Disclaimer:

Harry Potter gehört JKR.

Wir wissen es. Gähn.

Harry Potter gehört... (zensiert)


Schatten der Wahl

38. Schlangen und Nagetiere

Es war der letzte Tag der Ferien und Tigris saß im Hogwarts Express auf dem Weg zurück zur Schule. Es war still im Abteil. Richard und Theodore lasen, Vincent und Gregory schliefen, und sein Bruder schien ebenso in Gedanken versunken, wie Tigris. Tigris' Plan, was das Training betraf, war mehr oder weniger aufgegangen. Es hatte sehr an Draco gezehrt, die Zauber so lange aufrechtzuerhalten, wie Tigris es tat, aber er hatte es getan. Tigris lächelte grimmig. Ihr Vater hatte tatsächlich gesagt, er wäre stolz auf sie. Vielleicht war er das, aber seine Gefühle blieben ungeteilt. Der Schmerz hatte nichts an der Wirkung geändert, die die Dunkle Magie auf Tigris hatte. Er erschöpfte Tigris jedoch, so dass er die Zauber nicht so lange hielt. Es hatte zwei volle Trainingstage gedauert, bis Tigris es langsam schaffte, sich zu beherrschen, und auch dann war es noch unglaublich schwierig. Er war dankbar dafür, dass sein Vater ihm jedes Mal seinen Stab wegnahm, wenn das Training beendet war.

Sarin hatte gesagt, es täte ihr leid, und Tigris hatte ihre Entschuldigung angenommen. Es machte ihn dennoch noch immer unruhig, nicht zu wissen, was genau sie getan hatte. Wie sich herausstellte, wusste sie nicht einmal selbst, was sie getan hatte. Sie beharrte darauf, sie habe ihn stärker gemacht, ohne das Geringste darüber zu wissen, wie. Es war frustrierend. Die Ferien waren verstrichen und Draco und Tigris waren beide froh, sich wieder auf dem Weg nach Hogwarts zu befinden. Tigris sah zu, wie die Landschaft vor dem Fenster an ihnen vorbei strich und lächelte traurig. Er hatte immer geglaubt, wenn er eine richtige Familie hätte, würde er die Schule nicht mehr ersehnen. Wie idealistisch er gewesen war.

Tigris sah auf, als Pansy das Abteil betrat. Sie lehnte sich zu ihm hinüber für einen kurzen Kuss und wandte sich dann an Draco.

„Wir sollten unsere Runde durch den Zug machen."

Draco nickte knapp und schüttelte Vincent und Gregory, die nach einem Augenblick der Verwirrung wach wurden.

„Kommst du mit?", fragte er Tigris.

Nach einem Moment des Überlegens zuckte er mit den Schultern.

„Sicher, warum nicht?"

Tigris legte sein Buch beiseite, das er ohnehin nicht gelesen hatte, und stand auf, um sich den Vieren anzuschließen. Der Zug befand sich bereits in voller Fahrt und sie waren die einzigen auf den Gängen. Pansy und Draco warfen zwar einen kurzen Blick in alle Abteile, doch die einzigen, die sie betraten, waren zum einen die der Slytherin- Erstklässler - sie fragten sie, ob alles in Ordnung sei – zum anderen das der Mädchen aus ihrem Jahrgang. Blaise begrüßte Draco mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange, was Tigris überraschte. Er hatte nicht mitbekommen, dass die beiden zusammen waren. Nun, es hatte Hinweise gegeben, aber Draco hatte ihm nie etwas gesagt. Er warf seinem Bruder einen vorwurfvollen Blick zu. Draco sah tatsächlich verlegen zur Seite.

„Ich wollte es dir sagen, wirklich.", sagte er, sobald sie das Abteil verlassen hatten. „Es ist kurz vor den Ferien passiert, als wir uns verabschiedeten. Es ist nur so viel dazwischen gekommen."

„Blaise hat uns nicht das Geringste verraten!", sagte Pansy, sich bei Tigris einhakend. „Andererseits, wahrscheinlich war es ihr peinlich, nachdem sie so oft betont hat, sie würde niemals etwas mit dir anfangen."

„Hey!", rief Draco ein wenig gekränkt. „Was passt euch nicht an mir?"

„Ich wiederhole nur, was sie gesagt hat.", entgegnete Pansy grinsend. „Außerdem, frag mich nicht, was mir nicht an dir passt. Ich bin deine Exfreundin, ich habe eine LANGE Liste."

