Kapitel sechsunddreißig: Letzter Wille
Eine Woche nach dem Begräbnis entschied Humility, dass es Zeit war, Winrys Testament zu vollstrecken. Ich wusste weshalb, dachte ich jedenfalls. Sie wollten uns Zeit geben, die traurigen Ereignisse zu verdauen, Zeit um damit klarzukommen, dass Winry nicht mehr war.
Für ihre Rücksicht bin ich zwar dankbar, ich werde wohl niemals damit klarkommen. Ich muss, für meine Kinder, aber ich weiß nicht, ob ich stark genug bin.
Trotzdem weiß ich zu schätzen, dass die Tugenden uns eine Atempause gegeben haben, bevor sie uns mit noch mehr Schmerz konfrontieren.
Eines Morgens nach dem Frühstück schickte Kindness jeden, den Winry in ihrem Testament bedacht hatte, in den Salon.
Ich hatte das Gefühl mein Herz bleibt stehen, als ich sie alle da sitzen sah, auf Stühlen, Sesseln, Sofas, Tischen und am Boden auf Chastitys teuren Teppichen aus Ishval.
Auf einer Kommode saß Humility mit mehreren Blättern Papier in der Hand und neben ihr stand mit kummervoller Miene Chastity.
„Also gut, alle zusammen. Heute verkünden wir Winrys letzten Willen. Ihr seid hier, weil sie euch alle in ihrem Testament bedacht hat."
Mit 'euch alle' meinte sie mich, die Kinder, Al, Mei, Hohenheim, Selim/Pride und Mrs. Bradley, Hawkeye, Paninya, Greed und Envy.
Ich fragte nicht, warum Hawkeye und Paninya hier waren, wie die Tugenden den dunkelhäutigen Wildfang ausfindig gemacht und Hawkeye ohne Mustang herbekommen hatten.
Chastity fuhr fort: „Erst mal wollen wir uns entschuldigen, weil wir das jetzt erst machen, aber wir dachten, dass ihr nach diesen traurigen Ereignissen eine Pause vertragen könntet, damit ihr alles verdauen könnt, bevor wir euch mit dem nächsten Schlag konfrontieren."
„Danke, Chastity", meldete sich Al, „Wir wissen das sehr zu schätzen." Einige andere nickten.
Die Tugend nickte, ehe sie verkündete: „Jedenfalls haben wir die kleineren Hinterlassenschaften hier auf dem Tisch versammelt. Wir werden deren Erben aufrufen und die dürfen vorkommen und sich die Gegenstände nehmen. Und jetzt hört gut zu, denn Humility wird euch jetzt Winrys Testament vorlesen. Du hast das Wort, große Schwester."
„Danke, Chastity", sagte Humility bescheiden, eh sie sich räusperte und begann laut vorzulesen:
„Ich, Winry Elric,
verkünde hiermit, dass dies mein letzter Wille und mein Testament ist.
Hiermit stelle ich klar, dass ich volljährig und im Vollbesitz meiner geistigen Fähigkeiten bin.
Alle vorherigen Testamente, die von mir verfasst wurden, erkläre ich hiermit für nichtig.
Dieser letzte Wille drückt meine Wünsche ohne fremden Einfluss oder Zwang aus.
Ich bin verheiratet mit Edward Elric, von dem ich ab hier als meinen Gatten sprechen werde.
Ich habe folgende Kinder:
Van Elric (geb. 17.03.1922),
Nina Elric (geb. 29.11.1923)
Zur Testamentsvollstreckerin ernenne ich Prof. Dr. Raffaela Angel. Sollte diese nicht fähig oder willig sein, meinen Willen zu vollstrecken, ernenne ich Prof. Agnes Virginia Angel, Dr. Michelle Agape Angel und Dr. Ramiel Gratian Angel als stellvertretende Vollstrecker."
Sie hatte Humility, Chastity, Charity und Kindness als Testamentsvollstreckern eingesetzt?
„Ich will meiner Familie und all meinen Freunden danken für ihre Liebe und hoffe, sie sind zufrieden mit dem, was sie von mir bekommen.
Meinem Gatten hinterlasse ich unser Haus in Resembool und mein Auto. Des Weiteren bitte ich ihn, unseren Kindern ein guter Vater zu sein und für sie zu sorgen, bis sie alt genug sind, um es selbst zu tun. Meine letzte Bitte an ihn ist, weiterzuleben und jemanden zu finden, der ihn lieben und bei ihm bleiben wird."
Mein Herz verkrampfte sich und ich biss mir auf die Lippen.
Winry, verdammt!
