Kapitel 3.08 – Und immer wieder nachschlagen
- 10.07.2002 -
Er folgte Hermine hinaus in den Garten und nahm sie in den Arm, so dass ihr Rücken gegen seine Brust lehnte. Sie hatte die Arme verschränkt und hielt sich zuerst an sich selbst, dann an ihm fest. Die frische Morgenluft umspülte sie wie Wasser und hinterließ ein ebenso taubes Gefühl, das schwer auf seine Ohren drückte.
„Wirst du mir nun endlich sagen, was dich beschäftigt?", fragte er leise und steckte seine Nase tiefer in die Locken, die er nur noch vage vor Augen hatte. Der Geruch und wie sie sich auf seinem Körper anfühlten, hatte sich sehr viel deutlicher in seine Erinnerungen gebrannt.
Hermine nickte. „Heute. Heute beschäftigt mich, Severus."
Er runzelte die Stirn und versuchte sich daran zu erinnern, welcher Tag war. Ihm war schon vor geraumer Zeit aufgefallen, dass die Tage und Wochen ineinander glitten und zunehmend zu einem unerkenntlichen Brei verkamen. So dauerte es einige Momente, ehe es ihm wieder einfiel. Heute vor einem Jahr waren sie hier angekommen. Heute vor einem Jahr hatte Hermine ihr Kind verloren. „Es tut mir leid."
Seine Hände glitten an ihrem Körper hinab und legten sich – eher zufällig – auf ihren Unterleib. Hermine versteifte sich und machte sich nach wenigen Sekunden mit einer Drehung von ihm los. „Nimm es mir nicht übel, Severus. Ich… Lass mir etwas Zeit, ja?"
Er nickte und nahm ihr Gesicht in die Hände, nur um sie auf die Stirn zu küssen. „Ich bin da, wenn du Gesellschaft möchtest."
„Ich weiß."
- - -
Am Abend saß er alleine im Wohnzimmer. Die Sonne musste schon vor einiger Zeit untergegangen sein, denn von der Terrassentür her erreichte nur kühle Luft seine Hände. Severus hatte in den letzten Wochen festgestellt, dass er eine Menge Kraft und Ruhe aus Momenten wie diesem ziehen konnte. Wenn er einfach nur still dasaß und die Sekunden an sich abtröpfeln ließ. Dieses Innehalten war Jahrzehnte lang undenkbar gewesen.
Trotz aller Ruhe schlief er jedoch niemals ein. Er entfernte sich nicht einmal so weit von der Realität, dass er irgendetwas nicht bemerkte. So hörte er die tapsenden Geräusche nackter Füße auf dem Laminatfußboden bereits, als Hermine noch auf der Treppe war. Er sah ihr entgegen, als sie den Raum betrat und war überrascht, als sie einen hellen Lichtschein mit sich brachte.
Sie kam zu ihm und stellte das Licht, welches er nun als eine flackernde Kerze identifizieren konnte, auf den Tisch. Dann setzte sie sich, zog die Füße auf die Sitzfläche und legte ihren Kopf in seinen Schoß. „Gesellschaft wäre nett, denke ich", murmelte sie mit dumpfer Stimme.
Severus lächelte schmerzlich und rutschte auf dem Sofa ein Stück nach unten, so dass sie bequemer liegen konnte. Seine Finger begannen von alleine durch ihre Haare zu streichen und seine Blicke konzentrierten sich auf die Kerze. Sie war das einzige, das er sehen konnte, alles andere versank in undurchsichtiger Dunkelheit.
- 19.07.2002 -
Severus tastete sich am Geländer der Treppe hinunter und streckte die Hand nach vorne aus, so wie er es immer tat, wenn er den unteren Knauf des Geländers erreicht hatte. Zwei Schritte später trafen seine Fingerspitzen auf die raue Oberfläche der Wand und zwei Schritte nach links fand er den Türrahmen, durch den er in die Küche gelangte.
