, die sich mehr und mehr verschärfte.

Er sucht nach Tom Riddle – in meinen Augen, dachte Harry bitter. Tom Riddle. Das ist es, was letztlich immer das Wichtigste bleibt. Für ihn genau wie für Snape.

Er wusste nicht mehr, was er von Dumbledore eigentlich gewollt hatte. Er wandte den Kopf und sah aus dem Fenster in das Weiß und Grau. Dachte an den Schritt, der weiterhin vor ihm lag und bei dem ihm auch Dumbledore nicht helfen konnte. Er war allein.

oooOooo

Nach einer Weile hörte er plötzlich Schritte und Stimmen auf der Treppe, und wenig später betraten Ron, Ginny und Hermione den Gang.

„Oh Mann – was machst du eigentlich hier? Hast du mal überlegt, dass wir uns vielleicht Sorgen machen, wenn du schon wieder einfach verschwindest?!", schimpfte Ron los. Ginny war ganz blass, aber sie sagte nichts, sondern setzte sich neben ihn.

„Tut mir leid", murmelte Harry. „Wie habt ihr mich denn überhaupt gefunden?"

„Darauf kommst du nie!", schnaubte Ron. „McGonagall hat uns gerufen und gesagt, dass Dumbledore uns alle hier erwartet! Und dass du schon hier wärst." Er sah sich zweifelnd um. „Hier sind wir damals zur Wache auf die Mauer raufgegangen, oder? Ich erinnere mich an diese Rüstungen hier. Und die komischen Bilder … Also, ist Dumbledore schon aufgetaucht? Hermione brüllt nämlich seit drei Tagen nach ihm. Und McG war stinksauer, weil –"

„Ron! Er ist da – da in dem Bild!", unterbrach Ginny ihn mit gedämpfter Stimme.

Und in diesem Moment stürmte Hermione auf das rotgoldene Gemälde mit dem charakteristischen Schattenprofil im Vordergrund zu.

„Es war der Tarnumhang, richtig?", kreischte sie los, ganz so, als hätte dieser Satz seit Tagen in ihrem Kopf darauf gewartet, endlich explodieren zu können. Hustend und nur wenig leiser fuhr sie fort: „Der Tarnumhang, das war der unbekannte Faktor in Ihrer Rechnung – von dem wussten Sie nichts, bis es zu spät war – der hat die ganze Geschichte fortgesetzt, heimlich, unterschwellig! So zielstrebig und stark wie – wie eine unsichtbare Strömung, und auch so gefährlich! Sie haben es nicht gewusst – hat sie Ihnen denn davon nichts gesagt – von der Rüstung?" Dann machte ein Hustenanfall ihrem Ausbruch ein Ende. Ihre Augen waren rotgerändert und schmal zwischen geschwollenen Lidern, sie hatte die Fäuste geballt und sah alles in allem ziemlich durchgedreht aus.

„Hermione!", sagte Harry ganz entsetzt. „Setz dich doch erst mal!" Er wollte sie neben sich auf den Steinwürfel ziehen, aber sie wehrte ihn hustend und keuchend ab.

„Kapiert ihr es nicht? Ron, du musst das doch gemerkt haben! Er ist Arkturius! Ist dir denn nicht aufgefallen, wer in der Spieluhr-Zukunft fehlte?! Was war denn in unserer Zeit entscheidend anders?! Glaubt mir, Professor Dumbledore ist Arkturius! Er hat alles die ganze Zeit über gewusst! Er kannte uns schon ewig, bevor wir überhaupt da waren!"

Ron wollte etwas sagen, aber offenbar blieb ihm das Wort im Halse stecken. Harry und Ginny sahen die beiden verwirrt an, Hermiones rot angelaufenes und Rons maßlos verblüfftes Gesicht, und dann von ihnen zu dem Schattenriss von Dumbledores reglosem, geneigtem Kopf.

„Was meinst du denn, Hermione?", fragte Harry. „Was ist eine Spieluhr-Zukunft?"

„Komm, setz dich doch zu uns", sagte Ginny, und vielleicht war es die ungewohnte Freundlichkeit in ihrer Stimme, die endlich zu Hermione durchdrang. Abrupt setzte sie sich neben die beiden und sah auf ihre ineinander verkrampften Hände. Dann ließ sich auch Ron auf den Steinwürfel fallen.

„Du hast Recht", sagte er dann, obwohl er klang, als könnte er es nicht glauben. „Damit hast du auch Recht! Er ist es! Oh Mann –"

„Und jetzt noch mal für uns", sagte Harry. „Wovon redet ihr eigentlich? Was ist das für eine Spieluhr? Und wieso ist er Arkturius? Nur weil der Name auf einem von seinen Maschinchen steht?"

„Stimmt! Das auch noch", ächzte Ron.

„Die Spieluhr, das ist ein silbernes Ei, fast wie die Zeitenuhr, die du gefunden hast, Harry. Nur ist obendrauf eine Tänzerin – aber das ist ja jetzt egal." Hermione unternahm eine ungeheure Anstrengung, sich zu fassen und vernünftige Sätze hervorzubringen. „Sie spielt Musik – Mozart – aber nicht nur das. Wenn man ihr Uhrwerk mit einem bestimmten Schlüssel aufzieht, erlebt man so was wie eine Erinnerung. Man erlebt sie, als wäre man selbst dabei."

„Und rate, mit welchem Schlüssel", warf Ron ein.

Harry schüttelte nur den Kopf. Er hatte genug vom Raten.

„Ja, es war euer arkturischer Schlüssel – der von dem Kästchen – der, der auch die Kammer geöffnet hat", rief Hermione. „In dieser Uhr hatte Arkturius seine Erinnerung an die Zukunft gespeichert. In dieser Zukunft hat ein Zauberer, der sich Großmeister Salazar nannte, die Welt mit einem Gerät in die Luft gesprengt, das furchtbaren Lärm und Erdbeben verursachte. Er hat dieses Gerät in die Kammer gebracht – und den Schlüssel hatte er vorher dem Clavicustos abgenommen – dem letzten Clavicustos – und der hieß – Harry Potter."

„Klingt irgendwie vertraut, was?", fragte Ron leise.

„Wir kamen alle darin vor!", rief Hermione. „Manches war anders, Luna hieß Claire und … aber wir kamen alle darin vor, in dieser Zukunft! Wir waren deine Leibgarde, Harry, wir und Sirius, denn Sirius war der Meisterharfner! Wir waren alle da, aber wir konnten dich nicht retten! Da war gar nichts zu retten in dieser Zukunft! Und dann hat Arkturius jemanden mit sich in die Vergangenheit genommen – eine Frau – Rose. Und damit das alles nicht passieren würde, haben sie einem Clavicustos in der Vergangenheit den Schlüssel gestohlen und ihn verschwinden lassen. Das sollte die Zukunft retten."

Daraufhin herrschte tiefes Schweigen. Dumbledore hatte sich nicht gerührt.

„Deshalb weiß man heute nicht mehr, was der Clavicustos und seine Leibgarde eigentlich war", fuhr Hermione fort. „Deshalb war die Kammer seit Ewigkeiten verschlossen. Und Meisterharfner gibt es auch nicht mehr."

„Er baute Geräte – hat Planetenuhren gebaut – er war in einem Club, der Phönix-Club hieß – und am Ende ist er wieder in die Zukunft gereist!", zählte Ron auf. „Ich hätt's direkt kapieren müssen! Und die Stimme – die Stimme kam mir auch irgendwie bekannt vor! Sie war nur – viel jünger!"

„Weil Sie Angst hatten, dass sich die Geschichte doch noch so entwickeln könnte, sind Sie zurückgekommen und Dumbledore geworden! Sie wollten aufpassen, dass dieser Großmeister Salazar nicht doch noch irgendwie auftauchen und die Welt vernichten würde! Sie hatten Angst, dass es nicht ausreichte, was Sie und Rose gemacht hatten", rief Hermione, und jetzt klang sie wie eine Anklägerin vor Gericht. „Und damit hatten Sie ganz Recht! Sie hatten den Schlüssel aus dem Verkehr gezogen – aber es gab noch etwas, das den Clavicustos auszeichnete, und davon haben Sie wohl nichts gewusst!"

„Die Rüstung", murmelte Harry. „Der Tarnumhang!"

„Genau! Woher hast du das eigentlich gewusst, Harry? Und wo hattest du überhaupt das Wort Clavicustos her?"

„Also – zuerst war da der Brief, den Hagrid mir gegeben hatte. Er war von Dumbledore, und Hagrid sollte ihn Snape geben, aber das hat er nicht mehr geschafft. Dumbledore hat darin Snape gebeten, auf mich aufzupassen, weil ich angeblich eine – eine geheime Macht hätte, die mir Zugang zu einem Mysterium gibt. Und dieses Mysterium könnte mich in Gefahr bringen oder mich selbst zu einer Gefahr machen. Er hat geschrieben, dass diese Macht schon seit Ewigkeiten weitergegeben worden wäre – dass ich der Letzte auf einer Liste wäre. Und zum Schluss hat er Snape gewarnt, dass auf keinen Fall mein Tarnumhang in Voldemorts Hände fallen dürfte, dass er ihn am besten vernichten würde – und zwar mit einem von seinen komischen Geräten in seinem Büro – Dumbledores Büro. Da war doch ziemlich klar, dass der Tarnumhang irgendwas mit dieser geheimen Macht zu tun haben musste."

„He, und danach bist du in sein Büro eingebrochen, richtig?", rief Ron. „Und uns hast du kein Wort von diesem Brief erzählt!"

„Mann, was hätte ich denn sagen sollen? Geheime Macht, Mysterium – ihr hättet mich doch für bekloppt gehalten! Durchgedreht, weil ich unbedingt wieder zaubern können wollte! Aber ich musste da schon an diese Kammer denken, weil Dumbledore sie ein paar Mal erwähnt hatte. Er meinte, dass ich – na ja, viel von dem hätte, was dadrin aufbewahrt würde."

„Hast du den Umhang etwa doch im Büro gefunden?", fragte Hermione scharf. „Hatte McGonagall ihn doch da verwahrt?"

Harry schüttelte den Kopf. „Nee, der Umhang war weg, wie ich euch gesagt hab. Aber ich hab euch doch von dem Gerät erzählt, auf dem der Name Arkturius eingraviert war – das ist bestimmt das Ding gewesen, mit dem Snape den Umhang vernichten sollte! Also, in dem Gerät hab ich eine Liste gefunden – ein Pergamentfetzchen mit lauter Namen drauf. Und die letzten beiden waren die von meinem Dad und mir."

„Eine Liste der Schlüsselhüter!", rief Hermione. „Rose konnte die Clavicustos-Namen auswendig, das hat er gesagt!"

„Na, also ich dachte, dass es die Namen der Tarnumhang-Besitzer sein müssten", sagte Harry. „Und ich glaube, das stimmt auch. Ich hab nämlich noch die beiden Leute rausgekriegt, die vor meinem Dad auf der Liste standen – die kamen beide aus Godric's Hollow – und in den Sachen von meinem Vater hab ich einen Zettel gefunden, der zu irgendwas gehört haben muss, das er zu seinem elften Geburtstag geschenkt bekommen hat. Er sollte gut drauf aufpassen, ihn klug verwenden, und irgendwann müsste er ihn weitergeben, er würde dann schon wissen, an wen – das stand auf dem Zettel, unterzeichnet von P.G. – und das stand ganz bestimmt für Peregrinus Garlicke – den Namen, der auf der Liste vor James Potter stand!" Harry musste Luft holen, und in der Zeit versuchten die anderen, den Gang seiner Erklärung nachzuvollziehen.

