Die zweite Chance

Fanfiction von Slytherene


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Danke schön an Spitzohr, Reditus Mortis, Sally S. und Moonlight für Eure Reviews!

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Liebe Leserinnen,
es hat ein bisschen gedauert, ich weiß, aber ich hoffe, das Kapitel entschädigt fürs Warten. Wieder geht nicht alles glatt zwischen Sanni und Remus, doch am Ende beginnen die Wolken, sich zu lichten. Viel Vergnügen dabei.



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Beta-gelesen von TheVirginian, kiitos!

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Angels fall first

An angelface smiles to me
Under a headline of tragedy
That smile used to give me warmth
Farewell - no words to say
beside the cross on your grave
and those forever burning candles

Needed elsewhere
to remind us of the shortness of our time
Tears laid for them
Tears of love, tears of fear
Bury my dreams, dig up my sorrows
Oh, Lord why
the angels fall first

(Nightwish)

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37. Frühlingszauber

Schnee glitzerte auf Zweigen und den Nadeln der Bäume. Dächer und Zäune, Schornsteine und Mauern der Stadt bedeckten sich mit puderweißen Mützen, und Eiszapfen reflektierten allenthalben das Licht der Wintersonne wie schimmernde Diamanten.
Etwas verloren stand ein Mann im grauen Reiseumhang inmitten der fremden Straßen und Häuser. Er sah sich um, dann nahm er seinen Koffer, der ganz offenbar auch schon bessere Tage gesehen hatte und verkleinerte ihn mit einem Schlenker seines Stabes. Nein, er würde ihn nicht wer weiß wie viele Meilen durch den knietiefen Schnee zerren, auch wenn die Verkleinerung leider nichts am Gewicht des Gepäcks änderte.

Remus Lupin zog noch einmal den Zettel, den er bereits auswendig kannte, aus der Tasche seines Umhangs. Merlin, war das kalt hier! Eine Frau strebte ihm mit eiligem Schritt entgegen. Sie war bis zur Nasenspitze in einen beigefarbenen Pelz gehüllt.

„Entschuldigung", sprach er sie an. „Wo bitte ist der Friedhof?"

Sie blieb stehen und schüttelte den Kopf, dann erwiderte sie etwas Unverständliches. Er versuchte sein Glück auf Französisch und Deutsch, doch das Ergebnis blieb dasselbe: Sie verstand ihn nicht. Besorgt blickte er auf die Kirchturmuhr an der angrenzenden Straßenecke. Ihm blieb noch eine halbe Stunde. Dies war mittlerweile der vierte Apparitionspunkt, den er versuchte, und allmählich kostete ihn die fortschreitende Zeit Nerven.

Die Frau ging schulterzuckend weiter und ließ ihn auf der stillen, verschneiten Straße zurück. Remus zückte ein weiteres Mal den Reiseführer.

Die Verständigung auf Englisch ist heute nirgendwo in Finnland mehr ein Problem.'

Er nahm das Buch und entsorgte es im nächsten Papierkorb. Bisher hatten ihm die durchwegs freundlichen Menschen bedeutet, er möge, wenn er schon keinen vollständigen Satz auf Finnisch zuwege brachte, doch bitte Schwedisch mit ihnen sprechen. Remus schüttelte den Kopf. Er war nicht „lost in translation", sondern „lost without translation".

Das typische Geräusch einer Apparition ließ ihn zusammenzucken. Ein weiteres charakteristisches Plopp folgte. Er fuhr herum und starrte völlig unerwartet in die blauen Augen von Narcissa Malfoy. Neben ihr stand ihr Sohn Draco, und auf dem Gesicht des Jungen spiegelte sich Remus' eigenes Erstaunen wider.

„Remus Lupin. Was für eine Überraschung", sagte Narcissa und reichte ihm ihre Hand, die in einem weichen Wildlederhandschuh steckte.

„Guten Tag", erwiderte Remus. „Narcissa. Mr. Malfoy."

Er bot Draco die Hand, der sie auf einen befehlenden Blick seiner Mutter hin akzeptierte. Doch die grauen Augen des Jungen blieben kalt.

„Es ist diese Kirche", sagte Narcissa. Der Plan in Remus' Hand war ihr nicht verborgen geblieben. „Der Bereich dahinter ist gegen Muggel gesichert. Der Weg führt rechts am Portal vorbei."

Sie setzte sich in Bewegung.

„Bist du bereits einmal hier gewesen?", erkundigte sich Remus höflich.

Sie verneinte.

„Vater hat den Weg beschrieben", antwortete Draco an Stelle seiner Mutter. Es klang trotzig, als wäre allein dies eine Heldentat von Lucius.