„Du bist kein neutraler Beobachter.", gab Draco zurück. „Deine Meinung zählt nicht."

„Wie auch immer.", sagte Tigris, bevor Pansy eine bissige Entgegnung von sich geben konnte. „Du musst uns erzählen, wie es dazu gekommen ist. Wir sind neugierig."

„Ja.", schloss sich Pansy auf der Stelle an. „Du kannst uns nicht im Dunkeln lassen. Schließlich brauche ich Informationen, um Blaise damit aufzuziehen."

„Wenn du es nur wissen willst, um meine Freundin zu ärgern, sage ich dir gar nichts.", entgegnete Draco.

Pansy zog einen Schmollmund. „Du verstehst keinen Spaß. Tigris erzählt es mir ohnehin, nicht wahr, Tigris?"

„Ähm…", sagte Tigris unsicher. Draco lachte leise.

Zum Glück wurde Tigris eine Antwort erspart, da gerade in diesem Moment Ron und Hermione auftauchten, von Seamus und Dean gefolgt.

„Frettchen!", knurrte Ron.

„Wiesel!", rief Draco mit gut gespielter Überraschung. „Erstaunlich!"

„Was ist erstaunlich?", fauchte Ron. Tigris schüttelte den Kopf und unterdrückte ein Lachen. Es sollte nicht komisch sein, aber musste Ron wirklich jedes Mal auf Draco hereinfallen? Hermione dachte anscheinend das Gleiche, da sie sich ärgerlich auf die Lippen biss.

„Dass du hier bist, natürlich!", sagte Draco, als wäre es das selbstverständlichste der Welt. „Nachdem du so lange Zeit in einer Hütte gelebt hast, sollte man glauben, dass du dich in einem Haus verirrst, das mehr als ein Zimmer besitzt. Es scheint, du bist intelligenter, als man dir anmerkt!"

Ron lief rot an.

„Lass es gut sein, Ron.", zischte Hermione, eine Hand auf Rons Arm legend. „Er provoziert dich doch nur."

„Ja, Weasley.", sagte Tigris amüsiert. „Hör auf deine schl… ähm, schlaue Freundin. Schließlich seid ihr beide auf ihr Gehirn angewiesen."

Hermione warf ihm einen schockierten Blick zu. Es überraschte Tigris. Was hatte sie erwartet? Er hatte sich auch vor den Ferien nicht besonders freundlich ihr gegenüber verhalten. Gut, die meiste Zeit hatte er sie einfach nur gemieden, aber er hatte schnell gemerkt, dass sie ihm ebenfalls aus dem Weg ging. Tigris hatte angenommen, dass sie zu dem – beabsichtigten - Schluss gekommen war, dass er nicht anders dachte, als Draco. Da war noch etwas anderes in ihrem Blick – Enttäuschung? Tigris fühlte sich, als hätte sie ihm in den Magen geschlagen. Einen Moment später ärgerte er sich, dass er es überhaupt an sich heran ließ. Es sollte ihn nicht kümmern, was sie über ihn dachte. Es war zu ihrem Besten, wenn sie sich von ihm fern hielt.

Tigris wandte kurz den Blick ab. Er konnte sich nichts vormachen. Hermiones Meinung würde ihm immer etwas bedeuten. Er mochte sich von Ron distanzieren können – Ron machte das nur allzu einfach. Hermione war eine andere Sache. Tigris hielt sein Gesicht blank und grinste einen Moment später, als Ron ärgerlich die Fäuste ballte. Tigris konzentrierte sich auf ihn und verdrängte Hermione aus seiner Wahrnehmung.

„Wage es nicht, meine Freundin zu beleidigen, Schlange.", zischte Ron.

Tigris lachte. „Was, ist jemanden als intelligent zu bezeichnen nun eine Beleidigung? Andererseits, ich kann nachvollziehen, dass DU es so siehst. Schließlich sind wir alle misstrauisch gegenüber Konzepten, die uns fremd sind."

Hermione schnaubte verächtlich. „Beachtlich, das von einem von euch zu hören. Wo IHR doch alle so AUFGESCHLOSSEN gegenüber fremden Konzepten seid."

„Es gibt verschiedene Arten von fremden Konzepten.", grinste Draco. „Solche, die es wert sind, studiert zu werden, und solche, welche überflüssig sind, so dass man sie besser beseitigt, bevor sie zum Problem werden."