„Stand auch irgendwo was von einem Clavicustos? Woher hattest du das Wort? Du hast mich doch danach gefragt!"

„Ich hab's nirgends gelesen. Ich hatte es – von Sirius. Ja, verdammt, ich bin ihm – begegnet – irgendwie – und er – er hat gesagt, ich wäre der Clavicustos und er hätte gedacht, dass ich tot bin. Es war so seltsam. Ich musste das rauskriegen –"

„Du bist Sirius begegnet? Jetzt?! Und er hat dich –"

„Ich erzähl euch das alles später genau, ja? Jedenfalls – vielleicht war es ja der Sirius aus der – aus der Zeit, von der du eben geredet hast!"

„Aber woher wusstest du, dass der Umhang die Rüstung ist? Als wir da unten in dem Schacht waren, hast du das doch sofort gewusst! Wie bist du darauf gekommen? Du hast irgendeinen Quatsch über Fischhaut gesagt – und über ein Lied –", sagte Ron.

„Und woher hattest du eigentlich den Umhang plötzlich wieder?"

„Jemand – jemand hatte ihn – und ich hab ihn mir zurückgenommen. Und das mit der Fischhaut, das kommt in dem Lied vor … Als du mir den Abschnitt über den Clavicustos und dieses Herz der Welt in Geschichte der Zauberei gezeigt hattest, Hermione, da dachte ich, wenn jemand was über solche Legenden weiß, dann bestimmt meine Nachbarin, Rosie Lovegood – ich hab euch ja von ihr erzählt."

„Lunas Oma, klar", sagte Ron. „Und die wusste wirklich was darüber?"

„Ja. Es gibt da ein altes Lied, das heißt Rose mit dem Blutigen Herz, und da geht's um das Herz der Welt. Das wurde in einem Brunnenhaus aufbewahrt und von einem Mann bewacht, der den Schlüssel dafür hatte. Diese Rose wollte es haben, weil das Herz der Welt natürlich mal wieder jede Menge Macht bedeutete – und der Typ war so dumm, ihr zu sagen, dass der Schlüssel dazu sein eigenes Herz wäre. Daraufhin hat sie ihm das Herz rausgerissen und – tja, vermutlich ist sie wohl reingekommen in das Brunnenhaus. Auf jeden Fall gibt's seitdem also keinen Schlüssel mehr, der Brunnen ist verschlossen, und das Herz der Welt – na ja, keiner weiß das. Mir war klar, dass mit dem Wächter der Clavicustos gemeint war. Und in dem Lied wurde auch erwähnt, dass der Clavicustos einen Panzer aus den Schuppen eines Fisches trug. Wenn der Tarnumhang wirklich was mit der ganzen Sache zu tun hatte, dann war das doch die Stelle, an die er passte, versteht ihr?"

„Ich fass es nicht", murmelte Hermione. „Das ist daraus geworden! Eine blutrünstige Ballade!"

„Und ihr habt da wirklich eine – eine andere Zeit gesehen, in der wir alle schon mal vorkamen?", fragte Harry zögernd. „Bin ich da gestorben? Und kann es sein – hat meine Mutter das miterlebt? Hatte mein Tod etwas – etwas mit einer – Mauer zu tun?"

Ron und Hermione sahen sich an, und Harry beobachtete ihren raschen Blickwechsel scharf. Es war offensichtlich, dass Ron nicht wusste, was er sagen sollte, und dass Hermione fest entschlossen war, nichts zu sagen. „Kann ich diese Denkariumssache aus dieser Spieluhr auch mal sehen?", fragte er deshalb.

„Nein", sagten beide wie aus einem Mund.

„Findet ihr nicht, dass ich ein Recht dazu hätte?"

„Nein", rief Hermione schroff, und Ron sagte gleichzeitig: „Darum geht's gar nicht."

„Worum dann?"

„Der Schlüssel ist weg." Und plötzlich lachte Hermione unter Tränen – sie sah aus wie eine Verrückte. „Der Schlüssel ist wieder weg! Und diesmal sehen wir den ganz bestimmt nicht wieder!"

„Hermione, jetzt krieg dich wieder ein!", sagte Harry beunruhigt. „Warum nicht? Was ist überhaupt passiert?" Jetzt endlich kam ihm wieder in den Sinn, dass er ja noch gar nicht wusste, wie die Sache in der Mysteriumsabteilung nun eigentlich ausgegangen war. „Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass ich diese komische – Sanduhr da auf einem Felsen gefunden habe –"

Hermione konnte nicht antworten, weil sie so sehr weinte. Ron bedachte sie mit einem entnervten Schnauben und sagte dann zu Harry: „Vergiss die Details erst mal. In Kürze: Diese Sanduhr war eine – eine Alraunenbombe. Wir haben sie aus der Kammer rausgekriegt, und dann hat sich Skanne damit und mit deiner – deiner Zeitenuhr sonst wohin verdrückt. Den durchgeknallten Erfinder, dem wir den ganzen Mist verdanken, den hat er auch gleich mitgenommen. Aber das Ministerium war trotzdem nicht mehr zu retten. Großer Knall um Mitternacht, das konnte man nicht mehr aufhalten. Welldone hat's erklärt, hat irgendwas mit Resonanz zu tun."

„Eine – eine Resonanzkatastrophe", schluchzte Hermione.

„Meinetwegen. Auf jeden Fall ist das Ministerium jetzt für lange Zeit 'ne Baustelle, die Kammer ist unter ein paar Tonnen Schutt begraben, und der Schlüssel auch. Und Skanne ist weg, und der Seifenbläser alias Caducus Fugit alias Gustaf Cucudi, unser entschwundener Abteilungsleiter, der in seiner Freizeit Zeitenwandler und Alraunenbomben gebastelt hat, ebenfalls."

„Ich – ich kapier überhaupt nichts mehr", murmelte Harry.

„Dass die beiden dieselbe Person sind, hatt ich dir übrigens an Weihnachten schon gesagt. Ich hatt's dir sogar aufgeschrieben – aber du warst ziemlich abgelenkt", sagte Ron vorwurfsvoll. „Was soll's, also zurück zur Sache. Welldone hat gesagt, wo immer Skanne dieses Gerät hingebracht hat, hätte es nach einer Weile die – na ja, die totale Katastrophe auslösen müssen. Genau wie in der Erinnerung in dieser Spieluhr. Man konnte das Ding ja nicht abschalten oder zerstören. Deshalb kann Skanne eigentlich nur – in die Zukunft geflohen sein damit, oder? Ich meine, sonst müssten wir doch irgendwie ausgelöscht sein, oder?"

„Mit der Zeitmaschine, die ich hatte?", rief Harry. „Damit konnte er gar nicht – dann ist er in einer – einer verlorenen Zeit gelandet – ich hatt's ihm doch gesagt! Das hatte ich ihm doch gesagt, oder?"

„Hast du", bestätigte Hermione, die krampfhaft mit einem Taschentuch herumhantierte. „Er hat's auch kapiert. Er hat das ganz bewusst gemacht. Er hat verstanden, dass nur auf diese Weise noch was zu retten war."

„Hör mal, Hermione – ich glaub das immer noch nicht! Wir reden von Skanne!"

„Und die Spieluhr? Wo ist die jetzt?"

„Hermione hat sie dem zurückgegeben, dem sie sie geklaut hatte – nämlich Welldone. Caducus Fugit war sein Großvater. Frag jetzt bloß nicht weiter. Ich glaub, sonst löst das eine Resonanzkatastrophe in meinem Gehirn aus", sagte Ron. „Das und dein Geheul, Hermione! Wirklich, es reicht jetzt mal!"

Aber Hermione konnte nicht mehr aufhören. Sie schluchzte und schluchzte in ihr Taschentuch, und schließlich war es Ginny – Ginny, die die ganze Zeit schweigend dagesessen und dem verwirrenden Wortwechsel zugehört hatte – die den Arm um sie legte, sie mit neuen Taschentüchern versorgte und zu trösten versuchte.

Harry war dazu im Moment nicht in der Lage, er war voll und ganz damit beschäftigt zu begreifen, was geschehen war. Ron war schon einen Schritt weiter – aber der hatte die Ereignisse ja auch miterlebt.

„Können wir jetzt da weitermachen, womit Hermione vorhin losgelegt hat als wär sie vor Gericht – bevor sie sich in einen Heulkrampf verzogen hat?"

„Ron! Sei doch nicht so grob!", sagte Ginny.

„Ist schon gut – ich kann bloß nicht", schniefte Hermione. „Der Tarnumhang, Ron! Frag ihn nach dem Tarnumhang!"

„Wenn du ein bisschen leiser heulen könntest –"

Ron!"

„Mann, wir haben es alle überlebt – diese total irre Geschichte! Und dann erscheint auch noch Dumbledore, zum ersten Mal seit über einem Jahr, soweit ich weiß – hast du eben McGonagalls Gesicht gesehen?! Die war stinksauer, weil er mit uns reden wollte anstatt mit ihr – und jetzt sitzt sie hier und heult!"

Fast hatten sie es schon vergessen gehabt: dass Dumbledore dasaß in diesem Bild und ihrem ganzen Gerede vermutlich folgte, wenngleich er immer noch schwieg. Aber Ron wandte sich ihm jetzt endlich zu und kam nach und nach richtig in Fahrt. „Wenn Sie Arkturius sind – und ich glaub das auch, genau wie Hermione! – was haben Sie dann mit dem Arkturischen Zirkel zu tun? Und wieso konnte es mit Voldemort so weit kommen – Sie müssten es doch gewusst haben – müssten ihn doch erkannt haben, oder? Er war doch derselbe wie dieser Großmeister, oder? Wieso ist alles doch noch so – so verdammt ähnlich gekommen?" Hier musste er kurz Luft schöpfen und fuhr dann etwas ruhiger fort: „Warum Caducus Fugit nichts dagegen gemacht hat, obwohl er die Sache durch die Spieluhr ja auch kannte – das muss wohl keiner fragen. Der hatte einfach Spaß am Chaos und am Kaputtmachen. Aber Sie – warum konnten Sie das alles nicht verhindern? Wo Sie doch extra dafür zurückgekommen sind?"

Und dann herrschte erst einmal Stille. Harry kämpfte mit der Vorstellung, dass Dumbledore tatsächlich Arkturius sein könnte – ein Zeitreisender, der ihn kennen gelernt hatte, bevor er geboren worden war …

Nicht wirklich mich, dachte er. Das war ein anderer … das muss doch ein anderer gewesen sein!

Aber ganz sicher war er sich da nicht.