Remus nickte nur. Er konnte sich vorstellen, wie schwierig die Situation für den jungen Mann war. Obwohl man seinen Vater in einem Blitzprozess abgeurteilt und nach Askaban geschickt und den Familiensitz der Malfoys beschlagnahmt hatte, um daraus ein Museum für den Kampf gegen die Dunklen Künste zu machen, hatte seine Mutter darauf bestanden, dass Draco weiterhin nach Hogwarts zur Schule ging. So wie alle ehemaligen Slytherinschüler war auch er dem Gespött der anderen Jugendlichen preisgegeben. Minerva tat sicherlich, was sie konnte, um den Schulfrieden zu wahren. Die Auflösung des Hauses Slytherin erwies sich als unumgänglich. Konsequenterweise hatte man auch die anderen Häuser formal aufgelöst, doch nur die Slytherins waren nach Ravenclaw und Hufflepuff verteilt worden. Darauf, einige von ihnen im Gryffindorturm unterzubringen, hatte man wohlweislich verzichtet.
Nach allem, was Remus gehört hatte, bekam die Umgebung Draco nicht gut. Seine Leistungen blieben annehmbar, doch seine mangelnde Disziplin bereitete Minerva heftiges Kopfzerbrechen.

Remus folgte Draco und seiner Mutter auf den schmalen Weg, der neben dem Gebäude entlang führte. Zielsicher wählte Narcissa einen verschneiten Pfad, der neben schmalen Reihen gerade angeordneter Gräber mit polierten schwarzen, sehr einheitlichen Steinen entlang in Richtung eines Friedwaldes führte. Sie schritten auf eine Gruppe alter Eichen zu, die in einem seltsamen Winkel zueinander angeordnet waren: Je fünf von ihnen bildeten eine Seite einer kurzen Allee, die vor einem Kriegerdenkmal aus dem zweiten Weltkrieg endete. Narcissa ging direkt auf den grauen Stein mit den Inschriften und dem davor abgelegten Kranz zu, dann verschwand sie darin. Ihr Sohn folgte ihr auf dem Fuße.
Remus staunte. Es war der gleiche Portalmechanismus wie am Bahnhof Kings Cross an Gleis 9 ¾.

Der Bereich hinter dem Denkmal sah zunächst genau so aus wie der davor: Ein stiller Wald, tief verschneit und ohne erkennbaren Weg. Allerdings waren die Fußspuren vieler Menschen zu erkennen. Sie waren nicht die ersten hier heute.

„Mutter, was tut er hier?", hörte Remus Draco leise fragen. „Er ist nicht reinblütig."

„Das spielt keine Rolle", entgegnete sie ebenso leise. „Er ist sicher willkommener als wir es sein werden."

„Warum sind wir dann hier?", maulte der Teenager.

„Weil es notwendig ist", gab sie knapp zurück. „Ich wiederhole mich nicht gerne, Draco. Du bist mit den Hietalas verwandt. Sie sind wie wir. Haltung bewahren, denk an deinen Vater."

Remus musste anerkennen, dass Narcissa Draco immerhin im Griff hatte. Sie hatte die letzten Worte noch nicht ganz ausgesprochen, als er sich bereits streckte und trotzig das Kinn nach vorne schob.

„Sie sind Wilde", beharrte er jedoch leise.

„Kanntest du den Verstorbenen länger?", erkundigte sich Narcissa jetzt bei Remus, ohne auf den Einwand ihres Sohnes einzugehen.

Remus schüttelte den Kopf. „Ich habe ihn erst am Abend vorher getroffen."

Es war nicht notwendig, das ‚Vorher' näher zu erläutern. Sie hatten das Ende des Waldstücks erreicht und stießen auf einen breiten Weg. Vor ihnen öffnete sich eine parkartige Landschaft. Remus hatte noch nie einen solchen Friedhof gesehen. Zwischen Baumgruppen und Rhododendren verbargen sich Statuen. Anders als in London waren es jedoch keine Wasserspeier oder Thestrale, sondern überlebensgroße Nachbildungen von Menschen. Einzeln oder in Gruppen waren sie angeordnet, als lüde die Sonne zu einem Sommerpicknick. Remus' Blick schweifte über eine Gruppe Frauenbildnisse, die sich um spielende Kinder geschart hatten. Nicht weit entfernt ließ ein Jäger seinen Falken steigen. Dieses Standbild musste bereits sehr alt sein, denn das Gesicht des Mannes war verwittert und nicht mehr erkennbar, wohl aber der Handschuh auf seinem Arm. Einige der Statuen trugen traditionelle Zauberergewänder, andere ähnelten mehr Wikingern, mit Hörner- oder Flügelhelmen und Rundschilden. Als wären sie im Kampf erstarrt, reckten sie ihre Schwerter in die Höhe, andere zielten noch im Tod mit ihrem Stab auf einen imaginären Gegner.