Hermione wurde blass und ballte die Faust. „Du widerlicher, bösartiger… Ich kann nicht glauben, dass ich jemals dachte, du könntest dich ändern!"

Draco blinzelte verblüfft. „Und was, wenn ich fragen darf, hat dich zu diesem absurden Gedanken bewogen?"

Hermione öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, aber schloss ihn wieder. Stattdessen packte sie Rons Arm und zog ihn energisch von ihnen weg.

„Komm.", sagte sie dabei abfällig. „Sie bringen uns nur in Schwierigkeiten, und das sind sie einfach nicht wert."

„Wir sehen uns noch!", fauchte Ron über seine Schulter hinweg, aber ließ sich von ihr mitziehen.

„Wirklich?", rief Draco ihm hinterher. „Ich hoffe, du versuchst wieder, dich zu duellieren. Wir haben lange nicht mehr so viel gelacht, wie beim letzten Mal!"

„Wart's nur ab, Malfoy!", rief Ron. „Du bekommst noch, was du verdienst!"

Er konnte nicht mehr sagen, da Hermione zornig die Tür zwischen den Wagons zuzog.

Draco lachte. „Es ist nichts so amüsant wie Gryffindors."

Pansy grinste. „Du hast das Schlammblut diesmal wirklich ärgerlich gemacht. Ich frage mich, was sie meinte."

Draco zuckte mit den Schultern. „Wer weiß, was unter diesem sich als Frisur tarnenden Vogelnest vor sich geht. Lasst uns zurück zu unserem Abteil gehen. Der Wagen mit Süßigkeiten muss bald da sein."

Vincent und Gregorys Gesichter leuchteten auf, als er das sagte.

Draco schüttelte den Kopf. „Wirklich, ihr zwei seid einfach zu vorhersagbar."

Sie gingen zu ihrem Abteil zurück und Tigris dachte über ihre Begegnung mit den Gryffindors nach. Was HATTE Hermione gemeint? Sicher, er hatte Draco in den letzten Monaten dazu gebracht, sich etwas zurückzuhalten, aber das wies kaum darauf hin, dass sein Bruder dabei war, sich entscheidend zu ändern. Vielleicht war etwas in dem Heilkunde-Kurs passiert, in dem sie mit Draco war. Tigris würde ihn später fragen.

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Als sie in ihr Abteil zurückkamen, setzte sich Pansy neben Tigris, was ihnen einen spöttischen Blick von Theodore einbrachte. Theodore hatte sich mit Richard unterhalten, als sie eintraten, nun vertiefte er sich wieder in sein Buch. Tigris öffnete seine Truhe, um seine Schulrobe herauszuholen und streichelte beiläufig Sarin, die im obersten Fach lag. Er hatte sie angewiesen, für die Dauer der Fahrt dort zu bleiben. Ein spitzer Schrei ließ ihn aufblicken. Pansy war erstarrt und blickte mit großen Augen in die Truhe.

„Wa… Was ist das?", stammelte sie mit unnatürlich hoher Stimme.

„Das ist Sarin, meine Schlange.", antwortete Tigris nach einem Moment der Verblüffung.

„Deine Schlange.", wiederholte Pansy schwach. Sie stand langsam auf und ging rückwärts zur Tür, ohne den Blick von Sarin abzuwenden. „Hör zu, ähm… ich wollte noch mit Blaise und den anderen Mädchen reden. Wir sehen uns ja in Hogwarts." Sie lächelte gezwungen. „Schöne Fahrt noch!" Damit stürzte sie mit bleichem Gesicht aus dem Raum.

Sobald sie das Abteil verlassen hatte brach Draco in schallendes Gelächter aus.

Tigris war einen Moment geschockt, dann wandte er sich ärgerlich zu ihm um.

„Du Mistkerl! Du hast es gewusst! Warum hast du mir nicht gesagt, das Pansy Angst vor Schlangen hat!"

„Um diese Szene zu verpassen?", lachte Draco. „Um nichts in der Welt!"

„Du…!", rief Tigris erbost.

Draco grinste ihm zu. „Tut mir leid, Bruder. Ich kann einfach kein Mitleid mit diesem Luder haben."

„Rede nicht so über meine Freundin!", sagte Tigris, zunehmend ärgerlich.

Draco seufzte. „Fein. Aber das ändert nichts daran, dass sie es ist."

„Es hat dich nicht gestört, als du mit ihr zusammen warst!"

„Sicher, aber ich hatte Gründe. Niemand kann leugnen, dass sie Talente hat."