An der linken Seite war die Arbeitsplatte mit den darüber hängenden Schränken. Er glitt am Rand der Arbeitsplatte entlang, bis er die Spüle gefunden hatte. Dann griff er nach oben, fand rasch den Türgriff und zog daran, um sich eine Tasse und einen Teller aus dem Schrank zu nehmen. Er stellte beides vor sich auf die Arbeitsplatte und erstarrte.
Severus konnte beim besten Willen nicht sagen, was es gewesen war, aber er wusste mit absoluter Sicherheit, dass er nicht alleine im Raum war. Er hob den Kopf und nahm die gerade, steife Haltung an, die er gewohnt war. „Guten Morgen, Hermine", sagte er dann.
Hinter ihm am Tisch bewegte sie sich, antwortete jedoch nicht. Severus drehte sich um, die Hände immer noch am Rand der Arbeitsplatte und die Blicke ziellos etwa dorthin gerichtet, wo sie sitzen musste. „Was ist passiert?"
Er konnte hören, wie sie den Mund aufmachte und nach Luft schnappte. Der Atemzug danach klang schwach und zittrig. „Es ist ein Brief von Albus gekommen."
„Was schreibt er?" Severus wollte möglichst gleichmütig klingen, gab sich noch immer der Hoffnung hin, dass sie nur müde war.
„Filius Flitwick ist letzte Nacht gefallen."
Severus glaubte, ein zentnerschweres Gewicht hätte ihn direkt in den Magen getroffen. Seine Hand rutschte ab und traf die Tasse, die scheppernd erst über die Arbeitsplatte rollte und schließlich auf dem Boden zerbrach. Er zuckte nicht einmal zusammen.
„Wie bitte?", fragte er harsch, während sein Kiefer sich anspannte.
Ein Stuhl wurde zurückgeschoben, zwei kleine Schritte waren zu hören. „Es tut mir so leid", flüsterte Hermine direkt vor ihm, doch als sie eine Hand auf seinen Arm legen wollte, griff Severus mit der instinktiven Sicherheit eines Blinden nach ihrem Handgelenk und ließ erst los, als er sie zischen hörte. Dafür dann so plötzlich, als hätte er sich an ihr verbrannt.
Etwas schnürte ihm den Hals zu, nahm ihm die Luft zum Atmen. Das Blut rauschte laut in seinen Ohren, machte es ihm zusammen mit einem monotonen Fiepen unmöglich, etwas zu hören. Er schüttelte den Kopf und sog zischend Luft in seine Lungen. Obwohl er sie geschlossen hielt und sowieso nichts sehen konnte, brannten seine Augen. Es dauerte einige Momente, ehe er verstand, dass es Tränen waren. Wann hatte er das letzte Mal geweint?
Es brachte nicht mehr als ein unartikulierten Laut hervor, der in seinem Kopf noch eine Entschuldigung gewesen war. Dann löste er sich von dem Halt der Arbeitsplatte und tastete nach der Tür. Seine Schritte knirschten auf dem Boden, einige Scherben stoben klappernd unter den Tisch und er selbst rutschte ein bisschen. Dennoch fand er den Weg in den Flur und vor dort ins Wohnzimmer. Ihm fehlte die sonstige Eleganz, mit der er sich zu bewegen pflegte. Mehrmals lief er gegen Kommoden, Tische, Stühle.
„Severus!" Hermine war ihm gefolgt, doch wenn er tippen sollte, würde er sagen, sie stand noch immer an der Tür zum Wohnzimmer, während er selbst darin seine Runden drehte.
Es war ihm einfach unmöglich, still stehen zu bleiben. Irgendetwas verfolgte ihn und wenn er stehen blieb, würde es ihn anfallen wie eine Raubkatze. Es würde ihn zu Boden werfen, ein Opfer aus ihm machen und seine Schwäche ausnutzen, bis er verloren war.
Und Hermine schien das gleiche Ziel zu verfolgen. Sie fasste nach seinen Schultern und hielt ihn fest. „Severus, bitte, hör auf damit", bat sie verzweifelt.
