35. Kapitel

London, Gracechurch Street – Elizabeth sucht eine neue Stellung als Gouvernante

William war schon lange wieder zurück in Pemberley, als Elizabeth Hunsford verließ und zu ihren Verwandten, den Gardiners, nach London reiste. Es war die nächste unsichere Station ihres neuen Lebens, aber immerhin wäre sie nicht alleine dort, auch wenn sie nicht die Absicht hatte, den Gardiners länger als notwendig zur Last zu fallen.

Elizabeth hatte schon immer ein sehr gutes Verhältnis zu ihrer Tante gehabt und die Gardiners nahmen sie gerne und bereitwillig auf. Das Wiedersehen war herzlich und Elizabeth wußte, sie hatte hier eine vorläufige Heimat gefunden, mußte keine übereilte Entscheidung treffen, was ihr weiteres Leben anbetraf und konnte in Ruhe eine geeignete Familie suchen. Sie mußte sich nicht gleich für die erstbeste Stellung entscheiden.

Mrs. Gardiner freute sich aufrichtig, daß ihre Nichte bei ihnen war und half ihr bei der Stellensuche. „Liebes Kind, du mußt nichts übereilen. Wir werden in Ruhe die Zeitungen studieren, und in den nächsten Tagen können wir die Agenturen aufsuchen. Dein Onkel und ich werden nicht zulassen, daß du eine schlechte Stellung annimmst!"

Elizabeth lachte und drückte die Hand ihrer Tante. „Danke, Tante. Ich verspreche dir, ich werde jedes Angebot genauestens unter die Lupe nehmen und keine vorschnelle Entscheidung treffen. Und ich frage als allererstes, ob die Kinder brav, wohlerzogen und folgsam sind, sonst nehme ich die Stellung erst gar nicht an oder drohe, daß du jeden zweiten Tag vorbeikommst und nach dem rechten siehst!" „Lizzy! Immer mußt du mich necken," lachte Mrs. Gardiner, froh darüber, daß Elizabeth wieder scherzen konnte. Sie hatte ihre Nichte nie nach den Geschehnissen von Cornwall gefragt und Elizabeth hatte ihren Verwandten auch nur erzählt, daß sie die Verlobung mit Mr. Thornton in gegenseitigem Einvernehmen gelöst hatte. Sie war fest entschlossen, nie mehr darüber zu sprechen. Sie wollte vergessen. Jeder Gedanke an Mr. Thornton bereitete ihr unsägliche Pein - ganz zu schweigen von den Gedanken an seine Familie.

Elizabeth, erfüllt von neuem Mut und Tatendrang, begann schon kurz darauf, die Stellenanzeigen der Zeitungen durchzusehen und es dauerte nicht lange, und sie hatte die ersten Termine für Vorstellungsgespräche. Sie bestand darauf, alleine hinzugehen und war ziemlich aufgeregt, als sie zu ihrem ersten Gespräch ging. Die Familie hieß Winslow, war gutbetucht und das Kind, um das sie sich kümmern sollte, ein Junge im Alter von sechs Jahren.

Es fing alles sehr vielversprechend an. Elizabeth erschien pünktlich um vierzehn Uhr und sie wurde sofort zur Hausherrin, Mrs. Winslow, vorgelassen. Mrs. Winslow war eine junge, hübsche blonde Frau, etwa in Elizabeths Alter, also war sie in relativ jungen Jahren bereits Mutter geworden. Auf Elizabeth wirkte sie etwas…nun ja, unreif, sie giggelte viel und entschuldigte sich ständig und daß sie ihrem Sohn nicht allzuviel selbst beibringen konnte, war offensichtlich. Ihre Kenntnisse waren dürftig und sie gab es auch unumwunden zu, was sie irgendwie sympathisch machte. Sie machte sich nichts aus Büchern, ging allerdings gerne in die Oper und ins Theater. Auch selbst musizieren konnte sie nicht, obwohl sie die Musik sehr liebte. Elizabeth fand sie bestenfalls amüsant, aber sie schien von freundlicher Natur zu sein und wäre sicherlich keine allzu strenge Herrin. Sie hatte anscheinend selbst viel zu viel Angst davor, wie Elizabeth auf Schelte reagieren könnte.

