21: [Im Wandel]
I feel you
Your eyes staring from behind
I know you
Your type, playing with my mind
One more time
I don't think so
One more time, messed up
I don't think so
Once again,
I have to hold it back
Once again, passion
I have to hold it back
Hold back, don't let
Anybody near me
I want to forget, never relive
I push you back,
Sorry, but I can't
Before I engage, I want to revive
I feel you
Getting closer to my heart
When you leave -
I am letting down my guard
Psy'Aviah, 'Attract/Reject'
In den nächsten Tagen nahmen einige Ereignisse, die sich für jene mit aufmerksamen Geistern schon eine Weile angebahnt, vor nicht all zu langer Zeit aber dennoch kaum möglich erschienen wären, stillschweigend unbemerkt und doch ganz offensichtlich den Lauf, den sie immer zu nehmen bestimmt waren, sich stetig dem Punkt nähernd, an dem es für sie unmöglich sein würde, weiterhin lautlos zu bleiben.
-
„Ich brauche keine Eltern, keine Freunde, und schon gar keine Kerle.
Im Grunde ist doch sowieso jeder allein."
-
ICH WILL DIR ABSCHEULICHE DINGE ANTUN
Als Asuka begann, sich zunächst fast nur „Spaßeshalber" für die Aufmerksamkeit des Third Child zu interessieren, hatte sie eigentlich gedacht, dass es eine Angelegenheit von wenigen Minuten sein würde… Sie hatte von sich eigentlich geglaubt, attraktiver zu sein all die kleinen Fische, die dieses Papasöhnchen jemals an Land ziehen können würde und das er so simpel und hormongesteuert, wie er war, sicherlich nicht nein sagen würde…
Aber spätestens der Vorfall mit dieser Brillenschlange neulich hatte sie gelehrt, dass dem nicht so war.
Sie konnte nicht mehr leugnen, dass es doch tatsächlich eine reale Möglichkeit war, dass dieser Idiot ihr ausgespannt werden könnte – Die Brillenschlange war weg, aber das galt leider nicht für dieses First Child – Also eins war schon einmal klar:
Das bedeutet Krieg!
Es gab keinen Wettstreit, den sie je verlieren würde, ob es nun um den besten Synchronwert ging, darum, in der Schule das Gesprächsthema Nummer Eins zu sein oder darum, wer dieses dämliche Third Child abschleppen würde – Oh ja, sie würde es ihnen allen zeigen!
Das hatte sie schon immer so gemacht!
-
WAS IST FÜR MICH WICHTIG?
„Shikinami Asuka? Ah! Das ist dieses unheimlich coole Mädchen aus der A-Klasse! Ah, ich wünschte, dass ich eines Tages so sein könnte, wie sie!"
„Alle wollen entweder mit ihr zusammen sein oder in ihrer Haut stecken."
„Sie ist sowas von cool – Keine Frage, sie ist genau die Person, die man auf die Einladungsliste einer Party setzen muss, wenn man will, das da was abgeht!"
„Sie hat diese… exotische Schönheit, diese kühle Perfektion, die du niemals erreichen wird – Kurz gesagt, sie ist die Sorte von Mädchen, die dir die harte Wahrheir beibringt, dass es immer jemanden geben wird, der besserist als du. Und so einen Menschen trifft jeder früher oder später… einen Menschen, von dem man kaum glauben kann, dass es sie wirklich gibt… Es gibt manche, die soetwas nicht vertragen, und vor Neid kochend nach einem Fehler suchen, aber sie werden keinen finden: Shikinami Asuka Langley ist absolut perfekt."
„Ich habe versucht, ihre Gunst zu gewinnen, aber ich schätze, dass sie letzten Endes nichts mehr schätzt als ihre Unabhängigkeit… Sie gehört zu absolut niemandem, und es gibt niemand, dem sie ganz und gar gehören könnte."
„Es gibt Gerüchte, dass sie es geschafft hat, das Herz des Schulschwarms Shinji Ikari an sich zu reißen – Wie gesagt, es sind nur Gerüchte, und die Beiden würden es vermutlich ohne zu zögern verneinen, wenn man sie danach fragen würde, aber es macht Sinn, schließlich sind sie beide EVA-Piloten. Wenn irgendjemand anderes sich Ikari geschnappt hätte, hätte ich es ihr vermutlich ziemlich übel genommen, aber wenn es jemand ist, der so perfekt ist wie Asuka…war es wohl von Beginn an hoffnungslos… Die Zwei sind einfach in einer ganz anderen Liga…."
„Aber ich weiß nicht, auch, wenn er bei den Mädchen so beliebt ist, erschien mir Ikari-kun immer so ein ernsthafter, freundlicher, sensibler Typ zu sein – Ich kann mir nicht vorstellen, dass er auf Shikinami steht… ich meine, alle sagen immer, dass sie so perfekt ist, aber ich habe gehört, dass sie auch richtig eklig sein kann – wenn jemand gemobbt wird, dann ist sie immer ganz vorne mit dabei!"
„Ach hör doch damit auf. Du bist doch bloß eifersüchtig, dass du ihn selbst nicht abbekommen hast – oder glaubst du eher diesem irren Gerücht, dass er sich für Ayanami interessiert?"
„Ayanami? Die Ayanami? Wer hat denn das in die Welt gesetzt, sollte dass mal ein Aprilscherz sein?"
Ja, wenn ich vorrangehe, werden sie mit mir lachen und kichern, aber keine von ihnen hat auch nur die geringste Ahnung. Wenn sie nur wüssten, wenn ich nur einen Moment lang meine Schwäche zeigen würde, würden sie über mich herfallen wie die Geier. Ich treibe andere in die Ecke, weil ich nicht selbst diejenige sein will, die keinen Ausweg sieht. So ist das halt, Fressen oder gefressen werden.
Ich bin nicht dumm.
Ich weiß ganz genau, dass ich im Grunde völlig allein bin.
Deshalb brauche ich mir soetwas wie Eltern oder Freunde gar nicht erst zuzulegen, es bringt eh nichts.
Du kannst nur so schnell rennen, wie der der vor dir herläuft, also musst du die schnellste von allen sein, wenn du nicht willst, das der große böse Wolf ein Stück aus deinem Arsch herraus beißt.
„Shikinami Asuka? Das ist wohl die Sorte von Mensch, die schon von Geburt an dafür bestimmt ist, Erfolg zu haben… Sie ist intelligent, attraktiv, sportlich, gut in der Schule, spricht vier Sprachen, und der unbestreitbare Klassenschwarm Nr. 1!"
LÜGE
VERSCHWEIGEN
FASSADE
FALSCH
OBERFLÄCHLICH
WAHRES SELBST
ABLEHNUNG
STIEFMUTTER
VORMUND
SCHWÄCHE
SCHÖNER SCHEIN
VERPACKUNG
SCHUTZWALL
MASKE
(„…intelligent, (Nächtelang vor diesen dämlichen Büchern, und diesen abscheulichen Gleichungen, die einfach keinen Sinn machen wollen!) attraktiv, attraktiv („Ich habe solchen Hunger… Oh Mensch, was sieht dieses Steak köstlich aus… Nein, Nein, Nein, ich werde nicht nachgeben, meine Linie steht auf dem Spiel!") sportlich(„Ich muss die beste sein, ich muss!" Wenn man es gewinnen kann, dann kann man es auch verlieren, und das darf ich nicht!), gut in der Schule ( „Wagt es nicht zu sagen, dass ich genau so bin wie ihr! Ich bin nicht wie ihr!"), spricht vier Sprachen (Deutsch, Japanisch, Englich und dieses Drecksfranzösisch aus dem Gymnasium!) und der unbestreitbare Klassenschwarm Nr. 1!")
„Und sie hat ja nicht nur die Privilegien eines „normalen" genialen, erfolgreichen Mädchens… nein, sie schafft das alles, während sie neben bei auch noch die Welt rettet!"
LÜGE
„Mit ihrem EVA!"
LÜGE
„Wie cool!"
LÜGE
„Und dann ist sie auch noch ein richtiger Captain… Sie muss im Vergleich zu uns schon viel, viel reifer sein…"
LÜGE
„Es scheint wirklich, als könnte es keinen Zweifel daran geben, das Shikinami Asuka eine ganz besondere junge Frau ist. Sie ist außerkoren."
LÜGE
"Kein Zweifel… selbst, wenn sie ringsrum von Mädchen umringt ist, Shikinami Asuka ist eine einsame Streiterin."
WAS IST FÜR MICH WICHTIG?
"Nur eine einzige Sache."
„Pah! Seht euch mal diese Idioten an, wie sie sich wie die Schafe um Shikinami scharen!"
Auch wenn die anderen Jugs nur noch eine Blickrichtung kennen als hätte das Second Child den Raum um sie herum verzerrt wie ein schwarzes Loch, Suzuhara und der Rest der Gruppierung, der Shikinami und die Klassensprecherin den wenig schmeichelhaften Namen „Idiotenquartett" verpasst hatten waren scheinbar wenig beeindruckt und blieben in ihrer angestammten Ecke des Raumes, teils an den Wänden lehnend, teils sitzend.
Der hochgewachsene Junge mit dem Kansai-Akzent nahm kein Blatt vor dem Mund, wenn es darum ging, sich über den Rotschopf auszulassen. Aidas Vokabular war etwas weniger dreckig, seine Meinung aber nicht viel besser: „Oh ja, diese armen Spinner wissen gar nicht, was man ihnen da für einen galaktischen Höhlebären aufgebunden hat… Manchmal kann diese zweigesichtige Frau richtig unheimlich sein…"
URTEIL:ZWEIGESICHTIG
Mitsurugi, ewig die Stimme der Vernuft – (Verdammter Streber, er hatte beim letzten Test eine bessere Note als sie selbst, und seit er diesem idiotischen Papasöhnchen Nachhilfe gab wurde sie mehr und mehr ihrer Grundlage beraubt, ihn einen Idioten zu nennen…) versuchte die Beiden etwas zu beschwichtigen… mit der Begründung, dass sie sich nicht auf Shikinamis kindsköpfiges Niveau herunterlassen sollten.
Na toll. Das hasste sie am meisten.
Die anderen zwei waren bloß Idioten, aber dieser Mitsurugi war schon so etwas wie eine Bedrohung…
URTEIL: KINDSKOPF
Pah, wen interessierte es schon, was diese Deppen dachten. Dieser Mitsurugi brauchte sie nicht zu kümmern, der hatte doch eh kein Leben – Kein Wunder also, dass er sich mit diesem Papasöhnchen so gut verstand.
Ikari Shiji, Third Child, designierter Pilot von Evangelion Einheit 01 –
Er war der größe Depp von allem!
Einfach nur darstehend als sei er in Gedanken versunken, seine mitternachtsblauen Augen irgendwie melancholisch, sie stetig betrachtend, als sei sie ein Turm in weiter Ferne.
Dem Idioten hatte sie schön den Kopf verdreht – Seinen Freunden nur ein gelegentliches „Ja, ja…" zunuschelnd saß er da, dieser Depp, weder zustimmend noch neinsagend.
Idiot!
Wenn er sie nicht ausstehen konnte, dann sollte er zu ihr hingehen und es ihr ins Gesicht sagen, und wenn er sie mochte, dann sollte er diese Deppen zurücklassen und zu ihr kommen.
Bei ihr könnte er der Mittelpunkt des Schullebens werden, und auch wenn er sie einmal übertrumpft hatte, weil sie gedacht hatte, dass außer ihr eh keiner so viel von diesem Stoff kapieren würde, so hatte sie noch großes Vertrauen darin, dass sie einje zehnmal bessere Nachhilfelehrerin abgeben würde als dieser bestenfalls leicht überdurchschnittliche Mitsurugi…
Also wirklich, sie hatte gar nicht gewusst, das die Zwei zusammen Schulkram machten – Sie hatte gedacht, die sitzen nur im Dunkeln und lesen deprimierende Poesie.
Sie fühlte sich fast schon richtig verletzt, dass dieser Idiot nicht zu ihr gekommen war, obwohl er da eine Einserschülerin unter demselben Dach wohnen hatte!
Aber natürlich nur fast.
Da ging sie hin und ließ sich tatsächlich dazu herab, ihm für eine Note zu gratulieren, die sie sturzbesoffen im Halbschlaf hinbekommen würde, nachdem sie zwanzig Engel verdroschen hatte, und was sagte er? „Oh, danke Shikinami-san! Das ist sehr nett von dir. Aber eigentlich habe ich es nur geschafft, weil Nagato mir unter die Arme gegriffen hat…"
Pah!
War denn ihr neulicher Versuch, ihm die gesetzte der thermischen Ausdehnung zu erklären – inklusive Fanservice! – nicht gut genug?
URTEIL: IGNORIERT
WAS IST FÜR MICH WICHTIG?
„Nur eine einzige-"
LÜGE
ICH HASSE IGNORIERT ZU WERDEN MEHR ALS ALLES ANDERE
Zu ihrem großen Frust hatte Asuka Shikinami heute Morgen feststellen müssen, dass ihre Geschichten vom Kampf gegen den insubstantiellen Engel, bei dem die halbe Stadt in Schutt und Asche gelegt worden war, über das Wochenende hin zu alten Neuigkeiten geworden waren.
Und alte Neugkeiten sind alt.
Als sie in der Mittagspause auf den Schulhof trat um ihre übliche kleine Rede zu halten, wurde sie von einem Mädchen, dessen Namen es ihr nie wert gewesen war, ihn sich dauerhaft anzumerken, dazu angehalten, sie möge doch ein bisschen warten, sie seien doch alle so Neugierig auf „Aya-chans" Erzählung.
Diese Aya, auch niemand, den Asuka je als ihrer Aufmerksamkeitwürdig empfunden hatte, hatte sich scheinbar aus ebendieser Position in das Zentrum einer Menschentraube katapultiert, indem sie etwas geschafft hatte, was jeder andere verdammte Idiot auch hätte schaffen können: Sie hatte ihr erstes Date erfolgreich hinter sich gebracht, was einen in einer Gruppe von dreizehn- bis vierzehnjährigen Kindern durchaus as ehrwürdigen Weisen brandmarken konnte.
„Wie war es?"
„Wie weit bist du mit ihm gegangen?"
„Ist er älter als du oder gleich alt?"
„Ist es jemand aus unserer Schule?"
„Ich kenne da schon länger einen Jungen, mit dem ich gerne ausgehen würde… kannst du mir vielleicht sagen, wie ich ihn am besten frage? Bei dir hat es ja auch geklappt!"