Hermiones Weinen versiegte endlich so weit, dass sie wieder sprechen konnte. „Es war der Tarnumhang, oder?", fragte sie heiser. „Die Rüstung des Clavicustos – irgendwie muss die aus der Kammer rausgekommen sein – vielleicht hat ihn der Clavicustos, dem Rose den Schlüssel gestohlen hat, mitgenommen oder so etwas. Und dann – dann war es diese Rüstung, die sich als Tarnumhang ihren Weg von Clavicustos zu Clavicustos gesucht hat, durch die ganzen Jahrhunderte hindurch! Nur dass die keine offiziellen Schlüsselhüter mehr waren, weil ja niemand mehr was davon wusste! Aber der Umhang, der ist irgendwie einer Linie gefolgt – irgendeiner Spur in der Geschichte! Und dann ist es fast wieder so gekommen!"

„Miss Granger", sagte Dumbledore herzlich. „Hermione! Es immer noch eine Freude, Ihnen beim Denken zuzuhören! Und Sie, Mr Weasley, stellen die richtigen Fragen …"

„Dann ist es also wahr, ja?", fragte Harry. „Sie sind Arkturius?"

„Eigentlich bin ich Albus Dumbledore, der sich gelegentlich auch Arkturius nannte", erwiderte Dumbledore. „Und der eine ganze Weile als Adam Bird lebte."

„Ich dachte, Arkturius wäre nur eine Figur aus einem Buch", murmelte Ginny. Harry sah sie an und lächelte. Er war so froh, dass sie nicht dabei gewesen war, dass sie in diese ganze Geschichte nicht verstrickt war. Das war wie frische Luft. Wie Hoffnung auf einen neuen Tag, an dem all dieser Wirrwarr hier Vergangenheit sein würde.

„Und ich wünschte wirklich, die Leute könnten einfach bei den Namen bleiben, die sie nun mal haben", murrte Ron leise, und darüber mussten sie alle außer Hermione auf einmal kichern, egal wie unpassend das sein mochte.

Auch Dumbledore lächelte ein wenig. „Sie haben Recht, Mr Weasley, und ich wünschte selbst, ich hätte mich mit Albus Dumbledore zufrieden gegeben."

„Erzählen Sie uns die Geschichte zu Ende!", forderte Hermione ohne jede abmildernde Höflichkeit. „Wie Sie zurückkamen in die Zeit, aus der wir Sie kennen. Was dann geschah. Und warum Sie weder Harrys Eltern noch die vielen anderen Opfer vor Voldemort retten konnten! Und warum Sie Harry in den Kampf geschickt haben, obwohl Sie ihn schon einmal hatten sterben sehen!"

Die anderen sahen sie unbehaglich an – ihr Ton entsprach ganz ihren Worten: Das war eine Anklage, eine Forderung nach Rechenschaft.

Unter ihrem unnachgiebigen Blick wandte Dumbledore schließlich das Gesicht ab, so dass sie nur noch seinen Umriss sahen. „Geben Sie mir einen Augenblick Zeit, Miss Granger", sagte er leise.

„Er weiß gar nicht, was hier bei uns passiert ist", warf Harry zögernd ein. „Nicht mehr als das, was er eben von euch gehört hat!"

„Das ist mir egal. Das muss er ja gar nicht, um mir zu antworten!"

„Hermione, was ist denn in dich gefahren!"

„Nichts. Ich will nur endlich das Ende der Geschichte hören. Und versuchen, sie zu verstehen!"

„Es war – 1897. An einem Maimorgen im Jahr 1897 fand ich mich in der Winkelgasse wieder – die Sonne schien – eine Menge Leute waren unterwegs, und ich stand da und überlegte, wo ich hergekommen war und was ich wohl wieder angerichtet haben mochte. Ich trug seltsame und viel zu warme Kleidung, ich hatte einen Pergamentfetzen mit vielen Namen darauf und einen Haufen fremdartiger Münzen in der Tasche – für die ich übrigens in der Winkelgasse nicht einmal ein Stück Brot bekam. Ich wusste, ich war Albus Dumbledore, der Sohn des Uhrmachers Wulfric Dumbledore, ich hatte eine Zeitenuhr gebaut und mit dieser Mozart besucht. Das wusste ich – und mehr nicht. Nicht, wo die Zeitenuhr geblieben war, in welchem Jahr ich mich befand, und schon gar nicht, was ich hier wollte." Dumbledore schwieg einen Moment. Er schien nicht mehr ans Sprechen gewohnt zu sein, und seine Stimme klang müde.

„Sie wussten nichts mehr?", fragte Hermione verblüfft.

„Nein. Ich hätte Anfang zwanzig sein müssen, aber ich war eher an die vierzig – und ich hatte keine Ahnung, was in den dazwischen liegenden Jahren geschehen sein mochte. Als ich erfuhr, in welchem Jahr ich mich befand, versuchte ich, Angehörige, Nachkommen meiner Familie zu finden. So traf ich auf Aberforth Dumbledore in Hogsmeade, und der hielt mich – ohne großes Interesse an der Sache zu haben – für seinen seit Jahrzehnten verschollenen Bruder. Es schien mir am einfachsten, mich in diese Nische zu fügen. Nur meinen eigenen Vornamen beschloss ich beizubehalten."

(„Wurde auch Zeit", murmelte Ron.)

„Mir selbst und meiner Umgebung blieb nicht verborgen, dass ich trotz meines Gedächtnisverlustes über einige Fähigkeiten und ein umfangreiches Wissen verfügte, und bald stellte sich überdies heraus, dass ich ein besonderes Interesse an der Weitergabe dieses Wissens besaß. Es schien beinahe unumgänglich, dass ich Lehrer in Hogwarts wurde. In meiner Freizeit baute ich immer noch gern die verschiedensten Geräte – allerdings keine Zeitenwandler mehr. Die Erinnerung kam in launischen Sprüngen zurück, manches träumte ich, manches wusste ich einfach mit einem Mal wieder.

Dass ich in jugendlichem Übermut meine eigene Existenz ausgelöscht hatte und die meiner Familie dazu – das wieder herauszufinden, war ein schwerer Brocken für mich. Damals fügte ich meinem eigenen Namen noch den meines Vaters Wulfric und die meiner Brüder Percival und Brian hinzu – ein romantisch-hilfloser Versuch, ihrer Existenz auf diese Weise doch noch eine Wirklichkeit zurückzugeben. Inzwischen war ich Professor für Verwandlung in Hogwarts geworden, und zu meiner eigenen Überraschung fand man auch im Ministerium immer wieder Aufgaben für mich – mein Leben war ausgefüllt, und ich muss sagen, ich genoss es. Das Gefühl, etwas Wichtiges vergessen haben, verließ mich dennoch nie ganz. Dann traf ich im Ministerium erstmals mit zwei Kollegen aus Durmstrang zusammen – damals wurden immer wieder Gespräche über eine Wiederaufnahme des Trimagischen Turniers geführt. Als ich die beiden sah und in ihrer eigenen Sprache sprechen hörte – da wusste ich plötzlich, dass ich schon einmal dort gewesen sein musste: In Durmstrang. Dass sich dort verbarg, was sich meiner Erinnerung so hartnäckig entzog. Als Professor von Hogwarts war es mir immerhin möglich, der Schule einen Besuch abzustatten. Und in Durmstrang kehrte meine Erinnerung dann vollständig und erschütternd zurück."

„Wann war das?", fragte Hermione, als Dumbledore schwieg.

„Das war im Juni 1936. Es wurde nicht dunkel in Durmstrang – Tag und Nacht erfüllte das Licht der Mitternachtssonne die Welt, und ich lief durch den Turm und die Umgebung wie ein Schlafwandler – aber ich war wach, endlich war ich aufgewacht. Ich fand sogar meine Zeitenuhr noch am selben Ort –"

„In der Dunklen Quelle in der Höhle", sagte Hermione.

„Ja. Und jetzt konnte ich auch den Schaden feststellen, dem ich vermutlich meinen Gedächtnisverlust zu verdanken hatte. Ich hatte wohl noch Glück gehabt, dass sie mich zumindest in die richtige Zeit gebracht hatte. Es war das Portal in die verlorene Zeit, das ich damals unvorsichtigerweise in das Uhrwerk eingebaut hatte – das bewirkte eine gefährliche Unwucht und verzerrte anscheinend nach und nach das gesamte Werk. Aber das war nicht mehr von Interesse für mich – ich hatte nicht vor, die Zeitenuhr noch jemals zu verwenden."

„Kamen Sie nie auf die Idee, dass andere Durmstrang-Schüler sich auch in diese Höhle verirren könnten? Und Ihre Uhr finden könnten?"

„In die Höhle – vielleicht. Die Uhr finden? Kaum. Es war sehr gefährlich, sich in diesen Krater vorzuwagen. Sie hätten sie außerdem noch erkennen müssen als das, was sie war. Und dann hätten sie sie immer noch nicht von dort wegnehmen können."

„Jetzt lass ihn weiter erzählen, Hermione!", sagte Ron. „Sie wussten also wieder, warum Sie in die Zukunft gekommen waren – und was haben Sie dann getan?"

„Ja, was haben Sie dann getan? Es war 1936 – es war noch nicht zu spät!", rief Hermione.

„Ich wusste jetzt wieder, dass ich als Beobachter und Wächter gekommen war, um eine Wiederholung des Unheils zu verhindern. Und das versuchte ich auch. Aber die Welt hatte sich verändert. Die verschlossene Kammer in der Mysteriumsabteilung war zu einer Legende geworden, für die sich niemand mehr interessierte. Ich hatte mir Roses Liste der Schlüsselhüter aufgeschrieben – ja, auch damit hatten Sie Recht, Miss Granger! Nun spürte ich dem Namen desjenigen nach, der in der anderen Zeit jetzt der Clavicustos gewesen wäre – und ich fand wirklich jemanden dieses Namens. Er war Heiler in Godric's Hollow, und mit der Kammer oder irgendwelchen Mysterien hatte er nicht das Geringste zu schaffen."

„Peregrinus Garlicke!", sagte Harry.

„Ja. Ich wertete das als Zeichen dafür, dass es den Clavicustos und seinen Schlüssel wirklich nicht mehr gab. Insofern hatten wir unsere Aufgabe also wohl erfolgreich gelöst, Rose und ich. Den Schlüssel fortzunehmen, hatte das Herz der Welt tatsächlich gesichert. Und weit und breit trat niemand ins Rampenlicht der Geschichte, der sich Großmeister Salazar nannte. Ich war beruhigt.

Zwei Jahre später lernte ich Tom Riddle kennen, einen überaus begabten, vernachlässigten und bereits als bösartig aufgefallenen Elfjährigen, der in einem Waisenhaus unter Muggeln aufgewachsen war. In den folgenden Jahren bemühte er sich in Hogwarts nach Kräften, uns allen eine perfekte, harmonische Persönlichkeit vorzuspielen – und er machte das gut. Er war charmant, er war klug, er war schön. Und darüber hinaus war er ein Parselmund, und er führte sich mit einer Vehemenz auf die Abkunft von Salazar Slytherin zurück, die man belächeln mochte – mich aber streifte zum ersten Mal das bange Gefühl, dass jener Großmeister Salazar seinen Weg vielleicht ganz ähnlich begonnen hatte."

