Kapitel 36
Die Eltern
Hermine konnte mit Sicherheit sagen, dass er nervös war, als sie in der Nähe ihres Elternhauses apparierten. Snape hatte sie fest bei der Hand genommen, deren Fingerspitzen von kaltem Schweiß überzogen waren und wich keinen Schritt von ihrer Seite.
Schweigend gingen sie nebeneinander die Straße entlang und standen schließlich vor der verschlossenen Haustür ihrer Eltern, wo sie sich eine Weile lang wortlos anstarrten, bis es ihm zu bunt wurde.
„Haben Sie denn keinen Schlüssel, Granger, oder soll ich die Tür für Sie öffnen?", fragte er forsch und griff nach seinem Zauberstab. Es war offensichtlich, dass er alles so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte.
Hermine bekam Panik. „Nein!" Sie legte ihm ihre Hand auf seine, die eiskalt war. „Bitte nicht!", flehte sie und blinzelte ihn mit ihren großen unschuldigen Rehaugen an. „Denken Sie, ich habe vor, hier einzubrechen? Was für ein Bild würde das auf uns werfen? Meine Eltern rechnen nicht damit, dass ich plötzlich hier auftauche ... Nein, nein. Wir werden klingeln, wie alle anderen normalen Menschen auch."
„Wenn Sie es sagen …" Er löste sich von ihrer Hand los, verschränkte die Arme ineinander und lehnte sich an den Türrahmen.
Sie fühlte, dass er am ganzen Leib bebte und nach Halt suchte, obwohl er sich Mühe gab, seine Emotionen zu verbergen.
Langsam atmete sie durch und warf ihm einen aufmunternden Blick zu, als sie antwortete. „Kopf hoch, Professor, so schlimm wird es schon nicht werden." Dennoch zitterten ihre Finger wie Espenlaub, als sie den Klingelknopf drückte.
Er erwiderte nichts weiter als ein leises, weinerliches Knurren, das ihr Mitleid für ihn nur noch größer werden ließ.
Was hatte sie ihm angetan? Sie wollte die Arme um seinen Hals schlingen und ihm sagen, wie leid ihr alles tat, doch er sah sie nicht einmal mehr an, so fertig war er mit der ganzen Situation, in der er steckte.
Bewegung kam ins Haus und endlich öffnete sich die Tür. Mrs. Granger steckte den Kopf durch den Spalt.
„Hermine!", rief sie überrascht und drückte ihre Tochter zur Begrüßung an sich. „Was tust du hier?"
Hermine lächelte gequält. „Hallo Mum."
Mrs. Granger warf einen abschätzigen Blick auf Snape, der in seinen schwarzen Gewändern in dieser Wohngegend sehr ungewöhnlich wirkte. „Und wer ist dein … Begleiter?", wollte sie wissen.
„Das ist Professor Snape, Mum."
Mrs. Granger legte die Stirn in Falten, was Snape keineswegs entging, genauso wie Hermine es oftmals tat. „Du bist in Begleitung deines Professors hier?", fragte sie reserviert. „Hast du etwa was angestellt?"
Hermine rollte mit den Augen. Sie konnte ein leises Knurren neben sich hören und stieß Snape mit dem Ellenbogen in die Rippen.
Er fluchte leise vor sich hin und Hermine gab sich Mühe, ihre Mutter abzulenken, damit sie es nicht hören konnte.
„Eigentlich nicht", sagte sie schnell. „Aber es gibt da einige Dinge, die du erfahren solltest. Und es ist erforderlich, dass du dabei … sitzt." Ihre Mutter legte fragend den Kopf schief. „Bitte, Mum."
Endlich trat sie beiseite und ließ die beiden unerwarteten Besucher eintreten, ohne Snape auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen.
Er funkelte sie mit seinen schwarzen Augen an. Diese Frau besaß einen scharfen Verstand und war definitiv skeptisch.
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Während Hermine ihren Ehemann in der Gesellschaft ihres Vaters auf dem Sofa im Wohnzimmer geparkt hatte, verschwand sie mit ihrer Mutter in der Küche, um ihr bei der Zubereitung des Tees zu helfen. Ihr Vater hatte es nicht einmal für nötig gehalten, bei der Begrüßung die Zeitung aus der Hand zu legen, was kein gutes Zeichen war. Hoffentlich war er einfach nur überrascht von ihrem plötzlichen Auftauchen.
Sie verdrängte den unangenehmen Gedanken daran, was kurz vor ihrer Abreise nach Hogwarts passiert war, als Dumbledore ihr sein eigenartiges Hochzeitsgeschenk zukommen ließ...
Kaum waren die beiden Frauen allein, dauerte es nicht lange und das Gespräch zwischen ihnen driftete genau in die Richtung, die Hermine befürchtet hatte. „Was hat es eigentlich mit diesem Professor auf sich?", wollte ihre Mutter wissen. Sie konnte es ihr nicht einmal verübeln. „Was für eine Art Professor ist er? Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes, aber er wirkt so … animalisch. Und wie ist er überhaupt angezogen? Trägt man so etwas an eurer Schule?"
