39. Wenn wir nicht nach Hogsmead dürfen ...

Beim Abendessen sahen Harry und seine Freunde ein wenig enttäuscht drein. Sie hatten sich an die Anwesenheit von Claire schon so gewohnt, dass sie sich sicher waren sie zu vermissen.

Aber das war nichts im Vergleich zu Michels Zustand. Er stocherte nur lustlos in seinem Essen herum, und von Zabini nach dem Grund seiner Unlust befragt fuhr er ihn nur wütend an: „Das geht dich gar nichts an." und rauschte mit eiligen Schritten hinaus.

Draco war wieder zum Essen erschienen, war aber sehr schweigsam und blass, und man hörte keinen bissigen Kommentar von ihm. Er schien ganz in Gedanken versunken.

„Ich finde es unfair, dass Claire so einfach abhaut. Sie hätte doch auch hier bleiben können" motzte Ron.

„Aber du hast doch auch Augen im Kopf, oder?" fragte ihn Hermine, „Dann hättest auch du merken müssen, dass es ihr nicht gut geht. Sie ist ja nur noch ein dünnes Gerippe.

Sie war ja auch zu Schulbeginn nicht gerade dick, aber noch erträglich anzusehen. Aber jetzt hatte ich ja Angst, dass sie ein Windstoß umwerfen könnte."

„Okay, du hast ja recht. Aber ich wollte noch mit ihr reden. Und jetzt ist sie weg." Ron machte ein beleidigtes Gesicht.

„Du kannst ihr ja schreiben. Sie bekommt doch gerne Post." schmunzelte Jules.

Die kommenden Wochen waren wieder mal sehr lernintensiv. Harry hatte viel weniger Zeit um sich mit Luna zu treffen, aber er nutzte jede freie Minute. Aber Luna war ja auch in der fünften Klasse und hatte genauso ein volles Lernpensum zu bewältigen.

Das Quidditchtraining wurde immer unwirtlicher, es war bereits extrem kalt für Ende November und stets regnerisch, nebelig oder windig. Beruhigend war nur, dass sie ihr nächstes Match erst Anfang Februar bestreiten mussten.

Eines Tages verkündete Dumbledore beim Abendessen: „Ich freue mich ihnen mitteilen zu können, dass wir uns ein Ersatzprogramm für den ausfallenden Hogsmeadbesuch einfallen ließen." Fast alle Köpfe reckten sich neugierig in seine Richtung. „Da es wohl für einen Ausflug im Moment zu gefährlich ist, haben wir den Geschäftsleuten von Hogsmead und der Winkelgasse vorgeschlagen am nächsten Samstag ihre Buden im Schlosspark aufzuschlagen. Und da das ja auf Hogwartsgelände stattfindet dürfen auch die Erst- und Zweitklässler und jene ohne Hogsmeadgenehmigung daran teilnehmen. Vielleicht ist das angesichts des näherkommenden Weihnachtsfestes eine ganz gute Idee." und er lächelte aufmunternd in die Runde.

Und seine Worte hatten die Wirkung im Saal nicht verfehlt. Ein gewaltiges Klatschen setzte ein und wurde zu einem tosenden Applaus.

„Da werden Fred und George sicher auch kommen" jubelte Ron. „Ich hab auch fleißig gespart, da kann sogar ich diesmal ein wenig einkaufen." und er grinste übers ganze Gesicht.

Harry freute sich mit den anderen. Das war mal wenigstens eine Ablenkung. Schließlich hatten sie zuletzt so viel gelernt, da würde ihnen ein freies Wochenende gut tun.

Und dann war es so weit. Vor allem die Erst- und Zweitklässler waren besonders aufgeregt, schließlich hätten sie nach Hogsmead ja nicht mit dürfen.

Als Harry mit Luna ins Freie trat war er selbst überwältigt.

Im ganzen Park waren Zelte und Holzbuden aufgestellt. Es hatten scheinbar viele die Einladung Dumbledores angenommen und boten ihre Waren feil.

Die meisten Geschäftsleute von Hogsmead aber auch einige aus der Winkelgasse waren gekommen.