Dreckig, sich so auszuhuren, nur, um auch einmal im Mittelpunkt stehen zu können!
Sicher, es muss dieser Aya eine große Freude machen, sie aus ihrer Position verdrängt zu haben, aber sie sollte ja nicht auf die Idee kommen, dass das lange vorhalten würde!
Pah, wenn sie es wollte, dann könnte sie zehn Dates haben!
Diese Nerven!
Diese Aya würde zahlen! Zahlen!
Ihrem ersten Impuls folgend ballte Asuka kampfbereit ihre Fäuste zusammen und holte tief Luft – und ebendiese Luft blieb ihr in der Kehle stecken, mitsamt all ihren Wörtern.
Sie hatte vorgehabt, die Gruppe gegen diese Aya aufzuhetzen, aber ihr war nicht klar gewesen wo sie stand – Nicht im Zentrum, noch nicht einmal nahe dran, auch nicht außen, dicht verpackt untergehend im Rest der Menschentraube.
Wenn sie jetzt etwas gegen dieses Mädchen sagte, würde ihr jemand folgen? Oder würde sie am Ende preisgeben, dass sie selbst noch nie auf einem wirklichen Date gewesen war, und selbst das Gespött sein?
Sie war sich… nicht sicher, und diese Unsicherheit jagte ihr kalte Schauer über den Rücken… Wer war sie denn, wenn sie nicht diese ganze Gruppe hinter sich stehen hatte…?
Kalt… es war richtig zum frösteln, zusammen mit all diesen normalen Menschen zu versinken…
„Wagt es nicht zu sagen, das ich genau so bin wie ihr! Ich bin nicht wie ihr! Auf gar keinen Fall!"
ICH HASSE IGNORIERT ZU WERDEN MEHR ALS ALLES ANDERE
Im Abendlicht ärgerlich nahhause stampfend konnte Asuka es sich kaum verkneifen, in scheinbar zufälligen Abständen in die Luft zu boxen.
Noch nicht.
Noch nicht, nicht während noch genug andere Leute um sie herum standen, um sie zu bemerken… Später, später wenn sie ihrem Apartment näher gekommen war und sich die Konzentration der Menschen auf diesen Straßen ausgedünnt hatte, wie es zur Peripherie der Stadt hin üblich war, würde sie reichlich Gelegenheit haben, sich abzureagieren.
„Asuka?"
Uh, es war nur Hikari.
Auch, wenn es ihr ganz und gar nicht gefiel, dass die Klassensprecherin sie mit dem mütterlich-besorgten Blick unter Beschuss genommen hatte, den sie bisjetzt nur aus der Ferne gesehen hatte.
Es verunsicherte sie, und sie wollte nicht verunsichert sein, wenn sie mit ihrer besten Freundin redete.
ICH WERDE NIEMAND DEINEN PLATZ EINNEHMEN LASSEN
„Ja, was ist?" gab sie salopp zurück.
„Uhm… kann es sein, dass dich heute irgendetwas belastet?"
Ein gezwungenes Lachen. „Belastet, ich?"
[…]
„Halt, du meinst das ernst, oder? Du kannst dich wieder beruhigen, es ist nichts. Wie kommst du überhaupt darauf?"
„Ach, nichts, vergiss es…"
Sie sieht nicht aus als hätte sie es vergessen.
Es war eher, als hätte sie beschlossen, die Taktik zu ändern.
„Aber was auch immer sein mag ich… ich wollte nur, dass du weißt, das ich dir dankbar bin."
„…dankbar? Natürlich freue ich mich immer, wenn jemand meine Anstrengungen zu schätzen weiß, aber wofür denn…? Wegen dem EVA-Kampf?"
„Dass auch aber eigentlich… es ist bestimmt seltsam, dass das erst jetzt kommt, aber… Du wirst wohl bemerkt haben, dass ich in unserer Klasse nicht besonders beliebt war – Es ist nur natürlich, wenn man bedenkt, dass es meine Aufgabe ist, für Ordnung zu sorgen und… es ist nicht so, dass ich Probleme damit hätte, es ist für alle zu ihrem besten wenn sie auch mal an ihre Zukunft denken, auch, wenn ihnen viele anderen Dinge jetzt im Moment interessanter vorkommen… Ich war ja selbst bei uns zuhause schon seid ich kleiner war immer die, die für Ordnung gesorgt hat – weil ich sozusagen „In der Mitte" bin konnte ich immer zwischen meiner großen und meiner kleinen Schwester vermeiden, und weil wir keine Mutter haben und unser Vater viel arbeiten muss, war ich immer diejenige, die sich um den Haushalt gekümmert hat… Ichbin zwar nicht die ältere, aber ich denke dass ich von uns allen die war, die die richtige Persönlichkeit dafür hatte… Wenn Nozomi Schwierigkeiten in der Schule hatte, war ich es, die ihr alles erklärt hat, und wenn es Streit gab, war ich immer diejenige, die versucht hat, die Familie zusammenzuhalten.
Irgendjemand musste diese Rolle füllen, und ich war nun einmal am besten dafür geignet, und weil es für mich immer normal war, verantwortlich und ernst zu sein, war es ganz natürlich, das ich das auch in der Schule getan habe… mehr noch, ich wollte in der Schule Verantwortung übernehmen, einmal um der anderen Kinder wegen, die genau wie ich in einer Welt leben mussten, die eine schreckliche Apokalypse hinter sich hatte – Bei euch in Europa muss es wohl weniger schlim gewesen sein, weil es ziemlich weit im Norden liegt, aber in Japan war die Zerstörung groß, da es ohnehin ein für Naturkatastrophen anfälliges Gebiet ist und ein großteil der Infrastruktur am Meer liegt – Ich kann mich noch gut daran erinnern, das der Kindergarten, den ich besucht habe, eigentlich nur ein halbwegs trockener platz in der halb zerbröckelten Ruine eines Einkaufszentrums war…
In so einer Welt konnte ich unmöglich eine Bürde sein, weder für unsere Lehrer und Erzieher, noch für meinen Vater – Schließlich hatte er noch nicht einmal mehr eine Ehefrau, die ihm bei seiner schweren Aufgabe, drei Mädchen großzuziehen, behilflich sein konnte…
Versteh mich nicht falsch, ich habe es nie bereut und ich habe keine Zweifel daran, dass der Weg, den ich gewählt habe, der einzig richtige war, aber je älter ich wurde, umso mehr fiel mir auf, wie die anderen Mädchen in meinem Alter sich anmalten und Frivolitäten nachgingen, und obwohl ich sie unvernünftig fand, konnte ich nicht anders, als sie insgeheim zu bewundern…
Selbst, wenn sie mich zu schätzen wussten, sahen mich die anderen Kinder fast schon als Erwachsene, ich war immer der Anstandswauwau, die Glucke, einfach nur ein Mädchen zu sein, und Dinge einfach nur aus Spaß zu tun, oder weil ich sie nur für mich selbst will, das habe ich gar nicht erst gelernt…
Deshalb hätte ich nie gedacht, dass ich je mit jemandem wie dir befreundet sein würde…
Aber du hast mich einfach als einen Teil deiner Clique aufgenommen und mir gezeigt, dass Erfolg zu haben und das Leben zu genießen nicht immer Gegensätze sein müssen… Und du hast mir erlaubt… einfach dazuzugehören.
Ich… ich wollte dir das einfach nur gesagt haben, damit du… damit du weißt, dass es mir viel bedeutet hatte… Und ich will dass du weißt, dass ich dir nur zu gerne helfen würde, wenn du mal ein Problem haben solltest… okay?
Also, wenn du einmal Sorgen hast… zögere bitte nicht, zu mir zu kommen. "
Asuka reagierte mit wenig mehr als einem verdutzen Blinzeln.
„Ich weiß zwar nicht, was du mit der Hälfte dieses sentimentalen Quatsches gemeint hast aber, keine Uhrsache. So viel hab ich mir gar nichts dabei gedacht. Du schienst nett zu sein, also hatte ich keinen Grund, dich nicht meine Freundin sein zu lassen.
Je mehr Freunde, desto besser, nicht?"
„Mh-hm!"
Das schien sie zufriedengestelt zu haben.
Ich konnte es nicht sagen. Vielleicht auch, weil es mir damals noch gar nicht richtig klar war… Ich war, denke ich, ein wenig überwältigt von dem Unterschied, den es zwischen mir und Hikari gab, obwohl wir beide unsere Mütter verloren haben… Damals konnte ich damit nichts anfangen, der Gedanke, dass ich sie genau so bewunderte, wie sie mich, dass sie es viel mehr wert war, bewundert zu werden, als ich es je gewesen war, machte für mich damals keinen Sinn, nicht, wenn ich meinen eigenen Standarts gerecht werden wollte – und vielleicht war das auch besser so, denn hätte ich in ihr etwas gesehen, das ich nicht hatte, hätte meine einzige Verbündete in dieser großen, feindlichen Welt, wo das einzige Recht, das wirklich aufrecht erhalten werden konnte, das Gesetzt des Dschungels war eine Rivalin werden müssen…
Warum ich es nicht sehen konnte, wie viel Freude daraus entsprungen war, dass ich eine Person einmal nicht automatisch als Feindin eingestuft habe, kann ich nicht sagen… Jedenfalls hat es mich daran gehindert, ihren wahren Wert zu erkennen und ihr genau so zu vertrauen, wie sie mir vertraut hatte.
Unter all diesen Haufen von gackernden Hünern war Hikari meine einzige wirkliche Freundin. In Wahrheit waren sie und dieser Idiot Shinji die einzigen Menschen an diesem Ort, mit denen ich je wirklich zusammen sein wollte… und ausgerechnet er musste mich verschmähen.
So wie ich damals war, mit all meinen Eigenheiten und Limitationen, konnte ich es einfach nicht begreifen – Mitsurugi der verklemmte Streber. Suzuhara der perverse Klassenclown. Aida der durchgeknallte Nerd. Yamagishi, der ängstliche Bücherwurm, und am meisten von allen, dieser assoziale Fußabtreter, das First Child! Was könnte dieser ganze Haufen von Losern möglicherweise haben, was ich nicht hatte?
Was sah Shinji an ihnen, was er an mir nicht sah?
Ich versuchte, mir einzureden, dass es doch nur natürlich sei, das ein Loser wie dieser idiotische Shinji sich mit seinesgleichen verbunden fühlt, aber ers gab diese eine Frage, die nicht aufhörte, aus irgendeinem hinteren Winkel meiner Hirnwindungen hervorzusprudeln und gleich einer Kohlensäureblase in einem Getränk an die Oberfläche zu blubbern:
Konnte ich sein, dass ich in seiner Sicht der Dinge so wenig wert war, das selbst all diese wertlosen Personen mir vorzuziehen waren?
Es machte mich regelrecht irre!
ICH WILL DICH GANZ FÜR MICH ALLEIN HABEN
„Ein Date…" grummelte Asuka ärgerlich zu sich selbst, während sie um ihren Frust abzubauen, die zahllosen Treppen in das elfte Stockwerk beschritt, anstatt ihre Wohnung mit dem Fahrstuhl anzusteuern. „Ich muss mir unbedingt ein Date zulegen… Schon allein, um es dieser Aya und allen anderen Mal so richtig unter die Nase zu reiben! Oh, wo ist nur Kaji-san, wenn man ihn mal braucht! Sonst bauen die uns immer unsere ganze Freizeit mit diesen blöden Synchrontests zu, aber gerade, wenn man mal 'ne Ausrede bräuchte, um ins Hauptquartier zu kommen, lassen die uns mirakulöserweise mal in Ruhe!"
DAS WIRKLICH TRAURIGE IST, DAS ES NICHT SO IST, ALS OB SIE NICHT DAS POTENTIAL DAZU GEHABT HÄTTE, FREUNDLICH ZU SEIN
DAS MACHT SIE UM SO ABSCHEULICHER
-
In seiner Arbeit als Buchhändler war es Tanemura Soichirou eigentlich nicht gewohnt, mir irgendwelchen außergewöhnlichen Geschehnissen zu tun zu haben.
Klar waren in den Waren, die er vertrieb, jede Menge solcher ereignisse zu finden, seine Arbeit selbst war an sich jedoch relativ beschaulich – Als ein bescheidener Mensch, der nicht mehr brauchte als ein Dach über dem Kopf, um glücklich zu sein, hatte er seine Arbeit bewusst so gewählt.
Der kleine Laden in einer vorteilhaften Lage nahe einer Schule voller junger Leute, die zumindest für Schulbücher und Schreibwaren immer Bedarf hatten war sein ganzer Stolz und der Topf, indem ein großteil seiner Liebe wanderte – Und in heutigen Kriesenzeiten, nach der Tragödie des Second Impacts und der Gewissheit, das die Innenstadt von Tokyo-3 ein Schlachtfeld war und auch bleiben würde war diese auch bitter nötig.
Die Population der Stadt schwand und viele von denen, die blieben, verloren durch Kampfschäden jegliches Geld, dass sie in Bücher hätten investieren können – Wer konnte, evakuierte zumindest seine Kinder und dezimierte damit Tanemuras auch schon durch die sinkenden Geburtenraten ziemlich eingekochte Hauptkäufergruppe: Heranwachsende Mädchen, die nie müde wurden, einen dicken Fantasy-Wälzer nach dem nächsten zu schlucken.
Doch Tanemura blieb zuversichtlich, dass es ihm gelingen würde, seinen kleinen Laden intakt durch diese Kämpfe zu bringen, bis jetzt hatte er seine Miete immer bezahlen können, und es gab immer wieder Lichtblicke: Neulich war hier zum Beispiel ein löblicher junger Mann vorbeigekommen, der nach einer empfehlenswerten Lektüre für eine Freundin gefragt hatte – Tanemura hoffte nur, dass das jene beglückwünschenchende Mädchen ihren Freund in Kürze mit dem Lesefieber angesteckt haben würde…
Und auch, wenn dieses sehr interessiert wirkende brillentragende Mädchen mit den langen, schwarzen Haaren wider Erwarten nicht wiedergekommen war, hatte Tanemuras Laden doch eine neue Stammkundin bekommen, auch, wenn der alte Ladeninhaber immer noch nicht wusste, was er von diesem Mädchen halten sollte –
Bevor sie mit ihm in Kontakt gekommen war oder überhaupt den Laden betreten hatte, hatte er sie ein paar Mal davorstehen sehen, mal auf der anderen Straßenseite, mal direkt vor den Schaufenstern, durch die er sie erspäht hatte – Sie trug die Uniform der vormals erwähnten nahegelegenen Schule, ein weißes Hemd unter einer blauen Weste und einem passend gefärbten Minirock, doch das erste, was ihm an ihr auffiel, waren ihre leichenblasse Haut und die eigenartige Farbe ihrer Haare – Es war nichts ganz neues, dass sich einige junge Leute heutzutage als eine Geste der Rebellion gegen die teils konformistische Gesellschaft dieser Inselkette die Haare bleichten, aber dass es jemanden gelungen war, die Farbe so vollständig daraus zu entfernen, und dass das bisschen das zurückblieb, beinahe schon bläulich erschien, erlebte er zum ersten Mal – Auch sah dieses Mädchen überhaupt nicht aus wie eine rebellin oder gar eine Delinquentin.