„Lass mich los!", fauchte er und riss die Arme hoch, so dass sie keine andere Wahl hatte, als seinem Befehl zu folgen.
Filius, ausgerechnet. Severus hatte nicht erwartet, dass es ihn so treffen würde, obwohl er den kleinen Mann mit dem ausnehmenden Charakter schon seit drei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Filius… Ein gepresstes Stöhnen entkam ihm, während er eine weitere Runde drehte und so weit zur Seite taumelte, dass er eine Zimmerpflanze umriss. Das laute Krachen ließ ihn keuchen, das Rauschen der Blätter, die zu Boden fielen, übertönte für einige Sekunden das Fiepen in seinen Ohren.
„Severus…", hörte er anschließend erneut Hermines Stimme. Und dieses Mal versuchte sie weniger resolut ihn festzuhalten. Ihre Hand war sanft auf seinem Oberarm. Mehr die Nachricht, dass sie da war, als irgendein Befehl. „Severus, bitte."
Er blieb stehen. Atmete heftig und oberflächlich. Die Tränen brannten noch immer, weigerten sich aber zu laufen. Er wusste nicht, ob das nun gut oder schlecht war. Es war lediglich typisch für ihn.
Hermines Hand rutschte über seine Schulter und zog ihn an sich. Er musste den Rücken krümmen, damit sie ihn in den Arm nehmen konnte, doch das Gewicht, das auf ihm zu lasten schien, machte ihm dieses Entgegenkommen sehr viel leichter. Und nachdem er erstmal begonnen hatte, Hermines Trösten anzunehmen, zog er sie so fest an sich, dass sie überrascht die Luft aus ihren Lungen stieß.
„Es tut mir so leid", flüsterte sie erneut, ganz dicht an seinem Ohr. Und endlich war er in der Lage, ihre Worte mit einem Nicken zu beantworten.
- - -
Severus hatte den Tag in einer Art Seifenblase verbracht. Nach dem anfänglichen Aufbegehren war es vollkommen still um ihn geworden. Selbst Hermines Stimme klang, als käme sie aus weiter Ferne, durch Wasser oder ein ähnlich schlecht Geräusche übertragenes Medium. Zu keiner Zeit war er sich so isoliert vorgekommen wie heute.
Entgegen seiner sonstigen Angewohnheit, sich den Verlauf des Tages an bestimmten Kleinigkeiten bewusst zu machen, ließ er die Zeit heute einfach an sich vorbeirauschen. Er saß mal hier, mal da. War überall und trotzdem abwesend. Hermine richtete immer mal wieder vorsichtige Worte an ihn, die er jedoch nur halbherzig beantwortete.
Irgendwann tastete er sich nach oben in sein Zimmer und legte sich – angezogen wie er war – auf sein Bett. Die Hände über dem Bauch gefaltete, starrte er nichtssehend an die Decke. Sein Verstand hatte irgendwann aufgehört zu funktionieren.
Als sich die Matratze unter ihm bewegte, erschrak er und richtete sich halb auf. „Ich bin es", murmelte Hermine schnell und legte eine Hand auf seine Brust.
Severus beruhigte sich und rutschte an die Wand. Sie hob seinen Arm hoch, so dass sie sich an seine Seite schmiegen und den Kopf auf seine Schulter legen konnte. Zuerst war ihm diese Nähe unangenehm, beinahe als würde sie einen Schutzwall durchbrechen. Nach einigen Minuten spürte er jedoch, wie er nach ihr gierte und zog sie dichter an sich. Sein Körper schien ihre Anwesenheit regelrecht zu absorbieren, als würde ihn das vor dem Zerfall bewahren.
„Severus, bitte rede mit mir."
Diese Worte rissen ihn aus seinen Gedanken und er holte einmal tief Luft. Es war eine unangenehme Angelegenheit, wenn der Verstand dazu gezwungen wurde, seine Arbeit wieder aufzunehmen. Er runzelte die Stirn, verzog das Gesicht. Doch er war gewillt, ihrer Bitte nachzukommen.