„Sag noch ein Wort in der Richtung, und ich schwöre, Bruder oder nicht, ich schlage dich!", sagte Tigris wütend.

Draco zuckte mit den Schultern. „In Ordnung, sie ist deine Freundin. Ich entschuldige mich."

„Gut!", brummte Tigris, nur halb zufrieden. Draco klang nicht sehr schuldbewusst.

„Du hast eine Schlange?", fragte Richard interessiert, die gespannte Atmosphäre lockernd.

„Ja, Sarin.", sagte Tigris, dankbar für die Ablenkung. Er nahm sie aus der Truhe. „Sie ist eine Kornnatter."

„Sie ist wirklich hübsch.", sagte Richard fasziniert. „Darf ich sie mal halten? Sie ist nicht giftig, oder? Ich meine mich zu erinnern, dass Kornnattern harmlos sind."

„Das ist richtig.", sagte Tigris. „Sicher kannst du sie halten, aber lass sie nicht fallen."

Tigris ließ Sarin auf Richards ausgestreckten Arm kriechen, der sie ausgiebig bewunderte.

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Beim Abendessen in Hogwarts kam Pansy zu ihnen hinüber und betrachtete sie vorsichtig.

„Du hast diese Schlange nicht hierher mitgebracht, oder?", fragte sie, noch einen guten Meter von ihm entfernt.

„Nein. Sie ist noch immer in meiner Truhe.", erwiderte Tigris.

Pansy atmete sichtlich auf und setzte sich zu ihnen. „Es tut mir leid, dass ich im Zug so weggerannt bin. Es ist nur… ich habe Schlangen noch nie gemocht. Sie sind so… ich weiß nicht… schleimig, und giftig und überhaupt…" Sie schauderte.

„Und das sagt eine Slytherin.", spottete Draco.

„Sarin ist weder schleimig noch giftig.", protestierte Tigris. Gut, das entsprach nicht ganz der Wahrheit, aber es traf auf ihre gegenwärtige Form zu.

„Wenn du das sagst.", meinte Pansy. „Ich möchte trotzdem nicht in ihre Nähe kommen."

Tigris seufzte. „Fein, ich halte sie von dir fern."

Pansy lächelte und lehnte sich gegen ihn. „Danke. Ich fürchte, ich werde niemals nachvollziehen können, was man an Schlangen gut finden kann."

„Eine ist zum Beispiel unser Haussymbol.", meinte Blaise.

Pansy verdrehte die Augen. „Oh ja, das. Das ist etwas anderes. Sie ist nur gemalt."

Blaise betrachtete sie kopfschüttelnd, aber wandte sich wieder ihrem Essen zu.

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„Dissimula ex toto." Wie beim ersten Mal, als Tigris den Zauber in ihrem Zimmer gesprochen hatte, verdunkelten sich die künstlichen Fenster ein wenig. Es machte ihn ausgesprochen misstrauisch gegenüber den Fenstern. In Slytherin war es ein allgemein bekanntes Gerücht, dass der Schulleiter die Porträts in Hogwarts benutzte, um die Schüler zu beobachten. Was, wenn die Fenster eine ähnliche Funktion hatten? Wenn das so war, würde der Zauber den Tigris gesprochen hatte, es verhindern. Vielleicht war er übermäßig paranoid und es war nur ein Nebeneffekt des Zaubers auf die Magie der Fenster. Vielleicht aber auch nicht. Tigris nahm Sarin aus der Truhe und ließ sie sich um seinen Arm winden.

Wie geht es dir? Soll ich eine Maus für dich verwandeln oder willst du später selbst auf die Jagd gehen?" Er hatte eine Schachtel mit in Murmeln verwandelten Mäusen in seiner Truhe. Der Zauber musste alle zwei Tage erneuert werden, aber es war praktischer als einen Haufen lebender Mäuse mit sich herumzutragen.

Ich suche selbst.", erwiderte Sarin. „Ich will wissen, wie dieses große, kalte Haus von innen aussieht."

Gut, aber verirre dich nicht. Hogwarts ist groß und verändert sich ständig."

Ich werde Euch immer finden, auch wenn ich nicht weiß, wo ich bin.", entgegnete die Schlange. „Ihr riecht nach diesem ängstlichen Weibchen, das vor mir geflohen ist."