Anders als viele andere in ihren Alter, die versuchten, ihre unter strengen Uniformordnungen zerquetschte Individualität die unbedingt an die Oberfläche drängte, mit allerlei Accessioires auszudrücken, zeigte sich diese Schülerin völlig schmucklos, ohne Schmuck, ohne Schminke, selbst ihre Socken waren schlicht, ihre Frisur simpel und funktional.
Bevor er beginnen konnte, zu hoffen, dass sie überlegte, hineinzukommen, erlebte er jedoch etwas leicht unheimliches… all der Entfernung und der Glasscheibe zu trotz blickte das Mädchen urplötzlich auf und sah ihm direkt in die Augen, ohne das ihr Blick irgendeine Zweifel daran aufkommen ließ, dass sie ihn eindeutig entdeckt hatte.
Es war nur für einen Sekundenbruchteil, aber es reichte für ihn aus, um sich zu fragen, ob er allen Ernstes rote Augen gesehen hatte.
Und schließlich war sie in der Zeit, die er für einen verwunderten Wimpernschlasg gebraucht hatte, spurlos verschwunden, als ob sie niemals dagewesen wäre… nein, vielmehr war es zunächst diese Möglichkeit, die ihm am wahrscheinlichsten erschien, dass er sich diese geisterhafte Erscheinung wohl einfach nur eingebildet haben musste, dass es an der Sommerhitze und der ganzen Aufregung mit dem Kampf liegen musste, die ihn wohl durcheinander gebracht haben mussten, zumal er schließlich nicht mehr der Jüngste war…
Und wäre es dabei geblieben, hätte er es vermutlich bei genau dieser Schlussfolgerung belassen, wenn da nicht die kleine Ungereimtheit gewesen währe, dass dieses geisterhafte Kind sich das nächste Mal, das er es zu Gesicht bekam, nicht direkt in Luft auflöste – konnte sein, dass sie Sekunden vorher noch dabei gewesen war, die in ein paar Ständern außen platzierten Sonderangebote zu betrachten doch nach der Zeit, die Tanemura gebraucht hatte, um sie zu entdecken und zu fixieren, starrte sie bereits direkt in seine Richtung und fixierte ihn mit ihrem blutroten Blick, und er konnte das Gefühl nicht abschütteln, das darin irgendetwas fehlte, als blickte man durch die Fenster zur Seele und fände dahinter nichts als ein „zu-vermieten"-Schild.
Er musste zugegeben dass er, so irrational es auch schien, sich vor einem Schulkind zu fürchten, einen kalten Schauer verspürt und erstmal betreten geschluckt hatte, unwillens, diesem… Wesen den Rücken zuzukehren, beinahe schon betend, dass sie endlich weitergehen würde, und aufhören würde, ihn heimzusuchen.
Etwas unheimliches… Etwas unmenschliches…
Oh, geh doch, geh, bitte geh doch!
Und als er sich seines Fehlers bewusst wurde, seine Augen in Anwesenheit dessen, was irgendein steinzeitlicher Instinkt als Fressfeind eingestuft zu haben schien, zugepresst zu haben, war es ihm, als wäre er beim öffnen seiner Sehorgane aus einem bösen Traum erwacht: Sie war weg.
Doch seine Ruhe war nur kurzer Natur, da der Spuk sich noch am selben Tag fortsetzte – Dieses Mal nicht früh Morgens, wo man sich eine Einbildung noch verzeihen konnten, sondern nachmittags, und diesesmal tauchte sie genau so plötzlich auf, wie sie bis her immer verschwunden war – Er war gerade dabei die vormals erwähnten, außen ausgelegten Bücher, von denen er zu seinem Glück einige zu verkaufen vermocht hatte, wieder aufzufüllen, da stieß er mit seinem rechten Ellenbogen an etwas warmes und – zu seinem späteren Beschämen – schreckte direkt zurück, als er erkannte, wer es war.
Im Nachhinein war es Tanemura klar, dass wohl unachtsam gewesen sein musste, aber in diesem Moment hätte er schwören können, dass sie noch Sekunden vorher definitiv nicht neben ihm gestanden hatte – Angebracht wäre vermutlich eine Entschuldigung gewesen, tatsächlich ging er aber einen Schritt zurück – was sie dazu veranlasste, ihren Kopf in seine Richtung zu drehen, ohne, dass sich aus ihrem Gesichtsausdruck irgendetwas herausließen ließ, bestenfalls ein Hauch von Neugier.
Er konnte nicht sagen wieso, aber dieser Augenblick erfüllte ihn mit einer Furcht, die in den Kontext seines relativ ruhigen, gewöhnlichen Lebens, das ohne großes Drama oder außergewöhnliche Ereignisse verlaufen war, gar nicht hinein passen wollte – so stark, so intensiv, und das wegen eines kleinen Mädchens!
Furcht, wie er sie niemals zuvor gekannt hatte.
Es war wie eine dieser Sekundenbruchteile bei einem Verkehrsunfall, in denen einem lächerlich klar ist, das man keine Chance mehr hat, auch dann, wenn die Katastrophe jetzt im Moment noch nicht gekommen ist, und einem nichts weiter zutunbleibt als ehrfürchtig zu beobachten, wie das Verderben immer näher kommt.
Da war dieser Eindruck, diese tief sitzende, urtümliche, instinktive Sache, die ihn ohne jegliche Verzögerung einfach wissen ließ, dass da etwas auf ihn herrabblickte, dass viel größer, viel älter, und viel bedeutenden war als er selbst, ein Wesen, vor dessen Füßen Äonen und Millenien kaum mehr bedeuteten als ein Herzschlag, an dem die Aufstiege und Niedergänge von imperieren so schnell vorbeirasten, dass sie sie nicht einmal wirklich wahrnehmen, geschweigedenn mit einer Bedeutung versehen konnte…
Eine Entität, die ihm etwa so viel zu sagen hatte, wie eine Pflanze einem Menschen, deren Gedanken er etwa so weit verstehen konnte, wie er selbst von einer Ameise verstanden werden konnte.
Was ihn da durchfuhr, war nicht die blinde Angst eines kleinen Tieres, dass sich vor einem Räuber zu schützen versuchte, um zu überleben – Es war die in alle Schichten eingepresste Ehrfurcht, die ein Wurm vor seinem Meister hatte.
Tanemura wich einen Schritt zurück – und dann schalteten sich die entwicklungsgeschichtlich jüngeren Bestandteile seines Hirns an, und versuchten diese rohe, aus dem Bauch heraus ausgeführte Reaktion und diese vage begründbare aber doch erstaublich eindeutige Ahnung, irgendwie zu rationalisieren – Der ältliche Buchladenbesitzer war gezwungen festzustellen, dass er dies nicht konnte.
Was war da überhaupt in ihn gefahren?
Das war ein einfaches Schulmädchen, das irgendeinem abgefahrenen Modetrend gefolgt zu sein schien, mehr auch nicht – und bis jetzt hatte sie nichts weiter getan, als ein paar Bücher zu betrachten, und daher höchstwahrscheinlich auch zu erwägen, welche zu kaufen – Was ihm doch aller Vernunft nach gelegen kommen sollte.
Er hatte sich eigentlich schon sehr, sehr lange für einen reifen Erwachsenen gehalten – Tanemura verspürte Scham.
Was machte er da eigentlich?
Das war bloß ein Schulkind.
„Suchebn Sie etwas bestimmtes, junges Fräulein?"
Dafür, dass sie so oft vor dem Laden gestanden hatte, scheinbar darüber nachgrübelnd, ob sie überhaupt irgendetwas kaufen sollte oder nicht, war ihr Ersuchen ungewöhnlich konkret und präzise:
„Ich benötige möglichst relevante, aktuelle wissenschaftliche Publikationen auf dem Gebiet der metaphysischen Biologie, vozugsweise aus dem Themenbereich der künstlichen Evolution oder artifiziellen Apotheosis."
Tanemura blickte das eigentümliche Mädchen sichtlich… bedröppelt an, von dieser nicht gerade alltäglichen Nachfrage etwas geplättet – Was sollte so eine Halbstarke mit einer wissenschaftlichen Publikation über… Er wusste nicht einmal, was das, von dem sie da gerade gesprochen hatte, überhaupt war.
„Nun ich glaube, es wäre besser, wenn Sie an der nächsten Universität nachfragen würden. Wir… sind nicht wirklich auf wissenschaftliche Literatur spezialisiert, also müsste ich das wohl erst bestellen… "
„Tun Sie das."
Der Buchhändler schluckte. Gerade, als er sich mental davon überzeugt hatte, dass dieses Kind unmöglich etwas anderes sein könnte, als eine gewöhnliche Schülerin…
Von alledem etwas durch den Wind gebracht führte Tanemura das seltsame Mädchen in seinen Laden, wo er dann an seinem mit entsprechender Software bestückten Computer – ein antiquiertes Modell mit Röhrembildschirm – die Suche nach Büchern anwarf.
„…Welches Gebiet, noch mal?"
„Metaphysische Biologie. Künstliche Evolution oder Apotheosis." Wiederholte sie tonlos.
Tanemuras Verwirrung wurde noch um vielfaches übertrupft, als er die Ergebnisse der Suche schwarz auf weiß auf seinem Bildschirm angezeigt sah.
„Bist du dir sicher, dass du dich da nicht irgendwie vertan hast…?"
„Weshalb?"
„Na ja, hier steht, dass das, wonach du gefragt hast, alles klassifiziertes Regierungsmaterial ist, dass ich dir nur nach vorzeigen eines gültigen Sicherheitsausweises verkaufen oder überhaupt bestellen lassen darf, und das kann es wohl nicht sein…oder?"
„Doch, kann es."
Das Mädchen stellte ihren Schulranzen auf der Theke ab, auf der auch der Computer stand, und holte rasch ein kleines Kärtchen hervor.
Nerv, Zugangsklasse AAA.
Das kleine Bildchen ander Seite des NERV-Sicherheitsausweises zeigte eindeutig ihren unverwechselbaren, blauen Haarschopf, sie konnte es also nicht von ihren Eltern geklaut haben wie dieser sommersprossige Junge, der sich vor ein paar Wochen einen ähnlichen Stunt geleistet hatte.
Die Karte war tatsächlich auf ihren Namen ausgestellt und der war, wie der Besitzer des Ladens festellte, als er das Kärtchen ungläubig beäugte, „Ayanami Rei."
Ayanami Rei, First Child, designierte Pilotin von EVA Einheit 00.
Irgendwo in Hintergrund konnte sich der Buchhändler das „Wust' ich's doch!" über die Bestätigung seiner Gewissheit nicht verkneifen, dass dieses Mädchen tatsächlich nicht bloß ein stinknormales Kind mit einer seltsamen Frisur sein konnte – Dennoch kam er nichtdrum herum, sich erneut zu schämen und an seiner erwachsenen Rationalität zu zweifeln.
Ayanami Rei, First Child, designierte Pilotin von EVA Einheit 00.
Das bedeutete, dass ihm dieses Mädchen vermutlich etliche Male das Leben gerettet hatte.
„Manonmann, Das First Child… Was verschafft mir denn die Ehre?"
Dazu sagte sie nichts.
Tanemura beeilte sich, tippte dieZahlenkombination auf dem Ausweis in das bestätigungsformular und ließ die Evapilotin an die Tastatur, damit diese ihre Geheimzahl eintippen und die Publikationen aussuchen konnte, die sie bestellen wollte.
„Na ja, jedenfalls kannst du es dann natürlich gerne haben, wenn du es denn bezahlen kannst…Das wird, uh, vielleicht ein paar Tage dauern, es kann jedoch auch sein, dass es schon morgen da ist, da wir hier ja in der zukünftigen Hauptstadt sind…"
Der ältliche Ladenbesitzer hatte seine Mühen damit, diese unangenehme Stille zu füllen, vor allem, da das First Child selbst keine Anstalten machte, irgendwas zu sagen, sondern einfach nur still in seine Richtung starrte – eigentlich könnte er unmöglich irgendwas gesagt haben, das sie hätte beleidigen oder verunsichern können, mal abgesehen von seinen Gedanken, die er mittlerweise selbst nicht mehr nachvollziehen konnte – andererseits war sie ihm mit ihrem starren Blick immernoch irgendwie unheimlich, wie irgenetwas aus diesen Horrorfilmen, etwas trügerisch menschenähnliches, das getreten gehörte bis es sich nicht mehr bewegte – Er drägnte diese Gedanken tief in die hintersten Ecken seines Bewustseins zurück.
Wieder öffnete das Mädchen kurz ihre Tasche, und holte ein dickes Bündel mit ordentlichen Geldscheinen hervor.
„Reicht das aus?"
Auch dieser Anblick ließ den Händler wieder etwas benommen zurück – Er konnte sich nicht entsinnen, so einen großen Betrag schon einmal in den Händen gehalten zu haben.
„Ja, sicher doch…"
Das war wohl die Untertreibung des Jahrhunderts. Das Bündel hätte wohl locker gereicht, um den ganzen Laden zu kaufen – Wäre sie nicht am späten Nachmittag gekommen, hätte der gesammte Inhalt seiner Kasse wohl nicht ausgereicht, um für einen dieser Scheine genug Wechselgeld bereitzustellen.
„Wenn Sie wollen, kann ich aber nachsehen, ob ich noch irgendwo eine Ausgabe von „Nature" oder „Science" herumliegen habe…-" bot Tanemura noch an, halb, um sein Gewissen zu beruhigen, halb, weil er sich irgendwie fühlte, als wäre er kurz davor, in einen Vulkankrater geworfen zu werden, falls es ihn nicht gelingen sollte, die darin hausende Gottheit anderweitig zu besänftigen.
„Das wird nicht nötig sein."