Humility fuhr fort: „Meinem Sohn Van Elric vermache ich meine Werkstatt mit allem darin, bis auf die Bilder und den blauen Werkzeugkasten, die an Paninya gehen sollen."
Vans Augen wurde riesig. „Mamas Werkstatt? Alles meins?"
Humility nickte lächelnd und bat Paninya, nach vorne zu kommen und sich besagte Bilder und den Werkzeugkasten zu holen. Die frühere Taschendiebin lächelte traurig, als sie sich wieder hinsetzte und den Kasten und die Fotos in ihren Schoß legte.
Die weißhaarige Tugend las weiter: „Meine Tochter Nina Elric erhält ein Bankkonto mit dem Zweck, später ihre alchemistische Ausbildung zu bezahlen, wenn sie groß wird. Leider ist es das einzig Nützliche, was ich ihr hinterlassen kann."
Die Fünfjährige guckte verwirrt: „Papa, was ist ein Bankkonto?"
„Nicht jetzt, Sonnenschein", murmelte ich und widmete meine Aufmerksamkeit wieder Humility.
„Meinem lieben Schwager, Alphonse Elric, der mein Bruder hätte sein können, gebe ich all meine Notizbücher, damit er seine Studien in Alchemie und Alkahestrie niederschreiben kann. Meine letzte Bitte an ihn ist für meinen Gatten da zu sein, wie er es immer war."
Al kniff die Augen zu, um sich vom Weinen abzuhalten, und packte Meis Hand.
„Als Verlobter, Mei Chang, die mir wie eine Schwester ist, lasse ich den blauen Schminkkasten, den ich nie benutzen konnte. Möge sie Al immer eine liebende Gefährtin sein und ihm beistehen, in guten wie in schweren Tagen."
Mei konnte gerade noch nicken, bevor sie anfing, an Als Brust zu heulen. Ich beneidete sie, weil sie etwas fühlen und es so offen zeigen konnte. Da die xingesische Prinzessin zu überwältigt von ihren Emotionen war, kam Diligence rüber und gab ihr den Schminkkasten in die Hand.
„Meinem Schwiegervater, Van Hohenheim, hinterlasse ich die Hütte, die meiner Großmutter gehörte, Pinako Rockbell. Möge sie in ihm schöne Erinnerungen an ihre Freundschaft wachrufen."
Hohenheim drehte sich weg, damit die anderen ihn nicht weinen sahen. Ich wünschte mir, das Gleiche tun zu können, aber alles was ich fühlte war … nichts.
„Mrs. Bradley, die immer so nett zu mir und meiner Familie war, hinterlasse ich meine beheizten Decken in der Hoffnung, dass sie gegen ihren Rheumatismus helfen."
Mrs. Bradley lächelte wehmütig: „Wie nett von ihr. Die werden mir wirklich helfen."
Dann trat sie vor, um die Decken zu holen.
„Selim Bradley vererbe ich mein schwarzes Notizbuch, das neben meinem Krankenbett lag, in der Hoffnung, dass er es nützlich finden wird. Des Weiteren ernenne ich ihn zum Tutor meiner Kinder, so wie mein Gatte der seine ist."
Selim holte sich sein neues Notizbuch und setzte sich wieder auf die Couch, neben seine Mutter. Ich fragte mich, was Pride davon hielt.
„Die Weinsammlung, die meine Großmutter mir hinterlassen hat, soll sowohl an meinen Gatten und seinen Vater gehen, als auch an Greed und Diligence, die damit mehr anfangen können als ich. Sie sollen bitte darauf achten, dass mein Mann seinen Kummer nicht in Alkohol ertränkt, zum Besten meiner Kinder."
„Klar", murmelte Greed.
„Natürlich", nickte Hohenheim.
„Wir tun unser Bestes", versicherte Diligence.
„Na vielen Dank auch, Win. Vertraust du mir denn gar nicht?", grummelte ich für mich.
Hinter mir schnaubte jemand und ich drehte mich um, um die Person finster anzusehen.
„Niemand mit gesundem Menschenverstand würde dir zutrauen, auf dich selbst aufpassen zu können", sagte Envy kühl.
Greed spielte mit seiner Jacke: „Ich stimme ihm nicht gerne zu, aber weißt du..."
Al kratzte sich verlegen den Kopf: „Tut mir leid, Nii-san, aber da ist was dran..."
Ich starrte sie mit offenem Mund an. Verdammte Verräter!
Als ich gerade explodieren und Streit anfangen wollte, feuerte Hawkeye einen Schuss ab, der durch eine Fensterscheibe ging und alle aufscheuchte.