Remus' Aufmerksamkeit wurde von der Skulptur einer Frau gefesselt. Sie war ganz aus weißem Marmor gearbeitet. Langes Haar fiel ihr bis auf den Rücken, und in den Falten ihres Gewandes hatten sich Blätter und Äste verfangen. Sie hatte die Augen geschlossen, den Mund geöffnet und die Arme weit ausgebreitet. Klauenartige Füße ragten unter der weißen Robe hervor. Rund um sie schneite es, obwohl keine Wolke den blassen Winterhimmel bedeckte. Remus schauderte. Dies war das Standbild einer Sirene, daran bestand kein Zweifel.

„Es ist dort hinten", hörte Remus Narcissas Stimme an sein Ohr dringen.

Sie wies auf einen etwas tiefer gelegenen Bereich, der über einige Treppen zu erreichen war. Eine Gruppe eng stehender Fichten versperrte teilweise den Blick, doch als sie die Bäume passiert hatten, waren sie am Ziel. Vor ihnen ragte das Bildnis eines geflügelten Wolfes auf. Das Wesen hatte die Schwingen ausgebreitet, und die langen Fangzähne reichten weit über die Lefzen. Neben dem Hukka hockte ein Mann auf einem Schemel. Der fellbesetzte Umhang war so kunstvoll gearbeitet, dass es schien, als blähe er sich im Wind. Auch die langen Haare, der zu zwei Zöpfen geflochtene Bart und die Muskelpakete unter der marmorkalten, mit Runen verzierten Haut schienen bereit, sich jederzeit wieder zu bewegen. In den Armen hielt die Statue ein Cello, und der Bogen lag auf Saiten, die eben noch von sanften Strichen vibriert zu haben schienen. Eng schmiegte sich der Hukka an den Musikanten, das Kinn vertrauensvoll gegen die Schulter seines Herrn gelehnt.
Rasmus Hietala war mit bestechender Präzision getroffen. Das Bildnis strahlte Frieden und Ruhe aus.

Eine Glocke erklang. Remus sah sich um und stellte fest, dass Narcissa, Draco und er selbst nicht mehr die einzigen Zauberer hier waren. Ein Duzend Menschen musste nach ihnen durch den Wald gekommen sein. Leise Unterhaltungen wurden geführt.

„Narcissa? Narcissa Malfoy?"

Eine Frau mit langen grauen Haaren sprach Mrs. Malfoy an. Remus sah, wie Narcissa sich umwandte.

„Ja. Narcissa Malfoy", antwortete sie zurückhaltend und mit kühler Würde.

„Kaarin Stjärnberg aus Stockholm", stellte sich die Fremde vor. Sie mochte um die sechzig sein. „Ich war mit Ihrem Schwiegervater auf der Handelsuniversität in Amsterdam", sagte sie. „Ich kenne Lucius noch, als er klein war. Wie geht es Ihrem Mann?"

„Nun, Sie haben sicher gehört, dass er nach Askaban gebracht wurde", erwiderte Narcissa kühl.

„Richtig, es stand in der Zeitung", gab die grauhaarige Hexe zurück. „Ich wollte jedoch gerne wissen, ob es ihm den Umständen entsprechend gut geht." Sie lächelte verbindlich. „Ich habe noch Bilder zuhause, die er als Junge gemalt hat. Ich mochte ihn - dass er verurteilt wurde, ändert nichts daran."

Narcissas Miene entspannte sich ein wenig.

„Sie haben es sicher nicht leicht derzeit", bemerkte Kaarin Stjärnberg in leichtem Plauderton. „Aber diese Phase wird vorbeigehen, keine Sorge." Sie musterte Draco. „Du meine Güte, Sie müssen der junge Mr. Malfoy sein, Sie sehen Ihrem Vater wirklich sehr ähnlich." Sie reichte jetzt auch Draco die Hand, der sie zögernd ergriff. „Ihr Großvater, junger Mann, war ein begnadeter Cellist", erklärte sie mit Blick auf das Standbild, zu dessen Füßen eine rechteckige Grube in der hartgefrorenen Erde klaffte. „Natürlich war er kein Siren wie Rasmus, man kann das nicht vergleichen, es wäre nicht gerecht. Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, oder falls Sie sich nachher beim Empfang etwas verloren fühlen sollten, erzähle ich Ihnen gerne mehr."

Remus wunderte sich über Kaarin Stjärnberg. Sie schien eine alte Freundin von Abraxas Malfoy zu sein, doch sie machte es Narcissa und Draco leicht, sie bot ihnen Anschluss.

„Danke für das Angebot", sagte Narcissa höflich. „Ich weiß nicht, ob wir nachher noch hier sein werden. Wir sind nur gekommen, um unser Beileid auszudrücken."

Stjärnberg lächelte. „Der Weg zurück ist steinig, Narcissa. Aber wie ich sehe, haben Sie ihn bereits in Angriff genommen. Das wird Ihnen die Achtung der alten Familien aus dem Norden einbringen, auch wenn wir auf unterschiedlichen Seiten gestanden haben mögen."