Und dann drehte sie sich einfach um und ging, ohne ein weiteres Wort und ohne einen weiteren Blick auf Tanemura oder sonst irgendetwas in seinem Laden, in geraden Linien zur Tür schreiten wier ein sortfätig programmierter Automat.
Der Buchhändler wusste nicht mehr, was er denken oder fühlen sollte, und noch weniger, was er tatsächlich dachte oder fühlte.
Er wusste nur, das er sich mit einem mal unverhältnismäßig erschöpft fühlte.
-
Die Rückkehr des blauhaarigen Mädchens war genau so still wie ihr letzter Abgang gewesen war, ohne ein Wort kam sie am nächsten Tag durch die Tür, diesesmal ganz ohne zu verweilen oder inne zu halten, zielstrebig, aber nicht wirklich eilig zur Kasse hin laufend wo Tanemura gerade arglos und unvorgewarnt seinen letzten Kunden bedient hatte – Die meisten anderen Gestalten, die sich ebenfalls im Laden befanden, drehten sich ebenfalls verwundert zu ihr um und bestätigten dem Verkäufer erstmalig, dass er nicht dabei war, durchzudrehen, dass dieses eigenartige Mädchen nicht einzig und allein als Gespinst seinem Hirn entsprungen war.
Grabesstill stand sie vor der Kasse, grabesstill sah sie zu, wie er ein wenig unsicher darüber, ihrem blutroten Blick den Rücken zudrehen zu müssen, den von ihr gewünschten Artikel hervorholte, grabestill nahm sie diesen an sich, ja, riss ihn dem ältlichen Ladenbesitzer beinahe schon aus der Hand, ohne ein einziges Wort zu sprechen, und ebenso grabesstill wendete sie sich auch zum gehen, sich kaum, dass sie den Umschlag in der ihre Ware geliefert worden war, in ihre blassen Finger bekommen hatte, auf dem Absatz umdrehend, ohne ein Wort zu sagen.
Die Zeit schien stillzustehen, als sie aus dem Laden hinaus schritt, als sei nicht nur Tanemura selbst, sondern ausnahmslos jeder einzelne Mensch in diesem Raum auf dieses… dieses fremde Wesen dort fixiert, (auch wenn er sich nicht sicher war, ob er sich das nicht auch nur eingebildet hatte) als sei das stetige klacken ihrer Schuhe das einzige Geräusch, das auf dieser Welt noch existierte… bis auch das verstummte, als sie stehen blieb.
Sie war gar nicht so weit von Tanemuras Kasse entfernt, es waren nur die Sekunden bis dahin, die sich wie ewig ausgedehnt angefühlt hatten, wie dünn gesponnener Kleister – tatsächlich war es der Stapel Bücher auf dem der Kasse allernächsten Austellungsmöbel, der sie zum Stillstand gebracht hatte, wie sie erst dann offenlegte als sie, nach einigen Zeittropfen in denen jede noch so verrückte Erklärung möglich schien und es Tanemura ebenso möglich schien, das sie einen Rückwärtssalto vollführen und das Universum anschließend in völlige Dunkelheit stürzen würde, ihren Kopf leicht zur Seite drehte, allem anschein nach, um den vormals erwähnten Stapel zu betrachten.
Um weiterer, aufreibender Stille vorzubeugen, eilte Tanemura an ihre Seite.
„Suchen sie etwas bestimmtes, Fräulein Ayanami?"
Zunächst stand sie einfach da, und es erschien ihm völlig wahrscheinlich, das sie überhaupt nicht reagieren wurde, dann aber hob sie mit einem Mal ihre Hand – Tanemura wollte sich zunächst gar nicht vorstellen, wozu – und formte mit ihren Fingern eine einfache, deutende Geste, mit der sie auf einen scheinbar zufälligen Liebesoman zeigte.
„Das, bitte."
„Sonst noch etwas?"
An dieser Stelle bekam er tatsächlich den Eindruck, dass sie kurz überlegte.
„Ich würde gerne…" sprach sie dann monoton. „…die gesamten veröffentlicheten Materialien der Biologin Dr. Ikari Yui erwerben."
„Das müsste ich… erst bestellen…"
„Das ist kein Problem."
Und weg war sie.
Tanemura brauchte nicht lange, um die angeforderten Bücher und Publikationen zu finden – Diese Ikari war zu ihrerzeiten scheinbar auf ihrem Gebiet führend gewesen. Zwischen den Einträgen mit ihren Werken fanden sich auch schwer nach Verschwörungsteorie riechende Schriften über ihren mysteriösen Tod, zu seiner Zeit scheinbar ein großer Skandal, Gerüchte über Menschenexperimente, ein Prozess, in dem sich ihr (für das Experiment mitverantwortlicher) Mitarbeiter und Gemahl für das ganze zu verantworten hatte und noch mehr Gerüchte, laut denen Geheimbündler den Mann freigekauft hätten, um ire Machenschaften geheim zu halten – Tanemura hatte dunkle Erinnerungen daran, zu seiner Zeit in den Nachrichten davon gehört zu haben, doch damals hatte er das ganze als Sensationsreißerei der Medien abgetan, da er sich als einfacher Mensch nie für Verschwörungstheorien begeistert hatte, doch ein einzelnes Detail brachte ihn dazu, seine Meinung darüber gründlich zu revidieren ja, er hätte es dieses Leuten mittlerweile abgekauft, wenn sie ihm erzählt hätten, dass diese Frau dem Grabe entstiegen war, um Rache an ihrem Mann zu nehmen – Ein einzelnes Bild von dieser Frau.
Es zeigte sie warm in die Kamera lächelnd mit einem niedlichen kleinen Jungen auf ihrem Arm, vor allem aber zeigte es ihr Gesicht, das Tanemuta nicht so neu war, wie es hätte sein sollen…
Er bestellte das Buch, schluckte, und verfluchte seine Schöpfer dafür, dass sich menschliche Erinnerung nicht so leicht ausradieren ließ wie Daten auf einer Festplatte.
-
Auch wenn Tanemura es tunlichst vermied, über diesen nicht ganz erklärlichen Umstände ihres ersten Treffens nachzudenken, die ihm bis heute noch nicht ganz geheuer waren, so war es ihm dennoch irgendwie gelungen, eine neue Stammkundin zu gewinnen.
Zwischen diesen paar Punkten des Paranormalen war sein Leben ganz gewöhnlich weitergegangen und alles folgte seinen üblichen geregelten Bahnen von Aufstehen, Frühstück, Arbeiten, Schlafengehen, und er konnte es gar nicht mehr greifen, was ihn diese abscheulichen Empfindungen erleben lassen hatte, es machte einfach keinen Sinn, er konnte nichts konkretes nennen, was so falsch gewesen war, und die Konsequenz, das Endergebnis, war letzlich doch normal gewesen… Dieses Ayanami-Mädchen besuchte regelmäßig seinen Laden und schwemmte Geld in seine Kassen, und es geschah auch nichts sehr ungewöhnliches, also sollte es doch das vernünftigste sein, diese anfänglichen Eindrücke zu begraben – Es war natürlich nicht das letzte Mal, das er den Eindruck bekam, dass diese Ayanami Rei nicht gerade …das durchschnittlichste Mädchen auf diesem Planeten war, aber warum sollte sie auch?
Sie war das First Child.
Das war eine gute Ausrede – Es war ja nicht einmal so, dass er das Mädchen nicht mochte – nachdem er regelmäßig mit ihr zu tun hatte, fand er durchaus Grund und Anlass dafür, sie regelrecht niedlich zu finden, es war nicht schwer diese… seltsamheit als bloße Unbeholfenheit abzutun ja, je länger er sie kannte, je mehr Zeit verging, umso einfacher wurde es, sie sich einfach als ein etwas verschlossenes, schüchternes, aber im Grunde ganz nettes Schulmädchen vorzustellen…
Mit der Zeit erfuhr Tanemura auch das eine oder andere über sie, hie und da, so ganz beiläufig, zum Beispiel, das dieser Junge, der sich vor geraumer Zeit nach Literatur für eine weibliche Bekanntschaft erkundigt hatte, niemand geringeres als das Third Child gewesen war (Dabei hatte er so unscheinbar gewirkt!) und dass es sich bei dem Vormund des Mädchens, für den der Artikel, den sie als erstes gekauft hatte, mal ein Geschenk darstellen sollte, um niemand geringeres handelte als den Leiter jener nebulösen Organisation leitete, welche diese Stadt verteidigte, doch als Tanemura dann fragte, wie dieser so sei, wusste die EVA-Pilotin nicht zu antworten.
Sie kaufte eine Menge verschiedene Bücher, quer durch alle Genres hindurch, von Fabelbüchern für Kinder über Kultklassiker, deren Auswahl einen fast schon denken ließ, dass dieses Mädchen nochnie überhaupt irgendwas gelesen hatte, zu hochphilosophischen, renomierten Kunstwerken und Bergen and wissenschaftlicher Literatur, philosophischen oder religiösen Schriften.
Der Buchhändler wurde aus ihrer Auswahl nicht schlau und gab es schließlich auf, daraus etwas über sie erfahren zu wollten, stellte aber fest dass sie, aus irgendeinem Grund, den er, wie gesagt, nicht erahnen konnte, eine Vorliebe für Geschichten hatte, die von künstlichen Intelligenzen handelten – Klone, Androiden, Cyborgs, Golems, Homunculi, lebendge Computerprogramme, und so weiter und so fort – was hieß, dass sie bald in der verstaubten Science-Fiction/Fantasy-Ecke heimisch wurde (Doch nur ein harmloser NERD? Das Vorurteil, dass sich keine Frauen im Internet herumtreiben, war schließlich längst überholt), auch, wenn sie sich durchaus auch für Dinge interessierte, an denen hochgestochene Kritiker eher ein gutes Haar ließen – Viel mehr, als man es von jemanden in ihrem Alter erwarten konnte. Die Ausgabe von „Twillight", die Tanemura ihr empfohlen hatte, weil viele in ihrem Alter ganz verrückt danach waren, tauschte sie noch am selben Tag wieder um.
Ungewöhnlich war, wenn man davon ausging, dass sie eine Ladung von Büchern durchgelesen hatte, bevor sie die nächste kaufte, die schiere Geschwindigkeit, mit der sie die Berge aus Literatur bezwang, aber wenn man andererseits die dicken Sachbuch-Wälzer betrachtete, die gelegentlich dabei waren, war es vielleicht kein so großes Wunder, die kleine schien auf jeden Fall ein pfiffiges Mädchen zu sein .
Gar nicht so viel anders, als diese unter mysteriösen umständen verstorbene Wissenschaftlerin… - Nein. Daran wollte er, wie gesagt, gar nichts erst denken.
War es denn nicht ein gar nicht so seltenes Vorkommnis, das große Intelligenz mit mangelnder sozialkompetenz einherging…? Wirklich, das einzige, was an diesem Mädchen außerhalb des Rahmens des möglichen lag, waren ihre Augen, und lag es da so fern, dass es selbst für deren Farbe eine logische Erklärung geben könnte?
Neulich hatten auch die paar Regale mit den DVDs und BluRays ihr Interesse auf sich gezogen, er hatte sie mal wieder gefragt, ob sie etwas Bestimmtes suche, als er sie mit einem solchen Artikel in der Hand entdeckt hatte, und sie hatte nur mit der anderen Hand darauf gezeigt und gefragt: „…Können sie mir ein Geschäft empfehlen, in dem ich die Aparate erstehen kann, um das abzuspielen?"
Er murmelte nach kurzem überlegen, dass es hier etwas weiter die Straße entlang ein kleines Elektrogeschäft gäbe, auf seine Anmerkung hin, es gäbe aber in einem größeren Geschäft in der Innenstadt bestimmt noch eine größere Auswahl, meinte sie nur, dass das nicht nötig sein würde.
„Noch etwas?"
Sie holte ein Buch aus einem der Regale und zeigte mit der freien Hand darauf.
„Wo erhalte ich eines dieser Möbel, in dem ich das verwahren kann…?"
Hatte sie in ihrer ganzen Wohnung wirklich kein einziges Bücherregal stehen?
„Nein, ich hatte bisher keine Verwendung dafür."
Ja, Tanemura wurde einfach nicht schlau aus ihr…
Und das machte es schwer, es je ganz abzuschütteln, dieses Gefühl, dass er so ganz beiläufig etwas tangiert hatte, das jenseits seines Verständnisses lag und ihn eines fernen Tages heimsuchen würde, um ihn wie ein Stäbchen zu zerbrechen…
Schwer zu ignorieren war es aber nicht.
-
Die Kiste mit den Einzelteilen, aus denen einmal ein Bücherregal entstehen sollte, stand noch ungeöffnet links neben dem niedrigen kleinen Kühlschrank mit den Pillen und dem Becherglas darauf – Diese letzte Nacht würden die Bücher noch in mehreren Stapeln auf dem Boden verbringen müssen, komplexe Biologiebücher neben Oscar Wilde's „Glücklichem Prinzen" neben einem ganz anderen Prinzen aus der Feder Niccolò Machiavelli, Shakespeare's Othello neben Goethe's „Faust", die „Leiden des jungen Werther" irgendwo dazwischengequetscht, darüber ein paar modernere Werke wie Behandt Schlinks „Vorleser" und Asimovs Foundation-Trilogie, Fontane's „Effi Briest" neben „Der kleine Prinz" und den Werken vo n Michael Ende, flankiert von derzeit in Mode befindlichen und/oder von Kritikern hoch gerühmten Büchern von denen das jüngste erst 2014 erschienen war, einige aber auch die Tragödie des Second Impact behandelten, in mehreren Stapeln, ein paar neben dem Bett, ein paar neben der Kommode, einige an der Wand neben dem Kühlschrank, einmal abgesehen von den paar Büchern, die Teils auf der Seite aufgeschlagen, die das First Child zuletzt gelesen hatte, scheinbarv zufällig in der Wonung verteilt herumlagen – Das Regal würde, einmal zusammengebaut, gut gefüllt sein.
Im moment waren es jedoch nicht die Bücher, welche die Aufmerksamkeit der Besitzerin des nun immerhin etwas weniger kahl wirkenden Appartments auf sich gezogen hatten, sondern ein weiteres Objekt, das hier relativ neu war: Sie hatte den kleinen, altmodischen Röhrenfernseher mit seinem hässlichen, grauen Plastikgehäuse – Reei hatte das billigste Gerät aus dem Laden gekauft weil sie keinen Grund sah, sich ein besseres zu kaufen – mitsamt dem BluRay-Player in ihren ohnehin größtenteils unbenutzen Schrank gestellt, größtenteils, weil sie so die Schranktür schließen und den Aparat dahindert verbergen konnte, ohne das der Rest des Raumes und damit deren kryptische Ordnung, die wohl nur dessen Besitzerin verstand, großartig verändert wirkte.