Hermine grinste verlegen. „Ja, du hast gar nicht so unrecht. Professor Snape ist sehr speziell. Er unterrichtet Zaubertränke - ich habe euch bestimmt schon mal von ihm erzählt. Aber lass dich nicht vom ersten Eindruck täuschen. Glaube mir, das Gefühl, das du hast, kenne ich nur zu gut. Es vergeht mit der Zeit und du gewöhnst dich daran. Er ist wirklich ein sehr guter Lehrer."
„Meinst du? Für mich sieht er aus wie ein Serienkiller, findest du nicht?"
„Interessant, dass du das erwähnst, aber weißt du, wir Zauberer und Hexen sind ein seltsames Völkchen. Glücklicherweise hast du bisher nicht besonders viele Magier kennen gelernt, Mum, sonst würdest du noch ganz andere Dinge über uns sagen ..."
„Hermine", seufzte ihre Mutter ernst. „Wir haben dich immer unterstützt, aber in letzter Zeit passieren seltsame Dinge. Dein Vater und ich hatten einige Diskussionen, während du fort warst. Du hast auf keinen meiner Briefe geantwortet und du wirkst auch sonst so, als wärst du nicht länger du selbst. Denkst du immer noch, du gehörst zu denen?"
„Was?" Hermine war wie vor den Kopf geschlagen.
Nicht. Schon. Wieder.
Selbst ihren Eltern war nicht entgangen, dass die Welt vor einem Wandel stand. Dumbledores Hochzeitsgeschenk und die beiden Briefe, die sie vor ihrer Abreise nach Hogwarts erhalten hatte, hatten wohl oder übel Spuren in ihren Köpfen hinterlassen.
„Du bist so klug und du bist hübsch obendrein. Gibt es denn keinen anderen Ort, als dein Hogwarts, an dem du dich wohl fühlst?"
Hermine holte tief Luft. „Ich dachte, wir hätten das geklärt, Mum. Hogwarts ist mein Zuhause. Es geht mir gut dort. Ich liebe die Herausforderungen und ich liebe das Zaubern. Ich habe Freunde dort …" Sie verstummte schlagartig.
Ich hatte Freunde dort. Jetzt habe ich dafür einen Ehemann...
Vorsichtig lugte sie zur Küchentür hinaus und sah Snape mit einer Muggelzeitung auf dem Sofa sitzen. Er wirkte absolut unglücklich mit seiner Situation.
„Es geht mir gut in Hogwarts, bitte glaub mir", betonte sie noch einmal, doch Mrs. Granger sah nicht gerade zufrieden mit ihrer Antwort aus. „Zugegeben, es wäre bedeutend einfacher für mich, wenn es in unserer Welt nicht diese Vorurteile gegenüber muggelgeborenen Zauberern gäbe, aber …"
„Aber?", rief sie aufgebracht.
„Pst!" Hermine legte ihren Zeigefinger auf den Mund. „Nicht so laut, Mum."
Mrs. Granger senkte die Stimmlage, ehe sie weiter sprach. „Würdest du mir bitte erklären, was das alles zu bedeuten hat? Du hast ein Ehebett geschenkt gekommen, das jetzt zu einem Puppenbettchen geschrumpft in deinem Zimmer steht."
Verdammt!
Am liebsten hätte sie Dumbledore dafür in den Hintern getreten. Hermine biss sich auf die Zunge, ehe sie etwas sagen konnte, was sie später bereuen würde.
„Beruhige dich, Mum. Es gab einige außergewöhnliche Vorkommnisse, die ich dir leider nicht näher erklären kann. Ich muss dich bitten, mir einfach zu vertrauen."
„Wie kannst du so etwas von mir verlangen? Ich war außer mir vor Sorge um dich und jetzt tauchst du hier auf, mit diesem Tier vor unserer Haustür, das mich angeknurrt hat und …"
„Es reicht, Mutter!", brüllte Hermine außer sich. Ihr Kopf war hochrot angelaufen. „Er ist mein Professor und er verdient meinen Respekt. Ich kann nicht zulassen, dass du so über ihn sprichst."
Ihre Mutter starrte sie entgeistert an. „Du erhebst deine Stimme gegen deine eigene Mutter, um ihn zu verteidigen? Das genügt mir, Hermine! Offensichtlich bist du nicht mehr bei Verstand."
Mrs. Granger verließ abrupt die Küche, ehe ihre Tochter etwas dagegen unternehmen konnte und Hermine folgte ihr mit energischem Schritt.
„Mum! Du kannst mich jetzt nicht einfach hier stehen lassen, hast du gehört?"
Die Frau setzte sich demonstrativ zu ihrem Mann, der von seiner Zeitung aufblickte und Hermine und ihren Begleiter kritisch musterte.
Hermine ließ sich neben Snapes eingefrorene schwarze Gestalt auf das Sofa fallen. Sie sah ihm in seine glühenden schwarzen Augen, denen wie üblich nichts entging und nickte ihm zu. Seine Brauen zogen sich tief in der Mitte gutes Zeichen.
Hermine seufzte. „Schön, es tut mir leid, Mutter ..." Sie kaute angespannt auf ihrer Lippe herum und sah Hilfe suchend zu ihrem Vater.