„Aber da war es schon zu spät", sagte Hermione dumpf. „Es war schon zu spät, als Sie ihn kennen lernten. Vielleicht hätten Sie verhindern müssen, dass er überhaupt in dieses Waisenhaus kam –"

„Ich fürchte, damit haben Sie auch Recht – nur, wie hätte ich das tun sollen? Von einem Tom Riddle hatte ich nichts gewusst! Und erst, als er Jahre nach seinem Schulabschluss zurückkehrte und mich um eine Anstellung in Hogwarts bat – als er seinen Namen bereits in Lord Voldemort umgewandelt hatte – da begriff ich, dass das Unheil erneut versuchen würde, sich seinen Weg in die Welt zu fressen."

„Einen Augenblick – haben Sie sich nie gefragt, was nun eigentlich aus Ihrem Vermächtnis in der Spieluhr geworden war? Hätten Sie nicht nach den Eingeweihten suchen müssen – und hätten die nicht auch aufmerksam werden müssen auf Lord Voldemort?"

„Die Spur der Spieluhr war verloren. Sie muss schon sehr bald untergegangen sein, denn so sehr ich auch –"

„Die Spieluhr – und mit ihr der Schlüssel zur Kammer", unterbrach Hermione.

„Richtig, Miss Granger. Der Schlüssel zur Kammer, dem ich für alle Ewigkeit die Rolle eines kleinen Spieluhr-Aufziehschlüssels zugedacht hatte. Verstehen Sie – ich musste ihn tarnen, weil er sich nicht vernichten ließ – und ich musste ihn auf diese Weise loswerden, wenn ich selbst sein Versteck nicht kennen wollte. Denn ich wollte nicht in die Versuchung geraten, ihn eines Tages selbst zu benutzen …"

„Aber als Caducus Fugit in den Fünfzigern verdächtigt wurde, einen Zeitenwandler gebaut zu haben – wurden Sie da nicht hellhörig?", fragte Hermione. „Einen solchen Zeitenwandler hatte es doch bis dahin nie gegeben – wenn man von dem legendären des Arkturius absah! Mussten Sie nicht befürchten, er könnte Ihre Zeitenuhr gefunden haben?"

„Tatsächlich bin ich deshalb sogar nach Durmstrang gereist und habe mich versichert, dass sie sich immer noch an ihrem Platz befand", erwiderte Dumbledore bedächtig. „Fugit hatte also entweder ein eigenes Gerät gebaut – oder er war zu Unrecht angeklagt worden. Ich wollte mit ihm reden, versuchte eine Besuchserlaubnis für Azkaban zu bekommen, aber die wurde nicht gewährt. Dann starb er unmittelbar nach seiner Freilassung …"

„Er ist nicht gestorben", sagte Hermione tonlos. „Und Jahre vorher, da hatte er auf dem Speicher seiner Großeltern Ihre Spieluhr gefunden, irgendwo in Finnland! Dann hat er Ihre Zeitenuhr gesucht und gefunden – und sie nachgebaut. Er muss ein Genie gewesen sein. Azkaban hat dann einen Verrückten aus ihm gemacht."

„Caducus Fugit –!", sagte Dumbledore verblüfft und nachdenklich. „Dann habe ich auch da versagt. Ich hätte hartnäckiger sein müssen."

„Das wäre besser gewesen, ja", erwiderte Hermione schroff. „Der damalige Leiter der Mysteriumsabteilung war nämlich überzeugt davon, dass Fugit im Besitz der Zeitenuhr und der Schriften des Arkturius sein müsste, und hat ihn gefoltert, um zu erfahren, wo er sie versteckt hatte. Unter anderem hat man ihm erzählt, dass seine Frau und sein Sohn deshalb sterben würden."

„Und dieser Typ, dieser Dunstable – der war der Chef eines Geheimbundes, der sich Arkturischer Zirkel nannte", warf Ron ein. „Haben Sie davon gehört?"

„Zum ersten Mal im Zusammenhang mit Caducus Fugit", antwortete Dumbledore. „Es ging das Gerücht, dass die Anklage auf Betreiben dieses Zirkels erhoben wurde. Als ich ein wenig nachforschte – es war nicht viel, was man über diesen Bund in Erfahrung bringen konnte – da stellte ich fest, dass sie ein verschwommenes Wissen von meiner Zeitenuhr und Gerüchte über die verlorenen Schriften eines Arkturius tradierten. Ich hatte also mein Häuflein Eingeweihter gefunden – und fand es eigentlich unglaublich erheiternd, dass dies aus meiner Idee geworden sein sollte. Sie hätten meine Erinnerung als Warnung an die Zukunft weitergeben sollen – vielleicht auch meine Skepsis gegenüber Eingriffen in die Zeit – stattdessen waren sie eifrig, wenn auch vergeblich mit der Konstruktion von Zeitenwandlern beschäftigt und hatten es zu ihrem Motto gemacht, Flüchtiges zu halten und Bezwingendes zu unterwerfen. Es war komisch! Weil ich meinem Bericht die Worte meines Freundes über das Flüchtige und Bezwingende vorangestellt hatte, hatten sich die Legenden über zwei verlorene Berichte hoffnungslos miteinander vermischt. Das, was diese Leute für die verschollenen Schriften des Arkturius hielten, war in Wirklichkeit das Buch meines Freundes – das Siegel des Siebten, das ebenfalls im Meer der Geschichte verloren gegangen war."

„Snapes Buch?", fragte Harry verständnislos. „Das Buch, in dem das Tabula Rasa und dieser Übertragungszauber vorkamen?"

„Und noch eine Reihe weiterer sehr gefährlicher Zauber, uralte Heiltexte und einige philosophische Betrachtungen, ja. Ich gab mich dann zufrieden damit, dass Spieluhr und Schlüssel verloren waren – immerhin war ich ja nun selbst da, um die Entwicklungen im Auge zu behalten, und wenn der Schlüssel endgültig verschwunden war, dann sollte mir das nur recht sein. Und jetzt höre ich von Ihnen, dass es keineswegs so gewesen ist! Caducus Fugit hat sie gefunden – ausgerechnet er – ein Erfinder! Und er hat die Zeitenuhr nachgebaut?"

„Offenbar samt allen Fehlfunktionen", murmelte Harry.

„Nicht nur das", sagte Ron. „Er hat auch Ihrem Großmeister Salazar nachgeeifert und einen netten kleinen Weltzerstörer gebaut."

„Und er hat begriffen, dass der Schlüssel der Schlüssel war", fügte Hermione hinzu. „Und hat alles zusammengebracht, als er zu dem Schluss gekommen war, dass diese Welt die Mühe nicht wert ist!"

„Und Sie haben im rechten Moment dasselbe begriffen – das ist interessant, Miss Granger."

„Aber wir sind wieder vom Thema abgekommen – Sie wollten uns erzählen, warum Sie Voldemort nicht an seinen Taten hindern konnten!", fuhr Hermione unbarmherzig fort. „Was haben Sie denn gedacht, als plötzlich ein James Potter Ihr Schüler wurde? James Potter – Lily – Sirius Black – Remus Lupin – Peter Pettigrew – Sie haben doch jeden dieser Namen schon gekannt! Was haben Sie da gedacht?! Was haben Sie getan?!"

„Er hat den Orden des Phönix gegründet, Hermione", sagte Ron und sah sie mahnend an.

„Ich hatte verstanden, dass das Schicksal von neuem ausholte und zuschlagen wollte", sagte Dumbledore nachdenklich. Er schien Hermione ihren Ton nicht zu verübeln. „Offenkundig nicht auf dieselbe Weise – der Schlüssel war fort, und Voldemorts Interesse galt allein seiner Unsterblichkeit, von der Kammer wusste er gar nichts – aber es gab mir sehr zu denken, wie deutlich die Übereinstimmungen waren und sich noch immer weiter entwickelten. Dieselben Namen, dieselben Gesichter, ja, ich sah dieselben Beziehungen wieder entstehen. Es war – unheimlich."

„Unheimlich? Es war verdächtig!", sagte Hermione.

„Es bestätigte mich in einer Vermutung, die sich schon viel früher in mir geformt hatte: Dass manche Entwicklungen, manche Auseinandersetzungen einfach sein müssen, sein wollen – sie bahnen sich ihren Weg durch die Geschichte, und wir können sie nicht unterbinden oder umgehen, höchstens für eine Weile aufhalten oder vielleicht auch verlagern."

„Und damit haben Sie sich zufrieden gegeben?", blaffte Hermione.

„Hermione – kannst du jetzt mal aufhören damit? Das hat er nicht!", sagte Ron ärgerlich. „Was brüllst du denn dauernd rum –"

„Ich wollte damit nur sagen, dass unser Eingriff in die Geschichte letztlich kläglich wenig erreicht hatte. Sogar die Kontrahenten waren dieselben geblieben – in all dem fehlten eigentlich nur der Titel Clavicustos und die Kammer als – nennen wir es: Objekt der Auseinandersetzung. Selbst die alten Leibgarden formierten sich aufs Neue, auch wenn sie sich nicht so nannten! Und dann erfuhr ich von der Prophezeiung. War das nicht ein Hoffnungsschimmer? Dass jemand vorausgesagt wurde, der die Macht zum Sieg über den Dunklen Lord haben würde?"

„Sie hatten Harry schon einmal sterben sehen! Sie hatten gesehen, wie er Großmeister Salazar unterlag! Und Sie haben ihn trotzdem in den Kampf geschickt! Sie haben sein ganzes Leben auf diesen Kampf hin – ausgerichtet – haben ihn geformt – gelenkt –"

„Ich habe gesehen, dass er ihn einmal besiegt hat, Miss Granger – und das als kleines Kind! Ich sah eine Hoffnung, die es in der ersten Zukunft nicht gegeben hatte! Vielleicht war es ja das, was unser Eingriff bewirkt hatte: Eine zweite Chance in einer zweiten Zukunft."

„Das Schicksal, von dem Sie reden – und an das ich nicht glaube – das hat sich nicht wiederholt, weil es eben so sein musste! Sie hatten einfach etwas übersehen bei Ihrer Korrektur der Geschichte, etwas, das dann dafür sorgte, dass die Bahnen dieselben blieben – und dass es wieder auf Harry hinauslief!"

„Ja, Miss Granger. So war es. Ich hatte nichts von der Rüstung gewusst, die tatsächlich aus der Kammer herausgetragen worden sein muss, bevor Rose den Schlüssel stahl. Es ist ganz so, wie Sie es anfangs sagten: Die Rüstung hat während all der Jahrhunderte hindurch das getan, was in der anderen Zeit der Schlüssel getan hat: Sie hat den Clavicustos gewählt."

„Aber es gibt doch gar keinen Clavicustos mehr!", sagte Ron verwirrt.

„Clavicustos ist nur ein Titel, Mr Weasley. Ein Amt. Wir sollten uns fragen, was für einem Menschen dieses Amt verliehen wurde – was diesen Menschen auszeichnete, was gerade ihn zu demjenigen machte, dem Zugang zu jenem Mysterium gewährt wurde –"

Harry bewegte sich unruhig auf seinem Platz.

„Vielleicht", sagte Dumbledore und sah ihn an, „vielleicht wählte der Schlüssel und später dann der Umhang einen Menschen aus, der die Stärke besaß, dem Bösen zu widerstehen. Mut, Tapferkeit, Loyalität. Eine besondere innere Kraft: Die Gabe der Liebe."

„Solche Eigenschaften haben viel mehr Menschen als nur die paar, die Clavicustos wurden", wandte Harry ein. Er wollte über diese Sache mit der Liebe nichts mehr hören.