„Ich frage mich, wie oft man einen Schlag ins Gesicht bekommen muss, ehe man aufhören darf, sich zu wehren."
„Du darfst niemals aufhören, dich zu wehren."
Er wollte eigentlich schnauben, so bitter und zynisch wie immer. Doch es verrutschte und klang halb erstickt, irgendwie verzweifelt. Selbst überrascht davon, strich er sich über den Mund und schluckte angestrengt. „Ich kann nicht mehr, Hermine."
„Doch, du kannst", erwiderte sie bestimmt.
Severus schüttelte den Kopf. „Filius ist… war…" Er stockte. „Er hat mich anders angesehen als die anderen. Ich weiß nicht, was er gesehen hat, aber es war nicht das, was die anderen sehen."
„Er hat gesehen, wer du wirklich bist", ergänzte sie und es klang, als kenne sie das Gefühl. Als hätte sie es auch schon einmal erlebt, dass jemand vor ihr gestanden hatte und einfach mehr zu sehen schien.
„Ja", nickte er mit dumpfer Stimme.
- 21.07.2002 -
Das Etwas auf dem Tisch vor ihm war nicht mehr als eine verschwommene graue Oberfläche. Und das Etwas, das er in der Hand hielt, ein kaum sichtbarer schwarzer Strich. Und beides passte nicht zusammen.
Severus knurrte leise und warf die Feder von sich. Zu behaupten, er wäre frustriert, war eine himmelschreiende Untertreibung. Die Worte waren alle da in seinem Kopf. Theorien, Beweise, ganze Sätze stauten sich wie Hexen und Zauberer beim Kartenausverkauf für die Quidditchweltmeisterschaft. Und nichts davon konnte er zu Papier bringen, denn er sah nicht, was er schrieb. Und wo er schrieb.
Und überhaupt war das Ganze ohnehin nur der lächerliche Versuch einer Ablenkung. Hermine hatte ihm den Brief von Albus vorgelesen. Zwar hatte Albus nicht genau beschrieben, wie es geschehen war, nur dass ein Todesser ihn erwischt hatte. Doch er hatte geschrieben, wann die Beerdigung stattfinden würde. Und dieser Tag war heute.
Severus holte tief Luft und ließ sie anschließend nutzlos wieder entweichen. Mit verbissener Miene langte er nach der Feder und setzte sie da an, wo er mit Zeigefinger und Daumen der Linken die obere Ecke des Pergaments ertastet hatte. Mit weit aufgerissenen Augen schrieb er drauf los, setzte I-Punkte nach Gefühl und strich mit den T-Strichen vermutlich die Hälfte wieder durch. Die nächste Zeile setzte er dort an, wo er zuvor hoffentlich nicht schon geschrieben hatte.
„Was machst du?", erklang urplötzlich eine Stimme von der Tür und Severus erschrak, so dass die Spitze der Feder deutlich hörbar abbrach.
Er schloss die Augen und spannte die Kiefermuskeln an, während er Hermine den Raum durchqueren hörte. „Mich ablenken", knurrte er.
„Bist du wirklich sicher, dass Schreiben da die richtige Wahl ist?" Sie zog sich einen Stuhl unter dem Tisch heraus und setzte sich.
„Hast du eine bessere Idee?"
„Nein."
Einen Moment lang schwiegen sie, während Severus seine Finger beugte und streckte. Vermutlich waren sie über und über mit Tinte beschmiert. „Wie spät ist es?", fragte er schließlich, mindestens zum dreißigsten Mal an diesem Tag.
Und Hermine wurde es nicht müde, ihm diese Frage zu beantworten: „Kurz vor zwölf."
Severus nickte. „Um eins sollte es anfangen, ja?"
„Ja." Sie griff nach der Feder, reparierte sie mit einem schnellen Zauber und drehte das Pergament zu sich. „Du hast dieselbe Zeile dreimal beschrieben. Das kann keiner mehr lesen." Er hörte, wie sie die Feder in das Tintenfass tunkte und vermutete anhand einer Bewegung ihres Schattens, dass sie den Kopf gehoben hatte und ihn ansah.