„Miss Hawkeye!", rief Mrs. Bradley, „Ich hätte fast einen Herzinfarkt bekommen!"
„Verzeihung" entschuldigte sich der Leutnant.
Chastity funkelte sie wütend an. „Sie bezahlen für das Fenster, Madame."
„Natürlich", seufzte Hawkeye, „Ich dachte nur, dass dies der falsche Zeitpunkt für einen Streit ist."
Humility räusperte sich hörbar und fuhr fort, das Testament vorzulesen:
„Meiner Freundin Riza Hawkeye vermache ich meine Ohrringe, weil sie mich dazu gebracht hat, so viele zu tragen und im Allgemeinen eine mutigere Person zu werden."
Chastity winkte Hawkeye vor und die Frau holte sich die Ohrringe.
„Und zu guter Letzt", kündigte Humility an,
„Envy vermache ich meinen Glücks-Schraubenzieher, den ich immer bei mir hatte. Er weiß, was er damit machen soll. Ich danke ihm für die netten Gespräche und für die Gesellschaft, die er mir in meinen letzten Wochen geleistet hat. Zudem bitte ich ihn, an das Versprechen zu denken, er weiß, welches."
Envy kam und holte sich den großen Schraubenzieher, den Winry ihm hinterlassen hatte. Plötzlich fiel mir ein, dass Winry gesagt hatte … oh mein Gott! Sie hatte dem Gestaltwandler erlaubt, mich mit diesem Schraubenzieher zu schlagen!
Greed stutzte und besah sich den Gegenstand in der Hand seines kleinen Bruders/Schwester.
„Sie vermacht dir einen Schraubenzieher? Wozu denn das?"
„Das ist eine gute Frage", meldete sich Pride, „Und was meint sie mit 'netten Gesprächen' und 'Gesellschaft, die du ihr geleistet hast'?"
„Fragt nicht", seufzte Envy und sah seine Brüder sachlich an.
Humility machte weiter: „Des Weiteren ernenne ich ihn zum Vormund meiner Kinder, sollte mein Mann nicht imstande sein, sich selbst um sie zu kümmern oder sie allein zu erziehen."
„WAS?!"; kreischte ich.
Al schlug sich die Hand vors Gesicht: „Oh mein Gott, Winry, warum … ausgerechnet er … er soll ihr Vormund sein?! Das kann nicht sein. Das ist Wahnsinn. Was hat dich da nur geritten?!"
Mei glotzte erst Humility, dann Envy an und stotterte: „...W-was?! I-ich fasse es nicht!"
Hohenheim runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf, sagte aber nichts.
Hawkeye murmelte etwas, das klang wie: „Was zur Hölle..."
Die Kinder, die Envy nicht so gut kannten, schauten nur verwundert und neugierig drein.
Selbst Greed und Pride starrten den Gestaltwandler mit offenem Mund an.
„Der", sagte Greed tonlos und zeigte auf die Palme, „Vormund zweier kleiner Kinder. Was?"
„Das ist absurd", Pride schüttelte den Kopf, „Dieser Mensch muss wahnsinnig gewesen sein."
Envy hingegen schien gar nicht überrascht zu sein. Warum? Was zur verfickten Hölle! Er rollte nur mit den Augen, was mich noch mehr aufregte.
Ich starrte Humility an. „Du lügst", sagte ich langsam. „Das ist Envy, verdammt! Niemals hat sie ihn zum Vormund meiner Kinder gemacht! Das muss ein Witz sein!"
Sie schüttelte den Kopf. „Ich fürchte nicht."
Ich starrte sie fassungslos an: „...A-aber … er … er..."
Envy seufzte genervt: „Ach, reg dich ab, Ex-Knirps. Ich knall sie schon nicht ab!"
Ausgerechnet so musste er das ausdrücken?! Er wollte wohl von mir gekillt werden!
Van sah jetzt noch verwunderter aus: „Uns abknallen?"
„Er meint, er wird euch nicht erschießen", übersetzte Selim. Pride hatte sich wieder in seinen Kopf zurückgezogen, wohl um die WTF-heit der Situation zu verarbeiten.
Van und Nina lächelten. „Okay", sagte Nina.
„DAS AKZEPTIERE ICH NICHT!", brüllte ich und sprang auf, „NIEMALS HAT SIE-"
Humility hob die Hand um mich zu zum Schweigen zu bringen: „Genauso hat sie es uns diktiert. Und glaub mir, wir waren genauso überrascht wie du. Aber es ist ihr letzter Wille, ob es dir also passt oder nicht, Envy der Eifersüchtige ist von jetzt an der gesetzliche Vormund deiner Kinder, bis sie volljährig sind. Also, wo war ich stehen geblieben … ach ja."