Ihr Sohn jedoch war eine ganz andere Sache. Elizabeth bat, den Jungen ebenfalls kennenzulernen und kurze Zeit später wurde ihr Matthew Winslow vorgestellt. Das heißt, er stand bockig in der Tür und würdigte sie keines Blickes. „Sag guten Tag zu Miss Bennet, Matthew!" befahl seine Mutter, doch der Junge streckte ihr bloß die Zunge heraus. Elizabeth war geschockt. „Miss Bennet wird vielleicht deine neue Gouvernante," sagte Mrs. Winslow und ignorierte das ungehobelte Benehmen ihres Sproßes. „Sie wird dir Lesen und Schreiben beibringen."

„Will ich nicht," sagte Matthew und trat wieder und wieder gegen ein Tischbein. Mrs. Winslow gebot ihm keinen Einhalt. „Aber natürlich willst du, mein Junge. Und wenn du brav lernst, bekommst du im Herbst ein Pferd."

Elizabeth hätte aufschreien können. Was für eine Art Erziehung war das denn? Matthew Winslow erinnerte sie fatal an Emily Watson.

Auch mit dem Pferd ließ sich der Junge nicht ködern. „Du bist häßlich," sagte er zu Elizabeth. „Und du bist frech," gab diese kühl zurück. Matthew starrte sie an. Bisher hatte er noch nie Widerworte bekommen. „Ich will dich nicht."

„Und ich will keine frechen kleinen Jungs wie dich unterrichten."

„Matthew!" mischte sich seine Mutter empört ein, aber sie kam gegen den Knaben nicht an. Er trat gegen Elizabeths Schienbein. „Geh weg," sagte er und Elizabeth konnte ihn nur verwundert anstarren. Es hatte nicht wehgetan, denn er hatte sie nicht richtig getroffen, aber es stand außer Frage, daß sie dieses kleine Scheusal unterrichten würde.

Mrs. Winslow ließ den Jungen von einem der Mädchen abholen und er schrie noch einmal beim Hinausgehen, daß er Elizabeth nicht haben wollte. Draußen tat kurze Zeit später das Mädchen einen Schmerzensschrei, man hörte ein gehässiges Lachen und davonrennendes Fußgetrappel. „Sie müssen entschuldigen," begann Mrs. Winslow, aber Elizabeth winkte ab. Sie wollte gerade eine Bemerkung machen, daß sie die Stellung sowieso nicht annehmen würde, als Mr. Winslow den Salon betrat.

Mr. Winslow war sicherlich fast doppelt so alt wie seine Frau und Elizabeth verabscheute ihn vom ersten Augenblick an. Er hatte dunkelblonde Haare, wäßrigblaue, blutunterlaufene Augen und eine vom offenbar vielen Trinken gerötete Nase. Der Blick, den er Elizabeth zuwarf, war unverschämt. Anzüglich glitten seine Augen an ihrem Körper herab und als er zu ihr trat, um sie zu begrüßen, mußte sie einen Schritt zurückmachen, da er ihr viel zu nahe kam. Sein Atem roch nach einer Mischung aus Alkohol, Zigarren und Zwiebeln.

„Sie sind also die neue Gouvernante," schnurrte er und hielt ihre Hand länger fest, als es schicklich war. Elizabeth mußte sich schwer zusammenreißen, ihre Hand nicht mit einem Ruck wegzuziehen, aber sie konnte ihren Abscheu nur schwer unterdrücken. Seine Hand war heiß und schweißnaß und ihr wurde schlecht. Als er ihre Fingerspitzen küßte, hätte sie am liebsten aufgeschrien. Keine Sekunde länger würde sie in diesem Haus bleiben!

„Ich hatte mich noch nicht entschieden, Sir," brachte sie heraus und widerstand dem Drang, ihre Hand an ihrem Kleid abzuwischen. „Aber ich denke nicht, daß ich die Stelle annehmen kann." Winslow schaute sie verständnislos an. „Sie lehnen die Position ab, Madam?" „Ja."

„Das ist nicht ihr Ernst! Sie werden schwerlich eine bessere Stellung in London finden." Elizabeth seufzte innerlich. Wollen wir wetten? „Danke, Sir, aber ich möchte jetzt gehen. Entschuldigen sie." Sie wandte sich an Mrs. Winslow, die den beiden schweigend zugeschaut hatte. „Auf Wiedersehen, Madam. Sir."

Elizabeth verließ das Haus, als wären tausend Furien hinter ihr her. Erst an der nächsten Ecke blieb sie stehen und atmete durch. Was für ein Reinfall! Was für eine schreckliche Familie! Nein, bevor sie solch eine Stellung annahm, würde sie eher nach Longbourn zurückkehren und dort für den Rest ihres Lebens versauern. Wieder einmal wurde ihr bewußt, was sie aufgegeben hatte, als sie vor einem halben Jahr Pemberley verließ und ihre Augen wurden feucht. Aber Tränen machten es nicht besser. Sie mußte stark sein, durfte sich nicht gleich von der ersten Enttäuschung entmutigen lassen. Sie hatte morgen noch ein anderes Gespräch, das würde sicherlich besser laufen.