„Ohne Zweifel. Und weshalb von diesen dann jeweils gerade der eine Bestimmte gewählt wurde, das wissen wir nicht. Aber wir können versuchen, die Gemeinsamkeiten derjenigen zu finden, die nachweislich diesen Titel – oder diesen Umhang – getragen haben, nicht wahr? Und ich habe vier von ihnen kennen gelernt – Isabella Lovegood, Peregrinus Garlicke, James Potter – und Harry Potter."

„Die Liste", murmelte Harry.

„Ja, die Liste", sagte Dumbledore. „Die Liste der Schlüsselhüter – sie stimmte immer noch. Ich hatte sie schon fast vergessen. Dann gab mir James kurz vor seinem Tod den Tarnumhang mit der Bitte, ihn später an dich weiterzugeben, falls er selbst es nicht mehr tun könnte. Der einzige Gegenstand, der in dieser Zeit von James an Harry weitergegeben worden war – ein Tarnumhang. Kostbar, recht selten – gewiss, aber doch nur ein Umhang. Zehn Jahre lang bewahrte ich ihn auf, und immer wieder einmal nahm ich ihn mir und machte mir Gedanken darüber. Ich untersuchte ihn und stellte fest, dass er kein gewöhnlicher Tarnumhang war, sondern aus einem unbekannten Material bestand. Da war mein Verdacht geweckt. Ich suchte die alte Liste hervor und forschte den beiden dort genannten Vorgängern von James nach. Isabella Lovegood und Peregrinus Garlicke, den ich ja schon kennen gelernt hatte. Inzwischen waren beide tot, aber von ihren Familien und Nachbarn erfuhr ich Einzelheiten, die eindeutige Hinweise darauf boten, dass sie einmal Besitzer dieses Umhangs gewesen waren. Den Zettel, den du in den Sachen deines Vaters gefunden hast, Harry, den habe ich jedoch nie gesehen."

„Haben Sie da verstanden, was der Umhang war?", fragte Hermione. Sie sah blass und müde aus, und in den letzten Minuten schien alle Angriffslust sie verlassen zu haben.

„Ich habe es geahnt. Als ich dann feststellte, dass man den Umhang genauso wenig vernichten konnte wie den Schlüssel damals, wusste ich, dass er etwas mit der Kammer zu tun hatte – und dass der Clavicustos auf geheimnisvolle Weise immer noch ausgewählt wurde. Da war die ähnliche Entwicklung in dieser Zeit aber ohnehin nicht mehr zu übersehen – trotz aller Vorsichtsmaßnahmen hatte ich nicht verhindern können, dass James und Lily von Voldemort getötet wurden, und längst war Harry von der Prophezeiung als jemand mit einer besonderen Macht bezeichnet worden. Die Geschichte war wieder auf dasselbe Gleis geraten, und ich stand hilflos dabei und konnte nichts dagegen tun, und alles, was ich hatte, war die vage Hoffnung, die uns in der Prophezeiung übermittelt wurde."

„Und dann haben Sie Harry zur Waffe gemacht", sagte Hermione leise.

„Ich wusste nur, dass man Voldemort aufhalten, ihm entgegentreten musste – um beinahe jeden Preis. Um jeden Preis."

„Wozu herumrechten? Es hat funktioniert, oder? Harry hat es geschafft", sagte Ron schlicht. „Und jetzt hat er sogar noch als Clavicustos funktioniert und dabei das Unheil verhindert, vor dem Sie die ganze Zeit Angst hatten."

Hermione schnaubte.

„Ja", sagte Dumbledore. „Das hat er."

Harry hatte eine abgrundtiefe Müdigkeit überkommen. Er konnte kaum die Augen offen halten. Er wollte fort aus diesem Flur, fort aus diesem Gespräch, das sich im Kreise zu drehen schien, rundherum und rundherum –

„Wozu bloß?", brachte er heraus. „Wozu ist das Ganze nun gut gewesen? Was hat es genützt, dass Sie die eine Zukunft kannten und verändert haben? Wenn sich das Ganze doch nur irgendwie wiederholt hat, und Sie immer noch nichts verhindern konnten –"

„Diesmal habt ihr gesiegt", sagte Dumbledore einfach.

„Haben wir das? Wirklich?", fragte Harry müde und dachte an die Angstschreie in seinem Kopf, an die dunklen Untiefen, die auf einmal überall zu lauern schienen. „Ich komm mir vor wie ein Rädchen in einem riesigen, sinnlosen Uhrwerk, das einfach immer weiter tickt." Ihn schwindelte förmlich von diesem gleichgültigen Rundherum – er musste sich drehen und drehen und konnte nicht ausbrechen, musste dem Takt folgen, den dieses Uhrwerk vorgab. Die Freude, die er vorhin gespürt hatte, war erstickt.

„Harry, wenn du die unendlich verschlungenen Wege bedenkst, die uns alle bis hierher, bis zu diesem Augenblick geführt haben – wenn du das unglaubliche Zusammenwirken vieler kleiner und kleinster Ereignisse bedenkst –"

„– das doch wieder beinahe zur Katastrophe geführt hat – das seine Eltern doch wieder getötet hat – und Sirius – und Lupin –", unterbrach ihn Hermione grob. „Sie hätten Tom Riddle finden müssen, bevor es zu spät für ihn war – vielleicht hätte das etwas geändert!"

„Ich weiß es nicht, Miss Granger. Ich habe mich das oft gefragt. Wenn ich seinen richtigen Namen gekannt hätte – wenn ich ihn hätte suchen können –" Er verstummte.

„Sie haben sich geirrt", sagte Harry schließlich müde. „Sie waren nie derjenige, der das Uhrwerk in Gang setzt. Sie waren auch immer nur ein Rädchen darin."

„Ich habe lange gebraucht, um das einzusehen", sagte Dumbledore. „Und noch länger, um es zu akzeptieren. Aber dieses so überaus komplizierte Uhrwerk, in dem wir alle Rädchen sind – das zählt keine verlorene Zeit ab, davon bin ich überzeugt. Etwas wurde gewonnen." Und er sah Harry in die Augen, mit einem erstaunten Ausdruck, als habe er das in eben diesem Moment selbst erst erkannt.

Harry senkte den Blick. Ja – er fühlte es, wortlos und ganz in der Tiefe. Etwas war gewonnen …

„Ich muss jetzt – hier raus", sagte er. „Ich kann einfach nicht mehr denken."

„Geht uns nicht anders", sagte Ron, stand auf und streckte sich.

„Eine Frage noch!", forderte Hermione, als sie sich schon zum Gehen wandten. „Was ist aus Roses Sohn geworden?"

„Ich habe ihn nie gefunden", antwortete Dumbledore. „Ich nehme an, dass auch er mit einem schweren Gedächtnisverlust in dieser Zeit ankam – und kann nur hoffen, dass er ein glückliches Leben gefunden hat! Er müsste noch leben – ich habe immer darauf gewartet, dass er eines Tages als Schüler in Hogwarts vor mir stehen würde." Er erhob sich und zögerte dann doch. „Harry?"

Harry, der sich gewissermaßen schon zur Flucht gewandt hatte, blieb resigniert stehen. Er wusste, was jetzt kommen würde. Jetzt würde die Inquisition wegen Voldemort beginnen. Er konnte einfach nicht mehr.

„Harry – wirst du mir eines Tages von der Kammer erzählen?"

Harry sah ihn überrascht an. „Wenn ich kann –"

oooOooo

Die Zerstörung des Ministeriums beherrschte auch drei Tage nach dem Ereignis selbst Zeitungen und Köpfe der magischen Welt. Der Lärm, der das gewaltige unterirdische Gebäude schließlich in sich hatte zusammenfallen lassen, war in ganz London zu hören gewesen, und es hatte unzählige Manöver des Amtes für Desinformation und der Spezialisten für Gedächtniskontrolle erfordert, die aufgeregten Muggel darüber hinwegzutäuschen. Scrimgeour hatte noch keine endgültige offizielle Stellungnahme zu den Ereignissen herausgegeben, und so wirbelten fantastische Gerüchte durch die magische Welt. Eine ganze Reihe von bedeutenden Ministerialen wurde zu ihren Ansichten und Vermutungen interviewt und zitiert, diverse Unfall-Szenarien wurden erstellt, besprochen und schließlich verworfen, und im Großen und Ganzen tendierte man zu der Ansicht, dass es sich um ein Attentat gehandelt haben müsste. Irgendein gänzlich unbekannter Journalist grub tatsächlich den Fall Gillespie und Rottenwhile aus und wies darauf hin, dass diese beiden vor hundertzwanzig Jahren den ehrwürdigen Versammlungssaal des Wizengamot mithilfe einer schreienden Alraunenkugel buchstäblich zersprengt hätten.

Natürlich fiel auch der Name Voldemort wieder, und Rita Skeeter gelang in einem Artikel voller dunkler Andeutungen in der Hexenwoche das Kunststück, sowohl Brian Skanne als auch den „vermeintlich verstorbenen" Severus Snape als dessen verdächtige Handlanger dastehen zu lassen.

Die Direktorin des Gefängnisses Forgettable Island, Dolores Umbridge, bestand darauf, dass Magische Brigaden zu Schutz und Wache auf die Insel entsandt wurden, damit ihre Einrichtung nicht als nächste einem Attentat zum Opfer fiele. Besorgte Eltern bombardierten das Ministerium, das nun in einem ehemaligen Fabrikgebäude der Muggel untergebracht war, mit Fragen zur Sicherheit von Hogwarts, und als es am Silvestermorgen zu einer kleinen Explosion in der Winkelgasse kam, kochte geradezu eine Welle der Hysterie in der magischen Welt hoch – auf einmal schien es nirgends mehr sicher zu sein, und keiner wollte sein Haus noch verlassen. Die Explosion wurde indes rasch als ein verfrühtes Feuerwerk überführt, und am Abend erschienen dann nicht nur die Leute, die einfach Lust zum Feiern hatten, sondern auch alles, was Rang und Namen, aber kein Ministerium und keinen Ministeriumsball mehr hatte, zum groß angekündigten Straßenfest in der Winkelgasse. Der Erfolg dieses Festes, das Weasleys Zauberhafte Zauberscherze so lange und bis ins Kleinste vorbereitet hatte, war wohlverdient und überwältigend.

Der unerwartete Knalleffekt am Jahresende versprach jedenfalls, alle anderen unangenehmen Themen erst einmal zu verdrängen: Verdächtige Machenschaften in der Mysteriumsabteilung, ein verschwundener Abteilungsleiter, ein gestrauchelter Minister-Berater, unaufgeklärte Drachenpocken-Tode – all das war Schnee von gestern. Jetzt wurde heftig darüber diskutiert, wie lange der Wiederaufbau des Ministeriums wohl dauern würde und ob das nicht die passende Gelegenheit für gewisse Neuerungen sei, die längst fällig gewesen wären – und so weiter und so fort.