Tigris lachte amüsiert. „Das ist meine Freundin, Pansy. Es ist richtig, sie hat Angst vor dir. Deswegen möchte ich, dass du dich versteckst, wenn sie hier ist. Ich möchte nicht, dass sie dich sieht."

Wie Ihr wünscht, Meister.", sagte Sarin ein wenig mürrisch. „Ich kann ja jagen gehen, wenn sie hier ist. Ich verstehe, dass das Weibchen wichtiger für Euch ist, als ich."

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du bist eifersüchtig, Sarin.", spottete Tigris erheitert.

Die Schlange zischte verächtlich. „Warum sollte ich eifersüchtig auf einen Menschen sein? Ich gehe jagen, ich bin hungrig." Damit kroch sie von Tigris' Arm hinunter und aus dem Raum. Er sah ihr leise lachend nach.

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Am nächsten Tag fing der Unterricht wieder an. Tigris' erste Stunde war wie immer Runen bei Professor Toth.

„Wie versprochen fangen wir heute mit einem neuen Thema an.", verkündete der Professor enthusiastisch. „Ich wette, die meisten von euch konnten es kaum abwarten. Nachdem ihr nun alles Theoretische wisst, lernt ihr nun endlich, wie man Runen in der Zauberei praktisch anwendet."

Das brachte ihm Applaus von einigen im Raum ein, Tigris eingeschlossen. Tigris hatte natürlich einiges über das Thema gelesen, aber er brannte darauf zu erfahren, was Toth dazu zu sagen hatte. Bücher kamen einfach nicht an Toths Wissen heran.

„Die Verbindung zwischen Zauberei und Runen ist gleichzeitig sehr einfach und sehr komplex.", sagte Toth. „Das Prinzip besteht darin, dass man Runen benutzen kann, um Zauber an ein Material, Raum oder Zeit zu binden. Normalerweise spricht man einen Zauber aus, und er wirkt. Aber das ist nicht immer sehr effektiv. Ein Besen zum Beispiel wäre nicht sehr nützlich, wenn man ihn immer erneut mit einem Schwebezauber besprechen müsste, damit er fliegt. Zauber, die Gebäude abschirmen und schützen müssen ebenfalls permanent sein. Oder vielleicht wollt ihr nur, dass ein Zauber zu einer bestimmten Zeit eintritt, wie zum Beispiel der Zauber, der den Brunnen der magischen Geschwister im Ministerium immer zur gleichen Zeit des Tages zum Sprudeln bringt.

Für all diese Zwecke verwendet man Runen. Runen haben eine spezielle, sehr nützliche Eigenschaft. Sie können magische Energie binden. An einen Ort, an einen Zeitpunkt, oder an einen Gegenstand. Außerdem können sie die magische Energie, die sich in der Umgebung befindet benutzen, einen Zauber wirken zu lassen. Der Zauber des Brunnens zum Beispiel – er wurde zu einem Zeitpunkt gesprochen und wiederholt sich nun immer zur gleichen Tageszeit, gespeist von der Energie, die das Ministeriumsgebäude durchströmt. Je mehr natürliche Energie vorhanden ist, desto besser wirken solche Zauber. An einem Ort, an dem wenig natürliche Energie vorhanden ist, können diese Zauber scheitern. Das ist der Grund, warum die wichtigsten magischen Gebäude nur an bestimmten Orten errichtet werden. Es ist eine Menge Arbeit, geeignete Orte herauszufinden, und es gibt nicht viele in Britannien.

Hogwarts zum Beispiel steht an einem Ort, der sehr reich an natürlicher Energie ist. Das ist auch der Grund dafür, dass der verbotene Wald existiert. Magische Kreaturen fühlen sich von solchen Orten angezogen. Die Gründer haben diese Energie benutzt, um Hogwarts zu dem einzigartigen Gebäude zu machen, das wir alle kennen. Das Wissen zur Erzeugung der Schutzzauber, die sie errichteten, ist heute leider vergessen. Ein Grund dafür, dass die Apparierbarriere von Hogwarts so besonders ist.

Zauber an einen Gegenstand zu binden, den ihr mit euch herumtragen wollt, ist sehr viel schwieriger – nicht dass das, was ich euch bisher erzählt habe einfach ist. Um Zauber an einen Gegenstand zu binden ist ein komplexes Ritual erforderlich, was zusätzlich magische Energie in diesem Gegenstand speichert. Ein wichtiger Bestandteil solcher Rituale sind Tränke, aber dazu kommen wir erst am Ende des Jahres. Eine andere Möglichkeit ist es, seine eigene magische Energie über eine Rune auf den Gegenstand zu übertragen, doch das ist sehr anstrengend und sollte nur von den stärksten Zauberern versucht werden. Von Albus Dumbledore zum Beispiel wird gesagt, dass er einen Gegenstand nur mit einer Berührung seines Stabes in einen Portschlüssel verwandeln kann."

