Es ist lange her, seit meinem letzten Update, aber ich hoffe, dass dieses Kapitel das Warten wert war.
35. Kontrollverlust
Erschöpft ließen sich Hermine und ihre beste Freundin Ginny auf ihre Betten im Schlafsaal der Mädchen sinken.
„Der wievielte gescheiterte Versuch der Mission ‚Liebe gestehen' war das?", fragte die Rothaarige müde.
„Der dreiundzwanzigste", erwiderte Hermine und setzte sich auf. „Was mache ich nur falsch?"
„Vielleicht liegt es daran, dass es für dich schwerer ist, als du denkst. Du unterschätzt das einfach", sagte Ginny.
„Das kann sein", seufzte Hermine. „Aber sag mir eins Ginny, wie oft kann er meine Zeichen noch übersehen? Rosen, kleine Zettel, Lächeln, verschwörerische Blicke… Wie lange versuche ich es jetzt schon ihm zu sagen? Fast drei Monate! Ginny, bald sind meine Prüfungen und ich weiß echt nicht, was ich noch machen kann. Es ist zum Verzweifeln!"
„Vielleicht solltest du mal ein wenig offener mit ihm reden", schlug Ginny vor und setzte sich auf ihrem Bett auf.
„Offener?", fragte Hermine. „Nie im Leben!"
Doch dann dachte sie daran, dass Harry und Ron sie schon seit Ewigkeiten fragten, was mit ihr los sei, dass ihre Noten (außer im Fach Zaubertränke) zu sinken begann, dass sie nur noch an ihren Zaubertränkeprofessor denken konnte, dass sie in seiner Gegenwart nervös wurde und dass sie ihn in weniger als vier Monaten zum letzten Mal sehen würde… Und ihr wurde plötzlich klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie seufzte.
„Du hast ja Recht, Ginny", sagte sie. „Aber ich kann das einfach nicht. Einfach zu ihm zu gehen und ihm meine Gefühle zu erzählen ist das Schwierigste, was es gibt."
„Das meinst du doch nicht ernst!", sagte Ginny. „Glaub mir, es ist ganz einfach. Du bleibst am Ende der Stunde länger und schlenderst ganz zufällig an seinem Lehrertisch vorbei und dann bleibst du stehen, um ihn noch etwas zu fragen. Er hört dir zu und du fängst an zu erzählen."
„Warum machst du es denn nicht, wenn es so einfach ist?", fragte Hermine.
„Erstens: weil ich es schon zwei Mal gemacht habe und zweitens: weil ich nicht in Prof. Snape verliebt bin", sagte Ginny und lächelte ihre Freundin an. „Du schaffst das. Das weiß ich."
„Nein, ich kann das wirklich nicht", entgegnete Hermine und senkte den Blick auf den Boden.
„Natürlich kannst du das", sagte Ginny. „Warum solltest du das auch nicht können. Dir kann überhaupt nichts passieren. Du kannst nicht von der Schule geworfen werden und niemand wird etwas davon wissen, wenn… na ja… wenn er nicht so fühlt wie du."
„Aber er wird mich hassen!", sagte Hermine.
„Das ist nichts, was ein kleiner Vergessenszauber nicht wieder hinbekommen würde", sagte ihre Freundin. „Bitte Hermine! Ich könnte es nicht ertragen, wenn du dein ganzes Leben lang unglücklich bist, nur weil du dich nicht getraut hast ihn zu fragen."
„Na gut", sagte Hermine nach einer Weile. „Aber du musst mir dabei helfen."
Severus erwachte gut ausgeschlafen in seinem Bett. Die Träume von Cole und Amelia hatten ihn schon seit einer Ewigkeit nicht mehr belästigt und er glaubte, sie nun endgültig überwunden zu haben. Er stand auf und kleidete sich an. Danach machte er sich auf den Weg zur Großen Halle. Minerva winkte ihn zu sich, als er die Große Halle betrat. Mürrisch setzte er sich zu ihr.
„Ich bin sehr froh, dass sie endlich beim Ballkomitee wirklich mitarbeiten und nicht nur schweigend in einer Ecke sitzen", sagte Minerva und er gab nur ein Brummen von sich.