Harry legte die Zeitungen beiseite, die Ron ihm eben noch gebracht hatte. Der Heiltrank, den Madam Pomfrey ihm verabreicht hatte – ein ordentliches Mittagessen wäre ihm lieber gewesen, aber das wollte sie ihm noch nicht erlauben – wirkte jetzt, und die Schmerzen in seiner Kehle und in der Seite ließen nach. Sie hatte ihn außerdem zu einer Ruhestunde verdonnert, und er war müde genug, um nicht dagegen zu protestieren. Er schloss die Augen. Seit dem Gespräch mit Dumbledore driftete er durch die Stunden, ließ Heiltränke und Ermahnungen über sich ergehen, versuchte halbherzig, etwas von dem Kram in den Zeitungen zu lesen, verschloss sich vor den Gedanken, die auf ihn einstürmten, und wollte eigentlich nur eins: In Ginnys Nähe sein.

Mit ihr sprechen, irgendwelche wichtigen Dinge aussprechen, das konnte er nicht. Wie hätte er auch – er war sich nicht einmal im Klaren darüber, wo er jetzt stand und wie es mit ihm weitergehen sollte. Aber es tat gut, bei ihr zu sein und in ihren Augen das zu sehen, was er im St. Mungo darin gesehen hatte. All die wirren Geschichten, die sie in den letzten Tagen gehört haben musste, hatten das Strahlen nicht dämpfen können, das von ihr ausging, von ihrem Lächeln, von jeder ihrer Bewegungen. So hatte er sie gekannt, so war sie damals gewesen, in der kurzen Zeit, in der sie zusammen gewesen waren vor Dumbledores Tod. Sie nahm es hin, dass er einfach nur schweigsam an ihrer Seite klebte an diesem kalten, grauen Neujahrstag. Sie sagte wenig, fragte nichts, sah ihn nur immer wieder an. Es war, als hätte sie beschlossen, ihn nicht mehr aus den Augen zu lassen.

An diesem Tag wusste keiner der drei so recht wohin mit sich, und jeder schien mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Die Geschichte, die Dumbledore ihnen erzählt hatte, war so ungeheuerlich, dass sie darüber erst einmal nicht reden konnten. Sie hatte bei ihnen ein ungutes Gefühl hinterlassen, eine vage Enttäuschung – es war, als hätte Dumbledore sie auf irgendeine nicht ganz fassbare Weise verraten. Es gab auch noch so vieles, das Harry die beiden anderen hätte fragen sollen – bei ihm hatte das Gespräch am Morgen eigentlich mehr Fragen aufgeworfen als geklärt. Aber er konnte sich nicht dazu aufraffen.

Nur eine einzige Frage stellte er, und diese an McGonagall. Als er gerade einschlafen wollte, hörte er Schritte und öffnete die Augen wieder in der Hoffnung, dass es Ginny war. Rasch schnappte er sich die Brille vom Nachttisch, die Hermione am Vormittag irgendwo für ihn aufgetrieben hatte (es war nicht seine, aber besser als gar keine). Aber es war die Direktorin, die da durch die Tür der Krankenstation kam und an seinem Bett stehen blieb.

„Mr Potter, gut, dass Sie wieder auf den Beinen sind!", begrüßte sie ihn und ignorierte damit die Tatsache, dass er eigentlich schon wieder im Bett lag. „Ich wollte nur kurz nach Ihnen sehen. Sicher haben Ihnen Ihre Freunde schon gesagt, dass Sie sich diesmal nicht in irgendwelchen Verkleidungen hier herumschleichen müssen. Der Minister selbst hat Ihnen einen – einen unbehelligten Aufenthalt zugesichert, wie er es nannte. Wobei ich mich frage, wieso er das eigentlich für nötig hält – schließlich sind Sie ein freier Mensch, nicht wahr!" Sie schenkte ihm ihr seltenes, freundliches Lächeln. „Auch ich werde Sie nicht behelligen. Ruhen Sie sich aus. Unterhalten können wir uns später. Sie dürfen so lange in Hogwarts bleiben, wie Sie das möchten!"

„Vielen Dank, Professor McGonagall. Aber eine Frage hab ich –"

„Ich war zwar eigentlich der Meinung, dass ich diejenige mit den Fragen bin – aber bitte! Was gibt es?"

„Es geht um – Snape. Ich bin ihm begegnet, im St. Mungo. Er sagte, dass Sie Bescheid wissen und so. Ich wollte nur fragen – wo ist er jetzt?"

„Sie sind ihm begegnet?", fragte sie erschreckt und setzte sich nun doch auf den Stuhl neben seinem Bett. „Du meine Güte – das heißt, Sie wissen – haben Sie jemandem davon erzählt, dass er noch lebt? Ihren Freunden?"

„Nein, keine Sorge, mach ich auch nicht. Aber ich muss wissen, wo er ist."

„Das wüsste ich auch gern! Wir waren zusammen im Hospital, um Professor Harper zu besuchen. Dort ist er spurlos verschwunden. Um ehrlich zu sein, ich mache mir große Sorgen um ihn. Er war gar nicht gesund."

Gesund genug, dachte Harry bitter. „Geht es Professor Harper jetzt besser?"

„Sie ist krank", erwiderte McGonagall knapp. „Allerdings ist sie jetzt wieder in Hogwarts, weil sie das so wollte und weil ich denke, dass sie hier besser aufgehoben ist." Sie erhob sich wieder. „Sie müssen mir so bald wie möglich Genaueres über Ihr Zusammentreffen mit Professor Snape berichten. Und bitte, schweigen Sie weiterhin darüber, dass er noch lebt. Gegenüber jedermann!"

„Bestimmt", sagte Harry müde. Dann war Snape also wieder untergetaucht. Wie lange mochte er das ohne den Tarnumhang wohl durchhalten?

„Sie sollten jetzt ein bisschen schlafen, Mr Potter. Sie sehen auch nicht gerade gesund aus." Sie bedachte Ginny, die gerade hereinkam, mit einem strengen Blick. „Hinaus mit Ihnen, Miss Weasley. Potter braucht jetzt Ruhe!"

oooOooo

Ron war es, der am Nachmittag die rettende Idee hatte. „Lasst uns zu Hagrid gehen!", schlug er vor, als sie alle vier trübselig in der Krankenstation herumsaßen. „Er wartet bestimmt schon auf uns. Das heißt, falls du wieder laufen kannst, Alter."

„Klar. Mir fehlt nur ein richtiges Essen."

„Gut. Sonst hätt ich dich ja auch tragen können", gackerte Ron. „Bin gerade ganz gut in Übung."

Hermione sah ihn böse an. Sie hatte noch kein Wort gesagt. Mit der roten Nase und den verquollenen Augen sah sie aus wie jemand auf dem Höhepunkt einer wüsten Erkältung, und ihre Haare erweckten den Eindruck, dass sie sie heute noch nicht gekämmt hatte. Ihr Anblick tat einem richtig weh, fand Harry.

„Ich hab keine Ahnung, wovon du redest", sagte er. „Aber Hagrid hat bestimmt irgendwas zu essen, und deshalb lasst uns schnell abhauen, bevor die Pomfrey wieder auftaucht!"

Das Ministerium mochte zu Schutt zerfallen sein, aber hier in Hogwarts waren Weihnachtsferien, es lag Schnee, und der Himmel sah noch nach einer ganzen Menge mehr davon aus. Die Schüler, die während der Ferien geblieben waren, tobten also durchs Gelände, soweit sie nach dem umfangreichen Neujahrsfrühstück und einem üppigen Mittagsimbiss dazu noch in der Lage waren. Niemand interessierte sich für die vier, die langsam über die Wiesen zu Hagrids Hütte hinübergingen. Sie machten einen Bogen um eine wilde Schneeballschlacht und tauchten schließlich zwischen tief verschneite Hecken ein. Die frische Luft brachte Harrys Lebensgeister allmählich wieder zurück.

„Im Propheten stand, dass sie das Ministerium jetzt in einer alten Fischfabrik untergebracht haben. Ist das'n Witz?", fragte er.

„Leider nicht. Was anderes haben sie auf die Schnelle nicht gefunden. Und das Ding haben sie entrückt, du kommst nur auf persönliche Einladung rein. Ehrlich gesagt, wer einmal da war, will auch nicht noch mal hin."

„Aber – es besteht doch keine Gefahr mehr", wandte Harry ein. „Wieso entrücken sie es?"

„Scrimgeour hat offiziell bisher nur gesagt, dass die Untersuchungen im Gang sind – du hast die Zeitungen ja gesehen! Alle Welt rätselt also rum, was eigentlich passiert ist. Wir mussten vorgestern bei ihm zum Verhör antanzen, Hermione und ich und Welldone. Schätze, du kommst auch noch dran. Er hat das Inquisitorium Cucudi zusammengerufen, und dann ging es los – Fragen ohne Ende, tja, und jede Menge peinliche Einsichten. Barclay, der stellvertretende Leiter der Mysteriumsabteilung – der Typ, der wie eine Schildkröte aussieht, falls du dich erinnerst – der ist komplett zusammengebrochen und hat ein langes Geständnis abgelegt. Hat anscheinend seit Jahren gewusst, dass Cucudi Caducus Fugit ist und seinen Vorgänger im Amt aus Rache erledigt hat. Angeblich hat Fugit diesen Dunstable vor die Wahl gestellt, entweder öffentlich zu gestehen, dass er ihn gefoltert und mit Drachenpocken infiziert hat und warum – oder selbst eine kräftige Portion Draciola einzunehmen."

„Ich frage mich, woher Barclay das eigentlich wissen will", sagte Hermione. „Er wird ja wohl kaum dabei gewesen sein."

„Und ich frag mich ehrlich gesagt, worüber genau ihr eigentlich redet", erklärte Harry. „Mir ist immer noch nicht klar, war da nun alles passiert ist."

„Jedenfalls ist die Sache Cucudi damit jetzt gelöst. Und ich wette, die Mysteriumsabteilung wird als Letzte wieder aufgebaut. Na, mir soll's recht sein", endete Ron vergnügt und wedelte mit seinem Zauberstab den Schnee von den Hecken. Bunte Funken stoben auf und zwangen Ginny und Harry immer wieder, sich zu ducken.

„He, kannst du das endlich mal lassen, Ron?", beschwerte sich Ginny, als eine ganze Wolke grüner Funken ihre Jacke streifte.

„Tschuldigung – aber das Ding ist einfach klasse. Der beste Zauberstab, den ich je hatte. Hab ich schon erwähnt, dass ich ihn auf Anhieb gefunden habe? Ich hab ihn da gesehen und im selben Moment –"

„Ja, Ron, schon ungefähr zweihundertfünfzehn Mal", sagte Ginny und lächelte Harry an. „Wir wissen's jetzt!"

„Du solltest auch zu Kyrill Pan gehen, Hermione", rief Ron. „Die Auswahl ist echt riesig. Und du kannst ja nicht mehr ewig damit warten."

„Im Moment bin ich einfach nicht in der Stimmung dazu", murmelte Hermione, die vorweg ging. Sie war im Moment offenbar in der Stimmung zu gar nichts. Harry fing an, sich Sorgen um sie zu machen.

„Das Beste ist: Weil Skanne weg ist, ist auch die Sache wegen unbefugten Aufenthalts im Verhörraum und so vom Tisch", fuhr Ron fort und tupfte mit dem Zauberstab hier und da gegen die schneebeladenen Äste, so dass Harry und Ginny hinter ihm nun Schnee und bunte Tropfen auf den Kopf klatschten. „Meinetwegen kann Skanne also gern sonst wo mit meinem alten Zauberstab rumzaubern!"

