Siebenunddreißig

Wilson ließ die rechte Hand in seiner Hosentasche verschwinden, während er mit der linken an die Tür des Apartments 221B klopfte. "Mach schon auf", murmelte er vor sich hin, während er seinen Fingerknöcheln eine kurze Pause gönnte.

Drinnen hörte er das Geräusch von klimperndem Geschirr, das genauso davon sprach, dass House zu Hause war, wie sein auf der Straße geparktes Auto. Wilson seufzte und setzte ein weiteres Mal zum Klopfen an, diesmal noch lauter. Er war erleichtert, als er die Schritte im Inneren der Wohnung näher kommen hörte.

House öffnete die Tür, ein Geschirrhandtuch über die Schulter geworfen, und sah Wilson verschmitzt an. "Immer erst das Angefangene zu Ende führen."

Wilson deutete auf das Geschirrhandtuch. "Du ziehst den Aufwasch dem Öffnen der Tür vor?"

"Ich hab keine Pizza bestellt, also kein Grund freudig auf ein Klopfen an der Tür zu warten. Nutten auch nicht." Er drehte sich um und ließ es zu, dass Wilson ohne direkte Einladung seine Wohnung betrat. "Und für den Weihnachtsmann ist es noch zu früh", fügte er hinzu. "Nicht dass der mir etwas bringen würde außer seiner Rute."

Wilson folgte House ins Innere und schloss die Tür leise hinter sich. Er ließ seine Hand ein paar Momente lang auf dem Türgriff verweilen und überlegte ein weiteres Mal, wie er dieses Gespräch beginnen sollte, ohne es wie gewöhnlich in einem Desaster enden zu lassen. Er sah zu, wie House wieder in der Küche verschwand.

Von der Tür aus sah sich Wilson im Wohnzimmer um, das immer noch fast genauso aussah wie vor zwei Tagen, als er mit Chase hier war. Langsam ging er ein paar Schritte auf das Sofa zu und blieb dahinter stehen. Er hörte House dabei zu, wie er weiter mit Geschirr in der Küche klimperte, doch sein Blick fiel letztendlich nur immer wieder auf die unterste Schublade des Schreibtisches.

Es vergingen ein paar Minuten ohne ein Wort, bevor House sich wieder von seinem Geschirr abwandte und im Türrahmen zwischen Küche und Wohnzimmer stehen blieb. "Was gibt's?", fragte er mit zusammengekniffenen Augen und lehnte sich auf seinen Stock.

"Was gibt's?", wiederholte Wilson ungläubig. "So wie in 'Und, wie war dein Tag heute'?"

House hielt Wilsons ungläubigem Blick ein paar Sekunden lang stand und wandte sich dann ab. Er ging hinüber zu der kleinen Kommode, auf der eine Flasche Whiskey praktischerweise schon auf ihn wartete, und begann sich ein Glas zu füllen. Er nickte kurz. "Ja, so wie in 'Und wie war dein Tag heute, Schatz'", antwortete er sarkastisch.

Wilson stemmte eine Hand in seine Hüfte und massierte sich mit der anderen den Nasenrücken. "Okay." Er versuchte einmal tief durchzuatmen. "Was machst du den ganzen Tag?"

House zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck aus dem Glas. "Dies und das." Er hatte nicht vor, die Lücke zwischen sich und Wilson zu schließen oder ihn näher herankommen zu lassen, und so blieb er an Ort und Stelle, den Whiskey in der Hand, stehen.

Wilson zog eine Augenbraue nach oben. "Dies und das?"

House nickte unbehaglich.

"Und dazu musstest du dein Motorrad verkaufen?"

House stellte das Glas ab und sah Wilson misstrauisch an. "Woher weißt du das?"

Für einen Moment lang verfluchte Wilson sich innerlich selbst dafür, dass er das gesagt hatte. Er wollte House nicht unbedingt wissen lassen, dass er mit Chase in seiner Wohnung war. Er sah ablenkend zur Seite und dann wieder zu House. "Es steht nicht draußen", sagte er simpel.

Der Gesichtsausdruck von House entspannte sich nicht und er sah Wilson immer noch argwöhnisch an. "Und das hast du allein aus dieser Tatsache geschlussfolgert?"

Wilson entschied sich, nicht weiter direkt auf die Frage einzugehen, sondern das Gespräch stattdessen in eine andere Richtung zu lenken. "Wenn du Geld brauchst, hättest du etwas sagen können."

"Ich brauche dein Geld nicht", antwortete House ruhig und nahm das Glas wieder vom Tisch, das er dann in einem letzten Zug leerte.