Seitdem Miss Granger in seine Gedanken eingedrungen war, hatte er sie nicht mehr in Okklumentik unterrichtet und ihr ihr Nachsitzen erlassen. Gespräche außerhalb des Unterrichts war er gekonnt entronnen und seitdem nahm er auch aktiver am Ballkomitee teil, damit er auch das irgendwann einmal los war.
„Wie es aussieht, werden wir sie auch nicht mehr im Ballkomitee brauchen, Severus", sagte Minerva. „Da jetzt alles Wichtige geklärt ist."
„Das freut mich zu hören", sagte er ohne sein Gesicht zu verziehen, doch innerlich freute er sich riesig.
„Das wusste ich", sagte Minerva knapp und wandte sich wieder ihrem Frühstück zu.
Severus ließ seinen Blick durch die Halle schweifen und bemerkte, dass er wieder viel zu lange an Miss Granger hängen blieb. Er hatte immer das Gefühl Achterbahn zu fahren, wenn er sie sah. Es war als würde sein Magen ein Salto machen. Doch anstatt sich darüber zu wundern, fragte er sich nur, was Miss Granger für diese Zaubertränkestunde geplant hatte. Die Rosen und Zettel und auch ihr Lächeln waren ihm nicht entgangen. Ihr Lächeln ignorierte er gekonnt, wenn auch mit einem seltsamen Gefühl im Magen, die Zettel verbannte er ohne sie zu öffnen, obwohl er vor Neugier fast platzte und die Rosen… es war seltsam, aber er brachte es nicht über sich die Rosen verschwinden zu lassen. Er nahm sie mit in seinen Wohnbereich und stellte sie in eine Vase, die inzwischen schon einen ganzen Rosenstrauß enthielt. Immer, wenn er daran vorbeiging, breitete sich ein warmes Gefühl in ihm aus, doch er versuchte es so gut wie möglich zu unterdrücken.
Tief im Innersten wusste er, was all das bedeutete, aber konnte… nein, er wollte es einfach nicht wahrhaben. Es konnte einfach nicht wahr sein.
Ginny hatte sie bis vor die Kerkertür begleitet und war mit ihr noch einmal all das durchgegangen, was sie Prof. Snape am Ende der Stunde sagen würde. Dann hatte sich ihre Freundin von ihr verabschiedet und war in den Gryffindor Gemeinschaftsraum zurückgelaufen, da sie eine Freistunde hatte. Hermine hatte dann zu Unterrichtsbeginn den Klassenraum mit Harry und Ron betreten und sich an ihren gewöhnlichen Platz gesetzt.
Der Unterricht verlief normal. Nur ab und zu warf Hermine Prof. Snape ein kleines Lächeln zu und sie glaubte gesehen zu haben, dass seine Augen einmal ein paar Sekunden zu lange auf ihr geruht hatten.
Am Ende des Unterricht räumte sie extra langsam ihre Sachen zusammen und schickte Harry und Ron schon einmal vor, da sie noch etwas mit Prof. Snape besprechen müsste, wegen dem Aufsatz der letzten Stunde. Sie nickten und ging ohne sie vor. Als sie die Tür hinter sich schlossen legte Hermine einen lautlosen Muffliato Zauberspruch über den Raum. Dann legte sie sich ihre Tasche über die Schulter und lief langsam zum Lehrertisch. Als Prof. Snape Anstalten machte, den Raum zu verlassen, ergriff sie (wie abgesprochen) ihre Chance.
„Äh, Professor", sagte sie und sah wie ihr Zaubertränkelehrer leicht zusammenzuckte, doch als er sie ansah hatte er sich wieder unter Kontrolle.
„Was gibt es denn, Miss Granger?", fragte er ruhig.
„S-Seit einiger Zeit", begann Hermine. „Habe ich das Gefühl – nein – i-ich bekomme sie nicht mehr aus meinen Gedanken heraus. Vielleicht erinnern sie sich noch an den Tag, als sie den Trank für mich gebraut hatten… den Identitätstrank."
Er nickte nach einem kurzen Zögern.
„Dann wissen sie bestimmt auch noch, wie ich… wie wir uns… geküsst hatten."
Er sah sie erstaunt an.
„Und sie erinnern sich bestimmt auch noch daran, als Draco Malfoy mich in den See gestoßen hatte und ich ohnmächtig war?"