Diese saß momentan vor der Flimmerkiste, die ihre Gesichtszüge inrerseits in ein beinahe dämonisch wirkendes, bläuliches Licht hüllte, das sich als einzige Quelle von Helligkeit in das schon an sich geisterhaft wirkende Apartment erstreckte, und blickte scheinbar konzentriert in diese hinein, ohne das ihre Gesichtszzüge irgendeine Reaktion verrieten, die – bestenfalls! – über kaum merkliche Nachdenklichkeit hinausging.
Es war dem Auge des Betrachters überlassen, ob sie mit den vielen bunten, lauten Szenen voll Leben, Herzschmerz und Gefühl, die ihr der Bildschirm präsentierte, überhaupt irgendetwas anfangen konnte.
Eine wilde Flut aus Bildern rauschte über den kleinen Bildshirm und warf schillernd-bunte Lichter in ihr farbloses Gesicht.
-
„Dann hast du auch keine Angst vor dem Tod?" fragte der kleine Junge ungläubig, während er dem respekteinflößend-gebauten Mann, falls man diese wortwörtliche Kampfmaschine denn überhaupt als solchen bezeichnen könnte, dabei zusah, wie er das Waffenlager nach etwas brauchbarem durchforstete.
Der Android ließ etwas auf seine nächste Antwort warten.
Beinahe könnte man denken, er würde zögern.
„Ich muss funktional bleiben, bis unsere Mission erfüllt ist."
Die Reaktion des Jungen überraschte Rei etwas. Statt irgendwie zu konmentieren, wie „robotisch" diese Antwort war, seufzte er nur und meinte: „Hach, das kenn ich. Ich muss auch funktional bleiben…"
-
„KANEDAAAAAAAAA!"
„TETSUOOOOOOOOOOOO!"
-
„KHAAAAAAAAAAAAAAAAAAN!"
-
„!"
So mangelhaft, wie Reis Wissen im Punkto Popkultur nunmal war, hatte sie überhaupt nicht damit gerechnet, das Anakin tatsächlich auf die dunkle Seite überläuft.
Eigentlich hatte sie sich mit ihm und seiner Herkunft entweder als „Kind der Macht selbst" oder als von Dath Plagueis künstlich erschaffenes Wesen irgendwie verbunden gefühlt und als mit seiner Rolle nicht ganz zurechtkommender Auserwählter etwas an Ikari-kun erinnert.
In vieler Hinsicht unwissend hatte sie doch tatsächlich den Film, der mit „Teil I" beschriftet war, zuerst geguckt und von da an weiter gemacht… Jetzt wusste sie zwar, woher dieses Zitat aus Captain Katsuragis Quiz herkam, aber das ganze ließ sie doch mit einem üblen Nachgeschmack zurück, auch, wenn sie nicht genau sagen konnte, warum…
Irgendwie kam sie nicht umhinn, sich Ikari-kun in Luke's Klamotten, sich selbst als Leia und das Second Child als Han Solo vorzustellen, auch, wenn sie sich angesichts späterer Ereignisse und Enthüllungen geneigt sah, dieses Bild zu korrigieren.
-
„Edward…"
In dem Moment, in dem er ihre Stimme hörte, ungewöhnlich vertraut und bedeckt mit dem Geist eines seltsam-mütterlichen Tonfalls, der es nicht ganz schafte, ihre Apathie zu durchdringen, begriff der blonde Junge augenblicklich, wem er da gegenüberstand.
Der Gedanke an diese Möglichkeit hatte ihn schon lange beschlichen wie ein hartnäckiges Gespenst, und mit jedem neuen Geheimnis, dass sich ihm und seinem Bruder offenbahrt hatte, wurde diese kleine Stimme in seinem Hinterkopf lauter, diese unausweichliche Gewissheit, das das Ausmaß seiner Sünde noch viel schwerer wog, als er es zu hoffen gewagt hatte.
Konfrontiert mit dem, was er getan hatte, brachte er es nicht fähig, sich auch nur einen Zentimeter zu rühren, und alles innerhalb seines Schädels, was von dem Schock nicht völlig gelähmt war, hatte es bereits akzeptiert, das er das auch niemals wieder sein würde.
Das hier war nicht mehr und nicht weniger s als die Strafe, die er verdient hatte.
„Edward, warum konntest du mich nicht richtig transmutieren…?"
-
„Hideki… Chii ist ein Perscom."
„Jah…"
„Es gibt Dinge, die Chii nicht tun kann…"
„Jah…"
„Aber… Chii will trotzdem mit Hideki zusammen sein!"
„Jah…"
-
„Papa… papa, wir müssen weglaufen! Es ist gefährlich…"
„…Papa? Wieso nennt dich dieses Mädchen da Papa wenn du mich die ganze Zeit über allein gelassen hast? Warum?"
-
„Als ich klein war, dachte ich immer, das Beste an mir seien meine langen, schwarzen Haare. Aber die Menschen, denen ich vertraut habe, verrieten mich und verkauften mich an die Organisation, und an diesem Tag verlor ich alles…
Entweder würde ich als Bettlerin sterben oder ein Werkzeug der Organisation werden – viel Auswahl hatte ich nicht.
Es war ja nicht nur für mich so, allen anderen, die beitraten, ging es genau so.
Niemand klopft je freiwillig an die Türen der Organisation.
An diesem Tag wurde mein Körper weit aufgeschnitten, und ich hörte aus, ein Mensch zu sein und wurde etwas anderes.
Und mein geliebtes schwarzes Haar, meine geliebten schwarzen Augen… Alle Farben wurden aus meinem Körper ausgebleicht und liefen nur diese glänzend silbernen Augen zurück…
Ich habe keine Verwendung für tolles Essen oder ein weiches Bett…
Wie erbärmlich…"
-
„Genau… gehen wir zurück zur Erde. Zu deiner Heimat…"
„Aber was sagst du da, Nadia? Wir gehen zu unserer heimat. Du bist dort geboren und aufgewachsen, oder? Also kommen wir beide von der Erde."
„Ach Jean…"
-
„Wenn du wissen willst, was in einem Ei ist, dann musst du es zerbrechen."
-
„…Sie wollen Sektion 9 verlassen, stimmt's…?"
„Heh…. Batou, was ist an Ihnen eigentlich noch echt?
„Hey, sind Sie etwa schon betrunken?"
„Na ja, wenn wir wollen, bauen wir dank einer internen Chemiesteuerung den Alkohol in Sekunden ab. Wir kriegen keinen Rausch, keinen Kater, und können jederzeit wieder nüchtern werden. Das gibt uns sogar die Möglichkeit, während der Arbeit zu trinken. Die Menschen verspüren den Drang, alles zu beheben, was sie als Mangel verstehen, alle technischen Errungenschaften folgen diesem Prinzip.
Wir stellen die höchste Stufe dieser Entwicklung dar. Unsere Cyberbrains und Cyberkörper zeichnen sich durch schärfere Wahrnehmung, gesteigerte Ausdauer und Reaktionsschnelligkeit durch schnellere und umfassende Informationsverarbeitung aus, aber wir können ohne Wartung nicht mehr leben…
Na ja, ich will mich nicht beschweren. Das bisschen Wartung kann man verschmerzen."
„Das einzige, was wir Sektion 9 noch nicht verkauft haben, sind unsere Ghosts…"
„Ja, wir könnten kündigen, aber nur, wenn wir der Regierung unsere Cyberkörper und Cyberbrains und die darin gespeicherten Geheiminformationen zurückgeben, dann bliebe nicht mehr viel übrig um zu kündigen…
Menschlicher Körper und Geist setzen sich aus unzähligen Bestandteilen zusammen, die ihn zu einem einzigartigen Individuum machen… Mein Gesicht und meine Stimme unterscheiden mich von anderen, aber mein Geist gehört mir. Da sind Erinnerungen an die Zeit, als ich klein war, und eine Ahnung von Zukunft. Die riesigen Informationsmengen die ich verarbeite und die Netzwerke, zu denen mein Cyberbrain Zugriff hat, dadurch entsteht auf ganz wunderbare Weise mein ich, das Bewusstsein meiner Persönlichkeit…. Und gleichzeitig ist mir klar, dass ich mich nur innerhalb gewisser Grenzen bewegen kann."
„Und das ist der Grund dafür, weshalb Sie ihren Cyberkörper wie einen Stein ins Meer werfen?"
-
„Sag mal, Light… Hast du seid du auf die Welt gekommen bist auch nur ein einziges Mal die Wahrheit gesagt…?"
-
„Nach einiger Zeit blieb mir nur ein einziger Gedanke… was wenn das, von dem ich bis jetzt dachte, dass es mein ich ist, in Wahrheit nur eine Fälschung ist, die ich durch meine Bemühungen erschaffen habe?
Was, wenn irgendwo in mir noch ein anderes ich ist? Mein wahres ich?
Ich dachte das und ich dachte, dass es schlecht sei, dass ich es denke…
Das es etwas sei, dass mir niemals hätte auffallen sollen…
Du hast meine Masken eine nach der anderen abgezogen. Du warst für mich wie Licht… und das Licht vertreibt die Dunkelheit.
Nur dadurch, dass es existiert, zeigt es an, dass es Dunkelheit gibt…
…das es in meinem Herzen Dunkelheit gibt… Um ehrlich zu sein, habe ich dich dafür verachtet… und deshalb habe ich dich abgelehnt…"
„Aber warum? Ich habe dir doch geholfen, dein wahres selbst zu erkennen, oder? Also warum versuchst du nicht, ehrlicher zu dir zu werden? Warum versteckst du dich?"
„Na, was, wenn ich in Wahrheit der widerlichste Mensch auf dieser Erde bin?
Was, wenn ich so bin wie meine Eltern? Ich habe Angst vor meinem eigenen Blut… Ich darf keine nutzlose Person sein, schon allein nicht wegen meinem Vater und deiner Mutter!"
„Du musst deine Adoptiveltern sehr lieben, was, Arima-kun?
Aber weißt du, Arima-kun, wenn du dich weiterhin so verbiegst, glaube ich nicht, das ihr je eine richtige Familie werden könnt… Richtige Freunde und eine richtige Familie sind Menschen, die dich lieben, wie du bist, auch, wenn sie deine Fehler kennen..."
-
„Lain! Warum hast du nur mich allein gelassen? Waru hast du nur mir meine Erinnerungen gelassen? Warum muss nur ich allein mich an all diese schrecklichen Dinge erinnern? Hasst du mich denn so sehr? Ich ertrage das nicht mehr!"
„Nein das… hast du ganz falsch verstanden, Alice… Ich würde dich doch niemals im Leben unglücklich machen wollen…"
„Lügnerin! Schau doch mal an, was du getan hast!"
„Aber du bist doch jetzt in Ordnung, oder Alice? Du warst meine einzige richtige Freundin, und das, obwohl wir nie miteinander verbunden waren…"
„Wo… wovon redest du denn da?"
„Du warst meine einzige richtige Freundin, du ganz allein… Und das ganz ohne eine Verbindung."
„Ver-Verbindung? Was für eine Verbindung meinst du denn?"
„Na, zu mir und… alle anderen…"
„L-Lass mich…"
„Ich liebe dich, weißt du das, Alice?"
„L-Lain, hast du überhaupt eine Ahnung, was du da sagst?"
„Urprünglich waren alle Menschen einmal auf einer unbdewussten Ebene verbunden… ich habe diese Verbindung einfach nur wiederhergestellt. Nichts weiter."
„L-Lain… du?"
„Hm… man könnte auch sagen, dass ich eigentlich gar nichts gemacht habe…Eigentlich war es immer egal, was real ist, das hier, oder das da drüben, ich war immer in beiden Welten. Ich bein ein Programm das dazu entwickelt wurde, die Barriere zwischen der Wired und der Realen Welt zu durchbrechen."
„L-Lain du bist ein… Programm?"
„Eigentlich sind du und die anderen auch nur Applikationen. Man braucht eigentlich keinen Körper, verstehst du?"
„Da irrst du dich."
„Huch?"
„Ich verstehe zwar nicht ganz, wovon du da redest, aber ich denke, du liegst da falsch… Dein Körper mag kalt sein, aber du bist doch am Leben… und ich lebe auch, merkst du's?
Mein Herz schlägt… bum bum, Bum bum…"
„Hihi, aber warum schlägt es denn so schnell?"
„Das ist wohl, weil ich Angst habe."
„Aber du lächelst doch, Alice."
„Ja, aber in Wahrheit bin ich schon immer ein großer Angsthase gewesen… Dabei weiß ich gar nicht, warum…"
-
„Ich denke, es war etwa Ende Mai… es war das erste Mal, dass ich eine öffentliche Bücherei besucht habe, und ich wusste gar nicht, was man machen muss, um einen Bibliothekausweis zu bekommen… Und an diesem Tag schienen die Bibliothekare auch alle so beschäftigt zu sein, sodass ich mich gar nicht getraut habe, sie zu fragen…
Außerdem bin ich nicht gut darin, mit Fremden zu reden… Als ich also da stand und mich fragte, was ich tun sollte, rief plötzlich jemand nach mir und erledigte all die Formalitäten, um mir eine Karte zu besorgen… ich habe die Karte einfach genommen und bin gegangen ohne etwas zu sagen… Und diese Person, die mir geholfen hat… das warst du, Kyon-kun.
Ich… habe es immer bereut, dass ich dir nicht ordentlich dafür gedankt habe…"
-
Im Nachhinein konnte Rei nicht sagen, wie es auf einmal so spät geworden war.
War sie nachlässig gewesen?
Es war nicht das erste Mal, dass ihr dies bei dieser Aktivität passierte, sie sollte vielleicht erwägen, sie an Tagen vor wichtigen Experimenten einzustellen.
(Das Phänomen, das mit guter Unterhaltung verbrachte Zeit oft wie im Fluge zu vergehen schien, war ihr noch nicht so ganz geläufig)
Der Eindruck, mit dem sie all das zurückgelassen hatte, war… hm.