Remus atmete tief durch. Eigentlich war es unglaublich, wie einfach es Leuten wie den Malfoys gemacht wurde, ihren Weg zurück ins Herz der magischen Gesellschaft zu finden. Dass Abraxas' alte Netzwerke jetzt seinen Sohn und dessen Familie noch trugen, sprach für die Beliebtheit des alten Malfoy. Oder vielleicht spielten selbst Auseinandersetzungen wie dieser Krieg aus dem Blickwinkel jahrhundertealter Bindungen der magischen Familien, insbesondere hier im kaum vom Krieg betroffenen Nordeuropa, keine so entscheidende Rolle. Remus wusste, er würde diese Dinge zumindest verstehen und kennen lernen müssen, wenn er begreifen wollte, wie Sanni sich selbst und die Welt sah.

Hierher zu kommen hatte ihn zugegebenermaßen Überwindung gekostet. Er war nicht eingeladen. Doch er hatte entschieden, nicht mehr Wochen warten zu wollen, bis Sanni nach Kanada zurückkehrte, um sie wiederzusehen. Wenn er ehrlich war, beschrieb der Begriff ‚Entscheidung' sein Handeln nicht sehr zutreffend. Die Wahrheit war, dass er von Sehnsucht nach ihr getrieben war. Keine Nacht hatte er mehr richtig geschlafen, seit sie Hogwarts vor zwei Wochen verlassen hatte.

Ausgerechnet das auf Veranlassung von Sirius durch Dumbledore veranstaltete Dinner hatte dazu geführt, dass Remus keine Gelegenheit mehr bekam, mit Sanni allein zu sprechen. In der Gegenwart Dritter war es völlig unmöglich gewesen, ihre ‚Unterhaltung' dort wieder aufzunehmen, wo sie an Abraxas' Grab geendet hatte. Danach hatte ihn der Orden mit Pflichten dermaßen in Beschlag genommen, dass er sich nur mühsam loseisen konnte. Nun würde er Sanni also ein weiteres Mal im Angesicht eines Toten wiedertreffen, auf Rasmus Hietalas Beerdigung.
Einer kurzfristigen Erkrankung von Rasmus' Mutter verdankte er diese Gelegenheit, denn man hatte die Beisetzung verschoben, um der Frau die Möglichkeit zu geben, nach der Besserung ihres Gesundheitszustands persönlich von ihrem Sohn Abschied zu nehmen.

Wieder erklang die Glocke. Dieses Mal öffneten sich auf den Glockenschlag hin die Türen eines Gebäudes am gegenüberliegenden Ende dieses Teils des Friedhofs, das am ehesten noch einem antiken Tempel glich. Glatte, hohe Säulen stützten ein dreieckiges Dach. Schwarz gewandete Menschen quollen heraus und fanden sich in Gruppen zusammen. Eine Frau in langer, blutroter Robe erschien. Hinter ihr schwebte eine Bahre, die an Schlichtheit kaum zu überbieten war: Zwei Holzstangen, verbunden mit weißem Segeltuch. Auf dieser lag der Tote. Man bestattete Rasmus in den Kleidern, die er am Tag seines Todes getragen hatte, nur dass alle Blutflecke sorgsam entfernt waren und jeder Riss verschlossen. Von den schweren Wunden, die er erlitten hatte, als die halbe Nordwand von Hogwarts ihn und seinen Hukka begrub, war nichts mehr zu sehen. Der junge Zauberer sah aus, als schliefe er bloß.

Eine hagerer Mann mit schütterem Haar und eine kleine Hexe, die sich an seinen Arm gehängt hatte, folgten als erste der Priesterin, die den Leichnam neben sich herschweben ließ. Direkt hinter ihnen ging ein junges Mädchen mit langem, rotem Haar. Sie trug Muggelkleidung; unter ihrem schwarzen Mantel lugten Jeans hervor. Iikka hatte ihr fürsorglich einen Arm um die Schultern gelegt. Remus erinnerte sich daran, dass Matti ihm von dem Muggelmädchen erzählt hatte, das seit mehr als einem Jahr die Freundin des Hukkareiters gewesen war. Iikka, Rasmus' leiblicher Bruder, wirkte neben der zierlichen Frau noch größer. Ihnen folgten die anderen Reiter, und es fiel Remus schwer, sie zu unterscheiden. Nur Manne und Jukka mit ihren schwarzen Haaren und Matti, der schmächtiger war als seine Freunde, erkannte er eindeutig. Sie alle schleppten die unförmigen Koffer mit ihren Instrumenten auf dem Rücken.

Hinter ihnen ging Sanni, die ihre Mutter bei der Hand hielt. Die Laulajatar wirkte gebrechlich, als hätten die letzten Wochen und die Schlacht an ihr gezehrt. Ihre zuletzt grauen Locken waren weiß wie frisch gefallender Schnee.