Es wurde fast noch schlimmer. Die nächste Familie, die eine Gouvernante suchte, stellte sich als alleinstehender Herr mit einer schon recht großen Tochter heraus. Das Mädchen war 12 Jahre alt und nach Strich und Faden verwöhnt und verzogen. Sie sprach kaum ein Wort mit Elizabeth und behandelte sie hochmütig und unverschämt. Elizabeth hatte den Eindruck, sie suchte eher nach einer persönlichen Dienstmagd als nach einer Gouvernante. Der Vater des Mädchens hatte sich ganze zehn Minuten Zeit genommen, mit Elizabeth zu sprechen und war dann wieder in sein Ladengeschäft verschwunden. Elizabeth wägte kurz ab, inwieweit das Kind noch erziehbar sei, vielleicht lotete es gerade nur seine Grenzen aus, aber die restlichen Arbeitsbedingungen waren unakzeptabel, genauso wie das Gehalt. Das war Nummer zwei der Fehlschläge.

Mrs. Gardiner versuchte, ihre Nichte aufzumuntern. „Lizzy, du hast noch zwei weitere Gespräche. Und du hast bis jetzt ganz richtig entschieden, Kind. Du wärst in diesen Stellungen nicht glücklich geworden. Denk immer dran, du hast es nicht nötig, solch eine Position anzunehmen. Die richtige wird ganz sicher noch kommen, ich bin davon überzeugt."

Elizabeth lächelte traurig. „Ich weiß nicht, Tante. Weißt du, ich glaube, ich vergleiche die angebotenen Positionen immer insgeheim mit meiner alten Stellung bei den Darcys. Ich habe mich dort so wohlgefühlt." Sie seufzte. „Ich werde mir nie verzeihen, daß ich dort weggegangen bin."

Mrs. Gardiner nahm sie in die Arme. „Ach Liebes, woher hättest du wissen sollen, was geschieht. Wir haben dich gerne bei uns, und wenn alle Stricke reißen, bleibst du hier, ganz einfach." Elizabeth konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. Sie war so unendlich dankbar, daß sie nicht ganz alleine auf der Welt stand.

Aber es sollte trotzdem nicht so einfach werden mit der neuen Stellung. Gespräch Nummer 3 endete damit, daß sie dem Herrn des Hauses beinahe eine Ohrfeige verpaßt hätte, als er ihr das Angebot machte, sie als Mätresse zu halten. Zusätzlich zu den Pflichten einer Gouvernante, versteht sich. Unter einem Dach mit der Ehefrau. Von den fünf vollkommen unerzogenen Kindern ganz abgesehen und dem sechsten auf dem Weg.

Gespräch Nummer vier brachte ebenfalls keinen Erfolg, da man sich unter Gouvernante eine billige Arbeitskraft vorstellte, die nicht nur zwei Kinder beaufsichtigen, sondern auch noch die Pflichten einer Köchin, Waschfrau und Dienstmagd übernehmen sollte. Für ein geringes Entgelt sowie kaum Freizeit. Elizabeth lehnte dankend ab.

Nach zwei Wochen und zwei weiteren Gesprächen, die nicht zufriedenstellend verlaufen waren, war Elizabeth über die Maßen deprimiert und davon überzeugt, niemals wieder eine Stellung zu bekommen, die ihr wenigstens halbwegs zusagte. Sie war der Meinung, daß sie keine allzu großen Ansprüche stellte; sie hätte sich mit störrischen und unerzogenen Kindern auseinandergesetzt, aber sie wollte weder dem Hausherrn zu Willen sein, noch wollte sie sich als Sklavin ausnutzen lassen. Den Gardiners tat Elizabeths Kummer in der Seele weh. Sie überlegten hin und her, wie sie ihre Nichte ein wenig aufmuntern konnten und hatten schließlich eine Idee. Es war Sommer, warum nicht einen kleinen Urlaub machen? Eine Fahrt zum Lake District sollte die arme Elizabeth wieder auf andere Gedanken bringen. Das liebe Kind, sie hatte soviel Ungemach hinter sich…

Elizabeth war gerührt über den Vorschlag ihrer Verwandten. An die Seen fahren…das war schon immer ein Traum von ihr gewesen. Sie hatte schon viel über diese Landschaft gehört und jetzt sollte sie es mit eigenen Augen sehen. In zwei Wochen sollte es losgehen – sie konnte es kaum erwarten.