Die vielen Bilder, die über den Bildschirm geflimmert waren, hatten eigentlich eine ganze Menge von kommenden und gehenden Reaktionen hervorgerufen, von denen Rei nur die wenigsten wirklich zu ettiketieren wusste – Fast wie eine ferne Beobachterin in ihrer eigenen Seele hatte sie diesen Empfindungen einfach dabei zugesehen, wie sie aufgekeimt, erblüht und dann wieder dahingewelkt sind, sie einfach davontreiben lassend wie Schiffe am Horizont.
Wenn sie jedoch etwas erkannt hatte, dann war das eine Ehrfahrung gewesen, deren Intensität sie weder erwartet hatte noch erklären konnte… Sie hatte eine ganze Weile gebraucht, bis sie überhaupt darauf gekommen war, dass das Adjektiv nachdem sie suchte, um ihr Erlebnis zu beschreiben „intensiv" war, aber mit der Zeit war sie sich dessen immer sicherer geworden… Es war, als hätte sie in diesen Texten, die von irgendwelchen fremden Menschen weit, weit weg geschrieben worden waren, Aussagen, Fragen und Beschreibungen gefunden, die ihr selbst genauso oder ziemlich ähnlich schon immer hatte sagen wollen, nur, dass sie nie die Worte dafür gefunden hatte, Bestätigung dafür, dass sie nicht die Einzige war, die sich solche Fragen stellte, und solchen Gedanken nachging… Sie hatte immer gedacht, dass sie bedeutungslos seien, da sie mit ihrer Funktion nichts zu tun hatte, aber hier waren sie, lang und breit getreten auf der Leinwand…
Vielleicht war das anders, wenn man keine bestimmte Funktion zugewiesen bekommen hatte – eigentlich hatte sie das immer so gesehen, dass ja auch die anderen irgendwie eine „Funktion" hatten – Das Second Child und Ikari-kun waren dazu da, Evangelions zu steuern, der Commander war dazu da, Nerv zu leiten, und seine Pläne auszuführen, die Klassensprecherin war da, um die Klasse in Zaun zu halten… aber jetzt wurde ihr die Tiefe des Unterschieds, den es zwischen ihr und den anderen gab noch einmal aufs neue klar, oder vielleicht konnte sie ihn nur besser beschreiben – Viele dieser Werke stellten es so dar, als ob es für einen normalen Menschen eine der wichtigsten Fragen sei, darüber nachzudenken, woher sie kamen und wohin sie gehen würden, was genau der Sinn ihres Daseins war… Und wenn sie im Hinterkopf behielt, dass er sich diese Frage stellte, konnte sie einiges von dem, was sie an Ikari-kun nicht verstanden hatte, wesentlich besser begreifen…
Oft war im Hintergrund die Frage danach gestanden, woher dieser Sinn kommen sollte… Von einem Gott? Von anderen Menschen? Oder war es etwas, das sich die Menschen selbst gaben?
Dann war da noch oft die Frage, in wie weit man ihn sich aussuchen konnte, wie man danach suchen oder ihn verändern konnte…
Hatten sich die Menschen in ihrer Umgebung ihren Sinn selbst gegeben?
Rei hatte nie auf soetwas geachtet und glaubte nicht, dass sie das so jetzt auf Anhieb sagen können würde…
Sie wusste es nicht.
Aber das war vermutlich kein Problem. All diese Überlegungen waren ja schön und gut, aber eigentlich waren sie für Rei selbst dochvöllig bedeutungslos, nicht?
Sie war kein Mensch, bei diesem ganzen Gestrick aus Fragen nach dem Wieso, dem Weshalb und dem Warum war sie eigentlich außen vor – Sie hatte den Sinn für ihr Dasein nicht suchen müssen, sondern ihn von Anfang an gekannt, und auch gewusst, das er von ihrem Schöpfer kam, von Commander Ikari. Sie hatte sich auch niemals gefragt, ob ihr Schöpfer denn existierte, sie sah ihn ja fast jeden zweiten Tag, und wenn sie ihn nicht sah, sah sie seinen Sohn, der ja auf seine Art und Weise auch ein Beweis seiner Existenz war.
Für sie war von Anfang an klar gewesen, woher sie kam und wohin sie gehen würde, wenn sich die endlosen Kreise des Projekts zur Vollendung der Menschheit endlich schließen würden.
-
Statt die gute alte Decke in seinem Zimmer anzustarren, löcherte Shinji ausnahmsweise die von Misatos Wohnzimmer mit seinen Blicken – Ein bestimmter Entschluss war es nicht gewesen, im Wesentlichen hatte es sich einfach so ergeben, dass er statt sich statt sich wie sonst einzuschließen einfach auf die Couch fallen lassen hatte… Gut möglich, dass es etwas damit zutun hatte das er, nachdem er denn Müll rausgebracht, die Wohnung aufgeräumt, gestaubsaugt und ge-wischmoppt hatte, mehr als nur „ein kleines bisschen" erschöpft gewesen war, und sein war Kasettenplayer dadurch, dass er ihn auf der Couch hatte liegen lassen, bevor er mit allem hier angefangen hatte, auch kein Grund, um zurück in sein Zimmer zu laufen – seine Ruhe wurde durch sein Hiersein auch nicht wirklich beeinträchtigt, zumal Misato bis frühensten heute Abend im NERV-Hauptquartier beschäftigt sein würde und Asuka auch noch nicht zuhause war.
Ob er nun aber hier saß oder in seinem Zimmer machte letzlich keinen so großen Unterschied – Er starrte so oder so mit „eingesteckten" Kopfhörern und zerbrach sich über dasselbe Thema seine Birne, was ihn schon am vorigen Tag beschäftigt hatte, wie auch am Tag davor…
Schon längst hatte er eine Möglichkeiten und Implikastionen in Gedanken durchgekaut, aus den vorgegebenen Axiomen alle möglichen Schlussfolgerungen abgeleitet, bis er nur noch zwischen ihnen im Kreis hangelte – Für weitere Antworten, für die Bestätigung oder Wiederlegungen der vielen in die Luft hinein gesponnenen Theorien, wie aus dem Vakuum wurzelnde Universen mit Konsequenzen und Korollaren der verschiedenen möglichen Erklärungen, brauchte es weitere Information, neue Fakten und Fragestellungen, Experimente, um sie zu testen… doch er hatte weder den Mut noch die Gelegenheit, diese durchzufühfren, zumal er das Zentrum seiner Fragestellung, seinen Vater, seid der ganzen Sache mit Mayumi nicht mehr gesehen hatte und auch nicht wusste, wie oder wo er ihn aufsuchen sollte…
(Oder vielleicht brachte er das nur als Vorwand vor, um sich nicht mit der Möglichkeit auseinanderzusetzen zu müssen, dass sein Vater keinen Bock darauf haben würde, ihn zu sehen…)
So oder so schwappten seine Gedanken nur in seinem Kopf herum, eingeschlossen in seinem Schädel, ohne das etwas dazu oder daraus hervor kam…
Genau so gut könnte er auf einem dem belebtesten Plätze im Zentrum der Stadt stehen, eingeschlossen in einen Glaskasten, der nicht den kleinsten Laut hinein oder hinein ließ, allein in der Stille und irgendwie verloren, gefangen in sich selbst…
Diese Gedanken brachten seine Emotionen immer wieder zum Sprundeln und er glaubte nicht, das er irgendeine Möglichkeit hatte, sie heraus zu lassen, zu einer catharsis zu gelangen oder mit irgendwem darüber zu reden… Asuka würde ihn nur auslachen, Touji, Kensuke und Nagato würden sowas nicht verstehen, Rei… Rei war seinem Vater gegenüber sehr loyal und er wollte nicht, dass sie sauer wurde, wenn sie ihn vor ihr in Frage stellte… Und Misato… die würde diese Verständnis-Nummer bringen und fragen stellen und… er wollte einfach nicht, das irgendjemand seine Meinung dazu abgab… Es würde ihnen nur Dumm vorkommen… und obwohl er sich das denken konnte, wollte er das einfach nicht hören…
Wie dumm und naiv konnte man sein?
Dieser eine Kommentar von Rei darüber, das sein Vater keine Probldeme damit hatte, dass der und Rei Zeit miteinander verbrachten… Vielleicht hatte sein Vater gar nicht wirklich darüber nachgedacht und es war ihm gleich, mit wem Rei herumhing solange es keine Axtmörder oder Drogendealer war, und er interpretierte da einfach nur viel zu viel hinein….
Und selbst, wenn dem nicht so war, der Hass von vierzehn Jahren sollte nicht so einfach verschwinden und die Wahrheit war, das er ihn in dem hinteren Abteilen seines Wesens noch gleißend brennen fühlen konnte, aber er wollte, er wollte einfach, das es echt und wahr war, entgegen aller Vernunft, und allein dafür könnte er noch einmal ganz von vorne damit beginnen, sich selbst zu hassen… Kein Wunder, das Asuka ihn für armselig hielt…
Es sollte doch eigentlich eine Grenze geben, an der eine Person mit gesunden Mengen an Selbstrespekt nicht mehr verzeihen würde, egal, was der andere tat… oder war diese Art zu denken nachtragend und kindisch…?
Wenn es doch nur jemand geben würde, der diese Frage für ihn beantworten konnte… oder bestätigte diese Denkweise nur, dass die Dinge, die Asuka während der Wartezeit auf die Entpuppung des letzten Engels gesagt hatte, die Wahrheit nur all zu treffend wiedergespiegelt hatte…?
Genausowenig, wie er diese Unsicherheit aushielt, ertrug er die Furcht, dass die Antworten, nach denen er sich sehnte, ihm nicht gefallen würden, sodass es nicht ganz ohne seine eigene Wahl geschah, dass er diese Antworten nicht wirklich suchte, sondern sie solange, wie sie sich ihm nicht aufdrängten, unbestimmt zu lassen neigte wie eine Katze in einer Kiste.
„Ich bin wohl… ziemlich erbärmlich, hm…?"
Und so ganz plötzlich, ohne dass er sich wirklich erklären konnte, hatte er spontan das dumpfe Gefühl, das Asuka kurz davor war, ihm Ärger zu machen.
„Und ob du das bist!"
„Huh?"
Seine Verwunderung hätte diesen plötzlichen Worten gelten sollen, doch was ihn in Wahrheit foppte war, dass er, und sei es nur für einen winzigen kleinen Moment irgendwie das Gefühl hatte, dass er genau gewusst hatte, was Asuka als nächstes sagen würde, als hätte er diese selbe Szene tausende und abertausende Male gesehen, wobei das leise Nachhallen, das von jedem Durchgang geblieben war, einzeln nicht mehr als der Hauch eines Flüsterns, sich insgesamt zu einem deutlich hörbaren Chor aufsummierte, der die Worte des Rotschopfs bis auf das kleinste Detail in ihrer Betonung der Silben exakt vorrauszusagen schien, fast, als würde Asuka diesem… Echo oder was auch immer es war, einfach nur nachsprechen…
„Hey! Ignorier mich nicht, wenn ich mit dir spreche!"
Bevor Shinji wirklich Gelegenheit hatte, sich aus seiner Konsternation zu lösen, oder sich auch nur in eine halbwegs aufrechte Position bringen konnte, merkte er schon, wie ihm sein treues Kassetenplayerlein rabiat aus der Hand gerissen und mit einer schwungvollen Bewegung von ihm weggezogen wurde, so dass sich die Kopfhörer wesentlich unsanfter aus seinen Ohren entfernt wurden, als sich das die Hersteller je gedacht hatte.
Ihrem Arm, dem die Kabel mit den Kopfhörern dann hinterherschwangen, schienen kurz zahllose Abbilder zu folgen, sich geisterhaft von ihrer Haut lösend und am Ende der Bewegung wieder darin verschwindend… und auch ihr darauf folgender abschätziger Blick, den sie als nächstes auf das antiquierte Gerät richtete, erschien ihm seltsam vertraut, wie eine Szene aus einer Fernsehserie, deren Folgen bis zum Erbrechen wiederholt worden war…
Er konnte es praktisch noch vor Augen sehen, even so stofflich und solide wie das Second Child, das jetzt im Moment vor ihm stand…
Die Art, wie sie seinen Cassentenplayer mit ihrem rechten Daumen und Zeigefinger an den Seiten gehalten hatte, als ob er irgendwas Kontaminiertes sei, mit dem sie wenn überhaupt nur möglichst wenig in Kontakt stehen wollte… fast hätte man meinen können, das sie befürchten würde, dadurch auf irgendeine obskure Art und Weise schwanger werden würde…
Jedenfals hob sie das Gerät weiter in die Luft, mit weit ausgestrecktem Arm und nicht ohne es jemals aus der Reichweite ihres skeptischen Blickes zu lassen, bis sie die Noten, die aus der durchtrennten Verbindung zwischen dem Aparat und seinen Ohren herausströmte einzuordnen vermochte.
Ihr Körper wurde durchschüttelt von ihrem üblichen herrablassenden Kichern, und wie üblich waren ihre Bewegungen Angelegenheiten, die nichts von ihr nicht in Bewegung versetzten, und ihfre Bewegungen ließen die langen Kabel zu den Kopfhörern wie Pendel schwingen und, in einem Fall, gegen die Couch knallen ließen und ihn daran erinnerten, wie hoch sein kleiner Aparillo sich da eigentlich über dem Boden befand…
Da protestierten nicht nur die wenigen Resultate, die die Versuche seines Lehrers ihn gut zu erziehen hervorgebracht hatten – Elektrogeräte musste man doch pfleglich behandeln! – Nein, dazu kam noch, das dieses Apparätchen, dass er durch liebevolle Behandlung noch ein knappes Dutzend Jahre nach dessen „Verfallsdatum" am Leben gehalten hatte, für ihn nicht irgendein Gerät war…
„Nine Inch Nails? Wirklich? Das ist dein Ernst? „Linkin Park" war dir wohl nicht mehr trübsinnig genug… Jetzt weiß ich, dass du wirklich Probleme hast!"
Aber… er mochte diese Musik…
„D-Das ist meins, Shikinami-san… bitte gibt es mir zurück…"
Es war nicht nur die drohende Gefahr, dass sie das Ding kaputtschlagen könnte, es ging sie auch… einfach nicht an, was er sich da anhörte, er fühlte sich irgendwie… entblößt, genau sogut könnte er ihr seine Gedanken und Gefühle selbst offenlegen können…
Er würde es nicht aushalten, wenn sie sich weiter darüber lustig machen würde…
Aber was konnte er schon tun?