„Was beabsichtigst du?", fragte er.
„Du möchtest etwas aufschreiben. Diktier es mir."
Severus starrte sie einige Momente lang ungläubig an. Eigentlich wusste er gar nicht so genau, was er hatte aufschreiben wollen. Das Ganze war nicht mehr als eine Ablenkung gewesen. Doch wenn Hermine es ihm so freizügig anbot, konnte er auch seine Gedanken fokussieren und dort weitermachen, wo er vor dem Unfall aufgehört hatte.
Also nickte er, holte tief Luft und runzelte die Stirn, während er im Kopf die Punkte durchging, die er sich damals notiert hatte.
- 22.07.2002 -
Es klopfte leise an seiner Tür, während Severus sich am nächsten Morgen das Hemd zuknöpfte. „Komm rein", brummte er, drehte sich jedoch nicht zur Tür um. Es musste ein regnerischer Tag sein, denn das, was er sehen konnte, wenn er die Augen öffnete, war nicht mehr als eine unregelmäßige graue Fläche.
„Es ist ein Denkarium gekommen", sagte Hermine, ohne Vorwarnung.
Und ebenso unvermittelt traf ihn diese Nachricht auch. Er schloss die Augen und griff nach der Lehne des Stuhls, damit er nicht zu schwanken begann. „Albus", murmelte Severus.
„Ja. Er weiß nicht, dass du einen Unfall hattest." Sie sprach sehr vorsichtig und bedächtig und auch wenn er ihr dies hoch anrechnete, konnte es die Absurdität dieses Gespräches nicht mindern.
„Warum erzählst du mir davon, wenn ich es nicht sehen kann, Hermine?"
„Weil…", begann sie, stoppte sich jedoch selbst und endete in einem leisen Seufzen. „Du kannst es sehen, Severus."
„Und wie soll das gehen? Meinst du, ich kann die verschiedenen Schattierungen von Grau unterscheiden und mir den Rest dazu denken?" Seine Kiefer mahlten, als er sich selbst zur Räson rief und den Kopf senkte. „Es tut mir leid."
Hermine achtete gar nicht darauf: „Du kannst es durch meine Augen sehen. Benutze Legilimentik, während ich mir die Erinnerung ansehe." Seine vorher gequälte Mimik glättete sich und nachdem er sich die Zeit genommen hatte, ihre Worte wirklich zu verstehen, drehte er sich langsam zu ihr um. „Guck mich nicht so entsetzt an, Severus. Du musst es sehen, um abschließen zu können. Also setz dich hin und sieh zu, dass du in meinen Kopf kommst."
Er hörte, wie sie an ihm vorbei ging und mit einem tiefen Geräusch das Steingefäß auf den Tisch stellte. Dann zog sie einen Stuhl hervor, fasste nach seiner Hand und zwang ihn, sich zu setzen, ehe sie sich selbst einen Stuhl holte.
Severus griff nach ihrer Hand und bekam sie sofort zu fassen – so wie immer. Hermine gab ein trockenes Schnauben von sich. „Ehrlich, ich finde es unheimlich, wie genau du immer weißt, wo ich bin."
„Ich kann dich spüren."
Sie erwiderte den festen Griff. „Ich wünschte, ich könnte es auch." Dann hob sie seine Hand an ihre Lippen und küsste seine Fingerspitzen. „Und jetzt mach, bevor ich den Mut verliere."
Severus nickte und konzentrierte sich darauf, seinen Verstand auszustrecken. Dabei zog er mit der freien Hand seinen Zauberstab aus der Tasche und murmelte ein leises „Legilimens!". Hermine hatte sämtliche Okklumentikbarrieren fallen gelassen und so fand er sich direkt in ihrem Kopf wieder. Zuerst glitten einige Erinnerungen an ihm vorbei, doch sie schaffte es schnell, alle beiseite zu schieben. Was übrig blieb, war ein leerer Raum. Zumindest bis sie ihre Augen öffnete.