Nach ihnen folgten weitere Zauberer und Hexen, die Köpfe in Trauer geneigt. Diejenigen, die nicht im Gebäude gewesen waren, bildeten nun eine Art Spalier am Wegesrand, um den Beerdigungszug passieren zu lassen, der sich in Richtung des Grabmals bewegte. Der Pfad war inzwischen deutlich erkennbar: Ein Zauber hatte ihn von Schnee und Eis befreit, zartes Grün spross empor, und je näher die Priesterin kam, desto mehr bunte Blüten reckten ihre Köpfchen in den blassblauen Winterhimmel. Remus staunte – einen derartigen Zauber hatte er noch nie gesehen. Er selbst vermochte einen Zweig zum Blühen zu bringen, aber niemals wäre er so vermessen gewesen, sich an einem Weg wie diesem zu versuchen.

Der Zug war herangekommen, und Remus sah auf Rasmus' blasses Gesicht und in die von Trauer gezeichneten Mienen seiner Eltern. Er fing Mattis dankbaren Blick auf, als dieser seinen Vater im Vorbeigehen erkannte und ihm zunickte. Einen Augenblick später berührte ihn jemand sanft am Arm.

„Remus?"

Es war Sanni, die stehen geblieben war. Ihre Augen war rot gerändert vom Weinen und verquollen, doch der Anflug eines Lächelns huschte über ihre Lippen, die von Wind und Kälte rissig und aufgesprungen waren. Sie sah unendlich müde aus, als habe sie tagelang kaum geschlafen.

„Ich bin froh, dass du hier bist", sagte sie leise und nahm seine Hand, zog ihn auf den Weg und in den Zug hinein, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt.

Sie ließ seine Hand nicht mehr los, von dem Augenblick an, als ihre Finger sich um die seinen geschlossen hatten. Weder auf der Strecke zum Grabmal, noch, als sie davor standen und den Worten der rot gewandeten Priesterin lauschten, die Remus freilich überhaupt nicht verstand.

Es war eine kurze Ansprache. Rasmus' Freunde packten ihre Instrumente aus und spielten ein getragenes Stück, während die Leiche ihres Bruders und Freundes in die eckige Grube hinab schwebte. Sanni begann zu weinen, und Remus nahm sie in die Arme, um sie festzuhalten. Tatsächlich schien es das Selbstverständlichste auf der Welt, sie zu trösten, und er zweifelte nicht einen Augenblick daran, das Richtige zu tun.

Auf einen Wink der Priesterin hin, rieselte die Erde, welche neben dem Grab aufgeschüttet war, in anmutigem Bogen hinab. Schweigend traten die Menschen nun einer nach dem anderen zu den Eltern des Toten. Remus versuchte, sich die Worte für „herzliches Beileid" zu merken, doch bevor er einen peinlichen Fehler machte, entschied er sich, auf Englisch zu kondolieren. Er hatte das Gefühl, die finnischen Worte würden mit einem Knoten in seiner Zunge enden.
Rasmus' Vater erwiderte Sannis Anteilnahme mit Freundlichkeit, doch seine Mutter bedachte sie mit einem harten, abweisenden Blick, und auch was sie sagte, klang nicht eben freundlich. Sanni gab ihr leise eine Antwort und ging dann weiter, um etwas abseits auf Remus zu warten. Es war das erste Mal, dass sie seine Hand losließ.

„Es tut mir sehr Leid, Mr. und Mrs. Hietala", sagte Remus höflich. „Ihr Sohn hat großen Mut bewiesen. Wir alle schulden ihm Dank und Respekt."

Rasmus' Vater erwiderte mit festem Händedruck und starkem Akzent: „Dies von jemandem zu hören, der so lange gegen Voldemort gekämpft hat, erfüllt unser Herz mit Stolz. Meine Frau leidet sehr. Sagen Sie der Heikki Luunta, sie möge ihr die harten Worte verzeihen."

Remus nickte. Ihm gegenüber blieb Rasmus' Mutter still, als sie seine Hand drückte.

„Was hat sie zu dir gesagt?", erkundigte er sich, als er Sanni erreichte, die etwas abseits auf ihn wartete.

„Sie sagte, dass Mutter Schuld habe an Rasmus' Tod", erklang eine Stimme neben ihm. Matti war aufgetaucht und reichte ihm die Hand. „Hallo Remus. Deine Eule hat uns erst heute Morgen erreicht, sie muss im Schneesturm stecken geblieben sein. So konnten wir nicht mehr antworten. Schön, dich zu sehen, auch wenn der Anlass ein besserer sein könnte."

„Ich freue mich auch, Matti", erwiderte Remus. Er sah Sanni an. „Dich trifft keine Schuld, das weißt du. Jeder wusste, was ihn in Hogwarts erwartete."

„Klaara hat Rasmus kaum gekannt", sagte Sanni leise. „Sie trauert um ein Bild. Ich habe ihn großgezogen: ihn getröstet, wenn die Trolle ihm eine blaue Nase geschlagen haben, ihm sein erstes Cello geschenkt und ihn gelehrt, auf den Gesang im Inneren zu hören. Er war so gut mein Sohn wie der ihre."