"Aber vielleicht meine Unterschrift."

House sah ihn einen Moment lang ratlos an, bis er begriff was Wilson meinte. "Auch keine Unterschrift. Hast du sonst noch etwas zu bieten?"

Wilson wusste nicht, ob er über den Kommentar lachen oder frustriert sein sollte, sein Gesichtsausdruck jedoch blieb entspannt. "Wahrscheinlich nichts, das dich interessiert."

Auf dem Gesicht von House zeigte sich ein kleines Grinsen, das davon sprach, dass er es irgendwie genoss, Wilson zu frustrieren. Er konnte nicht genau sagen, an was es lag. Vielleicht weil er es verdient hatte, vielleicht weil House einfach nur der Mistkerl war, für den ihn alle hielten. "Schade."

"Also kein Kommentar zu was auch immer dich jeden Tag aus dem Haus treibt?", stellte Wilson eher fest, als er fragte.

Mit einem lauten Geräusch stellte House das Glas zurück auf den Tisch. "Ich komme klar, Wilson." Es klang aufgebrachter, als er es eigentlich klingen lassen wollte und gerade deshalb irgendwie unangemessen, weil es sich eigentlich gut anfühlte, Wilson hier zu haben. Auch wenn er weiterhin penibel darauf bedacht war, den Abstand zwischen ihm und sich aufrecht zu erhalten.

House war verwirrt von seinen eigenen Emotionen und das war schon immer ein Auslöser für Situationen, die er lieber vermieden hätte. Er atmete einmal tief ein, um genau das nicht passieren zu lassen. Ein erneuter Streit mit Wilson—dafür war er inzwischen zu müde, zu ausgelaugt, zu erschöpft.

Ein paar Momente lang beobachtete Wilson House genau und sah, dass dieser mit sich selbst zu kämpfen schien. Nach all den Jahren ihrer Freundschaft waren solche Sachen für ihn nicht mehr schwer zu erkennen. Er ignorierte den aufgebrachten Ton, der gerade noch in House's Stimme lag. "Was ist mit Cuddys Angeboten?", fragte er gelassen.

"Ich denke drüber nach."

Wilson presste die Lippen aufeinander und nickte. "Ich bin mir sicher, sie wird etwas für dich finden, was zumindest erträglich ist für die Zeit bis zu einer erneuten Bewerbung um deine Zulassung."

"Wahrscheinlich", räumte House ein.

"Was ist es dann? Was hält dich zurück?"

House zuckte nur kurz mit den Schultern und ließ seinen Blick durchs Zimmer wandern. Kurz blieb er am Schreibtisch hängen, bis Wilson wieder sprach.

"Lass sie nicht zu lange warten. Sie muss wahrscheinlich durch die Hölle gehen, um vor dem Krankenhausausschuss eine Anstellung für dich als was auch immer zu rechtfertigen."

"Ich bin mir sicher, der ein oder andere würde mich gerne als Hausmeister sehen", unterbrach House ihn.

Wilson fuhr unbeeindruckt von dem Kommentar fort: "Aber sie wird es trotzdem machen." Der Satz passte nicht nur auf Cuddy, realisierte Wilson plötzlich und verlor den Faden von dem, was er sonst noch sagen wollte.

Mit seinem Zeigefinger strich House langsam über den Rand des nun leeren Whiskey-Glases. "Vielleicht ist es nicht die beste Idee, weiter im Princeton-Plainsboro zu arbeiten", murmelte er.

"Es ist die beste Möglichkeit, um so schnell wie möglich wieder an deine Approbation zu kommen. Cuddy kann dir ein paar Sachen zuschieben, die du woanders nicht bekommst. Der Prüfungsausschuss wird das positiv bewerten." Wilson verstand nicht, wo sein Problem lag. "Alles vorausgesetzt, dass du die Therapie durchziehst."

Beim letzten Satz stoppte House seine kreisenden Bewegungen über dem Glas und sah wieder zu Wilson. "Schon klar."

"Sieht mir nicht danach aus."

"Was willst du, Wilson?", fragte House hörbar genervt, aber ruhig, fast schon monoton.

"Dass du die Therapie durchziehst, du eines von Cuddys Angeboten annimmst, und dann deine Zulassung zurück bekommst", antwortete Wilson simpel.

"Würdest du dich dann besser fühlen?" Seine Stimme war vorwurfsvoll.

"Ja, und zwar nicht aus egoistischen Gründen, wie du vielleicht glaubst, sondern einfach nur, weil du dich dann wahrscheinlich besser fühlen würdest."