„Skanne zaubert nirgends mehr", sagte Hermione.

Hagrids Hütte kam nun in Sicht, und als Harry den Rauch aus ihrem Schornstein in die graue Luft aufsteigen und das Licht in den kleinen Fenstern sah, hatte er auf einmal das Gefühl, dass er genau das jetzt brauchte.

„Dumm genug von ihm", erwiderte Ron. „Harry ist auch zurückgekehrt aus dieser – dieser verlorenen Zeit. Die Zeitenuhr hatte eine Zurück-Funktion, stimmt doch, Harry, oder?"

„Ja."

„Hast du mal überlegt, wohin ihn die gebracht hätte?", fragte Hermione mit derselben tonlosen Stimme wie zuvor.

Hatte er offenbar nicht. Aber jetzt erreichten sie die Hütte, und Hagrid kam heraus – Harry blieb unwillkürlich stehen in der Erwartung, dass sich etwas Knurrendes mit vielen Zähnen an Hagrid vorbei und auf sie stürzen würde. Aber einen Nachfolger von Ambrose gab es anscheinend noch nicht, stattdessen wurden sie herzlich und gerührt von Hagrid begrüßt und hereingebeten.

Drinnen war es so warm und behaglich, wie es von draußen ausgesehen hatte, und es roch nach dem Kaninchenragout, das in einem großen Kessel auf dem Herd schmurgelte, nach getrockneten Kräutern und Pilzen und frisch aufgebrühtem Tee. Als sie endlich alle um den Tisch versammelt saßen, fühlte sich Harry wie früher, wenn sie nach einem langen Nachmittag im Schnee nach Hause gekommen waren – und zu Hause, das war immer irgendwo in Hogwarts oder im Fuchsbau gewesen.

Das Ragout (in das sich, wie er Hagrid kannte, auch das ein oder andere Stück Maulwurf verirrt haben mochte) war wider Erwarten köstlich, und es gab auch noch Kartoffeln und Steckrübenmus dazu, und eine ganze Weile war Harry nur damit beschäftigt, seinen schon so endlos lange leeren Magen zu füllen. Und irgendwann, irgendwann während dieses Essens erkannte er, dass die Entscheidung erst einmal gefallen war. Vielleicht war sie auch nur vertagt. Auf jeden Fall lebte er jetzt, und mit jedem Bissen Kaninchenragout füllte er genüsslich mehr von diesem Leben in sich hinein.

Mit der Mahlzeit kam überhaupt eine beinahe wohlige Stimmung auf, die nur Hermione nicht zu erreichen schien. Sie saß auf der Eckbank und stocherte in ihrem Essen herum.

„Also, Harry, was ich jetzt unbedingt mal wissen will – hast du eigentlich wirklich nichts von diesem Wahnsinnsradau gehört, da unter deinem – dieser Rüstung?", fragte Ron schließlich, als er sich noch eine dritte Portion Ragout nahm.

„Ich hab gar nichts gehört", sagte Harry. „Als ich das Ding gefunden hab, im Schacht, da hab ich den Lärm – na ja, gefühlt. Aber nichts gehört."

„Glück gehabt. Es war furchtbar, glaub's mir. Meine Ohren haben die ganze Nacht danach geklingelt. Und Welldone war vorgestern noch schwerhörig – Scrimgeour musste ihn alles zweimal fragen."

„Ich hab gestern noch Kuchen gebacken", sagte Hagrid, als die Töpfe leer waren. „Heckennusskuchen. Dacht' mir, dass ihr bald vorbeikommen würdet."

Der Kuchen war auch gut, und nach dem zweiten Stück fühlte sich Harry endlich in der Lage zu fragen – und die Antworten anzuhören.

„Jetzt will ich wissen, was passiert ist. Der Reihe nach", sagte er. „Wieso wart ihr im Ministerium? Woher hattet ihr die Spieluhr? Und den Schlüssel für die Kammer? Warum war dieses Ding in dem Schacht, und wie ist es reingekommen? Wieso war Caducus Fugit der Seifenbläser? Und – ach, überhaupt alles. Fangt mit der Spieluhr an. Woher hattet ihr die? Wo ist sie jetzt?"

„Die letzte Frage ist die einfachste", sagte Ron, als Hermione schwieg. „Die Spieluhr hat, wie schon erwähnt, Welldone, und der hat sich vorgestern in den Urlaub verabschiedet."

„Also gut. Dann erzählt jetzt am besten einfach."

Das übernahm im Wesentlichen Ron. Er berichtete, wie Hermione unbedingt den arkturischen Schlüssel an der Spieluhr hatte ausprobieren wollen, weil auch diese die Signatur des Arkturius trug. Wie sie sich im Ministerium getroffen und wie er den Schlüssel aus der Beweismittelkammer genommen hatte, wie sie schließlich im Verhörraum ausgerechnet von Skanne und seinem Gefangenen überrascht worden waren – dem Seifenbläser, der sich dann zur größten Überraschung als Caducus Fugit erwiesen hatte. Wie Skanne sie eingesperrt hatte und verschwunden war – vermutlich, um sich die Zeitenuhr zu holen, deren Versteck er durch die Legilimentation von Fugit erfahren haben musste. Wie Hermione schließlich doch noch Schlüssel und Spieluhr zusammengebracht hatte – und wie sie dann die Geschichte des Arkturius gehört oder besser gesagt miterlebt hatten … Und wie danach plötzlich Erdstöße das Ministerium erschütterten – genau solche Erdstöße, wie sie sie gerade noch in Arkturius' Zukunftserinnerung erlebt hatten. Und wie sich immer klarer zeigte, dass Caducus Fugit vollkommen verrückt war und ein furchtbares Spiel in Gang gebracht hatte.

„Ausgerechnet mit euch hat Skanne den da eingesperrt, und ausgerechnet in dem Moment – das ist Wahnsinn!", murmelte Harry. „Dumbledore hat vielleicht doch Recht mit seinem Uhrwerk. Dass es nicht sinnlos ist, meine ich. Wenn diese beiden Ereignisse nicht zusammengetroffen wären, dann hätte Fugit Erfolg mit seiner Alraunenbombe gehabt!"

„Ja, und wenn Hermione nicht im richtigen Moment kapiert hätte, was da eigentlich ablief, und wenn sie nicht darauf bestanden hätte, dass Scrimgeour dich sofort holt –"

Der Gedanke an den Dschinn verschloss Harry den Mund wieder, und Ron erzählte weiter, wie Scrimgeour Malfoy und Malfoy seinen Dschinn und dieser dann Harry geholt hatte, und wie sie alle in die Mysteriumsabteilung gegangen waren. Hermione hatte anfangs noch hier und da ergänzende Bemerkungen gemacht, aber seit einiger Zeit war sie ganz verstummt, zerbröselte ihr Kuchenstück und schob die Krümel auf dem Teller hin und her.

„Ich dachte ja, sie ist komplett durchgedreht, als sie da unten vor der Tür schon wieder diesen Schlüssel zückte, aber dann …"

Harry fing Ginnys Blick auf. Ginny saß neben ihm und sah ihn von der Seite an, und das lenkte ihn fast von Rons Bericht ab.

„Hallo, Harry – willst du das nun hören oder nicht?", fragte Ron schließlich erbost. „Ich hab dich diesen ganzen verdammten Schacht raufgeschleppt, dich und dieses Stundenglas-Dings – da hab ich ein bisschen begeistertere Aufmerksamkeit verdient, finde ich!"

„Ich find's ein starkes Stück, dass ihr mir das mit der Spieluhr verheimlicht habt!", sagte Harry und berührte vorsichtig Ginnys Hand. „Wir hätten sie zusammen untersuchen können!"

„Ich find's ein starkes Stück, dass du uns nichts von 'ner Million anderer Sachen erzählt hast, Mann – angefangen mit diesem Brief von Dumbledore. Und als Krönung hast du auch noch kein Wort von diesem Zeitenwandler gesagt!"

„Den hab ich doch nur durch Zufall gefunden, nur ein paar Stunden, bevor ihr mir den Dschinn geschickt habt!"

„Du hast übrigens vergessen zu erwähnen, was du damit gemacht hast, Harry! Du hast ihn doch ausprobiert, wenn ich das richtig verstanden hab?"

„Ja, hab ich. Aber ich kann's im Moment nicht erzählen. Gib mir ein paar Tage, ja? Ich muss da erst noch mal drüber nachdenken."

„Na klar. Wo du doch so viel empfindsamer bist als wir anderen – da brauchst du auf jeden Fall ein paar Tage –"

„Jungs – wollt ihr jetzt etwa streiten?" Es war das erste Mal, dass Hagrid etwas sagte, seit Ron angefangen hatte zu berichten. Mehr erstaunt als ärgerlich sah er sie unter seinen buschigen Augenbrauen hervor an. „Esst noch was! Heckennüsse sind Butter für die Nerven! Kekse sin' auch noch da!"

„Tschuldige", sagte Ron, noch immer nicht gerade friedlich. Es war deutlich, dass er seine Schwester nicht unbedingt so nahe neben Harry sehen wollte. „Wir haben uns einfach 'ne Menge Sorgen um dich gemacht in den letzten Tagen."

Harry winkte ab. Er wusste, dass er sich blöd benahm, aber er hätte jetzt beim besten Willen nicht über seinen Ausflug in diese komische Vergangenheit reden können, über das, was er da beinahe getan hätte, über das Land der Verlorenen und schon gar nicht über das monströse Ende dieses Ausflugs. Wie er Snape aus der ganzen Sache herauslassen sollte, war ihm ein Rätsel. Ohnehin fühlte er sich wie ein Betrüger, weil er hier in dieser Runde mit ihnen zusammensaß und so tat, als wäre er einfach nur Harry, ihr guter alter Freund. Eigentlich hätte er auch nicht Ginnys Hand halten sollen. Er musste es ihnen sagen – aber er hatte keine Ahnung wie. Und ihm graute davor.

„Vielleicht sollten wir morgen weiterreden", sagte Ginny auf einmal und drückte seine Hand in der ihren. „Ihr seid alle durch den Wind, und das ist ja auch kein Wunder. Wir könnten einen Spaziergang machen – oder einfach noch ein bisschen hier rumsitzen und essen und – was weiß ich, über Quidditch reden oder so!"

Morgen. Das war es, was er in Ginnys Augen sehen konnte: Zukunft. Aber durfte er die haben?

„Nehmt's mir nicht übel", sagte Hermione und stand auf. „Aber ich muss jetzt noch – noch ein bisschen arbeiten. Danke für das Essen, Hagrid." Damit nahm sie ihren Umhang und verließ die Hütte.

„Sie hat keinen Bissen gegessen", meinte Hagrid betrübt. „Was is' mit ihr? Hattet ihr Streit, Harry?" Die ineinander gelegten Hände von Harry und Ginny waren ihm wohl nicht entgangen.

„Nein", antwortete Harry unsicher.

„Ach was, die zickt nur herum. Macht sie schon die ganze Zeit", sagte Ron, aber auch er klang etwas unbehaglich.

Harry hätte schwören können, dass sie sogar während des Essens mit den Tränen gekämpft hatte. Er konnte sie unmöglich so gehen lassen.