Matti nahm seine Mutter in die Arme. „Er ist gestorben, als er versucht hat, andere zu retten. Das ist ein guter Tod. Er wird in Wodans Halle sitzen."

Sanni sah nicht aus, als tröste sie diese Aussicht, und Remus nahm sich im Stillen vor, mit seinem Sohn ein Gespräch über Religion zu führen. Es war nichts falsch an Wodans goldener Halle, aber die Glorifizierung eines Heldentodes, am besten noch mit Schwert schwingenden Walküren als Geleit des Toten, erschien ihn doch auf abstruse Art martialisch. Trauer zuzulassen war das einzig Angemessene, angesichts des Todes eines Jungen, der besser mit seinem Cello und seiner kanadischen Freundin an einem Lagerfeuer oder in einem Musikzimmer sitzen sollte, als hier in der gefrorenen Erde zu liegen.

Still beobachteten sie nun, wie Mr. und Mrs. Hietala die Beileidsbekundungen der Gäste entgegen nahmen. Remus sah, wie Kaarin Stjärnberg Narcissa unter ihre Fittiche nahm und sie einigen Bekannten und Freunden vorstellte.

„Ich werde an dem nun folgenden Empfang nicht teilnehmen", erklärte Sanni. „Matti, du und Jukka, ihr werdet die Familie vertreten."

Remus blickte zu dem dunkelhaarigen jungen Zauberer mit den schwarzen Haaren und den grauen Augen hinüber, der jetzt tröstend auf Rasmus' Freundin einsprach.

„Er ist mein Cousin", erklärte Matti beiläufig, als er Remus' Blick bemerkte.

„Großcousin", setzte Sanni hinzu. „Meine Mutter hat fünf Schwestern, mein Vater hatte drei Brüder. Wir sind eine große Sippe."

„Rasmus' Vater ist Mamas Cousin", erläuterte Matti. „Großtante Teresi hat einen Hietala geheiratet. Dessen Mutter war übrigens eine Malfoy. Deshalb ist Narcissa auch hier. Der blonde Junge muss Draco sein."

„Er ist es", bestätigte Remus, der langsam Kopfweh bekam von all den verstrickten Verwandtschaftsverhältnissen. „Ich war sein Lehrer."

„Kümmere dich um ihn auf dem Empfang", bat Sanni ihren Sohn.

„Sein Vater hat Großvater auf dem Gewissen", widersprach Matti empört.

„Dafür hat sein Großvater deinem ein paar Mal das Leben gerettet", sagte Sanni, „und für beides kann Draco ganz und gar nichts."

„Sei ein bisschen vorsichtig", mahnte Remus. „Draco hat noch nicht ganz verstanden, warum seine Eltern dem Dunklen Lord den Rücken gekehrt haben."

„Wir werden nach der Feier noch in die Stadt gehen", kündigte Matti an. „Wir müssen den Kopf frei bekommen, und es gibt einen neuen Musik-Club, der Rasmus gefallen hätte. Könnte später werden."

„Zum Frühstück seid ihr zuhause", entschied Sanni. „Und keine Muggelmädchen, unser Stadthaus hier in Tampere ist voller magischer Artefakte."

Matti verzog das Gesicht. „Du bist doch morgen noch hier?", fragte er Remus.

Remus tauschte einen Blick mit Sanni, dann nickte er.

„Sannitara, ist es in deinem Sinne, dass die Laulajatar am Grab steht und zaubert?", erkundigte sich eine dunkle Männerstimme.

Alarmiert blickte Remus auf und sah in die braunen Augen eines Fremden.

„Terve, Matthew", erwiderte Sanni und umarmte den hoch gewachsenen Mann. „Ja, wir haben das im Vorfeld besprochen. Sie hat Rasmus mit großgezogen, und sie hat ihn sehr geliebt. Sie will ihm ein letztes Geschenk machen."

Tatsächlich stand die alte Hexe schon geraume Zeit vor dem Standbild und strich mit ihren Klauen über das Gesicht der Statue. Die Laulajatar öffnete den Mund, doch kein Gesang war zu hören, sondern der melodische Klang eines Cello. Wie ihre Tochter verstand sie es, ohne Instrument ein ganzes Orchester zum Leben zu erwecken, doch sie beschränkte sich auf die satten Frequenzen der Celli. Sanfte Töne, leidenschaftlich und weich, ergossen sich aus dem mageren Körper der Alten. Remus konnte nicht sagen, dass es schön klang. Er hatte klassische Orchester harmonischer spielen hören und Sanni lieblicher singen. Doch dem Kadenzweben der Laulajatar haftete eine Macht an, der sich niemand der Umstehenden zu entziehen vermochte.