Er war ihr doch vollkommen ausgeliefert…
(Er spürte wieder das ziehen dieser Erinerrungen oder was auch immer das waren, aber diesesmal nicht ganz so sanft-)
Sie kicherte weiter. „Okay, du kannst es haben, wenn du mich ganz, ganz lieb darum bittest!"
(…und die eisige Kälte ihrer Stimme in der Gegenwart erinnerte ihn an diesen einen Tag, den einzigen Tag, den er hätte meinen können…)
„…Bitte, Shikinami-san…"
(Was machte er da eigentlich? In den Windungen seines Gehirns war Asuka seithin als jemand eingeritzt gewesen, von dem er definitiv wusste „Diese Person ist viel, viel stärker als ich!" Aber wenn er es recht betrachte…)
Und wieder lachte sie ihn aus.
Er verstand das einfach nicht… er hatte doch getan, was sie gesagt hatte, was wollte sie denn noch…
(Das ist doch Unsinn… Er brauchte sie doch nur einmal anzusehen, ihr zierlicher, schlanker Körper – Sie war doch ganz anders gebaut als er, mit ein paar Runden Sport könnte er sie leicht überflügeln und zerbrechen wie ein Holzstäbchen…)
Diese Hilflosigkeit…
(Das stimmte nicht… er hatte das schon mal getan… einmal, weit, weit weg, als sie mit dieser kalten Stimme zu ihm gesprochen hatte und das Fass ein für alle mal zum Überlaufen gebracht hatte…)
„Hörst du mir überhaupt zu, du Idiot?"
„H-Huh…?"
„Ich habe dich gefragt, warum du diesen Scheiß hier nicht schon längst weggeschmissen hast! Ich meine, wer benutzt denn heutzutage noch einen Kassettenplayer? Wir leben im Jahr 2015, falls du's noch nicht mitgekriegt hast… Kannst du nicht einen normalen MP3-Player oder wenigstens einen CD-Player benutzen…?
Oder weißt du was? Ich spendiere dir einen MP3-Player! Ich hab neulich beim Schoppen mit Hikari einen tollen Elektronikladen in der Stadt gefunden, wo sie echt tolle Geräte haben… Ich hab ganz billig einen gesehen, der 220 Gigabyte Speicher hat, da kannst du mehrere tausend Songs packen statt der ollen zwölf die auf so eine blöde Kassette passen, und du sparst dir sogar das blöde Spulen… Und es ist sogar eine ganz nette Eisdiele nebendran, falls du danach noch Bock auf 'ne kleine Erfrischung hast…
Und damit warf sie den alten Kassettenplayer, völlig lässig und unbekümmert, in hohem Bogen in den heimischen Papierkorb hinein.
-
…Also los, runter von der Couch, sag deinem inneren Schweinehund adé! Du brauchst dieses olle alte Ding nicht mehr!"
Das war's.
Weiter würde sie nicht gehen.
Näher würde sie nicht daran kommen, zu sagen, dass er sie gefälligst auf ein Date einladen sollte. Eine erwachsene Frau, wie sie gefälligst zu sein hatte, sollte sich niemals soeinfach dahingeben, also sollte er das verdammt nochmal sehen und wertschätzen.
Sehen und wertschätzen, dass sie gerade angeboten hatte, für ihn einen netten Teil ihrer Ersparnisse locker zu machen, dass sie ihn praktisch geradewegs dazu aufgefordert hatte, mit ihr Eis essen zu gehen.
Sie wollte, dass er mit ihr in die Stadt ging, und sie wollte es jetzt.
Keine Widerrede.
SIEH MICH AN, BITTE SIEH MICH AN!
Was sah er sie jetzt so an?
Was sollte das jetzt, war sie ihm etwa nicht gut genug?
Und jetzt… nee, oder?
Wüsste sie es nicht besser, würde sie meinen, dass sie irgendwelchen psychoaktiven Substanzen konsumiert haben musste.
Oder konnte es sein, dass dieser Trottel von Third Child wie ein getretener Hund an ihr vorbei stürmte, einen großen Bogen um sie machend, den man getrost als instinktiven Respekt vor dem Alpha-Primaten werten konnte, und sich doch allen ernstes daran machte, den Papierkorb und all den darin enthaltenen Mist zu durchwühlen, um diesen antiquierten Aparat heraus zu fischen… er war geradewegs an ihr vorbeigelaufen.
BEMERK MICH DOCH! TU NICHT SO ALS SEI ICH NICHT DA!
Ganz davon zu schweigen, dass er auf ihr Angebot nichteinmal geantwortet hatte.
Was… was sollte, das, bitte?
Für was hielt er sich eigentlich?
Ihre nahenden, wütenden Schritte kamen näher, und er hob durchaus sein"hübsches Köpfchen", um ihr die Stirn zu bieten, aber am Ende brauchte er es nicht auf die Reihe, ihr in die Augen zu sehen. Er brachte kein Wort heraus.
Typisch.
„Du kannst ruhig chillen, Kollege, es ist nicht so, als ob ich dir deine Augäpfes rausreißen und zum Frühstück essen wollte. … Kannst du echt keine fünf Minuten ohne das blöde Ding auskommen... Es ist fast schon sowas wie eine Sucht bei dir, nicht? Mann könnte glatt meinen, was du drauf hast ist eher sowas wie „Einatmen, Ausatmen… Einatmen… Ausatmen….""
Sie lachte ihn aus.
„Weißt du, dass kann ich auch für dich sagen!"
Er blickte sie nur wortlos an, seine Lippen versiegelt.
IGNORIER MICH NICHT. SIEHST DU NICHT, DASS ICH DICH BRAUCHE?
(Sie war innerlich am Schreien)
SIE HASSTE IGNORIERT ZU WERDEN MEHR ALS ALLES ANDERE
„Kein Wunder, dass du so ein nutzloser Außenseiter bist, den nicht mal sein eigener Vater ausstehen kann!"
(War das nicht ein bisschen zu viel?)
„Du bist ja scheinbar durch und durch assozial… immer mit deinen süßen kleinen Kopfhörern in der Ecke verschanzt… du denkst wohl, dass du besser bist als wir, weil du einen EVA ohne Trainung steuern konntest… Das wir deiner nicht würdig sind… aber weißt du was?
In Wahrheit bist du nichts als ein eingebildeter Bastard, den niemand ausstehen kann, außer vielleicht anderen Asozialen wie deine sogenannten Freunde und dieses irre First Child!"
(Huch?)
Und dann stand er plötzlich zu voller Größe aufgerichtet, sie sogar ein stückweit überragend, (Seit wann, eigentlich?) direkt vor ihr, Zentimeter vor ihrem Gesicht, und starrte ihr direkt in die Augen.
(Was zum…?)
Einen Moment lang hätte sie schwören können, dass sie in seinem Blick den ganzen Weg zum anderen Ende deer Unendlichkeit und zurück erkennen konnte, einen Funken von irgendetwas, das zu fremd war, um von einem 14-jährigen Jungen zu kommen…
Pah!
Was… was sollte das?
(„Hey, Asuka…" meinte sie zu sich selbst. „Du willst mir doch nicht etwa weiß machen, dass das Furch ist?")
Was für ein Schwachsinn… was in aller…
„Wenigstens dreh ich nicht immer, wenn ich irgendwas hören will, die Lautstärker auf volle Dröhnung und zwinge alle andere in der Whnung und vermutlich auch den Rest der Nachbarschaft, sich denselben Mist reinzuziehen und still zu sein wie eine gewisse andere Person!"
(Na sowas, du hast also tatsächlich doch so was wie echten Zorn in dir? Einen Moment lang dachte ich, du würdest mir allen Ernstes eine Knallen… Aber das traust du nicht nicht, heh? Nein, das wagst du nicht.)
Die Anspannung in den Muskeln und Zähnen, die ihre Hände zu Fäusten formten, ließ nach, und ihre zusammengebissenen zähnle lockerten sich und machten einen dünnen Grinsen Platz.
(Nein, das wagst du nicht…)
Sie ging gar nicht erst auf seine Argumentation ein:
„Ach halt doch deine dumme Klappe, Papasöhnchen."
„Aber… das…-"
Na bitte, so leicht war es gewesen, seinen Wiederstand zu brechen.
Es war überhaupt nicht anders, als sonst auch.
„Ach… Ach lass mich doch in Ruhe!"
Das nächste, wass sie von ihm hörte war, wie er die Tür seines Zimmers zuknallte, und danach noch irgendwelche undefinierten Geräusche, die vermutlich davon produziert wurden, dass er sich unter seiner Bettddecke verschantzte.
Sie war wie ausgehöhlt – Sie sollte jetzt eigentlich boshaft lachen oder aus Frust und Wut in etwas hineinboxen oder irgendwie… reagieren, aber es kam irgendwie nichts.
Da war nur eine ruhige Leere mit einem leicht traurigen Unterton.
(Was sollte das?)
Ihr Inneres befand sich in einem Ungleichgewicht, doch es gab ihr keine Hinweise darauf, wie sie Zufriedenheit erlangen konnte, wie sie diese Spannung in irgendeiner Form abbauen können würde.
Sollte sie etwas zertrümmern?
Sich etwas Bestimmtes beschaffen?
Zu jemand Bestimmten gehen…?
Sie wusste es nicht, sie fühlte sich einfach nur aufgerieben und wusste nicht, was sie deswegen machen sollte…
Irgendwie hatte es ihr keinerlei Freude bereitet, dem Third Child den Tag zu verderben.
(Und mein blödes Date habe ich auch nicht gekriegt… mist… )
War es, weil das alles nicht daran änderte, dass er sie in den letzten Wochen mehrmals hatte alt aussehen lassen, in dem er eins auf den großen Helden gemacht hatte…?
Was sonst könnte der Grund für ihre Verstimmung sein?
(Sie fühlte sich fast schon ein wenig versucht, ihr Ohr an die Zimmertür ihres Mitbewohners zu drücken und zu überprüfen, ob er gerade dabei war, sich die Augen auszuheulen.
Sie fragte sich, was die Laute seines Leids wohl mit ihr machen würden… Würden sie ihr Genugtuung bringen? Oder…)
Ärgerlich holte sie sich ihren kleinen Gameboy, warf sich energisch auf die Couch, auf der er vorhin noch gesessen hatte (und noch nicht alles von der Wärme verloren hatte, die sein Körper in sie hineingestrahlt hatte) und haute ihren Frust in den A-Knopf und das kleine Steuerkreuz hinein.
Oh verdammt, sie hielt es schlicht und ergreifend nicht aus, in seiner Schuld zu stehen, und schon gar nicht dieses juckende Gefühl, sich bei irgendjemandem Entschuldigen zu müssen…
Daran war ganz allein dieses beschissene Third Child schuld!
Das war alles überhaupt nicht so gelaufen, wie sie es sich vorgestellt hatte…
-
Das war alles einmal leichter gewesen, oder sie hatte es sich leichter vorgestellt… Sie musste einfach nur gut mit ihrem EVA umgehen, und dann würde sie alles bekommen, was sie wollte, nicht?
So war es immer gewesen und so hätte es auch immer bleiben sollen.
Sie hatte doch immernoch den besten Synchronwert, oder?
Sie war doch die beste auf der Welt?
Also warum?
Warum lief das alles nicht so, wie sie es wollte?
Wieso musste sie von diesem Dummbatz gerettet werden und nicht umgekehrt?
Wieso stand er als Held da und nicht sie?
Er hatte das alles doch gar nicht verdient!
Es war doch so, diejenigen, die sich anstrengten und hart arbeiteten, die wurdem am Ende belohnt und erfolgreich, nicht?
In der heutigen Gesellschaft half es nicht mehr, einfach nur in tolle Verhältnisse geboren zu werden, oder…?
Ja doch, ja verdammt, sie war sich derdammt sicher damit – Aber es gab eine Zeit, da musste sie sich diese Fragen überhaupt nicht erst stellen… Da war es offensichtlich.
Wenn sie morgend die Augen aufschlug, würde sie in ihrem Zimmer, fast größer als Misato's ganzes Appartment, die Beweise dafür sehen, die schönsten Spielsachen in den Regalen, (Auch wenn sie diese meist dankend ablehnte) die teuersten Designerklamotten in den Schränken, was auch immer es war, wenn sie nur andeutete, dass sie es wollte, dann bekam sie es auch.
Weil sie es wert war.
Jeden morgen würde sie von ihrem großen Himmelbett aufstehen, sich vor ihren großen, geräumigen Schminktisch setzten und sich an die Arbeit machen, das auch alles perfekt saß, dass auch nichts aus der Reihe tanzte, und zuletzt kamen immer ihre Interface-Clips, die zwischen den ganzen Töpfchen und Tiegelchen ihren ganz speziellen Platz hatte, und wenn sie sich so im Spiegel betrachtete, mit diesen feuerroten Eckchen, die wie Hörner aus ihrem feuerroten Haar ragten, mit einem Ausdruck der Entschlossenheit, dann würde sie ganz genau wissen, wer sie war.
Und wenn sie sich so betrachtete, würde sie jeden Morgen in Vorfreude an den Tag schwelgen, an dem sie allen beweisen würde, warum genau sie sich all dies verdient hatte, und noch viel mehr.
Ihre Ankunft in Japan, wie sie den Feind schon beim ersten Versuch gekonnt zerschmettern würde, die zahllosen Stimmen, die sie bejubelten, der Moment, in dem sich jede einzelnen Stude des Trainings auszahlten, die Menge, die ihren Namen rief, und die heiße Affäre mit Kaji-san, die sie beschäftigen würden, wenn sich die Monster mal einen Tag frei nehmen würden…
Mit jedem Tag, der verging strahlten ihre Erwartung mehr – Sie sah Mengen, die sie voll Bewunderung in die Lüfte warfen, eine Parade, die ihre Ankunft feierte, und diese Bilder ließen das Feuer in ihren Augen brennen, als sie den Raum eiligen Schrittes verließ.
-
„Wer ist denn das Kind da?"
„Das ist unser Second Child! Sie ist der ganze Stolz der dritten Augenstelle, nein, von ganz Europa… ihre Synchron- und Harmonixwerte haben vor kurzem sogar die erste Testperson in Japan überflügelt!"
„Was… dieses kleine Mädchen? Unmöglich!"
-
Wenn sie andere Kinder sah, und das geschah nicht regelmäßig, sondern nur hin und wieder, völlig zufällig, wie wenn sie mal mit derm Auto an ihnen vorbeifuhr, wie sie auf einer Wiese herumtollten und Ball spielten, dummes Vieh ohne wirklichen Sinn in ihrem Leben, ganz, ganz, ganz anders als sie, ein Unterschied wie ein schlichter Allerweltszentimeter der mit einem Schullineal ausgemesser werden konnte und den Lichtjahren, mit denen die tiefen des Universums kartographiert wurden.