Er konnte nicht beschreiben, wie es sich anfühlte, nach all den Wochen endlich einmal wieder ein klares Bild zu sehen. Das Denkarium auf dem Tisch war ein Anblick, den er sicherlich nicht so bald wieder vergessen würde.
Dennoch wurde seine seichte Freude gedämpft durch das Wissen, was auf ihn zukam. Hermine atmete einmal tief durch. „Bist du bereit?", fragte sie ihn in ihrem Kopf.
„Ja."
Sie hob den Zauberstab und dunkelte zuerst sein Zimmer ab. Dann ließ sie die Erinnerung an Filius Flitwicks Beerdigung aus dem Denkarium auferstehen.
- 16.08.2002 -
„Ich schneide jetzt die Schokolade in feine Streifen und werde sie über den Trank halten, bis sie von alleine hineintropft. Hab ich dir überhaupt schon mal gesagt, dass ich es als Verschwendung betrachte, gute Schokolade für einen Warzentrank zu benutzen?"
Severus lächelte schmal. „Das hast du."
„Ich wollte nur sicher gehen." Er hörte, wie das Messer mehrmals durch die harte Schokolade rutschte und mit einem lauten Knallen auf dem Brett auftraf. „Bah, das Zeug bröckelt und schmiert", beschwerte sie sich daraufhin.
„Deswegen ist es Schokolade."
„Danke, Severus, diese Hinweise bauen mich ungemein auf."
Er verschränkte die Arme vor der Brust, sagte jedoch nichts dazu. Einige Tage nachdem er sich durch Hermines Augen die Erinnerung von Filius' Beerdigung angesehen hatte, hatte er sie gebeten, dem Unterricht eine weitere Chance zu geben. Er brauchte etwas, mit dem er sich ablenken konnte. Etwas, um das sich seine Gedanken drehen konnten.
Hermine hatte zugestimmt, auch wenn sie äußerst skeptisch geklungen hatte. Inzwischen hatte er sie davon überzeugt, dass er sich unter Kontrolle hatte. Die offensichtliche Vorsicht, mit der sie ihn dennoch behandelte, zeugte davon, dass sie ihn besser kannte, als er erwartet hatte. Sie wusste, dass er noch immer mit den Geschehnissen der letzten Wochen zu kämpfen hatte. Nicht nur mit Filius' Tod, sondern auch mit dem ersten Jahrestag von so vielen Dingen. Mit den Erinnerungen daran, Hermine sturzbetrunken im Wohnzimmer zu finden, in ihren Verstand einzudringen, Adia zu begegnen und sich der alten Techniken zu bedienen. Das alles wurde wieder so lebendig, als wäre es erst gestern geschehen.
Das einzig Gute, das er in der letzten Zeit bemerkt hatte, war seine zunehmend zurückkehrende Sehkraft. Farben wurden wieder deutlicher und inzwischen konnte er sogar verschwommene Kleinigkeiten erkennen. Er hatte Hermine bisher noch nichts davon gesagt. Noch wartete er auf den richtigen Moment.
„Severus?" Sie sah ihn mit zur Seite geneigtem Kopf an.
„Hm?"
Hermine schwieg einen Moment, ehe sie sich offenbar wieder gefasst hatte und übertrieben empört sagte: „Ehrlich mal, wenn du weiterhin so unaufmerksam bist, während ich hier am Kessel stehe, können wir uns bald gegenseitig durch das Haus lotsen." Sie tat wirklich ihr Bestes, seine Stimmung zu heben.
„Wenn du bei einem Warzentrank versagst, sollte ich mir überlegen, ob dieser Unterricht einen Sinn hat." Dennoch löste er sich von seinem Beobachtungspunkt und ging weiter in den Raum hinein.
„Ich versage nicht. Aber was ist, wenn sich zum Beispiel eine Spinne von der Decke in den Trank hangelt?"
„Dann wird dein Schrei mich frühzeitig darüber informieren", antwortete er nonchalent.
„Wer sagt denn, dass ich schreien werde?"