Jetzt kam die weißhaarige Tugend endlich zum Schluss:
„Ich verfüge, dass nach meinem Tod meine Überreste neben meinem Eltern und meiner Großmutter ruhen sollen.
Gezeichnet, Winry Elric, geborene Rockbell, Angel Manor, 15.09.1928
Zeugen: Siehe Vollstrecker."
Greed spöttelte: „Was sind das überhaupt für menschliche Namen, die ihr euch da zugelegt habt? Ist euch nichts etwa nichts Besseres eingefallen?"
„Klappe", erwiderte Charity, „Wenigstens haben wir welche. Wer von euch Sünden hat einen?"
Doch bevor sie weiter streiten konnten, warf Envy den Schraubenzieher und traf beide am Kopf. Als das Ding zurückgeflogen kam, fing er ihn geschickt wieder auf.
Diligence pfiff. „Guter Wurf, Envy. Voll ins Schwarze!"
Er ignorierte sie und sah Charity und Greed böse an: „Haltet die Klappe! Streitet ihr euch echt über so was Nichtiges wie Menschennamen, während wir über ihren letzten Willen reden? Ernsthaft?!"
Für diese Aktion war ich ihm fast dankbar, denn ich war in den letzten Minuten immer wütender geworden. Und anscheinend nicht nur ich, denn Humility und Charity kniffen sich genervt das Nasenbein.
„Danke, Envy", seufzte Humility, „Jetzt wo dieser lächerliche Streit vorbei ist, Winry hat euch allen je einen Brief hinterlassen. Kindness, verteile sie doch bitte."
Die sommersprossige Blonde reichte jedem, der in Winrys Testament bedacht worden war, einen versiegelten Brief. Als sie bei mir und Envy ankam und uns unsere Briefe reichte, sagte sie: „Euch beiden hat sie je zwei Briefe hinterlassen."
„Und warum kriegen wir nur einen?", fragte ich emotionslos.
Kindness zuckte die Schultern: „Sie hat gesagt, dass ihr erst mal nur einen bekommen sollt und wir die anderen in Verwahrung halten sollen, bis ein bestimmter Moment kommt."
„Wieso?", fragten Envy und ich gleichzeitig.
Die Tugend erklärte: „Sie hat gesagt, dass die anderen Briefe Dinge enthalten, die ihr noch nicht wissen sollt. Sie hat uns gesagt, wann wir sie euch geben sollen und sie bis dahin wegzuschließen."
Die Sünde und ich sahen einander an und ich sah, dass der Schwarzhaarige kurz davor war, auszurasten. Ich entschied, die Situation zu retten, bevor die Palme an die Decke ging.
„Envy, warum machen wir beide nicht einen Spaziergang?"
Ich wollte sowieso mit ihm reden. Der, gesetzlicher Vormund meiner Kinder, hah! Dass ich nicht lache! Über meine Leiche vielleicht!
Der Blick, mit dem der Homunkulus mich anschaute, schrie förmlich: Ernsthaft?
Kindness sprach: „Äh, dir ist klar, dass Envy immer noch unter Hausarrest steht, richtig?"
„Das scheint nicht zu gelten, wenn wir draußen arbeiten oder trainieren", erwiderte ich scharf, „Außerdem bin ich doch bei ihm, das sollte zählen. Ich will nur unter vier Augen mit ihm reden und ein bisschen frische Luft schnappen. Außerdem..."
„Ich bin immer noch hier, wisst ihr", knurrte Envy gereizt, „Darf ich auch ein Wörtchen mitreden?"
„Nein", blaffte ich ihn an und handelte mir sofort einen Schlag mit dem Schraubenzieher ein, der jetzt Envy gehörte. Okay, ich gebe zu, das geschah mir recht.
„Verzeih, mein liebes Gegenstück", entschuldigte sich Kindness, „Aber in Anbetracht des Ärgers, den du immer noch gern verursachst, darfst du ohne Begleitung mindestens einer Tugend nirgendwo hin."
„Mir recht", zischte Envy, „Ich hätte eh nicht eingewilligt – ich will nur alleingelassen werden!"
Dann rauschte er hoch in sein Zimmer, wahrscheinlich um den Brief zu lesen und sich privat die Augen auszuheulen.
…
Winry hinterlässt ein Testament, das an WTF-heit kaum zu überbieten ist.
Winry's Geist: Entschuldige mal, du schreibst diese Geschichte!
Ich: Ich weiß, ich habe keine Entschuldigung.
Ed: Was ist nur los mit dir?!
Ich: Halt's Maul, ich tu, was ich will.