Tigris erinnerte sich daran. Damals hatte er sich darüber gewundert, es aber nicht für so ungewöhnlich gehalten. Toth nahm einen Kasten von seinem Pult und schritt an ihren Tischen entlang, vor jedem von ihnen ein Stück Kohle hinlegend.

„Bei der Verwendung von Runen spielen viele verschiedene Dinge eine Rolle: Der Ort, die verwendeten Materialien, die Stärke des Zauberers… Wir wollen mit etwas Einfachem beginnen. Kohle ist nicht das beste Material, aber auch nicht das Schlechteste. Wir haben Glück, in Hogwarts zu sein, das wird unsere Versuche leichter machen. Ich möchte, dass ihr die Wirkung eines Zaubers um einige Minuten verzögert. Wingardium Leviosa, um es einfach zu machen." Er ging zurück an die Tafel und malte eine Reihe Runen auf. Dabei erklärte er ihnen, was die einzelnen Runen bedeuteten. Eine Rune bestimmte die Wirkung des Ganzen, eine den Zeitpunkt, zu dem der Zauber wirken sollte, eine, auf was er wirkte. Die Runen wurden in einer vorgegebenen Reihenfolge auf den gleichen Punkt gezeichnet. „Wenn ihr damit fertig seid", sagte Toth, „sprecht den Zauber auf den Punkt, auf den ihr die Runen gezeichnet habt. Stellt ihn euch dabei so vor, wie er wirken soll. Stellt euch zum Beispiel vor, dass ein Bleistift an der Stelle liegt, den ihr schweben lassen wollt. Legt dann den Bleistift dorthin. Wenn alles funktioniert wie es sollte, habt ihr in drei Minuten einen schwebenden Bleistift vor euch."

Alle machten sich konzentriert an die Arbeit, und zur Freude von Toth und ihnen gab es ein paar Minuten später keinen, bei dem es nicht funktioniert hatte.

„Hervorragend.", sagte der Lehrer zufrieden. „Ihr habt die Grundlagen verstanden. Nun können wir zu den anspruchsvollen Dingen übergehen."

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Am Nachmittag hatten sie Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Hatkee grinste sie an wie eine zufriedene Katze. „Bevor wir beginnen, möchte ich Sie um einen Gefallen bitten.", sagte sie. „Wie Sie sehen, steht vor jedem von Ihnen eine Glasphiole mit Ihrem Namen. Ich brauche von jedem von Ihnen drei Tropfen Blut. Der Spruch dafür ist einfach und ganz schmerzlos." Sie machte ihn vor. „Wofür ich es benötige, werden Sie in der nächsten Stunde erfahren."

Tigris sah wie die Gryffindors ohne zu Zögern den Spruch anwandten, aber er zögerte. Als er sich zu den Slytherins umdrehte, erkannte er, dass er nicht der einzige war.

„Was ist los?", fragte Hatkee. „Sie müssen keine Angst haben, es ist wirklich schmerzlos."

„Das ist es nicht, was mir Sorgen macht.", sagte Blaise kühl. „Wozu brauchen Sie es?"

Hatkee zog die Brauen hoch. „Wie ich schon sagte, das sehen Sie in der nächsten Stunde. Ich bin Lehrerin. Sicher nehmen Sie nicht an, ich würde es benutzen, um Ihnen zu schaden?"

Tracey und Daphne warfen Hatkee daraufhin einen prüfenden Blick zu und füllten dann ihr Blut in die Phiolen. Blaises Augen verengten sich ein wenig. „Nur weil Sie Lehrerin sind, gebe ich Ihnen nicht mein Blut. Schon gar nicht, wenn Sie mir nicht sagen, was Sie damit wollen."

Hatkees Gesichtausdruck verdüsterte sich. „Ich sage Ihnen, dass Sie es tun sollen, und Sie tun es! Wenn nicht, bekommen Sie eine Strafarbeit. Das gilt auch für Sie, Misters Malfoy. Ich werde keine solche Respektlosigkeit tolerieren."