Mrs. Gardiner überredete ihre Nichte, vor ihrer Reise keine Stellenanzeigen mehr durchzugehen, keine der Agenturen zu besuchen und auch keine Vorstellungsgespräche mehr zu vereinbaren. „Du wirst jetzt nichts weiter tun, als mit mir für unsere Reise in der Stadt einkaufen zu gehen und dich in Ruhe auf unsere Sommerfrische vorzubereiten. Wie schön das sein wird, dem Staub, der Hitze und dem Schmutz der Stadt zu entkommen!" Mrs. Gardiner seufzte genüßlich. „Weißt du, ich selbst war sicherlich schon zwei Jahre nicht mehr länger verreist, ich freue mich wirklich sehr auf die Fahrt." Elizabeth lächelte und fügte sich bereitwillig den Wünschen ihrer Tante. Sie hatte nichts dagegen, sich ausschließlich auf ihre Reise zu konzentrieren. Es gab noch genügend Dinge, die erledigt werden mußten und sie unterstützte ihre Verwandten dabei so gut es ging.

Drei Tage vor ihrer beabsichtigten Abreise zum Lake District kam Mr. Gardiner abends später als gewohnt nach Hause und brachte schlechte Nachrichten mit. „Meine Liebe," sagte er zu seiner Frau und holte Elizabeth hinzu, „wir müssen leider ein klein wenig umdisponieren. Ich habe heute Neuigkeiten ein Schiff aus Indien betreffend erhalten, das in den nächsten Wochen hier anlegen soll. Ich muß zugegen sein, wenn seine Ladung gelöscht wird." Er wollte seine Familie nicht mit den Einzelheiten langweilen, also kam er gleich zur Sache. „Das heißt nun allerdings, wir werden nicht die Zeit haben, bis zu den großen Seen zu fahren." Die enttäuschten Mienen seiner Frau und Nichte schmerzten ihn. „Aber auf unsere Reise werden wir trotz alledem nicht verzichten, das versichere ich euch. Ich habe mit meinem Mitarbeiter gesprochen, er hat mir Derbyshire empfohlen. Das ist weit genug weg, um etwas neues zu sehen, aber eben nicht zu weit. Wir werden in gut drei Wochen wieder hier sein."

Die beiden Frauen reagierten ganz verschieden. Mrs. Gardiner klatschte erfreut in die Hände. „Was für eine nette Idee, Liebster! Ich könnte mein altes Heimatdorf besuchen, nicht wahr? Ich wollte den Kindern schon immer einmal zeigen, wo ihre Mutter aufgewachsen ist! Auch wenn es nur wenige Jahre waren, die ich dort verbracht habe." Elizabeth hingegen war blaß geworden. Derbyshire? Pemberley? Aber Derbyshire war groß. Es mußte nicht zwangsweise bedeuten, daß sie den Darcys dort über den Weg laufen würde. Sie stellte erstaunt fest, daß sie gar nicht wußte, aus welchem Ort ihre Tante stammte. Sie konnte sich nur daran erinnern, daß sie ihren Onkel in Nottingham kennengelernt hatte. Wie weit das von Pemberley entfernt war, wußte sie nicht so genau. Doch bevor Elizabeth genauer fragen konnte, hatte sich das Gespräch bereits anderen Themen zugewandt und sie vergaß ihre Frage nach dem Heimatort Mrs. Gardiners fürs erste.

Drei Tage später erst, die Kutsche war beladen, die vier Kinder sprangen aufgeregt und in Vorfreude jedem im Weg herum, kam das Gespräch wieder auf ihr Reiseziel. Sie saßen endlich alle glücklich, zufrieden und voller Vorfreude in der Kutsche und rollten langsam davon in Richtung Norden. Elizabeth erkundigte sich nach dem genauen Ziel ihrer Reise. „Oh, wir werden all die großen Prachtbauten anschauen, keine Frage, die schönen Gärten und dabei die Landschaft genießen. Unser Hauptziel ist dann jedoch Buxton, dort bin ich geboren und aufgewachsen. Es liegt etwas nordöstlich von Pemberley, aber ist dir wahrscheinlich kein Begriff, oder, Lizzy?"

Elizabeth schüttelte den Kopf und atmete auf. Die Gefahr, in diesem Ort jemanden zu kennen, war gering. Und Pemberley würden sie auch nicht passieren. Sie wußte nur noch nicht, ob sie sich darüber freuen sollte.