„Deine Reaktion gegenüber einem halbwüchsigen Eisbären."
„Das kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen!"
„Ansichtssache. Und nun konzentrier dich wieder auf den Trank!"
Mit leisem Murren folgte sie seiner Anweisung. „Er ist jetzt grün. Lindgrün, würde ich sagen."
Severus neigte den Kopf und blickte in den Kessel. „Wenn du mich fragst, ist es eher khaki."
Hermine erstarrte, ehe sie langsam ihren Kopf hob und ihn unglaubig ansah. „Mal ganz abgesehen davon, dass Khaki so ziemlich das Gegenteil von Lindgrün ist", begann sie monoton, „Wann hattest du vor, es mir zu sagen?"
„In genau diesem Moment." Um seine Lippen spielte ein verhaltenes Lächeln.
„Verdammter Mistkerl!", seufzte sie, kam jedoch um den Tisch herum und zog ihn in eine feste Umarmung.
- 08.09.2002 -
Hermine betrachtete die blauen Zahlen, die über Severus' Kopf aufgestiegen waren und notierte sie sich auf ein kleines Stück Pergament. Er selbst konnte nur unförmige Schlieren erkennen, so wie er alles als unförmige Schlieren erkannte.
Doch nach Hermines Aussage sollte sich das mit einer Brille beheben lassen. Nachdem sie dem Heilungsprozess nach einer genaueren Untersuchung noch drei Wochen eingeräumt hatte, hatte sie nun beschlossen, dass es von alleine nicht mehr besser werden würde. Der Gedanke an eine Brille missfiel ihm zwar sehr, doch es war ein Übel, mit dem er umgehen könnte.
„Gut, ich werde das Ganze dann an Albus schicken. Hast du eine Vorstellung davon, wie die Brille aussehen soll?"
Severus hob eine Augenbraue, während sie eine kurze Notiz kritzelte. „Ich dachte an zwei Gläser und ein Gestell."
„Scherzkeks", murmelte sie beiläufig. Und fuhr gleich fort: „Ein metallener Rahmen würde dir stehen, denke ich. Schmal und nicht zu auffällig. Und eher ovale Gläser."
„Firlefanz", grummelte er. Dieser ganze Hickhack mit Formen und Farben war ihm relativ egal. Natürlich wusste er, dass die falsche Brille ein Gesicht sehr unvorteilhaft gestalten konnte. Doch zum einen war er überzeugt, dass bei ihm ohnehin nicht mehr viel zu retten war, und zum anderen kamen bei ihm keine Gestelle infrage, die auch nur ansatzweise diese Wirkung haben könnten.
Dennoch war es vielleicht nicht schlecht, dass Hermine sich Gedanken darüber machte. Er schätzte ihren Geschmack als vernünftig ein und würde sich darauf verlassen, dass sie ihm das richtige bestellen würde.
„Ich denke mal, es wird einige Tage dauern, ehe die Brille fertig ist. Bis dahin wirst du noch so zurecht kommen müssen." Sie wandte sich vom Tisch ab, an dem er saß, und legte das Pergament in den Brotkorb.
„Das dürfte nach den letzten Monaten kein Problem sein." Er streckte die Hand aus und griff nach ihrer Gürtelschlaufe. Hermine quietschte leise, als er sie an sich zog und zwischen seinen Beinen in die Arme schloss.
„Severus, du bist unmöglich!", beschwerte sie sich, ließ sich aber ohne große Widerworte zu einem Kuss bringen. „Ich muss… Wäsche machen", nuschelte sie danach allerdings und befreite sich aus seiner Umarmung.
„Du musst in letzter Zeit immer irgendwelche Hausarbeiten erledigen. Ich weiß noch nicht mal, was du dir zum Geburtstag wünschst!"
Sie hatte die Küche schon verlassen, noch während er gesprochen hatte. „Gar nichts!", rief sie ihm dennoch zu, was ihn leise schnauben ließ.