Der Honigtopf hatte ein Zelt aufgestellt, mit den köstlichsten Süßigkeiten, die man sich nur vorstellen konnte. Es roch betörend süß und appetitlich. Harry kaufte einige Dinge für sich und Luna, die sie auf ihrem weiteren Weg verzehrten.

Auch Zonko's Scherzartikelladen war vertreten, aber im Vergleich zu Weasleys Zauberhafte Zauberscherze nur spärlich besucht. Dafür wurden Fred und George buchstäblich belagert. Bei ihnen gab es solch einen Andrang, das Harry es fürs erste gar nicht versuchte ranzukommen.

Dafür stöberten sie in dem Zelt von Florish & Blotts nach Büchern. Dort trafen sie auch auf Snape, der mit dem Buchhändler sprach: „Aber sie wissen, dass sie mich sofort unterrichten sollen, wenn sie ein Exemplar des Buches entdecken. Der Preis ist Nebensache."

Als er Harry sah kräuselte sich seine Stirn wie gewöhnlich, aber Harry bemühte sich ihn nicht anzusehen. Snape hätte sicher mal wieder etwas an ihm auszusetzen. Aber zu Harrys Verwunderung suchte Snape in einem Stapel Bücher und reichte Harry eines davon.

„Ich würde ihnen dieses Werk empfehlen. Ihre Leistungen in Tränke lassen noch immer zu wünschen übrig, und nachdem mir Prof. McGonagall mitgeteilt hat, dass sie nicht unbedingt aus dem Fach fliegen wollen, sollten sie sich darin mal ein wenig vertiefen." Harry sah erstaunt zu ihm hoch, aber Snape drehte sich um und entfernte sich.

Harry besah sich jetzt das Buch genauer. Es hieß „Zaubertrankzutaten: ihre Wirkung und Nebenwirkungen und ihr Zusammenspiel." Sie verwendeten zwar bereits ein sehr umfassendes Buch über Trankzutaten im Unterricht, aber dieses schien ganz anders und bei weitem übersichtlicher und verständlicher aufgebaut. Harry blätterte kurz darin und beschloss es zu kaufen. Wenn sich Snape schon herabließ ihm einen Tipp zugeben, sollte er es wohl besser nicht ignorieren. zusätzlich kaufte er noch ein besonders schönes bebildertes Exemplar der letzten Quidditchweltmeisterschaften als Weihnachtsgeschenk für Ron und für Luna ein Buch, das sie besonders eifrig durchblätterte, aber bei dessen Preis sie enttäuscht den Mund verzogen und es wieder beiseitegelegt hatte.

Bei Slug&Jiggers erstand er außerdem etliche Trankzutaten, von denen er wusste, dass Hermine sie gebrauchen konnte.

„Was denkst du wäre das passende Geschenk für Claire und ihre Mutter?" wandte er sich dann an Luna. „Schließlich bin ich bei ihnen zu Weihnachten eingeladen, da würde ich ihnen auch gern was schenken."

„Och Claire ist schwierig zu beschenken, andererseits freut sie sich sicher über alles. Sie selbst schenkt aber nur Dinge, die sie nichts kosten, kein Wunder, wo sie bisher immer das Schulgeld für Beauxbatons zusammenkratzen musste. Also freut sie sich wohl über was einfallsreiches, das wenig kostet am meisten."

„Danke, das hilft mir jetzt sehr weiter." Harry verdrehte die Augen. „Geht's ein wenig konkreter?"

„Tja, mal sehen, vielleicht fällt mir ja was ein."

Sie schlenderten weiter zwischen den Zelten und Buden. Zu Mittaggingen sie kurz zum Essen ins Schloss zurück. In der großen Halle waren die Tische diesmal umgruppiert, und nicht wie sonst üblich in vier Reihen, sondern einzeln gestellt.