„Wartet mit Quidditch einen Moment", sagte er und stand auf. „Ich bin gleich zurück."

oooOooo

Draußen dämmerte es, und es hatte wieder angefangen zu schneien. Hermione bog eben um die Ecke auf den Wiesenpfad ein, als Harry sie erreichte.

„Warte – warte doch!", rief er und überholte sie keuchend. „Oh Mann, zwing mich nicht, noch weiter zu rennen – nicht nach diesem Essen! Hermione! Was ist mit dir? Warum weinst du die ganze Zeit? Ist es wegen – ich meine, wir haben es doch alle geschafft –"

„Fast alle", erwiderte sie.

„Du weinst aber bestimmt nicht wegen Skanne und Fugit, oder?"

„Nein, eher wegen dem Ministerium", sagte sie und versuchte ein Lächeln und fing dann doch wieder an zu schluchzen.

Er nahm sie in die Arme. „Jetzt wein doch nicht mehr. Was ist denn nur los?"

„Es ist nur – ich hab alles falsch gemacht – und dir hab ich auch noch diesen Dschinn auf den Hals gehetzt – ich hätte nie – nie – nie –"

„Hermione, wenn du das nicht gemacht hättest … dieser Dschinn, der hat mich – aufgefangen. Ich – ich bin vom Dach gefallen, vom Dachgarten des St. Mungo. Er hat mich im Fallen aufgefangen. Verstehst du?"

Sie hob den Kopf und sah ihn fassungslos an. „Du bist vom Dachgarten gefallen? Und das stimmt?"

„Ja, verdammt. Das stimmt." Er versuchte zu lächeln, obwohl ihm nicht danach zumute war. „Der Dschinn hat mir das Leben gerettet. Malfoy wird seinen Umhang fressen, wenn er das je erfährt! Und jetzt wein nicht mehr!"

„Malfoy hat Riesenärger gekriegt, und für seinen Dschinn haben sie extra einen Experten aus dem Osten angefordert, damit der ihn – ich weiß nicht, vernichtet, erlöst, keine Ahnung", erklärte sie lachend und schluckend. „Danke, dass du mir das gesagt hast, Harry. Ich weiß auch nicht, warum ich nicht mit der Heulerei aufhören kann. Ist ja auch egal." Dann löste sie sich aus der Umarmung und sah ihn an. „Harry, denkst du, dass ich – dass ich dich verraten habe? Nicht nur, weil ich Scrimgeour gesagt hab, dass – ich meine auch, weil – weil ich –"

„Nein. Ich denke, was ich gesagt hab. Dass ihr die Besten seid."

„Deine Leibgarde –"

„Meine Freunde", korrigierte er.

„Liebst du Ginny?", fragte sie geradeheraus und sah ihm in die Augen.

„Ja."

„Das ist gut", sagte sie leise. „Ich glaube, das sollte immer schon so sein –"

„Meinst du? Es fühlt sich so an", sagte er, und es klang, als verwirre ihn das. „Ich hab gedacht, du wärst es. Aber – aber dann war es doch Ginny. Ich kann's nicht erklären. Nur, wenn wir nicht zusammen gewesen wären, du und ich, dann hätte ich das nie gemerkt. Ach – das klingt, als ob –"

„Nein, ich hab's verstanden, Harry, ehrlich. Und ich bin so froh, dass es bei dir so ist." Sie hatte schon wieder Tränen in den Augen.

„Hermione –"

„Es tut mir leid – ich kann heut einfach nicht anders – und deshalb geh ich jetzt besser. Wir sehen uns – später beim Essen. Oder morgen." Und damit stapfte sie davon, vage in Richtung der Wiesen.

Harry sah ihr bedrückt nach. Als er sich schließlich umdrehte, um zu Hagrid zurückzugehen, stand Ginny wenige Schritte hinter ihm. Er sah gerade noch die Angst in ihren Augen, bevor sie sie verbergen konnte. Wenn es nur so einfach gewesen wäre, wie Hermione das glaubte!

„Ich weiß, dass es nicht um – um euch beide ging", sagte Ginny rauh. „Aber etwas stimmt nicht, oder? Mit dir. Was ist los?" Dann gab sie sich einen Ruck und kam zu ihm. „Harry?"

Als er ihre angsterfüllten Augen sah, wusste er, dass es jetzt sein musste. „Ich muss dir was sagen", brachte er heraus. „Ich weiß nur nicht, wie."

Da stand sie vor ihm und sah ihm so direkt in die Augen wie gerade noch Hermione. Sie sah ihn lange an, ohne den Blick zu senken – lange, und er konnte nicht weitersprechen. Er fühlte sich verzweifeln unter ihrem Blick. Er durfte sie einfach nicht verlieren. Er war verloren, wenn er sie verlor.

„Ich kann es fühlen", sagte sie schließlich leise. „Etwas ist mit dir passiert, oder? Hast du – bist du – ihm noch einmal begegnet? Ihm – Tom Riddle?"

Er zuckte zusammen. Wie konnte sie das wissen?

„Als du aufgewacht bist, letzte Nacht, da dachte ich zuerst, ich seh in seine Augen", flüsterte sie. „Und dann, dann hast du mich angesehen, und dann waren es deine Augen. Aber – aber ich kann es fühlen, da ist etwas, oder? Ich war ihm so nah damals, im ersten Schuljahr! Das war furchtbar, aber jetzt fühl ich etwas davon – bei dir!"

„Und – ist das auch – furchtbar?" Harrys Stimme krächzte, und er musste sich jedes Wort abringen. In diesem Moment stand seine Welt auf der Kippe, er wusste das, und seine Beine wollten ihn nicht mehr tragen.

„Ich weiß es nicht", flüsterte sie. „Es macht mir Angst, weil es mich an ihn erinnert – aber zugleich kommt es mir so hilflos vor, dieses Etwas! Wie – wie ein Schatten … Sag mir, was passiert ist, Harry!"

„Es gibt einen Zauber, mit dem man seinen Geist auf einen Blutsverwandten übertragen kann. Jemand hat das gemacht. Mit dem, was von ihm – von Voldemort – Tom Riddle übrig gewesen ist. Das ist jetzt – in mir." Nun war es endlich ausgesprochen. Er konnte sie nicht mehr ansehen.

Sie sagte nichts, sie ging auch nicht weg, aber mit jeder Sekunde wurde es dunkler um Harry. Er wollte etwas sagen, wollte erklären, bitten, betteln – aber all das durfte er nicht mehr. Er hatte ihr sein Leben in die Hände gelegt – und da lag es jetzt …

Und dann, als er schon fühlte, wie eine Eiskruste sein Herz überziehen wollte, legte sie die Arme um ihn und zog ihn an sich.

„Kannst du das denn ertragen?", brach es endlich aus ihm heraus.

„Du bist Harry", sagte sie und hielt ihn fest.

Und da glaubte er ihr.

oooOooo

Die Welt war ein weißer Vorhang vor Hermiones Augen, als sie über die weite Wiese in Richtung Hauptportal ging. So oft sie Tränen und Schneeflocken wegzwinkerte, es kamen doch immer neue nach. Harry war vom Dach gefallen? Was hatte Ron noch über ihn gesagt? Schwindelfrei … würde nicht mal im Schlaf stolpern … beste Quidditch-Anlagen … Es war klar, dass Harry ihr wieder irgendwas verheimlichte – aus Versehen wäre er bestimmt nicht vom Dach gefallen. Aber erfunden hätte er so eine Geschichte jedenfalls auch nicht.

Von den Gewächshäusern her kamen Gelärme, Gelächter, schrille Rufe. Anscheinend standen da sämtliche Schüler herum und schrien. Auf dem Dach des Gebäudeflügels hinter den Gewächshäusern konnte man gerade noch eine schmächtige Gestalt erkennen. Sie erschrak – hatte noch das Bild von Harry auf dem Dachgarten vor Augen –

„Spring!", brüllten die doch tatsächlich. „Spring, Carmino!"

Bax! Das war Carmino Bax da oben, und offenbar übte er sich wieder einmal im Sturz-Apparieren! Sie atmete auf. Musste sie da jetzt eingreifen? Als Teil des Lehrpersonals? Sie schluckte, wusste nicht einmal, ob sie genug Stimme für einen Anpfiff aufbringen würde. Und dann sah sie, dass schon ein anderer Angehöriger des Lehrpersonals anwesend war. Er stand am Rand des Schülerpulks und sah genauso neugierig hinauf wie alle anderen. Diese Mütze war unverkennbar. Demnach war er also schon zurück von seinem Urlaub. Sie ging schnell vorbei. Ihm konnte sie jetzt unmöglich gegenübertreten.

Wilder Beifall hinter ihr verkündete, dass Bax sein Manöver wohl mit Erfolg zu Ende gebracht hatte. Sie sah sich nicht um. Bis zum Hauptportal war es jetzt nicht mehr weit.

Aber Welldone erreichte sie noch vorher. „Ich glaube, du schuldest mir noch ein Essen, Hermione", sagte er, und sein Ton war fast so unwirsch wie seine Worte. „Frohes neues Jahr, nebenbei –"

„Wünsch ich dir auch", gab sie zurück. Sie sah ihn nicht an, und sie blieb auch nicht stehen. Sollte er doch denken, was er wollte. Aber natürlich wurde man Dorian Welldone nicht so einfach los. Mit munteren Schritten ging er neben ihr her, und es sah nicht so aus, als hätte er vor, in absehbarer Zeit irgendwo abzubiegen.

„Das mit dem Essen, ich weiß nicht – ich hab keine Zeit – und es ist ja auch – sinnlos", sagte sie schließlich, ohne den Blick von ihren Schuhen zu heben, die den Schnee aufpflügten.

Da blieb er dann stehen, und als sie es merkte, sah sie sich doch zu ihm um. Riskierte einen kurzen Blick in sein Gesicht.

„Wirklich – es hat keinen Sinn", sagte sie noch einmal und hoffte nur, dass sie jetzt nicht heulen musste.

„Also gut – dann sag ich dir eben hier und jetzt, was ich dir sagen wollte. Was die Spieluhr angeht – ich bin sicher, dass du einen triftigen Grund hattest, sie zu nehmen. Es hätte – es hätte vermutlich alles nur komplizierter gemacht, wenn du vorher mit mir darüber geredet hättest."

„Danke", murmelte sie.

„Ich hab sie Oona zurückgegeben."

„Was hast du ihr gesagt?", fragte sie betroffen. „Hast du ihr erzählt, was passiert ist? Mit ihrem – Mann?"

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Das konnte ich nicht. Vielleicht irgendwann später. Ich weiß noch nicht." Dann stahl sich wieder ein Grinsen in sein Gesicht. „Von Oona soll ich dir übrigens was ausrichten."

„Mir?", fragte sie skeptisch.

„Ja. Sie lässt dir sagen, wenn man am ersten Tag des letzten Jahres eines vergehenden Jahrtausends von einem linkshändigen Zauberer gek- … Hermione, nicht – bitte geh nicht!" Mit zwei Schritten war er bei ihr und hielt sie fest. „Es war nicht so gemeint – ich wollte nicht – was ich eigentlich sagen wollte –"

Was er ihr eigentlich hatte sagen wollen, das sagte er ganz leise ganz nah an ihrer Wange. Und dann kam er endlich doch noch bei ihr an, der Kuss, der verloren gegangen war.