Blaise sah einen Moment aus, als wolle sie die Strafe riskieren, aber warf Hatkee stattdessen einen bösen Blick zu und murmelte den Zauber so leise, dass man kein Wort verstand. Er wirkte jedoch, denn es fielen drei Tropfen Blut von ihrem Finger in die Phiole.

Tigris wechselte einen Blick mit Draco. Draco beugte sich etwas zu ihm hinüber. „Erinnerst du dich an die Familienfeier?"

Tigris sah ihn einen Moment verwirrt an, dann nickte er unmerklich. Er wusste, Draco meinte den Moment, an dem sie den Wein in Saft verwandelt hatten. „Sicher, die könnte ich wohl kaum vergessen."

Sie murmelten den Zauber und reichten Hatkee dann die Phiolen. Die Lehrerin lächelte zufrieden, als sie alle Phiolen erhalten hatte. „Gut, dann können wir anfangen. Einige von Ihnen werden sich daran erinnern, was ich vor Halloween gesagt habe – dass dieses Fest etwas mit dem zu tun hat, womit wir nun beginnen, uns zu beschäftigen. Wer von Ihnen weiß, was das Besondere an Halloween ist? Ja, Miss Zabini?"

„Der dritte Vierteltag fördert Zauber, die sich gegen die Naturgesetze richten.", antwortete Blaise, noch immer etwas mürrisch. „Nekromantik, Temporalmagie und dergleichen."

Tigris erinnerte sich daran, dass sie dies zu Halloween schon einmal gesagt hatte.

„Sehr gut.", sagte Hatkee. „Ein Punkt an Slytherin. Zauber, die sich gegen die Naturgesetze richten… aber auch Zauber, die gegen die natürliche Ordnung angehen. Zauber, die Unordnung und Chaos vergrößern. Mit anderen Worten, Dunkle Magie. Dunkle Magie unterscheidet sich in einigen wesentlichen Punkten von gewöhnlicher Magie. Zum einen zieht sie ihre Wirkungskraft aus der Intention des Zauberers, aus seinen Wünschen und Gefühlen. Zum anderen bringt sie die magische Struktur um uns aus dem Gleichgewicht. Stellen Sie sich vor, die magische Energie ist wie ein Fluss, der gerade in eine Richtung fließt. Wenn Sie zaubern, benutzen Sie die Kraft dieses Stroms, lassen sich von ihm mittragen. Wenn jemand Dunkle Magie benutzt, ist das, als stelle man ein Hindernis mitten in diesen Strom. Die Störung, die das erzeugt, ist mächtig auf ihre Weise. Jeder von Ihnen weiß, dass ein Strudel gefährlicher sein kann, als ein schneller Strom. Aber es ist etwas Widernatürliches. Da jemand seine Persönlichkeit dazu einsetzt, Dunkle Magie wirken zu lassen, kann das zu sehr unangenehmen Nebeneffekten führen. Die Magie um uns herum hat es nicht gern, wenn sie gestört wird. Aber da die Anwendung von Dunkler Magie illegal ist, brauchen Sie sich darum keine Sorgen zu machen." Sie sagte das mit einem leichten Zwinkern in den Augen.

Tigris warf Draco einen flüchtigen Blick zu, aber sein Bruder sah ihn nicht an.

Hatkee lehnte sich ein wenig zurück und betrachtete sie nachdenklich. „Ich werde nun für einige Augenblicke etwas philosophisch. Lassen Sie sich dadurch nicht beunruhigen, es ist aus einem guten Grund."

Sie grinste schief. „Es gibt viele Wege die Welt um uns zu beschreiben, aber ich bevorzuge die Sichtweise meines Volkes, da sie meiner Ansicht nach einfach und einleuchtend ist, und, nicht zuletzt, korrekt. In allem um uns herum existieren zwei grundlegende Kräfte, die miteinander ringen – Ordnung und Chaos. Jedes Prinzip, egal in welcher Wissenschaft, lässt sich darauf zurückführen. Wo Ordnung existiert, strebt sie danach, erhalten zu bleiben. Gleichzeitig jedoch versucht das Chaos, die Ordnung zu zerstören. Das erste ist der Grund dafür, dass Eis fest ist. Das zweite ist der Grund dafür, dass es schmilzt. Wenn wir Ordnung schaffen, hilft uns das Prinzip der Ordnung. Wenn wir Chaos schaffen, hilft uns das Prinzip des Chaos. Beides lässt uns nicht unbeeinflusst. Beides kann mächtig machen und vernichten. Zuviel Ordnung bedeutet Stagnation. Zuviel Chaos Zerstörung. Aber wir, als Lebewesen, sind Geschöpfe der Ordnung. Wir existieren nur durch das Prinzip der Ordnung. Wir können das Prinzip des Chaos nutzen, es wird sich uns nicht verweigern. Aber es ist gegen unsere Natur. Wenn wir den Einfluss, den es auf uns hat, nicht kompensieren können – und die wenigsten können das – wird es unweigerlich unser Untergang werden.