- 13.09.2002 -
Als Severus an diesem Freitag aufstand, fiel sein Blick auf einen unförmigen braunen Fleck auf dem Tisch in seinem Zimmer. Wie fast immer in den letzten Wochen hatte Hermine in ihrem Zimmer geschlafen (sie behauptete hartnäckig, er würde schnarchen) und so musste er nicht mal besonders leise oder vorsichtig sein.
Er durchquerte den Raum und nahm die Schachtel in die Hand. Die Form allein verriet ihm schon, dass es ein Brillenetui war, und so klappte er es auf und nahm die Brille heraus. Die Gläser fühlten sich dick an, doch angesichts seiner wirklich schlechten Sicht war das wohl nicht weiter verwunderlich. Also setzte er das Gestell seufzend auf seine Nase und traute sich mehrere Sekunden lang nicht, die Augen zu öffnen.
Das fremde Etwas ließ seinen Nasenrücken unangenehm kribbeln und fühlte sich eigenartig auf seinen Ohren an. Aber das waren nur Details, die sich später geben würden. Er atmete einmal tief durch und blinzelte in das Licht, das vom Fenster aus in den Raum fiel. Der Fensterrahmen war scharf. Ebenso wie der Tisch und die Holzbretter des Fußbodens. Seine Hände hatten klare Umrisse, sogar die Linien in seiner Handfäche konnte er erkennen.
Severus stieß ein leises Schnauben aus und ging hinüber ins Bad. Kaum hatte er das Licht in dem fensterlosen Raum eingeschaltet, blickte ihm ein rosiges Gesicht mit abstehenden Haaren und einer schwarzen Brille entgegen. Für einen abstrakten Moment kam ihm der Gedanke, dass diese Beschreibung auch auf Potter gepasst hatte, aber er verweilte lieber nicht dort.
Der Anblick war fremd und bekannt gleichermaßen. Immerhin hatte er schon seit Jahren eine Lesebrille besessen, die er allerdings immer zu tragen vermieden hatte. Er trat dichter an den Spiegel und stellte fest, dass die Brille mit einigen guten Illusionszaubern belegt sein musste. Die Gläser sahen nicht ansatzweise so dick aus, wie sie sich angefühlt hatten. Nach einigen Minuten beschloss er, dass er mit diesem Aussehen würde leben können.
Dennoch nahm er die Brille vorerst wieder ab und zog sich aus, um zu duschen. Hermine würde auch noch eine halbe Stunde warten können, ehe er ihr sein neues Äußeres präsentierte.
- - -
Besagte halbe Stunde später ging er die Treppen hinunter. Er verursachte dabei keinen Laut, so wie er es sich in den letzten Monaten angewöhnt hatte. Ebenso lautlos ließ er den Flur hinter sich und trat in die Küchentür, ohne dass Hermine ihn bemerkte.
Sie war damit beschäftigt, den Frühstückstisch zu decken, und drehte ihm den Rücken zu. Severus betrachtete ihren Körper, wie es ihm seit langem nicht mehr möglich gewesen war. Der Tag versprach warm zu werden und sie hatte sich für eine weite, beige Hose entschieden, die sie mit einem roten ärmellosen Oberteil kombinierte. Ihre Füße waren nackt und verursachten schmatzende Geräusche auf den Fliesen.
Sie stand am Kühlschrank und sortierte Aufschnitt auf den Tisch. Als sie die Tür des Gerätes schloss und sich ihm seitlich präsentierte, bildeten sich statt des Lächelns jedoch tiefe Runzeln auf seiner Stirn. Er versteifte sich.
In diesem Moment wurde Hermine auf ihn aufmerksam und erschrak. „Severus…", keuchte sie und legte sich eine Hand auf die Brust.
Severus hob nicht einmal den Kopf, sondern starrte weiterhin ihre Körpermitte an. Hermines Blicke folgten seinen und sie gab einen erstickten Laut von sich. „Hermine, beantworte mir nur eine Frage", begann er mit sehr ruhiger und genau akzentuierter Stimme. „Wann genau wolltest du mich darüber informieren, dass du schwanger bist?"
TBC...