Und dann begann es: Rund um das Grab begann der Schnee zu tauen, zartes Grün schob sich aus der braunen Erde, Schösslinge trieben in den Himmel, und Ranken umschlangen den Hukka. Die Melodie schwoll an, ein Crescendo der Fülle, und die Schösslinge breiteten sich aus, entfalteten Blätter zunächst in hellem Frühlingsgrün, dann auch in dunkleren Tönen, und formten schließlich sich im Wind wiegende Kunstwerke, die sich zu Gestalten und lebenden Figuren verdichteten. Drei Hukka wuchsen aus dem frostschlafenden Boden, geboren aus Brombeer-, Himbeer- und Holundersträuchern. Ihre Reiter folgten. Von Ulmen, Birken und Eschen ins Leben gerufen, formierten sie sich zu einem Streichquartett. So exakt war die blühende Darstellung der Laulajatar, dass Remus meinte, die Gesichtzüge von Iikka, Matti und Jukka zu erkennen. Zuletzt reckte sich ein biegsamer Ahorn aus der Erde, dessen schlanker Stamm und eigenwillig gebogene Zweige eine zarte Frauengestalt bildeten. Feuerdorn entfaltete sich vom Wipfel des kanadischen Nationalbaums herab, geschwungen wie die flammendroten Locken von Rasmus' junger Gefährtin.

Die Musik verstummte. In blühender Harmonie hatten sie sich um Rasmus' Grabmal geschart: Seine Freunde, seine Liebe und die Musik, die sein Leben bestimmt hatte.

Die Laulajatar sank in sich zusammen, und Sanni lief zum Grab, um ihre Mutter zu stützen. Auf dem jetzt fahlen Gesicht der Sängerin lag ein Ausdruck tiefer Zufriedenheit. Alle verstanden ihre wortlose Botschaft: Nun war der Tote nicht mehr allein.

„Sie hat ihm den Frühling geschenkt", sagte Jukka leise. Dann wandte er sich ab, legte Matti eine Hand auf die Schulter und zog ihn mit sich fort.

Während noch etliche Hexen und Zauberer darauf warteten, Mr. und Mrs. Hietala ihr Beileid auszusprechen, begannen sich die Reihen insgesamt zu lichten. Das charakteristische Geräusch von Disapparitionen war allenthalben zu hören.

„Du wirst dich mit deiner Mutter sicher zurückziehen wollen, Sanni", vermutete Matthew, der wie die jungen Hukkareiter mit kanadischem Akzent sprach. „Vielleicht sehen wir uns zum Abendessen?"

Seine Stimme klang tief und angenehm, und Remus konnte in dem gut aussehenden, ehrlichen Gesicht nichts finden, das ihn abstieß. Dennoch spürte er ein wachsendes Unbehagen angesichts des Mannes. Niemand außer Sirius, Eero und ihm selbst hatte Sanni je mit ihrem Kurznamen angesprochen.

„Tut mir sehr Leid", hörte er Sanni sagen. „Heute Abend habe ich sicher keine Zeit. Matthew, das hier ist Remus Lupin. Remus, Matthew Senkonen arbeitet bei der kanadischen Botschaft in Helsinki. Was aber viel wichtiger ist, er war kanadischer Meister im Speerwurf, und er hat den Jungs alles beigebracht, was sie übers Axtwerfen und sonstigen Kampfsport wissen. Wir haben viele Jahre zusammen in Kanada gelebt."

Matthew reichte Remus die Hand und musterte ihn ruhig, jedoch nicht unbedingt freundlich.

Der Remus Lupin? Ich hätte nicht gedacht, dass ich Sie jemals zu Gesicht bekommen würde." Er wandte sich wieder Sanni zu. „Unser Termin morgen früh...?"

„Steht", erwiderte sie freundlich. „Wie immer um acht Uhr."

Matthew nickte, Zufriedenheit im Blick. „Bis dann", sagte er, küsste erst Sanni, dann die Laulajatar auf die Wange und stapfte davon.

„Mr. Senkonen ist Kanadier?", erkundigte sich Remus.

„Seine Eltern sind noch in Lahti aufgewachsen, aber er wurde in Winnipeg geboren", antwortete sie. „Er ist Spezialist für alles, das man werfen kann. Ihn zum Lehrer zu haben war ein Glücksfall für meine Kinder." Auf Remus fragenden Blick hin rang sie sich ein schmales Lächeln ab. „Sie sind irgendwie alle meine Söhne", sagte sie leise. „Aber Rasmus...er war mir sehr nah. Sein Herz war so groß, dass ich mich oft für das meine geschämt habe." Sie nahm die Hand ihrer Mutter, die eine leise Melodie summte und völlig geistesabwesend schien, und lehnte ihren Kopf an Remus' Schulter.

Er hielt ganz still und atmete den Duft ihrer Haare ein, während er vorsichtig einen Arm um ihre Schulter legte. Er spürte seinen eigenen Herzschlag kräftig und leicht pochend an die Brustwand trommeln. Auf und an dem Grabmal blühten Sommerblumen, die Brombeeren dufteten so stark, dass man erwartete, jeden Augenblick das Brummen von Bienen hören zu müssen. Die Zahl der Zauberer und Hexen auf dem Friedhof verminderte sich kontinuierlich.