Wenn jemand Dunkle Magie benutzt, um zu schaden, fällt es auf ihn zurück. Vielleicht hat man Ihnen erzählt, dass Dunkle Magie Sie mächtig machen kann. Ich will das nicht abstreiten, denn es ist wahr. Das Prinzip des Chaos ist mächtig. Wenn man den Grundstein eines Hauses entfernt, kann das ganze Haus zusammenbrechen – denn das Chaos strebt immer danach, sich zu vergrößern. Aber Macht allein hat keinen Nutzen, wenn man nicht mehr man selbst ist, sondern nur noch ein Instrument des Chaos. Warum erzähle ich Ihnen das alles?

Das, womit wir uns den Rest des Jahres beschäftigen, bewegt sich hart an der Grenze zu Dunkler Magie. Die Rituale und Zauber, die wir besprechen werden, machen sich wie sie die Kraft des Chaos zu Nutze. Wir besprechen sie, damit Sie sie erkennen können, um sie zu bekämpfen. Ich möchte eindringlich davor warnen, sie zu benutzen. Nichts Gutes wird daraus entstehen. Am Ende werden Sie niemandem mehr schaden, als sich selbst. Nachdem ich das hoffentlich klar gemacht habe, können wir beginnen."

Sie sprang geschmeidig vom Tisch. „Es geht um schädliche Zauber, die aus der Ferne wirken. Bestimmte Flüche sind dazu geeignet, aber Rituale mit Tränken und Runen haben einen stärkeren Effekt. Solche Zauber sind sehr alt, und mit vielen Mythen umwoben. Meistens benutzt der Zaubernde etwas aus dem persönlichen Besitz des Opfers, einen Körperbestandteil oder Blut. Es gibt verständlicherweise nur wenig Literatur darüber, deswegen ist es manchmal schwer zu sagen, was notwendig und was Aberglaube ist. Ich möchte mit dem Bereich beginnen, mit dem ich mich am ausgiebigsten beschäftigt habe: Voodoo. Heute besprechen wir zunächst einmal die Mythen, die sich darum ranken. Wer von Ihnen hat schon einmal etwas davon gehört? Ja, Miss Granger?"


Vielen Dank für eure Reviews an: Lara-Lynx, Lady-Claw, Little Nadeshiko, YanisTamiem, Truemmerlotte, Last Shadow, LaraAnime, Schwarzleser, betzi, Igonia, Die Happy

Lara-Lynx: Es ist das größte Kompliment für einen Autor, wenn die Leser mit seinen Figuren mitfühlen... also vielen Dank, dieses Review hat mich sehr gefreut. Ich muss zugeben, dass meine Beschreibung der Wirkung Dunkler Magie von GatewayGirl inspiriert ist.

Igonia: Kann sein... ;-) Ja, deine Fanart habe ich bekommen, vielen Dank! Ich bin ein wenig sprachlos... Kann es noch immer nicht wirklich fassen... Meine Geschichte hat dazu inspiriert... /eine Weile glücklich vor sich hin starrt, zu schweben beginnt und sich den Kopf an der Decke stößt/ Danke.

Die Happy: Ich weiß, du warst auf meiner hp! Danke, dass du mir ins gb geschrieben hast. Ja, ich habe die Bilder selbst gemalt. Seit Neuestem gibt es aber auch zwei fanarts von Igonia und Fairy(lein) in meiner Bildergalerie. Ich bin noch immer ganz begeistert, dass ich sie bekommen habe.

fairylein (die mir kein Review geschrieben, aber eine fanart geschickt hat): Wow, das sieht nach viel Arbeit aus. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich war auf eurer Seite und hab mir deine anderen fanarts angesehen. Mir gefiel besonders das Bild von Tonks! Genau, wie ich sie mir vorstelle. Das eine Bild von Bellatrix erinnert mich allerdings verblüffend an Condoleezza Rice (war das Absicht?) :D.