Die Stille im Raum war unerträglich. Minutenlang sprach keiner auch nur ein Wort und Hermines Temperament wurde auf eine harte Probe gestellt.
„Dad!", rief sie plötzlich, als sie genug hatte. „Hast du heute überhaupt schon irgendetwas gesagt, seit ich hier angekommen bin? Wir haben einen Gast, falls es dir noch nicht aufgefallen ist."
Mr. Granger faltete endlich seine Zeitung zusammen. „Es tut mir leid, Schatz, aber ich muss deiner Mutter Recht geben. Ich habe euer Gespräch gezwungenermaßen mit angehört."
Hermine schluckte. Auch das noch!
„Ich kann nicht verstehen, wieso du dir das antust. Du hast es versucht, aber jetzt wird es langsam Zeit, dieser ganzen Sache den Rücken zuzukehren und ein ordentliches Leben zu führen, findest du nicht? Oder glaubst du wirklich, diese Schule ist der richtige Ort für dich? Du bist so clever und könntest mit dem nötigen Fleiß in unserer Welt alles erreichen, was du dir nur erträumen kannst."
Hermine starrte ihn ungläubig an, dann ließ sie traurig den Kopf sinken. Sie fühlte sich zu erschöpft, um weiter darüber zu diskutieren.
Zu ihrer Überraschung erhob sich Snape von seinem Platz und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. „Ich denke, es ist Zeit zu gehen", sagte er mit seiner tiefen, eindrucksvollen Stimme.
Mrs. Granger starrte ihn sprachlos an, als hätte sie nicht damit gerechnet, dass er sich überhaupt artikulieren könnte.
Auch Hermine ließ ihren Blick zu ihm schweifen, seine Stimme ließ sie schaudern und sie kam sich vor, als würde sie in seiner Stunde im Klassenzimmer sitzen und ihm dabei zuhören, wie er unterrichtete. Seine Augen blitzten in ihre Richtung, obwohl er ihren Vater nicht aus seinem Blickfeld ließ.
„Meinetwegen, lasst uns wie Erwachsene miteinander reden", entgegnete ihre Mutter spitz, die sowohl Hermine als auch ihren Begleiter ununterbrochen musterte. Dabei wurde ihr unmissverständlich klar, dass dieser fremde Mann großen Einfluss auf ihre Tochter hatte. Wie groß dieser Einfluss tatsächlich war, würde sie erst herausfinden müssen…
Snapes Mundwinkel rutschten amüsiert nach oben und Hermine wusste, dass er nur auf den richtigen Moment lauerte, um zurück zu schießen. Das war es, was er konnte.
Plötzlich wirkte er nicht mehr verunsichert. Er befand sich in seinem Element und niemand würde ihm an Ausdruck und Rhetorik etwas vormachen können. Ein gewisser Stolz für ihn wallte in ihrer Brust auf und gab ihr neue Hoffnung.
„Vielleicht können Sie uns erklären, was es mit diesen Anschuldigungen auf sich hat, die Hermine über sich ergehen lassen muss, weil sie nicht in Ihrer magischen Welt geboren wurde, Professor?", fuhr Mrs. Granger fort.
Snape warf ihr einen finsteren Blick zu. Seine Lippen waren zurückgezogen, er entblößte die Zähne und stieß ein tiefes Knurren aus. Jeden Moment würde sein Sturm los fegen.
Hermine ergriff die Gelegenheit, ihre Mutter zurecht zu weisen, ehe sie noch weiteres Unheil anrichten konnte. „Es ist genug, Mutter", sagte sie streng.
Snapes schwarze Augen brannten sich gnadenlos auf ihr Gesicht, doch sie mied seinen Blick. „Du hast kein Recht dazu, Professor Snape dafür verantwortlich zu machen, wer oder was ich bin. Ich bin als Muggel geboren und das ist nicht seine Schuld."
„Hermine!", rief Mrs. Granger aufgebracht. „Siehst du denn nicht, was mit dir geschieht? Du hast dich verändert!"
„Ja, das habe ich! Und ich bin froh darüber!"
„Wie kannst du nur so etwas sagen?", fragte ihr Vater entgeistert. „Es wird dich zerstören! Sieh dich an, Kind!"
Snape hatte genug. Er hob die Hand, ehe Hermine etwas erwidern konnte. „Mund halten, Granger!", zischte seine Stimme durch das Zimmer. Seine Haltung glich der einer undurchdringlichen schwarzen Mauer.
Mr. Granger schüttelte sich, als ihn die Wucht der eisigen Stimme des fremden Mannes traf und Mrs. Granger schlug die Hand vor den Mund. „Wie kannst du nur zulassen, dass er so mit dir spricht?", fragte sie entsetzt.
Snape zeigte sich unbeeindruckt von allem und ergriff erneut das Wort. „Niemand sagt meiner Frau, was sie zu tun hat."
Er klang so überzeugend, dass es den Eltern die Sprache verschlug.
Mrs. Granger stöhnte auf und sackte ohnmächtig im Sofa zusammen.