Sie war anders.
Das war da eigentlich die primäre Emotion…
Es gab nichts, was sie mit diesem dummen Dingern zu schaffen hatte, genau so wenig, wie ein Mensch mit einer Pflanze eine sinnvolle Konversation führen könnte.
Das diese spielenden Kinder mit ihrer unbeschwerten Sommerfreude irgendetwas haben könnten, was sie nicht hatte, kam ihr überhaupt nicht erst in den Sinn.
-
„Aber auch Wunderkinder wie du müssen doch hin und wieder mal spielen müssen… was spielst du denn so gerne?"
„Für so was wie Spielen hab ich keine Zeit! Es geht schließlich um das Schicksal der Menscheit!"
„Aber ist soetwas nicht sehr anstrengend und stressig…? Um trotz des ganzen Trainings in der Schule so gut abzuschneiden, musst du doch sicher sehr viel arbeiten…"
„Eigentlich nicht, nein…"
„Dabei heißt es immer, ein Genie wird man mit 1% Talent und 99% harter Arbeit…"
„Bei mir ist es halt umgekehrt. Auch wenn ein Prozent von der Rettung der Erde nicht gerade wenig ist…"
-
In einer Jeans, einem knappen Top mit dem Aufdruck eines gebrochenen Herzens und einem rosa Zopfband saß das rothaarige Mädchen missmutig an dem langen Esstisch, voll mit teurem Geschirr, Besteck, dekorativ aufgereihten Speisen und liebevoll angeordneter Tischdekoration und stocherte missmutig mit ihrer Gabel in ihrem Essen herum.
„Oh, Asuka! Du weißt gar nicht, wie sehr wir uns freuen, dass du uns endlich mal besuchen kommst… Deine Vater und ich haben ja oft nachgefragt, aber du hattest ja immer genau dann deine Übungen, wenn wir dich besuchen wollten…"
Was diese dumme Pute nicht wusste war, dass das volle Absicht gewesen war.
„Das sind keine Übungen, das ist Training." Spie sie zurück.
„Uh… sicher…" Die Frau schien kurz etwas verunsichert, stellte ihre Maske aber schnell wieder her. „Auf jeden Fall, wie läuft es mit deinem… Training denn so?"
„Ich wüsste nicht, was dich das angeht."
„Asuka! So redet man doch nicht mit seiner Mutter!" mischte sich schließlich der Mann am Tisch ein.
„Genau, mit seiner Mutter!"
Sie stand auf und machte sich nicht mal die Mühe, die Gabel ordentlich auf den Teller zu legen.
„Wo willst du hin, junges Fräulein…?"
„Ich muss noch lernen. Und außerdem kann ich es mir nicht leisten, dieses fettige Zeug zu essen. Weißgott, was dass mit meiner Kondition anstellt."
-
„Hallo, Asuka"
„Was willst du?" Das Mädchen spähte mit kalten Augen durch den Türspalt.
Die Frau dahinter zückte eine Tüte. „Ich wollte dich fragen, ob du nicht diese schönen Kleider anprobieren willst, die ich für dich gekauft habe!"
„Und warum das?"
„Na, du hast doch gesagt, dass du neulich besser abgeschnitten bist als dieses Mädchen in Japan… Sieh es als Geschenk."
„Behalt den Scheiß!"
„Eh…?"
„Denkst du echt, du könntest mich kaufen? Glaub nicht, dass ich dich nicht durchschaut habe. Du willst dich doch nur bei Papa einschleimen. Du bist nichts als eine unverschämte Hure, die sich an einen älteren Mann herangemacht hat, um naher wenn er stirbt sein Geld zu erben… Papa magst du vielleicht verarsch haben, aber ich bin klug.
Du must schon eine ganz arrogante Ziege sein, um zu denken, dass du jemand reinlegen kannst, der einen viel viel höheren IQ hat als du! Lass mich in Ruhe, ich muss lernen!"
-
„Liebling, kannst du Asuka bitte sagen, dass sie ins Bett gehen soll...?"
„Wieso, sie lernt doch für die Schule…"
Der plötzliche Temperaturabfall im Tonfall seiner Frau blieb Langley nicht verborgen.
„Ist etwas passiert, Birgit…? Hast du dich etwa wieder mit Asuka gestritten?"
Er seufzte.
„Na egal, jedenfalls ist es schon fast Mitternacht, sie muss ins Bett."
„Muss sie das, Sebastian? Was lässt dich denken, dass wir das besser wissen als sie? Sie ist so intelligent, das normale Menschen wie wir kaum nachvollziehen können, was sie eigentlich denkst…"
„Ist das nicht ziemlich unverantwortlich für etwas, was aus dem Mund einer ausgebildeten Ärztin stammt?"
„Das kommt darauf an, wie man es sieht… Ich mag Ärztin sein, aber dass Ärzte auch noch nicht alles verstehen, sieht man schon allein daran, dass wir Menschen immer noch nicht unsterblich sind. Ich habe meine Grenzen, sowohl in meiner Geduld, als auch in meinem Können, als auch in meinem Wissen… im Moment denke ich zum Beispiel oft darüber nach, ob es möglich ist, dass das Gehirn eines Kindes so weit entwickelt sein kann, dass es jedes Bedürfnis für menschliche Nähe verloren hat…"
-
So oder so war in dieser Nacht niemand da, um das kleine rothaarige Mädchen, das über ihren Schulbüchern eingeschlafen war, in ihr Bett zu legen.
Aber am nächsten Morgen würde sie sich mit vom Schlaf wirren Haaren, Buchkantenabdrücken in ihrem Gesicht und einem geblümten Kleid, dass sie eigentlich als kindisch und billig abgelehnt hatte, im Spiegel betrachten, und im Zorn dagegenboxen.
Wie getrieben rannte sie zur Tür den kleinen Balkons der an dieses Zimmer grenzte, dass sie nie das ihre nennen würde, drehte die Klinke energisch hin und her, bis sich die tür nicht anlehnen sondern öffnen ließ, stürmte raus in die Morgenröte an den äußersten Rand, und ergriff wütend das Geländer, als wollte sie es zerdrücken.
Die ganze dämliche suburbane Siedlung da draußen, die dämlichen zwitchernen Vögelchen, die kleinen Autos und Kinderwägen, die idyllischen Gärten, alles und jeder hier –
„…Insekten…" Ihrte Stimme zitterte genau so wie der Rest von ihr, die Wut war unglaublich echt und unsagbar heftig, dass sie sie zuerst efast erstickte, bevor sie endlich den Weg raus fand.
„ALLES NUR DUMME INSEKTEN!"
-
„Und deshalb… brauche ich keine Eltern, keine Freunde, und schon gar keine Kerle.
Am Ende bin ich doch so oder so allein.
Ich habe nicht den geringsten Zweifel:
Die einzige Person, der ich vertrauen kann, bin ich selbst."
-
„Dieses Mal war es zwar nur glimpflich, aber… Wenn das noch häufiger vorkommen wird, das alle drei EVAs beschädigt werden, könnte der Schaden unsere Fähigkeit, weiteren Angriffen in der Zukunft standzuhalten erheblich beeinträchtigen." Fasste Hyuuga das Ergebnis seines Berichts schließlich zusammen, als seine Haare genau wie die seiner Vorgesetzten durcheinandergeblasen wurden, als die kleine Gondel, in der sie saßen, durch die große, weiß-beleuchtete EVA-Reparaturkammer raste, in der weitere Techniker pausenlos am Werk waren. Ein wenig surreal war es ja schon das die „Behandlung" der beschädigten Kampfmaschine zeitweise so aussah, als hätte man einfach einen übergroßen Verband draufgepappt .
"Es ist gar nicht so lange her, das wir gezwungen waren, EVA 00 eine Generalüberholung zu verpassen, und jetzt haben wir schon wieder die Hälfte unserer Ersatzteile verbaut… und dabei waren das beim letzten Kampf hauptsächlich nur kleine Schäden… Es ist kaum zu glauben, dass die in so einer Situation noch so steif an diesem Vatikan-Vertrag festhalten können…"
„Oh ja!" stimmte Misato voll und ganz zu, sich darüber nach dem Stress des heutigen Arbeitstages noch mehr aufregend als sonst.
„War ja ganz schlau von denen, die Zahl von Evangelions, die ein Land besitzen darf, auch dann noch auf drei zu beschränken, wenn sie beschädigt sind…"
„Wir geben zur Zeit EVA 01 Priorität, aber selbst, wenn die Ersatzteile schnell nachgeliefert werden, wird EVA 00 wohl noch mehrere Tage brauchen…" pflichtete Maya bei. „Wir könnten EVA 00 zwar theoretisch so wie er ist in den Kampf schicken, aber was, wenn das nächste Zielobjekt einmal eintrifft, bevor wir Zeit hatten, alles zu reparieren oder die Piloten zu verarzten? Das war schon beim sechsten Engel ziemlich knapp…"
Dr. Akagi sah da wie üblich schwarz: „Dieser Vertrag ist das Produkt der Egos der Länder, die in ihn verwickelt sind… Ihn ändern zu wollen, würde nur zu endlosen Streitereien führen… Und außerdem müssen wir uns hier in Asien dauernd mit Forderungen aus Russland und Europa herumschlagen, seid dem die Einheit Fünf verloren haben… Politik bringt eben doch nichts als Ärger."
Maya seufzte. „Und dabei ist es doch noch so ein langer Weg bis zur Rettung der Menschheit…"
-
Als sie nach einem langen Tag voll mit der vielen Arbeit, die die noch laufenden Reparatur- und Aufräumarbeiten nach dem Angruff des Zehnten Engels ihr dagelassen hatten endlich dazu kam, in ihr trautes Heim einzukehren, hatte Misato zunächst keine größere Sorge, als direkt ihr Zimmer anzusteuern, ihre Kleidung bis auf die Unterhose abzustreifen, ihre Tasche in die nächstbeste Ecke zu schmeißen, wo sie erfahrungsgemäß verbleiben würde, bis sie sie das nächste mal brauchen würde, und sich etwas wesentlich gemütlicheres überzustreifen.
Erst, nachdem sie eine Dose Bier im Expressdurchgang in ihren Rachen gekippt hatte und sich gleich die nähchste aus den Kühlschrank geholt und gegen ihre Stirn gehalten hatte, um die sommerliche Hitze, über die sie sich beizeiten mehrmals beklagte, mit der Begründung, das die Engel schon allein für den ewigen Sommer vernichtet gehörten , daran zu hindern, ihr gehirn zu schmelzen, fiel ihr auf, das Asuka, die grießgrämig dreinblickend mit einem Joystick in der Hand auf dem Sofa hockte (Ihrem Gameboy war der Saft ausgegangen und sie hatte in daher in ihrem Zimmer an das Ladekabel gesteckt) und ihren Zorn an den virtuellen Kreaturen hinter der Mattscheibe ausließ, ihr nicht mal minimale Worte des Grußes hatte zukommen lassen.
„Huh…?" fragte sie, neugierig blinzelnd.
„Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?"
„Ich weiß nicht, woher du den Eindruck nimmst, dass überhaupt etwas passiert ist!" giftete das Second Child zurück, die Frage trotzdem mehr oder weniger beantwortend.
Misato klatschte sich in guter alter Picard-Manier mit der Hand ins Gesicht.
„Du hast dich doch nicht etwa schon wieder mit Shinji gestritten, oder…? Wo ist er überhaupt?"
„Der hat sich in sein Zimmer eingeschlossen und bläst Trübsal. Vielleicht regt er sich bis Morgen ja wieder ab."
„Musstest du ihn unbedingt anschauzen?"
„Das ist ziemlich schwer… Ich versteh nicht, warum da alle solchen Wind drum machen, wenn er mal nen schlechten Tag hat, da ist nun wirklich nichts besonders dran. Der ist so eine Mimose, den muss man nur schief angucken damit er sich in seinem Loch verbarrikadiert!"
Dieser Kommentar war erstaunlich effektiv dabei, alle aufgesetzte Spielerei von Misatos Gesicht zu wischen.
Es weckte wieder ihre Zweifel daran, ob sie in den letzten drei Monaten überhaupt irgendetwas Dauerhaftes erreicht hatte.
Das Beste, was sie behaupten konnte war, das „Deprimiert" bei dem Third Child mitleiweile nicht mehr der Normalzustand war, sondern eine erwähnenswerte Abweichung davon… Aber so richtig beruhigte das ihre Schuldgefühle nicht.
Das Objekt ihrer Sorgen war bisweilen dabei, zu versuchen, die Geräusche der Umgebung bestmöglich mit seinem Kissen auszublenden – Er hatte zwar mitbekommen, dass sie angekommen war, aber das war dann auch der Startschuss dafür gewesen, sich die Ohren zu stopfen – Er wollte jetzt nichts mehr neues wissen und nichts mehr hören, auf das er hätte reagieren müssen, er war einfach nur durch und durch erschöpft…
Er hatte sich schon vor einer ganzen Weile Morpheus' Armen übergeben, in der Hoffnung, dass dieser Tag endlich enden würde, war aber vor kurzem schweißbedeckt aus dem Schlaf gefahren… Es war keine Vision gewesen, doch die Gewissheit, dass es einfach nur sein eigenes, verrücktes Leben war, machte es keinen Deut besser.
Was er eben vor sich gesehen hatte, war dieses… dieses Ding dass bei seinem „Ausflug" nach dem zweiten Kampf versucht hatte, ihm das Leben zu nehmen… und er wurde den seltsamen Eindruck nicht los, es eindeutig erkannt zu haben…
Er wollte das alles nicht denken müssen, oder überhaupt irgendetwas, alles, was er sich wünschte, war ein tiefer, traumloser Schlaf der ihm eine Auszeit von seiner Existenz geben würde doch die Naivität die nötig gewesen wäre, um ernsthaft zu glauben, dass derartig verschont werden würde, hatte er schon längst verloren.
Er war so erschöpft, aber was genau das für eine Art von Ruhe war, die er sich da herbeiwünschte, war eine Frage, die er nicht näher zu beleuchten wagte.
Auf jeden Fall hatte er wenig Hoffnung, das die übliche „Mütze Schlaf" ihm besonders viel davon bringen würde.
Er war es leid.
(1) Freut euch schon auf das nächste Kapitel: 22: [Im Herzen der Welt]