Er nickte wieder, doch diesmal sah es so aus, als wäre es ihm irgendwie unbehaglich.
„Worauf wollen sie hinaus, Miss Granger?", fragte er kühl.
„Ich… ich habe… Ich erinnere mich ständig an diesen Kuss. Ich kann an nichts anderes denken und wenn sie in meiner Nähe sind… kann ich mich schlecht auf irgendetwas konzentrieren. Sie sind immer in meinem Gedanken und… und ich dachte erst a-also nach dem Kuss, dass ich Abscheu o-oder Ekel empfinden würde, d-doch da war nichts… I-Ich habe e-es… genossen."
Hermine spürte wie ihre Wangen feuerrot wurden und sie blickte zu Boden. Was würde er jetzt tun. Sie anschreien? Sie in Stein verwandeln? Ihre Erinnerungen modifizieren? Sie hielt den Atem an.
Es war unheimlich still. Sie konnte fast hören, wie sich die Gedanken von Prof. Snape überschlugen – und genau das war das seltsame. Seit diesen drei Monaten, in denen sie fast nichts mehr mit ihm zu tun gehabt hatte, hatte sie weder seine noch er ihre Gedanken hören können (beim letzteren war sie sich absolut sicher).
„Worauf wollen sie hinaus, Miss Granger?", fragte er kühl.
Als Miss Granger ihren Mund öffnete, um ihm zu antworten, hätte er sich fast gewünscht sie das nie gefragt zu haben. Ihm war unwohl. Er spürte seine Zuneigung für sie und er wusste worauf sie hinaus wollte. Wenn sie ihm ihre Gefühle sagen würde, würde er dann seine Gefühle noch unter Kontrolle halten können?
„Ich… ich habe… Ich erinnere mich ständig an diesen Kuss. Ich kann an nichts anderes denken und wenn sie in meiner Nähe sind… kann ich mich schlecht auf irgendetwas konzentrieren. Sie sind immer in meinem Gedanken und… und ich dachte erst a-also nach dem Kuss, dass ich Abscheu o-oder Ekel empfinden würde, d-doch da war nichts… I-Ich habe e-es… genossen", sagte sie etwas leiser als vorher, wurde rot und blickte auf den Boden.
Sein Gehirn lief auf Hochtouren. Er dachte über das nach, was sie ihm gerade gesagt hatte und musste gleichzeitig den Drang unterdrücken, sie in den Arm zu nehmen. Es war unheimlich still im Raum.
„Das sollten sie nicht denken", sagte Prof. Snape. „Ich bin ihr Lehrer. Verschwenden sie nicht ihre Gefühle an mich, sondern an jemand anderen. Mr. Weasley zum Beispiel."
Seine Worte ließen sie Aufblicken. Doch statt Erleichterung stand Wut in ihrem Gesicht.
„Denken sie, dass sie mir einfach befehlen können, in wen ich mich verliebe? Denken sie das Ganze wäre so einfach, dass ich es einfach vergessen könnte? Glauben sie das wirklich?", fragte sie wütend und er wusste, dass sie recht hatte. Doch wenn er ihr jetzt sagte, dass er dasselbe für sie empfand standen nicht nur sein Job und sein guter Ruf auf dem Spiel. Er konnte das einfach nicht. Er durfte das einfach nicht.
„Miss Granger, ich kann ihnen…"
Tränen blitzten in ihren Augen auf, ob vor Wut oder vor Trauer konnte er nicht sagen.
„Natürlich ist das für dich ja auch einfach! Du leidest doch nicht unter diesen Gefühlen! Du musst deine Gefühle doch nicht verstecken! Du hast doch keine Ahnung, wie es mir geht!"
„Sag das nicht!", sagte Severus lauter als beabsichtigt. „Natürlich weiß ich, wie es dir geht, denn es geht mir genauso!"
Als er ihre großen Augen sah, wusste er, dass er etwas gesagt hatte, was er nicht hätte sagen dürfen. Doch bevor er weiter darüber nachdenken konnte, was er falsch gemacht hatte, versank das Klassenzimmer vor ihm in undurchdringbarer Dunkelheit.
Hat es euch gefallen? Dann hinterlasst eine kleine Review :)