"Solange es dein Gewissen beruhigt", murmelte House vor sich hin, während sein Blick Wilson fixierte.

"Darum geht es nicht." Wilson seufzte leise. "Warum hast du die Therapie abgebrochen?"

House drehte sich um und nahm das leere Glas mit in die Küche. "Keine Lust darüber zu reden", sprach er im Gehen.

"Egoistischer Bastard", raunte Wilson gerade laut genug, damit House es hören konnte.

House drehte sich schneller um, als er es selbst und vor allem Wilson erwartet hatte. Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen rechten Oberschenkel und breitete sich von dort für einige Sekunden lang unangenehm über sein Rückenmark im ganzen Körper aus.

Sein Bein knickte ein Stück unter ihm ein, doch House konnte sich wieder fangen, als er sich mit der linken Hand zusätzlich an einem der Küchenschränke festhielt. "Ach ja?", rief er hitzig. "Komisch, dass gerade du das sagst."

"Egoistisch trifft es schon ganz gut, vor allem hinsichtlich deiner eigenen Gefühle", entgegnete Wilson nicht viel weniger hitzig und ging langsam auf House zu, bis er schließlich vor ihm stand.

House wich automatisch ein Stück zurück, hielt Wilsons eisernem Blick aber stand.

"Keiner weiß, was hier oben vor sich geht", sagte Wilson ruhiger, aber immer noch bestimmt, und berührte mit seinem Zeigefinger zweimal kurz House's Schläfe. "Alles, was wir sehen—alles, was du deinen besten, deinen womöglich einzigen Freund sehen lässt—ist so was." Er senkte seinen Blick und umklammerte das linke Handgelenk von House, um ihn daran zu hindern seinen Arm wegzuziehen.

Wie erwartet versuchte House trotzdem Wilsons Berührung und seiner Umklammerung zu entkommen. Als er merkte, dass Wilson nicht losließ, sah er ihn erst mit einer Mischung aus Hass, Wut und Angst an, bevor er Wilsons Blick hinunter auf seine Armbeuge folgte.

"Komisch, sieht aus wie Nadelstiche", bemerkte Wilson ironisch und lockerte seinen Griff etwas. Seine Finger hatten bereits rote Flecken auf House's Haut hinterlassen.

House nutze die Gelegenheit und zog seinen Arm mit einem kleinen Ruck weg. "Lass das", zischte er, obwohl ihm klar war, dass diese Worte einige Sekunden zu spät kamen. Die Stelle an der Wilsons Finger ihn berührt hatten, brannte unangenehm, und das nicht nur, weil er so fest zugepackt hatte.

Ein paar Sekunden lang starrten sich beide einfach nur an. Doch Wilson wusste genau, dass House der erste sein würde, der seinen Blick abwenden und sich wieder in sich selbst flüchten würde. Er sollte Recht behalten und beobachtete wie House ein paar kleine, unkontrollierte Schritte nach hinten wich.

"Ich dachte, wir könnten über so etwas reden", begann Wilson resignierend. "Auch nach dem, was passiert ist. Ich hatte nie vor, meine Freundschaft zu dir zu beenden. Was dich angeht—" Er machte eine kleine, hilflose Pause. "—wie gesagt, ich habe keine Ahnung, was da oben vor sich geht. Ich dachte, ich hätte es, aber das ist leider nicht so."

Er drehte sich um und verließ die Küche. Als er am Schreibtisch im Wohnzimmer angekommen war, hörte er die unrhythmischen Schritte von House hinter sich, der aus sicherem Abstand beobachtete, was er tat. Wilson öffnete die unterste Schublade und sammelte die darin verstreuten Morphin-Ampullen auf. Ein paar ließ er in seiner Jackentasche verschwinden, die anderen behielt er in der Hand.

Die angefangenen Tabletten-Verpackungen, die ohnehin nicht mehr viel hergaben, ließ er liegen und schob die Schublade schließlich wieder zu. Aus seiner Hosentasche holte er eine kleine, orangefarbene Dose mit House's Namen darauf heraus und stellte sie auf einem der Papierstapel ab, die sich auf dem Schreibtisch häuften. Er drehte sich nicht zu House um, vielleicht weil er wusste— vielleicht weil er fürchtete—was er dort sehen würde.

"Was hast du hinter meinem Rücken in meiner Wohnung zu suchen?", fragte House aufgebracht und ignorierte die so vertraut wirkende Dose, die Wilson ohne einen Kommentar hinterließ.

"Eine rein egoistische Aktion, damit ich mich besser fühle, House", sagte Wilson noch im Gehen und ließ die Tür dann hinter sich zufallen.