Harry und Luna setzten sich zu Ron und Neville an den Tisch. Ron erzählte begeistert: „Ward ihr schon bei Fred und George? Also, die übertreffen sich mal wieder selbst. Ich kann mich gar nicht entscheiden, was ich kaufen soll, so umfangreich ist die Auswahl. Sie haben ihre Mitarbeiterin sogar noch mal in die Winkelgasse schicken müssen um Nachschub zu holen. Und Dad haben wir auch getroffen. Der ist bei den Leuten vom Ministerium, welche die Leute, die heute in den Park gekommen sind kontrolliert haben. Sie wurden ganz besonders genau untersucht, damit ja kein Todesser oder ein gefährlicher Zauberartikel nach Hogwarts gelangt."

Ja Harry hatte schon vermutet, dass Dumbledore spezielle Sicherheitsvorkehrungen getroffen hatte. Auch beim Eingang zum Schloss waren einige Leute postiert, die genau schauten, wer das Schloss betrat.

Am Nachmittag schafften sie es dann zu Fred und Georges Laden durchzudringen. Sie sahen ziemlich mitgenommen aus. „Hi Harry, Luna. wenn du was bestimmtes wolltest müssen wir es dir wohl zuschicken. Wir sind total ausgeplündert. Nur ganz wenig ist uns noch über geblieben. Da müssen wir wohl einige Nachtschichten einplanen um unser Sortiment wiederaufzufüllen." japste Fred.

„Nö, lass mal. Vielleicht schaff ich es ja in den Ferien in die Winkelgasse zu kommen."

„Ach ja, du bist ja in den Ferien bei Claire. Dann besucht uns aber auch wirklich. Zu Silvester kommen wir auch. Ma hat sich besorgt gezeigt, dass ihr kleines Mädel zu Fremden geht. Da haben wir sie zu beruhigen versucht und gemeint wir würden ein wenig auf sie aufpassen. Dass sie sich mit Jules herumtreibt passt mir ja ganz und gar nicht." motzte George. „Und da sie den bei den Aquilas auch wieder trifft, darfst du ein wenig auf sie aufpassen."

„Ach ich bin sicher Ron erledigt das. Er hat immer ein Auge auf eure kleine Schwester." lachte Harry.

Sie sahen sich noch ein wenig um und setzten dann ihren Weg fort. Es war angenehm, hier im Park von Hogwarts zwischen all den Zelten herumzuschlendern, sich in Sicherheit zu fühlen und das Stimmengewirr und die verschiedensten Gerüche auf sich einwirken zu lassen.

„Schau nur – es schneit!" rief Luna jetzt aus. Ja wirklich, es hatte ganz zart zu schneien begonnen. Und innerhalb kürzester Zeit bekamen die Zelte und Buden und die Bäume ringsherum eine Schneehaube aufgesetzt. Es war ein herrlicher Anblick.

Langsam wurde es dunkel und überall wurden Laternen entzündet. Ein paar Schüler hatten sich zusammengestellt und begannen Weihnachtslieder zu singen. Das war so richtig passend. Luna hatte sich eng an Harry geschmiegt und er schloss seine Arme fest um sie. Es fühlte sich schön an hier mit ihr gemeinsam zu stehen, dem Schneetreiben zuzusehen, den Liedern zuzuhören und mal nicht an die Schule zu denken. Es versetzte einen so richtig in vorweihnachtliche Stimmung. Dieses Jahr würde er dieses Fest vielleicht zum ersten Mal ganz anders feiern als je zuvor. Bei den Dursleys war er sich immer als Störfaktor vorgekommen, in Hogwarts war es ja ganz nett, aber nie so ungeheuer feierlich, und im vergangenen Jahr hatte der Krankenhausaufenthalt von Arthur Weasley die Stimmung getrübt.

Er war schon gespannt auf Mirandas Haus, auf die Umgebung, auf Claires Hexenküche, auf Mirandas Erzählungen Er erhoffte sich endlich ein wenig mehr aus der Vergangenheit seiner Mutter zu erfahren. Und Luna hatte versprochen zu Silvester auch zu kommen. Harry war selig. Nichts konnte seine Stimmung heute noch trüben. Noch zwei Wochen bis Weihnachten. Und er genoss jeden Tag, der ihn zu diesem Fest näherbrachte.