„Miss Sanni?"

Das dünne Stimmchen ließ Remus aufblicken. Er erkannte Enni, die Hauselfe, die sich tief verbeugte.

„Soll Enni die Mistress Mailis nach Hause bringen?", erkundigte sie sich. „Master Matti sagte, Sie würden nicht mehr zum Empfang gehen."

„Sehr umsichtig, dich noch zu schicken", lobte Sanni leise.

Sie fragte ihre Mutter etwas auf Finnisch, und die Laulajatar lächelte. Enni nickte, nahm die Hand der Sirene und verschwand mit ihr, nachdem beide noch ein letztes Mal nah an das Grab herangetreten waren, wo Remus die Hauselfe vernehmlich schluchzen und seufzen hörte. Enni war noch viel faltiger geworden, als Remus sie in Erinnerung hatte, und das Büschel weißer Haare auf ihrem Kopf war gänzlich verschwunden.

„Sie ist alt geworden, deine kleine Hauselfe", sagte er leise zu Sanni.

„Wie wir alle", erwiderte Sanni seufzend. Sie wischte sich mit einer entschiedenen Bewegung die letzten Tränen aus dem Gesicht. „Wir sollten gehen", stellte sie mit einem Blick auf den sich leerenden Friedhof fest.

Nur Rasmus' Eltern, ein paar nahe Verwandte und die Priesterin standen noch beim Grab. Sanni wandte sich ab und ging langsam in Richtung des Friedwaldes, durch den Remus mit Narcissa und Draco zusammen gekommen war. Remus folgte ihr schweigend, da sie das Wort nicht an ihn richtete, und ihr die Stille durchaus recht zu sein schien. Als sie neben der Kirche wieder auf die verschneite Straße traten, zog Sanni ein Handy aus ihrer Tasche und telefonierte kurz.

„Muggeltechnik?", erkundigte sich Remus etwas überrascht und auch interessiert.

„Ich kann der Taxizentrale keinen Patronus schicken", erwiderte Sanni. „Du weißt ja, das Geheimhaltungsabkommen." Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, das ihn entfernt an die alte Sanni erinnerte. „Außerdem beherrsche ich den Patronus-Zauber nicht, und so kann ich dir unterwegs etwas von der Stadt zeigen. Matti wird sicher auch noch eine Stadtführung mit dir veranstalten wollen, wobei ich mir sicher bin, er setzt andere Glanzlichter."

„Mir schien er eher an Zerstreuung interessiert", gab Remus zurück.

„Die Jungs müssen ihren eigenen Weg finden, mit dem Verlust und der Trauer umzugehen", nahm Sanni ihre Söhne in Schutz.

„So war es nicht gemeint", erwiderte Remus.

„Wo ist dein Gepäck?", erkundigte sich Sanni, als das Taxi um die Ecke bog.

„In meiner Tasche, miniaturisiert", antwortete er.

„Du hast es die ganze Zeit geschleppt?", fragte Sanni halb entsetzt, halb amüsiert.

Der Taxifahrer stieg aus und öffnete den Fond des Wagens.

„Du bist natürlich unser Gast", sagte Sanni, als Remus einen Moment zu zögern schien. „Ich meine, falls es dir recht ist?" Für einen Augenblick wirkte sie beinahe unsicher.

Remus fing den Blick ihrer Augen ein. „Doch, Sanni", sagte er ernsthaft. „Es ist mir recht. Sogar sehr. Vielen Dank."

Der Fahrer schloss die Tür, nachdem Sanni neben Remus auf den Rücksitz geklettert war, und als der Motor zu brummen begann, nahm Remus Sannis Hand in die seine. Diesmal war es keine Geste des Trostes, sondern es bedeutete weitaus mehr. Die plötzliche zarte Röte, die Sannis Wangen überzog, gab Remus deutlich zu verstehen, dass ihr dies ebenso bewusst war wie ihm selbst, und sein Herz pochte auf einmal spürbar gegen den Brustkorb.

„Siehst du die weißen Zinnen dort drüben?" Sanni wies aus dem Fenster und lenkte ihn von seinen Gefühlen ab. „Das ist das alte Stadtschloss von Tampere. Es wurde im siebzehnten Jahrhundert auf den Mauern einer Festung aus karolingischer Zeit erbaut und zuletzt 1815 renoviert."

Remus horchte auf ihre Stimme, die mit jedem Satz an Sicherheit gewann, und er ließ sich darauf ein, ihr in die Geschichte der alten Stadt zu folgen. Das unsichere Terrain aus verwirrten Gefühlen und alten Verletzungen würden sie beide heute noch früh genug betreten müssen.


Fortsetzung folgt